Buchreihe »Reflexive Sportwissenschaft«

Sportsgeist [Bibliothek Mediale Moderne] (Volker Schürmann)

Kraft ist der Grundbegriff einer ästhetischen Anthropologie (Christoph Menke) und ist unter dem Titel Rechtskraft zur Bestimmung von juridischer Gerechtigkeit genutzt worden (Andreas Fischer-Lescano). Im Durchgang durch diesen Begriff der Kraft ist Geist der Grundbegriff einer politischen Anthropologie und wird hier zur Bestimmung von sportlicher Gerechtigkeit (»Fairness«) genutzt.

Sportsgeist ist dann das Titelwort für die gesuchte Antwort auf die Frage, ob die Rede vom »Geist des Sports« eine Eigenbedeutsamkeit bekommt, die nicht durch vorbehaltslos nötige und sogar wichtigere Ideologiekritik an dieser Rede zersetzt werden kann.

Sportvereine als „Schulen der Demokratie“? - Eine pragmatistische Perspektive (David Jaitner)

Der moderne Sport versteht es seit jeher, unterschiedlichste gesellschaftliche Nutzenerwartungen eigennützig an sich zu binden. Fest verankert und beständig wiederholt ist der wenig bescheidene Anspruch moderner Sportvereine, „Schulen der Demokratie“ zu sein. Diese Studie ordnet die sportwissenschaftliche Evidenzbasis eben dieser Zuschreibungsroutine und eröffnet eine demokratietheoretische Alternative. Dreh- und Angelpunkt der Alternative ist die pragmatistische Philosophie nach John Dewey. Am Ende stehen so wesentlich andere „Schulen der Demokratie“.

 

 

Die Entwicklung von Leistung und Erfolg im Wettkampfsport der Medialen Moderne (Simon Johnen)

Die Einflussnahme externer Interessen auf den (post-)modernen Wettkampfsport wächst. Zugleich ist die Akzeptanz unfairer Verhaltensweisen zu beobachten. Stehen diese Entwicklungen für einen Wandel dessen, was als der Witz sportlichen Handelns in der Moderne gilt? Hat sich also der Maßstab gewandelt, anhand dessen unfaire Verhaltensweisen zu beurteilen sind und wie wäre ein solcher Wandel in gesellschaftlicher und sportlicher Hinsicht einzu­ordnen?
Die mögliche Tendenz einer Entwicklung des Wettkampfsports weg von einem Leistungs- hin zu einem Erfolgsprinzip wird vor dem gesellschaftstheoretischen Hintergrund Mediale Moderne analysiert. Anhand der Liberalisierung der Amateurbestimmungen in der Olympischen Charta wird aufgezeigt, dass sich im Wettkampfsport der Medialen Moderne – in indirekter Analogie zur Ökonomie – der Status der Fairness erheblich gewandelt hat. Anstelle des konstitutiv an die Fairness gebundenen Leistungsvergleichs tritt die Fokussierung des Motivs der individuellen Leistungssteigerung.  

 

 

Menschliche Bewegung als Tätigkeit – Zur Irritation fragloser Gewissheiten (Denise Temme)

Macht es etwas aus, menschliche Bewegung – oder Sport oder Tanz – als Prozess aufzufassen? Sie damit nicht als reinen Ausdruck eines die Bewegung selbst vorwegnehmenden, geistigen Tuns zu denken? Macht etwas aus, menschliche Bewegung zugleich als sinnhaft in der Weise aufzufassen, dass sie in ihrer kleinsten Analyseeinheit als sinnhafte Bewegung gedacht ist? Macht es – anders gesagt – etwas aus, menschliche Bewegung nicht als Handlung, sondern als Tätigkeit zu begreifen?

Und vor allem: Machen feine theoretische Unterschiede überhaupt etwas aus für sportwissenschaftliche, beispielsweise bewegungswissenschaftliche Experimentaldesigns der Motorikforschung, für bewegungswissenschaftliche Konzeptionen des Bewe¬gungslernens, für sportpädagogische Konzeptionen zur Vermittlung von Bewegung oder für tanzwissenschaftliche Betrachtungen von Tanz und Bewegung?

Die vorliegende Studie unternimmt den Versuch, fraglose Gewissheiten im Verständnis menschlicher Bewegung in den Feldern der Theorie, Methodologie und empirischen Forschung offenzulegen und konstruktiv zu verunsichern. Dreh- und Angelpunkt ist die Tätigkeitstheorie der Kulturhistorischen Schule (Vygotskij, Leont’ev und Lurija), die in ihrem Bezug auf menschliche Bewegung zugleich weitergedacht werden kann.

 

 

Leibliches Lernen Gestalt werden lassen (Gudrun Nagel)

Die sogenannte ›Körperarbeit‹ ist so verbreitet wie umstritten. Was den einen unter dem Titel der Ganzheitlichkeit als positiver Wert an sich erscheint, gilt den anderen als Esoterik. Worin der Gewinn dieser Konzepte und Praktiken liegt und wo ihre Grenzen liegen, sind aus geisteswissenschaftlicher Perspektive selten kritisch reflektierte Fragen.

Die Studie lässt dafür Konzepte aus Theorie und Praxis miteinander korrespondieren: die Phänomenologie, ausgehend von der Leiblichkeit unserer Existenz, - die kritische Psychologie, ausgehend von der gesellschaftlichen Vermitteltheit individueller Existenz - und die Eutonie Gerda Alexander, ausgehend von einer postulierten ›natürlichen‹ Weisheit des Körpers.

Die hier vorgenommene leib- und lerntheoretische Untersuchung der Eutonie fundiert und strukturiert den Blick auf das weite Anwendungsfeld funktionaler Körperarbeitsverfahren neu. Als Ergebnis liegen eine erweiterte Perspektive und davon abgeleitete Leitlinien für eine mehrperspektivische methodische Umsetzung vor.

 

 

Reflexive Sportwissenschaft – Konzepte und Fallanalysen (herausgegeben von S. Körner & V. Schürmann)

Der vorliegende Band eröffnet die Buchreihe mit dem programmatischen Reihentitel Reflexive Sportwissenschaft. Zentrales Anliegen ist die Artiku­lation von Vorverständnissen sowohl von theoretisch-empirischen Analysen als auch des Handelns. Was Reflexive Sportwissenschaft genau und darüber hinaus meint, wozu sie dient oder gar nütze ist, darüber freilich wird es ganz unterschiedliche Vorstellungen geben. Der vorliegende Eröffnungsband möchte das Reflexive des wissenschaftlichen Arbeitens selbst zum Thema machen, um dem Reihentitel härtere Kontur zu geben. Dafür bringt er unterschiedliche disziplinäre Perspektiven mit und gegen­einander ins Gespräch. 

Editorial der Buchreihe

Die Reihe Reflexive Sportwissenschaft bietet vorzugsweise jenen Denkrichtungen und Forschungsansätzen des Themenfeldes ›Sport‹ - ›Körper‹ - ›Bewegung‹ ein Forum, denen die praktische Wirksamkeit sportwissenschaftlicher Arbeit genauso zentral ist wie die Reflexion der theoretischen Grundlagen dieser Arbeit. Damit wird ein Ansatz verfolgt, der Theorie und Praxis unterscheidet, nicht aber voneinander trennt. Das Anliegen ist nicht, beide Seiten aufeinander abzustimmen. Vielmehr wird es darum gehen, Widerständigkeiten und Widersprüchlichkeiten nachzuspüren, das heißt offenzulegen, was sich nicht sogleich unter logische Begriffe und exakte Beschreibungen fassen lässt. Reflexive Sportwissenschaft ist demnach eine Theorie, die in ihren Gegenstände Ungereimtheiten, Ambivalenzen und Widersprüche beobachtet. Faktische Vieldeutigkeit ist als sachlicher Indikator ernst zu nehmen und nicht durch vorausgesetzte Forderung nach Eindeutigkeit wegzudefinieren.

Reflexion steht damit, in sich durchaus heterogen und disziplinübergreifend, für jene Form der Kritik, die sich als Grenzbestimmung des wissenschaftlichen Gegenstandes begreift. Gegen die Idee der Anwendung vorausgesetzter generalisierter Paradigmen, fester Konstitutionsmerkmale oder gar fragloser Menschenbilder zielt Reflexive Sportwissenschaft zum einen darauf ab, solche Vorverständnisse selber zu thematisieren, und zum anderen darauf, am Beispiel des Sports ein mögliches Verständnis für gegenwärtige soziale und kulturelle Entwicklungen zu erzeugen. Interdisziplinarität ist dafür nachdrücklich gewünscht; sie ist aber nichts Seinsollendes, sondern hat sich als konkrete Verträglichkeit oder Unverträglichkeit reflexiv herausgestellter Vorverständnisse zu zeigen und zu bewähren.