WM-Vergabe 2026

„Die Bewerbung Marokkos könnte eine größere Rolle annehmen, als man sich das bei der Fifa vorstellt.“

Vor der Fußball-WM 2018 ist auch vor der Fußball-WM 2026: Sportpolitikexperte Univ.-Prof. Dr. Jürgen Mittag, Leiter des Instituts für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung, spricht im Interview über die Vergabe der Fußball-WM 2026 an Marokko oder die USA, die sich gemeinsam mit Kanada und Mexiko bewerben.

Herr Mittag, einen Tag vor dem Eröffnungsspiel der WM entscheidet der Fifa-Kongress, ob Marokko oder die Trias USA/Mexiko und Kanada das Turnier im Jahr 2026 austragen dürfen. Wird mit ähnlich zweifelhaften Mitteln gekämpft, wie zur Vergabe der Turniere nach Russland und Katar?

Was das Wahlverfahren betrifft, hat sich die Fifa tatsächlich grundsätzlich verändert. Es entscheiden nicht mehr die 25 Mitglieder des Exekutivkomitees, sondern alle 211 Kongressmitglieder, da lassen sich nicht mehr so einfach Mehrheiten organisieren. Die hohe Korruptionsanfälligkeit eines kleinen Kreises von Personen wurde damit potenziell reduziert.

Wird es also einen fairen Wettbewerb geben, an dessen Ende tatsächlich der beste Bewerber den Zuschlag erhält?

Wir haben mit Marokko auf der einen Seite und USA/Mexiko/Kanada auf der anderen Seite eine sehr eigenwillige Konstellation: Die USA haben sich im Hinblick auf die Vergabeentscheidung für 2022 zurückgesetzt gefühlt, und die Ermittlungen des FBI waren ein wichtiger Faktor für die ganzen  Enthüllungen um Korruption im Zusammenhang mit früheren WM-Vergaben. Zudem gilt Fifa-Präsident Infantino als Anhänger der US-Bewerbung. Daher würde die heutige Fifa-Führung das Turnier gerne dort hin vergeben, wodurch sie aber das nächste Fallbeispiel für eine stark von Interessen geleitete Vergabepolitik schafft. Marokko wird als durchaus ernstzunehmender Kandidat in eine schlechtere Position gebracht. Es gab sogar Versuche, den Wettbewerb ganz zu unterbinden, indem man nur noch einen Kandidaten hat. Dies funktioniert, weil die Fifa weiterhin ein Verband mit spezifischen Formen von Vertraulichkeit ist, der keine Öffentlichkeits- und Transparenzpflicht hat.

US-Präsident Donald Trump hat den afrikanischen Nationen, die fast ein Viertel der Kongressmitglieder stellen und vermutlich zu Marokko tendieren, mit Konsequenzen gedroht, falls sie nicht für die USA stimmen. Lassen die sich unter Druck setzen?

Vermutlich nur einzelne. Zumal es ja Trumps unsägliche Aussage über „Drecksloch-Staaten“ gibt, mit der vor allem afrikanische Länder adressiert waren. Da könnte es einen gewissen Anlehnungseffekt anderer kleinerer oder ärmerer Staaten geben, die auch nicht so gut auf Trump zu sprechen sind. So könnte die Bewerbung eines Kandidaten wie Marokko plötzlich eine größere Rolle annehmen, als man sich das bei der Fifa bislang vorgestellt hat.

Dennoch sind Mexiko, Kanada und die USA Favorit, obwohl Trump immer noch behauptet, seine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen zu wollen. Würde die Entscheidung für so ein gemeinsam ausgerichtetes Turnier diese Idee konterkarieren?

Man muss erst einmal abwarten, ob es sich wirklich um eine Bewerbung von drei Kandidaten auf Augenhöhe handelt. Es kann sein, dass die USA alles an sich ziehen, während Mexiko und Kanada nur ein bisschen mitspielen dürfen. Ich erwarte eher, dass es auch hier heißen wird: America First.

Interview: Daniel Theweleit