BSD: Die Kooperation zwischen dem BSD und Momentum - Was genau passiert hier?

24.06.2026 | Momentum


Fotos: BSD, GF privat

Berchtesgaden (bsd,ls/28.05.2026) Die Olympischen Winterspiele 2026 in Cortina liefen für den Bob- und Schlittenverband für Deutschland äußerst erfolgreich ab – 19 olympische Medaillen mit 6x Gold, 8x Silber und 5x Bronze brachten die deutschen Kufensport-Athletinnen und -Athleten für Team D aus den Dolomiten nach Hause. Ein Erfolg für die Sportlerinnen und Sportler, aber auch für den Verband, die Trainer- und Betreuerteams, Sponsoren, Familien- und Freundeskreise. Hervorgehoben wurde außerdem das Top-Material, das von der FES für das deutsche Team gestellt wurde.

Ein ebenso wichtiger Aspekt war und ist außerdem die Deutsche Sporthochschule Köln mit Momentum. Seit 2014 unterstützt Momentum den BSD mit modernsten biomechanischen Methoden zur Optimierung der Fortbewegungsmechanik in der Startphase. Ziel ist es, die komplexen Abläufe des Starts präzise zu verstehen und das Beschleunigungsverhalten der Athletinnen und Athleten beim Anschub messbar zu verbessern. Diese enge Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis ist ein Beispiel dafür, wie wissenschaftliche Erkenntnisse direkt in sportlichen Erfolg übersetzt werden können. Bisher wurde dieses Angebot für die beiden Disziplinen Bob und Skeleton angeboten, diesen Sommer wird auch Rodeln mit dazu genommen.

„Im Grunde geht es um eine Bewegungsdiagnostik, bei der die Athleten mit Markern versehen werden, die über ein Kamerasystem erkannt werden und anhand derer anschließend die Bewegungsamplituden ausgewertet werden können. Es wird gleichzeitig über Kraftmessplatten gelaufen, damit zusätzlich kinetische Parameter erfasst werden können – also ob die Athleten beim Start eher nach oben weggehen oder mehr in die Horizontale, wo sie hinsollen. Und mit dieser kombinierten Diagnostik versuchen wir, die Technik jedes einzelnen Athleten zu verbessern. Die Athleten laufen ca. 10 bis 12 Mal durch dieses System, nach jedem Lauf geht es in die Direktauswertung, es wird technisch korrigiert, dann können die Athleten erneut probieren, ob es in die richtige Richtung geht. Damit haben die Sportler schon mal größtenteils die wichtigsten Infos. Der Haupt-Benefit besteht im direkten Feedback nach den Versuchen“, erklärt BSD-Vorstand Dr. André Sander das Vorgehen.

Die Diagnostik erfolgt auf freiwilliger Basis – Athletinnen und Athleten, die Interesse haben, können sich melden – dann wird nach Kaderstatus ausgewählt. In Kienbaum werden vier Athletinnen und Athleten pro Tag ausgewertet, an sechs aufeinanderfolgenden Tagen. Jeder Athlet hat ungefähr zwei Stunden Zeit für die individuelle Auswertung.

Wir haben uns nach den Spielen mit Bob-Anschieber und Doppel-Olympiasieger Georg Fleischhauer unterhalten, der dieses Angebot besonders vor den Winterspielen in Cortina genutzt hat und wichtige Erkenntnisse daraus ziehen konnte.

BSD: Georg, kannst du uns aus Athletensicht kurz erklären, wie für euch ein Tag in Kienbaum aussieht, wenn ihr mit Momentum zusammenarbeitet?

Fleischhauer: „Als erstes werden ca. 60 Stellen am Körper markiert, das kann schon mal eine Viertelstunde dauern. Dann werden alle Daten eingegeben: Größe, Gewicht, Oberschenkellänge etc. Dann läuft man sich ein bisschen warm, und anschließend werden Reflektoren auf die markierten Stellen geklebt. Das dauert wieder ca. 10 bis 15 Minuten, und dann ist man fertig für die Schübe.“

BSD: Dann steht man in Unterwäsche da und das Prozedere beginnt…

Fleischhauer: „Genau, es gibt eine Messtrecke, die ca. 15 Meter lang ist, mit den Kraftmessplatten im Boden, durch die man als Athlet sieht, wie man auf dem Boden aufkommt. Also wohin geht die Kraft? Geht sie nach hinten oder, wenn ich nicht so optimal aufsetze, geht sie ein Stück weit nach vorne. Man hat einen Bremsstoß, weil man erst den Fuß aufsetzt und dann nach hinten arbeitet. Das sind dann teilweise nur Bruchstücke von Sekunden, und hier in Kienbaum sieht man das als Athlet. Und das sind gesammelt kleine Unterschiede, die über die Hundertstel entscheiden können.

Durch die Reflektoren am Körper, mit ca. 20 bis 25 Kameras um einen herum, die einen in jeder Position einfangen können, kann das anschließend optimal ausgewertet werden. Anhand eines Strichmännchens sieht man genau die Winkel und die Bewegung von den Gliedmaßen und kann damit zusätzlich zu der Kraft, die man am Boden sieht, auch parallel die Bewegung dazu sehen und schauen, in welchem Moment man was macht. Welchen Winkel hat zum Beispiel das Knie zum Fuß, zur Hüfte, zum Oberkörper. Und dann sieht man, ob die Kraft optimal vom Boden auf das Sportgerät zum Beschleunigen übertragen wird. Parallel läuft noch eine Zeitmessung, damit kann man Athleten untereinander vergleichen und eine individuelle Analyse erhalten.“

BSD: Wie oft hast du dieses Angebot in den letzten Jahren genutzt?

Fleischhauer: „Dieses Angebot haben wir die letzten zwei Jahren gut genutzt und immer wieder geschaut, wie wir uns verbessern können, auch die Technik betreffend. Oder dass man auch sieht, was funktioniert nicht: Am Ende war es so, dass wir eigentlich schon ganz gut waren. Wir hatten Punkte, die waren wichtig, und dann auch welche, die weniger ausschlaggebend waren.“

BSD: Mit welchen Gewichten habt ihr gearbeitet?

Fleischhauer: „Wir haben in einer Einheit verschiedene Gewichte simuliert, einmal das Zweiergewicht, dann das Vierergewicht, weil man ja doch anders drücken muss, wenn man mehr Widerstand hat. Das waren dann so vier, fünf Schübe pro Gewicht, und dann auch nochmal fliegend – also mit Anlauf, um mit Top-Speed auf die Anlage zu kommen. Hier sieht man auch nochmal gut, wie meine Laufposition ist, in dem Moment, in dem ich in Höchstgeschwindigkeit bin.

Am Ende hat man ca. 10 bis 12 Schübe, und die sind dann natürlich meistens Vollgas, weil man was sehen will. Daher kann man auch nicht unendlich viele machen. Zwischendurch sind dann 5 Minuten Pause, in denen man sich die Auswertung anschauen kann. Seit letztem Jahr hat Momentum außerdem zwei Schienen, damit man auch an der Seite schieben kann – links und rechts. Das habe ich zeitlich zwar nicht geschafft, und bei mir war es auch kein Thema letzte Saison, dass ich an der Seite schiebe – ich war auf der 4 und fertig. Sonst hätte ich natürlich auch mal geschaut, wie das links oder rechts ist. Laufe ich da anders, ist eine Seite besser? Ich habe auch keine Lieblingsseite, sondern bin in dem Fall flexibel.“

BSD: Wie leicht oder schwierig ist es als Athlet, Korrekturen umzusetzen?

Fleischhauer: „Die Umsetzung kann manchmal besser, manchmal schlechter laufen. Manchmal sieht man direkt vor Ort anhand der Werte bereits einen Unterschied, und manchmal dauert es eben ein bisschen. Dann versucht man, sich im Training darauf zu konzentrieren. Es gibt nicht eine große Umsetzung, die ich verändert habe, sondern eine Summe von Kleinigkeiten. Ich denke, das war bei mir technisch schon ganz gut, daher gab es nicht die riesengroßen Themen. Und diese Kleinigkeiten sieht man mit dem freien Auge nicht, sondern nur in der Zeitlupe. Und das ist bei Momentum einfach sehr professionell.

Ich denke, die anderen Nationen machen das nicht in dem Umfang oder haben nicht die Möglichkeiten, die wir haben. Und das ist mit ein Grund, warum wir am Start so gut sind. Wir können das so gut analysieren, die Trainer sind dafür ausgebildet. Und wir haben in Deutschland viele Startstrecken, die wir jederzeit nutzen können. Wir können uns jede Woche weiterentwickeln, und das ist super.

Man muss die Ergebnisse natürlich auch interpretieren können, und manchmal sagt man in der Theorie, dass man etwas ändern muss, und in der Praxis kann man es aber einfach nicht so leicht ändern, ohne den ganzen Bewegungsablauf anzupassen. Manchmal muss man die Dinge auch einfach nach Gefühl machen. Man darf sich nicht verrückt machen, weil man in Zeitlupe natürlich viel sieht, von dem man sich denkt: Oha, sieht das schlimm aus! Was mache ich denn da? Und wenn man es in Normalgeschwindigkeit ablaufen lässt, sieht man es gar nicht mehr.

Als erfahrener Athlet kann man das selbst irgendwann gut einschätzen, und als jüngerer Athlet kann einen das auch kirremachen. Wenn man versucht, in einem Lauf fünf, sechs Sachen zu ändern, dann geht das nicht. Man muss hier einfach vorsichtig sein, das gut steuern können und sich auch auf seinen Trainer verlassen.

Quelle: https://bsd-portal.de/bsd/#/news_details/16679

Text: Lena Sauren