DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de D ie tragische Geschichte von Justin Fashanu kann man bis heute als eine Botschaft an al- le queeren Fußballer interpre- tieren: Ihr gehört hier nicht hin. Fashanu, 1961 in London geboren, war 1990 der erste aktive Fußballprofi, der sei- ne Homosexualität öffentlich gemacht hat. Als er sich am 2. Mai 1998 in einer Garage erhängte, hinterließ er einen kurzen Ab- schiedsbrief, darin der Satz: „Schwul und eine Person des öffentlichen Lebens zu sein, ist hart.“ Der Sohn eines Nigerianers und einer Guyanerin galt als großes Talent, mit gera- de einmal 17 Jahren debütierte er für Nor- wich City in der ersten englischen Liga. Er spielte in der Jugendnationalmannschaft und schoss 1980 ein sensationelles Tor ge- gen den FC Liverpool, das zum „Goal of the Season“ gewählt wurde. Justin Fashanu war Anfang der Achtzigerjahre ein großes Versprechen im englischen Fußball: Not- tingham Forest bezahlte eine Million Pfund Ablöse für ihn, damals eine Rekord- summe für einen schwarzen Fußballer. Doch Fashanu kam nicht zurecht bei sei- nem neuen Klub, vergab plötzlich einfachs- te Chancen. Der Anfang vom Ende war der Moment, in dem Trainer Brian Clough her- ausfand, dass sein junger Stürmerstar in den Schwulenbars der Stadt feierte. Vor versammelter Mannschaft beschimpfte Clough Fashanu als „Schwuchtel“ und schloss ihn kurze Zeit später vom Training aus. Als Fashanu trotzdem auf dem Gelän- de erschien, rief sein Trainer die Polizei. Jetzt könnte man natürlich sagen: Was den Umgang mit Homosexualität angeht, sind zumindest westliche Gesellschaften heute deutlich weiter als zu der Zeit von Jus- tin Fashanu. Wir leben schließlich in einer Welt, in der Jens Spahn, ein schwuler verhei- rateter Mann, der CDU/CSU-Bundestags- fraktion vorsitzt. Und wir lebten schon vor zehn Jahren in einer Welt, in der die Menge bei einem republikanischen Parteitag be- geistert „USA! USA!“ skandierte, nachdem dort ein Mann namens Peter Thiel auf der Bühne verkündet hatte: „Ich bin stolz dar- auf, schwul zu sein. Ich bin stolz darauf, Re- publikaner zu sein. Aber vor allem bin ich stolz darauf, Amerikaner zu sein.“ Wir müssen weit gekommen zu sein, wenn selbst die illiberale Maga-Bewegung einen homosexuellen Mann als einen ihrer Vordenker akzeptiert. Oder etwa doch nicht? Schaut man sich die Situation im Männersport an, bekommt man jedenfalls große Zweifel an dieser optimistischen Sicht auf die Dinge. Gerade geht auf Social Media die kanadi- sche Serie „Heated Rivalry“ viral. Und die Aufregung dürfte nur noch größer werden, wenn die Serie bald auch in Deutschland und weiteren Ländern legal zu streamen sein wird. Dabei wirkt die Geschichte auf den ersten Blick gar nicht allzu spektaku- lär. Zwei junge Männer, die im Beruf Kon- trahenten sind, lernen sich kennen, begin- nen eine Affäre, verlieben sich und, ja, ha- dern mit ihrer Sexualität. Doch das Gefühl, zwei Menschen dabei zu begleiten, wie sie ein großes Tabu bre- chen, das entsteht vor allem deswegen, weil Shane Hollander und Ilya Rozanov – so heißen die Protagonisten – keine Politi- ker, Musiker oder Informatiker sind. Son- dern Eishockeyprofis. Eishockey, das ist Volkssport in Kanada, einem vermeintlich liberalen Land. Doch offen schwule oder bi- sexuelle Eishockeyspieler gibt es dort, ge- nau wie im Rest der Welt, so gut wie nicht. Und es ist ja nicht nur Eishockey. Sinn- bildlich für den Umgang mit Homosexuali- tät im Männersport steht Fußball, gewis- sermaßen der globale Volkssport. Bis heu- te haben sich gerade einmal 29 Profifußbal- ler während oder nach ihrer Karriere als ho- mo- oder bisexuell geoutet, zählte das Fach- portal Outsports kürzlich nach. Nur zum Vergleich: Die Zahl der momentan aktiven Fußballprofis liegt bei mehr als 120 000. Einer der ganz wenigen aktiven Fußball- profis, die offen homosexuell leben, ist der Australier Joshua Cavallo, dessen Coming- out etwas mehr als vier Jahre her ist. Caval- lo, damals 21 Jahre alt, war gerade Stamm- spieler bei seinem Klub Adelaide United ge- worden, als er im Oktober 2021 ein Video in den sozialen Medien teilte: „Ich bin ein Fuß- baller. Und ich bin schwul.“ Cavallo sagte, er habe lernen müssen, seine Gefühle zu „verbergen“, um dem Bild eines Profifuß- ballers zu entsprechen. „Als ich aufwuchs, waren Schwulsein und Fußballspielen zwei Welten, die sich nie zuvor gekreuzt hatten.“ Seine Offenheit sollte zu einem Wandel beitragen. Und tatsächlich waren die ers- ten Reaktionen auf sein Coming-out fast ausschließlich positiv, Stars wie der weltbe- kannte Stürmer Zlatan Ibrahimović nann- ten Cavallo einen „Champion“. Der Austra- lier selbst sprach in Interviews anschlie- ßend davon, wie „überwältigt und glück- lich“ er über die Resonanz sei. Inzwischen wirkt er ernüchtert. Ende vergangenen Jahres hat Joshua Cavallo Adelaide United verlassen, nachdem er zu- letzt kaum noch auf dem Platz gestanden hatte. Auf Instagram macht er dem Verein und seinen Mitspielern jetzt schwere Vor- würfe. Nicht sportliche, sondern „politi- sche“ Gründe seien die Ursache dafür ge- wesen, dass er keine Einsatzzeiten mehr er- halten habe, schrieb er vor einigen Tagen. Was zu seinem „Kummer“ außerdem bei- getragen habe: „Teamkollegen machten sich über ein Foto von mir und meinem Partner lustig.“ (Adelaide United hat die Vorwürfe in einer Mitteilung als falsch zu- rückgewiesen.) Joshua Cavallo ist mit sei- nem Verlobten nach England gezogen, wo er jetzt für Stamford AFC spielt. Sportlich ist das ein Absturz für den ehemaligen Juni- orennationalspieler. Stamford ist Abstiegs- kandidat in der siebten Liga. Ein weiteres Sinnbild für den Umgang mit Homophobie im Fußball: Brian Clough, der ehemalige Trainer von Justin Fashanu, gilt bis heute als einer der größ- ten englischen Fußballtrainer überhaupt. Die Haupttribüne des Stadions von Not- tingham Forest heißt „Brian Clough Stand“, und im Stadtzentrum steht eine überlebensgroße Statue von ihm. Die Karri- ere von Justin Fashanu hingegen verlief un- stet. Er verließ Forest, wechselte auch da- nach häufig den Verein, schien nirgends wirklich reinzupassen. Er ging in die USA und nach Kanada, in der Hoffnung, dort freier leben zu können. Und dann, mit Ende zwanzig, entschied er sich, mutig zu sein. „Ich bin schwul“, ti- telte das britische Boulevardblatt Sun, da- zu die Unterzeile: „Justin Fashanu ge- steht“. Angeblich 80 000 Pfund hat Fasha- nu von der Zeitung für die Exklusivge- schichte erhalten. Sein Bruder John soll ihm die gleiche Summe geboten haben, wenn er das Interview zurückzieht. Als John, ebenfalls Fußballprofi, kurz nach Justins Coming-out in einem TV-Inter- view danach gefragt wurde, sagte er, er würde mit seinem eigenen Bruder nicht gerne in einer Mannschaft spielen oder auch nur die Umkleide teilen. „Wenn ich so bin, bin ich mir sicher, dass der Rest des Fußballs auch so ist.“ Noch viele Jahre nach dessen Tod sagte John Fashanu, er glaube, sein Bruder sei gar nicht schwul gewesen, sondern habe sich das alles bloß ausge- dacht, des Geldes wegen. Justin Fashanu beging im Mai 1998 Sui- zid, nachdem ein 17-Jähriger ihm vorge- worfen hatte, ihn vergewaltigt zu haben. In seinem Abschiedsbrief beteuerte Fashanu seine Unschuld und schrieb: „Ich fühlte, dass ich wegen meiner Homosexualität kein faires Verfahren bekommen würde. Ihr wisst, wie das ist, wenn man in Panik ge- rät. Bevor ich meinen Freunden und mei- ner Familie weiteres Unglück zufüge, will ich lieber sterben.“ Weder die Geschichte von Justin Fasha- nu noch jene von Joshua Cavallo sind ein Be- weis dafür, dass es zwingend eine schlechte Idee sein muss, sich als männlicher Profi- sportler zu outen. Es gibt Athleten, die bes- sere Erfahrungen gemacht haben, auch Fußballer. Cavallos Landsmann Andrew Brennan etwa, der lange in Australiens zwei- ter Liga spielte, hat derartige Dinge laut ei- gener Aussagen nicht erlebt. Klar ist nur, dass der Profifußball augenscheinlich eine Welt ist, deren Protagonisten meist zu dem Schluss kommen, dass ein Coming-out das Risiko nicht wert ist. Woran liegt das? Thomas Hitzlsperger, ehemaliger deut- scher Nationalspieler, machte seine Homo- sexualität 2014 – nach der aktiven Karriere – öffentlich. Im Interview mit der Süddeut- schen Zeitung sagte er vor zwei Jahren, sei- ne größte Sorge sei die Mannschaftskabine gewesen. Die Kabine: Gerade in Mann- schaftssportarten wie Fußball hat dieser Ort eine beinahe mystische Bedeutung. Hier sollen sich ganze Saisons entscheiden, Spieler wie Trainer sprechen immer wie- der darüber, dass es für den Erfolg nichts Wichtigeres gibt, als dass die Kabine „funk- tioniert“. Fliegt ein Trainer raus, dann häu- fig, weil er die Kabine angeblich „verloren“ hat. Und Thomas Hitzlsperger hat wäh- rend seiner aktiven Zeit in den Kabinen sol- che Dinge gehört: „Mit einem schwulen Mitspieler würde ich nicht duschen.“ Torhüter Jens Lehmann, mit dem Hitzls- perger lange zusammengespielt hat, sagte nach dessen Coming-out im Fernsehen, dass er vermutlich „komisch“ auf einen schwulen Mitspieler reagiert hätte: „Man duscht jeden Tag zusammen, man hat Pha- sen, in denen es nicht so läuft.“ Okay, das ist ja auch schon wieder mehr als zehn Jah- re her. Hitzlsperger selbst hatte in dem SZ- Interview schließlich gesagt, es habe sich „etwas getan“ im Fußball, und dass schwu- le Spieler jetzt eigentlich erkennen müss- ten: „Die Zeit ist reif.“ Und dann muss man an diesen Vorfall im Oktober 2024 denken, als bekannt wur- de, dass der damalige Bundesligastürmer des VfL Wolfsburg Kevin Behrens sich wei- gerte, ein Vereinstrikot in Regenbogenfar- ben für einen guten Zweck zu signieren. Medienberichten zufolge soll er im Beisein seiner Mitspieler gesagt haben: „So eine schwule Scheiße unterschreibe ich nicht.“ Natürlich ist nicht jeder Fußballprofi ho- mophob, die große Mehrheit hätte mit Si- cherheit keinerlei Probleme damit, wenn ihr Nebenmann auf dem Feld und in der Ka- bine einen anderen Mann liebt. Nur hilft diese Erkenntnis queeren Fußballern lei- der nicht weiter. Denn es reicht, wenn es ei- nige wenige gibt, die sich so äußern wie Lehmann und Behrens, um den ohnehin komplexen Prozess eines Coming-outs zu verunmöglichen. Dasselbe gilt für Insta- gram-Posts wie jenen von Felix Nmecha, aktueller deutscher Nationalspieler, der vor zweieinhalb Jahren ein Video teilte, das den Begriff „Pride“ dem Teufel zuordnete. Nmecha ist bekennender Christ und Teil des wachsenden Netzwerks „Ballers in God“, dessen Mitglieder ausschließlich Fußballprofis sind, die eine sehr funda- mentale Auslegung des Glaubens propagie- ren. Bei Instagram folgen „Ballers in God“ mehr als 700 000 Menschen. Als die engli- sche Premier League vergangenen August entschied, die obligatorische Kapitänsbin- de in Regenbogenfarben während des soge- nannten Pride Month abzuschaffen, da re- agierte „Ballers in God“ mit einem Beitrag in den sozialen Medien: „Wir haben gebe- tet. Wir haben gefastet. Und Gott hat uns er- hört.“ Im Mai 2024 überklebte zudem der muslimische Fußballprofi Mohamed Ca- mara eine Pro-LGBT-Botschaft auf dem Trikot seiner damaligen Mannschaft AS Monaco. Der Direktor des Klubs erklärte die Aktion mit „religiösen Gründen“. Apropos Regenbogenbinde und Sonder- trikot: Es ist natürlich keine Kleinigkeit, wenn Vereine und Verbände immer wieder die Sichtbarkeit solcher Symbole fördern. Weder Kapitänsbinden, Eckfahnen oder sogar ganze Stadien in Regenbogenfarben noch queere Fanklubs und Bekenntnisse zu sexueller Vielfalt in Satzungen sind zu unterschätzen. Das alles sendet ein Signal, das nicht zuletzt für queere Fans, aber auch Spieler eine große Bedeutung haben kann. Thomas Hitzlsperger hat völlig recht – es hat sich tatsächlich viel getan in den vergangenen Jahren. Es war zuletzt aber auch immer wieder zu beobachten, dass Akteure im Fußball eingeknickt sind. Da war das One-Love-Fi- asko bei der Fußball-WM in Katar 2022, als der Deutsche Fußball-Bund sich eben doch nicht traute, die Regenbogenbinde ge- gen den Widerstand der Fifa durchzuset- zen. Und da war der FC Bayern, der sehr lan- ge an der staatlichen Fluglinie Katars als Sponsor festhielt, aller Kritik an der schlechten Menschenrechtslage von quee- ren Menschen in dem islamisch geprägten Land zum Trotz. Auch das sendet Signale. Natürlich ist nichts von alldem – die schwulenfeindliche Sprache, die funda- mentalen Religionsauslegungen, das Ver- raten von Prinzipien – ein exklusives Pro- blem der Welt des Profifußballs. Aber hier treffen diese Aspekte auf „einen immer noch sehr männlich geprägten und domi- nierten Bereich“. So drückt das Birgit Brau- müller aus. Die Soziologin an der Sport- hochschule Köln forscht seit Jahren zu Ho- mosexualität und Geschlecht im Sport. Braumüller sagt: „Der Sport war aus his- torischer Perspektive nur für Männer da.“ Ursprünglich entstand organisierter Sport, um den männlichen Teil der Bevölke- rung fit und wehrtüchtig zu machen. Frau- en mussten sich den Zugang erst mühsam erkämpfen. Und sie sind noch immer nicht mal annähernd gleichberechtigt, wie die weiterhin sehr ungleiche Bezahlung in fast allen Disziplinen zeigt. Der Glaube, Sport sei männlich, ist tief in unseren Köpfen ver- ankert, so Braumüller. Und genau deshalb ist das „Abweichen von Männlichkeit“ im Profisport auch so besonders stark „tabui- siert“. Nur ein Beispiel: Der spanische Erst- ligaspieler Borja Iglesias wurde kürzlich von gegnerischen Fans schwulenfeindlich beschimpft – weil er Nagellack trug. Die männliche Konnotation des Profi- sports ist auch ein Teil der Erklärung da- für, warum es im Frauensport das Normals- te der Welt zu sein scheint, wenn die Athle- tinnen offen homosexuell sind. Sportsozio- login Braumüller sagt: „Dass Schwulsein grundsätzlich eine Nähe zu Weiblichkeit und Feminität und Lesbischsein zu Männ- lichkeit unterstellt wird, ist natürlich Quatsch“ Aber auch diese Vorstellungen seien nun mal „tief in der Gesellschaft ver- ankert“. Daher ergeben für viele Menschen lesbische Fußballerinnen gewissermaßen Sinn, schwule Fußballer hingegen nicht. In einer TV-Dokumentation sagt die Nichte von Justin Fashanu, Amal Fashanu, sie glaube, dass „nicht die Gesellschaft“ ein Problem mit Homosexuellen habe, son- dern „der Fußball“. Man versteht, wie sie das meint. Doch möchte man präzise sein, dann muss man es wohl eher so ausdrü- cken: Der Profisport, ganz besonders der Fußball, hat im Umgang mit Homosexuali- tät noch einen sehr weiten Weg vor sich. Vor allem aber verdeutlicht er uns allen, dass wir in dieser Gesellschaft vielleicht doch noch nicht ganz so weit sind, wie wir manchmal denken. DEFGH Nr. 25, Samstag/Sonntag, 31. Januar/1. Februar 2026 41 Gesellschaft Alte Klischees von Männlichkeit sind im Fußball sehr präsent Das peinliche Schweigen in der Kabine Offen queere Profiathleten sind bis heute eine große Ausnahme. Warum ist Homosexualität vor allem im Männerfußball noch immer so ein Tabu? Vo n D av i d Ku l e s s a F O T O : G R E G N A S H / R E U T E R S FO TO :G E O R G E W O O D /G E TT Y IM A G E S Melania Trump und ihre Vorgängerinnen: Warum man es als First Lady oft schwer hat Seite 45 DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de KulessadA 301.0..SZ20260131S10542251 http://www.sz-content.de