Themenpaket Fußball-EM 2021

Die großen Fußballnationen beschäftigen mittlerweile nicht nur wachsende Trainer- und Betreuerstäbe, auch Erkenntnisse aus der Sportwissenschaft finden immer mehr Beachtung rund um Welt- und Europameisterschaftsturniere, wo in den entscheidenden Spielen die berühmten Kleinigkeiten entscheiden. Auch Wissen von der Deutschen Sporthochschule Köln könnte zur Anwendung kommen. Hier ein Auszug wichtiger und aktueller Forschungsergebnisse mit Relevanz im professionellen Fußball:


Gehirnerschütterungen – eine unterschätzte Gefahr auf dem Fußballplatz?

Die Anekdote des Fußballers Christoph Kramer, der zwar zur deutschen Startelf im WM-Finale 2014 zählte, aber nur noch unklare Erinnerungen an das Spiel hat, wurde oft erzählt. Nach einem Zusammenstoß spielte er noch einige Minuten mit einer Gehirnerschütterung weiter, bevor er ausgewechselt wurde. „Die Szene kommt nicht wieder“, sagt er heute, „und auch bei den Feierlichkeiten habe ich Erinnerungslücken“. Kopftreffer werden mittlerweile mit mehr Vorsicht behandelt, in England kann man sogar einen weiteren Wechsel vollziehen, wenn der Verdacht auf eine Gehirnerschütterung besteht. Welche Gefahren sportbedingte Gehirnerschütterungen bergen (1) und wie solche Verletzungen schnell erkannt werden können (2), und wie anhand von Handbewegungen auf Gehirnerschütterungen zu schließen ist (3), untersucht Dr. Ingo Helmich (4)  vom Institut für Bewegungstherapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation an der Deutschen Sporthochschule Köln.

Links:

(1) Gefahren sportbedingterGehirnerschütterungen

(2) Schnelldiagnose Gehirnerschütterungen im Sport

(3) Handbewegungen und Gehirnerschütterungen - wie passt das zusammen?

(4) Interview Dr. Ingo Helmich


Fußball-Sponsoring: Corona als Chance

Die Corona-Pandemie beeinflusst, wie wir Fußballspiele erleben. Ohne Zuschauer*innen fehlt die klassische Stadion-Atmosphäre. Für Wissenschaftler*innen aus der Sportökonomie bieten die Einschränkungen einen Mehrwert: Erstmals konnten sie den Effekt von Zuschauer*innen auf das emotionale Spielerlebnis genau abbilden. Das ermöglicht auch Aussagen darüber, wie erfolgreich Werbemaßnahmen noch sind, wenn die Zuschauer*innen im Stadion fehlen (1). Um weitere sportökonomische Aspekte zu Corona-Zeiten – u.a. zum aktuellen Sportentwicklungsbericht oder der gesellschaftlichen Relevanz des Sports – dreht sich auchFolge 3 des Wissenschaftspodcasts „Eine Runde mit...“ der Deutschen Sporthochschule, in der Prof. Christoph Breuer vom Institut für Sportökonomie und Sportmanagement zu Gast ist (2).

Links:

(1) Wie erfolgreich sind Werbemaßnahmen noch, wenn die Zuschauer*innen im Stadion fehlen?

(2) „Eine Runde mit...“ - der Wissenschaftspodcast der Deutschen Sporthochschule


Elfmeterschießen

Die Elfmeterschießen in den K.o.-Phasen von Fußballeuropameisterschaften gehören immer wieder zu den prägenden Momenten solcher Turniere. Oft werden sie noch Jahrzehnte später erinnert, und vor allem Schützen, die nicht getroffen haben, werden lange von diesem Moment verfolgt. Trainer behaupteten lange Zeit, dass man diese Extremsituation nicht trainieren könne, weil es unmöglich sei, den Druck und die Erschöpfung dieses besonderen Augenblicks zu simulieren – ein Irrglaube. Es gibt etliche Maßnahmen, mit denen der Schütze bzw. die Schützin die Wahrscheinlichkeit erhöhen kann zu treffen. Dr. Benjamin Noël, Dr. Philip Furley, Jun.-Prof. Dr. Stefanie Klatt, Martin Vogelbein, Dr. Stephan Nopp und Univ.-Prof. Dr. Daniel Memmert vom Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik haben einen Überblick zum Stand der Forschung (1)veröffentlicht. Dezidierte Empfehlungen für Schützen und Torhüter für ein erfolgreiches Überstehen von Elfmetersituationen (2) haben Memmert und Klatt gemeinsam mit Kolleg*innen von den Universitäten Kassel und Münster zusammengestellt. Furley, Noël und Memmert sind außerdem der Frage nachgegangen, ob ein Torhüter, der viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, in den großen Elfmeterschießen zwischen 1984 und 2012, bessere Chancen hatte, Schüsse abzuwehren (3). Während Memmert, Noël und andere in einem Experiment nachweisen, dass Torhüter die Schützen durch einen kleinen Trick dazu verleiten können, in eine bestimmte Torecke zu schießen (4). Michel Brinkschulte, Dr. Philip Furley und Prof. Dr. Daniel Memmert haben gefragt, ob englische Elfmeterschützen tatsächlich schlechter als Spieler anderer Nationen sind (5). Wie sich die Stärke eines Teams auf den Erfolg bei Elfmeterschießen auswirkt (6), haben Fabian Wunderlich, Felix Berge, Daniel Memmert und Robert Rein untersucht.

Links:

(1) Überblick zum Stand der Forschung

(2) Empfehlungen für Schützen und Torhüter

(3) Torhüterverhalten bei Turnierelfmetern 1984 bis 2012

(4) Torhütertricks, um Schuss in bestimmte Ecke zu provozieren

(5) Der Mythos vom englischen Elfmeterfluch

(6) Almost a lottery: the influence of team strength on success in penalty shootouts


Schiedsrichter und der Videobeweis

Die Leistungen von Schiedsrichtern lösen mitunter heftige Reaktionen unter Fußballfans aus, in kleinen Spielen des Bundesligaalltags, vor allem aber, wenn bei einer Europameisterschaft das Befinden ganzer Nationen von einem übersehenen Handspiel oder einem fälschlich gewunkenen Abseits abhängt. Erstmals bei einem großen Fußball-Turnier kommt flächendeckend der Videobeweis (Video assistant referee, VAR) zum Einsatz, doch auch dieser ist immer noch umstritten, obwohl dadurch über 90 Prozent aller Fehlentscheidungen aufgedeckt werden können. Welche Bedeutung die Körpersprache der Unparteiischen für eine gelungene Spielleitung hat (1) zeigt Dr. Philip Furley. Prof. Dr. Daniel Memmert hat untersucht, wie die Technologie des VAR Einfluss auf die Entscheidung bei Fußball-Schiedsrichtern nimmt (2).

Links:

(1) Nonverbales Verhalten von Fußballschiedsrichtern

(2) Video assistant referees (VAR): The impact of technology on decision making in association football referees


Geisterspiele

Seit der Corona-Pandemie wird viel darüber diskutiert, ob durch Geisterspiele der Heimvorteil schwindet. Eine neue Studie der Deutschen Sporthochschule Köln und der Universität Paderborn zeigt: Den Heimvorteil gibt es auch in Spielen ohne Zuschauer (1). Den kompletten wissenschaftlichen Artikel gibt es in der aktuellen Ausgabe des Spoho-Wissenschaftsmagazins (2).

Links:

(1) Heimvorteil trotz Geisterspiel

(2) Wissenschaftsmagazin IMPULSE


Positionsdaten und Big Data – wie Algorithmen das Spiel entschlüsseln

Das denkwürdige 7:1 im Halbfinale zwischen Deutschland und Brasilien bei der WM 2014 war nicht nur für die Anhängerinnen und Anhänger der beiden Teams ein einschneidendes Erlebnis, es wird auch immer wieder von Spielanalysten zitiert, wenn gezeigt werden soll, dass Zweikampfquoten oder die Anzahl von Torschüssen keinerlei Hinweise auf den wahrscheinlichen Ausgang von Spielen liefern. Die Brasilianer hatten 52 Prozent Ballbesitz, das Torschussverhältnis lag bei 18:14, die Seleção trug 55 Angriffe vor, die DFB-Elf nur 34, Flanken: 22 zu zehn, Ecken: sieben zu fünf, doch gewonnen hat das Team, das in all diesen Kategorien schlechter abschnitt.

Am Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik geht eine Forschergruppe der Frage nach, welche Werte wirklich Auskunft darüber geben, ob ein Team eher gewinnt oder verliert. Die Analyse so genannter Positionsdaten zeigt, dass Raumkontrolle (1)  solch ein Faktor zu sein scheint, ebenso wie die Passqualität (2). Einen Überblick über dieMöglichkeiten von Big Data im Fußball, die solchen Erkenntnissen zu Grunde liegen (3), liefern Univ.-Prof. Dr. Daniel Memmert und seine Kolleg*nnen. Im Januar 2021 ist zudem die 4. Kohorte des Weiterbildungsmasters „Spielanalyse“ gestartet (4).

Links:

(1) Raumkontrolle als Mittel zum Erfolg

(2) Passqualität als Erfolgsfaktor

(3) Möglichkeiten von Big Data im Fußball

(4) M.A. Spielanalyse


Taktische Aspekte des Fußballspiels

Dreierkette, Viererkette, Falsche Neun und die abkippende Sechs. Der Fußball entwickelt sich stetig weiter und bringt neue taktische Herausforderungen mit. Herausforderungen bedeuten aber auch Möglichkeiten, das Spiel entscheidend zu gestalten und mit taktischen Kniffen zu gewinnen. Univ. - Prof. Dr. Daniel Memmert et. Al vergleichen in ihrer Studie die beiden beliebtesten Formationen 3-5-2 und 4-2-3-1 miteinander und untersuchen den Einfluss auf das Spielgeschehen (1). Läuft es im Spiel trotz der richtigen Formation nicht mehr rund, muss die Auswechselbank bemüht werden. Die technische und körperliche Leistung von Auswechslungen (2) untersuchten Memmert et. Al, ebenso wie das taktische Verhalten von Mannschaften nach Auswechslungen (3).

Links:

(1) Labor auf dem Rasen

(2) Analysis of Physical and Technical Performance of Substitute Players in Professional Soccer

(3) The effect of substitutions on team tactical behavior in professional soccer


Kreativität im Profifußball

Ob Neymar und Messi oder Mbappe und Musiala – eine Fußballgeneration lebt vor allem von seinen Kreativspielern, und wird rückblickend auch mit genau diesen in Verbindung gebracht. Gerade wenn ein großes Turnier wie die Europameisterschaft ansteht, werden die Hoffnungen einer ganzen Nation in selbige Spieler gesetzt. Matthias Kempe und Daniel Memmert, Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik der Deutschen Sporthochschule Köln, haben neue Erkenntnisse zur Kreativität gefunden: Die Studie untersucht das Kreativitätsniveau von erfolgreichen Torschüssen im Fußball (1). Brasilien steht in der Fußballwelt für seine Kreativspieler, Deutschland für seine klare Struktur. Klatt et. Al haben den kreativen Entscheidungsfindungsprozess von deutschen und brasilianischen Spielern und Trainern untersucht (2). Furley und Memmert wollten in ihrer Untersuchung erfahren, ob technisch versierte Vorbilder Kindern helfen, selbst kreativer im Spiel zu werden (3).

Links:

(1) Der Einfluss von Kreativität auf Torerfolge im Profifußball

(2) Creative and Intuitive Decision-Making Processes: A Comparison of Brazilian and German Soccer Coaches and Players

(3) Priming im Fußball


Psychologische Merkmale von talentierten Fußballspielern - Empfehlungen zur Verbesserung der Trainerbewertung

Die Persönlichkeit und die psychologischen Fähigkeiten und Fertigkeiten eines Fußballspielers haben sich in der Wissenschaft als entscheidende Faktoren für dessen zukünftigen Erfolg herausgestellt. In der Praxis gibt es für die Erhebung dieser Aspekte, zusammengefasst unter dem Oberbegriff psychologische Merkmale, kein standardisiertes Verfahren. Wissenschaftlerinnen des Psychologischen Instituts haben nun Empfehlungen zur Verbesserung der Trainerbewertung veröffentlicht (1).

Link:

(1) Psychologische Merkmale von talentierten Fußballspielern - Empfehlungen zur Verbesserung der Trainerbewertung