Ob im Stadion oder auf dem heimischen Sofa – Sportgroßveranstaltungen leben von Emotionen und gemeinsamen Erlebnissen. Gleichzeitig verändern Digitalisierung, neue Austragungsformate und steigende Erwartungen an Nachhaltigkeit die Art und Weise, wie Fans internationale Turniere wahrnehmen. Im Gespräch erklärt PD Dr. Kirstin Hallmann vom Institut für Sportökonomie und Sportmanagement, welche Faktoren heute über die Qualität von Fan-Erlebnissen entscheiden, welche Besonderheiten die FIFA-WM 2026 mit sich bringt und welche Herausforderungen das Sportmanagement künftig bewältigen muss.
Frau Hallmann, Großveranstaltungen wie die Fußball-WM ziehen Millionen Menschen an – vor Ort und vor den Bildschirmen. Welche Faktoren entscheiden heute darüber, ob Fans ein solches Event positiv wahrnehmen?
Aus wissenschaftlicher Sicht wissen wir, dass Fans ein Turnier nicht nur nach dem Ergebnis auf dem Platz beurteilen, sondern auch nach dem Gesamterlebnis – entweder im Stadion und in der Host City oder zu Hause vor dem Bildschirm.
Vor Ort sind vor allem drei Dinge relevant: Erstens die Atmosphäre – also die Stimmung im Stadion, in den Fan-Zonen, bei Public Viewings und das Festivalgefühl in der Stadt – hier geht es um Unterhaltung und soziale Interaktion. Zweitens die Servicequalität – Anreise, Sicherheit, Besucherlenkung, digitale Infos, Gastronomie und Preis-Leistungsverhältnis; insgesamt wird die Servicequalität positiv wahrgenommen, wenn die Leistung des Anbieters die eigenen Erwartungen übersteigt. Und drittens die soziale Dimension, verbunden mit Eskapismus – die gemeinsame Erfahrung mit anderen Fans, das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein, was nicht Teil des Alltags ist. Wenn diese Faktoren gut zusammenspielen, sprechen wir von hoher Erlebnisqualität.
Zu Hause vor dem Fernseher geht es ebenfalls um ein Fan-Erlebnis, nur anders gerahmt. Wichtig sind hier hochwertige TV- und Streaming-Produktionen, Second-Screen-Angebote, Interaktion in den sozialen Medien oder in Chat-Gruppen und zum Teil Public Viewing im kleineren Rahmen. Aus der Forschungsperspektive kann auch das Wohnzimmer zu einem „Mikro-Stadion“ werden: Wenn Emotionen, soziale Einbettung und mediale Inszenierung stimmen, kann die subjektive Erlebnisqualität auch hoch sein, nur deutlich anders ausgeprägt als im Stadion.
Hinzu kommt: Fans bewerten beides – Stadion- als auch TV-Erlebnis – zunehmend auch an Werten. Nachhaltigkeit, Integrität des lokalen Organisationskomitees, Menschenrechte, Transparenz in der Vergabe spielen eine immer größere Rolle. Kurz gesagt: Ein Turnier wird positiv wahrgenommen, wenn es starke Emotionen ermöglicht und zugleich verantwortungsvoll organisiert ist.
Die WM 2026 findet erstmals in drei Ländern statt. Welche Auswirkungen könnte dieses neue Austragungsmodell auf den Sporttourismus und die Fan-Erlebnisse haben?
Die WM 2026 ist nicht das erste Turnier mit mehreren Gastgebern – wir kennen Mehrländer-Formate von der Fußball-EM, etwa 2000, 2008, 2012 oder zuletzt 2021, und im Handball oder Eishockey sind gemeinsame Ausrichtungen seit etwa einer Dekade auch Routine. Der Unterschied bei der WM 2026 ist der Maßstab: Es handelt sich um drei sehr große Länder, mit enormen Distanzen und einem deutlich erweiterten Teilnehmerfeld.
Für den Sporttourismus bedeutet das zunächst eine stärkere Streuung: Fan-Reisen verteilen sich auf zahlreiche Städte in drei Ländern. Das reduziert lokale Überlastung, macht die Effekte jedoch deutlich heterogener: Einige Metropolen profitieren stark, andere eher begrenzt. Gleichzeitig wächst die Komplexität für Fans: Flüge, Visa-Regeln, Währungseffekte und Zeitzonen – das alles muss bei der Reiseplanung mitgedacht werden.
Für das Fan-Erlebnis vor Ort ist das Dreiländermodell ambivalent. Auf der einen Seite eröffnet es die Chance, mehrere Kulturen, Stadien und Fan-Szenen zu erleben – eine Art „Tournee-WM“, bei der Fans zwischen Kanada, Mexiko und den USA pendeln. Auf der anderen Seite sind die Distanzen so groß, dass sich viele Fans auf einen Cluster oder eine Stadt beschränken müssen. Das klassische Turniergefühl, bei dem sich Fans über Wochen in einer Host City begegnen, wird dadurch schwächer.
Parallel dazu gewinnt das Fan-Erlebnis zu Hause noch mehr an Bedeutung. Die räumliche Fragmentierung des Turniers wird durch mediale Inszenierung und digitale Angebote zusammengehalten: Highlight-Clips, personalisierte Feeds, Second-Screen-Formate und interaktive Tools schaffen ein virtuelles „Mega-Event“, das Fans weltweit gemeinsam erleben – auch wenn sie physisch sehr weit von den Stadien entfernt sind.
Aus Sicht des Sportmanagements: Welche Entwicklungen werden die Zukunft internationaler Sportgroßveranstaltungen in den kommenden Jahren besonders prägen?
Wenn wir in die Zukunft schauen, sehen wir neben Themen wie Nachhaltigkeit und Integrität/Governance vor allem eines: Das Fan-Erlebnis wird noch stärker zum zentralen strategischen Steuerungsfaktor internationaler Großevents – sowohl im Stadion als auch im Wohnzimmer.
Auf der physischen Seite werden Co-Hosting und dezentralere Formate zunehmen. Das zwingt Veranstalter dazu, Fan-Erlebnisse in Netzwerken von Standorten zu denken: Wie schaffe ich zusammenhängende Erlebnisräume über mehrere Städte und Länder hinweg? Wie gestalte ich Mobilität, Sicherheit und Aufenthaltsqualität so, dass Fans trotz Dezentralität ein kohärentes Turniergefühl entwickeln?
Gleichzeitig wird die digitale Fan Journey immer wichtiger. Künftig beginnt das Event für viele Fans lange vor dem Anpfiff – mit personalisierten Informationen, digitalen Communities, virtuellen Stadien oder AR-Elementen – und setzt sich nach dem Spiel mit On-Demand-Inhalten, Datenvisualisierungen oder interaktiven Formaten fort. Hier können neue Erlösmodelle entstehen, aber auch neue Fragen zu Teilhabe, Datenschutz und Zugänglichkeit.
Schließlich wird der Druck steigen, Fan-Erlebnisse evidenzbasiert zu evaluieren: Wer investiert, möchte wissen, wie sich ein Turnier auf Zufriedenheit, Loyalität, Tourismusströme oder das Image einer Region auswirkt – und zwar differenziert nach Fans vor Ort und Fans zu Hause. Das kann der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Fanerlebnissen, Servicequalität und Wirkungsanalyse eine noch wichtigere Rolle in der Gestaltung künftiger Sportgroßveranstaltungen geben.
Kontakt
PD Dr. Kirstin Hallmann
Institut für Sportökonomie und Sportmanagement, Abteilung Sportmanagement