Nr. 2/2020

„Die Frage muss sein, ob es wirksam ist, was wir machen“

Seit Oktober 2018 ist Univ.-Prof. Dr. Andrea Schaller Inhaberin der Stiftungsprofessur Bewegungsbezogene Präventionsforschung. Sie versteht sich als Brückenbauerin und Handwerkerin. In der Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis liegt ein wichtiger Teil ihrer Arbeit. Wir sprachen mit ihr über Evidenz in der Präventionsforschung, warum Forschende manchmal in der Praxis stören und was ihr Ideal von betrieblicher Gesundheitsförderung ist.

Sie waren bis 2004 Torhüterin in der Frauen-Fußballbundesliga, absolvierten sogar ein Spiel für die Nationalmannschaft. Wie denken Sie daran zurück?
An das Fußball-Kapitel erinnere ich mich nicht so gern. Außenstehend mag das zwar alles toll klingen, aber subjektiv waren die sieben Jahre Bundesliga für mich eine Zeit des Scheiterns, der Selbstzweifel und der Verletzungen. Immerhin habe ich viel gelernt. Nicht ohne Grund habe ich den Schwerpunkt Prävention und Reha studiert und nicht Training und Leistung. Es war für mich eine große Befriedigung, in die medizinische Reha zu gehen. Ich wollte mit Menschen teilhabeorientiert arbeiten. Das ist ein wichtiger Begriff für mich. Ich war lange in der Praxis tätig. Da traf ich auf ältere Patient*innen, die mir im Therapieverlauf begeistert erzählten: Ich kann jetzt wieder mit meinen Enkeln am Boden spielen! Und da dachte ich mir: Darum geht es doch. Und nicht immer um die Frage: Wann kann ich wieder spielen?

Wie ging es nach Ihrer Karriere im Leistungsfußball weiter?
Es war erstmal ein harter Bruch. Ich habe dann meine Diplomarbeit (Titel: „Die Compliance von Wirbelsäulenpatienten nach der Reha“; Compliance: Bereitschaft eines Patienten zur aktiven Mitwirkung an therapeutischen Maßnahmen, Anm. d. Red.) an der Spoho geschrieben und über ein Praktikum den Berufseinstieg an einer Reha-Klinik gefunden. Mich hat immer schon die Frage beschäftigt, was die Leute eigentlich nach der Reha machen. Ich habe damals in der Klinik einige kleine Studien durchgeführt; das hat mir Spaß gemacht. Promoviert habe ich über die ICF, die Internationale Klassifizierung von Funktionsstörungen. Das war und ist genau mein Ding: Gesundheit nicht nur biomedizinisch, sondern bio-psychosozial zu betrachten. Das ist auch das Wesen der Sport- und Bewegungstherapie. Wir wollen Kompetenzen vermitteln, Leute aus sich selber heraus zur Bewegung bringen, Selbstwert und Selbstwirksamkeit initiieren und ihre Teilhabe fördern. Dann bekam ich an der Spoho eine halbe Stelle und entschied mich, in der Forschung zu bleiben. 2016 erhielt ich eine Professur an der IST-Hochschule in Düsseldorf, wo ich mich super wohl gefühlt habe. Zwei Jahre später kam ich zurück an die Spoho auf die Stiftungsprofessur Bewegungsbezogene Präventionsforschung.

Wie haben Sie dann zu Ihrem Forschungsschwerpunkt gefunden?
Nach Jahren in der Rehaforschung hat sich meine Forschungsarbeit jetzt in die Prävention, insbesondere die betriebliche Gesundheitsförderung, verschoben. Zudem bin ich sehr an geeigneten Forschungsmethoden zur Evaluation komplexer Interventionen und Fragen des Transfers zwischen Wissenschaft und Praxis interessiert. Wenn es um die Evaluation von komplexen Interventionen geht – und Bewegung ist eine komplexe Intervention – ist die Prävention in komplexen Settings, also zum Beispiel in Betrieben, eine besondere Herausforderung. Das Schöne an der Stiftungsprofessur ist, dass ich einen sehr guten Zugang und sehr engen Austausch mit Praxispartnern habe und damit Transfer täglich Teil meiner Arbeit ist. Insgesamt geht es damit um einen Beitrag zur Evidenzentwicklung in der Bewegungs- und Gesundheitskompetenzförderung.

Können Sie den Begriff erläutern?
Evidenzbasierte Medizin kennt man: Es dürfen nur Medikamente verwendet werden, die nach bestimmten wissenschaftlichen Kriterien eine Wirksamkeit zeigen. Auch in der Reha und Prävention muss die Frage sein, ob es wirksam ist, was wir machen. Insbesondere in der Prävention gibt es viel ‚Gesundheitsaktionismus‘ und wirtschaftliche Interessen. Ich beziehe mich auf den Evidenzbegriff als Schnittmenge zwischen externer Evidenz, Patientenpräferenzen und ärztlicher/therapeutischer Expertise. Bei der externen Evidenz sind randomisiert-kontrollierte Studien der Goldstandard – diese sind in der Prävention äußerst schwer angemessen durchführbar. Also sollten wir nicht vergessen, dass wir auch nach den Patientenpräferenzen schauen – denn wenn jemand eine Maßnahme ablehnt, hilft die externe Evidenz nicht weiter. Und dann gehört auch die Perspektive des Arztes oder Therapeuten mit der – zwar subjektiven, aber doch sehr umfassenden – individuellen Erfahrung dazu. Übertragen auf das Feld der betrieblichen Gesundheitsförderung: Wir arbeiten einerseits mit hochwertigen methodischen Designs, beschäftigen uns aber in qualitativen Forschungsdesigns mit den Präferenzen von Arbeitnehmer*innen und den Perspektiven der anderen Stakeholder, z.B. Arbeitgeber*innen oder Leistungsanbieter*innen in der BGF (Betriebliche Gesundheitsförderung, Anm. d. Red.).

Worum geht es in Ihrem aktuellen Projekt „KomRüBer“?
Es ist ein partizipatives Forschungsprojekt. Wir entwickeln zusammen mit Praxispartnern eine überbetriebliche Bewegungsnachbarschaft für Klein-, Kleinst- und mittelständische Unternehmen in einem Technologiepark. Die Praxispartner sind sehr vielfältig: Unternehmen, regionale Bewegungspartner, Krankenkassen, die Deutsche Rentenversicherung Rheinland und Partner aus Öffentlichkeit und Politik. Wesentliches Element der überbetrieblichen Bewegungsnachbarschaft ist der oder die sogenannte Bewegungsnachbarschaftsmanager*in mit der Aufgabe, die Angebote zu koordinieren und den Mitarbeiter*innen zielgruppenspezifisch zu kommunizieren.

Was ist die Fragestellung bei diesem Projekt?
Das Projekt wird vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert, welches im Rahmen verschiedener Modellprojekte das Ziel verfolgt, Bewegung und Bewegungskompetenz der Bevölkerung zu fördern. Seit 2016 gibt es nationale Empfehlungen zu Bewegung und Bewegungsförderung – diese sollen in Deutschland bekannter werden. In unserem Projekt interessiert uns folglich: Wie viel bewegen sich die Beschäftigten? Wie ist die bewegungsbezogene Gesundheitskompetenz – und wie verändert sie sich durch die Maßnahme? Kurz: Wir haben Bewegungsziele und Kompetenzziele. Außerdem beschäftigen wir uns im Sinne der Implementierung mit den Barrieren und Förderfaktoren auf individueller und organisationaler Ebene. Das Projekt läuft noch bis Mai 2022.

Wie sollen die Ergebnisse Ihres Forschungsprojektes zu Bewegungsnachbarschaften in andere Regionen übertragen werden?
Wir entwickeln jetzt schon Strategien zur Verstetigung vor Ort und zum Transfer in andere Regionen. Es wird ein Konzept und einen Leitfaden geben. Außerdem führen wir eine soziale Netzwerkanalyse durch. Wir wollen wissen, wer die treibenden Player sind und wie viele Unternehmen man braucht. Oder wie viele Beschäftigte teilnehmen müssen, um eine kritische Masse zu erreichen oder was passiert, wenn eine Einheit, zum Beispiel ein Unternehmen oder ein Bewegungsanbieter, wegbricht. Mit dieser Analyse können wir dann Empfehlungen für den Transfer unseres Projekts in andere Regionen geben und so eine deutlich ressourcenschonendere Implementierung ermöglichen, zum Beispiel durch eine trägerübergreifende Lösung.

Wie sieht für Sie die ideale Betriebliche Gesundheitsförderung aus?
Mir geht es nicht darum, aus Bewegungsmuffeln Sportskanonen zu machen. Für mich ist die Hauptsache, dass jede*r am gesellschaftlichen, am besten auch am beruflichen Leben teilhaben kann. Mein Ideal wäre, das Potenzial von Bewegung, von dem ich überzeugt bin und dessen Evidenz erschlagend ist, den Leuten zu vermitteln. Wenn also einer eine gesundheitliche Problemlage oder einen minimalen ‚Bewegungsimpuls‘ spürt und dann ein Bewegungsangebot findet, das ihm beziehungsweise ihr Spaß macht, sollte man ganz leicht darauf zugreifen können. Es sollte keine Hürden geben. Niemand sollte erst neue Schuhe kaufen oder abnehmen müssen. Das heißt also, wir brauchen eine selbstverständliche, niederschwellige Bewegungskultur, in der jeder richtig ist – und nicht nur die fitten Spoho-Leute. Niemand sollte Angst haben, etwas falsch zu machen oder sich zu schaden. Die Bewegung steckt in uns allen, und mein Ideal ist eine ‚Bewegungsbewegung‘, bei der jede*r richtig ist und wir Fachleute bei Bedarf zur Seite stehen.

Worin liegen die Herausforderungen Ihrer Forschung?
Das zeigt der Titel eines anderen aktuellen Projektes sehr schön: ‚Wenn Forschung den Reha-Alltag stört‘. Wir Forschende freuen uns, wenn ein Forschungsantrag bewilligt wurde. Und dann kommen wir freudig zu unserem Praxispartner, zum Beispiel einer Reha-Klinik oder auch einem Unternehmen, und haben konkrete Vorstellungen von dem, was passieren muss: Studiendesign, Interventionen, Fragebögen, Teilnehmerrekrutierung und so weiter. Und dann sagen die Praxispartner, dass sie das im Alltagsgeschäft nicht leisten können. Wir Forschende stören. Dazu kommt, dass Praxispartner oft an ganz anderen Zielen interessiert sind. Folglich muss man als Forschende*r beispielsweise viel Zeit in Umsetzungsfragen und Fragen nach dem relevanten Outcome des Forschungsprojektes investieren. Transfer in Forschungsprojekten muss wechselseitig angelegt sein – man muss über das ganze Forschungsprojekt viel miteinander reden. Um diese Erfahrungen zu systematisieren, haben wir in einem qualitativen Projekt Klinikmitarbeiter*innen mit Forschungserfahrung danach gefragt, was für sie die Herausforderungen in den jeweiligen Projekten waren. Die Ergebnisse sind spannend: Zum Beispiel vermissen Praxispartner häufig eine Rückmeldung nach unseren Interventionen. Sie möchten wissen, wie es weitergeht. Bei dieser Kritik fühlte ich mich, ehrlich gesagt, schon mal ertappt. Wir müssen uns besser erklären. Die Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis können wir nur schlagen, wenn wir unsere Welten gegenseitig besser kennenlernen und respektieren. Da sind wir Forschende meines Erachtens in der Bringschuld – wir haben eine gesellschaftliche Verantwortung.

Was ist Ihnen wichtig im Hinblick auf den wissenschaftlichen Nachwuchs?
Es macht mir großen Spaß, den Nachwuchs auszubilden. Er ist sehr fachkompetent, motiviert und engagiert. Mir ist aber vor allem Methodenkompetenz wichtig. Das ist unser Handwerkszeug, ganz unabhängig vom inhaltlichen Thema. Nicht umsonst adressierte ich in meiner Antrittsvorlesung 2019 das Thema der Bewegungsförderung ‚zwischen Begeisterung und Evidenz‘. Außerdem ist mir Selbstreflexion und Selbstkritik wichtig – Zweifeln gehört für mich dazu. Aber niemals verzweifeln. 

Was zeichnet für Sie die Spoho aus?
Dass ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren und in der Mittagspause eine Runde im Grünen drehen kann. Es gibt hier eine extreme Verdichtung an Kompetenzen, was toll ist, aber auch höchst kompetitiv. Allerdings genieße ich es sehr, bei Vorträgen oder interdisziplinären Projekten auch an anderen Unis zu sein und die Vielfalt der Studierenden zu erleben. Wir sind hier eine sehr homogene Gruppe, das versuche ich auch meinen Studierenden zu vermitteln. Es ist eine Welt der Gesunden, Schönen, Fitten, die sich nicht vorstellen können, dass jemand keinen Sport macht oder sich nicht gerne oder gut bewegen kann. Das ist fast schon alles etwas unwirklich hier an der Spoho.

Text: Anna Papathanasiou