Auf Augenhöhe begeistern: Kölner Jugendliche werden zu Bewegungscoaches für ihre Peers
Die AOK Rheinland/Hamburg und die Deutsche Sporthochschule Köln haben gemeinsam ein innovatives Qualifizierungsprojekt durchgeführt, in dem junge Menschen aus sozial benachteiligten Stadtteilen zu Bewegungscoaches ausgebildet wurden. Das Projekt setzte auf den bewährten Peer-to-Peer-Ansatz und sollte darüber zu einer Entwicklung niederschwelliger Bewegungsangebote direkt in der Lebenswelt der Zielgruppe führen.
Das Konzept: Von Peers für Peers
Mit dem Bewegungscoach wird ein ganzheitlicher Ansatz zur Gesundheitsförderung in der Kommune verfolgt. Junge Menschen aus ausgewählten Stadtteilen werden befähigt, eigenständig Sport- und Bewegungsangebote für Gleichaltrige zu planen und durchzuführen. Dabei steht nicht nur die Bewegungsförderung im Vordergrund, sondern auch die Stärkung der Gesundheitskompetenz und die persönliche Weiterentwicklung der Teilnehmenden.
Die Qualifizierung orientiert sich am Konzept der Sporthelfer-Ausbildung des Landessportbundes NRW und wurde speziell für das Setting Jugendzentren und Schulen in benachteiligten Quartieren entwickelt. Besonders wichtig ist der partizipative Charakter: Die zukünftigen Bewegungscoaches kommen selbst aus den Stadtteilen und kennen die Bedürfnisse und Interessen ihrer Peers.
Zunächst werden theoretische Grundlagen vermittelt, u.a. Wissen über gesundheitliche Effekte und Bewegungsempfehlungen, die Planung zielgruppenorientierter Bewegungsangebote sowie didaktisch-methodische Kompetenzen zur Gruppenleitung sowie Kommunikationsstrategien. Danach folgt die Praxisphase, in der mindestens vier Hospitationen bei erfahrenen Übungsleitungen absolviert werden, mit anschließender Supervision einer eigenständig durchgeführten Bewegungseinheit bzw. einer Lehrprobe.
Durchführung und Umsetzung
Das Projekt wurde zwischen November 2022 und Juni 2025 in drei Durchläufen in Köln durchgeführt: Der erste Durchlauf startete im April 2023 mit acht jungen Erwachsenen im Alter von 16 bis 22 Jahren, von denen fünf die theoretische Ausbildung erfolgreich abschlossen.
Im April 2024 qualifizierten sich sechs Personen, darunter erstmals auch pädagogische Fachkräfte aus Jugendzentren; diese Tandem-Qualifizierung erwies sich als wertvoll für die nachhaltige Verankerung in den Einrichtungen.
Von November bis Dezember 2024 nahmen sechs Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe II teil, von denen drei die gesamte Qualifizierung inklusive Praxisphase erfolgreich absolvierten und ihr Zertifikat erhielten.
Erfolge und Wirkung: Starkes Selbstvertrauen und neue Perspektiven
Alle Teilnehmenden bewerteten die Qualifizierung positiv. Besonders hilfreich empfanden sie die Inhalte zur eigenständigen Planung und Durchführung von Bewegungseinheiten, zur Kommunikation und zum Umgang mit Gruppen sowie zum Einfluss von Bewegung auf die Gesundheit.
Der subjektiv wahrgenommene Kompetenzgewinn wurde auf einer Skala von 1 bis 5 bewertet, in der die Teilnehmenden ihre Sicherheit in der Planung von Bewegungseinheiten mit durchschnittlich 4,6 Punkten schätzten. Auch beim Erkennen von Gefahrenstellen und beim sicheren Durchführen von Bewegungseinheiten fühlten sie sich deutlich gestärkt.
Ein besonderer Erfolg: Auch Teilnehmende, die die formale Praxisphase (Stufe II) nicht komplett abschlossen, initiierten eigenständig Bewegungsangebote in ihren Jugendzentren oder an benachbarten Grundschulen. Ein Teilnehmer aus Meschenich baute sogar eine nebenberufliche Selbstständigkeit als Personal Trainer auf.
Herausforderungen und Lösungsansätze
Die größte Herausforderung für die Teilnehmenden lag in der Praxisphase: Viele führten die erforderlichen Hospitationen zunächst nicht durch. Als Reaktion darauf wurde ein Buddy-System etabliert, bei dem gut vernetzte Studierende der Sporthochschule die Teilnehmenden bei der Organisation der Hospitationen bei Sportvereinen und anderen Anbietern unterstützten. Zudem wurde die Anzahl der erforderlichen Hospitationen von acht auf vier reduziert.
Besonders erfolgreich erwies sich die enge Betreuung durch Ansprechpersonen direkt in den Jugendzentren bzw. der Schule. An der Heinrich-Böll Gesamtschule ermöglichte die intensive Unterstützung durch die Sportlehrerin allen drei erfolgreichen Absolventinnen und Absolventen den vollständigen Abschluss der Qualifizierung.
Ausblick und Empfehlungen
Das Bewegungscoach-Projekt zeigt, wie nachhaltige Gesundheitsförderung in sozial benachteiligten Quartieren gelingen kann. Für zukünftige Durchläufe empfehlen die Projektverantwortlichen:
- Verstärkte Einbindung pädagogischer Fachkräfte in Tandem-Qualifizierungen
- Schaffung zentraler Qualifizierungsangebote, die Einzelanmeldungen aus verschiedenen Einrichtungen ermöglichen
- Engere Betreuung durch feste Ansprechpersonen in den Einrichtungen
- Flexible Gestaltung der Praxisphase mit Fokus auf praktische Umsetzung vor Ort
Das Projekt Bewegungscoach leistet einen wertvollen Beitrag zur Verringerung gesundheitlicher Ungleichheiten und zur Schaffung bewegungsfreundlicher Lebenswelten. Durch die Ausbildung lokaler Multiplikator*innen werden nachhaltige Strukturen aufgebaut, die weit über die Projektlaufzeit hinaus wirken.
Das Projekt wurde gefördert durch die AOK Rheinland/Hamburg – Die Gesundheitskasse und durchgeführt von der Deutschen Sporthochschule Köln, Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft, Abteilung Bewegungs- und Gesundheitsförderung.