Wellenreiten trifft Wissenschaft

Seine Leidenschaft für den Surfsport verbindet Matthias Thelen mit Forschung, Lehre und Leistungssport

Jede Welle ist anders. Mal baut sie sich sauber auf, mal bricht sie früher als erwartet. Wind, Untergrund und die Kraft des Ozeans verändern sie ständig. Wer surft, kann nichts exakt planen, nichts kontrollieren, sondern muss beobachten, Entscheidungen treffen und sich immer wieder neu anpassen. Genau das fasziniert Matthias Thelen. „Man muss immer flexibel bleiben. Das kann man eigentlich ganz gut aufs Leben übertragen“, sagt der Promotionsstudent vom Institut für Biomechanik und Orthopädie der Sporthochschule.

Für den 34-Jährigen ist Surfen weit mehr als ein Sport. Es ist Leidenschaft, Abenteuer und Forschungsgegenstand zugleich. Während andere auf dem Brett einfach den Moment genießen, fragt sich Matthias: Warum gelingt ein Manöver? Was macht einen guten Surfer aus? Und wie lässt sich all das wissenschaftlich untersuchen? Zwischen Uni und Atlantik hat er sich eine besondere Rolle geschaffen – als Forscher, Surfdozent, Ausbilder und Wissenschaftskoordinator im Deutschen Wellenreitverband. Dabei begann alles eher zufällig…

Auto gekauft. Ein Surfboard gratis dazu.

Nach dem Abitur reist Matthias mit zwei Freunden für ein klassisches Work-and-Travel nach Australien. Eigentlich gibt es für die neun Monate keinen Plan – außer zu arbeiten und das Land kennenzulernen. Dass das erste Surfbrett praktisch als Zugabe zu einem gebrauchten Auto gehört, ist eine glückliche Fügung. Die nächste folgt wenig später: Die drei wohnen nur wenige Gehminuten vom Strand entfernt, ihr Chef ist begeisterter Surfer und nimmt sie mit aufs Wasser. „Der Sport hat mich sofort fasziniert“, erinnert sich Matthias, der zuvor noch nie auf einem Surfboard gestanden hatte. Nicht, weil ihm von Anfang an alles leichtfiel – im Gegenteil, weil es so schwer war. „Surfen ist im Vergleich zu anderen Sportarten wahnsinnig anstrengend; man kommt nur in kleinen Schritten voran. Das hat bei mir den Ehrgeiz geweckt, besser werden zu wollen.“ 

Hinzu kommt noch etwas ganz anderes – eine Mischung aus Physik und Magie: „Das Gefühl, auf einer Welle zu fahren, durch den Tunnel zu gleiten, die Geschwindigkeit aufzunehmen – das fasziniert mich nach wie vor.“ Sein persönlicher Lieblingsmoment? „Wenn man aufgestanden ist und merkt: Die Welle läuft. Oder wenn ein Manöver genau funktioniert und man danach sogar noch mehr Geschwindigkeit hat als vorher.“

Doch Surfen bedeutet für ihn nicht nur Freiheit; besonders spannend findet er auch die Kompromisslosigkeit des Sports, die mentale Herausforderung. Alles, was man tut, hat eine direkte Konsequenz; anders als in vielen anderen Sportarten gibt es keine Auswechselbank, keine Pause, keine Wiederholung. „Wenn ich im Ozean bin und nicht mehr kann und eine Welle kommt, kann ich nicht sagen: Stopp.“ Gerade dieses Wechselspiel aus Kontrolle und Kontrollverlust habe ihn geprägt. „Surfen hat mich gelehrt, mit meinen Ängsten umzugehen.“ Denn: Matthias war früher gar kein Wasser-Typ. „Unter Wasser gewirbelt zu werden, fand ich gar nicht gut und das Schwimmen beim Eignungstest war die Disziplin, für die ich mit Abstand am meisten trainiert habe,“ erinnert er sich und muss schmunzeln.

Zurück in Deutschland merkt Matthias schnell, dass ihm der Ozean fehlt. Ein Urlaub pro Jahr reicht ihm nicht. Also sucht er nach Möglichkeiten, häufiger aufs Brett zu kommen. Er absolviert eine Surflehrerausbildung, arbeitet während der Semesterferien in Frankreich als Coach und entdeckt dabei eine weitere Leidenschaft: das Unterrichten. „Ich unterrichte für mein Leben gern“, sagt er. Das gilt heute für Studierende genauso wie für angehende Surftrainer*innen.

Zwischen Line-up und Labor

Seit 2017 engagiert sich Matthias im Deutschen Wellenreitverband. Was zunächst mit der Mitarbeit im Ausbildungsbereich beginnt, entwickelt sich Schritt für Schritt weiter. Er gestaltet die DOSB-Trainerausbildung mit, entwickelt neue Lehrkonzepte für den Leistungs- und Breitensport und übernimmt zwischenzeitlich als Chef-Bundestrainer die sportliche Koordination des Nationalteams. Heute konzentriert er sich wieder stärker auf seine wissenschaftliche Laufbahn, bleibt dem Verband aber als Wissenschaftskoordinator eng verbunden. Die Aufgabe passt perfekt zu seiner Persönlichkeit: Er versteht sich vor allem als Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Praxis. 

„Surfen ist wissenschaftlich noch eine relativ junge Sportart“, erklärt er. „Es gibt noch unglaublich viel zu entdecken.“ Wie vermittelt man Surfen möglichst effektiv? Wie sieht guter Surfunterricht aus und wie kann man ihn noch besser machen? Welche Fähigkeiten entscheiden tatsächlich über sportlichen Erfolg? Wie lassen sich Wettkampfleistungen objektiv vergleichen? Genau diesen Fragen geht Matthias gemeinsam mit Kolleg*innen an der Sporthochschule nach.

Aktuell arbeitet er unter anderem an einem Forschungsprojekt, das Wettkampfergebnisse statistisch auswertet, um Leistungen im Surfen besser vergleichbar zu machen. Ziel ist es, objektivere Kriterien für die Talentförderung zu entwickeln. Parallel betreut er Abschlussarbeiten, die sich mit der Vermittlung des Wellenreitens beschäftigen – etwa der Frage, welche Lehrmethoden Anfänger*innen besonders gut beim Lernen unterstützen. Da geht es zum Beispiel um den sog. Takeoff, also die Technik des Aufstehens aus der Bauchlage auf dem Brett in den Stand. 

Dass wissenschaftliche Fragestellungen oft direkt aus der Praxis entstehen, zeigt ein anderes Projekt: Gemeinsam mit Forschenden der Sporthochschule entwickelte Matthias eine Leistungsdiagnostik für Big-Wave-Surfer, also solche Surfer, die die Riesenwellen in Nazaré (Portugal) fahren. „Es gab praktisch keine Referenzwerte“, erzählt er. Zwei Profi-Big-Wave-Surfer stellten sich für die Leistungsdiagnostik zur Verfügung. 

Mindestens genauso wichtig wie spannenden Forschungsfragen nachzugehen ist Matthias der Wissenstransfer zurück in die Praxis. Neue Erkenntnisse fließen direkt in Trainer*innenfortbildungen, Lehrmaterialien und Verbandsarbeit ein. „Wenn wir hier etwas erforschen, stelle ich die Ergebnisse anschließend den Coaches vor oder überlege gemeinsam mit den Ausbilder*innen, wie wir sie in unsere Curricula übernehmen können.“

Surfkurs für angehende Sportlehrer*innen

Auch an der Sporthochschule bringt der Rheinländer seine Erfahrungen als Ausbilder und Coach ein. Vor drei Jahren initiierte er einen Wellenreitkurs für Lehramtsstudierende. Die Exkursion an die französische Atlantikküste vermittelt nicht nur Surftechnik, sondern auch das Wissen darüber, woran guter Surfunterricht zu erkennen ist. Eine Erfahrung, die viele der angehenden Sportlehrkräfte später in ihre eigene Berufspraxis mitnehmen können.

Obwohl sein Berufsalltag von Forschung, Lehre und Projekten geprägt ist, bleibt Matthias Thelen vor allem eines: Surfer. „Wenn ich meine Technik analysiere und besser werden möchte, bin ich ganz Wissenschaftler“, sagt er und lacht. „Aber manchmal nehme ich bewusst eine mäßige Welle, obwohl ich weiß, dass das keine gute Idee ist – einfach, weil ich wissen möchte, wie sie sich anfühlt.“

Vielleicht beschreibt genau das seine besondere Einstellung: Er möchte verstehen, was auf einer Welle passiert und gleichzeitig nie aufhören, sie einfach zu genießen. Für die kommenden Jahre hat er klare Ziele. Wissenschaftlich möchte er seine Promotion abschließen und am liebsten weiterhin in Forschung und Lehre an der Sporthochschule arbeiten. Sportlich ist sein Wunsch fast schon bescheiden. „Bevor ich zu alt bin, würde ich gerne noch ein paar Airs springen“, sagt er und lacht wieder. Also mit dem Surfbrett aus der Welle abheben, einen Sprung stehen – und weiterfahren. Manche Ziele entstehen eben nicht im Labor. Sondern draußen auf dem Meer.

Randnotizen

Als seinen Homespot bezeichnet Matthias den Ort Carcans Plage an der französischen Atlantikküste. Hier ist auch die Surfschule Summer Surf ansässig, über die Matthias den Surfunterricht im Rahmen der Surfexkursion für Spoho-Lehramtsstudierende organisiert.


Seine Ursprünge hat das Surfen in Polynesien, der größten Inselregion Ozeaniens. Die Polynesier sollen das Surfen dann ca. 1720 nach Hawaii gebracht haben. Der hawaiische Olympiaschwimmer Duke Kahanamoku präsentierte das Surfen in den 1910er-Jahren in Kalifornien und Australien, von wo aus es sich in die Welt verbreitete.


Die höchste offiziell gemessene Surfwelle war 28,57 Meter hoch, gesurft vom deutschen Big-Wave-Surfer Sebastian Steudtner im Februar 2024 in Nazaré/Portugal. Steudtner hält zudem den offiziellen Guiness-Weltrekord mit einer 26,21 Meter hohen Welle in Nazaré. Die sog. Monsterwellen entstehen dort durch eine bis zu fünf Kilometer tief abfallende Schlucht, den Nazaré-Canyon.

Nach Tokio 2021 und Paris/Tahiti 2024 wird Surfen 2028 in Los Angeles zum dritten Mal im olympischen Programm ausgetragen. Austragungsort wird dann der Trestles Beach in San Clemente, Kalifornien, sein. Das klassische Wellenreiten (Shortboard) für Damen und Herren wird durch die olympischen Segel-Surfsportarten Windsurfen (iQFOiL) und Kiteboarding (Formula Kite) ergänzt.

Zur Person

Matthias Thelen (34) ist Promotionsstudent und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Biomechanik und Orthopädie der Spoho. Parallel engagiert er sich seit 2017 im Deutschen Wellenreitverband (DWV) in unterschiedlichen Funktionen – zunächst im Ausbildungsausschuss, später als DOSB-Ausbilder und Chef-Bundestrainer, heute als Wissenschaftskoordinator. Aufgewachsen ist Matthias nicht am Meer, sondern in Unkel bei Bonn. Vor seinem Australienaufenthalt fühlte er sich sportlich vor allem im Feldhockey und im Volleyball zu Hause.