Interview mit Wilhelm Bloch

„Unter dem medizinischen Aspekt sollten die Spiele ausfallen!“

Sportmediziner und Spoho-Professor Wilhelm Bloch vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin beantwortet im Olympia-Themenpaket-Interview die wichtigsten Fragen rund um die Auswirkungen von Corona auf die Olympischen und Paralympischen Spiele in Tokio 2021: Wie bewertet er die Fußball-EM? Welche Risiken gibt es bei Olympia? Wieso kann Corona auch gesunden Leistungssportler*innen schaden?

Auf die eine Großveranstaltung folgt schon die nächste. Lange sah es so aus, als würde man ohne große Infektionsherde durch die Fußball-Europameisterschaft kommen, jetzt sind doch einige Corona-Fälle in Verbindung mit der Europameisterschaft ans Tageslicht gekommen. Wie stehen Sie dazu?

Die EM war viel zu früh. Ich muss ganz ehrlich sagen: Es ist ein Aberwitz, dass die EM so gespielt worden ist! Man hätte sie schon spielen können, aber mit diesen Zuschauerzahlen ging es gar nicht. Und wenn man dann in den vielen TV-Bildern gesehen hat, wie die Fans zusammen feiern, ohne jegliche Masken und Abstände, dann kommen die hohen Infektionszahlen nicht von ungefähr. Beim Finnland-Spiel in Sankt Petersburg sind im Zusammenhang mit dem Spiel 2.000 Infektionen aufgetreten. Bei einer Inzidenz von 270 in England ein Finalturnier mit 60.000 Zuschauern dort durchzuführen, das entbehrt jeglicher Vernunft. In England sind gut 50 Prozent der Bevölkerung voll durchgeimpft, dennoch macht uns die Delta-Variante ganz schön zu schaffen. Ich hätte mir ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl von den Verantwortlichen gewünscht. Das hat nichts mit dem rein Sportlichen zu tun, die Spiele waren sicherlich interessant, aber das wären sie auch mit deutlich weniger Zuschauern gewesen. Die EM führt nicht dazu, dass der Fußball wieder an Akzeptanz dazu gewinnt. Wir wollen alle wieder ein Stück mehr Normalität haben, doch der Fußball erkauft sie sich zu einem sehr hohen Preis. In einer Kirche darf man sich inzwischen ohne Maske hinsetzen, aber mit sehr großen Abständen, es wird nicht einmal gesungen. Das wirft die Frage auf: Wird im Fußball gegenüber anderen gesellschaftlichen Bereichen mit anderem Maß gemessen? Wir haben das Problem, dass man solche Menschenmassen nicht geregelt bekommt. 10.000 im Stadion bekommt man geregelt, 60.000 nicht mehr.

Bei den Olympischen Spielen beschränkt es sich nicht mehr nur auf Europa, sondern Athlet*innen aus der ganzen Welt kommen in Tokio zusammen. Welche Probleme bringt das mit sich?

Es wird die gleichen Probleme geben, die jetzt im Prinzip bei der Europameisterschaft schon da waren. Das Problem, was die Kontakte rund um die Veranstaltungen anbetrifft, wird erstmal grundsätzlich potenziert, weil es natürlich verschiedene Regionen der Welt gibt, wo andere medizinische Voraussetzungen vorherrschen. Man kann nicht davon ausgehen, dass es in Afrika, Indien oder in anderen asiatischen Staaten die gleichen Möglichkeiten gibt, Infektionen zu detektieren. Genau das ist es, was ein sehr hohes Risiko in sich birgt. Olympia ist ein Treffen von Sportler*innen aus der ganzen Welt. Man muss davon ausgehen, dass die Japaner ein knallhartes Hygienekonzept fahren. Jeder Athlet muss vor der Einreise zwei negative PCR-Tests vorweisen, die nicht älter als 96 Stunden sind und 72 Stunden auseinander liegen. Die Japaner lassen auch nicht jedes Labor zu, PCR-Test ist nicht gleich PCR-Test. Es wird eine Akkreditierung des Labors verlangt, was die Möglichkeiten, sich testen zu lassen, noch einmal erheblich einschränkt. Das ist natürlich schon eine Maßnahme, die zeigt, wie ernst die Japaner die Situation nehmen und wie sorgfältig sie damit umgehen. Das Risiko ist ganz klar nicht gleich 0, aber jeder, der nach Tokio möchte, muss halt diesen Weg gehen. Das Infektionsrisiko wird damit durchaus reduziert.

Der Olympische Gedanke lebt von den Menschen, von dem ganzen Drumherum. Wie sehr wird das Image der Spiele unter Corona dann doch leiden?

Die Atmosphäre fehlt natürlich und das ist schon ein Unterschied. Ein volles Stadion, eine volle Halle macht etwas anderes her. Auf der anderen Seite haben wir uns im letzten Jahr schon sehr an Sport ohne Zuschauer gewöhnt. Auf der Basis kann man Olympische Spiele auch gestalten. Ich glaube das Image der Spiele, wenn sie ohne größere Probleme mit Infektionen ablaufen und gut organisiert sind, wird nicht leiden. Die Stimmung hingegen wird durchaus darunter leiden. Ich persönlich gucke mir Olympia allerdings lieber an, wenn ich weiß, es infizieren sich weniger Menschen im Zusammenhang mit den Spielen, aber die Athlet*innen haben trotzdem die Möglichkeit, sich zu messen. Die meisten Sportler*innen sind ja ohnehin ganz gut geschützt. Alle Sportler*innen, die wollten, haben wir auch geimpft bekommen.

Hier in Europa ist das so, in Afrika, wo nicht so viel Impfstoff zur Verfügung steht, sieht das nochmal anders aus, oder?

Ja, das wird die Frage sein. Das IOC hat für die Athlet*innen bereits den chinesischen Impfstoff gekauft und zur Verfügung gestellt. Inwiefern die Sportler*innen auf dieses Angebot eingegangen sind, ist eine andere Frage. Es wird sicherlich noch der ein oder andere ausfallen.

Wie sieht es aus mit den Langzeitfolgen? Was könnte manchen Athlet*innen drohen, wenn sie bei Olympia Höchstleistungen erbringen müssen?

Athlet*innen sind eigentlich gut geschützt. Neben dem trainierten Körper haben sie auch ein trainiertes Immunsystem. Sie haben alles, was sie brauchen, um auch in solchen Situationen mit Infektionskrankheiten umzugehen. Dennoch wird es nach einer Infektion irgendwo zu Einschränkungen kommen. Und es reicht nicht, wenn ein Athlet bei 90 Prozent seiner Leistungsfähigkeit ist. Auch 95 Prozent sind unter Umständen bereits zu wenig. Und da zeichnet es sich bereits ab, dass einige Athlet*innen im nächsten Jahr nicht mehr dabei sind, dass sie nach der Saison aufhören, weil sie nicht mehr auf die 100 Prozent kommen. Sie werden versuchen, sich wieder heranzukämpfen, aber es hat sich im Körper einiges verändert und es ist tatsächlich so, dass Athlet*innen dann nach einer Infektion einfach nicht mehr 100 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit erreichen. Dann wird es irgendwann eine Frage der Motivation. Das ist dann kein kranker Mensch, sondern das ist ein Mensch, der nicht mehr voll leistungsfähig ist. Im Hochleistungssport ist das ein enormes Problem. Die Zeit wird uns vieles zeigen und in der retrospektiven Betrachtung werden wir vermutlich genau das sehen.

Im japanischen Volk herrscht Skepsis, die Japaner*innen sind ja im Grunde eher negativ gegenüber den Olympischen Spielen unter den aktuellen Zuständen eingestellt. Jetzt plant Tokio auch noch eine Notstandssituation für die Spiele. Inwiefern ist das überhaupt vertretbar? Inwiefern ist es durchsetzbar, nur für Olympische Spiele eine komplette Stadt nochmal zu stoppen?

Das ist eine politische Entscheidung. Wenn man so eine Entscheidung trifft, kann man sie unter verschiedenen Aspekten treffen. Wenn man jetzt nach dem medizinischen Aspekt geht, würde man sagen: Lasst die Olympischen Spiele ausfallen! Es sind einfach noch zu große Risiken da, man muss einen Wahnsinns-Aufwand betreiben, um die Risiken zu minimieren und die Japaner machen das sehr konsequent. Die Bevölkerung reagiert natürlich entsprechend, freut sich nicht über die Einschränkungen und möchte sich keine Probleme einkaufen, die sie später nicht mehr lösen können. Die Japaner sind in einer schlechteren Situation als wir, sie haben ein schlechteres Gesundheitssystem, das in dieser Pandemie nahezu überlastet ist, es ist immer an der Grenze. Japan könnte mit solchen Zahlen, wie wir sie zwischenzeitlich hatten, eigentlich kaum umgehen, obwohl sie ein hoch entwickeltes Land sind. Wenn wir nicht mehr in der Lage sind, die Pandemie medizinisch zu regeln, dann steigen die schweren Verläufe und auch die Todeszahlen.

Die Olympischen Spiele finden statt. Die Entscheidung ist getroffen und es ist ein großes Opfer für die japanische Bevölkerung. Die Verantwortung müssen letztendlich diejenigen tragen, die sich auch politisch dafür eingesetzt haben. Es ist dann auch kein Wunschkonzert mehr, sondern man muss jetzt mit der Situation, wie wir sie haben, umgehen. Es gilt, die Situation richtig einzuschätzen und es bleibt zu hoffen, dass die Japaner es hervorragend machen und wir am Schluss des Tages weniger Infektionen haben, die auf Olympia zurückzuführen sind.

Das Interview führten Henrik Mertens und Bengt Kunkel.

Info: Das Interview wurde am 6. Juli geführt, also vor dem Entschluss, die Spiele ohne Zuschauer*innen durchzuführen. Auch einige andere Zahlen und Fakten können zum Lesezeitpunkt überholt sein.