Kölner Abende der Sportwissenschaft

Termine 2017:

30. Mai 2017, 19 Uhr: 12. Kölner Abend der Sportwissenschaft zum Thema "Akzeptanz des Spitzensports in der Gesellschaft". Die Anmeldung wird Anfang April möglich sein.

20. September 2017, 19 Uhr: 13. Kölner Abend der Sportwissenschaft zum Thema "Sport und Demenz".

 

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Rückblick: 11. Kölner Abend der Sportwissenschaft - Der Arbeitsplatz der Zukunft am 08.12.2016

„Die Arbeitswelt scheint den Menschen als wertvolles Kapital neu zu entdecken, und das ist auch gut so“, beschrieb der Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde und Förderer, Michael Maier, die große Relevanz des Themas vom 11. Kölner Abend der Sportwissenschaft in seiner Begrüßungsansprache. Beim „wahren rheinischen Jubiläum“ stand die Frage nach dem Arbeitsplatz der Zukunft im Mittelpunkt. Wie könnte dieser aussehen und warum ist es überhaupt so wichtig, dass sich etwas ändert? Vor rund 500 Interessierten diskutierten Expertinnen und Experten mit Moderator Wolf-Dieter Poschmann.

Dieser zeigte direkt zu Beginn anhand einiger Redewendungen, dass das Sitzen mehrfach negativ belegt ist. „Wenn man eine Klasse nicht schafft, bleibt man sitzen. Wenn man zu viel Kölsch getrunken hat, hat man einen sitzen. Oder wer im Gefängnis ist, sitzt ein“, zählte er auf.
Dass Sitzen nachgewiesen negative Auswirkungen hat, beschrieb Prof. Dr. Ingo Froböse (Leiter Institut für Bewegungstherapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation) zu Beginn in seinem Impulsvortrag. Schon eine 60 Jahre alte Untersuchung, die er als „Mutter aller Studien“ bezeichnete, zeigte die Folgen von kleinen motorischen Aktivitäten: Schaffner haben eine 1,5% niedrigere Sterblichkeit als Busfahrer. „Die tägliche Bewegung mit den motorischen Reizen löst positive Stoffwechselvorgänge im Körper aus“, erklärte Froböse. „Es lohnt sich also auch, kleine Schritte zu tätigen.“ In einem Alltag, in dem Sitzen zur Kultur gehöre, wurde das davon ausgehende Risiko lange Zeit unterschätzt und habe nie eine große Bedeutung erfahren, so Froböse weiter. Denn immer stand Bewegungsmangel allgemein im Vordergrund. Die Annahme, dass 150 Minuten Bewegung pro Woche ausreichten, um alle negativen Folgen der Inaktivität zu kompensieren, habe sich lange gehalten, sei aber falsch. „Während der Zeit der Inaktivität passieren so viele negative Prozesse im Körper: Sport nach der Arbeit alleine reicht nicht aus, um Menschen gesund, fit und leistungsfähig zu erhalten.“

Jede Bewegung sei aus dem Büroalltag verschwunden, monierte er. Papierkorb, Akten – alles sei in Reichweite, man schreibe Mails anstatt zu den Kollegen zu gehen und könne mit dem Schreibtischstuhl herumrollen. „Wir müssen Bewegung wieder zu den Menschen bringen, indem wir Räume für Bewegung schaffen – und das ohne den Arbeitsprozess zu stören“, sagte Froböse. Dabei müssten die Menschen subtil zu Bewegung animiert werden, ohne dass es zu einer Last werde. Aber nicht nur die Arbeitszeit, sondern auch die Freizeit und die Transportzeiten geben viel Raum für Verbesserungen, wie die Studie zeigte.

Auch Prof. Dr. Rolf Ellegast, stellvertretender Leiter des Instituts für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, beschrieb das Sitzen als Synonym für die Inaktivität des Alltags: „Nicht nur der Einzug der Computer hat die Belastung minimiert. Alles ist sehr statisch, sodass keine positiven Anpassungsprozesse mehr stattfinden.“
Bis zu einem gewissen Grade könne man zwar Bewegung in den Alltag bringen, so zum Beispiel die Treppe statt den Fahrstuhl nehmen oder zum Kollegen gehen anstatt Mails zu schreiben – bei vielen Arbeiten aber benötige man den PC. „Daher stellt sich die Frage, wie man sich auch während der Arbeit am PC bewegen kann“, sagte Ellegast.

Immer wieder gab es unterschiedliche Ansätze. Von kleineren Motoren in den Sitzflächen der Stühle über Gymnastikbälle und Steh-Arbeitsplätze bis hin zu Laufbädern – etabliert hat sich letztendlich kein Modell. Mit einer großen Firma hat Ellegast drei dynamische Arbeitsstationen unter anderem auf Kosten, Wirksamkeit und Integrierbarkeit bei der Arbeit getestet. Entgegen der Wahrnehmung der ProbandInnen, dass ihre Leistungsfähigkeit gegenüber einem Standardarbeitsplatz abnahm, ließ sich dies objektiv nicht belegen. Ausnahmen waren lediglich präzise Bewegungen mit der Maus oder Aufgaben unter Zeitdruck. Insgesamt sei es aufgrund der unterschiedlichen Anforderungen wichtig, ein Paket an Bewegungsmöglichkeiten zu schaffen, in denen sich jeder wiederfinde, so Ellegast.

Prof. Dr. Jens Kleinert (Leiter des Psychologischen Instituts) verdeutlichte noch einmal, dass die Akzeptanz der Geräte und die Motivation der Mitarbeiter die Grundlage für die langfristige Nutzung seien. „Nur die Tatsache, dass jemand einem erzählt, was gut für einen ist, führt offensichtlich nicht zu Verhaltensänderungen. In der Praxis funktioniert dieser rationale Zugang häufig nicht“, sagte er. Vielmehr überzeuge das Gefühl, dass etwas wirke und sinnvoll sei, mühsame und anstrengende Dinge zu tun. „Wir machen Dinge, die für uns ein Erlebnis und deren positive Effekte sofort erlebbar sind“, zeigte Kleinert auf. Dies war bei den ProbandInnen der durchgeführten Studie zum dynamischen Arbeitsplatz der Fall. Die, die häufig trainierten, zeigten einen Gewinn an Wohlbefinden insgesamt – nicht nur bei der Arbeit oder während sie sich bewegten.
Druckmittel wie ein schlechtes Gewissen, Belohnung oder Gruppenzwang motivierten, laut Kleinert, nur kurzfristig. So gab es schon viele Ideen für mehr Bewegung am Arbeitsplatz, die aufgrund mangelnder Akzeptanz schnell wieder aus dem Arbeitssetting verschwunden sind.

Die Geschäftsführerin des Instituts für Betriebliche Gesundheitsförderung, Julia Schröder, plädierte dafür, kleine kreative Anreize zu schaffen, mit denen man die ArbeitnehmerInnen unterschwellig zu mehr Bewegung anrege. Als Beispiel nannte sie eine telefonfreie Stunde, in der man mit den Kollegen direkt kommuniziere. Dies sei auch sehr förderlich für das Teamklima.
„Bei der Begleitung von Pilotprojekten mit kleinen Challenges, beispielsweise mit Schrittzählern, haben wir ebenfalls festgestellt, dass die Stimmung im Team steigt und das soziale Erleben gefördert wird; es finden wieder Interaktionen untereinander statt“, beschrieb Schröder.
Sie wies dabei auf die Vorbildfunktion der Führungskräfte hin, die sie selbst oft unterschätzten. Gesundheitsbewusstes Bewegungsverhalten werde von den ArbeitnehmerInnen wahrgenommen und könne nur über authentische Vorgesetzte in der Unternehmenskultur verankert werden.

Wie der Arbeitsplatz der Zukunft tatsächlich aussehen könnte, darauf wollten sich die Experten nicht festlegen. Einigkeit bestand aber, dass nicht nur das Equipment alleine im Fokus steht, sondern ebenso die (Bewegungs-)Kultur in den Unternehmen. Teamgeist und Miteinander bezeichnete Kleinert als eine Schlüsselkomponente auf dem Weg zu einer bewegten Atmosphäre.
Ellegast plädierte dafür, das Thema Bewegung schon frühzeitig in die technologischen Entwicklungen zu integrieren, denn Menschen dürften zukünftig nicht statisch und eingeengt vor einer Maschine sitzen.
Interaktiver, mobiler und agiler sollte der Arbeitsplatz der Zukunft auch Schröders Vorstellungen nach aussehen. ArbeitnehmerInnen würden in Zukunft mehr von ihrem Arbeitgeber erwarten als die monatlichen Gehaltszahlungen.
Froböse hoffte, dass die Pausen zwischen den teilweise stressigen Arbeitsphasen zukünftig wieder einen größeren Wert erfahren und man diese bewusst wahrnehme, denn „Bewegung ist ein Lebensmittel für alle“. 

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