4/10 18 Prävalenz von NEM Die European Food Safety Authority (EFSA) definiert Nahrungsergänzungs- mittel (NEM) als «konzentrierte Quellen von Nährstoffen oder anderen Stoffen mit ernährungsspezifischer oder physiologi- scher Wirkung, die dazu bestimmt sind, die normale Ernährung zu ergänzen. Nah- rungsergänzungsmittel werden in dosier- ter Form in den Verkehr gebracht, das heisst, in Form von Pillen, Tabletten, Kap- seln oder Flüssigkeiten in abgemessenen kleinen Mengen und so weiter. Nahrungs- ergänzungsmittel können eingesetzt wer- den, um ernährungsspezifische Mängel auszugleichen oder eine angemessene Aufnahme von bestimmten Nährstoffen zu gewährleisten» (1). Das NEM-Konsumverhalten der Schwei- zer Bevölkerung ist anscheinend nur un- zureichend erfasst. Nach einer Untersu- chung in Lausanne (CoLaus- Studie) neh- men 26 Prozent der Befragten NEM (2). Vitamin- und Mineralstoffpräparate wur- den bevorzugt eingenommen. Die Zah- len für Deutschland sind vergleichbar. Nach der Nationalen Verzehrsstudie neh- men etwa 28 Prozent der Bevölkerung NEM (3), wobei Frauen eher auf NEM zu- rückgreifen als Männer. Weltweit betrach- tet schwankt der NEM-Konsum stark und liegt in manchen Ländern (Grossbritan- nien 42%, USA 56%, Serbien 70%) deut- lich höher als in der Schweiz (4). Dabei muss berücksichtigt werden, dass auf- grund unterschiedlicher Erhebungsme- thoden die Vergleichbarkeit der Daten nicht immer gewährleistet ist. Die Einnahme von NEM ist bei Sportlern sehr beliebt. Bereits 1994 konnten Sobal und Marquardt in einer umfangreichen Literaturrecherche aufzeigen, dass im Mittel 46 Prozent der Sportler NEM zu sich nehmen (5). Neuere Daten deutscher Nachwuchsleistungssportler zeigen eine Einnahmehäufigkeit von 80 Prozent (6), die bei Olympiaathleten in Abhängigkeit von Befragungszeitraum und Sportart auf über 90 Prozent ansteigt (7, 8, 9). Im All- gemeinen kann angenommen werden, dass Spitzensportler einen höheren NEM- Konsum haben als Freizeitsportler und dass mit zunehmendem Alter eher auf NEM zurückgegriffen wird (10). Die EFSA kommentiert den Einsatz von NEM folgendermassen: «Nahrungsergän- zungsmittel können eingesetzt werden, um ernährungsspezifische Mängel aus - zugleichen oder eine angemessene Auf- nahme von bestimmten Nährstoffen zu gewährleisten» (1). Es ist jedoch unwahr- scheinlich, dass die Einnahme auf Basis eines ernährungsspezifischen Mangels stattfindet. Vielmehr zeigen zahlreiche Untersuchungen, dass Personen die ei- nen gesunden Lebensstil pflegen, eher auf NEM zurückgreifen (2, 11, 12). Sportler wie Nichtsportler geben vorwie- gend gesundheitliche Gründe für die Ein- nahme eines NEM an (6, 12). Tatsächlich Verunreinigungen von Nahrungs- supplementen – eine Quelle verbotener Substanzen? Etwa ein Viertel der Schweizer Bevölkerung konsumiert Nahrungsergänzungsmittel (NEM). Sportler nehmen deutlich häufiger NEM zu sich. Es kann angenommen werden, dass die Gründe weniger im Bereich eines diagnostizierten Nährstoffmangels liegen, sondern vielmehr im prophylaktischen gesundheitsorientierten Bereich. Dabei sollte berücksichtigt werden, dass NEM geringere oder hö- here Mengen eines Nährstoffs oder einer Substanz enthalten können, als entsprechend deklariert. In den vergangenen Jahren sind verstärkt NEM aufgetaucht, die mit Stimulanzien oder anabolen Steroiden möglicherweise aufgrund unzureichender Produktionsabläufe kontaminiert waren oder bewusst gefälscht wurden. Der Konsum solcher NEM kann zu ernsthaften gesundheitlichen Konse- quenzen führen und bei Sportlern einen positiven Dopingbefund verursachen. Um dies zu vermei- den, wird empfohlen, die Ernährung auf Basis einer vielfältigen Lebensmittelauswahl zu optimieren und NEM nur nach individueller Kosten-Nutzen-Abschätzung aus risikoarmen Quellen zu beziehen. HANS BRAUN1,2, KARSTEN KÖHLER1,2, HANS GEYER2 1Institut für Biochemie, Deutsche Sporthochschule Köln 2Deutsches Forschungszentrum für Leistungssport, Deutsche Sporthochschule Köln NAHRUNGSERGÄNZUNG IM SPORT Hans Braun NAHRUNGSERGÄNZUNG IM SPORT 4/1019 wird jedoch in bestimmten Situationen eine chronisch hohe Zufuhr an Vitaminen und Mineralstoffen mit ernsthaften ge- sundheitlichen Konsequenzen in Verbin- dung gebracht (13–16). Wer also aus ge- sundheitlichen Gründen NEM einnimmt, sollte sich bewusst sein, dass es auch ein mögliches Risiko einer zu hohen Nährstoff- aufnahme gibt. Diese Kenntnis führte in- nerhalb der Europäischen Union unter an- derem zur Einführung von sogenannten Upper Intake Levels für die Zufuhr von Vit- aminen und Mineralstoffen (17). Produktionsqualität und Kontamination von NEM Käufer eines NEM sollten davon ausgehen können, dass nur solche Stoffe im Produkt zu finden sind, die auf der Verpackung an- gegeben werden. Die Produktionsqua - lität mancher Produkte scheint dies be- züglich jedoch unzureichend, was zu wesentlich höheren oder geringeren Substanzmengen führt als entsprechend deklariert (18, 19, 20). Des Weiteren wur- den in NEM Substanzen (z.B. Ephedrin oder Koffein) gefunden, die nicht auf der Verpackung angegeben waren (21, 22). Mitte der Neunzigerjahre wurden in den USA Prohormone (anabole-androgene Steroide) populär. Positive Dopingfälle liessen den Verdacht aufkommen, dass NEM mit diesen Hormonen verunreinigt sein könnten (23, 24). Bei einer Untersu- chung von 634 NEM aus 13 Ländern (Ta- belle) enthielten 14,8 Prozent (n = 94) an- drogene-anabole Steroide, die nicht auf der Verpackung deklariert waren (25). Aufgrund der eher geringen und stark schwankenden Konzentrationen (0,01– 190 μg/g), gehen die Autoren davon aus, dass es sich um sogenannte Cross-Konta- minationen handelte. Die Ursachen für die Kontaminationen sind unklar. Es be- steht die Möglichkeit, dass Unternehmen, die Prohormone produzierten und zu- dem gängige NEM herstellten, nicht auf eine ausreichende Sauberkeit innerhalb der Produktionslinien achteten. Die in dieser Studie untersuchten Produkte aus der Schweiz (n = 13) waren nicht auffällig. Eine umfangreichere Untersuchung von NEM-Produkten (n = 48) des Schweizer Marktes zeigte ebenfalls keine Verunreini- gungen (26). Zu beachten ist, dass es sich dabei ausschliesslich um als Arzneimittel zugelassene Produkte oder NEM handel- te, die von Herstellern pharmazeutischer Produkte stammten. Die Untersuchung von 201 Präparaten der Deutschen Roten Liste®, die Inhaltsstoffe wie Nahrungser- gänzungsmittel enthalten, jedoch als Arz- neimittel eingestuft sind, zeigten eben- falls keine Verunreinigungen (27). Es wird daraus geschlossen, dass NEM oder NEM-ähnliche Produkte, die nach pharmazeutischen Richtlinien (GMP) pro- duziert werden und daher einer strenge- ren Qualitätsüberprüfung unterliegen, als risikoarme Quellen eingestuft werden können. Fälschung von NEM Mittlerweile sind Prohormone auch in den USA verboten. Dies hat das Problem jedoch nicht entschärft, sondern an - scheinend verlagert. Inzwischen werden zunehmend NEM gefunden, die mit Sti- mulanzien oder klassischen anabolen Ste roiden (u.a. Stanozolol) angereichert wurden (28). So wurde zum Beispiel Sibutramin, be- kannt als Bestandteil verschreibungs- pflichtiger Medikamente zur Gewichtsre- duktion, in den vergangenen Jahren auch in NEM gefunden (29, 30, 31). Die Produk- te (Kräuterkapseln, Tee) wurden jeweils zur Gewichtsreduktion und als Naturpro- dukt angepriesen. Sibutramin war jedoch nicht auf der Verpackung deklariert. Da- bei ist zu berücksichtigen, dass nach Kon- sum des sibutraminhaltigen Tees Meta- boliten der Substanz noch 50 Stunden später im Urin nachweisbar waren. Dies hätte für einen positiven Dopingbefund ausgereicht (31). Nebenwirkungen wie Erhöhung des Blutdrucks und der Herz- frequenz mit den entsprechenden gesundheitlichen Konsequenzen sind möglich. Aufgrund der möglichen Ne- benwirkungen, insbesondere bei über - gewichtigen Personen, empfiehlt die Europäische Arzneimittelbehörde mitt- lerweile, die Einnahme von sibutramin - haltigen Arzneimitteln abzusetzen (32). Die US Food and Drug Administration (FDA) veröffentlicht fortlaufend Warn - meldungen zu NEM über nicht deklarierte Inhaltsstoffe oder aufgetretene Neben- wirkungen. So wurde kürzlich ein natürli- ches Produkt zur Gewichtsreduk tion zu- rückgerufen, das vier nicht deklarierte Substanzen (Fenfluramin, Propranolol, Sibutramin, Ephedrin) enthielt (33). Fen- fluramin wurde bereits 1997 aufgrund schwerer Nebenwirkungen vom Markt ge- nommen (33, 34). Propranolol gehört zu den Betablockern und kann je nach Per- Land Anzahl untersuchter Anzahl positiv prozentualer Produkte getesteter Produkte Anteil Niederlande 31 8 26% Österreich 22 5 23% Grossbritannien 37 7 19% USA 240 45 19% Italien 35 5 14% Spanien 29 4 14% Deutschland 129 15 12% Belgien 30 2 7% Frankreich 30 2 7% Norwegen 30 1 3% Schweiz 13 – – Schweden 6 – – Ungarn 2 – – Total 634 94 15% Untersuchung von 634 NEM auf Prohormone und Anzahl positiv getesteter Produkte aus den untersuchten Ländern (entnommen aus 25) Tabelle: NAHRUNGSERGÄNZUNG IM SPORT 4/10 20 son zu ernsthaften Nebenwirkungen füh- ren. Zudem ist Propranolol auf der Liste der verbotenen Substanzen der Welt-Anti- Doping-Agentur (WADA) und bei be- stimmten Sportarten im Wettkampf ver- boten. Ephedrin gehört wie Sibutramin zu der Gruppe der Stimulanzien; beide Sub- stanzen sind für Sportler im Wettkampf verboten (35). Erst kürzlich wurden Warnmeldungen der FDA zu Produkten ausgerufen, die Aroma - taseinhibitoren enthielten und als NEM vertrieben wurden (36). Die FDA macht jedoch deutlich, dass es sich hierbei nicht um ein NEM entsprechend der gesetzli- chen Verordnung handelt. Auch bei die- sen Produkten sind ernsthafte Nebenwir- kungen nicht auszuschliessen. Zudem sind Aromataseinhibitoren entsprechend der WADA verboten (35). Seit 2002 tauchen NEM auf, die wahr- scheinlich absichtlich mit anabolen Ste- roiden (z.B. Stanozolol, Boldenon, Oxan- drolon) angereichert wurden (28). Auf der Verpackung werden häufig Phantasie - namen verwendet, jedoch der Gehalt an Steroiden wird verschwiegen. Der hohe Gehalt (> 1 mg/g) an Steroiden in den Produkten kann zu ernsthaften Neben- wirkungen (Störungen der Leberfunk - tion, Störungen des Menstruationszyklus, Vermännlichung, psychische Erkrankun- gen) führen (28, 37). Falls Hersteller solcher illegaler Produkte auch andere Präparate (Vitamine, Mineralstoffe etc.) produzieren, besteht die Möglichkeit, dass es auch NEM gibt, die mit Steroiden kontaminiert sind. 2005 wurden schliess- lich Vitamin-C-, Multivitamin- und Ma- gnesiumtabletten konfisziert, die Metan- dienon und Stanzolol enthielten (38). Zusätzlich wurden in den vergangenen Jahren in nicht zugelassenen Arznei - mitteln, die als NEM getarnt waren, so - genannte Designersteroide entdeckt. Die Funktionen im Stoffwechsel und Neben- wirkungen sind bei diesen Produkten meist noch unklar, und die Gefahr einer Kontamination von Vitamin- oder Mine- ralstoffpräparaten ist auch hier aufgrund unzureichender Qualitätskontrollen beim Produktionsprozess nicht auszuschlies- sen (28, 39). Gibt es NEM mit geringem Risiko? Um Sportler nun vor unabsichtlichem Do- pingbefund zu schützen, wurden in den Niederlanden (http://antidoping.nl/nzvt) und Deutschland (www.koelnerliste.com) Datenbanken eingerichtet, die NEM mit minimalem Risiko einer Verunreinigung auflisten. Dort aufgeführte Produkte wur- den in der Regel auf bekannte Stimulan- zien und anabole Steroide untersucht. Beide Datenbanken geben jedoch weder eine Empfehlung für den Einsatz eines NEM noch eine Garantie, dass eine Konta- mination ausgeschlossen werden kann. Da die Verunreinigungen auch gesund- heitliche Nebenwirkungen haben kön- nen, sind die Datenbanken auch für den nicht sportlich ambitionierten Konsu- menten interessant. Unabhängig davon können, wie oben beschrieben, NEM oder NEM-ähnliche Produkte, die nach phar- mazeutischen Richtlinien produziert wer- den, als risikoarme Produkte hinsichtlich einer Verunreinigung eingestuft werden. Trotzdem ist zu beachten, dass Verunrei- nigungen oder Fälschungen nicht gänz- lich ausgeschlossen werden können (28). Fazit Insbesondere Personen in besonderen physiologischen Situationen (Schwan- gerschaft, Stillzeit, Kinder, Jugendliche) oder mit Erkrankungen sollten sich der Thematik der kontaminierten oder mögli- cherweise gefälschten NEM bewusst sein, um schwerwiegenden gesundheitlichen Gefahren aus dem Weg zu gehen. Für Sportler besteht die Gefahr eines positi- ven Dopingbefunds. Konsumenten von NEM sollte bewusst sein, dass Produkte, die als besonders effektiv beschrieben sind (z.B. Muskelaufbau, Gewichtsreduk- tion, Leistungssteigerung), möglicher - weise mit nicht erlaubten Substanzen angereichert wurden. Inwieweit die Ein- nahme eines NEM notwendig ist, bedarf einer individuellen Kosten-Nutzen-Ana - lyse. Im Vordergrund sollte jedoch die Op- timierung der Ernährungssituation ste- hen (10, 40). Korrespondenzadresse: Hans Braun Institut für Biochemie, Deutsches For- schungszentrum für Leistungssport Deutsche Sporthochschule Köln Am Sportpark Müngersdorf 6, D-50933 Köln Tel. 0049-221 4982 4932 Fax 0049-221 4973 236 E-Mail: h.braun@dshs-koeln.de Literatur: 1. European Food Safety Authority. Nahrungsergän- zungsmittel, www.efsa.europa.eu/EFSA/efsa_locale- 1178620753824_1211902374985.htm. Zugriff 1.09.2010 2. Marques-Vidal P, Pécoud A, Hayoz D, Paccaud F, Mooser V, Waeber G, Vollenweider P. Prevalence and characteristics of vitamin or dietary supplement users in Lausanne, Switzerland: the CoLaus study. Eur J Clin Nutr. 2009; 63: 273–281. 3. Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Le- bensmittel. Nationale Verzehrstudie II, Ergebnisbe- MERKSÄTZE • Der Konsum an NEM ist in der Bevölkerung weitverbreitet und liegt bei Sportlern deut- lich höher. • In der Regel erfolgt die Einnahme nicht auf Basis von diagnostizierten Ernährungsdefizi- ten, sondern aus prophylaktischen Gründen. • NEM können Substanzen beinhalten, die nicht auf der Verpackung angegeben sind. Nebenwirkungen mit entsprechenden gesundheitlichen Konsequenzen sind nicht auszu- schliessen. Dies gilt insbesondere für Kinder, Jugendliche und Schwangere. • Für Sportler ist die Gefahr eines positiven Dopingbefunds nicht auszuschliessen. • NEM oder NEM-ähnliche Produkte, die nach pharmazeutischen Richtlinien produziert werden, haben ein minimiertes Risiko hinsichtlich einer Verunreinigung. • Datenbanken wie die Kölner Liste (www.koelnerliste.com) können hilfreich sein, um das Problem einzugrenzen. • Der sicherste Weg zur Vermeidung der NEM-Problematik ist jedoch die individuelle Op- timierung der Ernährungssituation auf Basis einer vielfältigen Lebensmittelauswahl. NAHRUNGSERGÄNZUNG IM SPORT 4/1021 richt, Teil 2. www.was-esse-ich.de/. Zugriff 3.09.2010 4. TGI Survey, Vitamins and other Supplements, www.tgisurvey.com. Zugriff 3.09.2010 5. Sobal J, Marquart LF. Vitamin/Mineral supplement use among athletes: A review of the literature. Int J Sp Nutr. 1994; 4: 320–334. 6. Braun H, Koehler K, Geyer H, Kleinert J, Mester J, Schaenzer W. 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