Nr. 2/2021

Step into Motion

Helena Koine hat im Rahmen ihrer Masterarbeit eine Online-Intervention für junge Erwachsene in der Krebsnachsorge entwickelt. Das Ziel: den inneren Schweinehund überwinden für einen aktiven Lebensstil. Denn: regelmäßige körperliche Aktivität mindert typische krankheits- und therapiebedingte Nebenwirkungen und senkt das Risiko erneut zu erkranken.

In Deutschland erkranken jedes Jahr rund 15.600 Jugendliche und junge Erwachsene an Krebs. Die häufigste Krebserkrankung innerhalb dieser Altersgruppe (15 bis 39 Jahre) ist Brustkrebs, gefolgt von Hodenkrebs und Hautkrebs. Zwar ist die Prognose einer langfristigen Heilung mit mehr als 80 Prozent überdurchschnittlich gut – die Mehrheit leidet jedoch unter körperlichen, psychologischen und psychosozialen Spätfolgen. Bis zu 70 Prozent der krebserkrankten Heranwachsenden und jungen Erwachsenen (Adolescents and Young Adults, kurz AYA) berichten von mindestens einem langfristigen chronischen Gesundheitsproblem und bis zu 40 Prozent geben an, schwere gesundheitliche Probleme zu haben, die eine weitere medizinische Behandlung erfordern. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass diese krebs- und behandlungsbedingten Spätfolgen durch körperliche Aktivität gezielt gemindert werden können. Und genau hier setzt das Projekt von Helena Koine an. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Deutschen Sporthochschule Köln hat im Rahmen ihrer Masterarbeit eine Online-Intervention für junge Erwachsene in der Krebsnachsorge entwickelt: Step into Motion.

Das vierwöchige Online-Programm

Das vierwöchige Online-Programm

„Ziel der Intervention ist es, gemeinsam mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein Bewegungsprogramm zu entwickeln, das auf die jeweiligen individuellen Bedürfnisse abgestimmt ist und sich realistisch in den Alltag integrieren lässt“, erläutert Helena Koine, Mitarbeiterin in der Abteilung Gesundheit und Sozialpsychologie des Psychologischen Instituts der Hochschule. Im Rahmen des vierwöchigen Online-Programms werden vier Kursblöcke (Deine Bewegungsidee, Dein Masterplan, Dein Barrierenmanagement, Dein Motivationsteam) gemeinsam erarbeitet. Über ein Forum können sich die Teilnehmer*innen über Tipps, Tricks und Schwierigkeiten austauschen. „Die Gruppe der jungen Erwachsenen stellt in der Krebsnachsorge eine besondere Herausforderung dar. Die Bedürfnisse sind sehr heterogen und oftmals erschweren die besonderen Lebensumstände die Teilnahme an unterstützenden Nachsorgeprogrammen“, schildert die 28-Jährige die Ausgangslage und erläutert: „In Bezug auf die Wirksamkeit ist entscheidend, dass bestimmte Faktoren berücksichtigt werden, wie zum Beispiel eine zeitliche Einschränkung durch die Erziehung kleiner Kinder, finanzielle Herausforderungen nach der Krebsbehandlung, der Berufseinstieg oder die geografische Entfernung zum Programm. Daher zielte meine Masterarbeit auf die Entwicklung und Evaluierung einer digitalen Gesundheitsverhaltensintervention ab, um den Zugang und die Bequemlichkeit für die geografisch verstreute Gruppe der an krebserkrankten AYAs zu erhöhen.“

61 Teilnehmer*innen zwischen 23-39 Jahren

61 Teilnehmer*innen zwischen 23-39 Jahren

Insgesamt 120 potentielle Teilnehmer*innen konnte Helena Koine rekrutieren. Nach Vorliegen der unterschriebenen Einverständniserklärung wurden 93 von ihnen zur Auswertung kontaktiert. Insgesamt beantworteten 80 (74 Prozent) Teilnehmer*innen den Online-Baseline-Fragebogen und 61 von ihnen (73 Prozent) füllten auch den Online-Follow-up-Fragebogen aus. 27 Datensätze wurden aufgrund von Alter (> 39 Jahre), Dauer der Krebsnachsorge (> 5 Jahre) oder nicht ausreichend vorhandener Daten ausgeschlossen. Die endgültige Längsschnittstichprobe umfasste 61 Teilnehmer*innen, davon 57 Frauen und 4 Männer im Alter von 23 bis 39 Jahren. 48 Prozent der Stichprobe erkrankten an Brustkrebs, 16 Prozent an Morbus Hodgkin (Lymphdrüsenkrebs) und zehn Prozent an Gebärmutterkrebs. 61 Prozent der Teilnehmer*innen waren alleinstehend. Der durchschnittliche Umfang der körperlichen Aktivität innerhalb des letzten Monats betrug 320,86 Minuten, also gut fünf Stunden pro Woche. Neben intensiven und moderaten Bewegungsformen wurde auch leichte körperliche Aktivität, wie langsames Fahrradfahren und Walken, mit einbezogen.
 

Steigerung der körperlichen Aktivität um 40 Minuten

Steigerung der körperlichen Aktivität um 40 Minuten

„Ein wesentliches Ergebnis meiner Arbeit ist, dass sich die körperliche Aktivität der Interventionsgruppe nach dem vierwöchigen Online-Programm gesteigert hat – und zwar um durchschnittlich 40 Minuten pro Woche“, erläutert Koine und ergänzt: „Auch die Handlungs- und Bewältigungsplanung ist nach oben gegangen. Das heißt, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben gelernt, wie sie ihr Sportprogramm selbstständig in ihren Alltag einplanen können und mit welchen Strategien sie typische Barrieren wie Selbstzweifel oder Zeitmangel überwinden können.“ Darüber hinaus zeigte die Überprüfung der Interventionseffekte auf die soziale Unterstützung, dass die Teilnehmer*innen einen signifikanten Anstieg der sozialen Unterstützung durch Familie, Freunde und wichtige Bezugspersonen vom Prä- zum Posttest erfuhren. Ein weiteres Ergebnis: Der Glaube der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an ihre eigene Fähigkeit, körperliche Aktivität trotz Rückschlägen zu übernehmen, zu initiieren und aufrechtzuerhalten, wurde durch die Online-Intervention gestärkt. „Die positiven Ergebnisse und die hohe Zufriedenheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dieser webbasierten Intervention und der jeweiligen Machbarkeit der verschiedenen Interventionskomponenten lässt darauf schließen, dass sich eine Online-Intervention in der Krebsnachsorge für junge Erwachsene sehr gut eignet. Bislang fühlen sich viele der jungen Menschen nach Beendigung der medizinischen Behandlung alleine gelassen und mit der Entwicklung eines gesunden Lebensstils überfordert. Gerade deshalb kann ein solches zielgruppenspezifisches Online-Programm als wichtige Stütze in der Krebsnachsorge dienen. Durch die Unterstützung in der individuellen Gestaltung eines aktiven Lebensstils erlernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihr Wohlbefinden und Gesundheitszustand eigenständig zu regulieren“, bilanziert die Wissenschaftlerin.

Im Frühjahr möchte Helena Koine einen weiteren Kurs anbieten. Mittel- und langfristig kann sie das Projekt jedoch nicht alleine stemmen. „Die inhaltliche Gestaltung steht zwar, aber die Betreuung der Teilnehmenden und die wissenschaftliche Begleitung des Projekts nimmt viel Zeit in Anspruch.“ Um die Ergebnisse ihres Forschungsprojektes weiteren Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen zur Verfügung zu stellen, plant sie eine Publikation der Studie. Darüber hinaus tüftelt sie an einer möglichen Zusammenarbeit mit einer gemeinnützigen Organisation und weiteren Kooperationspartnern.

Text: Lena Overbeck