Im Alexandra Palace in London steigt die Anspannung. Die dritte Runde der Darts-WM 2026 steht an. Die deutsche Hoffnung, Gabriel Clemens, trifft auf den Weltranglisten-Zweiten, den Engländer Luke Humphries. Schon beim Einzug der Spieler machen die deutschen Fans auf sich aufmerksam – mit Pfiffen gegen den Engländer. „Gabriel Clemens“ hallt es in Form von Sprechchören durch den Alexandra Palace, auch bekannt als Ally Pally.
3.000 Zuschauer*innen passen in die Halle und es wirkt, als beteiligen sich alle an der Show. Viele von ihnen sind verkleidet und grölen. Doch plötzlich ist es ganz still, denn Gabriel Clemens steht bereit hinter der Abwurflinie. 2,37 Meter sind es von hier bis zur Scheibe. In diesem Jahr hat er mehr Druck als sonst, denn neben den 3.000 Zuschauer*innen sitzen in Deutschland zeitweise 2,2 Millionen Menschen vor den Fernsehgeräten, um dieses Spiel zu sehen. Kein Wunder, Darts ist in Deutschland im Mainstream angelangt.
Bis hierhin war es für das Geschicklichkeitsspiel jedoch ein weiter Weg, denn die Geburtsstunde von Darts liegt schon fast 200 Jahre in der Vergangenheit. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde in Großbritannien auf Querschnitte von Bäumen geworfen. Am damaligen Dartpfeil wurden noch Federn von Truthähnen befestigt, diese wurden in den 1890ern jedoch durch Flügel aus Papier ersetzt. 1908 gab es erstmals Streit darum, was Darts denn eigentlich genau ist. Grund für den Streit war eine Anklage gegen einen Pub-Besitzer in England. Der Vorwurf: Darts ist Glücksspiel und Glücksspiel war in Pubs verboten. Daher erklärte man in der Folge Darts zum Geschicklichkeitsspiel. Seither darf Darts auch ganz offiziell in Pubs gespielt werden.
Damit weltweit unter gleichen Bedingungen gespielt wird, sind Maße und Aufbau exakt geregelt. Der Mittelpunkt jeder Dartsscheibe muss 1,73 Meter hoch sein. Die Abwurflinie ist immer 2,37 Meter entfernt und die Scheibe besteht aus 20 Segmenten, wobei jedem Segment eine Punktzahl von eins bis 20 zugeteilt ist. In der Mitte befindet sich der äußere Bull und das begehrte Bull’s Eye. Durch alle Segmente ziehen sich zwei Ringe: der Double Ring außen und der Triple Ring innen. Ein Treffer im Double Ring bringt die doppelte Punktzahl des Segments, bei einem Treffer in den Triple Ring gibt es das Dreifache an Punkten. Trifft man in der Mitte den Bull, gibt es 25 Punkte und bei einem Treffer in das winzige Bull’s Eye ganze 50. Die höchstmögliche Punktzahl mit einem Wurf sind 60 Punkte. Dies ist möglich durch das Treffen des Triple Rings der 20. Es gibt drei häufig gespielte Varianten: 501, 301 und Cricket. Beim 501 beginnt jedes Spiel mit 501 Punkten. Ziel ist es, genau auf null Punkte zu kommen. Das Spiel muss mit einem Treffer auf ein Doppelfeld beendet werden. Diese Variante sorgt bei Weltmeisterschaften für packende Duelle bis zum letzten Pfeil. 301 ist eine ähnliche Spielform, mit dem Unterschied, dass das Spiel mit 301 Punkten beginnt. Diese Form findet man häufiger in unteren Ligen und im Hobbybereich. Anders als beim 301 und 501 ist das Ziel beim Cricket nicht, die gesamten Punkte zu reduzieren, sondern auf bestimmte Felder zu zielen. Hierbei sind die Zahlen 15 bis 20 und das Bull die Zielbereiche. In Deutschland gibt es seit 1982 den Deutschen Dart Verband e.V. (DDV), der als nationaler Dachverband gilt. Seit 2003 gibt es zudem eine Bundesliga im DDV. Gespielt wird in Mannschaften. Eine Dartmannschaft in der höchsten Spielklasse besteht aus acht Spielenden. Die Bundesliga wird aufgeteilt in zwei Gruppen, die Bundesliga Nord und Süd. Die jeweils vier Erstplatzierten jeder Gruppe spielen am Ende jeder Saison den deutschen Mannschaftsmeister aus. Aktueller Spitzenreiter der Bundesliga Nord ist übrigens das Dart Team Köln. Seit 2010 ist der DDV zudem Mitglied im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Damit wird Darts vom DOSB als Sport angesehen. Seit 2018 bekommt der DDV außerdem Fördermittel aus dem für Spitzensport zuständigen Bundesministerium des Innern (BMI).
Zurück im Ally Pally in London verliert Gabriel Clemens sein Spiel gegen Luke Humphries mit 2:4, obwohl er so gut wirft wie noch kein deutscher Spieler bei Weltmeisterschaften vor ihm. Über das ganze Spiel hinweg schafft er es, einen Durchschnitt von über 100 Punkten pro drei Dartwürfe zu erzielen. Zum Vergleich: Die meisten Hobbyspieler*innen schaffen im Schnitt 30 bis 40 Punkte pro drei Darts. Eine Weltklasse-Leistung, mit der er ein Millionenpublikum in Deutschland vor den Fernsehern fesselt. Ob nun Sport oder nicht – Darts begeistert aktuell die Menschen.
Herr Türk, haben Sie dieses Jahr die Darts-Weltmeisterschaften angeschaut?
Nein. Es gibt viele Sportarten, für die ich mich sehr interessiere und die ich mir gerne anschaue – Darts gehört eher nicht dazu. Aber ich weiß, dass es viele Leute begeistert hat.
Sie sind Dozent für Schießsport an der Sporthochschule. Wo haben Darts und Schießsport denn Überschneidungspunkte?
Ich glaube, eine große Gemeinsamkeit dieser Sportarten ist schon die Diskussion darüber, ob sie überhaupt als Sport gelten. Viele Menschen verbinden Sport nämlich automatisch auch immer mit Fortbewegung. Ich betone dabei bewusst das Wort Fortbewegung, da Schießsport – genauso wie Darts – ein extremer Bewegungssport ist. Die hohe Kunst besteht darin, sich zu bewegen, ohne sich fortzubewegen. Genau darin liegt ein grundlegendes Problem unseres Sportverständnisses. Und gerade wir hier an der Sporthochschule sollten ein sehr weites Sportverständnis haben.
Als Laie vermutet man ja häufig, dass das Werfen auf eine Scheibe aus nicht mal drei Metern Entfernung, mit genug Übung, gar nicht so schwer sein kann. Was genau macht Präzisionssportarten wie Schießsport, aber auch Darts dennoch so schwer?
Ich kann relativ schnell die Grundbewegung beherrschen und damit auch erste Erfolge haben. Ich behaupte zum Beispiel von mir, dass ich in der Lage bin, die Dartscheibe zu treffen. Aber treffe ich auch die Triple 20? Vielleicht mit etwas Glück – aber nicht, weil ich es wirklich kann. Dahin zu kommen, ist nur mit extrem viel Training möglich, mit einem hohen Zeitaufwand, mit einer sehr guten Körperbeherrschung, mit dem Erlernen von bestimmten Atemtechniken und und und. Und ich glaube, das ist etwas, das von vielen Menschen extrem unterschätzt wird. Auf die Dartscheibe zu werfen, kann im Grunde jede Person, die das ein paar Mal gemacht hat – und sie wird auch treffen. Aber 501 mit neun Würfen zu spielen, das ist phänomenal. Selbst die besten Dartspieler und -spielerinnen schaffen das nicht immer, und die freuen sich dann riesig, wenn es ihnen gelingt. Ich glaube, genau das unterschätzen viele Laien, weil sie Darts eher als Kneipensport kennen.
Kritiker behaupten manchmal, dass es sich bei solchen Präzisionssportarten gar nicht so richtig um Sport handelt. Es gewinnt schließlich nicht der Stärkste, Schnellste oder Ausdauerndste. Wer gewinnt eigentlich?
Man hat es aktuell bei den Olympischen Winterspielen im Biathlon gesehen. Da haben wir mit Sicherheit deutsche Top-Athleten, aber die waren am Ende nicht so erfolgreich, wie man es eingeplant hatte. Woran lag das? Beim Schießen kommt es darauf an, nach Verlassen der Loipe, möglichst rasch eine hohe Kontrolle über den Puls zu erlangen. Und kriege ich das mit der Atmung hin? Finde ich den perfekten Schussrhythmus? Lasse ich mich vom Drumherum auch tatsächlich nicht beeinflussen? Nur wenn das funktioniert, werde ich erfolgreich sein. Und da spielt die Tagesform eine große Rolle, und die ist eben nicht an jedem Tag gleich. Aber genau das macht den Sport ja auch so faszinierend. Wenn ich immer wüsste, dass ich als Schnellster durch die Loipe hirsche und die Kippscheiben immer kippen lasse, ja Gott, warum sollte ich dann überhaupt noch antreten.
Zum Abschluss dann bitte Ihr Fazit – ist Darts Sport?
Ja, es ist alles drin, was wir von anderen Sportarten kennen. Und es erfüllt tatsächlich, wenn ich das so beantworten darf, Anforderungen, die wir an Sport stellen müssen: Motorik, Atemtechnik, Konzentration ... Und wir finden die komplette Palette vom Anfängerbereich bis hin zum Wettkampf im Leistungssport.
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