Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 markiert einen historischen Einschnitt: Erstmals werden 48 Mannschaften teilnehmen, und erstmals wird das Turnier in drei Gastgeberländern – den USA, Mexiko und Kanada – ausgetragen. Während die FIFA auf Wachstum und globale Reichweite setzt, werden zugleich Fragen nach Nachhaltigkeit, gesellschaftlicher Verantwortung und der politischen Instrumentalisierung des Sports immer lauter. Welche Chancen und Risiken birgt das neue WM-Format? Welche Rolle können Fußballgroßereignisse in einer zunehmend polarisierten Welt noch spielen? Und wie verändern sich nationale Identitäten und Fan-Kulturen im 21. Jahrhundert? Über diese Entwicklungen spricht Jürgen Mittag, Professor für Sportpolitik und Leiter des Instituts für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung der Deutschen Sporthochschule Köln.
Herr Mittag, die Fußball-WM 2026 wird erstmals mit 48 Mannschaften und in drei Gastgeberländern ausgetragen. Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie in diesem neuen Format?
Die Erweiterung auf 48 Mannschaften eröffnet der FIFA auf der einen Seite erhebliche politische und wirtschaftliche Chancen. Mehr Teilnehmer bedeuten auch mehr nationale Verbände, die unmittelbar von der WM profitieren und sich stärker in die Fußballwelt der FIFA einbinden lassen. Die FIFA kann dadurch Zustimmung, Loyalität und Legitimation innerhalb ihrer sehr heterogenen Mitgliederstruktur stärken. Gleichzeitig ermöglicht das neue Format auch kleineren oder bislang wenig sichtbaren Fußballnationen eine größere internationale Bühne, wodurch tatsächlich neue sportliche Perspektiven und Geschichten sichtbar werden können.
Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass die WM zunehmend unübersichtlich wird und ihren bisherigen Charakter als Wettbewerb der besten Fußballnationen verliert. Die hohe Zahl an Spielen, die räumliche Verteilung über drei Länder und die starke Kommerzialisierung fördern den Eindruck eines globalen Massenspektakels, das von vielen Zuschauerinnen und Zuschauern nur noch über Highlights, Zusammenfassungen und digitale Kurzformate konsumiert wird. Die Herausforderung wird darin bestehen, trotz Expansion bzw. Inflation sportliche Qualität und emotionale Begeisterung aufrechtzuerhalten.
Großereignisse wie die Fußball-WM stehen zunehmend im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen Interessen, Nachhaltigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung. Welche Entwicklungen beobachten Sie in diesem Zusammenhang besonders aufmerksam?
Wir beobachten seit Jahren eine deutliche Verschiebung zugunsten kommerzieller Interessen. Sowohl internationale Verbände wie die FIFA als auch Gastgeberstaaten und Sponsoren verfolgen mit Mega-Events zunehmend ökonomische, geopolitische und imagepolitische Ziele. Nachhaltigkeits- und gesellschaftspolitische Narrative bleiben zwar ebenfalls wichtig, dienen aber häufig auch der Legitimation hochgradig kommerzialisierter Veranstaltungen.
Gleichzeitig wächst der gesellschaftliche Protest gegen Sportgroßereignisse. Fragen nach öffentlichen Kosten, ökologischen Belastungen, Sicherheitsmaßnahmen oder sozialer Verdrängung werden heute wesentlich kritischer diskutiert als noch vor zwanzig Jahren. Entscheidend wird sein, ob sich insbesondere in europäischen Ländern und namentlich in Deutschland eine „Abstimmung mit den Füßen“ bzw. „mit der Fernbedienung“ fortsetzt – also sinkende Begeisterung, selektiver Medienkonsum oder bewusste Distanzierung von bestimmten Turnieren. Das könnte langfristig auch die Legitimität von Sport-Mega-Events reduzieren.
Die Austragung in den USA, Mexiko und Kanada fällt in eine Zeit zunehmender geopolitischer Spannungen. Welche Rolle kann eine Fußball-WM heute noch als Ort internationaler Verständigung spielen?
Fußball besitzt unvermindert beträchtliches Potenzial, Menschen, Gesellschaften und Staaten zusammenzubringen. Fußball-Weltmeisterschaften eröffnen gemeinsame Kommunikationsräume, emotionale Identifikation und transnationale Begegnungen, die politische Spannungen zumindest zeitweise überlagern oder relativieren können. Gerade darin liegt bis heute die integrative Kraft globaler Sportereignisse.
Gleichwohl darf man die konflikthafte Dimension solcher Turniere nicht unterschätzen. Fußball-Weltmeisterschaften sind immer auch Projektionsflächen nationaler Interessen, politischer Narrative und geopolitischer Selbstdarstellung. Sie können Konflikte sichtbar machen, symbolisch zuspitzen oder sogar vertiefen. Besonders im Fall der USA dürfte deutlich werden, wie stark auch demokratische Staaten Sportgroßereignisse politisch instrumentalisieren – etwa zur Darstellung nationaler Stärke, wirtschaftlicher Führungsansprüche oder individueller Interessen wie im Fall von Präsident Donald Trump. Die WM 2026 wird daher absehbar sowohl Momente internationaler Verständigung als auch neue Formen symbolischer Konkurrenz hervorbringen.
Fußballgroßereignisse stärken oft nationale Identitäten, können aber auch Polarisierung fördern. Wie beurteilen Sie die politische Bedeutung von Nationalmannschaften und Fan-Kulturen im 21. Jahrhundert?
Nationalmannschaften verfügen auch im 21. Jahrhundert über beträchtliches politisches und gesellschaftliches Mobilisierungspotenzial. Dies wird auch in den Fan-Kulturen sichtbar. Gerade in Zeiten zunehmend fragmentierter Gesellschaften bieten Fußballgroßereignisse seltene Momente kollektiver Identifikation und emotionaler Gemeinschaft. Nationalteams fungieren dabei häufig als symbolische Verdichtung gesellschaftlicher Selbstbilder, Hoffnungen und Zugehörigkeiten.
Zugleich unterliegen Fan-Kulturen heute einem stärkeren Grad an Politisierung als früher. Fragen von Migration, Diversität, Geschlecht, Nation oder gesellschaftlicher Repräsentation spiegeln sich unmittelbar im Fußball wider oder werden über diesen „verhandelt“. Dadurch avancieren Nationalmannschaften zunehmend zu Austragungsorten gesellschaftlicher Debatten und Konflikte. Fußballgroßereignisse sind deshalb nicht nur Sportveranstaltungen, sondern auch Plattformen zur Aushandlung moderner Identitäten, politischer Zugehörigkeiten und kultureller Selbstverständnisse.
Univ.-Prof. Dr. Jürgen Mittag
Sportpolitikprofessor an der Deutschen Sporthochschule Köln
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