Kinderfüße wachsen schnell – Schuhe hingegen nicht. Studenten der Deutschen Sporthochschule Köln haben deshalb mit sizeless einen Kinderschuh entwickelt, der sich in der Größe anpassen lässt. Wir haben das Team im Pop-up-Store in Köln-Sülz besucht und erfahren, wie aus einer Studienidee ein marktreifes Produkt wurde.
Kaum haben wir den Pop-up-Store in der Berrenrather Straße betreten, flitzt ein kleiner Junge an uns vorbei – in Richtung Barfußpfad und der bunten Spielstationen. Während er sich längst der nächsten Beschäftigung widmet, hält sein Vater einen der Schuhe in den Händen. „Und der wächst wirklich mit?“, fragt er ungläubig. Einer der Gründer nimmt den Schuh in die Hand, löst den Mechanismus und verändert die Größe mit wenigen Handgriffen. „Das funktioniert ja tatsächlich“, sagt der Vater beeindruckt. Genau das ist die Idee von sizeless, an der das Team mehrere Jahre gearbeitet hat.
Hinter sizeless stehen zwei Studenten der Deutschen Sporthochschule Köln und ein Absolvent der Glasgow School of Art in Schottland. Was heute in einem eigenen Pop-up-Store präsentiert wird, begann mit einer Beobachtung, die viele Eltern kennen: Kinderfüße wachsen oft schneller als ihre Schuhe. Bis zum Grundschulalter benötigen Kinder durchschnittlich rund zwölf Paar Schuhe – eine finanzielle Belastung für Familien und gleichzeitig alles andere als nachhaltig.
„Uns hat interessiert, ob das nicht auch anders funktionieren kann“, erzählt Alexander Schemel, der mit Leander Peters und Louis Smith das dreiköpfige Gründerteam bildet. Im Rahmen eines Studienprojekts begannen sie deshalb, sich intensiv mit Kinderfüßen, Schuhen und deren Belastung im Alltag auseinanderzusetzen. Gemeinsam mit Fachleuten aus dem Institut für Biomechanik und Orthopädie der Sporthochschule entwickelten sie erste Prototypen eines mitwachsenden Kinderschuhs.
Unterstützung erhielten sie dabei nicht nur wissenschaftlich. „Wir wurden im gesamten Prozess von der Deutschen Sporthochschule Köln unterstützt“, berichtet Leander. Besonders das Gründungsprogramm StarS-Kader half dabei, aus einer Studienidee Schritt für Schritt ein Unternehmen zu entwickeln. Aus dem Projekt im Hörsaal wurde schließlich ein Start-up.
Während unseres Gesprächs bleiben immer wieder Leute vor den Schaufenstern stehen oder kommen neugierig in den Laden und sehen sich den Schuh genauer an. Er besteht aus einem weichen, atmungsaktiven Obermaterial, die Sohle ist flexibel und unterstützt die natürliche Bewegung des Fußes. Erhältlich ist der Schuh aktuell in den Farben Lila (Modell Galaxy), Blau (Reef) und Grün (Sprout) und kostet 99,99 Euro. Das eigentliche Herzstück bleibt jedoch verborgen: Ein in die Sohle integrierter Verstellmechanismus ermöglicht es, die Schuhgröße individuell anzupassen. Der Mechanismus kommt dabei nicht mit dem Fuß in Berührung und bleibt von außen nahezu unsichtbar. „Über zwei Laschen an der Außenseite wird die flexible Sohle nach oben gezogen oder unten frei gegeben. Der Schuh wird also insgesamt größer oder kleiner, sowohl außen als auch innen. Er wächst über acht Millimeter mit. Das entspricht etwas mehr als einer zusätzlichen Schuhgröße. Die Idee ist, dass der Sizeless-Schuh ein Kind vom Frühling bis in den Herbst begleitet und dabei immer optimal passt“, erklärt Louis, der für die technische Entwicklung zuständig ist. Der Verstellmechanismus ist so konzipiert, dass die Kinder ihn nicht ohne Weiteres selbst öffnen können oder er sich aus Versehen beim Spielen, Klettern oder Toben verstellt.
Gerade dieser Anspruch, Funktionalität und Sicherheit miteinander zu verbinden, habe die Entwicklung besonders anspruchsvoll gemacht. Schließlich sollte der Schuh nicht nur länger passen, sondern auch den Anforderungen an einen gesunden Kinderschuh gerecht werden. Die Technologie wurde inzwischen zum Patent angemeldet.
Dass aus dem Studienprojekt einmal ein eigenes Unternehmen werden würde, war anfangs keineswegs selbstverständlich. Unterstützung erhielt das Team unter anderem durch den Transfer- und Gründungsbereich der Sporthochschule sowie das EXIST-Förderprogramm. Den entscheidenden Schritt in Richtung Markteinführung ermöglichte schließlich eine Crowdfunding-Kampagne: 193 Unterstützerinnen und Unterstützer investierten fast 18.000 Euro in die erste Produktionsserie.
Die erste Kollektion ist streng limitiert: Das Team hat nur 500 Paar produzieren lassen. 200 davon wurden bereits vorab bestellt. „Sobald wir das Feedback der Familien zur ersten Sizeless-Generation erhalten haben, beginnen wir mit der Entwicklung der nächsten Kollektion“, sagt Leander. Weitere Modelle sollen folgen, denn grundsätzlich kann künftig jeder Schuh zu einem Sizeless-Schuh werden.
Im Pop-up-Store geht es dennoch nicht ausschließlich um Schuhe. Immer wieder verschwinden Kinder Richtung Spielecke oder probieren den Barfußpfad aus. Für die Gründer gehört das bewusst zum Konzept. Alexander: „Als Absolventen der Sporthochschule ist es uns wichtig, Aktivität gezielt zu fördern. Natürlich hätten wir uns im Store auch rein auf den Schuh konzentrieren können – aber unsere Idee war es, gleichzeitig ein barrierearmes Bewegungsangebot zu kreieren.“
Dieser Gedanke zieht sich durch das gesamte Konzept des Kölner Start-ups. Der Schuh soll Bewegung nicht ersetzen, sondern fördern. Deshalb verstehen die Gründer ihren Pop-up-Store nicht nur als Verkaufsfläche, sondern auch als Treffpunkt für Familien, an dem Beratung, Austausch und Bewegung zusammenkommen. Als wir den Store verlassen, ist der Junge vom Anfang längst wieder unterwegs und andere Kinder nutzen das Spiel- und Mitmachangebot, während sich die Eltern die Idee des mitwachsenden Kinderschuhs erklären lassen.
Wie aus einer anfänglichen Idee ein Produkt entstehen kann, wird im Pop-up-Store in Köln-Sülz greifbar. Hier steht nicht nur ein Schuh im Regal, sondern das Ergebnis jahrelanger Entwicklungsarbeit – und vielleicht der Beginn einer Idee, die den Kinderschuhmarkt nachhaltig verändern könnte.
3 Farbvarianten: lila, grün, blau