Wozu noch Sportjournalismus?

Ein Gespräch mit Jun.-Prof. Dr. Daniel Nölleke über Social Media, Fußball und den Wandel der Medien

Daniel Nölleke ist Juniorprofessor für Sportjournalismus und Öffentlichkeitsarbeit an der Deutschen Sporthochschule Köln

Herr Nölleke, in Ihrer Forschung beschäftigen Sie sich mit dem Wandel der Sportkommunikation. Warum ist dieses Thema gerade in Bezug auf die Fußball-Weltmeisterschaft so relevant?

Der Fußball ist längst nicht mehr nur ein Sportereignis – er ist ein Medienereignis. Während früher Journalistinnen und Journalisten die wichtigsten Vermittler zwischen Sport und Publikum waren, kommunizieren Vereine, Verbände, Spielerinnen und Spieler heute direkt über soziale Medien. Dadurch verändert sich die gesamte Informationslandschaft im Sport. Wir haben eine Spielverlagerung in der Sportkommunikation.

Was meinen Sie damit?

Professioneller Sportjournalismus ist nicht mehr automatisch der zentrale „Spielmacher“, wenn es um sportbezogene Informationen geht. Neue Akteure – etwa Vereine, Influencer oder spezialisierte Content-Creator – übernehmen zunehmend diese Rolle. Sie verfügen oft über direkten Zugang zu den Beteiligten und erreichen insbesondere junge Zielgruppen sehr erfolgreich.

Welche Rolle spielen soziale Medien dabei?

Eine sehr große. Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube haben neue Formate hervorgebracht. Fußball wird dort nicht nur berichtet, sondern erlebt, kommentiert und inszeniert. Viele junge Menschen informieren sich heute zuerst über diese Kanäle und erst danach – wenn überhaupt – über klassische Medien.

Bedeutet das, dass der klassische Sportjournalismus an Bedeutung verliert?

Zumindest steht er unter erheblichem Druck. Die ökonomischen Rahmenbedingungen vieler Redaktionen haben sich verschlechtert, gleichzeitig wächst die Konkurrenz durch alternative Informationsangebote. Deshalb stellt sich zunehmend die Frage: Welche besonderen Leistungen kann professioneller Sportjournalismus noch erbringen?

Und wie würden Sie diese Frage beantworten? Wozu brauchen wir noch Sportjournalismus?

Gerade in einer digitalisierten Medienwelt brauchen wir unabhängigen Journalismus. Seine Aufgabe besteht nicht nur darin, Ergebnisse oder Transfermeldungen zu verbreiten. Journalismus kann einordnen, recherchieren, kritisch nachfragen und Machtstrukturen sichtbar machen. Diese Funktionen werden sogar wichtiger, wenn viele andere Akteure eigene Interessen verfolgen. 

In einem vergangenen Vortrag haben Sie von „klebriger Nähe“ zwischen Sport und Medien gesprochen. Was steckt dahinter?

Sportjournalismus bewegt sich traditionell in einem Spannungsfeld: Einerseits braucht er Nähe zu Vereinen, Verbänden und Sportlerinnen oder Sportlern, um Zugang zu Informationen zu erhalten. Andererseits muss er genügend Distanz wahren, um kritisch berichten zu können. Dieses Spannungsverhältnis besteht seit Jahrzehnten – durch Social Media wird es jedoch noch komplexer.

Wie verändert die direkte Kommunikation von Vereinen und Athletinnen bzw. Athleten die journalistische Arbeit?

Die klassischen Gatekeeper-Funktionen des Journalismus nehmen ab. Wenn ein Verein Nachrichten selbst veröffentlicht oder Spieler ihre Sichtweise direkt mit Millionen Followern teilen, sind Journalistinnen und Journalisten nicht mehr die einzigen Vermittler. Umso wichtiger wird ihre Rolle als Prüfende und Einordnende.

Welche Herausforderungen ergeben sich daraus speziell im Fußball?

Fußball besitzt eine enorme gesellschaftliche Reichweite und emotionale Bindungskraft. Gerade deshalb sollten Themen wie wirtschaftliche Interessen, Governance-Fragen, politische Dimensionen oder soziale Verantwortung journalistisch begleitet werden. Die Gefahr besteht sonst darin, dass kritische Perspektiven verloren gehen.

Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich für die zukünftige Sportberichterstattung?

Mehr Mut zur Einordnung und zur kritischen Perspektive – ohne dabei die Faszination des Sports aus den Augen zu verlieren. Sportjournalismus sollte nicht nur begleiten, sondern auch erklären, hinterfragen und zur öffentlichen Debatte beitragen.