Soziale und mentale Stärkung durch Sport – Stefan Ackermann im Interview

Neue Weiterbildung: Soziale und mentale Stärkung durch Sport
Foto links: ©YAKOBCHUK VIACHESLAV/Shutterstock.de

Zur neuen Weiterbildung: Soziale und mentale Stärkung durch Sport" (20.-21.11.2021)

Neben der körperlichen Leistungsfähigkeit rückt auch die Stärkung sozialer und mentaler Kompetenzen unter professioneller Anleitung in den Vordergrund sportlicher Mehrwerte. Gerade für Sozialpädagog*innen und Trainer*innen junger Athlet*innen und Trainierender ist die Herangehensweise von wachsender Bedeutung, da über den Sport eine Vielzahl von psychischen und sozialen Fähigkeiten verbessert werden können sowie die charakterliche Weiterentwicklung gefördert werden kann: So kann Sport das Selbstbewusstsein und die Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit steigern. Mit Referent Stefan Ackermann haben wir schon vorab darüber gesprochen, wie die soziale und mentale Stärkung durch Sport gelingt und welche Potenziale sich hierbei ergeben.

UW: Herr Ackermann, Sie haben jahrelange Erfahrung im Kinder- und Jugendtraining sämtlicher Alters- und Leistungsklassen gesammelt. Es ist offensichtlich, dass Sport die körperliche Leistungsfähigkeit erhöht. Wie aber gelingt es, die sozialen und mentalen Kompetenzen von Sportler*innen durch Sport zu stärken?

Stefan Ackermann: „Soziale und mentale Kompetenzen lassen sich im Sport auf verschiedene Weisen stärken. Körperliche Aktivität an sich kann diesbezüglich bereits Auswirkungen haben. Einer der zahlreichen Gründe für die Beliebtheit von Volksläufen könnte beispielsweise in dem Erlebnis zu finden sein, geduldig und diszipliniert zu trainieren und schließlich dafür belohnt zu werden, über sich selbst und die eigenen Grenzen hinauszuwachsen. Im Vereinstraining kommt darüber hinaus auch die zwischenmenschliche Interaktion hinzu. Hier werden schon bei der Frage, ob man mitspielen darf, bei Kindern (wie auch Erwachsenen) Hürden abgebaut. Die darauffolgende Kooperation oder der Wettstreit erfordert eine angemessene Balance aus Anpassungsfähigkeit an die Bedürfnisse der anderen einerseits und Einstehen für die eigenen Bedürfnisse andererseits. Derartige Erlebnisse können bereits zu persönlichem Wachstum beitragen. Jedoch gehört noch eine zweite Zutat dazu: Erfahrung entsteht durch die Kombination aus Erlebnis und Reflexion. Ich kann einen Wettkampf verlieren und dieses Erlebnis als Beleg dafür interpretieren, dass ich wertlos bin und nie etwas erreichen werde. Ich kann es aber auch als Zeichen dafür bewerten, dass ich mich noch weiterentwickeln und mir Erfolge durch intelligente, harte Arbeit verdienen muss. Ein Ziel eines Trainings zur Stärkung der sozialen und mentalen Kompetenzen ist daher, Situationen zu schaffen, in denen Menschen etwas erleben und lernen, diese Erlebnisse aus einer förderlichen Perspektive zu betrachten. So können sie konstruktive Erfahrungen machen und diese auch auf andere Situationen ihres (alltäglichen) Lebens übertragen.“

Welche konkreten Potenziale ergeben sich Ihrer Meinung nach aus dem Sport in Bezug auf die soziale und mentale Stärkung von Sportler*innen?

„Im Sport lassen sich komplexe Herausforderungen vereinfacht und spielerisch bearbeiten. Ein Beispiel aus einer Trainingsgruppe an der DSHS für Entzugspatient*innen verdeutlichte das für mich sehr einprägsam. Das Thema der Stunde war Verantwortung. Ein sehr wichtiges und zugleich sehr komplexes Thema. Aber auf welche Weise kann man das Thema durch Sport vermitteln und die eigenen Schützlinge zu mehr (Selbst-)Verantwortung inspirieren? Die verblüffend simple, aber effektive Übung, die der Therapeut damals nutzte (und die wir im Rahmen der Weiterbildung genauer besprechen), führte einen der Teilnehmer in der anschließenden Reflexion zu der Erkenntnis, dass sie als Suchterkrankte besonders viel Verantwortung übernehmen müssen. Dieser Fortschritt gepaart mit der Information, dass sich Verantwortung und Verantwortungslosigkeit in kleinen, alltäglichen Entscheidungen manifestieren, die sich über Zeit aufsummieren und entsprechende Konsequenzen nach sich ziehen, kann eine Menge bewirken. Die zweite große Stärke des Sports ist, dass sich Lernziele begreifbar machen lassen und (u.a. auch durch die Emotionen, die beim Sport oft entstehen) sehr gut einprägen. Bewegung ist ein effektiver Zugang, um jemanden auch innerlich zu bewegen und je bewegender ein Ereignis, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass es behalten und im Langzeitgedächtnis abgespeichert wird.“

Sind die bisherigen Erkenntnisse aus Ihrer praktischen und theoretischen Erfahrung sowohl auf Einzel- wie auch Mannschaftssportarten anwendbar?

„Wie bereits angedeutet, bringt jede Art der sportlichen Betätigung eigene Potentiale mit sich. Ein komplett eigenes Training zu gestalten, kann sehr förderlich im Hinblick auf Autonomie, Selbstdisziplin, -verantwortung, Organisation, Entscheidungsfindung, etc. sein. Sobald eine oder mehrere andere Personen hinzukommen, steigt die Bedeutung interaktiver Aspekte, wie Kontaktaufbau, Kommunikation, Kooperation, Konfliktmanagement, Pünktlichkeit, Bindung, etc.
So gesehen würde ich nicht pauschal zwischen Team- und Individualsportarten unterscheiden, sondern die jeweilige Übung, die Teilnehmenden und den Kontext individuell betrachten. Ein eigenständig aufgebauter und durchgeführter Dribblingparcours auf dem Fußballplatz erfordert beispielsweise weniger soziale Kompetenz als ein Speerwurftraining, bei dem ich stetig Rücksicht auf die Trainingsgruppe nehmen muss.“

Welche fachlichen und sozialen Kompetenzen müssen Übungsleiter*innen Ihrer Meinung nach mitbringen, um Aspekte der sozialen und mentalen Stärkung in ihr Training oder ihre Einheiten einzubringen?

„Im Hinblick auf die fachlichen Kompetenzen ist es natürlich vorteilhaft, sich zunächst selbst in das jeweilige Thema (zumindest oberflächlich) einzuarbeiten und einen eigenen Standpunkt einzunehmen, bevor man es in eine Einheit integriert. Konkret bedeutet das beispielsweise, wenn ich das Thema Fairness mit einer Grundschulklasse bearbeiten möchte, mache ich mir zunächst eigene Gedanken und recherchiere Antworten auf Fragen wie, „wie definiere ich Fairness?“, „welche Verhaltensweisen machen Fairplay aus?“. Erst danach überlege ich, in welche konkrete Übung ich dieses Thema verpacke und wie ich an den diversen Belastungsschrauben (Intensität, Dauer, etc.) drehe, sodass die Übung fordernd ist, anstatt über- oder unterfordernd. Mit diesen Schritten befassen wir uns im Rahmen der Weiterbildung.

Die sozialen Kompetenzen lassen sich eher verallgemeinern und es ist eine lange Liste, die beispielsweise Kritikfähigkeit, ein idealerweise partizipativer Führungsstil, Delegieren (auf eine Art, die zur Umsetzung inspiriert), Empathie, Durchsetzungsvermögen, etc. enthält. Egal bei wem ich etwas bewirken will, ich muss zunächst Kontakt zu der Person aufnehmen und durch gezieltes Nachfragen und aktives Zuhören herausfinden, was für mein Gegenüber gerade wichtig ist. Dann muss ich es auf eine Art und Weise vermitteln, die für mein Gegenüber verständlich ist und die Person auch tatsächlich zum Handeln veranlasst. Schließlich muss ich konstruktives Feedback geben, auf berechtigte Einwände flexibel eingehen und vieles mehr.

Kurz gesagt: Ich muss wissen, wovon ich rede und es auf eine Art und Weise kommunizieren (und bestenfalls vorleben), die zur Umsetzung inspiriert. Bereits Lao Tzu schrieb vor 2500 Jahren, der schlimmste Anführer sei derjenige, der verachtet wird.“ [Anmerkung der Redaktion: Lao Tzu ist ein chinesischer Philosoph, der im 6. Jahrhundert v. Chr. gelebt haben soll und als Begründer des Daoismus gilt.]

Was können sich die Teilnehmer*innen konkret von der Weiterbildung versprechen?

„Sie werden lernen, Sport aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Sie werden allgemeine Herangehensweisen und konkrete Übungen und Methoden kennenlernen, mit denen Sie Sport nutzen können, um das psychische Wachstum ihrer Schützlinge zu fördern. Basierend auf diesen Erkenntnissen werden sie befähigt und unterstützt, eigene Übungen zu entwickeln, die spezifisch auf ihren Bedarf zugeschnitten sind.“


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