Mediensport der medialen Moderne

Ziele des Teilprojekts

Teilhabe an gesellschaftlich relevanten Ereignissen findet in modernen Gesellschaften zunehmend in Form medial vermittelter Partizipation statt. Dabei kommt den Massenmedien eine zentrale Rolle zu. Sie scheinen – ebenso wie der (Medien‑)Sport fundamentalen Veränderungsprozessen unterworfen zu sein (technisch, ökonomisch, organisatorisch, sozial).

Es ist davon auszugehen, dass sich der Medienwandel auf den Sport auswirkt: Die Produktion medienvermittelten Sports ist das Ergebnis konkurrierender oder sich verstärkender Logiken, Interessenlagen und Systembezüge. Als Folge dieses Wandels lassen sich zunehmende Differenzierungen innerhalb der Medien sowie wachsender Einfluss außermedialer Akteure beobachten.

Ziel des Teilprojekts ist es, die Veränderungsprozesse im Wechselverhältnis von Sport und Medien zu charakterisieren, zu systematisieren und zu untersuchen, wie sie aufeinander bezogen sind.

Forschungsleitende Fragen

  1. Entwickelt sich die sportbezogene Medienberichterstattung korrespondierend zu Strukturveränderungen in der Gesellschaft? Welche Rückschlüsse lassen sich vom Sport auf die Gesellschaft ziehen?
  2. Welchen Einfluss hat die sich in den vergangenen 25 Jahren dramatisch verändernde Medienlandschaft auf die Sportberichterstattung in den Massenmedien?
  3. Ist es aufgrund der Entwicklung neuer Medien jetzt möglich, massenmediale Sportbe­richterstattung als Beobachtungsfolie für gesellschaftliche Prozesse zu nutzen und/oder kann Mediensport so­gar als Vorreiter gesellschaftlicher Veränderungspro­zesse identifiziert werden (Trendsport, Gesundheitssport)?
  4. Wie lässt sich die (veränderte) mediale Herstellungslogik des vom Sport vermittelten Bildes beschreiben und welche Rezeptions- und Wirkungsprozesse sind die Folge?
Forschungsperspektiven des Teilprojekts

Theoretischer Anknüpfungspunkt der Untersuchungen im Teilprojekt „Mediensport der medialen Moderne“ ist der Medialisierungsansatz. Der Ausgangspunkt dieser Theorie besteht in der Annahme, dass gesellschaftliche Akteure ihr Handeln an den Gesetzmäßigkeiten der (Massen )Medien ausrichten um darüber öffentliche Präsenz und Aufmerksamkeit zu erlangen.

Umgekehrt wird auch die Wahrnehmung medialisiert, wenn Rezipienten Informationen in gesellschaftlichen Teilbereichen (wie etwa dem Sport) ausschließlich über Medien beziehen. Daraus resultiert schließlich sozialer Wandel auch für weitere gesellschaftliche Teilbereiche und kulturelle Praktiken, die zunächst nicht in direkter Verbindung mit den (Massen)Medien stehen.
Nach Winfried Schulz lassen sich Prozesse des sozialen Wandels, für die Medien eine Schlüsselrolle spielen, in vier Bereiche kategorisieren: Ausweitung, Ersetzung, Verschmelzung und Anpassung (vgl. auch im Folgenden: Schulz 2004: 88ff.).

Medialisierung lässt sich demnach beobachten an größer werdenden Distanzen, die durch Medien überbrückt werden („extension“), daran, dass Medien soziale Aktivitäten und Institutionen zunehmend ersetzen („substitution“), daran, dass Medienaktivitäten in immer mehr ursprünglich nicht medienbezogene Aktivitäten eindringen („amalgamation“) und schließlich daran, dass das Vorhandensein von Medien sozialen Wandel mitbedingt, bspw. indem gesellschaftliche Akteure sich an Medienroutinen orientieren („accomodation“).

Prozesse der Medialisierung lassen sich dementsprechend aus rezipientenorientierter und kommunikatorzentrierter Sicht untersuchen (vgl. auch im Folgenden Hagenah/Meulemann 2012: 7). Rezipientenorientierte Analysen betrachten die Mikroebene der Mediennutzung und fragen nach Veränderungen der Nachfrage, der Relevanz oder der Nutzungsarten von Medien. Dabei wird etwa auch thematisiert, welche Integrations- und Differenzierungskraft Medien für soziale Gruppen haben (vgl. Hagenah/Meulemann 2012: 9).

Kommunikatorzentrierte Analysen beziehen sich dagegen auf die Makroebene des Medienangebots (Institutionen, Gattungen, „Sender“, Medieninhalte).
Mit dem „Mediensport“ wird durch das Teilprojekt ein Forschungsfeld fokussiert, dass an der Schnittstelle von Medieninhalten und Medieninstitutionen angesiedelt ist, gleichzeitig aber – aufgrund der hohen angenommenen gesellschaftlichen Integrationskraft des Sports – soziale Wirkung entfalten kann und gleichzeitig gesellschaftlich bedingten Veränderungsprozessen unterworfen ist. Bezogen auf den Sport liegen mit Stiehler/Mikos/Friedrich 2004 und Dohle/Vowe 2006 erste Ansätze zur Anwendung der Medialisierungstheorie auf den Sport vor.
Die Medialisierungstheorie soll im Rahmen der Projektarbeit mit weiteren Ansätzen (etwa dem Strukturwandel der Öffentlichkeit, vgl. Habermas 1962; Imhof 2011) konfrontiert und konsequent auf den Sport bezogen werden.

Dohle, M. & Vowe, G. (2006). Der Sport auf der „Mediatisierungstreppe“? Ein Modell zur Analyse medienbedingter Veränderungen des Sports. Medien und Erziehung (merz), 50 (6), 18–28.
Hagenah, J. & Meulemann, H. (2012). Mediatisierung in vergleichender Perspektive. In J. Hagenah & H. Meulemann (Hrsg.), Mediatisierung der Gesellschaft? (Schriften des Medienwissenschaftlichen Lehr- und Forschungszentrums Köln, 3, S. 7–17). Berlin: Lit.
Habermas, J. (1962). Strukturwandel der Öffentlichkeit.Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft (Politica, 4). Neuwied: Luchterhand.
Imhof, K. (2011). Die Krise der Öffentlichkeit. Kommunikation und Medien als Faktoren des sozialen Wandels. Frankfurt am Main: Campus.
Schulz, W. (2004). Reconstructing Mediatization as an Analytical Concept. European Journal of Communication, 19 (1), 87–101.
Stiehler, H.-J., Mikos, L. & Friedrich, J.A. (2004). Die mediale Inszenierung der Olympischen Spiele. Leipziger Sportwissenschaftliche Beiträge, 45 (1), 107–121.

Beitrag zum Gesamtprojekt

Das Teilprojekt „Mediensport der medialen Moderne“ leistet für den Forschungsschwerpunkt unter anderem:

  • Beitrag zur Bestimmung der medialen Moderne aus Sicht der Kommunikationswissenschaft
  • Zuarbeiten bezüglich der Funktion der Medien in Verbänden und Vereinen (Teilprojekt 3) sowie Schule (Teilprojekt 4)
  • Gemeinsame Durchführung von Fallanalysen zur Rolle der Medien für bestimmte Sportarten
  • Beiträge für das gemeinsame Glossar des Forschungsschwerpunkts
  • Beteiligung am regelmäßigen Forschungskolloquium
  • Beteiligung an der Ringvorlesung des FSP im Sommersemester 2013
Projektmitarbeiter

Dr. Thomas Bruns
Projektleiter und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikations- und Medienforschung

Dr. Holger Ihle
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikations- und Medienforschung

Dr. Jörg-Uwe Nieland
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikations- und Medienforschung

Simon Rehbach
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikations- und Medienforschung