Wenn die FAZ bei großen Fußballturnieren auf wissenschaftliche Prognosen setzt, stammen die Analysen häufig von Daniel Memmert und Fabian Wunderlich von der Deutschen Sporthochschule Köln. Mit datenbasierten Modellen berechnen die beiden Experten Siegchancen, Turnierverläufe und mögliche Überraschungen. Ihre Prognosen zeigen, wie moderne Sportwissenschaft dabei hilft, die Unwägbarkeiten des Fußballs besser zu verstehen.
Grundlage ihrer Analysen sind statistische Modelle, die unter anderem Teamstärken, Wettmarktinformationen und historische Spieldaten berücksichtigen und komplette Turnierverläufe simulieren können. Memmert und Wunderlich beschäftigen sich wissenschaftlich mit Sportanalytik und Vorhersagemodellen im Fußball und haben dazu auch mehrere Forschungsarbeiten veröffentlicht. Ihr Ziel ist nicht die „Glaskugel“, sondern die möglichst präzise Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten – immer mit dem Wissen, dass der Fußball trotz aller Daten eine Sportart mit hohem Zufallsanteil bleibt.
Woran kann im Vorhinein schon festgemacht werden, wer ein Fußballspiel gewinnen wird?
Memmert: Dafür gibt es zahlreiche Indikatoren. Die eigene subjektive Einschätzung ist natürlich eine Möglichkeit, wir würden aber immer empfehlen, diese um objektive Indikatoren zu erweitern. Wie auch beim letzten Turnier werden mehrere Informationen zur Verfügung gestellt. So kann jeder für seine eigene Tipprunde der Einschätzung vertrauen, die er oder sie am relevantesten findet. Der Erfolg der Mannschaften in der Vergangenheit spiegelt sich in den Ergebnissen des letzten Turniers und in der FIFA-Weltrangliste wider. Etwas genauer wird es, wenn die Qualität auf Spielerebene quantifiziert wird, zum Beispiel durch community-basierte Marktwerteinschätzungen. Der objektiv genaueste Indikator ist der Wettmarkt, denn hier können alle diese Informationen sowie zusätzlich komplexe datenbetriebene mathematische Modelle einfließen und werden implizit zu einer Prognose kombiniert.
Welcher Faktor wird am ehesten unterschätzt?
Wunderlich: Eindeutig der Zufall. Wir wissen aus einer eigenen Studie in der Premier League, dass wir bei fast jedem zweiten Tor ein Zufallsmerkmal beobachten können. Insofern kann ein Prognosemodell zwar die systematische Komponente sehr gut abschätzen, hinzu kommt aber immer der Zufall, wodurch sich am Ende eine Prozentzahl ergibt. Auch die klarste Prognose kann somit mal daneben liegen. In unserer Studie sehen wir insgesamt eine leicht sinkende Tendenz des Zufallseinflusses über die Zeit, vermutlich durch systematische Ansätze in Training und Spielanalyse. Der Einfluss des Zufalls bleibt aber massiv und wird – vor allem im Nachhinein – oft verklärt.
Memmert: Wir haben uns diese Zufallsmerkmale zudem genauer angeschaut, zum Beispiel bei mehr als 250 Eigentore und mehr als 550 Tore nach Abprallern. Wir können somit sagen, wie sie sich von anderen Toren unterscheiden, in welchen Zonen sie erzielt werden, welche Aktion ihnen vorhergehen und somit auch, dass Systematik und Zufall hier verschwimmen. Beim letzten großen Turnier, der Euro 2024 im eigenen Land, wurde viel über die zehn erzielten Eigentore diskutiert. Das war sicher eine besondere Häufung, aber insgesamt sehen wir in unserer Datenbasis, dass 3,5% aller Tore Eigentore waren, 7,7% ging ein unkontrollierter Abpraller voraus (zum Vergleich: 7,1% waren Elfmeter aus dem Spiel und 8,5% fielen nach einem Freistoß). Bedenkt man den Aufwand, um Elfmeter und Freistöße zu trainieren, sind das enorm viele Tore, die zufällige Elemente benötigen. Bei aller Systematik im modernen Fußball, dürfen die Spieler und Trainer daher nicht außer Acht lassen, Chaos zu kreieren und so den Zufall herauszufordern.
Warum schauen Sie so stark auf den Wettmarkt?
Wunderlich: Wettquoten entstehen in einem Marktumfeld und Märkte sind faszinierende Konstrukte. Im Prinzip kann jeder Marktteilnehmer durch seine Wette den Markt ein kleines Stück beeinflussen. Diese Möglichkeit, gepaart mit hohen finanziellen Anreizen die richtigen Entscheidungen zu treffen, sorgt dafür, dass Informationen sehr flexibel und effizient den Weg in die Märkte finden. Empirisch können wir eindeutig nachweisen, dass Wettquoten viel bessere Prädiktoren sind als Tore oder Punkte und selbst besser als mathematische Modelle wie das aus dem Schach bekannte und mittlerweile in der FIFA-Weltrangliste aufgegriffene Elo-Rating.
Viele dieser Analysen basieren auf Ligaspielen. Sind Länderspiele noch einfacher vorherzusagen als Ligaspiele, weil es bei einer WM maximale öffentliche Beachtung gibt?
Memmert: Eher im Gegenteil. In einer typischen Liga spielen die Teams jeder gegen jeden in Hin- und Rückspiel. Dadurch können die Stärken der Teams sehr transparent beobachtet werden. Komplizierter wird es, wenn es darum geht, Teams aus verschiedenen Ligen miteinander zu vergleichen. Aber auch hier konnten wir in einer Studie unter Einbezug von 23 Ligen und elf Pokalwettbewerben aus zehn Ländern sowie drei internationalen Wettbewerben nachweisen, dass Teams selbst dann gut vergleichbar sind, wenn sie in unterschiedlichen Kontexten spielen und sich selten oder nie in einem Spiel begegnen. Auch dieser Fall ist für Teams wichtig, die ja für Spielekäufe die Spieler aus anderen Ländern, Ligen und somit komplett anderen Kontexten bewerten müssen. Bei Länderspielen, ist die Bewertung nicht ganz simpel. Schließlich spielen Nationalmannschaften vergleichsweise selten, die Bewertung der Mannschaften muss also auch indirekt darauf beruhen, welche Spieler im Kader stehen und wie gut diese in ihren Vereinsmannschaften spielen.
Weiß der Markt schon länger vor dem Turnier, wer die Favoriten sind?
Memmert: Im Prinzip schon, denn die Qualität einer Fußballnation ändert sich ja in kurzer Zeit nicht so grundlegend. Wir haben dennoch die Wettquoten schon einige Wochen vor dem Turnier beobachtet, um zu sehen, wie sich die Einschätzung im Laufe der Zeit verändert.
Wunderlich: Große Veränderungen gab es dabei nicht, aber einige Dinge konnten wir in den Daten schon beobachten. Insbesondere ist die Titelwahrscheinlichkeit der Franzosen angestiegen und die der Spanier leicht gesunken. Die Gründe lassen sich nicht eindeutig belegen, wir vermuten aber stark, dass insbesondere die Leistungen der Nationalspieler in den europäischen Wettbewerben hier entscheidenden Einfluss haben.
Wer sind die Favoriten und gehört Deutschland dazu?
Memmert: Spanien, Frankreich und England sind die Top 3, gefolgt von den südamerikanischen Teams Brasilien und Argentinien. Deutschland gehört zu den 8 Mannschaften mit den höchsten Chancen, somit also eher nur zum erweiterten Favoritenkreis. Insgesamt sind die Favoritenrollen aber klar verteilt. Die ersten 8 Teams vereinen zusammen ca. 80% Titelwahrscheinlichkeit auf sich, die restlichen 40 Teams gemeinsam nur ca. 20%.
Können USA, Mexiko und Kanada auf den Heimvorteil bauen?
Wunderlich: Ja und nein. Der Heimvorteil ist unbestritten und robust belegt. Selbst während Corona war der Heimvorteil nachweislich nicht komplett verschwunden und bei vollen Stadien spielt er erst recht eine entscheidende Rolle. Das heißt, dass auch die Gewinnwahrscheinlichkeit der drei Heimmannschaften in ihren Matches dadurch steigt. Insgesamt sind die drei Teams allerdings nicht stark genug eingeschätzt, als dass der Heimvorteil sich in relevanter Weise auf die Turnierfavoriten auswirken würde.
Was ändert sich durch den neuen Modus der WM mit 48 Mannschaften?
Memmert: Aus Vorhersage-Perspektive gleich mehrere Dinge… angefangen mit der Qualität der Mannschaften. Nach der erstmaligen Aufstockung der Euro auf 24 Teams in 2026 gab es Befürchtungen, was die Qualität der Mannschaften angeht. Im Turnierverlauf konnte man feststellen, dass dies unbegründet war, denn selbst die größten Außenseiter konnten sehr gut mithalten. Bei der WM ist unsere Einschätzung da allerdings anders. Hier sehen wir riesige Qualitätsunterschiede, die sich auch in der Prognose einzelner Spiele widerspiegeln werden. Bei manchen Spielen wie Brasilien gegen Haiti, Deutschland gegen Curacao oder Spanien gegen Kap Verde werden wir Prognosen sehen, die ungleicher kaum sein könnten.
Wunderlich: Der Modus wirkt sich auch noch auf zwei weitere Aspekte auf unsere Prognose aus. Das Risiko für ein Vorrunden-Aus ist für die großen Teams auf ein absolutes Minimum reduziert. Einerseits wegen der schon genannten Qualitätsunterschiede, andererseits aber auch, weil ein dritter Platz in der Gruppe zum Weiterkommen reichen kann. Ausrutscher werden also eher toleriert und das Risiko, dass ein Team wie Spanien, Frankreich, England oder auch Deutschland die Gruppe nicht übersteht ist im Vergleich zu vorherigen Turnieren noch einmal ganz deutlich geringer. Richtig spannend wird es dann aber nach der Gruppenphase. Hier kann der Turnierbaum die Titelwahrscheinlichkeiten gehörig durcheinander wirbeln. Nicht nur, dass der kommende Weltmeister eine KO-Partie mehr überstehen muss, je nach Verlauf der Vorrunde kann sich für manche Teams ein sehr schwerer, für andere ein eher leichterer Turnierbaum ergeben mit massiven Auswirkungen auf die Titelwahrscheinlichkeit.
Was bringt die Zukunft der Prognosemodelle im Fußball?
Memmert: Das Schöne ist ja, dass der Wettmarkt in der Lage ist, innovative Ideen sofort aufzunehmen. Das heißt, falls es überhaupt noch Verbesserungsbedarf gibt, werden sich neue Ideen sehr schnell auch in den Wettquoten widerspiegeln. Bei zukünftigen Ideen geht es aber ja nicht nur darum, Fußballspiele zu prognostizieren, sondern insgesamt darum, den Fußball zu verstehen und zu verbessern. Ein Prognosemodell an sich erklärt schließlich noch nicht alle Gründe und gibt insbesondere keinen Aufschluss darüber, wie eine Mannschaft besser wird. Um den Bereich Perfomance Analysis im Fußball voranzubringen, braucht es auch in Zukunft einige Dinge: Machine Learning, Künstliche Intelligenz und hohe Datenmengen auf der einen Seite, aber auch wissenschaftliche Theorie, saubere Methodik und erklärbare Modelle auf der anderen Seite. Zudem dürfen wir bei allen vorhandenen Daten nicht vergessen, experimentell zu arbeiten, um den Sport zu verstehen und wir müssen schauen, dass Wissenschaft und Praxis im Austausch sind.
Gibt es nicht auch Aspekte des Spiels, die gar nicht vorhersagbar sind? Elfmeterschießen zum Beispiel?
Wunderlich: Wir versuchen ja immer zu unterstreichen, dass der Fußball weniger vorhersehbar ist als oft angenommen und Prognosen am Ende aus Wahrscheinlichkeiten bestehen. Zum Elfmeterschießen haben wir in Studien herausgefunden, dass bessere Teams im Schnitt auch besser Elfmeter schießen. Auch Druck spielt dabei eine entscheidende Rolle. Aber am Ende des Tages bleibt ein Elfmeterschießen kaum vorhersehbar. Auch diese WM könnte also durch ein Elfmeterschießen entschieden werden und hier sollte jeder vorsichtig mit Prognosen sein …
Univ.-Prof. Dr. Daniel Memmert
Geschäftsführender Leiter des Instituts für Trainingswissenschaft und Sportinformatik
Generelle Rückfragen
Fragen zur Methode
Zufallseinfluss im Fußball
Wunderlich, F., Seck, A., & Memmert, D. (2021). The influence of randomness on goals in football decreases over time. An empirical analysis of randomness involved in goal scoring in the English Premier League. Journal of Sports Sciences, 39(20), 2322-2337. https://doi.org/10.1080/02640414.2021.1930685
Spezielle Zufallstore (Tore nach Abprallern)
Litwitz, K., Memmert, D., & Wunderlich, F. (2024). Rebounds in football: A systematic investigation of characteristics of goals scored after rebounded balls in English Premier League seasons 2012/2013 to 2018/2019. International Journal of Sports Science & Coaching, 19(6), 2476-2488. https://doi.org/10.1177/17479541241269007
Wettmarkt als Informationsquelle
Wunderlich, F. (2025). Using the wisdom of crowds in sports: how performance analysis in football can benefit from the information enclosed in betting odds. International Journal of Performance Analysis in Sport, 25(4), 687-706. https://doi.org/10.1080/24748668.2024.2439034
Vergleich von Fußballmannschaften in verschiedenen Kontexten/Ligen
Gerken, J., Zhang, H., Garnica Caparrós, M., Gardeweg, L., Memmert, D., & Wunderlich, F. (2026). The issue of sparse networks in sports competitions: can Elo ratings efficiently compare football teams that never play a match?. Journal of the Operational Research Society, 1-16. https://doi.org/10.1080/01605682.2025.2612140
Heimvorteil mit und ohne Zuschauer
Wunderlich, F., Weigelt, M., Rein, R., & Memmert, D. (2021). How does spectator presence affect football? Home advantage remains in European top-class football matches played without spectators during the COVID-19 pandemic. Plos one, 16(3), e0248590. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0248590
Einfluss von Teamstärke und Druck im Elfmeterschießen (1)
Brinkschulte, M., Wunderlich, F., Furley, P., & Memmert, D. (2023). The obligation to succeed when it matters the most–The influence of skill and pressure on the success in football penalty kicks. Psychology of Sport and Exercise, 65, 102369. https://doi.org/10.1016/j.psychsport.2022.102369
Einfluss von Teamstärke und Druck im Elfmeterschießen (2)
Wunderlich, F., Berge, F., Memmert, D., & Rein, R. (2020). Almost a lottery: the influence of team strength on success in penalty shootouts. International Journal of Performance Analysis in Sport, 20(5), 857-869. https://doi.org/10.1080/24748668.2020.1799171