Ein starkes Zukunftsprojekt für die Region

Die Rhein-Ruhr-Region bewirbt sich um die Ausrichtung der Olympischen und Paralympischen Spiele – mit Köln als Leading City. Welche Chancen könnte ein solches Großereignis für die Stadt, den Sport und die Menschen in der Region bieten? Und welche Rolle könnte die Deutsche Sporthochschule Köln dabei spielen? Darüber haben wir mit unserem Rektor Univ.-Prof. Dr. Ansgar Thiel gesprochen.

Herr Thiel, wenn Sie an Olympische und Paralympische Spiele in Köln denken: Welches Bild kommt Ihnen als erstes in den Kopf?
Ich habe sofort das Bild einer sehr lebendigen und offenen Stadt vor Augen. Köln ist bekannt dafür, dass man schnell miteinander ins Gespräch kommt. Diese besondere, kölsche Atmosphäre – herzlich, international und begeisterungsfähig – passt aus meiner Sicht sehr gut zu Olympischen und Paralympischen Spielen. Ich stelle mir Wettkämpfe vor der Kulisse des Rheins vor, Menschen aus aller Welt auf den Plätzen der Stadt und in den Veedeln. Überall würde man Sport erleben können: auf großen Plätzen, an öffentlichen Orten oder bei gemeinsamen Veranstaltungen. Die Spiele würden sich nicht nur auf Stadien und Sportanlagen beschränken, sondern mitten in der Stadt stattfinden und das Leben in Köln prägen.

Angenommen, Köln würde „Leading City“ der Bewerbung: Welche Bedeutung hätte das für den Sportstandort Köln?
Köln gehört bereits heute zu den wichtigsten Sportstandorten Deutschlands. Als Leading City könnte die Stadt diese Rolle noch einmal deutlich unterstreichen. Wir haben mit der Deutschen Sporthochschule Köln eine weltweit renommierte Institution. Dazu kommen Vereine wie der 1. FC Köln, erfolgreiche Teams in vielen anderen Sportarten sowie Einrichtungen wie die Trainerakademie oder die Führungsakademie des Deutschen Olympischen Sportbundes. Diese Kombination aus Spitzensport, Wissenschaft, Ausbildung und Vereinsleben ist in dieser Form einzigartig. Wenn all diese Kompetenzen gebündelt werden, kann Köln nicht nur Sportgeschichte schreiben, sondern auch Zukunft mitgestalten. Die Spiele könnten zeigen, welche gesellschaftliche verbindende Kraft Sport haben kann – und wie eine sportbegeisterte Stadt diese Kraft nutzt, um Menschen zusammenzubringen.

Welche Rolle könnte die Deutsche Sporthochschule Köln bei den Spielen in der Region konkret spielen?
Die Deutsche Sporthochschule Köln ist bereits heute in Gespräche rund um eine mögliche Bewerbung eingebunden – etwa mit der Staatskanzlei oder dem Sportamt der Stadt Köln. In diesem Austausch bringen wir vor allem Ideen und wissenschaftliche Perspektiven ein. Eine offiziell definierte Rolle gibt es derzeit noch nicht, aber unsere Expertise wird in verschiedenen Bereichen bereits nachgefragt. Grundsätzlich könnte die Sporthochschule in mehrfacher Hinsicht eine wichtige Rolle übernehmen. Zum einen als wissenschaftliche Partnerin – beispielsweise in der Leistungsdiagnostik, der Trainingswissenschaft oder der Sportmedizin. Schon im Vorfeld der Spiele könnten wir ein wissenschaftliches Zentrum für Athletinnen und Athleten sein. Zum anderen könnten wir unsere Kompetenzen in der Beratung einbringen, etwa in Fragen des Sportmanagements, der Organisation oder der nachhaltigen Planung von Großveranstaltungen. Gerade bei Olympischen und Paralympischen Spielen ist es entscheidend, sportliche, organisatorische und gesellschaftliche Aspekte zusammenzudenken. Als international renommierte Universität könnten wir außerdem eine Plattform für den Austausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Praxis bieten. Eine solche Vernetzung kann dazu beitragen, dass Olympische und Paralympische Spiele nicht nur ein sportliches Ereignis bleiben, sondern auch langfristige Impulse für die Region setzen.

Welche Chancen würden die Spiele für Studierende und Forschende der Sporthochschule eröffnen?
Für Studierende und Forschende wäre das eine einmalige Gelegenheit. Olympische und Paralympische Spiele sind nicht nur ein sportliches Großereignis, sondern auch ein enormes Forschungsfeld. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler könnten mitten im größten Sportereignis der Welt arbeiten und beispielsweise untersuchen, welche Auswirkungen die Spiele auf Stadtentwicklung, gesellschaftliche Identifikation oder die Akzeptanz in der Bevölkerung haben. Solche Prozesse lassen sich über mehrere Jahre hinweg beobachten und wissenschaftlich begleiten. Auch organisatorisch gäbe es viele Berührungspunkte – etwa bei der Betreuung von Athletinnen und Athleten oder in der Dopinganalytik. Für Studierende bestünde zudem die Möglichkeit, als Volunteers mitzuwirken oder in Forschungsprojekte eingebunden zu sein – eine Erfahrung, die man im Hörsaal allein nicht machen kann.

Sport-Großevents werden häufig auch kritisch gesehen – wegen Kosten oder fehlender Nachhaltigkeit. Was müsste aus Ihrer Sicht passieren, damit die Spiele tatsächlich ein Gewinn für die Region werden?
Ich kann diese Skepsis gut nachvollziehen, denn wir kennen aus der Vergangenheit Beispiele mit stark steigenden Kosten, problematischen ökologischen Folgen oder Verdrängungseffekten in Städten. Deshalb muss eine mögliche Bewerbung von Anfang an darauf ausgerichtet sein, Risiken zu analysieren und zu vermeiden: durch die Nutzung bestehender Sportstätten, durch klare Kostenkontrolle, durch transparente Planung und durch verbindliche Nachhaltigkeitsziele. Wenn Investitionen vor allem der Region langfristig nutzen – etwa für Sportstätten, Mobilität oder Stadtentwicklung – dann können die Spiele tatsächlich einen Mehrwert schaffen. Entscheidend ist, dass sie nicht der Stadt „übergestülpt“ werden, sondern dass sie sich in die langfristige Entwicklung der Region einfügen. Deshalb ist auch der Bürgerentscheid so wichtig: Er sorgt dafür, dass eine solche Entscheidung demokratisch getragen wird.

Bis zum 19. April können Bürgerinnen und Bürger ihre Stimme abgeben. Warum lohnt es sich aus Ihrer Sicht, dieser Bewerbung eine Chance zu geben?
Olympische und Paralympische Spiele können ein starkes Zukunftsprojekt sein. Wenn sie gut geplant sind, können sie wichtige Impulse für Infrastruktur, Sportstätten oder öffentliche Räume geben. Viele Sportanlagen in Deutschland sind sanierungsbedürftig – hier könnte eine Bewerbung Modernisierung anstoßen. Gleichzeitig könnten neue Begegnungsräume entstehen: Plätze, an denen Menschen gemeinsam Sport erleben, Public Viewing verfolgen oder sich einfach treffen. Gerade Innenstädte verändern sich derzeit stark. Viele Menschen verbringen ihre Freizeit zunehmend im privaten Raum. Die Spiele könnten Anlass sein, öffentliche Orte neu zu gestalten – Orte, an denen Begegnung wieder selbstverständlich wird. Gerade für eine Region wie Köln und das Ruhrgebiet könnte eine solche Entwicklung langfristige positive Effekte haben.

Stellen wir uns vor, die Spiele finden tatsächlich bei uns statt: Wie sollte Köln danach aussehen?
Ich stelle mir vor, dass Köln danach noch attraktivere öffentliche Räume hat – Orte, an denen sich Menschen begegnen, sich bewegen und gemeinsam aktiv sein können. Das ist fast wichtiger als neue Sportstätten allein. Idealerweise entstehen Plätze mit Sportmöglichkeiten, Aufenthaltsflächen und Begegnungsorte für alle Generationen: Orte, an denen man Basketball spielen, sich treffen, vielleicht auch einfach draußen sitzen kann. Solche Räume können das Stadtleben nachhaltig verändern. Ein wichtiges Vermächtnis wäre außerdem, dass Sport und Bewegung stärker im Alltag der Menschen verankert werden. Wenn die Spiele dazu beitragen, Menschen langfristig zu mehr Bewegung zu motivieren, wäre das ein großer Gewinn.

Olympische und Paralympische Spiele in Köln … Worauf freuen Sie sich am meisten?
Auf die Atmosphäre. Eine Stadt, die von einem solchen Ereignis lebt, in der Menschen gemeinsam feiern, mitfiebern und jubeln. Die Spiele bieten außerdem die Chance, viele Sportarten zu entdecken, die sonst wenig Aufmerksamkeit bekommen. Oft konzentriert sich die öffentliche Wahrnehmung auf wenige populäre Disziplinen – dabei ist die Vielfalt des Sports viel größer. Ich freue mich auch auf die internationale Begegnung – Athletinnen und Athleten sowie Gäste aus der ganzen Welt. Und als Rektor der Kölner Sportuniversität würde ich mich besonders darüber freuen, wenn unsere Studierenden als Volunteers Teil dieses Ereignisses werden und aktiv daran mitwirken können.

  • Kurze Wege für spektakuläre Spiele: Die meisten Sportstätten liegen innerhalb von 40 km bzw. 60 Minuten Fahrtzeit
  • Innovative Nachnutzung: Das temporäre Leichtathletik-Stadion und das Olympische/Paralympische Dorf werden nach den Spielen zum neuen Stadtquartier in Köln-Blumenberg
  • Über 700.000 m² Messefläche

„Wenn Investitionen vor allem der Region langfristig nutzen – etwa für Sportstätten, Mobilität oder Stadtentwicklung – dann können die Spiele tatsächlich einen Mehrwert schaffen."

Univ.-Prof. Dr. Ansgar Thiel


Rektor