Nr. 4/2016

Smartphone-App für mehr körperliche Aktivität bei Senioren und Seniorinnen

10.000 Schritte am Tag oder mindestens 150 Minuten moderate körperliche Aktivität pro Woche – diese Empfehlungen sind weit verbreitet, wenn man positive Effekte im Hinblick auf die körperliche Gesundheit betrachtet. Doch trotz wachsenden Gesundheitsbewusstseins erreichen besonders Senioren und Seniorinnen nur annähernd 50% dieses Maßes an körperlicher Aktivität. Eine an der Deutschen Sporthochschule Köln neu entwickelte Applikation für Smartphones soll die Barrieren zur körperlichen Aktivität überwinden.

Die Angst vor Risiken ist besonders bei den Älteren ein wichtiger Aspekt, nicht sportlich aktiv zu werden. Diese Angst zu minimieren, den Zugang zu Aktivitäten zu verbessern und den finanziellen Aufwand zu reduzieren, sind Ziele, welche mit der neuen Applikation „MIA“ (Mobil im Alter) erreicht werden sollen. Entwickelt wurde diese Applikation von Mathias Haeger aus dem Institut für Physiologie und Anatomie der Deutschen Sporthochschule Köln mit Unterstützung von Univ.-Prof. Dr. Otmar Bock (Institut für Physiologie und Anatomie) und in Kooperation mit Univ.-Prof. Dr. Wiebren Zijlstra (Institut für Bewegungs- und Sportgerontologie). „Es ist der Versuch, einen ökologisch validen Ansatz zu schaffen, welcher die Charakteristik des täglichen Lebens repräsentiert. Dies soll motivierend wirken und vor allem die Anpassung und Übernahme besserer Aktivitätsmuster positiv beeinflussen“, so Haeger.

Entwickelt wurde eine Applikation mit 16 verschiedenen Ausflugszielen, welche über einen Versuchszeitraum von acht Wochen (je zweimal wöchentlich) getestet werden. Die Seniorinnen und Senioren nutzen die Applikation, um verschiedene Sehenswürdigkeiten zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Bei der Planung und Durchführung werden sie von einem/r Betreuer/in aus der Projektgruppe unterstützt. Jede Aktivität beinhaltet eine Wegbeschreibung zum Ziel, weitere Informationen über das Ziel sowie ein kleines Quiz zur gesamten Aktivität am Ende. Die Entwicklung erfolgte unter Berücksichtigung eines motivationstheoretischen Ansatzes, um möglichst nachhaltig körperliche Aktivität zu initiieren. Die Applikation ist so aufgebaut, dass mit jedem Aktivitätsblock (à vier Aktivitäten) die zurückgelegte Fußstrecke und somit die Intensität ansteigt.

Nach einer ersten Pilotphase wird die Applikation seit Mitte Juli 2016 im Rahmen einer Interventionsstudie von Probanden und Probandinnen mit einem Mindestalter von 70 Jahren getestet. Um Effekte auf die kognitiven Parameter zu untersuchen, werden sowohl Teilbereiche der exekutiven Funktionen durch einen Stroop-Test und einen Switching-Test untersucht als auch ein Orientierungstest durchgeführt. Auch Gangparameter wurden in die Untersuchung mit aufgenommen und mithilfe des „Instrumented Timed Up & Go Tests“ (ITUG) und des „6 Minute Walk Tests“ (6MWT) untersucht. Die Mobilität wird mithilfe einer GPS- und Akzelerometriemessung über jeweils eine Woche zum Untersuchungsbeginn und -ende ermittelt.

Eine erste Gruppe von Probanden (Durchschnittsalter: 76.4 ± 4.22 Jahre) hat  die achtwöchige Untersuchung bereits vollendet.  Somit können erste Ergebnisse ermittelt werden, welche jedoch aufgrund der nicht repräsentativen Datenmenge mit Vorsicht zu betrachten sind. „Ein leicht positiver Trend ist schon zu beobachten, wenn man sich erste ausgewertete Datensätze anschaut“, resümiert Haeger. Die durchschnittlichen Schrittzahlen während der Aktivitäten zeigten eine Steigerung mit jedem Block, welche auch statistisch signifikant wurde (ANOVA mit Messwiederholung auf dem Faktor Block: F = 9.235, p = 0.004). Im Rahmen der kognitiven Tests zeigen die ersten Probanden beim Orientierungstest in der Interventionsgruppe (F = 65.736, p < 0.001) als auch in der Kontrollgruppe (F = 5.108, p = 0.016) einige positive Effekte bezüglich der durchschnittlichen Bearbeitungszeit. Dieses Ergebnis muss jedoch noch relativiert werden, da bei den deutlich besseren Effekten der Interventionsgruppe der starke Anfangsunterschied zwischen den Gruppen berücksichtigt werden muss. Die exekutiven Tests (Stroop-Test, Switching-Test) hingegen zeigen noch keine interpretierbaren Änderungen.

Weiterhin wurde für diese erste Probandengruppe auch ein Fragebogen zur Systemnutzung bezüglich der neuen Applikation erhoben, welcher mit durchschnittlich 80,00 (±5.30) von 100.00 möglichen Punkten auf weitere positive Ergebnisse hoffen lässt.

Es bleibt abzuwarten, ob weitere Datensätze die bisher gewonnen Ergebnisse stützen. Nach einer Winterpause (Dezember bis Februar 2016) soll die Studie im März 2017 mit weiteren Teilnehmern fortgesetzt werden. Interessierte können sich diesbezüglich gerne mit Mathias Haeger in Verbindung setzten.

Besonderer Dank gilt Katharina Reingen, Franziska Gliese, Nina Mammana und Christian Endres für ihre zeitweise Unterstützung bei  dem Projekt.

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