Zwischen Tourbus und Hörsaal

Spoho-Studentin Lena Herhold über große Bühnen, lustige Outfits und ihr Lehramtsstudium

Sommer ist Festivalsaison: Mit Glitzer im Gesicht in der prallen Sonne vor der Bühne im trockenen Gras die Beine in den Bauch stehen und ein halbwegs kühles Getränk in der Hand. Gleich geht’s los… 

Lena Herhold wartet auch auf den Beginn der Show – allerdings auf der anderen Seite der Bühne. Die erste Nummer beginnt direkt am Publikum. Fans winken ihr zu, manchmal entdeckt sie zwischen ihnen sogar Freunde. Wahrnehmen will sie davon zunächst möglichst wenig. „Am Anfang brauche ich meine Konzentration und bin im Tunnel. Ich versuche, in meiner Zone zu bleiben und mich nicht ablenken zu lassen.“ Erst nach ein paar Songs ändert sich das: Dann gibt es auch mal ein Lächeln oder ein High-Five für die Fans.

Wie viele Menschen ihr tatsächlich zugeschaut haben, begreift Lena ohnehin meist erst nach der Show. „Ich sehe dann die Massen, die rauskommen, oder wie voll die Straßen danach sind. Ich weiß gar nicht, ob ich bis heute realisiert habe, wie viele Leute uns zuschauen“, lacht sie.

Lena arbeitet seit 2018 als Profitänzerin für Fernsehshows oder live auf den großen Bühnen Deutschlands. Dazu gehören regelmäßige Auftritte bei Deutschland sucht den Superstar (seit 2021), SASHA – Die Show (2022), die Teddy Tour (2025) und in diesem Jahr die Sommershows von Nina Chuba. Geplant hat die 25-Jährige das alles nicht. „Ich fand's schon immer cool, es war aber nie mein Ziel, nur vom Tanzen zu leben. Es ist irgendwie beiläufig gekommen und ich hatte ein bisschen Glück, dass mein erster Job über meine Tanztrainerin kam und dann bin ich da so reingerutscht.“ Wer als Tänzer*in überzeugt, wird weiterempfohlen und kann sich so einen Namen in der Tanzbubble machen. „Dann sagt jemand zum Choreographen: Schau mal, die könnte doch passen und dann schaut er oder sie dein Insta oder TikTok Feed an. Oder du gehst zu den Classes des Choreographen, für den du arbeiten willst und zeigst dich. Das ist wie eine inoffizielle Audition. Wenn er oder sie dich gut findet, fragt er/sie dich für den nächsten Job an.“


Ein typischer Tag auf Tour

So konnte die gebürtige Düsseldorferin von sich überzeugen und ist jetzt eine der vier Tänzerinnen, die Nina Chuba in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Tour begleiten. 20 Shows in 16 Städten. Einen Wecker braucht Lena auf Tour meistens nicht. Wenn sie vormittags aufwacht, liegt sie noch im Tourbus. Bis zum Soundcheck gegen 15 oder 16 Uhr hat sie frei, geht zum Catering, verbringt den Tag mit der Crew und vertreibt sich die Zeit. Dann kommt der Soundcheck. Währenddessen werden auch die In-Ears der Tänzer*innen getestet. Über sie hören alle Musik und Einsätze synchron – unabhängig davon, wie der Sound durch die Halle trägt. „Wir testen auch, ob auf der Bühne etwas anders ist und ob wir Hebungen anders platzieren müssen. Gerade die Festivalbühnen unterscheiden sich oft, manchmal ist der Steg 20 Meter lang, manchmal 15 Meter. Aktuell gehört eine Drehbühne zur Show, bei Festivals ist die dann aber nicht dabei.“ Danach wieder was essen - wichtig! Gegen 17 oder 18 Uhr beginnt die Vorbereitung: Make-Up, Haare, Kostüm – alles muss sitzen. „30 Minuten vor der Show fängt unser gemeinsames Warm-Up mit Nina an. Das steht fest und wird von einer Tänzerin geleitet. Dann gehen wir gemeinsam mit Nina die Hebungen durch, denn sie hat ja extravagante Outfits an und wir müssen testen, ob das alles klappt, was wir vorhaben.“ Um 20 Uhr geht’s endlich los. Nach zwei Stunden Vollgas auf der Bühne wird ein letztes Mal das Catering geplündert, bevor wieder alles eingepackt und zum Weiterfahren bereit gemacht wird. Während das Bühnenequipment zum nächsten Tourstopp gebracht wird, geht es auch für das Team weiter. „Bis zur sogenannten Call-Time müssen wir am Bus sein und dann fahren wir los. Oben im Bus gibt es noch eine Lounge, in der man zusammen chillen kann und unten sind die Schlafkabinen, in die wir uns irgendwann verkrümeln. Am nächsten Morgen wachen wir am nächsten Stopp auf und das Ganze geht wieder von vorne los.“

Das Momentum nutzen

Im August ist Pause: Zeit, mal durchzuschnaufen, Urlaub zu machen und das nächste Semester zu planen. Denn Lena ist nicht nur Profitänzerin, sondern auch Spoho-Studi. Seit 2020 studiert sie Sport und Englisch auf Lehramt für Gymnasien und Gesamtschulen. Wie sie das alles unter einen Hut bekommt? „Das frage ich mich auch manchmal“, lacht sie. „Als ich angefangen habe zu studieren, war wegen Corona noch viel online, sodass ich die Unisachen von überall aus machen konnte. Jetzt gibt es unterschiedliche Phasen. Wenn ich eine Tour habe, weiß ich, ich wähle in diesem Semester eher Vorlesungen und keine Kurse mit Anwesenheitspflicht oder ich mache generell weniger und hole das dann im Semester danach wieder auf. Dieses Sommersemester habe ich mich frühzeitig mit Dozierenden abgesprochen, ob wir das mit der Anwesenheitspflicht anders regeln können. Hier muss man einfach früh und transparent kommunizieren und stößt dann zum Glück auf Verständnis.“ Einmal wird der Spagat besonders deutlich: Lena springt direkt nach einer Show in Berlin in den Zug und kommt morgens um 6 Uhr in Köln an – gerade rechtzeitig, um pünktlich zu einem Praxiskurs zu sein. „Ich habe mir gesagt, dass ich jetzt, wo ich noch jung bin, das Tanzen im Fokus haben will, weil ich nicht weiß, wie lange ich das noch so machen kann. Deshalb möchte ich jetzt noch alles mitnehmen, worauf ich Bock habe. Das Momentum nutzen.“  Wie schnell das Tanzen plötzlich in den Hintergrund rücken kann, hat Lena selbst erlebt. Eine große Verletzung im Jahr 2022 zwingt sie zu einer zweijährigen Pause. Irgendjemand meinte mal zu mir: „Für mich bist du immer die Tänzerin. Ich selbst habe mich damals auch komplett mit dem Tanzen identifiziert. Das ist wirklich hart, wenn das plötzlich wegfällt.“ Doch auf der anderen Seite ist auf einmal Zeit für Familie, Freund*innen, das Studium und sogar ganz neue Dinge wie Häkeln. Wichtig ist nur, dass es nichts mit Tanzen zu tun hat. „Ich bin schnell zu begeistern und kann mich gut beschäftigen, dass mir nicht langweilig wird. Ich weiß jetzt auch, dass ich einen Plan B habe, der mir Spaß macht und den ich gern weiterverfolgen möchte. Vor allem jetzt mit dem Bachelor in der Tasche. Doch Tanzen ist meine Leidenschaft und das mache ich am liebsten, daher war es immer das Ziel, da wieder hinzukommen.“

Zurück auf der Bühne folgen für die 25-Jährige einige Auftritte, die vor ihrer Verletzung noch weit entfernt schienen. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr die Tour mit Teddy Teclebrhan. In der Stuttgarter MHP Arena standen neben dem festen Ensemble rund 70 zusätzliche Tänzer*innen auf der Bühne. Lena durfte dabei nicht nur mittanzen, sondern auch den Choreografen unterstützen. „Das war mega besonders, mit so vielen Tänzer*innen auf einer Bühne zu stehen.“ 

Dass auf der Bühne nicht immer alles nach Plan läuft, gehört allerdings genauso dazu. Vor einem Quick Change stürzte Lena einmal so heftig, dass sie sich das Knie prellte. Im Nachhinein beschäftigte sie vor allem eine Frage: Hat das jemand gefilmt? „Ich habe auch nach Videos gesucht. Bis jetzt habe ich aber noch kein Beweisvideo gefunden“, erzählt sie schmunzelnd.

Lenas Bucketlist ist noch lange nicht abgehakt

Und dann sind da noch die Kostüme. Als Tänzerin steht Lena schließlich nicht immer als sie selbst auf der Bühne. Einmal musste sie sogar als Jukebox verkleidet tanzen. Für sie gehört genau das zum Job: Tänzer*innen sind immer auch Schauspieler*innen. Sie schlüpfen in die Rollen, die eine Show und ihre Choreografie verlangen – und performen weiter, egal ob als Cowgirl, glamouröse Diva in High Heels oder eben als Jukebox.

Von der Fernseh- bis zur großen Festivalbühne war schon einiges dabei. Abgehakt ist Lenas Bucketlist aber noch lange nicht. Einmal für einen internationalen Act zu tanzen, steht darauf ganz weit oben. „Eine Europa-Tour oder eine Welttournee wäre schon cool. Für Beyoncé oder Dua Lipa würde ich alles stehen und liegen lassen.“ Und wenn es nach ihrer Mutter geht, muss Lena dafür gar nicht unbedingt auf Welttournee gehen. „Meine Mama würde sich sehr freuen, wenn ich mal für Helene Fischer tanze. Die hat auch immer richtig gute Tänzer*innen und eine krasse Show am Start.“

Bis dahin wartet neben Tourbus und Bühne allerdings noch ein anderes Ziel: der Studienabschluss. Denn auch, wenn das Tanzen gerade Priorität hat, möchte Lena ihr Lehramtsstudium abschließen. „Ich merke, dass ich langsam die Leute an der Spoho nicht mehr kenne, weil diejenigen, die mit mir angefangen haben, schon im Master sind oder sogar ihren Abschluss haben. Da denke ich immer: Tanzen schön und gut, aber jetzt muss ich mal einen Zahn zulegen.“ Danach möchte sie an eine Schule, an der sie sich wohlfühlt. Und dort könnten ihre beiden Welten irgendwann wieder zusammenkommen: Lena möchte das Tanzen in den Sportunterricht bringen. „Ich persönlich hatte Tanzen gar nicht in der Schule und hätte das mega cool gefunden. Ich freue mich richtig darauf, das später an Schüler*innen weiterzugeben.“