Nr. 3/2019

Handbewegungen und Gehirnerschütterungen – wie passt das zusammen?

Was haben Handbewegungen während eines Gesprächs mit Gehirnerschütterungen im Sport zu tun? Bewegen Sportlerinnen und Sportler, die schon mal eine Gehirnerschütterung erlitten haben, ihre Hände anders, als Sportlerinnen und Sportler ohne Gehirnerschütterung? Dr. Ingo Helmich hat hierzu Zusammenhänge untersucht und erstaunliche Ergebnisse zu Tage gefördert, die nun im renommierten Journal of Neurotrauma veröffentlicht wurden.

Wenn sich Menschen mit anderen Menschen unterhalten, ist es üblich, dass sie mit den Händen gestikulieren. Zum Beispiel betonen sie anhand von Gesten das Gesagte oder zeigen Richtungen an. Man spricht hierbei von nonverbalem Verhalten oder dem Handbewegungsverhalten. Neben bewussten Gesten, etwa wenn jemand einen Weg erklärt, treten während einer Unterhaltung auch unbewusste Bewegungen auf, z.B. Selbstberührungen, wenn sich jemand kratzt oder sich selbst über den Arm streicht. Vermehrte Selbstberührungen wurden bereits bei mehreren Krankheitsbildern wie z.B. depressiven Störungen beschrieben. Da sportbedingte Gehirnerschütterungen oft mit ähnlichen Symptomen einhergehen, hat Dr. Ingo Helmich nun in einem Experiment untersucht, ob das Handbewegungsverhalten von SportlerInnen während eines Gesprächs Rückschlüsse dazu erlaubt, ob der- oder diejenige schon mal eine Gehirnerschütterung erlitten hat und eventuell noch unter Symptomen leidet. Und tatsächlich: Die Ergebnisse zeigen eindeutige Zusammenhänge.

Helmich hat sich auf die Forschung zu sportbedingten Gehirnerschütterungen spezialisiert. Eines seiner Ziele ist dabei, die Diagnoseinstrumente zu verbessern, um frühzeitig zu erkennen, ob eine Gehirnerschütterung vorliegt, wann ein Athlet seinen Sport wieder aufnehmen kann und wie sich ein verfrühter Wiedereinstieg vermeiden lässt. „Die Methoden, eine Gehirnerschütterung zu diagnostizieren, werden nach wie vor heiß diskutiert, vor allem hinsichtlich Sensitivität, Objektivität, Reliabilität und Kosten. Oftmals kehren Athleten zu früh in ihren Sport zurück, bevor die Symptome vollständig abgeklungen sind“, erklärt Helmich. Die Studien der Abteilung für Neurologie, Psychosomatik und Psychiatrie der Deutschen Sporthochschule Köln konnten bereits belegen, dass die funktionale Nah-Infrarot Spektroskopie (fNIRS) ein geeignetes bildgebendes Verfahren darstellt, um sportbedingte Gehirnerschütterungen funktional nachzuweisen.

Nun hat sich der Forscher einer völlig anderen Diagnosemethode gewidmet: der Analyse des Handbewegungsverhaltens. Diese Idee geht auf Studien zum gestischen Verhalten in der Psychotherapie zurück, die bereits zeigen konnten, dass Patienten mit Alzheimer-Erkrankung, Parkinson oder Depressionen, Veränderungen im nonverbalen Handbewegungsverhalten aufweisen. Diese Analysen basieren auf dem NEUROGES-System, entwickelt von Univ.-Prof. Dr. Hedda Lausberg, Leiterin der Abteilung Neurologie, Psychosomatik und Psychiatrie. NEUROGES steht für NEUROpsychological GESture System. Bei dem Verfahren werden während eines Gesprächs Handbewegungen einer Person per Video aufgezeichnet, kategorisiert und kodiert und letztlich mit kognitiven, emotionalen und interaktiven Prozessen in Zusammenhang gebracht. Unterschieden werden die Handbewegungen unter anderem in irregular, on body oder act on each other Handbewegungen. Streicht die Person etwa mit einer Hand über ihren Oberschenkel, spricht man von einer on body-Handbewegung. Greift die eine auf die andere Hand, ist die Spezifizierung act on each other erfüllt. „Unter irregulären on body-Handbewegungen verstehen wir Selbstberührungen, die im eigentlichen Sinn keine bewusste Funktion erfüllen, zum Beispiel unbewusstes Knibbeln mit den Fingern, im Englischen fidgeting“, beschreibt Helmich die spezifische Handbewegung, die bei seinen Experimenten entscheidend war. „Unseren Untersuchungen stellten wir die Hypothese voran, dass Athleten, die schon mal eine Gehirnerschütterung erlitten haben und die damit verbundenen Symptome aufweisen, stärkere Knibbelbewegungen mit den Händen machen als die gehirnerschütterten Probanden ohne Symptome und Athleten ohne Gehirnerschütterung“, sagt Helmich.

Kern der Untersuchungen waren so genannte Anamnesegespräche, die der Wissenschaftler mit den Sportlerinnen und Sportlern im Rahmen eines Concussion-Protokolls führte. Die insgesamt 40 StudienteilnehmerInnen waren dabei in drei Gruppen eingeteilt: Gehirnerschütterte mit Symptomen (N = 14), Gehirnerschütterte ohne Symptome (N = 14) und SportlerInnen ohne Gehirnerschütterung (N = 12). Die Einteilung erfolgte mit dem „Sport Concussion Assessment Tool – 3rd edition“ (SCAT3). Bei den Gehirnerschütterten mit Symptomen lag die Gehirnerschütterung im Mittel zwischen elf und 17 Monaten zurück, bei den Gehirnerschütterten ohne Symptome zwischen zweieinhalb und fünf Jahren. Die Probanden wurden in dem zehn- bis 15-minütigen Gespräch zu ihrem sportlichen Hintergrund, ihren Erfahrungen mit Gehirnerschütterungen und bestehenden Symptomen befragt. Vier zertifizierte und der Forschungsfrage gegenüber naive Rater werteten anschließend das Videomaterial mit dem NEUROGES-Kodiersystem aus.

„Als wichtigstes Ergebnis sehen wir in den Analysedaten, dass die irregulären Handbewegungen, sprich Knibbelbewegungen, bei den Gehirnerschütterten mit Symptomen deutlich stärker ausgeprägt sind, also zeitlich länger andauern, als bei Gehirnerschütterten ohne Symptome“, fasst Helmich das Hauptergebnis zusammen. So ist etwa der Zusammenhang zwischen dem Symptom „Benommenheit/Schläfrigkeit“ und längeren Phasen von Knibbelbewegungen signifikant. Psychopathologische Untersuchungen zeigen, dass irreguläre Handbewegungen ein Charakteristikum bei depressiven Patienten sind. Es ist außerdem bei Patienten mit Depression dokumentiert, dass im Verlaufe einer erfolgreichen Psychotherapie die kontinuierlichen Selbstberührungen abnehmen. Es wird angenommen, dass sich die Patienten selbst berühren, um Stress oder Erregung zu regulieren und sich selbst zu beruhigen.

Laut Helmichs Ergebnissen lässt sich also von der Art der Handbewegungen auf konkrete Symptome von Gehirnerschütterungen rückschließen. Somit könnte diese Methode als Diagnoseinstrument geeignet sein und davor schützen, dass SportlerInnen nach einer Gehirnerschütterung zu früh in den Sport zurückkehren, bevor alle Symptome vollständig abgeklungen sind. Das Verhalten von SportlerInnen mit Symptomatik nach Gehirnerschütterungen und späterer Entwicklung von chronischer traumatischer Enzephalopathie (CTE) wird oft als agitiert und ruhelos beschrieben. Daher stellt sich für Helmich in zukünftigen Studien die Frage, ob die systematische Analyse von Handbewegungsverhalten langfristige Einschränkungen nach sportbedingten Gehirnerschütterungen vorhersagen kann. Dem Modell käme zugute, dass es relativ einfach umsetzbar und zudem nicht kostspielig wäre. „Die neuropsychologische Analyse des Handbewegungsverhaltens sollte daher künftig als neuropsychologischer Parameter bei Concussion Management Protokollen berücksichtigt werden“, empfiehlt Helmich.

Weitere Infos: www.gehirnerschuetterungimsport.com

Text: Julia Neuburg

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Video: Irregular On Body Activity After a Concussion


Handbewegungsverhalten im Gespräch