Nr. 4/2020

Bewegung hilft gegen Depression bei Jugendlichen

Eine Studie allein beweist nichts; erst viele Arbeiten zeichnen ein verlässliches Bild. So genannte systematische Reviews setzen diese wissenschaftliche Grundannahme in die Tat um. Dabei handelt es sich um strukturierte Übersichtsarbeiten, die den Forschungsstand zu einem bestimmten Thema darstellen. Ein solches Review inklusive einer umfangreichen Datenauswertung haben nun zwölf Autor*innen veröffentlicht, darunter auch sechs Wissenschaftler des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. Die Forschungsfrage: Wie wirksam ist körperliche Aktivität als Behandlungsoption bei Jugendlichen mit Depression?

Anhand geeigneter Methoden wird in einem „Systematic Review“ versucht, alles verfügbare Wissen zu einer Forschungsfrage zu sammeln, zusammenzufassen und kritisch zu bewerten. Grundlage dieser Übersichtsarbeit ist die bereits zu dem Thema publizierte Fachliteratur. Werden die Ergebnisse der bereits durchgeführten Studien zusammengefasst und ausgewertet, spricht man von einer Meta-Analyse. Ziel dieser Analyse ist, im Gesamtergebnis eine höhere Aussagekraft zu erzielen als es die Ergebnisse der Einzelstudien leisten können. Die Auswahl, welche Einzelstudien in die Meta-Analyse einfließen, treffen die Wissenschaftler*innen anhand streng definierter Kriterien und Methoden, die offengelegt werden müssen.

Ein Team aus zwölf Autor*innen von sieben unterschiedlichen Institutionen hat nun ein systematisches Review zur körperlichen Aktivität von Jugendlichen mit Depression veröffentlicht. Erstautor und korrespondierender Autor ist Max Oberste, Diplom-Sportwissenschaftler, Psychologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Molekulare und Zelluläre Sportmedizin des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin. Das Review mit dem Titel „Physical Activity for the Treatment of Adolescent Depression: A Systematic Review and Meta-Analysis“ erschien im März 2020 im Fachjournal Frontiers in Physiology.

„Es gibt einen beachtlichen Anteil an Jugendlichen mit Depression, bei dem die üblicherweise empfohlenen Behandlungen nicht wie gewünscht anschlagen“, erklärt Max Oberste den Hintergrund der Arbeit. „Mit unserem Review und der Meta-Analyse haben wir untersucht, wie wirksam Interventionen sind, die die körperliche Aktivität als alternative oder ergänzende Behandlung bei Jugendlichen mit Depression im Alter zwischen zwölf und achtzehn Jahren in den Fokus rücken“, fasst er den Forschungsansatz zusammen. Insgesamt wurden zehn Studien in die systematische Übersichtsarbeit einbezogen; in die Auswertung der Einzelstudien über die Meta-Analyse flossen neun Studien mit 431 Patient*innen ein. „Unsere Untersuchung legt nahe, dass körperliche Aktivität bei der Behandlung von Depression bei Heranwachsenden wirksam ist. Zudem deuten die Ergebnisse darauf hin, dass körperliche Aktivität als Behandlungsoption gut angenommen wird“, nimmt Oberste ein wesentliches Ergebnis des Reviews vorweg. Dabei sollte die körperliche Aktivität zumindest moderat intensiv sein. „Allerdings“, schränkt der Autor ein, „könnte die geringe methodische Qualität der eingeschlossenen Studien zu einer Überschätzung des Effekts geführt haben.“ Doch der Reihe nach…

In der Pubertät, also im Übergang von der Kindheit in das Erwachsenenalter, durchlaufen Jugendliche große physische, psychische und soziale Veränderungsprozesse. In dieser Lebensphase sind die Depressionsraten erhöht. Des Weiteren zeigt die Forschung, dass es zu einem Wiederauftreten von depressiven Episoden im Erwachsenenalter kommen kann, wenn Depression in der Jugend nicht erfolgreich behandelt werden. „Bei der Behandlung von Depression in der Jugend sind Verhaltenstherapie und Psychotherapie ebenso verbreitet wie die Pharmakotherapie, also die Behandlung mit Arzneimitteln. Die Therapieformen werden sowohl separat als auch kombiniert angewandt“, erklärt Oberste den Stand der Dinge. Dennoch gebe es einen nicht zu vernachlässigenden Anteil depressiver Jugendlicher, der von den üblichen Therapieformen nicht profitiere. „Nicht zuletzt deswegen ist in den vergangenen Jahren das Forschungsinteresse an körperlicher Aktivität als alternative oder ergänzende Behandlungsoption bei Jugenddepression gewachsen. Zudem lassen Meta-Analysen bei depressiven Erwachsenen erkennen, dass die körperliche Bewegung moderate bis große Effekte erzielen kann“, konstatiert der Wissenschaftler. Das vorliegende Review solle daher nicht nur Aussagen zur Wirksamkeit körperlicher Aktivität bei depressiven Jugendlichen insgesamt treffen, sondern auch die Charakteristika konkretisieren, das heißt wie die körperliche Betätigung genau aussehen sollte, um möglichst effektiv zu sein. Dies untersuchten die Wissenschaftler*innen über so genannte Untergruppenanalysen, welche die Intensität, Art, Dauer und den Kontext der körperlichen Aktivität spezifischer beschreiben sollten.

In die Analyse aufgenommen wurden Studien, deren Teilnehmer*innen zwischen zwölf und 18 Jahre alt waren und deren Erkrankung durch ein strukturiert-klinisches Interview diagnostiziert wurde. Auch Kontrollgruppenstudien sowie nicht randomisiert-kontrollierte Studien kamen unter bestimmten Umständen als Untersuchungsgegenstand in Frage. Es wurden Studien einbezogen, die den Schweregrad der depressiven Symptome nach der Intervention untersuchten.

Anhand ihrer methodischen Vorgaben durchsuchten die Wissenschaftler*innen verschiedene Datenbanken anhand eines Suchalgorithmus. Mehr als 4.000 Fundstellen wurden dabei zunächst identifiziert, nach dem Ausschluss von Duplikaten blieben mehr als 3.200 übrig. Nach dem Screening und der Durchsicht aller Auswahlkriterien kamen zunächst 26 Volltexte in die engere Wahl, von denen durch die weitere Analyse 16 ausgeschlossen wurden, weil deren Teilnehmer*innen zum Beispiel an weiteren Erkrankungen litten oder weil sie zum Ausgangspunkt der Studie nicht an Depression erkrankt waren. „Somit blieben am Ende zehn Studien übrig, die unseren Qualitätskriterien für das Systematic Review standhielten, wobei neun davon auch in die Meta-Analyse einflossen“, erklärt Oberste. Dabei stammt die älteste Studie aus dem Jahr 1985, die jüngste aus 2018. Die Stichprobengrößen reichten von 24 bis 100 Proband*innen; zwei Studien rekrutierten ausschließlich weibliche Jugendliche, eine Studie nur männliche.

In sechs der zehn Studien erhielten die Proband*innen ausschließlich das Bewegungsprogramm als Behandlung gegen ihre Depression. In den anderen vier Studien wurde eine Kombination aus Bewegungsprogramm und Psychotherapie bzw. Pharmakotherapie angewandt. Das Bewegungsprogramm reichte vom Ergometerfahren über Fußball, Badminton und Volleyball bis hin zu Walking und Laufen, Zirkeltraining, Tanzen, Schwimmen, Leichtathletik und Vibrationstraining.

„Anhand der Meta-Analyse konnten wir zeigen, dass körperliche Aktivität bei Jugendlichen mit Depression antidepressiv wirkt. Wir konnten einen moderaten Effekt nachweisen, was klinisch wichtig ist, da bislang nur von einem minimalen Effekt ausgegangen wurde“, fasst Max Oberste zusammen. Der Effekt, der für die Jugendlichen gefunden wurde, sei in etwa vergleichbar mit den klinischen Empfehlungen für die Behandlung von Depression bei Erwachsenen. Gleichwohl seien die Ergebnisse der Meta-Analyse mit einer gewissen Vorsicht zu genießen, sagt der Erstautor: „Die Evidenzsicherheit wurde als gering eingestuft, und einige Studien, die wir in die Meta-Analyse einbezogen haben, weisen teilweise methodische Mängel auf.“ Somit könnte der angenommene Effekt, den körperliche Aktivität bei der Behandlung von Depressionssymptomen bei Jugendlichen haben kann, als zu hoch eingeschätzt werden. Es seien mehr Studien von höherer methodischer Qualität erforderlich, um die Aussagekraft zu erhöhen.

Allerdings förderten die Untergruppenanalysen des Forscher*innenteams auch einige weitere interessante Ergebnisse zu Tage. „Ein sehr wichtiges Ergebnis ist, dass Jugendliche mit Depression ein Bewegungsprogramm als Behandlungsoption grundsätzlich sehr gut vertragen und durchhalten. Die Dropout-Rate scheint hier sogar geringer zu sein als bei den üblichen Therapien“, erklärt Oberste. Es sei also durchaus machbar, körperliche Aktivität in bestehende Therapieprogramme zu integrieren. Des Weiteren scheint die Intensität des Bewegungsprogramms entscheidend für den antidepressiven Effekt zu sein. „Bei geringer Intensität der Aktivität konnten wir nahezu keinen Effekt auf die Symptome der Depression feststellen, bei moderater und hoher Intensität hingegen schon. Zudem scheint der Zeitfaktor, also wie lang, wie oft und über welchen Zeitraum insgesamt das Bewegungsprogramm durchgeführt wird, keinen Einfluss zu haben. Das muss aber ebenso genauer untersucht werden wie der Langzeiteffekt der Bewegungstherapie“, sagt der Wissenschaftler mit Blick auf künftige Studien.

Das vollständige Systematic Review (DOI: 10.3389/fphys.2020.00185) können Sie hier online einsehen und herunterladen: https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fphys.2020.00185/full

Text: Julia Neuburg