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  • ZSLS-Themenheft_-_Digitalisierung-4_Roth.pdf
    26 CC BY 4.0 DE=HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Einsatz von Podcasts in der Sportlehrer*innenbildung · Bergmann, Roth Einsatz von Podcasts in der Sportlehrer*innenausbildung -DQD%HUJPDQQ$QQH&KULVWLQ5RWK 6FKOĚVVHOZĂUWHUSportlehrer*innenbildung, Digitalisierung, Podcast, Lehr-/Lernmethode WERKSTATTBERICHT > PRACTICE REPORT =86$00(1)$6681* Podcasts sind ein selbstverständlicher Bestandteil der Lebenswelt vieler Menschen geworden – das betrifft Schüler*innen genauso wie Studierende und Lehrkräfte. Dabei ist mit dem Podcasting mehr verbunden, als nur das Erstellen von Audio- oder Videobeiträgen. Dahinter steckt die Vorstellung eines dezentralen und internetbasierten Medienkonzepts – also die Idee von digitalen Medien als produktives Ausdrucksmittel. Die eigenen Ideen werden in Form von Podcasts einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht, auch wenn die reale Reichweite durch das Thema auf bestimmte Zielgruppen begrenzt ist. Technisch sind Podcasts, insbesondere Audiopodcasts, leicht zu erstellen, da nahezu jedes digitale Endgerät über die Möglichkeit der Sprachaufzeichnung verfügt. Der Au- diopodcast als rein auditives Ausdrucksmittel kann dabei gut mit dem Sportun- terricht verknüpft werden, da dieser als mündlich geprägtes Fach häufig auf das Schriftbild verzichtet. Zur Erprobung und Evaluation der Audiopodcasts als neue, motivierende Lehr-/ Lernmethode in der Sportlehrer*innenbildung wurde das digitale Medium im Semi- nar „Digitalisierung im Sportunterricht“ für Studierende des Master of Education an der TU Dortmund erstmalig eingesetzt. Dabei wurde zunächst die Produktion eines eigenen themenbezogenen Podcasts der Studierenden fokussiert, während ein zweiter Schritt den diskursiven und reflexiven Umgang mit der Darstellung der Thematik in Form eines „Antwortpodcasts“ vorsah. Die Evaluation der Seminarein- heiten konzentrierte sich vor allem auf das Feedback der Studierenden bezüglich der Motivation, dem Lernertrag und der Passung von Methode und Inhalt. Diese Bewertung fiel grundsätzlich positiv aus und unterstützt somit den weiterführen- den Einsatz von Audiopodcasts in der Sportlehrer*innenausbildung. ƶ(,1/(,781* Die zunehmende Digitalisierung des alltäglichen und beruflichen Lebens ist eine der zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen. Die digitale Transformati- on führt auch zu neuen Anforderung in der universitären und schulischen Lehre, da nicht nur neue Kompetenzen erlernt und gelehrt werden müssen, sondern auch neue Formate im Bereich der Prüfungen, der Lehre und des Lernens in die Bildungseinrichtungen integriert werden. Digitalen Technologien und Medien wird dabei die Fähigkeit zugesprochen, Lehr- und Lernprozesse gewinnbringend weiterentwickeln zu können, indem Lernsituationen geschaffen werden, die eine stärkere Selbststeuerung und Kooperation unter den Studierenden ermöglichen (Fischer & Paul, 2020). In diesem Zusammenhang wird auch im Sport- lehramtsstudium der Einsatz verschiedener digitaler Tools im Hinblick auf den möglichen universitären sowie schulischen Einsatz er- probt und in Verhältnis zum Nutzen bewertet und analysiert. Vor diesem Hintergrund be- fasst sich der vorliegende Beitrag mit dem Einsatz von Podcasts als digitales Tool in der Sportlehrer*innenbildung. Hierfür werden zunächst die Ausgangslage und der aktuelle Forschungsstand zum Einsatz von Podcasts im Bildungswesen aufgeführt. Anschließend wird die durchgeführte Seminareinheit zur Thematik dargestellt und der Nutzen des digitalen Tools mit Hilfe einer Studierendenumfrage erörtert. Ʒ('8&$676ȑ32'&$676,1 '(5/(+5( Podcasts sind ein digitales Tool, das zu den neuen Medien der frühen 2000er Jahre gezählt wird. Ursprünglich bezeichneten Podcasts die digitale Bereitstellung von Audiodateien, die über das Internet verbreitet und über Computer oder mobile Endgeräte abgerufen und abonniert werden können. Inzwischen zählen auch bild- lich unterstützte Audio- sowie Videodateien zur Gruppe der Podcasts (Klee, 2007; Rajic, 2013). Auch der Mehrwert der Nutzung von Podcasts in bildungsrelevanten Einrichtungen wird vor allem in englischsprachigen Ländern frühzeitig diskutiert (Ketterl, Schmidt, Mertens, & Mo- risse, 2006; Schiefner, 2008; Sprague & Pixley, 2008; Tavales & Skevoulis, 2006). Aus diesen 27 =HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Einsatz von Podcasts in der Sportlehrer*innenbildung · Bergmann, Roth Überlegungen ergibt sich das Feld der soge- nannten Educasts („Educational Podcasts“), die eine Produktion und Distribution von Au- dio- und Videoaufzeichnungen bezeichnen, welche pädagogisch relevante Themenbereiche behandeln beziehungsweise in pädagogischen Kontexten entstanden sind (Schiefner, 2008; Zorn, Auwärter, Krüger, & Seehagen-Marx, 2011). Educasts können in verschiedenen Formen vorliegen, wie beispielsweise als Audiopodcast, Vodcast (Bewegtbild), Screen- cast (Aufzeichnung von Bildschirminhalten), Picturecast (Grafiken, Fotografien, Bilder) oder Enhanced Podcast, bei dem Seminar- oder Vorlesungsfolien synchron zur auditiven Präsentation aufgenommen und abgespielt werden. In der Regel kommen den bildungsre- levanten Podcasts drei Funktionen zu, die sich in die Bereitstellung von Informationen, die Darstellung des selbstständigen Lernens und die Präsentation eines Lerngegenstands unter- teilen (Ketterl et al., 2006; Zorn et al., 2011). Im Hinblick auf lern- und lehrtheoretische Inhalte können Edcuasts in verschiedenen Be- reichen gewinnbringend eingesetzt werden. Im Rahmen des instruierenden Lernens kommt dem digitalen Format beispielsweise die Rolle der Bereitstellung von (wissenschaftlichen) Inhalten zu. Dabei werden die Lehrenden als Produzierende und die Studierenden als Rezi- pierende verstanden, indem Vorträge, Vorle- sungen und Erklärungen zur Verbesserung der kognitiven Verarbeitung der Inhalte als flexibel erreichbare mediale Datei verbreitet werden. Im Sinne des produktiven beziehungsweise konstruktionistischen Lernens können Educasts auch von Studierenden produziert werden. Die- se strukturieren dafür ihr selbstständig ange- eignetes Wissen zu einer bestimmten Thematik und transferieren dieses in einen Podcast zur Wissensvermittlung und diskursiven Auseinan- dersetzung (Zorn et al., 2011). Im Vordergrund des Podcastings steht eine aktive Beteiligung der Produzierenden, aber auch Rezipierenden, vor allem im Bereich der aufeinander aufbauen- den beziehungsweise aufeinander bezogenen Podcast-Serien (Ketterl et al., 2006). Sowohl in der Produktion wie auch in der Re- zeption von Podcasts lassen sich einige Vor- teile für den bildungsrelevanten Bereich, wie der Universität oder Schule, erkennen. Dabei profitieren Lehrende und Lernende vor allem von der zeitlichen Flexibilität des digitalen Mediums. Inhalte müssen nicht mehr synchron erschlossen werden, sondern können sowohl zeitlich versetzt wie auch wiederholt abgerufen und konsumiert werden. Dies spielt auch für das selbstbestimmte Lernen eine Rolle, da dem unterschiedlichen Lerntempo der Lernenden Rechnung getragen werden kann. Des Weiteren stellen Podcasts ein digitales Format dar, für das lediglich Basiskompetenzen im medialen Bereich notwendig sind und eine grundlegende technische Ausstattung, wie ein einfaches digitales Aufnahmegerät mit Internetzugang, bereits die Auf- nahme und Distribution der Mediendateien ermöglicht (Schiefner, 2008). Ƹ$.78(//(567$1'ȑ32'&$676,1'(56&+8/,ȑ 6&+(181'81,9(56,7e5(1/(+5( Bereits seit Einführung des Podcast wird auch der Einsatz des digitalen Mediums im schulischen und universitären Kontext erprobt (Hebbel-Seeger, 2010; Hoch- muth et al., 2009; Ketterl et al., 2006; Klose, 2019; Rajic, 2013; Peuschel, 2016 Schiefner, 2008, Sprague & Pixley, 2008, Tavales & Skevoulis, 2006). Dabei fällt jedoch auf, dass es keine allgemeingültigen Beispiele für den gewinnbringenden Einsatz gibt, sondern Schulen und Universitäten eher nach dem Prinzip der Einzel- lösungen agieren. Bereits in der ersten Phase der Podcastnutzung im universitären Rahmen wurde die Aufzeichnung von Vorlesungen als besonders gewinnbringend dargestellt. Die Studierenden werden dabei als Rezipierende verstanden, denen der Lernge- genstand von den Lehrenden als Produzierende in einer asynchronen und wieder- holbaren Form zur Verfügung gestellt wird (Ketterl et al., 2006, Hebbel-Seeger, 2010). Das instruierende Nutzen von Podcasts wird auch in aktuellen Szenarien eingesetzt und evaluiert, indem Vorlesung in Audio- und Videoform aufgezeichnet werden und den Studierenden die Prüfungsvorbereitung sowie eine Nacharbeitung der Lerninhalte ermöglichen. Hier wird explizit darauf hingewiesen, dass Studie- rende dieses Format als Unterstützung der in Präsenz stattfindenden Vorlesung als gewinnbringend einordnen, eine direkte Interaktion mit den Lehrpersonen jedoch nicht ersetzen möchten (Hebbel-Seeger, 2021). Betrachtet man den konstruktionistischen Einsatz von Audiopodcast als digitales Lernmedium im Bildungskontext, das die Lernenden in der Rolle des Produzieren- den sieht, fällt vor allem die Nutzung in sprachlichen Kontexten auf. Dies wird vorrangig damit begründet, dass explizit im fremd- und fachsprachlichen Kontext auditive Beiträge genutzt werden können, während naturwissenschaftlich ge- prägte Fächer und Fachgruppen eine zusätzliche grafische Darstellung des The- menschwerpunkts benötigen (Ketterl et al., 2006). Im sprachlichen Bereich wird vor allem die Möglichkeit der Fremdsprachenakquisition mit Hilfe von Podcasts hervorgehoben. Dabei werden Podcasts zum einen als Möglichkeit gesehen, the- matisch relevante Beiträge auf der Fremdsprache wiederholt und zeitlich uneinge- schränkt abrufen zu können und somit authentisch Material für die gewählte Spra- che zu bieten. Zum anderen wird vor allem die aktive Auseinandersetzung mit der Sprache genannt, die durch eine eigenständige Erstellung von Podcastbeiträgen zu individuell gewählten, relevant erscheinenden Themen erreicht werden kann. Die Option der Themenwahl durch die Lernenden schafft dabei eine Involviertheit und auch Aktivierung durch einen starken Interessen- und Lebensweltbezug. Wei- tere Kompetenzen die durch Podcasts im (Fremd-)Sprachenunterricht gefördert werden können, sind unter anderem Fähigkeiten im Bereich des Zeitmanagements, des Problemlösens und die Verbesserung kommunikativer Strategien im lebens- weltlichen Bezug (Peuschel, 2016; Yugsán-Gómez, Mejia-Gavilanez, Hidalgo- Montesinos, & Rosero-Morales, 2019). Im Rahmen der Verbesserung sprachlicher Kompetenzen wird auch im Fach Mathe- matik der Audiopodcast als Lernmedium eingesetzt. Die Untersuchung konzent- rierte sich auf die Primarstufe und verfolgte das Ziel der verbesserten Versprach- lichung fachlicher Inhalte, vor allem im Hinblick auf bilinguale Kontexte (Klose, 2019). Im Gegensatz zu den Projekten, die sich spezifisch mit dem Einsatz von Podcasts in der Lehre zur Verbesserung sprachlicher Fähigkeiten beschäftigt haben, wurde als fachpraktisches Beispiel der Einsatz des digitalen Mediums im Musikunter- richt erprobt. In einem virtuellen Unterrichtsraum wurden Musikstücke von den Schüler*innen aufgenommen, gegenseitig bewertet und verbessert. Die wei- 28 CC BY 4.0 DE=HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Einsatz von Podcasts in der Sportlehrer*innenbildung · Bergmann, Roth testgehend eigenständige Kooperation der Lernenden im Sinne des forschenden Lernens wurde als gewinnbringend eingestuft, da die zeitliche und örtliche Fle- xibilität Vorteile der Zusammenarbeit untereinander erkennen lässt (Hochmuth, Kartsovnik, Vaas, & Nistor, 2009). ƹ',*,7$/(0(',(181'722/6,1'(5 63257/(+5(5 ,11(1%,/'81* Die Sportlehrer*innenbildung und der damit verknüpfte Sportunterricht konzentrie- ren sich derzeit vorrangig auf die digitale Unterstützung und Förderung der Medien- kompetenz im Bereich der sportpraktischen Inhalte. Zu diesem Feld gehört beispiels- weise die Vermittlung und Verbesserung motorischer Inhalte durch Videoanalysen, im Sinne der Unterstützung des Bewegungslernens, wie auch Technikverbesserung in verschiedenen Sportarten (Fischer & Paul, 2020). Der adäquate Einsatz eines Video- feedbacks hat dabei zum Ziel, die vorhandenen Ist-Werte der Lernenden an vorherr- schende Soll-Werte anzupassen (Cronrath, 2020; Fischer & Krombholz, 2020; Wesner, Fischer, & Krombholz, 2020). Auch im Bereich der professionellen Unterrichtswahr- nehmungen gibt es bereits Projekte, die sich über die Analyse von Unterrichtsvideos digitaler Technologien bedienen und durch diese die professionellen Qualitäten der angehenden Sportlehrkräfte verbessern und fördern wollen (Fischer & Leineweber, 2020; Jürgens & Neuber, 2020). Des Weiteren werden auch Videopodcasts im Sinne ei- nes audio-visuellen Formats im Sportunterricht genutzt, um mobile und multimediale Lehr- und Lernmaterialen bereitzustellen und in den Unterrichtseinheiten zu nutzen (Danisch et al., 2010). Im Gegensatz zum bereits erprobten Einsatz von videografischen Methoden im Sportun- terricht, werden rein auditiven Darstellungsformen bezugnehmend auf den Sportun- terricht derzeit wenig betrachtet. Dennoch ergibt sich auch die Möglichkeit, Podcasts beziehungsweise Educasts in den Sportunterricht und die Sportlehrer*innenbildung zu integrieren. Als Basis dafür kann der Einsatz des digitalen Tools in den zuvor be- schriebenen Fächern und Fachgruppierungen dienen und vor allem die theoretischen Inhalte des Sportunterrichts schüler- beziehungsweise studierendenzentriert und -aktivierend gestalten. Ein Beispiel dafür bietet derzeit das Projekt „S.P.O.R.T.S. (Student-Produced Online Resources for Teaching in Schools)“, das sich explizit mit der theoretischen Ausbildung der Sportstudierenden beschäftigt und eine aktivierende Lehrumgebung für die Lernenden schaffen will. Vor allem die konstruktive Erstellung von Lehrinhalten soll dabei zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit Lehrinhal- ten führen und nachhaltiges Lernen initiieren. Das Lehr-/Lernkonzept bezieht dabei explizit alle Formen der medialen Darstellung ein und benennt auch den Podcast als Option zur Darstellung eines Lerninhaltes (Mierau, 2020). Den Ansätzen des Konzep- tes folgend, ergibt sich für die Sportlehrer*innenbildung der Ansatz den Einsatz von Podcasts im Zusammenhang mit einer studierendenzentrierten Aktivität weiterhin zu erproben und evaluieren, um einen Nutzen des digitalen Tools im motorisch geprägten Sportstudium zu erörtern. ƺ32'&$676,06(0,1$5Ȗ',*,7$/,6,(581*,0 63257817(55,&+7ȗ,00$67(52)('8&$7,21 Im Seminar „Digitalisierung im Sportunterricht“ für Studierende des Master of Edu- cation im Fach Sport aus dem Wintersemester 20/21 wurde der Einsatz von Podcasts in der Sportlehrer*innenbildung erstmalig erprobt und evaluiert. Dabei wurde der Begriff Podcast nicht genauer definiert, von den Studierenden aber intuitiv als ein Audiobeitrag verstanden1, der die Hörer direkt anspricht und sich mit einem vorgege- benen Thema auf eine vorgegebene Art und Weise auseinandersetzt. Die für Podcasts 1 Das intuitive Verständnis zeigte sich darin, dass es keine Nachfragen zur Aufgabenstellung gab und die Ergebnisse die genannten Aspekte durchweg beinhalteten. typische episodische Struktur ergab sich durch zwei aufeinanderfolgende Aufgabenstellungen, durch die zwei Folgen des Podcasts gefordert wur- den (Abb. 1 & Abb. 2). Das Seminar ist vollständig als digitale und asynchrone Lehrveranstaltung über die Lernplattform Moodle konzipiert. Die Ziele der Veranstaltung sind auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt: Zunächst sollen Studierende handlungsleitendes Wissen zum Einsatz digitaler Medien im Sportunterricht aufbauen – dazu zählt beispielsweise das Wissen um bildungspolitische Vorgaben und datenschutzrechtliche Aspekte der Nutzung digitaler Medien im Sportunterricht. Zudem sollen sie den Einfluss der Digitalisierung auf die Lebenswelt von Schülerinnen und Schü- ler angemessen einschätzen können, indem sie beispielsweise Wissen zum Mediennutzungs-, Sport- und Bewegungsverhalten in der Freizeit von Kindern und Jugendlichen aufbauen. Außer- dem sollen die Studierende ihre methodischen und mediendidaktischen Fähigkeiten erweitern, was beispielsweise durch das Kennenlernen von digitalen Tools angestrebt wird, die auch in der schulischen Arbeit mit Schülerinnen und Schülern genutzt werden können. Der Einsatz von Podcasts erfolgt im Themenfeld „eSports im Sportunterricht?“. Einleitend erhiel- ten die Studierende dazu im Moodle-Raum den folgenden Text: In den nächsten Wochen setzen wir uns mit dem Thema eSport auseinander. Dazu ist es zunächst notwendig, dass Sie eine eigene begründete Position zum Thema „eSport im Sportunterricht?“ entwickeln, um danach ein Unterrichtsvorhaben für den Sportunterricht entwerfen zu können. Dieses kann selbstver- ständlich auch dazu dienen, einen kritischen Umgang mit eSport zu thematisieren - finden Sie also wirklich eine eigene begründete Po- sition. Die begründete Position erarbeiten die Studieren- den auf Grundlage von ausgewählten Texten und Positionspapieren entlang der folgenden Aufga- benstellung: Die der Aufgabe zugrundeliegende Literatur wur- de ebenfalls im virtuellen Seminarraum bereit- gestellt. Der Systematik von Ketterl et al. (2006) folgend, lässt sich der Einsatz von Podcasts im Seminar als konstruktionistisch klassifizieren. Die Studierenden eignen sich selbstständig Wissen zu einer bestimmten Thematik an und transferieren dieses bei der Erstellung ihres Podcast, was im Rahmen dieser Aufgabe insbesondere mit dem Ziel der diskursiven Auseinandersetzung geschieht (Zorn et al., 2011). Die Aufgabe wurde von den Studierenden sehr gewissenhaft bearbeitet und die Ergebnisse zeigten ein hohes Maß an reflexi- ver Auseinandersetzung mit der Frage, ob eSport im Sportunterricht thematisiert werden sollte. 29 =HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Einsatz von Podcasts in der Sportlehrer*innenbildung · Bergmann, Roth Die Studierenden kamen dabei zu durchaus unter- schiedlichen und gut begründeten eignen Positio- nen. Um eine aktive Auseinandersetzung mit den Podcasts der Mitstudierenden zu fördern, folgte eine zweite Aufgabe, in der eine „Folge 2“ der Po- dcasts erstellt wurde: Auch die Ergebnisse der zweiten Aufgabe ent- sprachen voll den Erwartungen. Sie zeigten ein hohes Maß an begründeter kritischer Auseinan- dersetzung mit einer anderen Position zum Thema „eSport im Sportunterricht“ sowie sehr stringente Argumentationen. ƻ(,1/(,781*(9$/8$7,21 '(632'&$676(,16$7=(6 Am Ende des Semesters fand neben der standar- disierten Abschlussevaluation des Seminars eine gesonderte Evaluation des Podcast-Einsatzes statt. An der digitalen Befragung, die ebenfalls im Moodle-Kursraum verlinkt war, beteiligten sich gut die Hälfte der Seminarteilnehmer (n=17). Den Zeitaufwand für die erste Podcast-Aufgabe gaben die Teilnehmer*innen überwiegend mit ein bis zwei Stunden (n=9) bzw. mit drei bis vier Stunden (n=7) an. Lediglich zwei Studierende ga- ben an, mehr als vier Stunden für die Bearbeitung der Aufgabe benötigt zu haben. Die Bearbeitung der zweiten Podcast-Aufgabe ging dann zumeist schneller: Während einige Studierende nun weni- ger als eine Stunde benötigten (n=3), verwende- ten die meisten (n=11) ein bis zwei Stunden auf die Bearbeitung der Aufgabe. Lediglich je zwei Studierende benötigten drei bis vier oder sogar mehr als vier Stunden, um die zweite Aufgabe zu bearbeiten. Die Einschätzung des Arbeitsaufwan- des im Vergleich zu anderen Aufgaben im Seminar war sehr heterogen: Die Hälfte der Studierenden (n=9) schätzte den Arbeitsaufwand als vergleichs- weise hoch ein, die andere Hälfte (n=8) bewertete diesen als gering oder sogar sehr gering. Der technische Aufwand bei der Erstellung der Podcasts wurde weitgehend als gering (n=8) oder sehr gering (n=5) eingeschätzt. Lediglich vier Stu- dierende bewerteten diesen als hoch. Technische Schwierigkeiten bereiteten die Podcast-Aufgaben den Studierenden nicht, alle schätzen diese als gering (n=8) oder sehr gering (n=9) ein. Als Tools zur Aufnahme der Podcasts verwendeten Sie die Aufnahmefunktion ihres Laptops, Tablets oder Smartphones, sowie vereinzelt die Sprachnach- richtenfunktion von WhatsApp auf dem Smartpho- ne. Die eigene Motivation bei der Erstellung der Podcasts wurde von den meisten Studierenden als hoch (n=10) oder sogar sehr hoch (n=5) ein- geschätzt. Lediglich je ein Teilnehmer bzw. eine Teilnehmerin beurteilt die eigene Motivation als gering bzw. sehr gering. Die offene Frage, was genau bei der Erstellung der Podcasts als motivierend empfunden wurde, beantworteten die Studierenden sehr vielfältig. Dabei wurde das innovative und abwechslungsreiche Aufgabenformat besonders her- vorgehoben. Außerdem empfanden die Studierenden die Mündlichkeit der Podcasts in einem sonst zumeist schriftlich und ggf. visuell geprägten digitalen Semester als mo- tivierend. Die folgende Antwort zeigt, dass der kommunikative Aspekt einer Podcast- Reihe dabei ebenfalls wahrgenommen wurde: Ich fand vor allem die Auseinandersetzung mit den anderen Podcasts und die Auf- gabe dazu Stellung zu nehmen sehr motivierend, vor Allem weil im Online-Semester der Austausch und die Diskussion sonst fast nicht stattfinden. Das war eine gute Möglichkeit, hier eine Alternative anzubieten.2 Zudem betonten die Studierenden den Lebensweltbezug der Aufgaben, da sie Pod- casts in ihrer Freizeit rezipieren. Im Gegensatz dazu empfanden einige Studierenden es als demotivierend, dass die Aufnahmen der Podcasts teilweise mehrfach wiederholt werden mussten, bis sie fehlerfrei gelungen waren und hochgeladen werden konnten. Diese Antworten lassen vermuten, dass die Aufnahmen zusammenhängend und ohne Schnitt erfolgten. Den Lernertrag durch das Erstellen der Podcasts schätzten die meisten Studierenden (n=14) als hoch oder sogar sehr hoch ein. Lediglich drei Studierende beurteilten den Lernertrag als gering oder sehr gering. Die Antworten auf die offene Frage, was ge- nau beim Erstellen der Podcasts gelernt wurde, beantworteten die Studierenden auf mehreren Ebenen: Zunächst haben sie auf einer technischen Ebene gelernt, Podcasts 2$QWZRUWDXIGLHRĬHQH)UDJHȖ:DVJHQDXIDQGHQ6LHDQGHQ6LW]XQJHQȖ3RGFDVWVȗPRWLYLH- rend? Statements „eSport im Sportunterricht?“ Lesen Sie sowohl den Text von Willimczik als auch die Papiere vom DOSB und vom Deutschen Sportlehrer- verband zu eSport. Erstellen Sie auf Grundlage dessen ein ganz persönli- ches und begründetes Statement als Podcast zum Thema „eSport im Sport- unterricht?“ Aus diesem maximal fünfminütigen Podcast sollte Ihre Position zum eSport im Sportunterricht hervorgehen und Sie sollten Ihre Position begründen. Da die Texte etwas länger sind, haben Sie für die Aufgabe zwei Wochen Zeit. Ihren Podcast laden Sie bitte (als eine Audiodatei) bis zum 14. Dezember, 14:00 Uhr in den Studierendenordner hoch - dadurch haben Sie alle die Möglichkeit, auf alle Statements zuzugreifen. Abb. 1 Erste Aufgabenstellung „Podcasts“ aus dem Moodle-Raum des Seminars Podcast Folge 2 Vielen Dank für die vielen wirklich coolen Podcasts, die Sie eingereicht haben. Ich bin sehr beeindruckt und habe auch ein paar Mal lachen müssen, als ich sie mir angehört habe. Aufgrund der tollen Er- gebnisse habe ich die Aufgabe für die vorlesungsfreie Zeit umgestellt, da- mit mit diesen Ergebnissen weiter gearbeitet werden kann. Dazu gehen wir folgen- dermaßen vor: Sie hören sich der Reihe nach die Podcasts an, die in dem Studierendenordner unter Ihrem eigenen Namen stehen. Hören Sie bitte so lange weiter, bis Sie einen Podcast gefunden haben, mit dem Sie sich in einer weiteren Folge (quasi die nächste Folge Ihres Podcasts) auseinandersetzen wollen. Dafür ist es natürlich sinnvoll, einen Podcast auszuwählen, der sich nicht hundertprozentig mit Ihrer eigenen Position deckt, sodass Sie an der einen oder anderen Stelle auch dagegen argumentieren können. Benennen Sie Ihren Podcast mit dem Namen der/ des Studierenden, auf den Sie sich darin beziehen, sodass derjenige/diejenige die Antwort auf den eigenen Podcast schon im Dateinamen erkennen kann. Laden Sie Ihre 2. Folge des Podcasts bitte bis zum 04.01.21 hoch. Ich bin gespannt auf Ihre Ergebnisse! Abb. 2 Zweite Aufgabenstellung „Podcasts“ 30 CC BY 4.0 DE=HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Einsatz von Podcasts in der Sportlehrer*innenbildung · Bergmann, Roth zu erstellen. Darüber hinaus haben sie Lernfortschritte bei der mündlichen Argumen- tation wahrgenommen. Die folgende Antwort bezieht sich auf die wahrgenommene Bedeutung von Medieneinsatz und Methodenvielfalt sowie auf die Übertragbarkeit in den Schulkontext: Durch diesen produktiven Einsatz von Medien sind Inhalte auf eine ganz andere Art und Weise präsentierbar. Die Schülerinnen und Schüler können eigene Geschichten und Themen vertonen und mit Musik, Geräuschen oder Effekten mischen. Sie kön- nen digitale Präsentationen vertonen und bekommen einen anderen Zugang zu Inhalten, als würden sie eine Präsentation vor ihren Mitschüler*innen halten. Es hat mir gut gefallen, dass in diesem Seminar gezeigt wurde, dass eine Vermittlung bestimmter Themen „auch anders geht“.3 Die Passung von Methode (Podcast) und Inhalt (eSport im Sportunterricht?) beurteil- ten 16 von 17 Studierende ebenfalls als hoch bis sehr hoch, genauso wie die Übertrag- barkeit von Podcasts in den schulischen Kontext. Während einzelne Studierende Gren- zen der Übertragbarkeit in den Sportunterricht der Primarstufe sehen, werden von den Meisten vielfältige Möglichkeiten für den schulischen Einsatz wahrgenommen. So liest sich die folgende Antwort auf die offene Frage „Wie schätzen Sie die Übertragbarkeit des Gelernten auf Ihre Tätigkeit als (Sport-) Lehrkraft ein?“ wie ein Plädoyer, das nicht nur den Einsatz von Podcasts, sondern den Einsatz digitaler Medien im Sportunterricht insgesamt thematisiert: Hoch. Es sollte ein Bewusstsein darüber vorhanden sein, dass auch Schülerinnen und Schüler in ihrer Motivation unterstützt werden müssen und Lernen mit neuen Methoden dazu beitragen kann. Monotoner und Digitalisierung verneinender Un- terricht geht nicht auf die aktuellen Lebenswelten und Interessen der Schülerinnen und Schüler ein.4 ƼFAZIT Sowohl aus Sicht der Studierenden als auch aus Sicht der Lehrenden hat sich der Einsatz von Podcasts im Seminar „Digitalisierung im Sportunterricht“ bewährt. Die Studierenden fühlten sich durch das Aufgabenformat in hohem Maße motiviert und nahmen vielfältige Lernerträge auf technischer, inhaltlicher und methodischer Ebene wahr. Dabei kann künftig nur ein wiederholter Einsatz von Podcasts zeigen, inwiefern die wahrgenommene Motivation der Studierenden über reine Neugiermo- tivation hinausgeht. Ein Aspekt kann jedoch mit Blick auf langfristige Entwicklung hin zu einer stärker digital geprägten Sportlehrer*innenbildung besonders hervor- gehoben werden: Der Einsatz von Podcasts ermöglichte Studierenden auch in einem rein digitalen und asynchronen Seminar eine kritische Auseinandersetzung mit den Positionen der Anderen und somit eine Form von „asynchroner Diskussion“. Außer- dem nahmen die Studierenden einen starken Bezug zur eigenen Lebenswelt und zur Lebenswelt ihrer zukünftigen Schülerinnen und Schüler wahr und bewerteten die Übertragbarkeit in den schulischen Kontext als hoch. Als Lehrende überzeugten uns einerseits die sehr guten und reflektierten mündlichen Argumentationen der Studie- renden bezüglich der Frage, ob eSport im Sportunterricht thematisiert werden sollte. Mündlichkeit hat im Unterrichtsfach Sport eine hohe Bedeutung, trotzdem wird ihr in der Sportlehrer*innenbildung vielfach keine große Aufmerksamkeit geschenkt. Die zumeist sehr gelungene Gestaltung der Podcasts ließ darüber hinaus bei den Studie- renden ein hohes Maß an Motivation und Freude bei der Erstellung erkennen, die auch uns Lehrende in einem manchmal eintönigen rein digitalen Semester begeisterte. 3$QWZRUWDXIGLHRĬHQH)UDJHȖ:DVJHQDXKDEHQ6LHLQGHQ6LW]XQJHQȖ3RGFDVWȗDXV,KUHU6LFKW gelernt?“ 4$QWZRUWDXIGLHRĬHQH)UDJHȖ:LHVFKÈW]HQ6LHGLH³EHUWUDJEDUNHLWGHV*HOHUQWHQDXI,KUH Tätigkeit als (Sport-)Lehrkraft ein? Inwiefern können Sie das Gelernte in der Schule und/ oder im Sportunterricht einsetzen?“ Jana Bergmann arbeitet seit 2020 im Arbeitsbereich Be- wegung und Training an der TU Dortmund. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Digitalisierung des Sportstudiums und der daraus resultierenden Weiterentwicklung des Curriculums. In der Lehre ist sie in der fachdidaktischen Ausbildung der Leicht- athletik tätig. Jun.-Prof. Dr. Anne-Christin Roth ist seit 2021 Juniorprofessorin für Sport und Sportdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen in den Bereichen Digitalisierung und Kompeten- zorientierung im Sportunterricht. anne.roth@ph-freiburg.de 31 =HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Einsatz von Podcasts in der Sportlehrer*innenbildung · Bergmann, Roth Cronrath, M. (2020). Förderung der motorischen Kompetenz beim Klettern mittels Videofeedback. In B. Fischer & A. Paul (Hrsg.), Lehren und Lernen mit und in digitalen Medien im Sport: Grundlagen, Konzepte und Praxisbeispiele zur Sportlehrerbildung (S. 43-67). 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Wiesbaden: Springer Fachmedien Wies- baden. doi: 10.1007/978-3-658-25524-4_6 Fischer, B. & Paul, A. (2020). Digitale Medien: Ins- trumente und Gegenstand von Lehr-Lernprozessen in der universitären SportlehrerInnenbildung. In B. Fischer & A. Paul (Hrsg.), Lehren und Lernen mit und in digitalen Medien im Sport: Grundlagen, Konzepte und Praxisbeispiele zur Sportlehrerbildung (S. 3-10). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden. doi: 10.1007/978-3-658-25524-4_1 Hebbel-Seeger, A. (2010). PodCasting im Sport. In M. Danisch & J. Schwier (Hrsg.), Sportwissenschaft 2.0: Sport vermitteln im Social Web?, Köln: Strauß, 23-43 Hebbel-Seeger, A. (2021). Technologien und Tech- niken in der (Online-)Lehre: Video, PodCast und Partizipation. In U. Dittler & C. Kreidl (Hrsg.), Wie Corona die Hochschullehre verändert: Erfahrungen und Gedanken aus der Krise zum zukünftigen Einsatz von eLearning (S. 259-280). 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  • ZSLS-Themenheft_-_Digitalisierung-3_Hinternesch.pdf
    19 =HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Digitalisierung meets Internationalisierung. Blended - Learning im Praxissemester · Hinternesch, Schwier, Seyda Digitalisierung meets Internationalisierung. Blended- Learning im Praxissemester 6LQD+LQWHUQHVFK-ĚUJHQ6FKZLHU0LULDP6H\GD 6FKOĚVVHOZĂUWHUBlended-Learning, Fallarbeit, Internationalisierung, Praxissemester =86$00(1)$6681* Im Rahmen des Projekts OLAD@SH (Offenes Lehramt digital in Schleswig-Holstein) wird an der Europa-Universität Flensburg ein Blended-Learning-Seminar zur Be- gleitung der Praxissemesterstudierenden im Ausland im Fach Sport implementiert und evaluiert. Dem Bestreben einer gesteigerten Internationalisierung von Lehramts- studiengängen folgend, fokussiert die digitale Begleitung eine verbesserte Betreuung der Studierenden an den Praxissemesterschulen im Ausland. Methodisch-didaktischer Ankerpunkt des Blended-Learning-Begleitseminars ist die systematische Fallarbeit. Ziel ist hier eine verstärkte Theorie-Praxis-Verknüpfung bei der Vermittlung fachdi- daktischer Kompetenzen. Außerdem soll über die Fallarbeit ein zielgerichteter Aus- tausch über Unterrichts- und Lehrerfahrungen initiiert werden. Dabei wird die Syste- matik der pädagogischen Kasuistik genutzt, um eine Einordnung der Beobachtungen in den wissenschaftlichen Kontext zu ermöglichen und so ebenfalls den Grundgedanken Forschenden Lernens im Praxissemester zu fokussieren. Der vorliegende Beitrag stellt das zugrunde gelegte Seminarkonzept vor, welches in einem ersten Seminardurchgang implementiert und evaluiert wurde. Es werden erste ausgewählte quantitative sowie qualitative Ergebnisse in Bezug auf die Umsetzung von Blended-Learning-Formaten sowie zur Fallarbeit im Kontext der Lehrkräftebildung diskutiert. Dabei werden sowohl subjektive Einschätzungen der Studierenden hinsichtlich Dimensionen fachdidakti- schen Wissens und Könnens als auch Einsichten in die Bewertung der Methodik und Umsetzung der Fallarbeit im Rahmen des Seminars präsentiert. ƶ(,1/(,781* Neben der Entwicklung von Digitalisierungsstrategien für die Lehre gilt seit einigen Jahren auch die Internationalisierung der Lehramtsstudiengänge als eine wichtige Herausforderung für das Hochschulsystem, wobei die einzelnen Universitäten und sportwissenschaftlichen Einrichtungen sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und Intensität mit den beiden Aspekten auseinandersetzen. Während in der einschlä- gigen Fachliteratur schon seit längerem die Möglichkeiten und Grenzen des Lernens mit Multimedia, dessen hochschuldidaktische Implikationen sowie die mit dem E- Learning einhergehende Flexibilisierung der Lehrorganisation und der Lernzeit breit diskutiert werden (vgl. u.a. Dräger & Müller-Eiselt, 2015; Wachtler et al., 2016), ist es erst durch den Verlauf der Covid-19-Pandemie in Deutschland – notgedrungen und mehr oder weniger improvisiert – zu einer nahezu flächendeckenden Umsetzung solcher Lehr-Lern-Szenarien in den sportwissenschaftlichen Lehramtsstudiengängen gekommen. Bemerkenswert ist zugleich, dass eine solche „nachholende Digitalisierung“ (Wende- born, 2020, S. 481) in der Sportwissenschaft in- zwischen zu einer beachtlichen Angebotsvielfalt geführt hat (vgl. Fischer & Paul, 2020; Steinberg & Bonn, 2021). Hinsichtlich der hochschulpolitisch gewünschten Internationalisierung der Lehramtsstudiengänge dürfte nicht nur im Fach Sport eine erhebliche Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit bestehen. In- ternationalisierung zielt unter anderem darauf ab, angehenden (Sport-)Lehrkräften interkulturelle Erfahrungen und eine Erweiterung ihrer Selbst- und Sozialkompetenz zu ermöglichen sowie sie in- nerhalb gewisser Grenzen als weltoffene „change agents“ (Falkenhagen, Grimm & Volkmann, 2018, S. 2) im Bildungswesen auszubilden. Traditionell ist jedoch der Anteil von Lehramtsstudierenden, die ein Auslandssemester durchlaufen, deutlich geringer als in anderen Studiengängen. Neben der konsequenten Umsetzung einer Internationalisie- rungsstrategie hat in diesem Zusammenhang an der Europa-Universität Flensburg die Einführung des Praxissemesters zu einer steigenden Anzahl an Outgoings im Lehramtsbereich geführt und gerade im Fach Sport entscheiden sich vermehrt Masterstudierende dafür, dieses zehnwöchige Praktikum an einer Schule im Ausland zu absol- vieren. Vor diesem Hintergrund geht es dem hier vorzustellenden Projekt1 darum, über die Imple- mentierung eines geeigneten digitalen Lehr- und Lernformats zu einer nachhaltigen Verbesserung 1 Das hier vorgestellte Projekt ist Teil des im Rahmen der 4XDOLWÈWVRĬHQVLYH/HKUHUELOGXQJJHIĂUGHUWHQ9HUEXQG- vorhabens OLAD@SH der Europa-Universität Flensburg und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. WERKSTATTBERICHT > PRACTICE REPORT 20 CC BY 4.0 DE=HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ CC BY 3.0 DE des Theorie-Praxis-Bezugs für Outgoings im Pra- xissemester beizutragen. Im Anschluss an einen knappen Überblick zu den Digitalisierungstenden- zen in der sportpädagogischen Lehre, werden im Folgenden das Konzept und die Durchführung des Blended-Learning-Seminars erläutert sowie erste Ergebnisse vorgestellt. Ʒ',*,7$/,6,(581*,1'(5 632573e'$*2*,6&+(1/(+ȑ 5( Digitalisierung begünstigt grundsätzlich ei- nen Wandel der Lehr- und Lernformate in der Sportlehrer*innenbildung, wozu vor allem der Zugewinn an Interaktivität, die umfassende De- zentralität und die größeren Möglichkeiten zur eigenen Gestaltung von Wissenszusammenhän- gen beitragen (User Generated Content). Die ver- schiedenen webbasierten Formate werden von der Sportpädagogik allerdings sehr unterschiedlich genutzt, wobei schon vor Beginn der Corona-Krise vor allem die Nutzung digitaler Lernplattformen für Seminare einschließlich webbasierter Lern- module (Web Based Trainings), das ePortfolio, das Podcasting, interaktive Lernsoftware, Apps und Blended-Learning-Arrangements recht weit verbreitet gewesen sind (vgl. Bohr et al., 2021; Danisch & Schwier, 2010; Fischer & Paul, 2020; Schwier, 2018; Steinberg et al., 2019). Gerade Blended-Learning-Seminare bieten viel- fältige Chancen für partizipatorische Lernprozes- se und Formen kollaborativer Wissensproduktion (vgl. Vohle, 2016, S. 15), die sich nicht zuletzt im Rahmen von auf Schulpraktika bezogenen Lehrveranstaltungen sinnvoll nutzen lassen. Mit der damit einhergehenden gemeinschaftlichen Gestaltung von digitalen Lehr-Lernszenarien und -materialien können ferner sowohl fachliche als auch überfachliche Kompetenzen gefördert werden. Ein Beispiel hierfür ist das von Mehl (2011) konzipierte Blended-Learning-Instrument zur videogestützten Analyse von Fällen aus dem Sportunterricht im Rahmen von schulprakti- schen Studien (INVISPO) in der ersten Phase der Sportlehrer*innenbildung. Unter Nutzung der Lernplattform Sports-Edu werden die jeweiligen Studierenden im Rahmen des – als Blended-Lear- ning-Veranstaltung durchgeführten – Begleits- eminars zum schulischen Praktikum zunächst in die Methode der Fallarbeit und deren lerntheo- retische Implikationen sowie in die Videographie eingeführt und stellen dann im Verlauf ihres Blockpraktikums wöchentlich Videosequenzen eigenen Unterrichts online (in einer Länge von 30 Sekunden bis zu 10 Minuten), die sie selbst für relevant erachten und die dann von der Se- minargruppe auf der Lernplattform kommentiert Digitalisierung meets Internationalisierung. Blended - Learning im Praxissemester · Hinternesch, Schwier, Seyda sowie vergleichend analysiert werden. Diese reflexive, feedbackorientierte Ausein- andersetzung mit Sequenzen eigenen Unterrichts erfährt in einem praktikumsnach- bereiten Blended-Learning-Seminar eine Vertiefung in Richtung einer gemeinsamen Konstruktion von alternativen Gestaltungs- und Handlungsmöglichkeiten sowie der theoriegeleiteten Einordnung der konkreten Fälle in den sportdidaktischen Diskurs. Anzumerken bleibt, dass die Teilnahme an diesem Blended-Learning-Szenario für die Studierenden eine Wahloption ist, sie können sich auch für vor- und nachbereitende Präsenz-Seminare entscheiden, in denen keine Videoaufnahmen eigener Unterrichts- fälle behandelt werden. Ƹ%/(1'('ȑ/($51,1*ȑ%(*/(,76(0,1$5)³5287ȑ *2,1*6,0)$&+63257 Die Blended-Learning-Veranstaltung an der Europa-Universität Flensburg richtet sich gezielt an Studierende im Fach Sport, die das Praxissemester im Ausland absolvieren. Das Seminar enthält digital-synchrone sowie digital-asynchrone Lehr- und Lernfor- mate und findet parallel zum Auslandspraxissemester statt. Zwischen den insgesamt sechs Modulen werden zusätzlich E-Learning-Elemente zur Vor- und Nachbereitung der Seminarinhalte integriert (z.B. Videofallarbeit, vgl. Seminarkonzeption in Abb. 1). Methodisch-didaktischer Ankerpunkt ist im Gesamtverlauf des Seminars die päda- gogische Kasuistik, welche sich vor dem Hintergrund des Forschenden Lernens im Praxissemester als Methodik zur Förderung einer reflexiv-forschenden Haltung der Studierenden sowie zur Theorie-Praxis Verknüpfung empfiehlt (u.a. Rhein, 2016; Hummrich et al., 2016). Rekonstruktive Fallanalysen haben sich neben empirischen Forschungsprojekten, in denen Studierende wissenschaftliche Fragestellungen in den Schulen untersuchen, als Form forschenden Lernens im Praxissemester etabliert (Ukley & Bergmann, 2020). Beide Formate zielen im Kontext der Professionalisierung von Studierenden auf die Anbahnung einer forschenden Grundhaltung sowie einer kritisch-reflexiven Distanzierungsfähigkeit (z.B. Ukley et al., 2020, Gröben & Ukley, 2018). Über die Auswahl von Fallbeispielen aus dem eigenen und fremden Sportunterricht werden didaktische und pädagogische Grundprobleme aufgezeigt, welche die Studie- renden zum kritischen Denken und Theoretisieren anregen sollen (Wolters, 2015). Die damit angestrebte Fähigkeit der Studierenden, „sich eine wissenschaftlich gesicherte Urteilskraft anzueignen, die den Umgang mit Fällen ermöglicht“ (Hummrich et al., 2016, S.15), wird als Professionalisierungsdimension von Lehrkräften beschrieben (ebd.). Die Potenziale einer kollaborativen Fallarbeit online liegen vor allem darin, dass die Fälle sowohl mit den betreuenden Hochschullehrenden als auch mit der Semi- nargruppe in Online-Meetings und über die Lernplattform (hier: Moodle) kommentiert sowie analysiert werden. Während die digital asynchronen Module eigenständige und kollaborative Arbeitspha- sen zur Seminarvor- und Nachbereitung fokussieren, dienen die digital synchronen Mo- dule dem Erfahrungsaustausch und der gemeinsamen Fallarbeit mit fachdidaktischer Rahmung. Zu Beginn des Auslandssemesters werden die Sportstudierenden zunächst in die Prinzipien der Fallarbeit und deren lerntheoretische Implikationen eingeführt (Videopodcast). Während der Schulpraxis im Ausland setzen sich die Studierenden dann – moderiert und beraten durch Hochschulehrende – wiederholt mit Fällen aus dem eigenen und/oder fremden Sportunterricht auseinander. Genutzt werden sowohl schriftliche Fallbeschreibungen als auch Videomaterial sowie unterschiedliche digita- le Tools zur Bearbeitung von Unterrichtssituationen (z.B. kollaborative Fallarbeit über Etherpads und Padlets). Die Fallarbeit erfolgt in Anlehnung an Scherler (2004) und Wolters (2015) auf unter- schiedlichen Ebenen: Fakten darstellen, Normen zuordnen, Probleme ermitteln, Lö- sungen empfehlen. Der Fall wird aus einer Unterrichtssituation heraus rekonstruiert und unter zu Hilfenahme von (fachdidaktischem) Wissen analysiert. Mit dem Ziel einer vertieften Theorie-Praxis-Verknüpfung werden – flankierend zu der praktischen Fallar- beit – fachdidaktische Themen im Seminar bearbeitet, wie z.B. die Rolle der Sportlehr- kraft im Sinne einer Ausschärfung eines professionellen Selbst (u.a. Miethling, 2018) 21 =HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Digitalisierung meets Internationalisierung. Blended - Learning im Praxissemester · Hinternesch, Schwier, Seyda oder auch Ziele und Inhalte des Sportunterrichts im Sinne fachlicher Ausgestaltung von Unterricht. In diesem Zuge werden außerdem unterschiedliche fachdidaktische Konzepte für den Schulsport mit ihrer normgebenden Funktion in der Fallarbeit dis- kutiert. Parallel erfolgt eine Theorie-Praxisverknüpfung sowie reflexive und feedback- orientierte Auseinandersetzung mit Sequenzen eigenen oder fremden Unterrichts sowie mit den vielfältigen Inszenierungen des Schulsports im internationalen Kon- text. Aufbauend auf einer systematischen Fallbeschreibung wird eine praxisbezogene Reflexion fokussiert, die einen situationsangemessenen Transfer von Wissensbestän- den ermöglicht, interkulturelle Aspekte berücksichtigt und Prozesse Forschenden Lernens einleitet. Die Fallbeschreibungen oder kurze Videosequenzen von Lehr-/ Lernsituationen aus dem Sportunterricht werden zunächst systematisch vor dem Hin- tergrund fachdidaktischer Normen interpretiert. Dies geschieht in unterschiedlichen Formaten (sowohl individuell als auch kollaborativ). Der Abgleich von Normen und Fakten innerhalb des Einzelfalls (vgl. Wolters, 2015) bildet dann die Grundlage für den Transfer von erarbeiteten Wissensbeständen zur Entwicklung situationsspezifi- scher Lösungs- und/oder Handlungsalternativen. Im Sinne des Forschenden Lernens werden die Studierenden dazu angeregt, die Unterrichtsbeobachtungen und die über die Fallarbeit erlangten Erkenntnisse zu Herausforderungen und Problemstellungen des Sportunterrichts mit Blick auf die im Praxissemester an der EUF obligatorische Bearbeitung einer Forschungsaufgabe für die Entwicklung eigener Forschungsfragen zu nutzen. Unterstützt wird dieser Prozess durch individuelle Beratungstermine mit der Hochschullehrkraft. Da die Fälle aus der Beobachtung von Unterricht entnommen werden, bietet es sich ebenfalls an, ausgewählte Stunden oder Unterrichtsausschnitte, die Studierende des Praxissemesters selbst an den Praxissemesterschulen im Ausland durchgeführt haben, per Video mitzuschneiden und/oder live zu streamen, um sie einer fallanaly- tischen Nachbesprechung zugänglich zu machen. Die videogestützte Analyse dieser Unterrichtsmitschnitte wird insbesondere zur Nachbesprechung der digitalen Unter- richtsbesuche, welche im Praxissemester an der Europa-Universität Flensburg von der betreuenden Hochschullehrkraft durchgeführt werden, genutzt. Basierend auf einem Beobachtungsschwerpunkt, welchen die Studierenden selbst auswählen (z.B. Umgang mit Unterrichtsstörungen), wählt die Hochschullehrkraft eine oder mehrere kurze Videosequenzen aus, welche dann im Sinne der Fallarbeit gemeinsam mit dem Studenten oder der Studentin besprochen werden. Diese nachträgliche Betrachtung des eigenen Lehrkrafthandelns und/oder des Verhaltens von Schüler*innen bietet über die gemeinsame Fallarbeit eine potentiell bedeutsame Lerngelegenheit für die angehenden Sportlehrkräfte. Darüber hinaus erstellen die Studierende jeweils ein Video über den alltäglichen Schulsport an ih- rer ausländischen Schule (Unterrichtssequenzen, Pausensport, Feste usw.), die online zugänglich gemacht und vergleichend diskutiert werden. Auch für Studierende der kommenden Semester kann die so entstehende Videosammlung zum Schulsport International eine Anregung zu eige- nen Auslandserfahrungen darstellen. ƹ(9$/8$7,216.21=(37 Das Projekt ist auf drei Jahre ausgerichtet. Das Blended-Learning-Seminar kann entsprechend dreimal mit jeweils bis zu zehn Studierenden durchgeführt und evaluiert werden. Die Semi- narevaluation erfolgt auf zwei Ebenen (vgl. Evaluationsdesign in Abb. 2). Einerseits werden die Studierenden mit ihren Einschätzungen hin- sichtlich fachdidaktischer Kompetenzen in den Blick genommen. Andererseits wird das Seminar- konzept allgemein (Organisation, Inhalt und Di- daktik) sowie spezifisch in Bezug auf die Methodik der Fallarbeit evaluiert. Langfristiges Ziel der Eva- luation ist es, zu ermitteln, inwieweit die Ausein- andersetzung mit der Fallarbeit in Kombination mit flankierenden fachdidaktischen Inhalten zu einem Kompetenzzuwachs bei den Studierenden führen und inwiefern die digitale Praxissemester- begleitung für Outgoing-Studierende diesbezüg- lich optimiert werden kann. Abb. 1 Seminarkonzeption: Übersicht zur Verteilung von Online- und Präsenzmodulen 22 CC BY 4.0 DE=HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Das methodische Vorgehen sieht sowohl eine quan- titative als auch eine qualitative Erhebungs- und Auswertungsstrategie vor. Auf quantitativer Ebe- ne werden mittels eines Fragebogens zu Beginn und am Ende des Auslandspraktikums subjektive Einschätzungen hinsichtlich vorliegender fachdi- daktischer Kompetenzen (Fachdidaktisches Wis- sen und Können in Anlehnung an Scherler, 2004; Vogler, Messmer & Allemann, 2017; Cronbachs- Alpha: .88) sowie Themenbereichen des Praxis- semesters (Eigenrealisation; Cronbachs-Alpha: .55 - .73) erfasst. Die Eigenrealisation der Skalen zu Themenbereichen des Praxissemesters erfolgte mit Blick auf zu vermittelnde Inhalte im Rahmen des Begleitseminars. Alle eingesetzen Skalen sind ausreichend reliabel und verfügen über die notwendige Eindimensionalität, die mittels Fak- torenanalyse bestimmt wurde (vgl. auch Tab.1 mit weiteren statistischen Kennwerten). Um einen Hinweis zu erhalten, inwieweit die vertiefte Ausei- nandersetzung mit der Fallarbeit einen besonde- ren Einfluss auf die Einschätzungen der Studieren- den haben könnte, wird der Fragebogen zusätzlich in einer Vergleichsgruppe (reguläre Begleitsemi- nare zum Praxissemester im Fach Sport) zu Beginn und am Ende des Praktikums eingesetzt. Da keine Varianzhomogenitätsverletzungen vorliegen und zudem die Teilstichproben ausgeglichen sind, können trotz fehlender Normalverteilung der Va- riablen „Bedingungen organisiseren“, „Reflexion eigenen und fremden Handelns“ sowie „Planung von Sportunterricht“ Varianzanalysen mit Mess- wiederholungen berechnet werden (Hussy & Jain, 2002). Die ermittelten Effekte wurden über zusätzlich berechnete nicht-parametrische Tests (Wilcoxon-Test) bestätigt. Auf qualitativer Ebene werden vertiefend leitfadengestützte, fokussier- te Interviews durchgeführt, die sich zum einen auf die Professionsentwicklung über die Methodik der Fallarbeit und zum anderen auf die subjektiven Er- fahrungen der Studierenden mit dem Format des Blended-Learning-Seminars konzen- trieren. Die Auswertung erfolgt mittels qualitativer, strukturierender Inhaltsanalyse (Mayring, 2015; Kuckartz, 2012). ƺ(567($86*(:e+/7((5*(%1,66( Im Folgenden wird eine Auswahl der Ergebnisse des ersten Durchlaufs des Seminars präsentiert. Die Stichprobe dieses Durchgangs setzt sich wie folgt zusammen: Sechs Studierende (50% weiblich; Altersmittelwert = 24,83 (SD=2,04); Mittelwert des Hochschulsemesters = 10,00 (SD=1,256); Mittelwert des Mastersemesters = 3,00 (SD=0)) nahmen regelmäßig am Blended-Learning-Seminar für Outgoings teil, ab- solvierten die Fragebogenerhebung und standen für das Interview nach Abschluss des Auslandspraktikums zur Verfügung. Die durchschnittliche Interviewlänge betrug rund 27 Minuten. In der Vergleichsgruppe füllten n=82 Studierende den Fragebogen aus (50% weiblich; Altersmittelwert = 26,00 (SD=2,39); Mittelwert des Hochschulse- mesters = 11,88 (SD=2,90); Mittelwert des Mastersemesters = 3,75 (SD=2,12)). Exemplarische Ergebnisse der Befragung Zunächst wird der Frage nachgegangen, mit welchen Voraussetzungen die Studieren- den in das Praxissemester (im Ausland) starten und ob sich positive Veränderungen im Zuge des Praxissemesters ergeben? Dabei werden auch Bezüge zur Vergleichsgruppe hergestellt. Tabelle 1 zeigt die Ergebnisse vor Beginn (t1) und nach Ende (t2) der Pra- xissemesterbegleitveranstaltungen. Über eine 4-stufige Likert-Skala („sehr unsicher“ bis „sehr sicher“) nahmen die Outgoing-Studierenden und die Studierenden vor Ort Selbsteinschätzungen zu Themenbereichen des Praxissemesters sowie zu den Dimen- sionen Fachdidaktischen Wissens und Könnens von Sportlehrkräften vor. Insgesamt stufen die Studierenden ihre Kompetenzen zu Themenbereichen des Praxis- semesters sowie in den Dimensionen Fachdidaktischen Wissens und Könnens zwischen „eher unsicher“ und „eher sicher“ ein. Vor Beginn des Praxissemesters zeigen sich gleichermaßen in beiden Gruppen die größten Unsicherheiten bezüglich forschungs- methodischer Aspekte (Identifizieren und Formulieren von Forschungsfragen, Me- thodisches Handwerkzeug zur Erstellung des Forschungsberichtes & Systematische Unterrichtsbeobachtung im Sportunterricht). In der Dimension Mit SuS interagieren 2 Leider konnte für den ersten Seminardurchgang nur eine kleine Stichprobe für die Vergleichs- gruppe generiert werden (hoher Drop-Out zwischen t1 und t2). Für den nächsten Durchgang soll durch entsprechende Anpassungen im Untersuchungsdesign eine erhöhte Stichprobenzahl erzielt werden. Digitalisierung meets Internationalisierung. Blended - Learning im Praxissemester · Hinternesch, Schwier, Seyda Abb. 2 Evaluationsdesign Digitalisierung meets Internationalisierung. Blended - Learning im Praxissemester · Hinternesch, Schwier, Seyda 23 =HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Digitalisierung meets Internationalisierung. Blended - Learning im Praxissemester · Hinternesch, Schwier, Seyda geben die Studierenden zu t1 die größten Unsicherheiten bei der Selbsteinschätzung Fachdidaktischen Wissens und Könnens an. Alle genannten Einschätzungen unterscheiden sich in den beiden Gruppen zu t1 statis- tisch nicht voneinander. Die Betrachtung von t2 zeigt in beiden Gruppen eine statis- tisch signifikante Zunahme der Selbsteinschätzungen - mit Ausnahme der Dimension Planung von Sportunterricht. Die Effektstärken kennzeichnen bedeutsame Verände- rungen. Post-hoc-Analysen ergeben zudem, dass der jeweilige Zuwachs oftmals in der Gruppe der Studierenden vor Ort am größten ist. Da keine Interaktions- oder Gruppen- effekte (mit Ausnahme von „Mit SuS interagieren“) ermittelt werden, kann insgesamt festgehalten werden, dass die Studierenden in beiden Gruppen subjektive Kompetenz- zuwächse (im Fachdidaktischen Wissen und Können sowie in den Themenbereichen des Praxissemesters) bei sich feststellen. Exemplarische Ergebnisse aus den Interviews In einem zweiten Schritt wird exemplifiziert, welchen Nutzen die Studierenden der Methode der Fallarbeit beimessen. Dieser Aspekt wird in den Interviews adressiert, deren Auswertung noch nicht vollständig abgeschlossen ist. Dennoch lassen sich ers- te Hinweise zu dieser Frage skizzieren. Alle interviewten Studierenden heben hervor, dass ihnen der Austausch über den erlebten und eigenständig gestalteten Unterricht im Rahmen des Praxissemesters besonders wichtig sei. Grundsätzlich beschreiben die Studierenden in diesem Zusammenhang einen hohen Nutzen der Methodik der Fallar- beit: „Also ich bin eigentlich schon recht ähm überzeugt von diesem Modell oder dieser Methodik […], weil - ich kann nicht hundert-prozentig sagen ob es darauf zurück zu führen ist -, aber ich hab halt selbst gemerkt, ähm dadurch dass wir eben diese Fallarbeit ähm digital besprochen haben, dass ich während des Praktikums selber halt auch viel öfter auf Sachen geachtet habe, Sachen beobachtet habe und dann auch selber schon halt für mich ähm Handlungsalternativen irgendwie gesucht […] Ähm und ich weiß nicht, ob ich das in dem Maße auch gemacht hätte, wenn wir das vor- her nicht so besprochen hätten. Also ich glau- be zwar auch, dass das so ein Reifeprozess ist irgendwie, dass man mittlerweile halt sich auch traut ähm da einfach mal mehr zu hin- terfragen, als man es vorher in den Praktika gemacht hätte“ (B2) Eine Bedeutung kasuistischen Vorgehens sieht dieser Student auch in Bezug auf die Nachberei- tung eigenständigen Unterrichts: „Also das habe ich jetzt auch gemerkt, wenn ich selber auch Unterricht ähm gegeben habe ähm. Man hat dann ja noch die Momente im Kopf, die einem vielleicht nicht so gut gefal- OHQKDEHQ> ,0KP@ƢÈKPGDVVPDQHQWZHGHU schon direkt Handlungsalternativen im Kopf hat ähm wo man halt schon meint: Oh das hätte ich mal lieber so machen sollen oder ähm im Nachhinein sich mit anderen aus- tauscht oder ob man in der Literatur guckt oder sowas, was in so einer Situation eher ÈKPIXQNWLRQLHUWKÈWWH> ,0KP@ƢÈKPGDVV man ja, dass dadurch dann so im Nachhinein so verarbeitet, also das werde ich auf jeden Fall nachher schon so machen, dass ich qua- si so diese Punkte abarbeite, dass man halt wirklich erstmal beobachtet die Situation, Tab.1 Selbsteinschätzungen der Studierenden vor und nach dem Praxissemester 24 CC BY 4.0 DE=HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ wieder so ein bisschen Revue passieren lässt ähm und dann guckt, welche Normen sind da jetzt verletzt worden ähm, wie kann ich damit besser in Zukunft umgehen“ (B2) Student B2 beschreibt hier außerdem, dass er das Vorgehen in dieser Form auch im späteren Unterrichtsalltag als Sportlehrkraft nutzen wolle. Dieser Bezug wird auch von den anderen Studie- renden hergestellt. Es zeigen sich somit erste Hinweise zur positiven Bedeutungszuschreibung der Studierenden hinsichtlich Professionalisie- rungsprozessen über eine systematische Fallar- beit. Student B2 spricht in diesen Zusammenhang von einem „Reifeprozess“; Student A1 von einem Prozess des Verinnerlichens: „Vorteile auf jeden Fall: Einmal, dass man sich halt äh diesen; dass man sich mehr mit den Unterricht per se auseinandersetzt ähm diesen Kriterien des Sportunterrichts, also was gibt es da für Werte und Normen die [I.: Mhm, ja okay] vielleicht verletzt wurden, also dadurch finde ich ähm kommt es zu so ner, man fängt es an zu verinnerlichen, was was wirklich äh im Sportunterricht stattfinden sollte oder was nicht stattfinden sollte“ (A1) Als bedeutsam erweist sich nach erster Analyse Digitalisierung meets Internationalisierung. Blended - Learning im Praxissemester · Hinternesch, Schwier, Seyda auch die Themenauswahl für die behandelten Fallbeispiele. Die Studierenden heben hier bestimmte Unterrichtsdimensionen als besonders relevant hervor. Genannt wird insbesondere der Umgang mit Unterrichtsstörungen. Dies erscheint konsistent zu den Ergebnissen der Befragung, in der vor allem das Interagieren mit Schüler*innen zu Beginn des Praxissemesters mit größerer Unsicherheit verbunden ist. Die Studierenden adressieren zudem Herausforderungen bei der Fallarbeit - primär bei der Interpretation des Falls sowie bei der Identifikation von alternativen Hand- lungsmöglichkeiten, wenngleich sie gerade die Sammlung von Lösungsmöglichkeiten in der Fallanalyse als besonders gewinnbringend erachten („das hat mir am meisten gebracht“, Studentin D4). Das systematische Definieren von Normen erscheint aus Sicht einiger Studierenden stellenweise als langwierig. Studentin D4 beschreibt beispielsweise, sie würde gerne „schneller den Fokus auf die Handlungsalternativen“ legen wollen, wenngleich ein Bewusstsein für die Bedetung der Einordnung in den wissenschaftlichen Kontext vorhanden ist. ƻ$86%/,&. Über die im ersten Seminardurchgang gewonnen Erkenntnisse soll die Blended-Lear- ning-Begleitveranstaltung in der Ausgestaltung optimiert werden. Das Evaluations- vorgehen wird für die nächsten zwei Seminardurchgänge ebenfalls überarbeitet und erweitert. Es sollen dann zusätzlich längsschnittliche Veränderungen des Fachdidak- tischen Wissens und Könnens der Studierenden betrachtet werden. Dabei werden die Ergebnisse mit der Evaluation des Blended-Learning-Formats sowie mit den Selbst- einschätzungen der Studierenden verknüpft und auf Zusammenhänge untersucht. Bereits die qualitativen Interviews zeigen exemplarisch, dass Studierende von der Verwendung von Fallarbeit im Professionalisierungsprozess zu profitieren scheinen. Inwiefern sich die subjektive Sichtweise der Studierenden mit dem tatsächlichen Kom- petenzzuwachs deckt, soll in den folgenden Seminardurchgängen untersucht werden. Sina Hinternesch ist seit 2020 Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Europa-Univer- sität Flensburg. Sie ist Doktorandin am Arbeitsbereich Sportpädagogik und -didaktik und beschäftigt sich im Rahmen ihrer Dissertation mit der sportbezogenen Gesundheits- kompetenz von Schüler*innen. In der Lehre ist sie für die Praxisse- mesterbegleitung angehender Sportlehrkräfte sowie fachprak- tisch im Bereich Turnen tätig. sina.hinternesch@uni-flensburg.de Prof. Dr. Jürgen Schwier ist seit 2009 Professor für Sport- pädagogik und -soziologie an der Europa-Universität Flensburg. Sein Schwerpunkt in der Lehre ist die Sportlehrer*innenbildung. In der Forschung beschäftigt er sich u.a. mit bewegungsorientierten Jugend- kulturen und der Mediatisierung des Sports. Prof. Dr. Miriam Seyda ist seit 2018 Professorin für Sport- pädagogik und -didaktik an der Europa-Universität Flensburg. Zu ihren Schwerpunkten in der Lehre zählt u.a. die fachwissenschaftliche und -fachdidaktische Ausbildung angehender Sportlehrkräfte im Bereich der Erziehung und Bildung sowie Schule und Unterricht. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Schulsportforschung mit beson- derem Fokus auf die Professionali- sierung von Sportlehrkräften und der Unterrichtsentwicklung. 25 =HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Digitalisierung meets Internationalisierung. Blended - Learning im Praxissemester · Hinternesch, Schwier, Seyda Literatur Bohr, F., Grigoroiu, V., Wendeborn, T., & Woznik, T. (2021). Digitale Medien im Sportunter- richt – eine Bestandsaufnahme. Sportunterricht, 70(9), 403-408. Danisch, J., & Schwier, J. (Hrsg.) (2010). Sportwissenschaft 2.0. Sport vermitteln im Social Web? Köln: Sportverlag Strauß. Dräger, J., & Müller-Eiselt, R. (2015). Die digitale Bildungsrevolution. Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können. München: DVA. Falkenhagen, C., Grimm, N., & Volkmann, L. (2018). Internationalisierung des Lehramts- studiums. In C. Falkenhagen, N. Grimm & L. Volkmann (Hrsg.), Internationalisierung des Lehramtsstudiums. Modelle, Konzepte, Erfahrungen (S. 1-14). Paderborn: Schöningh. Fischer, B., & Paul, A. (Hrsg.) (2020). Lehren und Lernen mit und in digitalen Medien im Sport. Wiesbaden: Springer VS. Gröben, B., & Ukley, N. (2018). Forschen im (eigen)tlichen Sinne. Begründungen und Ansatzpunkte der Förderung eines reflexiv-forschenden Habitus im Format der LehrerIn- nenbildung im Fach Sport. In N. Ukley & B. Gröben (Hrsg.), Forschendes Lernen im Praxis- semester. Begründungen, Befunde und Beispiele aus dem Fach Sport (Bildung und Sport, Band 13, S. 47-63). Wiesbaden: Springer VS. Hummrich, M., Hebenstreit, A., Hinrichsen, M., & Meier, M. (2016). Kasuistik und das Verstehen pädagogischen Handelns. 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Forschendes Lernen im Praxis(semester)test. Theoretische Grundlagen, empirische Befunde und di- daktische Implikationen zur Professionalisierung angehen-der (Sport-)Lehrkräfte. In M. Basten, C. Mertens, A. Schöning & E. Wolf (Hrsg.), Forschendes Lernen in der Lehrer/innen- bildung. Implikationen für Wissenschaft und Praxis (S.141-142). Münster: Waxmann. Vogler, J., Messmer, R., & Allemann, D. (2017). Das fachdidaktische Wissen und Können von Sportlehrpersonen (PCK-Sport). German Journal of Exercise and Sport Research, 47, 335-347. Vohle, F. (2016). „Social Video Learning“ auf den Punkt gebracht. Medienproduktion – On- line Zeitschrift für Wissenschaft und Praxis, 10, 15-16. Wachtler, J., Ebner, M., Gröblinger, O., Kopp, M., Bratengeyer, H.-P., Freisleben-Teutscher, C., & Kap- per, C. (2016). Digitale Medien: Zusammenarbeit in der Bildung. Münster: Waxmann. Wendeborn, T. (2020). Covid-19 und die nachholen- de Digitalisierung des Bildungssystems. Sportunter- richt, 69(11), 481. 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  • ZSLS-Themenheft_-_Digitalisierung-2_Boehlke.pdf
    12 CC BY 4.0 DE=HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Reflektierte Praxis als hochschuldidaktisches Prinzip · Böhlke, Muhsal, Serwe-Pandrick 5HİHNWLHUWH3UD[LVDOVKRFKVFKXOGLGDNWLVFKHV3ULQ]LS=XU Lehre mit digitalen Repräsentationen inklusiver Sport- und Bewegungspraxis 1LFROD%ĂKONH)DELDQ0XKVDO(VWKHU6HUZH3DQGULFN 6FKOĚVVHOZĂUWHUHochschuldidaktik, Reflexivität, digitale Lehr-Lernmethoden, Inklusion, Repräsentationen der Praxis, Theorie-Praxis-Verhältnis WERKSTATTBERICHT > PRACTICE REPORT =86$00(1)$6681* 'ie Verknüpfung von Theorie und Praxis ist etablierter Gegenstand hochschul- didaktischer Professionalisierungsdiskurse innerhalb der Sportpädagogik. Ein prägnanter Bezugspunkt ist dabei die Relevanz biografischer Erfahrungen und Anknüpfungspunkte von Sportstudierenden (z.B. als Schüler*innen im Schulsport und Sportler*innen im Verein), die dem für die Professionalisierung als hochbedeutsam er- achteten Perspektivwechsel entgegenstehen können. In diesem Kontext werden hoch- schuldidaktische Ansätze forschenden Lernens diskutiert, welche die theoriegeleitete Reflexionskompetenz zur zentralen Qualifikationsaufgabe der universitären Lehre er- heben. Auf der anderen Seite wird die Forderung nach einer Stärkung des Praxisbezu- ges wiederholt und zunehmend als Qualitätsaspekt der Lehramtsausbildung hervorge- hoben. Sportstudierende als „reflective practitioner“ (Schön, 1983) auszubilden stellt damit eine strukturelle und inhaltliche Aufgabe für die fachliche Hochschuldidaktik dar. Als besondere Herausforderung ist jüngst der pandemiebedingte Digitalisierungs- schub zu betonen, mit dem eine Neudefinition des Theorie-Praxis-Verhältnisses sowie eine innovative Idee zur digitalen Zugriffsweise auf und Abbildung von Praxis erfor- derlich wird. Im Beitrag soll exemplarisch dazu die Konzeption eines Seminars zum Themenschwerpunkt „Diversität/Inklusion im Sport“ vorgestellt werden, das sowohl praxisbezogene Zugänge als auch reflexive Auseinandersetzungen mit inklusiven Be- wegungspraktiken in den Mittelpunkt stellt. Hinsichtlich der Anforderung einer digi- talen Durchführung des Seminars wurde dabei mit einem explizit weiten Verständnis von Praxis gearbeitet. So kamen körperliche Praktiken, soziale Handlungen und kultu- relle Aufführungen inklusiver Sport- und Bewegungsformate zum Tragen, die in digi- talen Repräsentationen reflexiv zugänglich und fachwissenschaftlich analysiert wur- den – wie Videos inklusiven Sportunterrichts, Interaktionen in sozialen Netzwerken oder öffentliche Darstellungen von Inklusion (u.a. Bilder, Videoclips, Websites). Das Seminar integrierte Formen des selbstgesteuerten wie kollaborativen Lernens unter Nutzung von digitalen, teils selbst entwickelten Lern-/Lehrtools. ƶ(,1)³+581* Das Spannungsverhältnis von Theorie und Praxis stellt einen beständigen Diskussi- onsgegenstand hochschuldidaktischer Professionalisierungsdiskurse innerhalb der Sportpädagogik dar. Praxis bezieht sich hierbei vornehmlich auf das aktive Betreiben wie auch Vermitteln von Sport und Bewegung, während in wissenschaftlichen Theorien die analytische Beobachtung dieser Praktiken zum Tragen kommt. Für die fachlichen Diskurse zur Theorie-Praxis-Verknüpfung in der Lehramtsausbildung spielt das Schlüsselproblem der sportlichen Sozialisation und biographischen Verstrickung der Studierenden in das Sportsystem dabei eine zentrale Rolle. Diese strukturelle und fachkulturelle Grundproblematik zeigt sich in ver- schiedenen Momenten und an spezifischen Themen der Berufsausbildung wie unter einem Brennglas. Mit Bezug auf die subjektiven Theorien der Studie- renden über Sport- und Bewegungspraxis, deren Vermittlung und Aufklärung wird der Perspektiv- wechsel vom Sportler*in-Sein zum Lehrer*in-Sein wiederholt als komplexe Herausforderung des fachlichen Professionalisierungsprozesses ex- pliziert (z.B. Ernst, 2018; Lüsebrink, 2016). Mit dem Leitbild einer reflexiven Lehrer*innenbildung wird diese hochschuldidaktische Aufgabe gezielt zum Ansatzpunkt für forschende und analytische Zugriffe auf relevante Phänomene der Praxis ge- nommen (Blotzheim et al., 2008; Frohn, 2017). Insbesondere das Themenfeld der „Diversität/ Inklusion im Sport“, das hier exemplarisch näher betrachtet wird, ist mit der Doppelforderung nach einer universitären Stärkung des Praxisbezugs so- wie der Entwicklung einer professionellen Reflexi- onskompetenz normativ hochgradig aufgeladen. Hinter diesen sportpädagogischen Orientierungen stehen u.a. die empirischen Erkenntnisse, dass ei- gene praktische (Vor-)Erfahrungen im inklusiven Handlungsfeld eine bedeutende Rolle für die Ent- wicklung einer positiven Einstellung zu Inklusion einnehmen (Rischke et al., 2017). Hier setzt die Aufgabe des Perspektivwechsels in der fachlichen Ausbildung und das in diesem Beitrag thematisierte Seminarkonzept an. Un- terstützt durch das Förderprogramm „Innovation 13 =HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Reflektierte Praxis als hochschuldidaktisches Prinzip · Böhlke, Muhsal, Serwe-Pandrick Plus“ des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur stellt es eine praktische sowie reflexive Auseinandersetzung mit Inklusion in Handlungsfeldern von Sport und Bewegung in den Mittelpunkt. Als zentrale Innovation und Herausforderung durch die parallel entstandene Corona-Pandemie stellt diese Seminarkonzeption eine digitale Variante vor, die in der Konsequenz auch eine Neudefinition des Begriffs Praxis(-bezug) hin- sichtlich inklusiver Bewegungspraktiken, eigener Erfahrungen und theoretischen Beobachtungen einfordert. Ziel des Beitrages ist es, die metho- disch-didaktische Lehre mit differenten digitalen Repräsentationen inklusiver Sport- und Bewe- gungspraxis vorzustellen und die Idee einer „Re- flektierten Praxis“ im Fach Sport (Serwe-Pandrick, 2016) hochschuldidaktisch zu präzisieren. Ʒ63(.75(15()/(;,9(5 35$;,6%(=³*( Möglichkeiten für probehaftes Handeln in berufs- bezogenen Tätigkeitsfeldern sowie forschende Auseinandersetzungen mit praktischen Phäno- menen und ihren kulturellen Rahmungen stehen im Vordergrund einer hochschuldidaktischen Lehre, die bei Studierenden eine reflexive Haltung in und über Praxis auszubilden und etablierte Einstellungen und Vorannahmen bzgl. Sport und Sportunterricht aufzubrechen versucht1. Dabei liegen bereits einige hochschuldidaktische Kon- zeptionen zum Umgang mit Inklusion/Diversität in Sport- und Bewegungsarrangements vor, mit denen auch die Reflexionskompetenz explizit als Zieldimension markiert wird (siehe Erhorn et al., 2018). Wurde die zu reflektierende Praxis im Seminar ur- sprünglich als primäre Erfahrungen Studierender in inklusiven Sport- und Bewegungssettings ge- plant, mussten im Zuge der Pandemie innovative Ideen der digitalen Abbildung von Praxis entwi- ckelt werden. Diese wurden unter der Nutzung von digitalen Lehr-/Lerntools umgesetzt und – ori- entiert an der Maxime „Didactics/Pedagogy must drive Technology and not vice versa!” (Handke, 2020, S. 41) – teils selbst geschaffen. Da analoge Praxiserfahrungen mit inklusiver Sport- und Be- wegungspraxis nur in geringem Maße ermöglicht werden konnten, wurde sich konzeptionell an einem weiten Verständnis von Praxis und ihren Bezugsarten orientiert. Angelehnt an die fach- didaktische Leitidee einer „Reflektierten Praxis“ (Serwe-Pandrick, 2016) stehen körperliche Prak- 1 Eine Zusammenfassung des Diskurses in Engführung auf das Praxissemester ist bei Ukley und Gröben (2018) ]XįQGHQ tiken, soziale Handlungen und kulturelle Aufführungen inklusiver Bewegungsformate im Vordergrund, die in digitalen Repräsentationen reflexiv zugänglich werden. Weitere Anhaltspunkte für die Gestaltung digitaler Repräsentationen von Praxis bie- ten Ausführungen von Hedtke (2000; 2007) und Ehni (1979), in denen ebenfalls für den Zugriff auf ein breites Spektrum an didaktischen Praxisbezügen plädiert wird. Dabei fundieren Hedtkes (2000; 2007) Darlegungen auf einer Kritik an der Verengung von Praxisbezug auf Schul- und Unterrichtspraxis innerhalb der Lehramtsausbildung. Diese erfolge unter Ausblendung der sozialen Voraussetzungen wie historische Pfadabhängigkeit, soziale Einbettung und institutionelle Rahmungen. Hedtke (2000) problematisiert, dass Lehramtsanwärter*innen typischerweise mit Imitation und Assimilation der kennengelernten Unterrichtspraxis reagieren und handlungsprag- matische Lösungen unreflektiert übernehmen. Diese Erkenntnis findet in der Disziplin Sportpädagogik empirisch Bestätigung. So liegen Befunde dahingehend vor, dass sich das Handeln von Sportstudierenden in Praxisphasen weniger an Theoriewissen, son- dern vorrangig an biographischem Erfahrungswissen orientiert und sie Praxisphäno- mene entsprechend schwer distanziert reflektieren können (u.a. Ernst, 2018; Meister, 2018). Hedtke (2000) schlägt als Lösung dieser Problematik eine hochschuldidakti- sche Arbeit mit unterschiedlichen Wissensformen vor (Grammes, 1998), die differente Praxisbezüge (wie Hospitationen, empirische Unterrichtsforschung, Simulationen, Interviews mit Praktiker*innen) konzeptuell integriert. Mit Blick auf den Seminargegenstand Sport- und Bewegungspraxis sind die verwende- ten Praxisbezüge weiterhin an Ehni (1979) angelehnt, der im Kontext einer praxisori- entierten und mehrperspektivischen Sportdidaktik differente „Repräsentationen und Rekonstitutionen“ von Sport formuliert. Dabei proklamiert er sportliches Handeln als „sinn-fragendes Tätig-Sein“. Im Fachunterricht soll demnach eine sinnbezogene, reflexive Erörterung der Praxis das Verstehen von sportiven Handlungen, ihrer Wir- kungen, Bedeutungen und Kontexten anbahnen (Ehni, 1979, S. 184). Anknüpfend daran zielt die Leitidee einer reflektierten Praxis auf die didaktischen Verweisungen zwischen kultureller Aufführung, probehafter Performanz und sinnhafter Deutung sportbezogener Phänomene (Serwe-Pandrick, 2016). Dieser ursprünglich auf die Di- daktik des Sportunterrichts abzielende Gedanke erscheint auf hochschuldidaktische Seminarformate im Studienfach Sport sinnvoll übertragbar, die Reflexionskompetenz in und über Praxis als zentrale Zielsetzung der akademischen Ausbildungsphase an- streben. Ƹ',))(5(17(5(35e6(17$7,21(192135$;,6 Die für das Seminar entwickelten Repräsentationen von Praxis lassen sich in differente Bewegungs-, Handlungs- oder Kulturpraktiken sowie fachwissenschaftliche Praktiken unterteilen. Mit der Begrifflichkeit Repräsentation ist eine pragmatische und größt- möglich breite Bezeichnung der Inhalte des Seminars angezielt, wobei gleichzeitig die Vorstellung von Mehrdeutigkeit transportiert werden soll. So impliziert der Terminus eine Unterscheidung in Bezug der Teilbedeutungen subjektive Vorstellung – als inter- ne subjektbezogene Repräsentation von Wissen - und (externale) Darstellung – als (externe) Präsentationen und Darbietungen von Wissen, also Wissensvermittlungen2. Darüber hinaus speist sich die im Seminar in den Blick genommene Praxis aus Pra- xiswissen, also Wissen mit einer funktionalpragmatischen Ausrichtung in Bezug auf Handeln im inklusiven Sport- und Bewegungssetting. Zum anderen geraten im Semi- nar Wissenspraktiken in den Fokus, mit denen alltagsbezogene und implizite Vorstel- lungen zum Thema inklusiver Sport- und Bewegungssettings reflexiv ins Verhältnis zu theoretisch sowie empirisch fundierten Deutungsmustern und Ordnungsweisen der Fachwissenschaft zu setzen sind. 2 Vgl. hierzu aktuell den Sammelband „Formen der (Re-)Präsentation fachlichen Wissens. Ansätze und Methoden für die Lehrerinnen- und Lehrerbildung in den Fachdidaktiken und den %LOGXQJVZLVVHQVFKDIWHQȗ+HLQ]HWDOLQZHOFKHPGLH%HJULĮLFKNHLW5H3UÈVHQWDWLRQ in vergleichbarer Art – und dabei mit Bezug auf die (Re-)Präsentation von Wissen – Verwendung įQGHW 14 CC BY 4.0 DE=HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Reflektierte Praxis als hochschuldidaktisches Prinzip · Böhlke, Muhsal, Serwe-Pandrick 3.1. Repräsentation von Bewegungspraktiken Im Rahmen der Seminarkonzeption bezeichnen Bewegungspraktiken die eigenen, leiblichen und sinnhaften Erfahrungen in inklusiven Sport- und Bewegungssettings, welche nur marginal digital substituierbar sind. Ehni (1979) benennt diese Reprä- sentationen als Voraussetzung einer „Erkenntnis der primären Wirklichkeit“. Bedingt durch die Anforderungen einer nahezu vollständigen Digitalisierung der Lehrveran- staltung nehmen diese leiblichen Erfahrungen im Seminar einen wesentlich kleineren Raum ein als ursprünglich vorgesehen (zwei halbtätige Praxisworkshops). So werden die Studierenden im Rahmen des Praxisworkshops „Rollstuhlbasketball“, der von einem Profisportler angeleitet wird, als Akteur*innen des inklusiven Sports tätig. Viele Studierende begegneten dieser inklusiven Sportart erstmalig, wobei das Sich-Bewegen im Rollstuhl für sie teils ungewohnte und intensive leibliche Erfahrun- gen mit sich brachte. Ein weiterer Praxisworkshop thematisiert differente methodische Ansätze inklusiver Sport- und Bewegungsdidaktik. Er wird von einer Expertin aus dem Feld der inklusiven Unterrichtspraxis (Fortbildung von Sportlehrkräften) angeleitet. Die Studierenden erleben, reflektieren und bewerten Differenzierungsmöglichkeiten der Sport- und Bewegungspraxis aus der Perspektive aktiv am Geschehen Teilnehmen- der. Entscheidend ist darüber hinaus die Arbeit mit dem eigenen Vorverständnis zu den Themen Sport, Leistung und Wettkampf sowie Inklusion und Heterogenität (im Sport). Die Studierenden werden – wiederholt und in Reflexion zum eigenen Erkenntnisfort- schritt im Seminar – anhand spezifischer Aufgabenstellungen und leitender Fragen zur differenzierten Beschäftigung mit ihrem (biographisch gewachsenen) Vorver- ständnis zu den Themen Inklusion und Heterogenität angeregt. Angestrebt wird die Entwicklung eines retrospektiv distanzierten Blickes auf Sichtweisen und vergangene Erfahrungen. 3.2. Repräsentation von fachwissenschaftlichen Praktiken Repräsentationen von Praxis kommen darüber hinaus innerhalb der digitalen Ausein- andersetzung mit fachwissenschaftlicher Theorie zum Tragen – als eine Konfrontation mit wissenschaftlich erzeugtem Wissen über inklusive Sport- und Bewegungspraxis. Die Studierenden beschäftigen sich mit dem fachübergreifenden wie fachspezifischen Inklusionsdiskurs, anhand digital zur Verfügung stehender Literatur und mittels eigenständiger Literaturrecherchen. Thematische Aspekte sind dabei u.a. Auffassungen von Inklusion, Wissen zu Heterogenitätsdimensionen und Förderschwerpunkten oder fachdidaktische Konzepte und Prinzipien zum Thema Umgang mit Heterogenität. Wissenschaftlich-theoretische Annahmen in Fachtexten werden diskursiv erarbeitet und reflexiv mit (inter-)subjektiven Auffassungen ins Verhältnis gesetzt. Ein weiterer Bezug zur Praxis erfolgt innerhalb einer Auseinandersetzung mit dem empirischen Forschungsstand zum Thema. Dabei wird ein Schwerpunkt auf Akteursperspektiven im inklusiven Sport- und Bewegungssetting gelegt. Die Auseinandersetzung mit der Perspektive von Schüler*innen unterschiedlicher Heterogenitätsdimensionen, z.B. mit motorischem Förderbedarf, hat sich hinsichtlich der Reflexion des eigenen Vorwissens als ertragreich erwiesen (Lüsebrink, 2016). Dabei zielt die Arbeit mit differenten Perspektiven von Akteur*innen des inklusiven Sport- und Bewegungsfeldes auf die Erarbeitung von potentiellen Barrieren der Teilhabe, die in Form von konstituierenden Normen, Idealen und Strukturen den Zugang Einzelner zum Feld erschweren können. Zugänglich gemacht werden die Repräsentationen durch digitalisierte fachwissenschaftliche Texte und Abbildungen, Screencasts und virtuelle Räume für Präsentationen und Diskussionen von Erkenntnissen. 3.3. Repräsentation von kulturellen Praktiken Das Spektrum an Repräsentationen inklusiver Sport- und Bewegungspraxis umfasst weiterhin Kulturpraktiken, die ihren Fokus auf eine Auseinandersetzung mit Sport als Kulturphänomen richten. Dabei geht es um die Erarbeitung intersubjektiver Perspek- tivität der inklusiven Sport- und Bewegungspraxis, vorfindbar als soziale Handlungen und kulturelle Aufführungen. So beschäftigen sich die Studierenden mit medialen Darstellungen, in welchen öffentlichkeitswirksam die Themen Heterogenität und In- klusion (im Sport) verhandelt werden bzw. eine bereits vorgedeutete Wirklichkeit (massenmedial) verbreiten. Im Konkreten handelt es sich dabei um Erklärvideos, Videoclips und Webauftritte popu- lärer Hilfs- bzw. Förderorganisationen und -insti- tutionen, Werbeclips populärer Sportmarken oder auch Songtexte, die ein bestimmtes Verständnis von Inklusion bzw. eine normative „Message“ zum Thema transportieren. Die Arbeit mit kulturellen Praktiken und (inter-)subjektiven Sichtweisen im Kontext des Themas inklusive Sport- und Bewe- gungsaktivitäten fokussiert auf die Rekonstrukti- on gesellschaftlicher Deutungs- und Handlungs- muster und folgt dem übergreifenden Ziel, bei den Studierenden einen Perspektivwechsel einzu- leiten. Dabei geht es um das Bewusstwerden von Differenzen/Äquivalenten zwischen eigener und fremder Wirklichkeit in Abhängigkeit von konstitu- ierenden Bedingungen, wie biographische (Vor-) Erfahrungen oder Norm- und Wertvorstellungen. Der angebahnte Perspektivwechsel wird zudem auf der Ebene digitaler Fallarbeit realisiert, indem die Profile von Sportler*innen mit Beeinträchtigun- gen in sozialen Netzwerken analysiert werden. Zu diesem Zweck suchen die Studierenden auf der Plattform Instagram nach Personen und Hashtags, die Inspirationen und Informationen bzw. Mög- lichkeiten des Austauschs für Sportler*innen mit Beeinträchtigungen bieten. Um hier ein möglichst breites Feld abzudecken, den Studierenden aber einen klaren Fokus zu geben, werden sportliche Interessen mit Beeinträchtigungen zu einem fik- tiven „Fall“ konstruiert, der die Suche orientiert. Zuletzt werden die verschiedenen Fälle zu einem Gesamtbild ergänzt bzw. übergreifend diskutiert, welche Möglichkeiten der Teilhabe und des Aus- tauschs die Plattform für Sportler*innen mit Be- einträchtigungen bietet. 3.4. Repräsentation von Handlungs- praktiken Ein bedeutsamer Praxisbezug, mit dem im Semi- nar gearbeitet wird, ist demgemäß die Arbeit mit digitalen Videokonserven inklusiven Sportun- terrichts – verstanden als Repräsentationen von sportunterrichtlicher Handlungspraktiken mit dem Fokus Vermittlungskompetenz. Übergreifend zielt diese darauf, bei den Studierenden die Unter- richtswahrnehmung zu schärfen und die Ausbil- dung eines forschenden Habitus zu fördern (Blö- meke et al., 2015). Die Studierenden analysieren Videosequenzen inklusiven Sportunterrichts un- ter gruppenspezifischen Schwerpunkten (Sprache, Differenzsetzungen, didaktisches Arrangement, Lehrkraft-Schüler*innen-Interaktion). Dabei geht es darum, (ritualisierte) Handlungspraktiken der in der Praxis Tätigen aufzudecken und zu hinter- fragen. Die Erkenntnisse werden hinsichtlich der übergreifenden Frage nach Teilhabe und Chancen- gleichheit im Unterricht subsumiert und bewertet. 15 =HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Reflektierte Praxis als hochschuldidaktisches Prinzip · Böhlke, Muhsal, Serwe-Pandrick Zudem werden die Studierenden selbst planend aktiv, indem sie – auf der Grundlage kennenge- lernter Methoden des Umgangs mit Heterogenität (im Sport) – selbst Sport- und Bewegungsange- bote für eine konstruierte Lerngruppe entwerfen und diesbezüglich Differenzierungsmöglichkeiten diskutieren. Die Präsentation und Diskussion der Entwürfe fanden im digitalen Raum statt. ƹ0(7+2',6&+ȑ','$.7,ȑ 6&+(/(51ȑ81'35³)81*6ȑ )250$7( Wurden im Vorangegangen die differenten digi- talen Repräsentationen vorgestellt, mit denen im Seminar gearbeitet worden ist, sind im Fol- genden Einblicke in die methodisch-didaktische Seminararbeit zu geben. Maßgeblich für die Ge- staltung sind hierbei zum einen die didaktische Idee der „Reflektierten Praxis“ (Serwe-Pandrick, 2016) sowie Modelle zur Kompetenzentwicklung von Sportlehrkräften (u.a. Terhart, 2007)3. Die Konzeption des Seminars folgte dabei folgenden übergreifenden Lernzielperspektiven: 1. Bewusst- 3 So systematisiert Terhart (2007) in seinem Modell zur Kom- petenzentwicklung in der Sportdidaktik die Entwicklung von Lehrkompetenz anhand von drei Dimensionen: Kenntnisse/ Wissen, Selbstverständnis/ pädagogische Haltung und Hand- lungsfähigkeit/Didaktisieren. Der im Modell angedeutete Drei- VFKULWWLQQHUKDOEGHU.RPSHWHQ]HQWZLFNOXQJįQGHWVLFKLQGHU Seminarkonzeption wieder. werden der eigenen Haltung zu Inklusion/Heterogenität, 2. Reflektieren von Differen- zen/Äquivalenten zwischen eigener und fremder Wirklichkeit in Abhängigkeit ihrer konstituierenden Bedingungen, 3. Aufdecken und Hinterfragen eigener (u.a. metho- disch-didaktischer) Handlungspraktiken. Das Seminar setzt sich aus vier voneinander abgrenzbaren inhaltlichen Blöcken zusammen, die sich durch jeweils spezifische me- thodische Zugänge charakterisieren und dabei differente digitale Repräsentationen zum Gegenstand haben (vgl. Abb. 1). Die Seminarstruktur sieht ein Ineinandergreifen von Formen des selbstgesteuerten und kollaborativen Lernens vor, die durch die Nutzung digitaler Lern-/Lehrtools ihre spezifische Ausgestaltung finden. Die Arbeit mit digitalen Repräsentationen ermöglicht eine Zunahme an Selbstbestimmung im Lernprozess, wie eine flexible Organisation innerhalb von Selbstlern- und Gruppenarbeitsphasen. Die zeit- und ortsunabhängige Verfügbarkeit von teils selbst erstellten, auf einer digitalen Lern- plattform zur Verfügung gestellten Lehrmaterialien (Texte, Screencasts, Quiz) arran- giert die individualisierte Wissenserarbeitung, -vertiefung und -wiederholung4. Mit dem Rückgriff auf digitale Kommunikationswerkzeuge wie Foren, Wikis und Blogs der virtuellen Gruppenarbeit kann der intersubjektive Austausch und kritisch-reflexive Diskurs zwischen den Studierenden angeregt und gerahmt werden. Digitale Lehr-/ Lerntools dienen zudem der Dokumentation und Präsentation von Lernergebnissen (z.B. Planungen inklusiver Sport- und Bewegungsangebote), die in Einzel- oder Grup- penarbeiten erstellt werden. Abgeschlossen wird das Seminar mit einem aufgabengestützten E-Portfolio. Dieses strukturiert sich durch die Sammlung aller im Seminarfortgang erbrachten Leistungen (z.B. Lösungen von Aufgaben, Ergebnisse aus Projektarbeiten) sowie einer Abschluss- reflexion, die den eigenen Lern- und Erkenntnisprozess dokumentiert. Typische Merkmale eines solchen Präsentationsportfolios (Bräuer, 2014) sind: Orientierung an einem zentralen Thema, Sekundärreflexion als hauptsächliche Reflexionsform5 und 4 In der Organisation selbstständiger Lernphasen gilt es, die Balance zwischen Selbstbestimmung einerseits XQGRULHQWLHUXQJVJHEHQGHU/HQNXQJDQGHUHUVHLWV]XįQGHQ/HW]WHUHVZLUG]%GXUFKGLH)RUPXOLHUXQJYRQOHL- tenden Fragen, der Festlegung von Teillernzielen sowie Möglichkeiten des kontinuierlichen Feedbacks erreicht. 5,Q$EJUHQ]XQJ]XU3ULPÈUUHİH[LRQZHOFKHGLHVSRQWDQH5HİH[LRQEH]HLFKQHWFKDUDNWHULVLHUHQVLFK6HNXQ- GÈUUHİH[LRQHQGXUFKGDVȖ(LQELQGHQGHV(UOHEWHQLQGHQ.RQWH[WYRQ$XVELOGXQJVXQG:LVVHQVFKDIWVGLVNXUVȗ (Bräuer, 2014, S. 45). Abb. 1 Aufbau, Inhalte und Methoden des Seminars 16 CC BY 4.0 DE=HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Reflektierte Praxis als hochschuldidaktisches Prinzip · Böhlke, Muhsal, Serwe-Pandrick summative Bewertung anhand von vorher festgelegten Standards6. Die Leitfragen, welche seminarbezogen entwickelt wurden, sind retrospektiv auf die Begegnungen mit den differenten Repräsentationen von inklusiver Sport- und Bewegungspraxis bezogen. Ausgewertet werden die Portfolios anhand von Bewertungskriterien, die auf seminar- und modulbezogene Kompetenzbereiche systematisch Bezug nehmen und vorab transparent erläutert wurden. ƺ(9$/8$7,2181'',6.866,21 Das Seminar ist mittels qualitativer und quantitativer Methoden evaluiert worden. Zum einen fand eine quantitative Befragung der Seminarteilnehmenden per Frage- bogen statt, die von der Universität standardmäßig durchgeführt und ausgewertet wird. Zum anderen wurden schriftliche Befragungen der Studierenden durchgeführt, die mittels qualitativer Verfahren (angelehnt an das Kodierverfahren der Grounded Theory) ausgewertet werden. Die Erkenntnisgewinnung zu den Untersuchungsschwer- punkten ‚Studierendensichtweise‘ sowie ‚Reflexionstiefe‘ befindet sich derzeit im Prozess. An dieser Stelle können daher nur exemplarisch erste Einsichten zur digitalen Seminararbeit aus Studierendenperspektive präsentiert werden. Die methodisch-didaktische Arbeit mit digitalen Lehr-Lerntools wird aus Sicht der Teilnehmer*innen dahingehend positiv bewertet, als dass sie dem Zuwachs an eigenen Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien beitragen (z.B. Präsentationsvarian- ten). Im Lernprozess erleichtern sie den Zugriff auf Lernmaterialien. Als besonders positiv wird dabei die Bereitstellung von Screencasts hervorgehoben, deren Nutzung den Studierenden in der Selbstlernphase einen zeitlich flexiblen Zugriff auf das Lern- Lehrmaterial ermöglicht und fachliches Wissen auf Dauer zur Verfügung stellt. Die Bewertung des Verhältnisses von Praxis und Theorie erfolgte different. Es zeigt sich, dass die Arbeit mit digitalen Repräsentationen von den Studierenden nicht durchgängig als Vermittlung und Aneignung eigentlicher Praxis aufgefasst wird, wel- che hinsichtlich ihrer primären Erfahrungsmöglichkeiten und intersubjektiven Hand- lungszusammenhänge als genuin positiv bewertet wird7.. Im Kontext der Thematik Inklusion/Umgang mit Heterogenität in der Lehramtsausbildung werden realen Pra- xiserfahrungen und Akteursbeziehungen eine besondere Bedeutung zugeschrieben, indem die gestalterische Komponente und die körperlich-soziale Handlungssituation einer*s Akteur*in im Feld als Herzstück fachdidaktischer Vermittlungsprozesse aner- kannt wird: „(…) die digitalen Projekte sind auch sehr spannend, aber gerade beim Thema Inklusion ist die aktive Auseinandersetzung mit den Menschen in tatsächlichen Kontexten meiner Meinung nach super wichtig.“ Studierende äußern dementsprechend explizit den Wunsch nach mehr „echter“ inklu- siver Sport- und Bewegungspraxis, insbesondere im zukünftigen Berufsfeld des Sport- unterrichts, welche als besonders motivierend(er) und als erkenntniserweiternd(er) empfunden wird. Deutlich wird, dass Handeln und Zuschauen, Nähe und Distanz, Theorie und Praxis als komplementäre Zugriffe auf inklusive Bewegungssituationen und ihre Rahmungen im Sinne des reflexiven Lernens zu begreifen sind, weniger als austauschbare Aneignungs- und Vermittlungsformen im Dienste der Substitution. Zum anderen wird dem reflexiven Zugang zu einer weit gefassten Praxis – in der mithin auch ungewöhnliche Praxisformate wie soziale Netzwerke, öffentliche Bilder, Websites zum Einsatz kamen – ein besonders erkenntnisbereichernder Wert zugeschrieben: 6 Kriterien zur Bewertung leiten sich von den formulierten Lernzielperspektiven (s. o.) ab. %HLVSLHOKDIWH%HXUWHLOXQJVNULWHULHQVLQG7KHRULHEH]XJGHU5HİH[LRQHQ$VSHNWXQGRGHU 3HUVSHNWLYUHLFKWXPGHU5HİH[LRQHQ6HOEVWNULWLVFKH3HUVSHNWLYHGHU5HİH[LRQHQ.RQVWUXNWLYH Lösungsansätze und Schlussfolgerungen (Bade et. al., 2018,). 7 Vgl. hierzu die Erkenntnisse von Wenzel et al. (2018) zu den Wünschen Lehramtsstudierender hinsichtlich eines stärkeren Praxisbezugs im Studium. Gezeigt werden konnte, dass studentische 9RUVWHOOXQJHQYRQHLQHUSUD[LVQÈKHUHQ$XVELOGXQJDXIGLĬXVHQE]ZXQHLQKHLWOLFKHQXQGWHLOV wenig realitätsnahen Deutungsmuster basieren. „Abschließend ist festzuhalten, dass sowohl das Seminar als auch das Projekt einen Lern- zuwachs bei mir hervorgerufen hat. Das Pro- jekt hat in vielen Aspekten meine Erwartun- gen übertroffen und hat mich über Diversität und Heterogenität, sowie Perspektivwechsel in sozialen Medien neu nachdenken lassen.“ „Letztlich finde ich noch einmal wichtig an- zumerken, dass ich die Annäherung der In- klusionsthematik über die drei verschiedenen Aspekte (perspektivbezogen, theoriebezogen und settingbezogen) als hilfreich empfunden habe, meinen persönlichen Blick auf die di- daktischen Handlungsmöglichkeiten weiter- zuentwickeln.“ Die Zitate zeigen, dass durch die Analyse vielfäl- tiger Praxis (u.a. aus verschiedenen Handlungs- rollen wie Beobachtende*r, Handelnde*r im Feld, Block 2 und 3) bislang verborgene Blickwinkel auf den Gegenstand offengelegt und Perspek- tivübernahmen begünstigt werden können. Die Arbeit mit dem eigenen Vorverständnis sowie der systematische Vergleich von eigener und fremder Perspektivität im Feld (u.a. im Rahmen der Ausein- andersetzung mit empirischen Studien zu Akteurs- perspektiven, Block 2) fördert darüber hinaus ein distanziertes Zurücktreten vom eigenen Denken und Handeln bei Studierenden, woraus sich neue Einsichten und Zusammenhänge ergeben können. ƻ)$=,781'$86%/,&. Die vorliegenden Evaluationserkenntnisse geben erste Hinweise darauf, dass sich das Vorhaben, vielgestaltige und digitale Begegnungen mit Sport- und Bewegungspraxis zu inszenieren, für den Seminargegenstand Inklusion/Umgang mit Heterogenität in Sport und Bewegung als geeignet erweist. In einem ersten Schritt konnte gezeigt werden, dass der differentielle Zugang zur Praxis (u.a. über differentielle Handlungsrollen) von den Studierenden als perspektiverweiternd bzw. bereichernd wahrgenommen wird. Ein reflek- tierter Blick wird dabei gerade in Bezug der Her- ausforderung „Umgang mit „Inklusion/Diversität“ für bedeutsam erachtet. Auch wenn das „unstillbare Verlangen nach Pra- xis“ (Hedtke, 2000) aus Studierendenperspektive in erster Linie durch reale Praxiserfahrungen zu befriedigen ist, verweisen Evaluationserkennt- nisse weiterhin darauf, dass teils unbewusste normative Einstellungen, inklusionsbezogene Überzeugungen/Werthaltungen durch die Kon- frontation mit unterschiedlichen Praxisformaten potentiell irritiert, kritisch betrachtet und ggf. aufgebrochen werden können. Die Loslösung von einem auf Sport- und Unterrichtspraxis verengten 17 =HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Reflektierte Praxis als hochschuldidaktisches Prinzip · Böhlke, Muhsal, Serwe-Pandrick Praxisbegriff, wie er in den meisten vorliegenden konzeptionellen Vorschlägen zum reflexiven Ler- nen in der Hochschuldidaktik Anwendung findet (u.a. Lüsebrink, 2016; Blotzheim et al., 2008), zeigt sich hierbei als bereichernd, indem die the- matische Relevanz für die Studierenden, ihre lern- bezogene Auslegung und Motivation einen um- fassenderen Lebensweltbezug erhält. Inwieweit sich dies in den Erkenntnissen zum Lernzuwachs der Studierenden widerspiegelt, ist im Rahmen des fortwährenden Evaluationsprozesses tieferge- hend zu eruieren. Als Lessons-to-learn bilanzieren wir die Weiter- führung des Seminars als ein Hybrid-Format, welches die Arbeit mit analogen und digitalen Repräsentationsformaten integriert und sich da- bei bewährter digitaler Lehr-/Lerntools bedient. Das weite Praxisverständnis, welches sich im Laufe des Prozesses der Seminarkonzeption als bewusste konzeptionelle Erscheinung bestätigte, wird beibehalten, jedoch – wenn möglich – um analoge Praxisformate in inklusiven Sport- und Bewegungsfeldern erweitert. Im Sinne einer be- wussten Förderung reflexiver Zugriffe auf Praxis ist die seminardidaktische Entwicklungsarbeit dahingehend zu vertiefen, um den Studierenden die fachwissenschaftlichen Verschränkungen und Bezugnahmen zwischen konkreten Operationen der probehaften (atheoretischen) Performanz im Feld und abstrahierenden Operationen der deu- tenden (theoretischen) Reflexion expliziter zu vermitteln. Exemplarisch könnte hier eine sport- pädagogische Fallarbeit umgesetzt werden, in der die Studierenden konkrete Handlungssituationen in der Praxis planen und erleben. Diese „Praxis- fälle“ (z.B. Sportunterricht, informeller Sport, Verein) können videographisch dokumentiert und anschließend unter verschiedenen Theoriefoki (in Expert*innengruppen, z.B. zu Anerkennung/ Missachtung, Gruppenkohäsion, Differenzierung) mehrdimensional analysiert werden. So können verschiedene, abstrahierende Perspektiven auf den Fall und das Themenfeld „Diversität/Inklusion im Sport“ für die eigene Berufsausbildung anlegt und diskursiv im Seminar bearbeitet werden. Dr. Nicola Böhlke DUEHLWHWVHLWDOVZLVVHQVFKDIWOLFKH0LWDUEHLWHULQ DP,QVWLWXWIĚU6SRUWZLVVHQVFKDIWXQG%ZHJXQJVSÈGD- JRJLNGHU78%UDXQVFKZHLJ,KUH)RUVFKXQJVXQG/HKU- schwerpunkte liegen in den Bereichen Diversität und ,QNOXVLRQLP.RQWH[WYRQ6SRUWXQG%HZHJXQJ6SRUW XQG*HQGHU6FKĚOHU LQQHQSHUVSHNWLYHLP6SRUWXQWHU- ULFKWVRZLHTXDOLWDWLYH0HWKRGHQ n.boehlke@tu-braunschweig.de Fabian Muhsal LVWVHLWDOVZLVVHQVFKDIWOLFKHU0LWDUEHLWHUDP ,QVWLWXWIĚU6SRUWZLVVHQVFKDIWGHU78%UDXQVFKZHLJDQ- JHVWHOOW'HU)RNXVLQGHU/HKUHOLHJWDXI:HUNVWDWWDUEHLW ,QNOXVLRQXQG([NXUVLRQHQ,QGHU)RUVFKXQJZLGPHW HUVLFKGHU+RFKVFKXOGLGDNWLNXQGDNWXHOOHQVR]LDOHQ Phänomenen in der sporttreibenden Gesellschaft. Prof. Dr. Esther Serwe-Pandrick LVWVHLW3URIHVVRULQIĚU6SRUWZLVVHQVFKDIWPLWGHP Schwerpunkt Bewegungspädagogik an der Technischen 8QLYHUVLWÈW%UDXQVFKZHLJ,KUH6FKZHUSXQNWHLQGHU Lehre liegen in den Studiengängen des BA Sport- und %HZHJXQJVSÈGDJRJLNXQG0$6SRUWIĚUGDV/HKUDPW DQ*UXQG+DXSWXQG5HDOVFKXOHQ,QGHU)RUVFKXQJ beschäftigt sie sich u. a. mit der Qualität pädagogi- scher Lernsettings im Schulsport und Sportstudium VRZLHPLWIDFKGLGDNWLVFKHQ,QQRYDWLRQVSUR]HVVHQ 18 CC BY 4.0 DE=HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Reflektierte Praxis als hochschuldidaktisches Prinzip · Böhlke, Muhsal, Serwe-Pandrick Literatur Bade, P., Herold, G., Kandzora, P., Lehmbäcker, E., Wauschkuhn, B. (2018). Reflexi- onskompetenz fördern – Reflexion und Reflexionskompetenz in der Lehrerbildung. Abge- rufen von https://li.hamburg.de/contentblob/11197900/045f9eb4aaed4e50d07ddd 500f8022e5/data/handreichung-reflexionskompetenz.pdf. Blömeke, S., Gustafsson, J.-E., & Shavelson, R. J. (2015). 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  • ZSLS-Themenheft_-_Digitalisierung-1_Janetzko.pdf
    6 CC BY 4.0 DE=HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Digitale Lehr-Lern-Praktiken und ihre Subjekte · Janetzko Digitale Lehr-Lern-Praktiken und ihre Subjekte Alexandra Janetzko 6FKOĚVVHOZĂUWHUSportlehrer*innenbildung, digitale Lehr-Lern-Praktiken, Subjektivierung, (Re-)Adressierung, digitale Kompetenzen, Forschungsorien- tiertes Lernen WERKSTATTBERICHT > PRACTICE REPORT =86$00(1)$6681* 3andemiebedingt hat die Digitalisierung auch im Kontext von Lehr-Lern-Praktiken im Fach Sport an Schulen Fahrt aufgenommen. Damit steigt auch die Bedeutsam- keit von digitalen Kompetenzen für die Sportlehrer*innenbildung. Im zweise- mestrigen Projektseminar „Digitale Lehr-Lern-Praktiken und ihre Subjekte“ setzen sich die Studierenden aus einer praxis- und subjektivierungstheoretischen Perspektive mit digitalen Formaten auseinander, reflektieren auf die Effekte verschiedener digitaler Formate auf die Lernenden und erweitern ihre digitalen Kompetenzen. Aus der theore- tischen Perspektive werden digitale Technologien wie bspw. Online-(Lern-)Plattformen und virtuelle Räume nicht als bloße Träger von Inhalten, sondern als konstitutiv für die Interaktion und Subjektivierung und damit als aktive Vermittler in den Praktiken ange- sehen. Diesen Aspekten nähern sich die angehenden Sportlehrkräfte autoethnografisch an. Hierbei nehmen sie die Lernendenposition ein und untersuchen, wie sich bspw. die verschiedenen Interaktionsmöglichkeiten in den jeweiligen digitalen Formaten auf sie auswirken. Die Ergebnisse präsentieren die Studierenden in asynchronen, ihnen bis da- hin wenig vertrauten digitalen Formaten, um ihre Kompetenzen auf diesem Gebiet zu erweitern. Basierend auf diesen Erkenntnissen konzipieren die Studierenden im zweiten Semester eigene digitale Sportunterrichtseinheiten, die im Seminar gemeinsam auspro- biert und reflektiert werden. ƶ(,1/(,781*81'352%/(067(//81* 2019 wurden auf der Kultusministerkonferenz (2019a, S. 13) Empfehlungen zur Digi- talisierung in der Hochschullehre festgehalten, in denen „Medienkompetenz und fach- spezifische digitale Kompetenzen als Qualitätskriterium für Studiengänge“ angesehen werden: „Da Bildung in der digitalen Welt als Daueraufgabe zu verstehen ist, gilt dies in besonderer Weise für Lehramtsstudiengänge, deren Ziel es ist, Lehrkräfte mit den für die Heranführung von Schülerinnen und Schülern an das Leben in der digitalen Welt erforderlichen Kompetenzen auszustatten.“ (ebd.) Hinsichtlich sportwissenschaftlicher Lehramtsstudiengänge wird der Anspruch formu- liert, „Entwicklungen im Bereich Digitalisierung aus fachlicher und fachdidaktischer Sicht angemessen zu rezipieren sowie Möglichkeiten und Grenzen der Digitalisierung kritisch zu reflektieren.“ (Kultusministerkonferenz 2019b, S. 61). Die Bedeutsamkeit dieser Kompetenzen hat sich im Zuge der andau- ernden Pandemie und des damit einhergehenden Übergangs zu Fernunterricht an Schulen enorm ver- stärkt. Daraus erwächst auch ein erhöhter Anspruch an die universitäre (Sport-)Lehrer*innenbildung, die sich selbst pandemiebedingt mit Herausfor- derungen bei der Umstellung auf digitale Lehre konfrontiert sieht (vgl. Mierau, 2020), Studierende (noch) besser hinsichtlich digitaler Kompetenzen und ihrer Möglichkeiten und Grenzen auszubilden. 2017 wurden auf der Kultusministerkonferenz (S. 15ff.) die digitalen Kompetenzen in sechs Kom- petenzbereiche unterteilt, zu deren Ausbildung „jedes einzelne Fach mit seinen spezifischen Zu- gängen zur digitalen Welt seinen Beitrag“ leisten soll: 1. Suchen, Verarbeiten und Aufbewahren; 2. Kommunizieren und Kooperieren; 3. Produzieren und Präsentieren; 4. Schützen und sicher Agieren; 5. Problemlösen und Handeln; 6. Analysieren und Reflektieren. Wie die Gesellschaft für Fachdidaktik (2018) hervorhebt, reicht für die Ausbildung dieser Kompetenzbereiche nicht allein die Verwendung digitaler Technologien in der Lehramtsausbildung, sondern es bedarf eines didaktisch reflektierten Einsatzes digitaler Medien unter Berücksichti- gung fachwissenschaftlicher Theorien, um „die Entwicklung einer Fähigkeit zur fachkundigen und verantwortungsvollen Nutzung und Entwicklung von digitalen Medien“ (Fischer & Paul, 2020, S. 4) bei angehenden Sportlehrkräften zu fördern. Der vorliegende Beitrag stellt ein zweisemestriges for- schungsorientiertes Projektseminar (Master) vor, welches dieses Ziel verfolgt und den Studierenden eine praxis- und subjektivierungstheoretische Pers- pektive auf digitale Lehr-Lern-Praktiken vermittelt. 7 =HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Digitale Lehr-Lern-Praktiken und ihre Subjekte · Janetzko Zunächst wird die theoretische Perspektivierung vorgestellt, bevor im Anschluss auf den Aufbau und die Zielsetzung eingegangen wird. Eine Darstellung der Erkenntnisse und ein kurzer Ausblick bilden den Abschluss des Werkstattberichts. Ʒ7+(25(7,6&+(5+,17(5ȑ *581'Ȋ5(ȑȋ$'5(66,(581* ,162=,2ȑ0$7(5,(//(1$5ȑ 5$1*(0(17681',+5(68%ȑ -(.7,9,(581*6())(.7( Bezugnehmend auf die praxistheoretische Untersu- chung von Unterricht von den (Sport-)Soziologen Pille und Alkemeyer (2016) bilden sich (Schul-) Subjekte in spezifischen sozio-materiellen Arrange- ments (Schatzki, 2002, S. 38ff.) aus. Diese bestehen aus menschlichen Körpern, die je nach Unterrichts- fach an Tischen und Stühlen positioniert sind bzw. sich in Figurationen in Sporthallen unter Einbezug von Materialitäten wie bspw. Bällen und Spielfeld- markierungen bewegen. Die Materialitäten und Positionierungen werden aus praxistheoretischer Sicht als bedeutsam für die sich vollziehende Pra- xis angesehen. So legt bspw. die Ausrichtung von Tischen nach vorne zur Tafel an dem die Lehrkraft positioniert ist eher Frontalunterricht nah, wäh- rend ein Stuhlkreis in dem sich alle Teilnehmenden anblicken oder zu Gruppen positionierte Tische andere Interaktions- und damit auch Vollzugsfor- men der Lehr-Lern-Praktiken anbieten (vgl. Pille & Alkemeyer, 2016, S. 176ff.). Auch was jeweils als ‚Leistung‘ auf Lernendenseite erbracht werden soll, wird von der jeweiligen sozio-materiellen Anord- nung beeinflusst. So zeichnet sich eine gute Leis- tung im Frontalunterricht durch leise sein und der Lehrkraft zuhören aus, während in Gruppenarbeiten eine Diskussion mit den Gruppenmitgliedern ohne Einbezug der Lehrkraft vorgesehen ist (vgl. ebd.). Welche Vollzugsformen in den jeweiligen Praktiken und Positionen adäquat sind und damit auch, was jeweils als ‚Leistung‘ konstruiert wird (vgl. Ricken, 2018) signalisieren sich die Beteiligten durch ge- genseitige Bezugnahmen aufeinander und stellen so ein gemeinsames praktisches Verständnis darü- ber her. Diese Bezugnahmen bezeichne ich in An- lehnung an die Erziehungswissenschaftler*innen Reh und Ricken (2012) als (Re-)Adressierungen. Diese beinhalten nicht nur Sprechakte wie Fragen, Antworten, Kommentare oder Zurechtweisungen, sondern können auch in Form von Blicken, Gesten oder einer Ausrichtung der Körper zueinander oder eines demonstrativen Wegdrehens erfolgen (vgl. ebd., S. 43). Damit lernen die Teilnehmenden durch (Re-)Adressierungen nach und nach, welche (An- schluss-)Handlungen von ihnen erwartet werden aber auch, welche (Subjekt-)Position sie innerhalb des Gefüges einnehmen. Denn über (Re-)Adressierungen setzen sich die Teilnehmenden auch ins Verhältnis zueinander und werden zu spezifischen Subjekten (von anderen gemacht) (vgl. Ricken, 2013, S. 96). Wie einige empirische Untersuchungen von schu- lischen Lehr-Lern-Praktiken eingehend zeigen, weisen Lehrkräfte Schüler*innen durch Adressierungen mit Blick auf die jeweilige Leistung verschiedene Subjektpositionen zu wie bspw. die des „Kreativen“, „Langsamen“ oder „Hilfsbedürftigen“ (Rabenstein & Reh, 2013) oder des „Experten“ oder „Parodisten“ (Pille & Alkemeyer, 2016, S. 184ff.). Die Einnahme dieser Positionen durch die Schüler*innen erfolgt nicht durch einmali- ge sondern sich wiederholende (Re-)Adressierungen, durch die die Subjektpositionen gefestigt werden. Die sich in den spezifischen sozio-materiellen Arrangements voll- ziehenden (Re-)Adressierungen sind damit essenziell für die Subjektivierungseffekte in den jeweiligen Lehr-Lern-Praktiken. Welche Veränderungen treten nun ein, wenn Lehr-Lern-Praktiken nicht mehr wie gewohnt in Kopräsenz in Klassenzimmern oder Turnhallen stattfinden, sondern in asynchrone Formate überführt und/oder in virtuelle Räume verlagert werden, denen sich die Teilnehmenden per Kamera und Mikrofon vom heimischen Schreibtisch aus zuschalten? Für diese Veränderungen sollen die angehen- den Sportlehrkräfte im forschungsorientierten Projektseminar sensibilisiert werden, um diese Aspekte bei der anschließenden Planung von digitalen Sportunterrichtseinheiten zu berücksichtigen. Ƹ,1+$/781'=,(/6(7=81*'(6)256&+81*625,ȑ (17,(57(1352-(.76(0,1$56 Das zweisemestrige Projektseminar „Digitale Lehr-Lern-Praktiken und ihre Subjekte“ ist eingebettet in ein sportdidaktisches ‚Lern-Labor‘, welches den Ansatz des forschungs- orientierten Lernens (Fichten, 2017) verfolgt. In dem ‚Labor‘ sollen Sportstudierende an konkreten Problemstellungen des Unterrichtens Forschungsperspektiven entwickeln und bearbeiten. Den Laborcharakter zeichnet aus, dass „keine routinierten, praxisbewährten Bewältigungsstrategien des Unterrichtens vermittelt werden, sondern Studienbedingungen vorherrschen, die es Studierenden ermöglichen, sich neugierig, geduldig und immer wieder forschend-distanziert dem Verstehen der Strukturlogik des Unterrichts […] in einer forschenden Haltung anzu- nähern“ (Schierz, 2019, S. 66). 3.1. Erstes Semester Durch die pandemiebedingte Umstellung an (Hoch-)Schulen auf digitale Formate bot sich die wissenschaftliche Beleuchtung der zum Großteil neu entstandenen Lehr-Lern- Praktiken im Sportkontext als zentraler Gegenstand des Projektseminars an. Die unter Punkt 2 skizzierte theoretische Perspektivierung, die als ‚Analysebrille‘ herangezogen wurde, resultiert aus der institutionellen Verortung der Sportlehrer*innenausbildung in einer Fakultät für Human- und Gesellschaftswissenschaften, die unter anderem den Abb. 1 Inhalt des Projektseminars Digitale Lehr-Lern-Praktiken und ihre Subjekte 8 CC BY 4.0 DE=HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Digitale Lehr-Lern-Praktiken und ihre Subjekte · Janetzko Schwerpunkt: „Praktiken, Subjektivierung, Bildungs-Wege“ aufweist. In einem ersten Schritt erfolgte eine gemeinsame Auseinandersetzung mit dem Stand der Forschung zu digitalen Lehr-Lern-Praktiken im Kontext von (Hoch-)Schule (vgl. bspw. Eickelmann & Gerick, 2020; Greve et al., 2020; Mierau, 2020). Des Weiteren wurde die theoretische Perspektivierung gemeinsam erarbeitet und die Methode der Autoethnografie einge- führt. Im Anschluss erarbeiteten die Studierenden eigenständig Forschungsfragen, denen sie in autoethnografischen Untersuchungen von selbstgewählten digitalen Lehr- Lern-Praktiken nachgingen. Die Forschungsfragen bezogen sich zusammenfassend auf die jeweiligen Leistungskonstruktionen und (Re-)Adressierungsmöglichkeiten innerhalb der digitalen Lehr-Lern-Praktiken und die damit einhergehenden Subjektivierungsef- fekte auf die Studierenden in ihrer Lernendenposition. Bspw. untersuchte ein Student die genauen Adressierungen und ihre Subjektivierungseffekte in einem asynchronen, digitalen ‚Gesundheitscoaching‘ einer Krankenkasse. Eine Studentin verglich die Sub- jektivierungseffekte zweier digitaler Sportangebote bei denen ihre Vorerfahrungen stark variierten. Eine andere Studentin ging der Frage nach, inwiefern die (Re-)Adressierun- gen einer Lehrenden in einem virtuellen Seminar in Abhängigkeit von der Sichtbarkeit der Studierenden variieren und welche Subjektivierungseffekte es auf die Studentin hat, ob ihre Kamera ein- oder ausgeschaltet ist. Somit konnten die Studierenden selbstbe- stimmt Schwerpunkte bei den eingeführten Theorien und den zu untersuchenden Lehr- Lern-Praktiken setzen. Die Wahl der Methode lässt sich sowohl inhaltlich als auch pragmatisch begründen. Mit Hilfe autoethnografischer Forschung sollen „persönliche Erfahrungen (auto) beschrie- ben und systematisch analysiert werden (grafie), um sozio-kulturelle Erfahrung (ethno) zu verstehen“ (Adams et al., 2020, S. 2). Damit handelt es sich um einen stark reflexiven Zugang, bei dem „das subjektive Erleben der Forscher*innen als zentrale Ressource für Er- kenntnisprozesse“ (ebd.) angesehen wird. Gerade mit Blick auf Subjektivierungsprozesse in Lehr-Lern-Praktiken erscheint ein praktischer und reflexiver Nachvollzug der Lernendenposition für angehende (Sport-)Lehrkräfte von Mehrwert. Pragmatisch lässt sich die Wahl der Methode mit den pandemiebedingten Sicherheitsbestimmungen begründen, da die Methode auch unter den stetig wechselnden Kontaktbeschränkungen durchführ- bar ist. Nach einer gemeinsamen Auseinander- setzung mit der Methode suchten sich die Studie- renden eigenständig konkrete (sportive) digitale Lehr-Lern-Praktiken, die sie in einem Zeitraum von 4 Wochen autoethnografisch unter ihrer jeweiligen Forschungsfrage beleuchteten. Wie aus den oben genannten Beispielen schon deutlich wurde, vari- ierten die gewählten Untersuchungsgegenstände bspw. in ihrer Zeitlichkeit (synchron/asynchron; Dauer pro Termin und Anzahl an Terminen), ihrem Inhalt und dem Zugang und der Verbindlichkeit (freie, allen zugängliche Videos bspw. bei youtube / kostenpflichtige / exklusive Seminare für eine spe- zifische Zielgruppe). Neben den oben genannten Beispielen wurden auch synchrone kostenpflichtige Einführungskurse bspw. ins Surfen, Wearables wie digitale Pulsuhren oder auch Lehr-Lern-Praktiken abseits des Sportkontexts wie bspw. Sprach-Lern- Apps untersucht. Abb. 2 - 5 Eindrücke von den Präsentationen der Studierenden Inhalt 29.03.2021 1 1. Ausgabe Einleitung und Problemstellung Anerkennung als Adressierung Fragestellung Die Methode Ergebnisse Speerwerfen Ringen Konsequenzen Literaturverzeichnis Impressum Daniel Böse, Lindenstraße 3a, 26123 Oldenburg T: 015226608476 E: daniel.boese@uni-oldenburg.de Redaktion: Daniel Böse Design: Vorlagen von 'jilster' Fotografie: Screenshots der alpha Lernen Videos, lizenzfreie Bilder von Pexels und eigene Aufnahmen Druck: Jilster B.V. An dieser Ausgabe hat mitgewirkt: Da niel Böse Itehe tenen 202031 n 0 :: 9 =HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Digitale Lehr-Lern-Praktiken und ihre Subjekte · Janetzko Die Studierenden sollten in ihren Ergebnisdarstel- lungen nicht nur ihre jeweilige Forschungsfrage beantworten, sondern auch auf die sich ableitenden Konsequenzen für digitalen Sportunterricht und ihre eigene Lehrer*innenbildung eingehen. Dabei wurden die Ergebnisse zweischrittig aufbereitet: Neben einer klassischen wissenschaftlichen Hausar- beit, die durch die Verschriftlichung der Ergebnisse eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Theorien und der – für die meisten Studierenden – neuen Me- thode bewirkte, sollten die Ergebnisse auch in einer selbst zu wählenden digitalen Form präsentiert werden.1 Durch die Vorgabe einer rein asynchronen Präsentation setzten sich die Studierenden aktiv mit digitalen Technologien auseinander und sammelten (erste) Erfahrungen mit asynchronen, digitalen Formen des Präsentierens: Neben besprochenen Power-Point-Präsentationen, Podcasts, Interviews und Videos wurden auch Blogs geschrieben, Poetry- Slams aufgezeichnet und Zeitschriften erstellt, in denen die Studierenden ihre Ergebnisse darstellten (vgl. bspw. Abb. 2-5). Diese kompakte und mediale Aufbereitung – im Sinne einer Wissenschaftskom- munikation – ermöglichte eine vertiefte Auseinan- dersetzung mit den Ergebnissen, die in den Präsen- tationen auf zentrale Aspekte runtergebrochen und einfach formuliert wurden.. 3.2. Zweites Semester Nachdem im ersten Semester Grundlagen bzgl. der Theorieperspektive und der digitalen Kom- petenzen gelegt wurden und die Studierenden durch ihre autoethnografischen Untersuchungen erste Erkenntnisse hinsichtlich der (Re-)Adressie- rungsmöglichkeiten, Leistungskonstruktionen und Subjektivierungsprozesse in digitalen Lehr-Lern- Praktiken erlangt haben, wurde im Sommersemes- ter 2021 der Schwerpunkt auf die Konzeption und Erprobung von digitalen Sportunterrichtseinheiten gelegt. Hierfür teilten sich die Studierenden in Kleingruppen ein, innerhalb derer sie jeweils eine digitale Sportunterrichtsstunde konzipierten. Um thematisch wieder einzusteigen und die Erkennt- nisse aller Studierenden zu bündeln, sichtete jede Gruppe in den ersten zwei Wochen des Semesters alle Präsentationen, die seminaröffentlich waren. Als Beobachtungsfolie dienten hier gemeinsam erarbeitete Punkte: Neben der theoretischen Pers- pektivierung und der Bewertung des eingesetzten Präsentationstechnologien sollten die Studieren- den auch die Präsentationen mit Blick auf ihre Län- 1 Hierdurch sollte sichergestellt werden, dass nie- mand mehr von sich Preis gibt als die Person möchte. Die Studierenden konnten zudem selbst wählen, ob die Präsentationen nur mir als Dozentin zugänglich ZDUHQRGHUVHPLQDUĂĬHQWOLFK'HV:HLWHUHQZXUGH im Rahmen des Seminars immer wieder auf Daten- schutzaspekte hingewiesen. ge, die Ansprache der Rezipient*innen und die Eignung der eingesetzten Technologien für den Inhalt bewerten, um auch hieraus Erkenntnisse für die anstehende Konzeption von digitalen Sportunterrichtseinheiten zu generieren. In der dritten Semesterwoche wurden im Plenum die Ergebnisse aller Gruppen besprochen, und es wurde gemeinsam ein Rahmen für die zu konzipierenden Unterrichtseinheiten festgelegt: Welchen (zeitli- chen und inhaltlichen) Umfang sollen die Einheiten haben? Welche technischen/räumli- chen Aspekte auf Seiten der potenziellen Zielgruppe müssen berücksichtigt werden? etc. Um auch die „Entwicklung und Umsetzung neuer Formen des Unterrichtens mit digitalen Medien“ (Eickelmann & Gerick, 2020, S. 158) zu ermöglichen, sollten hier möglichst wenig Beschränkungen erfolgen. So blieb es bspw. den Gruppen selbst überlassen, ob sie synchrone oder asynchrone Formate wählen und welche Technologien sie innerhalb der Einheiten verwenden. In den anschließenden Wochen erfolgte wieder eine Gruppen- phase, in der die Studierenden ihre Einheiten planten und Rücksprache mit mir als Do- zentin hielten. Ab der 9. Semesterwoche wurden die digitalen Sportunterrichtseinheiten durchgeführt und direkt im Anschluss mit der gesamten Gruppe reflektiert. Hierbei bildete der Rest der Seminargruppe jeweils die Schüler*innenschaft.2 Bei asynchronen Formaten erhielt die Lernendengruppe eine Woche Zeit die Einheiten durchzuführen, so dass zum gemeinsamen Seminartermin die Reflexion erfolgen konnte. Die Inhalte der Stunden waren sehr facettenreich. Während einige Gruppen bspw. biomechanische Prinzipien mit Hilfe von Alltagsmaterialien – angepasst an die Gege- benheiten in den eigenen vier Wänden – erforschen ließen, schickten andere Gruppen die Lernenden in ihre Wohnumgebung und ließen diese bspw. Stationskarten (teils mit Videos) zu unterschiedlichen Überwindungsmöglichkeiten von Hindernissen erstellen aus denen dann in der gemeinsamen Sitzung ein Bewegungsrepertoire für die Sportart Parkour erstellt wurde. Eine Gruppe ließ die Lernenden – ausgehend von der Auseinan- dersetzung mit dem subjektiven Zeitempfinden im Zuge der Corona-Pandemie –Alltags- bewegungen in verschiedenen Geschwindigkeiten erproben und auf freiwilliger Basis auf einer gemeinsam einsehbaren digitalen Plattform präsentieren (vgl. Abb. 6). Aus diesen Videos der Alltagsbewegungen in verschiedenen Geschwindigkeitsstufen konnten im An- schluss erste Bewegungsideen für ein tänzerisches Projekt in Anlehnung an Pina Bausch entwickelt werden. Eine alle Inhalte zusammenführende Sitzung im Plenum bildet den Abschluss des Semi- nars. 2 Es blieb den Studierenden jederzeit selbst überlassen, ob sie bspw. ihre Kamera aktivieren oder sich bei der Aufzeichnung von asynchronen Formaten zeigen. Abb. 6 Zusammentragung von Videos zum subjektiven Bewegungsempfinden im Alltag im „Ver-rückten Zeiten“ während der Corona-Pandemie 10 CC BY 4.0 DE=HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Digitale Lehr-Lern-Praktiken und ihre Subjekte · Janetzko ƹ (5.(1171,66(81'$86%/,&. Im Folgenden wird der Mehrwert des Seminars nach Kompetenzbereichen sortiert vorgestellt und durch Zitate aus den Hausarbeiten und Reflexionsgesprächen mit den Studierenden gerahmt: 4.1. Forschungsmethodische Kompetenzen „Ich möchte in meinem zukünftigen Unterricht, ob online oder nicht und ob Sport oder nicht, auf Feedback, Diagnose, Instruktion und Differenzierung achten. Dies ist mir besonders deutlich geworden, weil ich in meiner autoethnografischen Unter- suchung die Erfahrung machen konnte, wie sich Sport anfühlt, der überfordert oder keinen Spaß macht.“ (w3) Dem Ansatz des forschungsorientierten Lernens folgend, bildeten eigene, kleine Forschungsprojekte den Kern des ersten Semesters im Projektseminar. Die Methode der Autoethnografie zeigte sich als besonders geeignet, um sich die theoretischen Zugänge zu vergegenwärtigen und die Subjektivierungsmechanismen am eigenen Körper zu spüren. Gerade vor dem Hintergrund der (De-)Professionalisierungsdebatte angehender Sportlehrkräfte (vgl. bspw. Schierz, 2014) in der die Bedeutsamkeit einer kritischen Distanznahme zur eigenen Sportsozialisation betont wird und Irritationen durch ‚Krisenerfahrungen‘ im Kontext von Sport als zentral für die Professionalisierung angesehen werden, ermöglichen autoethnografische Zugänge neue Blickwinkel und die Ausbildung einer forschenden und reflexiven Haltung (vgl. ebd., S. 3). Dies wird im nächsten Absatz anhand konkreter Beispiele aus den Arbeiten tiefergehend verdeut- licht. 4.2. Theorie-Kompetenzen und ihre Übertragung auf Lehr-Lern- Praktiken „Durch die Studie hat sich mir ein neues Forschungsfeld eröffnet, in dem ich noch eine Menge lernen kann. Einen Blick dafür zu entwickeln, was die verschiedenen Adressierungsmöglichkeiten mir als Lehrkraft sowohl an Chancen als auch an Ri- siken bieten, ist nicht nur für den digitalen Unterricht von Bedeutung. Auch der Präsenzunterricht wird dadurch bereichert, dass ich mir über meine Wortwahl und die damit verbundenen Bilder, Fähigkeiten und Wertschätzungen, die ich auf meine Schülerinnen und Schüler projiziere, bewusst werde.“ (m1) Die wenigsten Studierenden hatten im Vorfeld des Projektseminars Berührungspunkte mit der beschriebenen theoretischen Perspektivierung. Die Bedeutsamkeit der jewei- ligen (Re-)Adressierungen, Leistungskonstruktionen und Subjektivierungsprozesse für die zukünftige Tätigkeit der Studierenden als Sportlehrkräfte kristallisierte sich insbesondere durch die Einnahme der Lernendenrolle in ihren autoethnografischen Untersuchungen heraus. Bspw. thematisiert eine Studentin in ihrer Arbeit über einen synchronen Online-Kurs zu einer ihr bis dahin unbekannten Sportart, wie sie die kor- rigierenden verbalen Adressierungen des Trainers per Video verunsicherten und frus- trierten, weil sie ohne körperliche Korrektur und nur durch die eingeschränkte Sicht per Video nicht in der Lage war die Korrekturen umzusetzen. Ihr ist die Bedeutung von konkreten Korrekturhinweisen und auch positivem Feedback durch diese Erfahrung klar geworden und die Erkenntnisse wurden versucht in der eigenen digitalen Sportunter- richtseinheit umzusetzen. Bestärkende Adressierungen werden jedoch nicht per se als positiv gewertet. So thematisieren zwei Studierende, die asynchrone Sportangebote in ihren autoethnografischen Studien per Video ausprobierten, dass verbale Adres- sierungen wie „gut gemacht“ oder „weiter so“ von ihnen negativ gewertet wurden, da die Lehrenden nicht wissen konnten, ob die erbrachte ‚Leistung‘ tatsächlich ‚gut‘ war. Diese Studierenden favorisierten daher bei den eigenen digitalen Sportunterrichtsein- heiten synchrone Formate und konzentrierten sich dort auf adäquate Rückmeldungen. Ein Student, der aus dem Wettkampfbereich kommt, sah sich in einer eher meditativen Praktik mit einer neuen Leistungskonstruktion konfrontiert, die konträr zu seiner bis- herigen sportiven Sozialisation war. Die Möglich- keit diese Praktik in seinen privaten Räumen für sich in Ruhe und unbeobachtet auszuprobieren, ermöglichte es ihm, sich darauf einzulassen und auf seine bisherigen Leistungskonstruktionen zu reflektieren. Jedoch scheinen sich nicht alle digi- talen sportiven Praktiken für die privaten Räume zu eignen bzw. umgekehrt: sind nicht alle räumlichen Anordnungen für (bestimmte) sportive Praktiken gleich geeignet. So berichteten mehrere Studie- rende von einer fehlenden Affiziertheit für die im Video präsentierte sportive Praktik, da die eigenen Räumlichkeiten zu anderen Praktiken (bspw. dem auf dem Sofa Verweilen oder dem Hausarbeiten Schreiben) aufriefen. Diese Erkenntnisse wurden bei der Konzeption der eigenen digitalen Einheiten hinsichtlich dem Materialeinsatz berücksichtigt und Alltagsmaterialien in die digitalen Sportun- terrichtseinheiten integriert. Der Aufforderungs- charakter, der von Dingen ausgehen kann, war auch Thema bei den Arbeiten über Wearables oder Apps, die einzelne Studierende zu ihrer Nutzung aufrie- fen. Hier wiederum kam Frust auf, wenn erbrachte ‚Leistungen‘ falsch oder gar nicht gemessen wur- den und somit die Anerkennung als sportives Sub- jekt verwehrt wurde. Die Arbeiten zeigen, dass der Fokus auf diese Aspekte in autoethnografischen Untersuchungen ein tiefergehendes Verständnis für die Theorien und ihre Bedeutsamkeit für Lehr- Lern-Praktiken fördert. 4.3. Digitale Kompetenzen „Durch das Seminar habe ich neue digitale Präsentationsarten kennengelernt, die ich auch in Zukunft im Studium und Beruf einset- zen möchte.“(w5) Ein reflektierter Einsatz von digitalen Technologien in Lehr-Lern-Praktiken, wie er vom Kultusministe- rium als Zielvorgabe formuliert wird, bedarf einer aktiven Auseinandersetzung mit den verschiede- nen Instrumenten. Das Projektseminar eröffnet einen geschützten Raum des Ausprobierens und gemeinsamen Reflektierens auf die verschiedenen Chancen, Grenzen, Herausforderungen und Effek- te, die mit den verschiedenen Technologien und Formaten einhergehen. So können die angehen- den Sportlehrkräfte neue digitale Kompetenzen entwickeln und informiert Entscheidungen über ihren Einsatz treffen. 4.4. Neuperspektivierung auf digita- le Lehr-Lern-Praktiken (im Kontext Sport) „Zu Beginn des Semesters beantwortete ich die Frage, was digitaler Sportunterricht für mich ist damit, dass er im Widerspruch zu meinem 11 =HLWVFKULIWIĚU6WXGLXPXQG/HKUHLQGHU6SRUWZLVVHQVFKDIWƩ Digitale Lehr-Lern-Praktiken und ihre Subjekte · Janetzko Verständnis von Sport steht. Gemeinschaft, Kommunikation, weiträumige und vielfältige Bewegungsmöglichkeiten sind nicht möglich und so bleibt nur theorielastiger Frontalun- terricht vor der Kamera. Basierend auf den Er- gebnissen meiner autoethnografischen Studie wurde ich jedoch eines Besseren belehrt. Ich war überrascht wie interaktiv Sport im digita- len Format gestaltet und wie konstruktiv Feed- back trotz fehlender physischer Gemeinschaft gegeben werden kann.“ (w12) Während in der allerersten Seminarstunde die Studierenden ein eher skeptisches Meinungsbild zu digitalen sportiven Lehr-Lern-Praktiken skiz- zierten, wandelte sich dies im Verlauf des Projekt- seminars bei vielen Teilnehmenden. Neben der theoretischen Auseinandersetzung mit neuen wis- senschaftlichen Erkenntnissen und dem Kennen- lernen von Best-Practice Beispielen waren auch hier die autoethnografischen Studien als auch die durchgeführten digitalen Sportunterrichtsstunden ausschlaggebend. Das anschließende gemeinsame Reflektieren auf die Potenziale aber auch Grenzen der Einsatzmöglichkeiten von digitalen Formaten ermöglichte einen differenzierteren Blick. Hier- bei ist es wichtig, Subjektivierungseffekte aber bspw. auch Fragen nach sozialer Ungleichheit zu berücksichtigen (vgl. bspw. Eickelmann & Gerick, 2020). Insgesamt eröffnet das Projektseminar den Studierenden neue Perspektiven auf digitale Lehr- Lern-Praktiken, die auch in zukünftig wieder in Kopräsenz stattfindenden Einheiten neue Formen des Unterrichtens ermöglichen können (vgl. ebd., S. 158). Adams, T.E., Ellis, C., Bochner, A.P., Ploder, A. & Stadlbauer, J. (2020). Autoethnografie. In G. Mey & K. Muck (Hrsg.), Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie (S. 1-21). Wiesbaden: Springer VS. Eickelmann, B. & Gerick, J. (2020). Lernen mit digitalen Medien. Zielsetzungen in Zeiten von Corona und unter besonderer Berücksichtigung von sozialen Ungleichheiten. In D. Fickermann & B. Edelstein (Hrsg.), „Langsam vermisse ich die Schule ...“. Schule während und nach der Corona-Pandemie (S. 153-162). Münster; New York: Waxmann. Fichten, W. (2017). Forschendes Lernen in der Lehrerbildung. In R. Schüssler/A. Schöning, V. Schwier, S. Schicht, J. Gold, U. Weyland & J.M. 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Dr. Alexandra Janetzko promovierte am DFG geförderten Gradu- iertenkolleg ‚Selbst-Bildung - Praktiken der Subjektivierung in historischer und interdisziplinärer Perspektive‘ und ist VHLWDOV3RVW'RFDP,QVLWXWIĚU Sportwissenschaft der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg im Arbeitsbereich 6SRUWXQG(U]LHKXQJWÈWLJ,KUH6FKZHU- punkte in Lehre und Forschung bilden SUD[HRORJLVFKH3HUVSHNWLYHQDXI%H Wertungs- und Subjektivierungsprozesse LP6SRUW8QWHUULFKWXQG+XPDQGLIIH- renzierungen im Sport. alexandra.janetzko@uni-oldenburg.de Literatur

  • ZSLS-23-070_Poweleit_.pdf
    43 Antwort von Poweleit und Ohlert auf den Kommentar "Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus" · Poweleit, Ohlert Antwort auf den Kommentar „Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus“ KOMMENTAR › ANTWORT Vielen Dank für den Kommentar zu unserem Beitrag „Wissen- schaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium: Zu- friedenheit und gewünschte Zusatzangebote“ (Poweleit & Ohlert, 2023), der unsere Überlegungen aufgreift und kritisch weiterdenkt. Insgesamt teilen wir die Ausführungen zur „Bildung eines wissen- schaftlichen Habitus“ und möchten mit dieser Antwort verdeut- lichen, dass wir ähnliche Sichtweisen haben und ebenfalls dafür plädieren, „die Bildung eines wissenschaftlichen Habitus als das organisierende Zentrum jedes (Lehramts-)Studiums zu kultivieren“ (vgl. Schürmann, 2023, S. 40). Das bescheidene Ziel unserer Studie war es dabei nicht, diesen „Habitus“ zu eruieren, sondern lediglich zu erheben, ob und inwieweit die befragten Sport-Lehramtsstudie- renden mit den curricularen Angeboten zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten während des Studiums zufrieden sind. Wir versuchten aber dennoch deutlich zu machen, dass eine wissen- schaftlich-reflexive Haltung in der universitären Lehre grundsätz- lich – also in jeglichem akademischen Studiengang und in allen Lehrveranstaltungen inklusive denen zum wissenschaftlichen Den- ken und Arbeiten – gefördert werden sollte. Darüber hinaus scheinen uns drei Aspekte wichtig: SICH BILDEN Auch wenn sich die Studienanlage und -ergebnisse im Beitrag ver- stärkt auf Methoden und Techniken wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens beziehen, sind wir nicht der Auffassung, dass sich ein wissenschaftlicher Habitus nur bzw. primär durch das bloße Lernen und Einüben von Techniken des wissenschaftlichen Den- kens und Arbeitens bildet (falls er sich denn bildet, vgl. Schürmann, 2023). So haben wir in unserem Beitrag bewusst das „Aus“ in „(Aus-)Bildung“ in Klammern gesetzt, da Bildung nicht mit Ausbil- dung gleichzusetzen ist (vgl. u. a. Dörpinghaus, 2009). Somit ist ein wissenschaftlicher Habitus – wie im Kommentar „Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus“ ausführlich beschrieben – nicht ein- fach „herstellbar“ (vgl. Schürmann, 2023, S. 41). Vielmehr ist es ein Prozess, der von „Freiheit, Mündigkeit, Selbstbestimmtheit“ (ebd.) bestimmt ist: „Der Mensch wird eben nicht gebildet, sondern er bildet sich, und zwar ausschließlich in der reflexiven Auseinan- dersetzung mit sich, der Welt und in der Diskussion mit anderen Menschen und Kulturen“ (Dörpinghaus, 2009, S. 5; Hervorhebung im Original). Über Erziehungsmaßnahmen ist es (an jeglichen pä- dagogischen Einrichtungen) nur möglich, etwas pädagogisch bzw. kulturell Wertvolles oder in den Worten Platons „anzustrebende Tugenden“ (vgl. Schürmann, 2023, S. 41) zu zeigen, worüber dann mögliche Bildungsprozesse – reflexive Auseinandersetzung des Selbst- und Weltverhältnisses (Poweleit & Ohlert, 2023, S. 22, an- gelehnt an Koller, 2018) – angebahnt werden können (oder aber auch ausbleiben). VERMITTLUNG VON WISSENSCHAFTLICH- KEIT IST TEIL DES FACHLICHEN LERNENS Zum Ende des Kommentars zu unserem Beitrag (Schürmann, 2023) wurde kritisiert, dass wir der Meinung sind, „die Vermittlung von Wissenschaftlichkeit [solle] im Lehramtsstudium nicht in das fachliche Lernen integriert werden“ (S. 41). Diese Interpretation scheint auf einem Missverständnis zu beruhen. So schließen wir gewiss nicht das fachliche Lernen aus, da wir auch der Ansicht sind, grundsätzlich im Studium (explizit und implizit) wissenschaftliches Denken und Arbeiten im fachlichen Lernen zu kultivieren (vgl. u. a. Poweleit & Ohlert, 2023, S. 22). Die Aussage in unserem Beitrag, die Überlegungen von Kleinert und Pels (2020) könnten nicht eins zu eins für das Lehramtsstudium übernommen werden, bezog sich allein auf eine strukturelle Ebene. Insofern müsse überlegt werden, wie dieser für sportwissenschaftliche Studiengänge her- ausgearbeitete Ansatz auf das Lehramtsstudium (u. a. curricular) übertragen werden kann (vgl. Poweleit & Ohlert, 2023, S. 21). PERSPEKTIVITÄT VON WISSENSCHAFT Hinsichtlich der vorherigen Ausführungen zur Bildung eines wissen- schaftlichen Habitus stimmen wir dem Kommentar ebenfalls zu, dass „gutes Beherrschen von Techniken und Methoden noch keine reflexive Grundhaltung ausmachen“ (Schürmann, 2023, S. 40) und damit „wissenschaftliches Denken und Arbeiten mehr ist als […] eine (blinde, unreflektierte) Anhäufung von Wissen“ (Poweleit & Ohlert, 2023, S. 16). Vielmehr sollte es in Form einer realitätsprüfenden, for- schungsorientierten Grundhaltung zu einem Selbstverständnis bzw. zu einer Selbstverständlichkeit werden, und darin sind wir uns einig, „die Welt durch verschiedene Perspektiven zu betrachten“ (Poweleit & Ohlert, 2023, S. 22; zit. b. Schürmann, 2023, S. 42). Diesbezüglich lässt sich aber ergänzen, dass gewisse wissenschaftliche Grundver- ständnisse und Techniken hilfreich und z. T. auch Voraussetzung sein können, um eben eine Auseinandersetzung mit verschiedenen wis- senschaftlichen Perspektiven zu ermöglichen. Dies geht gewiss über eine reine „Dressur“ der Handhabung wissenschaftlicher Werkzeu- ge hinaus (Schürmann, 2023) und impliziert ein Bewusstsein für eigene und andere (normative) Orientierungen. André Poweleit, Jeannine Ohlert Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) 44 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) Antwort von Poweleit und Ohlert auf den Kommentar "Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus" · Poweleit, Ohlert „Abschließend ist […] festzuhalten, dass in der universitären Lehre grundsätzlich bei der Auseinandersetzung mit (sport-)wissenschaft- lichen Perspektiven immer auch deren Mehrdeutigkeiten und z. T. auch Gegensätzlichkeiten aufzugreifen sind“ (Poweleit & Ohlert, 2023, S. 22), um schließlich die „grundsätzliche Perspektivität von Wissenschaft […] ›zu leben‹“ (Schürmann, 2023, S. 41). Wie der Kommentar auf den Beitrag sowie unsere Antwort verdeut- lichen, wird die Wissenschaft gerade durch den interdisziplinären Diskurs (und daraus aufscheinende Mehrdeutigkeiten und Gegen- sätzlichkeiten) befördert. Daher nehmen wir die konkretisierenden Ausführungen "Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus" dan- kend als Anregung für weitere Studien auf. LITERATUR Dörpinghaus, A. (2009). Bildung. Plädoyer wider die Verdummung. Forschung & Lehre, 16(9), 1-14. Abgerufen von https://www. paedagogik.uni-wuerz-burg.de/fileadmin/06030200/Team/ Doerpinghaus_Bildung_Plaedoyer_wider_die_Verdummung_ Text.pdf Kleinert, J. & Pels, F. (2020). Nicht nur für’s Labor – Die Bedeutsamkeit und Vermittlung wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens im Rahmen des Sportstudiums am Beispiel von ›Werkstatt Wissenschaft‹. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft, 3(1), 30-36. Koller, H.-C. (2018). Bildung anders denken. Einführung in die Theorie transformatorischer Bildungsprozesse. Kohlhammer. Poweleit, A. & Ohlert, J. (2023). Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium: Zufriedenheit und gewünschte Zusatzangebote. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft, 6(1), 15-23. http://doi. org/10.25847/zsls.2021.054 Schürmann, V. (2023). Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft, 6(2), 40-42.

  • ZSLS-23-068_Schuermann_.pdf
    40 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus. Kommentar zu Poweleit und Ohlert · Schürmann Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus. Kommentar zu Poweleit und Ohlert KOMMENTAR ZUSAMMENFASSUNG Jedes Universitätsstudium, und so auch das Lehramtsstudium, ist per Definition eine wissenschaftliche Ausbildung. Deshalb macht es guten Sinn, Lehrveranstaltungen zum wissenschaftlichen Den- ken und Arbeiten zu integrieren. Solche Techniken und Methoden zu beherrschen, macht aber allein noch keinen wissenschaftlichen Habitus aus. Ein solcher Habitus bildet sich auch, wenn er sich denn bildet, in allen anderen Lehrveranstaltungen heraus, die wissenschaftliches Denken und Arbeiten nicht explizit zum Thema haben. Solche Techniken und Methoden sind auch nicht nur nötige Hilfsmittel, um ein Studium erfolgreich zu absolvieren. Vielmehr liegt in der angezielten Bildung eines wissenschaftlichen Habitus das Versprechen, dass die spätere berufliche Lehrtätigkeit an der Schule im Geiste der Wissenschaft anders (und besser) abläuft als im Geiste rein gewohnter Erfahrung. Der Beitrag ist daher ein Plädoyer, die Bildung eines wissenschaftlichen Habitus als das or- ganisierende Zentrum jedes (Lehramts-)Studiums zu kultivieren. Poweleit und Ohlert (2023) legen verdienstvoller Weise eine ers- te empirische Erhebung zur Zufriedenheit von Studierenden mit Lehrangeboten zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten im Lehramtsstudium vor. Im Abschnitt 4. Diskussion und Ausblick ma- chen sie auf dieser Grundlage erste Vorschläge für eine konzeptio- nelle Weiterentwicklung dieser Lehrangebote und für ergänzende Angebote. Pragmatischer und naheliegender Weise konzentrieren sie sich dabei auf die direkten Lehrangebote zum wissenschaftli- chen Denken und Arbeiten sowie auf ergänzende Unterstützungs- angebote für Studierende, und zwar im Hinblick auf die „Prozesse“ der wissenschaftlichen Tätigkeit (ebd., S. 16), genauer auf die Techniken des wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens. Demge- genüber möchte ich den Blick auf mögliche Konsequenzen für die anderen, die ›normalen‹ Lehrveranstaltungen richten, in denen solche Techniken nicht direkt, sondern implizit vermittelt werden. Zudem nehme ich die Perspektive eines Lehrenden, nicht eines Studierenden ein. ZUR BILDUNG EINES WISSENSCHAFT- LICHEN HABITUS Erklärtermaßen betten sich die Prozesse des wissenschaftlichen Denkens und des wissenschaftlichen Arbeitens in die Bildung eines „wissenschaftlich-reflexive[n] Habitus“ bzw. einer „Grundhaltung“ ein (ebd. 16). Bei Kleinert und Pels (2020), auf die sich Poweleit und Ohlert u.a. beziehen, ist dieser Punkt noch deutlicher, da dort explizit drei Momente unterschieden werden: „Wissenschaftlich- keit setzt sich aus (1) einer wissenschaftlichen Grundhaltung sowie (2a) wissenschaftlichem Denken und (2b) wissenschaftlichem Ar- beiten zusammen“ (Kleinert & Pels, 2020, S. 31). Nimmt man diese Dreiheit ernst, dann heißt das: Jemand kann die Techniken des wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens sehr gut beherrschen, aber das allein sichert weder die Bildung eines wissenschaftlichen Habitus noch sichert es, einen ggf. in wissenschaftlicher Tätigkeit gebildeten Habitus auch außerhalb dieser Tätigkeit, also etwa im Alltag oder als Lehrende*r im Schulunterricht, an den Tag zu legen. Hier liegt der Bezug zu den anderen Lehrveranstaltungen: Jene Dreiheit bedeutet auch, dass sich ein wissenschaftlicher Habitus, falls er sich denn bildet, nicht nur und auch nicht zwingend durch das Lernen und Einüben von Techniken des wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens bildet. Genauso wichtig dürfte dafür die Art und Weise sein, wie man in gewöhnlichen Lehrveranstaltungen wissenschaftliche Inhalte gelehrt bekommt und selbst lernt. Hier entspringt die Vermutung, dass Lehrende mit ihrer eigenen wis- senschaftlich-reflexiven (Un-)Haltung ein Vorbild für die Bildung studentischer Haltungen sind (vgl. Poweleit & Ohlert, 2023, S. 17). Wir alle sind vermutlich mit den Fällen vertraut, in denen gutes Beherrschen von Techniken und Methoden noch keine reflexive Grundhaltung ausmachen: Wer gut gelernt hat, wissenschaftliche Literatur zu recherchieren und zu beurteilen, muss das noch lange nicht bei der Lektüre der Boulevardpresse praktizieren. Wer gut gelernt hat, wissenschaftliche Literatur zu beurteilen und den eige- nen Unterricht gut zu planen, der oder die kann das in indoktrinie- render Weise einsetzen, also im Anliegen, dass die Schüler*innen die ihnen vorgelegten Texte genauso beurteilen sollen wie man selbst. Wenn jemand die Techniken des Zitierens und Bibliogra- phierens in Perfektion lernt, muss das kein reflexiver Habitus sein, sondern es kann auch das Verhalten eines Regelbefolgungsauto- maten sein. Jene Dreiheit, also die relative Eigenbedeutsamkeit von Habi- tus gegenüber den Prozessen des wissenschaftlichen Denkens und des wissenschaftlichen Arbeitens, ist exakt der Grund, warum hier überhaupt von Habitus die Rede ist, und macht aus, was Haltung bedeutet (vgl. Guthoff & Landweer, 2010). Haltung bedeutet eben die Haltung, die Art und Weise, wie man einen Prozess perfekt oder weniger perfekt vollzieht. Beim gewöhnlichen Tun gibt es diesen Unterschied zwar auch, aber er verschwindet sozusagen. Eine Haltung wird dann sichtbar, wenn sie sich ›bewähren‹ muss – wenn es in einer Lehrveranstaltung scheinbar einfacher und „ziel- Volker Schürmann Schlüsselwörter: Sportstudium, Lehramt, wissenschaftliches Arbeiten, Habitus, Reflexion 41 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus. Kommentar zu Poweleit und Ohlert · Schürmann führender“ ist, nur die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie zu referieren, nicht aber den Weg, den methodos, auf dem diese Ergebnisse gewonnen wurden. Eine wissenschaftliche Haltung zeigt sich dann darin, es trotzdem zu ›erschweren‹ und auch den Weg zu den Ergebnissen zu referieren. Eine Haltung gebildet zu haben, hat damit eine sachliche Nähe zu dem, was wir auch „Rück- grat“ nennen. Das mit Haltung synonyme Wort Habitus macht demgegenüber eher kenntlich, dass eine Haltung eingeübt und zur Gewohnheit, zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Für das, was gemeint ist, kommt es selbstverständlich nicht auf eine bestimmte Theorie (etwa die von Bourdieu) und auch nicht auf das Wort an. Die Olympische Charta beispielsweise nennt es „philosophy of life“, also eine Haltung im Leben zum Leben. Diese sachliche Dreiheit, also die Eigenbedeutsamkeit von Ha- bitus, hat die für die wissenschaftliche Lehre ›unangenehme‹ Kon- sequenz, dass eine solche Haltung nicht ausgebildet werden kann – sie bildet sich um, oder sie bleibt wie sie gerade ist. Lehrende können den Studierenden keinen bestimmten Habitus beibringen, denn so etwas ist nicht herstellbar.1 Wäre ein Habitus herstellbar, wäre ein Regelbefolgungsautomat nicht von einer Person mit reflexiver Grundhaltung unterscheidbar. Deshalb muss die Formu- lierung auch schärfer sein: Es spricht viel Erfahrung dafür, dass es nicht recht gelingt, bei anderen einen wissenschaftlichen Habitus herzustellen; aber viel wichtiger und entscheidender ist, dass man einen solchen Habitus nicht herstellen wollen soll und darf. Die Bildung eines Habitus ist Selbst-Bildung – oder sie ist nicht Bildung, sondern Dressur. Das exakt meint Freiheit, Mündigkeit, Selbstbe- stimmtheit der Lernenden. Deshalb ist die Bildung eines Habitus eine Umbildung: Eine Haltung zur wissenschaftlichen Tätigkeit kann man nicht nicht haben – und sei es die der Gleichgültigkeit oder die eines Fähnchens im Winde. Aber nicht jede Haltung zur wissenschaftlichen Tätigkeit ist schon eine wissenschaftliche Hal- tung. Deshalb ist es das Anliegen wissenschaftlicher Lehre, die je schon eingenommenen Haltungen zu einer wissenschaftlichen Haltung zur Wissenschaft umzubilden. Das Hauptcharakteristikum einer solchen Haltung dürfte sein, um die grundsätzliche Perspek- tivität von Wissenschaft zu wissen und diese Einsicht ›zu leben‹. Es geht dann um jenes schon benannte ›Erschweren‹ von Sachlagen, indem transparent gemacht wird, dass jede wissenschaftliche Ana- lyse eine begründete Antwort auf eine Frage ist, die auch – durch andere Anlässe, Theorien, Methoden, Zwecksetzungen – anders begründete Antworten zulässt. Es könnte ein Qualitätskriterium von Lehrveranstaltungen sein, ob und wie es gelingt, gemeinsam miteinander je individuell ein solches wissenschaftliches Rückgrat zu bilden. KOMMENTAR ZU POWELEIT UND OHLERT Dass Poweleit und Ohlert (2023) aus pragmatischen und gut nach- vollziehbaren Gründen die Einbettung der wissenschaftlichen Tä- tigkeit in einen Habitus zwar benennen, aber nicht in der Klarheit als eine Dreiheit herausstellen, hat einen gedanklichen Preis, den 1 Das Problem ist alt und lange bekannt. Schon Platon thematisierte, ob gute und anzustrebende Tugenden lehrbar sind und beantwortete diese Frage „nicht mit einem klaren ›Ja‹" (Stemmer, 1998, Sp. 1537). ich im Folgenden herausstellen möchte. Dabei geht es mir nicht um Kritik an diesem Text – es gibt dort, wie schon zweimal gesagt, pragmatische und gut nachvollziehbare Gründe. Vielmehr dient der Text als eine Art Sprungbrett. „Mit dem Ziel eines akademischen Abschlusses ist nicht nur eine methodisch-didaktische, sondern auch eine wissenschaftli- che (Aus-)Bildung von Bedeutung“. Dieser Satz findet sich gleich zu Beginn der Einführung und Problemstellung (Poweleit & Ohlert, 2023, S. 16). Jeder und jede versteht, was gemeint ist, und jeder und jede versteht auch die Berechtigung der dort vorgenommenen Unterscheidung. Und doch drängt sich bereits hier die Nachfrage auf, ob denn nicht auch die methodisch-didaktische (Aus-)Bildung eine wissenschaftliche (Aus-)Bildung sein soll oder muss. Das ist, zugegeben, etwas kleinkariert, denn der gesamte Text bekundet schließlich, dass es so gemeint sei, und dass es sich lediglich um „eine analytische Trennung“ handele, wie man dann so sagt. Auf der nächsten Seite (ebd., S. 17) findet sich dann allerdings ein kla- res einerseits/andererseits. Dort neigt die analytische Trennung de facto schon zu einer Unterscheidung zweier verschiedener Dinge: „ein pädagogisch-praktisches Können“ einerseits, „eine wissen- schaftliche Reflexivität“ andererseits. Auch dort fallen diese bei- den Aspekte nicht einfach auseinander, da sie dort als zwei Aspek- te „einer doppelten Professionalisierung“ thematisiert werden. Gleichwohl macht sich hier geltend, dass im Text lediglich eine doppelte wissenschaftliche Tätigkeit – wissenschaftliches Denken und wissenschaftliches Arbeiten – thematisiert wird, nicht aber eine Dreiheit von Habitus, Denken und Arbeiten. Es ist eben kein „doppelter“, sondern ein Habitus, der Denken einerseits und Ar- beiten andererseits „ständig wechselseitig miteinander verknüpft“ sein lässt (Kleinert & Pels, 2020, S. 32; zit. b. Poweleit & Ohlert, 2023, S. 16). Ob dieses Insistieren auf dem Unterschied von drei Momenten eines Sachverhalts und zwei Aspekten einer Doppelheit einen sachlichen Unterschied macht oder eine Kleinkariertheit bleibt, wird dann sehr bald Thema im Text von Poweleit und Ohlert. Kleinert und Pels hatten sportwissenschaftliche Studiengänge außerhalb der Lehramtsstudiums thematisiert. Für solche Studi- engänge hatten sie stark gemacht, dass „die Vermittlung von Wis- senschaftlichkeit – wo möglich – in das fachliche Lernen integriert sein“ soll (Poweleit & Ohlert, 2023, S. 21). Dieses Anliegen macht stark, dass sich ein wissenschaftlicher Habitus nicht nur, vielleicht nicht einmal primär, beim Lernen und Einüben von Techniken des wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens bildet, sondern auch, und vielleicht gerade, im fachlichen Lehren und Lernen. Ist es nicht selbstverständlich, dass dies gerade keine Besonderheit spezifischer Studiengänge ist, sondern das Merkmal eines wissen- schaftlichen Studiums generell ist bzw. sein soll? Poweleit und Oh- lert (ebd.) sind hier anderer Meinung – und hier ist es dann doch auch eine Kritik an diesem Text. Sie schließen nämlich ganz direkt wie folgt an: „Gewiss kann dieser Ansatz [von Kleinert und Pels] nicht eins zu eins für das Lehramtsstudium übernommen werden und wäre auf Basis der vorhandenen, spezifischen Strukturen zu modifizieren.“ Mir ist nicht klar, woher jene Gewissheit kommt, dass die Vermittlung von Wissenschaftlichkeit im Lehramtsstudi- um nicht in das fachliche Lernen integriert werden soll. Der pure Umstand, dass die Lehramtsausbildung die Form eines Studiums hat, heißt, dass es eine wissenschaftliche Ausbildung ist bzw. zu 42 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus. Kommentar zu Poweleit und Ohlert · Schürmann sein hat. Ein Studium, und so auch ein Lehramtsstudium, ist ge- lungen, wenn es in der Vermittlung von Techniken, von Methoden, von Theorien, von Fachwissen und von methodisch-didaktischem Wissen das Sich-Bilden einer wissenschaftlichen Grundhaltung kultiviert. Ein Studium hat das Selbstbild vieler Studierender (und Lehrender) zu irritieren, die sich gewöhnlich im späteren Berufs- leben „als praktizierende Lehrkräfte, die primär Lehrerfahrungen benötigen“ (ebd., S. 17; vgl. S. 22) sehen. In einem Studium muss erfahrbar werden, dass praktizierende Lehrkräfte mit reflexivem Habitus anders lehren als ohne einen solchen. Mir scheint deshalb auch in Lehramtsstudiengängen alles oder doch vieles darauf anzukommen, gerade die „methodisch- didaktische (Aus-)Bildung“ (s.o.) im Geiste der Wissenschaftlich- keit zu lehren und zu lernen. Die Alternative wäre das Lehren und Lernen von Rezepturen, die morgen schon wieder veraltet sein können. Was das genau heißen soll, ist „gewiss“ ein hartes Brot. Aber immerhin besteht Einigkeit im Anliegen: „In Form einer re- alitätsprüfenden, forschungsorientierten Grundhaltung sollte es zu einem Selbstverständnis werden“ – und wo möglich auch zu einem Habitus, zu einer Selbstverständlichkeit –, „die Welt durch verschiedene Perspektiven zu betrachten“ (ebd., S. 22). LITERATUR Guthoff, H. & Landweer, H. (2010). ›Habitus‹. In H.J. Sandkühler (Hrsg.). Enzyklopädie Philosophie. In drei Bänden mit einer CD-ROM (S. 961-967). Meiner. Kleinert, J. & Pels, F. (2020). Nicht nur für’s Labor – Die Bedeutsamkeit und Vermittlung wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens im Rahmen des Sportstudiums am Beispiel von ›Werkstatt Wissenschaft‹. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft, 3(1), 30-36. Poweleit, A. & Ohlert, J. (2023). Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium: Zufriedenheit und gewünschte Zusatzangebote. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft, 6(1), 15-23. http://doi. org/10.25847/zsls.2021.054 Stemmer, P. (1998). ›Tugend, I. Antike‹. In J. Ritter, K. Gründer, G. Gabriel (Hrsg.). Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 10 (Sp. 1532-1548). Schwabe.

  • ZSLS-22-058-Ökrös.pdf
    29 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) QATCH - A new team sport activity has emerged · Ökrös, Kőnig-Görögh, Binnenbruck QATCH - A new team sport activity has emerged Csaba Ökrös, Dóra Kőnig-Görögh, Axel Binnenbruck Keywords: Qatch, sports game, handball, table tennis, trend game Schlüsselwörter: Qatch, Sportspiel, Handball, Tischtennis, Trendspiel WERKSTATTBERICHT > PRACTICE REPORT ABSTRACT The article deals with a new game with hand and ball called "QATCH", which emer- ged from the Teqsports family. QATCH is suitable both as an alternative form of trai- ning for handball but also as its own “hybrid back-throw game” in different contexts such as clubs, schools, universities or in public spaces. The article first describes the historical origins and development of the game. It then gives an insight into both the rules of the game and the game´s tactical process. Furthermore, the potentials for and the intersections with the sport of handball are clarified and the required per- formance parameters in the areas of technique, tactics, physical and mental factors are addressed. The article concludes with a perspective on the necessary establish- ment and implementation processes that are considered necessary for such a new game idea in order to exploit its potential for the various social groups. ZUSAMMENFASSUNG Der Artikel beschäftigt sich mit einer neuen Ballsportart namens „QATCH“, welche aus der Teqsport-Familie hervorgegangen ist. QATCH eignet sich sowohl als alter- native Trainingsform für den Handballsport aber auch als eigenes „hybrides Rück- Wurfspiel“ in unterschiedlichen Kontexten wie Verein, Schule, Hochschule oder im öffentlichen Raum. In dem Artikel werden zunächst die geschichtliche Herkunft und die Entstehung des Spiels beschrieben. Im Anschluss gibt es einen Einblick sowohl in die Spielregeln als auch in den spieltaktischen Ablauf. Es werden die Potentiale für und die Schnittmengen mit dem Handballsport verdeutlicht und die benötigten Leis- tungsparameter in den Bereichen Technik, Taktik, Kondition und mentale Faktoren thematisiert. Abgeschlossen wird der Artikel mit einem Blick auf die notwendigen Etablierungs- und Implementationsprozesse, die für eine solche neue Spielidee als notwendig erachtet werden, um das Potenzial für die unterschiedlichen gesell- schaftlichen Gruppen auszuschöpfen. 1. INTRODUCTION Nowadays, we take it for granted that new sports are emerging all around us, all over the world. The primary message of this process is that humans constantly work on creating something new, so- mething that they enjoy in both a performing and spectating role. Among the wide range of sports, sports games, or team sports as they are more com- monly known, tend to be high on people's populari- ty lists. Traditional sports such as football, handball, basketball, ice hockey or volleyball are becoming part of people's everyday lives, across national bor- ders. From physical education at school to the com- petitive form of certain sports, or from watching them on television to personally cheering on the matches in stadiums, we encounter, practice, and enjoy sports in numerous different ways, whether it is for our own interests or as a means of social integration. It has been proven time and again that human imagination knows no boundaries. Someti- mes it is enough to change the medium to turn a traditional sport into a new sport. There are many examples of this, but one of the most significant is the change from handball to beach handball. The game of handball was brought "back" from the gym to outdoors, where the ground was changed from parquet to sand, and since then beach handball, and previously beach volleyball, has conquered the world. But why not combine several sports, adap- ting the rules to a new "hybrid" game? This study presents a sporting activity with an educational purpose, which has been designed using a lot of creative ideas. It is a new game, which also contains traditional elements that make it easy to identify the sports it originates from: handball and table tennis. In the development of this game, special use was made of experiences and aspects of the game 30 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) QATCH - A new team sport activity has emerged · Ökrös, Kőnig-Görögh, Binnenbruck of handball. This sporting activity is QATCH, which derives its name from an acronym with the compo- nents faithfully reflecting the mission of the sport: Quality Alternative Training Concept for Handball. 2. THE HISTORY OF TEQSPORTS An introduction to QATCH should start with the development of teqsports. In Hungary, more and more schoolyards and sports clubs have so-called Teq tables, which look like vaulted table tennis tables. The most famous and widespread use of the table is through teqball and para-teqball, in which the ball is played according to soccer type rules. However, four other sports and three other para-sports can also be played on this specially shaped table. All these sports are grouped under the term "Teqsports", and although they can all be played on the Teq table, their specific rules are very different. Another common feature is that in the development of each of these five sporting activities, the traditional ball games they originate from can be clearly identified. The Teq table as well as the related sporting activities are Hungarian sports innovations, which were created by Viktor Huszár, György Gattyán and Gábor Borsányi. The development of the Teq table can be traced back to foot-tennis, which the inventors often played on a table tennis tab- le in their free time. Due to the ball bouncing off the horizontal surface in an unfavo- rable way, the need to create a new, ideal table materialized. Of course, this required serious engineering and design work, as the table top had to have an appropriate inclination angle and curve so that continuous play could be realized. It had to be shaped for many years, until finally the production of the first prototype began in 2012. In recent years, several different types of Teq-table have been created, which have been rewarded with various domestic and international awards. Of all the sporting activities that can be played on it, teqball is the best known, its popularity far exceeding all other sporting activities within the “teq family" (Figure 1). It is well known that athletes are generally less skillful with their feet than with their hands, so you might think that a serious level of training is required to play teqball successfully. Surprisingly, however, experience has shown that anyone who can juggle a ball with both feet for a few seconds can play teqball at a basic level. Naturally, for those who aspire to a higher level, this preparation will be insufficient. The other teqsports have also been making slow and steady progress, but their full development is still to come. Teqvoly (Figure 2) incorporates the movements used in volleyball, while teqpong draws on the technical repertoire of table tennis (Fi- gure 3) and teqis draws on several other racquet sports, notably tennis (Figure 4). Fig. 1: Teqball (Teq sports) Fig. 2: Teqvoly (Teq sports) Fig. 3: Teqis (Teq sports) 31 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) QATCH - A new team sport activity has emerged · Ökrös, Kőnig-Görögh, Binnenbruck Fig. 4: Teqis (Teq sports) What the other two sports have in common is that players use a racket in addition to a ball and a table. Apart from that, they have quite a lot in common with other teqsports rule systems. The fivth member of teqsports is QATCH (Figure 5), which will be the main focus of the chapters below. Fig. 5: QATCH (Teq sports) In each teqsport, different levels of competitions are organised both in Hungary and abroad, from small challenger cups to world championships. The first QATCH world championship was held in Hungary in 2020, where the Hungarian trio of Tamás Zöldy, László Széles and Gábor Pálos (Figu- re 6) won the gold medal in the final (Teqsports, 2020b). 3. GENERAL CHARACTERISTICS OF QATCH QATCH is in many ways a very special member of teqsports. Its name itself is different from the other sporting activities played on the Teq table, as it does not have the term “teq” in its name. It also differs significantly from teqball, as is indisputable due to the difference in the use of the feet and the hands. Although not in its written form, there is a similarity in pronuncia- tion and meaning with the English term "catch", as QATCH also refers to the ways of catching and possessing the ball used in handball. Of course, the basic idea of the game originates from net games, but it is reasonable to draw a parallel bet- ween QATCH and handball, because the technical elements, tactical approaches and rule system of handball provided the basis for the development of QATCH. If these characteristics are not enough proof of the uniqueness of QATCH for everyone, the fact that QATCH alone features three players against three opponents on the playing field at the same time is certainly a decisive factor. Furthermore, the two teams play in a mixed for- mation of attacking and defensive roles on the field, which means that players on both sides are playing in a 2-on-1 situation (Figure 7). No direct physical contact is allowed between the players, i.e. you are not allowed to touch your opponent, let alone fouling them. This rule makes QATCH - supplemented, of course, by other safety rules - much safer than handball. In handball, many injuries are caused by kicks and punches (Vila et al., 2022), which is unimagina- ble in QATCH. Notwithstanding the fact that the players cannot touch each other, the defender’s presence and defensive activity constantly make the attackers think and solve problems. This ma- kes it even more difficult to solve the situations given during the game. This gives the attackers an artificially designed, permanent superiority in numbers, which is advantageous for them, but the rules also give the defenders a good chance to score. In handball, a shot on goal is aimed at a vertical 2x3m surface, whereas in QATCH the aim is to hit a smaller (1,5x1,5 m over 17cm net) and almost horizontal surface. The main aim of the game is for teams to score as many points as possible against their opponents and reach 12 points as quickly as possible. There are different ways to score, since whether you are in an atta- Fig. 6: Hungarian trio of Tamás Zöldy, László Széles and Gábor Pálos (Teq sports) 32 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) QATCH - A new team sport activity has emerged · Ökrös, Kőnig-Görögh, Binnenbruck cking or defensive role, the option is open in both major tactical areas. One game is played until 12 winning points, and a set is won by winning two games. Depending on the competition format, a team’s final victory requires winning one or more sets. The game is supervised by two referees, positioned at the centerline on either side of the Teq table. Their task is to clarify the awarding of points by using conventional hand signals and verbal explanations (QATCH TV, o.J.). 4. BASIC RULES OF QATCH 4.1 Court dimensions We distinguish between playing field, Teq table and lines. The playing field is a 15x14 up untill 20x20 meter area, and the Teq table is located in the middle, with parameters shown in Figure 8. The peculiarity of the Teq table is the curvature of the playing surface, which is 76 cm at the high- est point in the middle without the 14 cm high net and only 56.5 cm at the lowest point on both sides. One of the novel and diverse features of QATCH is that, although there is a Plexiglas "net" separating the attacking/defending table sides, there are attackers and defenders on both sides of the playing field. A special line system sur- rounds the table. The baselines, parallel to the shorter sides of the table, are drawn at a distance of 2.5 metres from and at the same length as the table. The centreline runs under the table, in line with the "net", perpendicular to the longer sides of the table. The sidelines are marked as follows: a line is drawn from a point on the centreline 3.5 metres from the edge of the table to the nearest end of one of the baselines, which is marked on both sides of the table and the sides (Figure 9). Fig. 8: Teq table with parameters (Teq sports) Fig. 9: QATCH court (Teq sports) Fig. 7: 2-on-1 Situation (Teq sports) 33 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) QATCH - A new team sport activity has emerged · Ökrös, Kőnig-Görögh, Binnenbruck 4.2 Play with the ball In QATCH, the rules allow holding the ball for 3 seconds. During possession, the rules also allow the player holding the ball to take up to 3 steps or jump up with it. This is important in gaining momentum for returns and passes. Dribbling a ball once or more times is not allowed. The game starts with an opening throw, which must be taken from behind the baseline by the defender, with the ball thrown to the other side of the Teq table bouncing once before being touched by a teammate of the defender. The opponent's defender must remain behind the baseline until the ball is touched by one of the attackers receiving the opening throw. After the opening throw, the two attackers must make at least one pass before returning the ball. How- ever, attackers are restricted to a maximum of three passes within one possession. So, the tactical approach on offense has to be adjusted accordingly, as the ball must be returned after the third pass. With the exception of the opening throw, the aim of all returns is for the ball to reach the other side of the Teq table in such a way that the opponents cannot catch it after the bounce, i.e. the ball should bounce twice on the table or bounce on the ground or out of the playing field after the first contact with the table. Players can use different types of returns, which are subject to strict rules. One of the most important rules when returning the ball from the ground is that both feet of the thrower must remain outside the lines during the return until the opponent catches the ball or a point is scored (Figure 10). Fig. 10: Both feet of the thrower must remain outside the lines during the return (Teq sports) Fig. 11: Air shot (Teq sports) The same applies to jump shots, as the player has to jump up from behind the lines and land outside the lines, therefore the player is not al- lowed to jump into the area within the lines. The player may only land inside the lines after an air shot or volley shot, where the ball received from the teammate is caught in the air by the thrower jumping from behind the lines and returning be- fore landing (Figure 11). After landing, because of the momentum, care must be taken not to touch or cross the ac- tual or the vertical imaginary center line or touch the table. In these cases, even if the return is successful, the point is awarded to the opponent (Teqsports, o. J.). 5. THE TACTICAL BEHAVIOR IN QATCH As in all “ball-games”, depending on which team is in possession of the ball, we can talk about of- fensive and defensive sides. So each player has both offensive and defensive duties, depending on which team has the ball. The two attackers are allowed to move "freely" on their own side of the playing field, both inside and outside the line system for better positio- ning. They must respect the previously menti- oned 3 steps and 3 seconds and are not allowed to dribble the ball or even bounce it once, but bounce pass is allowed on the floor or table, up to the maximum of 3 times, of course. In QATCH, two clearly distinct defensive tasks may be identified, with the position of the play- ers on the playing field determining which one they have to perform. On the side of the playing field where the defender is alone, his/her role is to distract the opponents. The blocking defender, similarly, to handball, is a serious hindrance al- ready during preparation for an offensive action, as one of his/her important tasks is to prevent the attacking players from passing and thus to hinder the attackers in developing the best possible positioning and in building an attack. In addition to his/her defending activity, another important task is to block the opponent's shot to prevent a successful return on the other side of the Teq table (Figure 12). The other type of defensive task is perfor- med by his/her teammates (the attackers) on the other side, after the opponent has retur- ned the ball and the ball has bounced on the table. However, it is advisable to anticipate the opponent's intentions from the opponent's passes and positioning taken before shooting, as this will significantly increase the chances of the receiving players successfully catching the ball after it has bounced on the table. The defender is free to move within his/her side of the playing field when the attackers are in pos- session of the ball. He/she may start defending 34 CC BY 4.0 DE Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium: Zufriedenheit und gewünschte Zusatzangebote André Poweleit, Jeannine Ohlert ORIGINALIA › PEER REVIEW Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) QATCH - A new team sport activity has emerged · Ökrös, Kőnig-Görögh, Binnenbruck after one of the attackers has touched the ball. An important rule is that the defender must not prevent the attackers from catching the return. As mentioned above, this defensive activity is limited to blocking the passes and the shots. The defender may use his/her hands and feet in both activities, so the technical elements of QATCH include the same movements as those of a hand- ball goalkeeper. The rule is that if the defender catches the ball or touches the ball in such a way that it bounces on the ground at least twice or lands outside the playing area, the defenders’ team receives the point. 6. THE POTENTIAL OF USE OF QATCH IN HANDBALL PLAYERS` TRAINING In QATCH, a number of movement sequences are recognizable that are also significant in the sports game of handball, both in attack and defense (Qatch TV, 2021). In QATCH, off-the- ball movements become more important in at- tack, as the time to hold the ball is limited and the freedom of movement with the ball is also severely restricted by the lack of dribbles. The ability to cooperate is of paramount importance, as is most evident in the positioning and thus the timing of the attack. In addition to dealing with the opponent, the ability to anticipate also inevitably helps players in "understanding" their teammates. A comparison of attacking in handball and the game situations in QATCH easily reveals the similarities. The attacking and defending actions in QATCH are an excellent model for numerous technical and tactical elements of handball, especially in individual attacking (catching, passing, hitting-, jumping- and airshots), defending actions (blocking, intercepting passes) and in the cooperation between two players in a standard 2-on-1 situation. This is particularly salient in 6-0 defense phase of the game, also called “organised defense”. Based on research, these situations ta- ken from the game of handball represent similar external and internal stresses for QATCH players (Ökrös, 2020). These small tactical units are also widely used in tra- ditional handball training, such as the teaching method called "small sided games" (Harrington, 2017), where a 2 vs 1 game situation is practised in a confined area on a designated section of the goal line. But from another perspective, the same ap- plies to the work done by defenders. In QATCH, by deliberately eliminating physical contact from the game, the emphasis has been on footwork and the activity of the arms. This is to emphasise the improvement of “clean” defensive work, i.e. work that is primarily aimed at intercepting the ball. This offers several valuable contents, on the one hand, for those who play competitive handball alongside QATCH, as their defensive core attitude also improves. On the other hand, QATCH can also be played in a co-educational format or in mixed teams, as differences in stature or physical ability do not pose the risk of injury to the girls. In competitive contexts, however, mixed teams of men and women are not advisable, as boys are superior to girls in every way for the same age and handball experience. The automated recognition and application of the rules of the game during play is of paramount importance. Understanding and the smooth implementation of the rules greatly support the execution of technical elements and the speed and quality of tactical decisions. The most definitive evidence of this is when players without handball background who have been playing QATCH for a year, perform fewer mis- takes and easily beat handball players who are playing this game for the first time, but have considerably more experience in handball. Fig. 12: Block the opponent's shot (Teq sports) 35 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) QATCH - A new team sport activity has emerged · Ökrös, Kőnig-Görögh, Binnenbruck 7. RECOMMENDATIONS FOR TEACHING QATCH This section sums up the experiences that may be taken into account to make QATCH education more effective. For this purpose, the performance parameters are grou- ped into technical, tactical, physical and mental aspects. 7.1 Key elements of technical training The direct shot or return from different positions (left, right or center) is the outstan- ding element in QATCH, as it leads to direct winning points. The power, biomecha- nical properties, and angle of impact of the returned balls (shots) by attackers have the most important role in scoring. As the size of the playing field is rather limited, balls that bounce off the table in a way that they leave the playing field result in a point for the attackers. Thus, both the angle of incidence and the bounce angle should be high, and the power of the shot should be close to the maximum. A higher angle of incidence can only be achieved by a jump shot, the most favourable being an air shot, as in this case the rules also allow you to approach the table on the way down. For this reason, the air shot is of great significance, because although it does not result in two points, unlike in beach handball (International Handball Federation, 2021), it allows the player to jump closer to the table, which results in a better ver- tical shooting angle. You can aim better and hit the ball harder from closer, and the time in the air also gives you more variation – more room to maneuver – in shooting. You can jump up from anywhere outside the line system and land outside the lines, but only on your own side, and you must not even touch the table or the centerline. If one of the attackers sets up an air shot by his/her partner, and the team still has a chance to pass the ball, the partner who jumps up in the air can still decide to land inside the line and pass the ball back to his/her partner, or even set up an air shot. Before the 2-1 attacking situation, the attackers in their catcher- or defensive role need good catching techniques of hard, high and long shots, but also of short balls, some of which have spin on them. The curvature of the table is one of the special features here and often makes it unusually difficult to correctly assess the course of the ball, which differs from that of a purely horizontal table. In the further course of the game, good passing techniques including their respective feints are needed, as well as techniques to get open without the ball in a 2-1, as described above. The defender needs blocking techniques for direct shot defense, which can go as far as goalkeeping techniques, since they are allowed to defend the ball with all extremities. They can also use all parts of their body to play out the ball when dis- rupting the passing game, but they must observe the absolutely disembodied game as well as the only permitted defending in their half of the game. 7.2 Key elements of tactical training The rules of the game are designed to require all players to play all positions. After four opening throws from each team, for a total of eight game sequences, the roles of the three players rotate. This prevents players from arbitrarily choosing between offensive and defensive roles, as all the players must share the tasks equally and show proficiency in both offensive and defensive activities. The higher the level of QATCH and the more competitive it is, the more the boundaries between the diffe- rent roles become blurred, but it still remains perceptible who is more successful in setting up attacks and who is more successful in finishing or defending. In taking shots, the laterality of the players (in other words, which hand the player uses for shooting) plays a significant role. That is exactly why, similarly to traditional handball, it is advantageous to involve left-handed players, but in this case their roles are exactly the reverse: a left-handed player is better off attacking on the left-side, and the right-hander on the right-side. The exception to this is the air shot, where it is easier to receive the ball if it comes from the side of the shooting arm. The essence of the attacking tactic is to create a clear "shooting" situation for one player, free from the defender, to allow the attacker to decide on the technique and the force used to throw the ball, and on the part of the table they wish to aim at. Since after catching the return at least one pass is always mandatory, efforts should be made at creating a favourable situation after the first or at the latest after the second pass, for an attempt at scoring with a realistic chance. The defender is often in the way of the pass, which can be circumven- ted by a soft, high arching pass, which, although slow, can also be used to prepare for a finish from an air shoot. The attacking tactics is predominantly perfor- med by maintaining position, i.e. players usually do not leave their starting positions (side). This is mainly due to the fact that the defender usually concentrates on retrieving the ball passed bet- ween two attackers. If the defender is closer to one of the attackers as in marking, and follows him everywhere, the attackers have to use wider, more distance-covering movements, which can be solved by leaving the position, possible cross moves and exchanges of positions. The defender’s work should be divided into two different tasks, as they differ in requirements if the player is a defender or if two players are receiving the return on the other side of the play- ing field. The defender is supposed to cut off the passing angles, preferably forcing the attackers to make a curved or bounced pass and blocking the return to the other side of the table. It is an unconcealed tactical intention for the defender to get a point to his/her team at this stage of the game by stopping the opponent's attack. On the other side, his/her teammates only have a de- fensive role during the return. During positioning and passing, and when taking into account the actions of their defender teammate, the atta- ckers should calculate the expected path, angle, curvature and power of the return before and af- ter the bounce. The attackers can anticipate the- se factors from the opponent's movement, body position, holding the ball, shooting motion, etc., but it can also make a difference if the attackers are familiar with the habits and deceptions of the shooting player. During defense, the quality of cooperation is most perceptible in the way the players divide the possible shooting lanes and di- stances between them: one player moves closer to the table for the soft, short spin shots (Figure 13), while the other player moves away from the table for the harder, stronger shots that bounce further (Figure 14). For the time being, the rules are clear on how the roles are formed, but as the game pro- gresses, practice will quickly provide an answer to who is strong in which activity within a team. This is the basis of the tactics at the moment, because if it is known who the better finisher is in the current attacking pair, the defending activity in the defensive tactics can be planned accordingly. Another tactical option is to force the attacker to do what is not his/her strength, i.e. when he/she is more likely to make a mistake, in different types of returns. For example, if he/ she is more successful at softer, spin shots, both defenders will position themselves closer to the table, offering a hard shot. 36 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) QATCH - A new team sport activity has emerged · Ökrös, Kőnig-Görögh, Binnenbruck 7.3 Developing physical skills In general, anthropometric data, and in parti- cular height and limb length, play an important role in the success of any ball game (Schwesig et al., 2017). Naturally, this alone is no guarantee of success, but if combined with dynamic muscular power in the legs and shoulders, the chances of a successful shot in QATCH are increased. The basic principle that instead of the muscles involved in the execution, it is the movement that needs to be improved is also true for the development of power in QATCH players (Uljevic et al., 2011). Just as in handball, without building up the muscular bundle surrounding the spinal column, i.e. wit- hout the adequate strength of the trunk muscles, neither jumping power nor shooting power can be developed effectively (Kibler et al., 2006). Flexibility and shooting power are areas of conditioning training that should be emphasised in this respect, but it should be remembered that they are worthless wi- thout sufficient attention to the improvement of the associated coordination skills. Among the coordination skills, kinaesthesia, spatial orientation and dynamic balancing are very important, because the player has to control his/her movements in both offensive and defensive situations through continuous, multi-perspective relationships (Labib, 2014). Fast to get open movements without the ball, passing and throwing feints, dynamic shots with variable targets, throwing angles, speeds and rotation require good coordination skills. The timing and accuracy of the passes focus on the activation of the fine motor units, while the optimum generation of power transmission during returns ensures the accurate execution of the kinematic chain of throws by activating the motor units in sequence (Van den Tillaar, 2016). Fig. 13: Cooperation in the defence (Teq sports) Fig. 14: Catching harder, stronger shots that bounce further (Teq sports) 37 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) QATCH - A new team sport activity has emerged · Ökrös, Kőnig-Görögh, Binnenbruck 7.4 The basics of mental preparation Preparing QATCH players requires the same careful and comprehensive work as in any other sport. So far, the focus has been placed on the various elements in training athletes, and no mention has been made of the significance of mental and psycho- logical skills. One can start from the basic premise that the stability of a competitor is like a three-legged stool: one leg is the "professional" pillar (technique, tactics), the second is the "conditioning" pillar and the third one is the "psychological" pil- lar. Either two can be stable, but without the third one, any "chair" will tip over and become useless (Teodor & Claudiu, 2013). Since the attainment of knowledge suitable for achieving high performance is regardless of the sport, it is safe to say that in QATCH, too, the extent to which players' decisions made in crunch time si- tuations are close to the optimum is a significant performance determinant. This is why it is important to create a training environment that is close to the atmosphere of a competition for athletes. The essence of practice including competition for a stake is that the result of a completed task has a consequence. We can create such situations by making the exercises and games competitive, where we can reward and/or punish in a winner-loser relationship. Of course, basic personality traits and whether someone is "success-oriented" or fears failure play a crucial role in how much their competitive ability can be developed and what level of achievement they are predisposed to. 8. EPILOGUE This article shows that QATCH has a past and a present, but there are many questi- ons about its future. QATCH can develop into a great, innovative ball game that can be excellently integrated into the training methods of handball (as a basic sport). It may also have the potential to become high-quality and competitive as a stand alone sport. Whatever its "fate" as a trend sport is, it has already contributed to universal sporting culture, but hopefully this is just the beginning. Establishing and implementing a trending game requires activity at many levels. connections, QATCH has already been introduced at the German Sport University Cologne and the University of Münster, and two Qatch Challenger Cups were held 2020 and 2021 in Germany for the first time. (Teqsports, 2020). In order to give QATCH more and more im- portance also in the education of sports teachers and in the further course in physical education at schools, solutions were developed with which QATCH can also be played and taught in schools in simplified game situations without defenders. For this purpose, alternatives for the game idea of QATCH were also developed, for which Teq tables are not necessarily needed (Binnenbruck, 2022; Figure 15 and 16). Internal teacher training sessions with sports subject conferences were held at schools (Elsa- Brändström-Realschule, 2022). By publicizing the game idea of QATCH, the many table tennis tables in the fresh air in schoo- lyards and playgrounds can be revitalized. It is necessary in the future also to train handball coaches with QATCH contents specially. to clarify the ambition to make QATCH an inde- pendent sport. First attempts on the highest Eu- ropean coach level (EHF Mastercoach education) (Teqsports, 2021) have been as successful as with coaches at the lower performance level (Hand- ballverband Westfalen). The beach (sand) version of QATCH (Figure 17) is also becoming more popular, so Beach- QATCH is a new option for beach sport enthusi- asts. We hope that beach QATCH will become po- pular in countries where the climate is suitable for outdoor play most of the year. Fig. 15: Game alternative with gymnastics benches (Axel Binnenbruck) The first research results on QATCH were presented at the EHF scientific confe- rence in Cologne, Germany in 2019 (Ökrös, 2020). Studies are underway to monitor the technical and tactical aspects of match performance, and opportunities to teach Qatch are continuously being developed. An important step in this process has been the creation of a so-called "Training Book", which contains specific QATCH exercises and is structured according to age and skill level. In addition to the thematic explana- tion and the corresponding illustrations, videos of the exercises were also produced (Teqsports, o.J.). The dissemination and expansion of this sporting activity must take place on multiple fronts, and for several years it has been included as a separate subject in the curricula of the bachelor's and master's degree programs launched by the Hungarian University of Sport Sciences, for the time being in a more recreational approach. Above that, students at the university write their thesis on a QATCH topic. Most of them choose match analysis, and it often happens that their results are pre- sented at different scientific student conferences. Through international university 38 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) QATCH - A new team sport activity has emerged · Ökrös, Kőnig-Görögh, Binnenbruck Fig. 16: Game alternative with a ping pong table and headis net (Axel Binnenbruck) Axel Binnenbruck is a qualified sports teacher and A-license handball coach. Since 2006, he has been working as a lecturer for special tasks at the Institute of Sports Science at the University of Münster, where he is the module repre- sentative for the area of sports games. Dr. Dóra Kőnig-Görögh Physical education and healthy life teacher, handball coach, researcher, thesis supervi- sor. Assistant lecturer at the Károli Gáspár University of the Reformed Church in Hungary (Faculty of Pedagogy) since 2019. Head coach responsible for under 14 age handball teams at KSA since 2018. Main research area: movement habits of young Hungarians. Dr. Csaba Ökrös Physical education teacher, handball coach, EHF Master Coach, researcher, PhD supervisor, full-time lecturer at the Univer- sity of Physical Education (and its subse- quent legal successors) since 1996, head of the University's Department of Sports and Games and member of its Senate since 2015, director of the Sports Institute between 2021-2022 , from 2022 General Deputy Rector. Fig. 17: Beach Qatch (Teq sports) 39 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) QATCH - A new team sport activity has emerged · Ökrös, Kőnig-Görögh, Binnenbruck Literatur Binnenbruck, A. (2022). Qatch: Ein neues Wurfspiel an einem speziellen Tisch. SportPraxis, 63(5), 50–53. EHF (Hrsg.). (2020). Handball for Life: 5th EHF Scientific Conference 2019. Elsa-Brändström-Realschule. (2022, Jun 21). 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  • ZSLS-02-2020-Werkstattbericht-S23-30.pdf
    Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) 23 Interkulturelles Sportmentoring · Sinning, Engel, Lütgerodt Erfahrungsbasiertes Lernen im lehramtsbezogenen Sportstudium: Interkulturelles Sportmentoring als Projektseminar Prof. Dr. Silke Sinning, Niklas Lütgerodt & Dr. Inka Engel ZUSAMMENFASSUNG In Zeiten der immer heterogener werdenden Schulklassen stellen die Förderung der interkulturellen Kompetenz sowie die konstruktive Auseinandersetzung mit den in- tegrativen Prozessen im Sportunterricht zwei zentrale und zeitgemäße Aufgaben in der Sportlehramtsausbildung dar. Welche Seminarformen und -inhalte können genau jene Aufgaben in einem adäquaten Theorie-Praxis Bezug abdecken? Im Projektsemi- nar der Universität Landau bilden erfahrene Sportstudentinnen und -studenten ein 1:1-Tandem mit einem geflüchteten sportlich interessierten Menschen und beglei- ten diesen im Hinblick auf die weitere sportive und persönliche Entwicklung. Ziel ist es, einerseits den geflüchteten jungen Menschen durch Sport eine Interaktion, auch nonverbal, zu ermöglichen, durch welche sich soziale Beziehungen und Netzwerke entwickeln, die als brückenbildendes Sozial- und Humankapital und damit als Un- terstützung zur Integration verstanden werden. Die Studierenden werden durch das interkulturelle Mentoring andererseits angeregt ihr eigenes (u.a. interkulturelles) Handeln und Wissen zu reflektieren, sich für andere Kulturen und Verhaltensweisen zu sensibilisieren, um dadurch ihre interkulturelle und pädagogische Professionali- sierung im lösungsorientierten Arbeiten zu erweitern. 1. EINFÜHRUNG & PROBLEMSTELLUNG Die Zuwanderung von Geflüchteten in den letzten vier Jahren stellt eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen dar. Für Sportlehrkräfte bedeutet diese Zu- wanderung das Unterrichten von Kindern und Jugendlichen, die ihre Heimat verloren haben, zum Teil ohne Verwandtschaft geflüchtet sind, zu Beginn nur wenig Deutsch- kenntnisse vorweisen und deren Ankommen „durch soziale und infrastrukturelle Hürden“ in Deutschland erschwert wird (Nelson, 2016, S. 337). Aufgabenbereiche, auf die viele Lehrer und Lehrerinnen nicht ausreichend vorbereitet sind. Diese Heraus- forderungen spiegeln sich in neuen Aufgabenfeldern der Schulen wider, welche auch in der aktuellen Lehramtsausbildung aufgegriffen werden müssen. Die Förderung der interkulturellen Kompetenz (Gieß-Stüber & Grimminger, 2007) bei den angehenden Sportlehrkräften stellt einen elementaren Ausbildungsbereich dar. Freilich führt der Sport per se nicht zur Integration noch zu interkulturellen Kompetenzen. Im Kontext der Förderung interkultureller Kompetenz braucht es reflexive und erfahrungsbasierte Lehr-Lernmethoden, welche sich an dem kultu- rellen Austausch und Kontakt mit Geflüchteten, authentischen Fremdheitsbegegnungen und -er- fahrungen sowie Einblicke in die Integrationsme- chanismen orientieren. Der vorliegende Beitrag erläutert ein seit 2018 bestehendes Projektsemi- nar (Master), in dem angehende Sportlehrerinnen und -lehrer mit einem geflüchteten Menschen eine sportbezogene Mentoringbeziehung eingehen. 2. THEORETISCHER HINTER- GRUND 2.1 Zum Verständnis des Interkul- turellen Mentoringkonzepts Mentoring ist eine Lehr-Lern- sowie Beratungs- beziehung zwischen einem oder einer Mentee („Lehrling“) und einer Mentorin beziehungsweise einem Mentor („Lehrer*in“). Es ist eine gestaltete Entwicklungspartnerschaft, die von einem Mentee und einem Mentor oder Mentorin (oder über Drit- te) gesteuert wird. Die Mentor*innen dienen dabei als Vorbild durch Erfahrung, als Ratgeber, Kritiker und Förderer. Sie unterstützen die Mentee bei Zie- len, deren Umsetzung und geben Orientierungs- hilfen bei verschiedenen Fragestellungen. Durch Offenheit, Wertschätzung und Vertrauen entsteht ein gegenseitiger selbstreflexionsanregender Prozess des Austausches sowie der Unterstützung, der bestenfalls zu einer Win-Win-Situation des gegenseitigen Wissens-, und Kompetenzerwerbs beider Parteien führt. Das interkulturelle Men- toring definiert sich über die Verschiedenheit der beteiligten Akteure: Die Zusammensetzung Schlüsselwörter: Sportlehrer*innenbildung, Mentoring, Integration, Interkulturalität, Geflüchtete WERKSTATTBERICHT > PRACTICE REPORT Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) 24 CC BY 3.0 DE Interkulturelles Sportmentoring · Sinning, Engel, Lütgerodt der Mentoring-Tandems erfolgt dabei durch die Zuschreibung verschiedener kultureller und ethni- scher Identitäten (vgl. Voigt, 2017, S. 163). Das Konzept des interkulturellen Mento- rings dient vorliegend als methodischer Ansatz zur Förderung der interkulturellen Kompetenz angehender Sportlehrkräfte (Gieß-Stüber & Grimminger, 2007) und Integration von Geflüch- teten. Integration wird als ein „gleichberechtigter gegenseitiger Lern- und Veränderungsprozess“ (Krummacher, 2000, S. 327) verstanden. Die Ge- flüchteten orientieren sich an der bestehenden Gesellschaft, aber auch die Gesellschaft, nach republikanischem Leitbild, an den Geflüchteten (Meier-Braun, 2015, S. 33). Ziel der geförderten Integration ist die Ermöglichung der aktiven, selbstständigen Teilhabe der Geflüchteten an „den zentralen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.“ (Sachverständigenrat deutscher Stiftun- gen für Integration und Migration, 2010, S. 21). Angelehnt an das Integrationskonzept von Hart- mut Esser konzentriert sich das hier vorgestellte interkulturelle Mentoringkonzept auf eine soziale Integration. Hartmut Esser erklärt, dass Integra- tion in vier Dimensionen verläuft. Die kulturelle Integration, die so genannte Kulturation, bildet beispielsweise mit dem Erwerb von Wissen, Spra- che und Fertigkeiten die erste Dimension. Darauf folgt die Platzierung (strukturelle Integration) mit der Übernahme von Position oder auch der Ver- leihung von Rechten. Die nächste Dimension, die Interaktion beziehungsweise soziale Integration, zeigt sich in der Aufnahme sozialer Beziehungen im Alltag. Die vierte und letzte Stufe, die Identi- fikation, meint eine identifikatorische und emoti- onale Integration, die sich über eine emotionale Zuwendung zu dem betreffenden sozialen System definiert (vgl. Esser, 2003, S. 5-22). Mentoring- programme stellen nach der OECD (2016) eine adäquate Umsetzungsmöglichkeit seitens der Zivilgesellschaft dar, um die Integration Geflüch- teter zu begünstigen. Sie leisten einen Beitrag zur sozialen und kulturellen Integration von Kindern und Jugendlichen mit Fluchtgeschichte, unter- stützen aktiv die Integration und Teilhabe in der Gesellschaft und verhelfen zu einem Perspektiven- und Erfahrungsaustausch, wie auch der weite- ren Persönlichkeitsentwicklung (vgl. Deutscher Bundestag, 2014, S. 102). Neben der Integration dient das vorgestellte Mentoringkonzept der Förderung der interkulturellen Kompetenz, vor allem auf der Seite der angehenden Sportlehr- kräfte. Dabei geht es vor allem um die Verbesserung und Reflexion der interkulturellen Kommunikations- und Handlungskompetenz. Diese wird verstanden als Fähigkeit kul- turelle Bedingungen und Unterschiede zu erkennen, zu respektieren, wertzuschätzen und produktiv zur Aufgabenerfüllung zu nutzen (vgl. Mayer, 2014, S. 10). In diesem Beispiel bedient sich das interkulturelle Mentoring dem Medium Sport (vgl. Abb. 1). Dabei bieten die geforderten Aufgabenbereiche der Mentor*innen Übertragungsmög- lichkeiten auf das Handeln im Sportunterricht (z.B. lösungsorientiertes Feedback, Planung und Organisation, Bewegungsprobleme sprachsensibel aufarbeiten, etc.). 2.2 Die Bedeutung des Sports im Kontext des interkulturel- len Mentorings „Es ist das Körperliche, das bei jeder Sportbegegnung, eben auch bei der interkul- turellen, im Zentrum des Geschehens steht“ (Bröskamp, 1992). Sport und Bewegung bietet somit einen guten Ausgangspunkt, um im Verlauf des Lernprozesses die eigenen und fremden kulturellen Wahrnehmungs-, Interpretations- und Handlungsmuster zu erkennen, zu verstehen und zu reflektieren (vgl. Grosch & Leenen, 1998). Daher kön- nen Förderungs-, Bildungs- und Integrationspotenziale besonders im und durch den Sport wirksam gemacht werden. Gebken (2019, o. S.) bezeichnet den Sport unter den skizzierten Aspekten als „ideale Plattform für den Aufbau inter-ethnischer Beziehun- gen“. Gleichwohl ist dabei zu beachten, dass der Sport nicht automatisch die integra- tiven Prozesse in Gang setzt und folglich eine „Ambivalenz des Integrationspotenzials des Sports“ zu konstatieren ist (Gerber & Pühse, 20162, S. 80). Beispielsweise bedarf es einer kulturellen Öffnung seitens der Mehrheitsgesellschaft, die im Sport verankert ist. Axmann (2010, S. 44 - 45) formulierte Maßnahmen, welche die Integration von Geflüchteten in den Sport begünstigen und durchaus in das Muster des Mentoring- prozesses passen. Sie spricht hierbei von kulturellen Brückenbauern, die den Neu- zuwanderern eine sportliche Orientierung bieten und eine unterstützende Funktion innehaben („personal support“) sowie die Einbeziehung und Berücksichtigung der privaten Gegebenheiten der Geflüchteten. Im interkulturellen Sportmentoring entsteht eine entsprechende Begegnung innerhalb eines sportlichen Kontextes, der die Potenziale des Mentorings und des Mediums Sport kombiniert. Sport ist dabei die zentrale Maßnahme, um umfassende Integrationsmöglichkeiten schaffen zu können und ermöglicht eine enge Bindung und Vertrautheit zwischen den Beteiligten, die wiederum die Basis des interkulturellen Mentorings darstellt. Außerdem ist Sport eine körperbezogene Kommunikationsform, bei der die Bewegung als Vermittlungsorgan fungiert und folglich nur ein Mindestmaß an gemeinsamer verbaler Sprache benötigt wird. Sprachbarrieren sind im Sport daher weniger entscheidend. Sport ermöglicht auch mit geringen Sprachkenntnissen einen gegenseitigen Austausch in Gruppen und er kann als Förderung von Sprachkenntnissen dienen. Ein sprachbewusstes Mentoring im und durch Sport kann entsprechend nicht nur einen sportspezifischen Fachwortschatz fördern, sondern durch Sprachvorbilder auch eine vereinfachte alltägliche Sprache ermöglichen (Arzberger & Erhorn, 2013). So dient der Sport nicht nur als Grundlage eines nonverbalen Einstiegs in eine Gemein- schaft, sondern schafft Sprachanlässe und unterstützt das Lernen von Sprache. Um die Integrationspotenziale des Sports dabei auszuschöpfen, bedarf es der Wahrnehmung, Wertschätzung und gegebenenfalls offenen Problematisierung von Ungleichheiten in kulturellen sowie sozial heterogenen Gruppen, wie auch der Fremdheit im Sport (Burr- mann, 2014, S. 25). Das interkulturelle Mentoring will in Form einer interkulturellen Sensibilisierung dazu beitragen, die Identitätsfindung und das soziale Miteinander zu fördern. Zielgerichtet angepasste (Spiel-)Regeln, die Achtung von Rollen und die strukturierte Auseinandersetzung mit Konflikten gehören dabei genauso zur gemein- samen Aushandlung, wie Kooperationen, Verständigungen, gegenseitige Unterstüt- zung, Toleranz, Mitmenschlichkeit, Partizipation und Fairness. Der DOSB als Dachver- band des Sports in Deutschland sieht diesen dabei als Entstehungspunkt der Stärkung sozialer Beziehungen. Mit der Botschaft „ihn hinsichtlich seiner kulturellen, gesell- schaftlichen sowie politischen Bedeutung weiter zu entwickeln“ (Kuhlmann & Siegel, 2014, S. 7) dient das Vereinsleben als Form des gesellschaftlichen Zusammenhalts, Abb. 1: Die Potenziale des Mentorings und Sports in einem interkulturellen Rahmen verzahnen Interkulturalität Mentoring Sport Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) 25 Interkulturelles Sportmentoring · Sinning, Engel, Lütgerodt des Zugehörigkeitsgefühls, der Orientierungshilfe und Anerkennungsmöglichkeit immer mehr einer wechselseitigen Integration von Geflüchteten und der Gesellschaft. 3. KERNIDEE, LERNZIELE UND LEHRKONZEPT IM PROJEKT- SEMINAR DES INTERKULTU- RELLEN SPORTMENTORINGS 3.1 Grundintention und Kernidee Das Projektseminar „Interkulturelles Sportmento- ring“ (vier SWS) des Masterstudiums des sportbe- zogenen Lehramts für die Sekundarstufe I und II basiert einerseits auf dem wöchentlichen Seminar, welches sich mit den theoretischen Zugängen aus- einandersetzt, andererseits auf dem praktischen und eigenverantwortlichen Handeln im Mento- ringprozess selbst (vgl. Abb. 2). Die Studierenden übernehmen die Rolle eines Mentors beziehungs- weise einer Mentorin, begleiten einen (jungen) Menschen mit Fluchthintergrund (Mentee) in regelmäßigen Treffen über ein Semester lang und versuchen gemeinsam, ein sportliches Ziel zu erreichen (z.B. Sportverein finden, Schwimmen lernen, vollwertige Ernährung, Erreichen eines höheren Fitnesslevels, Teilnahme an einem Lauf- wettbewerb, etc.). Diese Grundidee des Seminars soll den Studierenden die Möglichkeit bieten, themenbezogene Lernprozesse zu organisieren, selbstständig durchzuführen, zu reflektieren und zentrale Erkenntnisse in einem Portfolio zu dokumentieren. Das bedeutete für die von uns ausgewählte Grundthematik eines interkultu- rellen Sportmentorings, dass eine im und durch den Sport generierte interkulturelle Begegnung angestoßen wurde, um dadurch die Identifikation mit der eigenen Kultur und fremden Kulturen in den Mittelpunkt zu rücken und einen Austausch über kulturelle und ethnische Differenzen und Gemeinsamkeiten zu fördern (Mezias & Scandura, 2004, S. 531). Demgegenüber soll das Projekt einen Mehrwert für die Mentees erzielen, welche sich individuell und zielabhängig ausdifferenzieren können. Im Idealfall können mit und nach dem Mentoringprozess integrative Prozesse (nach Esser, 2000) aus Sicht der Mentees initiiert werden. Der Prozess regt mit Hilfe des Sports dazu an, Sprachbarrieren aufzubrechen bzw. über andere Wege leichter in Kommunikation zu treten und diese zu intensivieren. Auch die Förderung der Platzierung ist möglich. Zum einen werden die Geflüchteten an den Vereinssport herangeführt und über die Möglichkeit der Übernahme von Positionen in diesem aufgeklärt, zum anderen ist auch die konkrete Hilfe der Mentor*innen bei bevorstehenden beruflichen Veränderungen, dem Schreiben von Bewerbungen oder der Vorbereitung auf schulische Leistungen sowie Vorstellungsgespräche möglich. Der Mentoringprozess bezieht sich vor allem auf die Aufnahme sozialer Beziehungen im Alltag, den Aufbau von Netzwerken, Freundschaften und Hilfesystemen. Die dritte Dimension von Hartmut Esser, die Interaktion, wird daher mit der Anregung zum stän- digen Austausch und einer symbolischen Interaktion vorrangig fokussiert. 3.2 Anvisierte Lernziele und Kompetenzen Ein einschlägiges Ziel liegt in der Ausformung einer interkulturellen Kompetenz der Studierenden, d.h. insgesamt einer sportpädagogischen und interkulturelle Professio- nalisierung der Lehramtsstudierenden. Daher wurden die im Seminar diskutierten aber auch im Portfolio dokumentierten Lernfortschritte des interkulturellen Mentorings stets auf die sportunterrichtliche Praxis (z.B. Wie lassen sich die organisatorischen Ansätze und Zieldefinierungen des Mentorings auf den Sportunterricht übertragen?) sowie auf den Umgang mit den Schüler*innen und auf die Rolle der Sportlehrkraft be- zogen (Was kann die Sportlehrkraft vom Mentoren lernen?). Dementsprechend werden die Kompetenzen (soziale, interkulturelle, fachliche, methodische, beratende, beur- teilende) im Bereich der Planung, Umsetzung und Nachbereitung Lernarrangements sowie der Evaluation sportdidaktischer Projektarbeit zu schulpraxisorientierten The- men transparent gemacht. Um eine adäquate wissenschaftliche Auseinandersetzung anzustoßen und damit das wissenschaftliche Denken und Arbeiten bei den Studierenden zu initiieren und substanziell zu begleiten, wurden auf der Grundlage wissenschaftlicher Texte sowie dem Konzept des erfahrungsbasierten Lernens, wichtige Aspekte zu den einzelnen Themen Mentoring, Interkulturalität und Integration bearbeitet, auf die individuelle Lernsituation mit der zu betreuenden Person und den zu begleitenden bewegungsbe- zogenen Lernprozesses übertragen und anschließend im Sinne einer Einzelfallanalyse kriteriengeleitet ausgewertet und in einem Portfolio dokumentiert. Die Dokumen- tation diente zusätzlich als Grundlage für die abschließende mündliche Prüfung, in der neben der Überprüfung des Transfers wissenschaftlicher Erkenntnisse auf den ver- antworteten Lernprozess und der Umgang im lösungsorientiertem Arbeiten auch der Prozess der eigenen pädagogischen Professionalität kategoriengeleitet in den Blick genommen wurde. 3.3 Erfahrungsbasiertes Lernen im und durch das interkultu- relle Sportmentoring Nach welchen Lehr-Lern-Konzepten werden die formulierten Ziele und Kompetenzbe- reiche im Projektseminar ausgerichtet und umgesetzt? Um die formulierten Ziel- und Abb.2: Verzahnung und Rückkopplungen der the- oretischen Erkenntnisse und der Mentoringpraxis Theorie (Seminarsitzung) Eigenverantwortliche Praxis (Interkult. Sportmentoring) Abb.3: Verzahnung und Rück- kopplungen der theoretischen Erkenntnisse und der Mento- ringpraxis Erfahrungsbasiertes Lehren & Lernen Lösungsorientiertes Arbeiten (LOA) Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) 26 CC BY 3.0 DE Interkulturelles Sportmentoring · Sinning, Engel, Lütgerodt Kompetenzbereiche im Kontext des interkulturel- len Mentorings zielgerichtet anzusteuern, wurde das „Erfahrungsbasierte Lernen“ in Anlehnung an John Dewey (Berkels, 2014; Schell-Kiehl, 2007) sowie das lösungsorientierte Arbeiten (LOA) als Lehr-Lern-Konzepte eingesetzt (vgl. Abb. 3). Dabei stehen die Erkenntnisse von Behrnd (2010) im Mittelpunkt, dass besonders die erfahrungsbasierten Lehr-Lernarrangements u.a. die interkulturellen Kompetenzen fördern. Der erfahrungsbasierte Lehr-Lernansatz entwi- ckelt sich innerhalb des Projektseminars, aus- gehend von der Konfrontation mit der zentralen Aufgabe, als Mentor*in für einen geflüchteten Menschen zuständig zu sein. Diese verantwor- tungsvolle und selbstorganisatorische Aufgabe kann bei den Studierenden aufgrund des unge- wöhnlichen Seminarcharakters zu Irritationen, Zweifel, Verwirrung und Befremdung führen, was einen idealen Lernausgang und Denkanstoß für die weitere Erkenntnisgewinnung darstellt (vgl. Dewey, 1951). Anlehnend an das erfahrungsba- sierte Lehren und Lernen folgt das Projektsemi- nar (Theorie & Praxis) der pädagogischen Leit- linie des Lösungsorientierten Arbeitens (LOA) nach Baeschlin (2008). Das Konzept zeigt auf, dass weniger die Problemergründung, sondern vielmehr die adäquate Lösungssuche im Vorder- grund stehen sollte. Diese pädagogische Haltung passt in das Aufgabenprofil der Mentor*innen, welche den Mentee keine vorgefertigten Lösun- gen aufdrücken, sondern wertschätzend, res- sourcenorientiert und kooperativ Möglichkeiten der Problemlösung erarbeiten. Dies setzt ande- rerseits ein konstruktives Reflexionsvermögen beider Parteien voraus, wobei besonders die Mentor*innen die Reflexionsphasen initiieren. 4. INHALTE UND STRUKTUR DES PROJEKTSEMINARS In einem ersten theoretischen Zugang wurde die Struktur eines Mentoringprogramms detailliert erläutert und geklärt, mit welchen wesentlichen Aufgaben die Studieren- den als Mentor*innen in einem sport- bzw. bewegungsbezogenen Mentoring konfron- tiert werden (Voigt, 2017). Dabei wurde besonders auf die Lehr-/Lern- sowie Bera- tungsbeziehung zwischen dem Mentee (der zu betreuenden Person) und des Mentors bzw. der Mentorin (den Studierenden) aufmerksam gemacht und verdeutlicht, dass die Mentor*innen vor allem Orientierungshilfe und Unterstützung bei einem individuell zu gestalteten, sport- und bewegungsbezogenen Lernprozess geben sollen. Hierbei wurde besonders Wert daraufgelegt, dass eine Hilfe zur Selbsthilfe der Mentee ange- stoßen wird. Das bedeutet zum einen, dass die sportiven bzw. bewegungsbezogenen Probleme der Mentee mit Unterstützung des Mentors bzw. der Mentorin identifiziert werden. Damit soll erreicht werden, dass die Mentee ihre eigenen Ziele erkennen und priorisieren lernen. Zum anderen soll auch der Lösungsweg bzw. Lernprozess vorran- gig vom Mentee angestoßen werden, so dass der Mentor bzw. die Mentorin bei der Lösungssuche und der Begleitung des Lösungsweges/Lernprozesses nur unterstüt- zend wirkt und keine Probleme zur Seite räumt, wenngleich während des Mentoring- prozesses stets die Möglichkeit besteht, zwischen den Rollen eines Mentors und eines Coaches zu wechseln. Dies stellte die Studierenden auch vor die spannende Frage, wie die Rolle als Coach (Teilfunktion des Mentorings) im Vergleich zur Rolle als Mentor*in sowie später als Lehrende im Sportunterricht konkret gelebt werden sollte. Während es beim Coaching im Sportkontext primär um die Vorgabe der (Bewegungs-)Lösungen und kurzfristig auf kleine Zielsetzungen angelegt ist, konstituiert sich das Mentoring durch eine langfristige, enge und persönliche Unterstützungsleistung. Gleichwohl gilt der Rollenwechsel auch für strukturelle, soziale und kulturelle Problem- und Frage- stellungen (z.B. der Mentee hat Probleme mit fremden Menschen in Kontakt zu treten, der Mentee weiß nicht, wie eine Bewerbung geschrieben wird, etc.). Des Weiteren wurde kritisch-konstruktiv hinterfragt, wie Sport die Integration för- dern bzw. in welcher Form der Sport und die Bewegung als Integrationsmotor wirksam werden kann (Burrmann, 2014). Da es sich um ein interkulturelles Sport-Mentoring handelt, wurde in dieser Phase gleichermaßen erarbeitet, dass sich der Mentoringpro- zess nicht nur auf das Begleiten eines bewegungsbezogenen Lernproblems bezieht, sondern auch der Integrationsprozess des Mentees bewusst unterstützt werden soll. Darüber hinaus wurde abgefragt, ob die einzelnen Studierenden zu einer Schülerin bzw. einem Schüler mit Fluchtgeschichte einen individuellen Zugang haben oder ob Tabelle 1: Seminarthemen und -verlauf Seminar Themen (Theorie-Praxis) 1 Einführungsveranstaltung: Organisation, Teilnahmebedingungen, Themenvorstellung, etc. 2 Integration im & durch Sport; Interkulturelles Sportmentoring mit Geflüchteten 3 Aufgaben der Mentor*innen und der Mentees im Mentoringprozess; Interkulturelle Kompetenzen im Sport 4 Einführung in die Portfolioarbeit; Lösungsorientiertes Arbeiten (LOA) 5 Methoden der (interkulturellen) lösungsorientierten Gesprächsführung mit Geflüchteten 6 Reflexionsrunde und Austausch zum Mentoringverlauf; Aufgabenbesprechung 7 Puffersitzung für Individualberatungen 8 Loslösung: Wie leitet man das Ende des Mentorings ein? 9 Abschluss: Reflexion und Prüfungsvorbereitung Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) 27 Interkulturelles Sportmentoring · Sinning, Engel, Lütgerodt die Seminarleiter*in einen ersten Kontakt herstel- len müssten. In der Regel hatten die Studierenden einen persönlichen Zugang oder konnten erste Kontakte über kirchliche Träger, Jugendämter, Sportvereine und Schulen herstellen. Die Studie- renden wurden ferner aufgefordert, ihre bisheri- gen Erfahrungen mit Geflüchteten sowie mit Men- schen anderer Nationalität systematisch in das Portfolio aufzunehmen. Gleichermaßen sollten sie darlegen, welche besonderen Kompetenzen sie als Mentor*in insbesondere im sportbezogenen Kontext mitbringen, welche hauptamtlichen und ehrenamtlichen Tätigkeitsfelder sie besetzen und wie sie diese in das Mentoring optimal einbinden können, so dass für den Mentee zusätzlich ein weiteres Aktivitäts- und Kommunikationsfeld erschlossen werden konnte. In diesem Zusammen- hang entstand mit Blick auf den Mentor bzw. die Mentorin auch ein individuelles, zielgerichtetes (sportpädagogisches) Profiling im Sinne von „wer bin ich und was kann ich?“. Nachdem alle Studierenden einen ersten Kon- takt mit ihrem Mentee aufgenommen hatten, wur- de im nächsten Schritt ein strukturierter Frageka- talog für das Erstgespräch im Seminar entwickelt. Dieser enthielt allgemeine sowie sportbezogene Fragen zum Kennenlernen, d.h. die sportlichen Vorlieben und Abneigungen wurden besprochen und es sollte ein Austausch über den üblichen Ta- gesablauf und über wesentliche Erfahrungen, die in der Kindheit im Umgang mit anderen Menschen und mit Sport gesammelt wurden, stattfinden. Um ein konkreteres Bild zu entwerfen, mit welcher Problemstellung des Mentees man sich gemeinsam auseinandersetzen möchte, wurden darauf auf- bauend die aktuellen sportlichen und beruflichen Bedürfnisse und Ziele sowie Probleme des Mentees näher in den Blick genommen und priorisiert. In diesem Zusammenhang musste dann auch präzi- siert werden, welche Erwartungen beide Partner insgesamt an das Mentoring-Projekt haben, woran sie den Gesamterfolg oder erreichte Teilziele des Projekts messen wollen und welche Erwartungen sie innerhalb der nächsten 6-8 Wochen realistisch erfüllen können. Schließlich wurden noch wesent- liche Rahmenbedingungen wie die Kontaktzeiten und -orte, Kommunikationsformen oder auch Anfahrtswege zum Treffpunkt für die beratende Begleitung des Projektes besprochen. Im Rahmen des Austausches konnten aber auch weitere The- men in den Mittelpunkt gerückt werden, z.B. ob und welche Unterstützung der bzw. die Mentor*in geben kann, um Sprachbarrieren gezielter auf- zulösen oder bei Hausaufgaben sowie anstehen- den Schultests unterstützend mitzuwirken. Die Treffen sollten mind. 1-2 Stunden dauern. Die Mentor*innen mussten alle Details der Gespräche bzw. entsprechende Absprachen sowie zentrale Wahrnehmungen und Erfahrungen systematisch im Portfolio dokumentieren. Dieser Erstfragebogen wurde zeitnah umgesetzt und entsprechende Lernprozesse initiiert. Die individuellen Absprachen der einzelnen Mentoring-Tandems wurden anschließend im Seminar ausgetauscht und sprachliche oder auch materielle, finanzielle oder fahrtechnische Probleme besprochen bzw. ge- meinsam nach Lösungen gesucht. Um die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem interkulturellen Mentoring weiter voran zu treiben, wurden im Seminar konkrete Leitfragen zur Thematik Kultur und Integration sowie zum Thema Heimat und Identifikation entwickelt, die die Mentoren in einem Interview mit ihren Mentees klären sollten. Da sehr häufig individuell auf sprachliche Probleme reagiert werden musste, wurde darüber hinaus geklärt, welche empirischen Methoden wie dem Zeichnen eines Grids / bzw. einer Lebenskurve, das Nutzen von Polaritätsprofilen, Mind-Maps in der Sprache der Mentor*innen oder Pri- oritätensetzungen flankierend eingesetzt werden können (vgl. als Beispiel Abb. 4). Diese unterschiedlichen Herangehensweisen wurden gezielt genutzt, um Reflexions- und Gesprächsanlässe zu schaffen, die ggf. einen erleichterten Zugang zur jeweiligen Grundfragestellung bieten. Sie konnten im weiteren Interview an den Stellen, die für die Mentoring-Beziehung oder den Lernprozess relevant sind, präzisiert werden. Des Weiteren fand ein konstruktiver Austausch darüber statt, wie die Substanz des Inter- views zusätzlich erhöht werden kann. Beispielsweise konnte der Mentee die Antwort in der Landessprache geben und der Text wurde später gemeinsam übersetzt. Auch die theoretische Auseinandersetzung und damit die Besonderheiten eines Portfo- lios wurden im Seminar herausgearbeitet und in Bezug zum aktivierten Lernprozess gesetzt. Dabei wurde das Portfolio als „[…] zielgerichtete Sammlung von Arbeiten, welche die individuellen Bemühungen, Fortschritte und Leistungen des Lernenden auf einem oder mehreren Gebieten zeigt“, verstanden. „Die Sammlung muss die Be- teiligung des Lernenden an der Auswahl der Inhalte, der Kriterien für die Auswahl, der Festlegung der Beurteilungskriterien sowie Hinweise auf die Selbstreflexion des Lernenden einschließen. Damit ist die Entscheidung, das Portfolio im Seminar einzu- setzen, „(...) zugleich eine Entscheidung über eine Veränderung der Lern- und Leis- tungskultur“ (Schmoll, 2011, S. 39) und ergänzt den Ansatz des erfahrungsbasierten Lehrens und Lernens nach Dewey. Das interkulturelle Sportmentoring strukturiert sich - nicht einfach über das bloße Sporttreiben. Um die gesteckten Ziele zu errei- chen, den kulturellen Austausch anzustoßen, eigene Lernfortschritte zu generieren und die Mentoringbeziehung konstruktiv zu gestalten, wurde den Sportstudierenden das Konzept des lösungsorientierten Arbeitens (LOA) im theoretischen Zugang, aber auch in der Praxis (Fallbeispiele, Rollenspiel, etc.) näher gebracht. Diese Arbeitsweise war für viele Studierende neu und brach alte und dekonstruktive Verhaltensweisen Abb.4: Sprachanlässe durch ein Polaritätsprofil schaffen (aus: Portfolio M 2.7) 1 2 3 4 5 6 7 glücklich unglücklich motiviert unmotiviert zuverlässig unzuverlässig diszipliniert undiszipliniert tolerant intolerant humorvoll humorlos auf Geld bedacht nicht auf Geld bedacht selbstständig unselbstständig erfolgreich erfolglos gläubig ungläubig zufrieden unzufrieden weltoffen provinziell ✖ ✖ ✖ ✖ ✖ ✖ ✖ ✖ ✖ ✖ ✖ ✖ ✖ ✖ Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) 28 CC BY 3.0 DE Interkulturelles Sportmentoring · Sinning, Engel, Lütgerodt in Problemsituationen auf. Darüber hinaus bot es Anlässe für Aufgaben, die es während des Men- toringprozesses zu bearbeiten galt. Damit ver- bunden war die konkrete Auseinandersetzung mit den aktuellen Problemen des Mentees: Fragen zur Heimat, zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen den Kulturen in Hinblick auf Sport, Es- sen oder Religion. Außerdem wurde eine kritische Reflexion über unterschiedliche Facetten eines Integrationsprozesses sowie passende Integrati- onsprozesse aus Sicht der geflüchteten Menschen angestoßen. Dadurch sollte sowohl die soziale und kulturelle Integration von Menschen mit Flucht- geschichte durch und in den Sport unterstützt als auch ein Perspektiven- und Erfahrungsaustausch für den Mentor bzw. die Mentorin und den Mentee (im Tandem) zur Persönlichkeitsentwicklung an- gestoßen werden. Schließlich wurde in einer letzten Phase des Seminars gemeinsam erarbeitet, wie das Auflösen des Mentoring-Prozesses sinnvoll angestoßen und umgesetzt werden sollte. Dazu wurde ein finales Gespräch zwischen den Mentor*innen und den Mentee initiiert, in dem der Verlauf, die Ergebnis- se und das Ende des Lernprozesses gemeinsam in den Blick genommen sowie Chancen und Probleme des Mentorings kritisch reflektiert wurden. Um das Mentoring positiv abzuschließen, sollte insbeson- dere adäquat aufbereitet werden, welche WIN- Situation beide Personen mit dem Projekt verban- den. Insgesamt wurde in diesem Zusammenhang deutlich, dass nicht nur Lehr-Lern- bzw. Bera- tungsbeziehungen zwischen den Mentor*innen und den Mentee entstanden sind, sondern kleine Freundschaften, die dazu führten, dass auch ohne Mentoring-Anlass das ein oder andere Treffen und gemeinsame Projekt angestoßen wurde. 5. ERKENNTNISSE UND DIS- KUSSION Welche ersten Erkenntnisse lassen sich nun aus der Seminaridee generieren? Sowohl im Portfolio als auch im Rahmen der mündlichen Prüfungen, aber auch in anschließenden Interviews mit den Mentor*innen (und einigen Mentees) wurden die zentralen Erkenntnisse des Seminars sowie die in- dividuellen Lernfortschritte genauer hinterfragt. Insgesamt hat sich gezeigt, dass die Studierenden mit einem deutlichen Mehrwert u.a. in Hinblick auf ihre Lehrkompetenzen aus dem Projektseminar gegangen sind, die gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse aber individuell sehr unterschiedlich ausgestaltet sind. Die nachfolgenden Erkenntnis- se wurden aus den Portfolios der Studierenden generiert. Hierbei erfolgte eine kriteriengeleitete Analyse hinsichtlich der erfahrenen Problemlagen während des Mentorings (z.B. Kommunikation), die Reflexion des Rollenwechsels zwischen dem Mentoring und Coaching sowie den subjektiven Lernzuwachs durch das Sport-Mentoring. Sprachliche Barrieren und Kommunikationsschwierigkeiten: Gespräche stellen einen zentralen Aspekt innerhalb des Mentoringprozesses dar. Einen besonderen Stel- lenwert erhält diese im interkulturellen Kontext bzw. in Mentoringbeziehungen mit geflüchteten Menschen. Cavanagh (2006, S. 318) stellt insbesondere die Qualität der Gespräche während des Mentorings als elementaren Bestandteil in den Vordergrund. Um die Potenziale für einen interkulturellen Wissenserwerb nutzen und die Gesprächs- qualität gewährleisten zu können, braucht es eine Öffnung der Gesprächskultur. „Je offener und je intensiver über die kulturelle/ethnische Differenz in der interkultu- rellen Mentoringbeziehung gesprochen wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass beide Seiten Zugewinneffekte von “Knowledge of different culture/ethnicity“ [Wissen über andere Kulturen/Ethnien] erleben“ (Voigt, 2017, S. 194). Entgegen der theoretischen Zugänge kam es während des Projektseminars in weni- gen Mentoringbeziehungen zu Kommunikations- und Verständigungsschwierigkeiten, welche primär auf das mangelnde Sprachvermögen der Mentees zurückzuführen wa- ren. „Ich war mir leider immer noch nicht sicher, ob er verstand, worum es mir ging“ (m2.1), konstatierte ein Student kritisch. Somit können Verständigungsprobleme einen erheblichen Einschnitt in die Qualität des Mentorings haben, wenngleich die sprachliche Sensibilität der Mentor*innen eine bedeutende Rolle spielte. Hierbei wurden lösungsorientiert neue Kommunikationswege erarbeitet („Nonverbale Kom- munikation mit Gesten und Mimik kam sehr viel zum Einsatz“ (m2.1)) oder der Sport konnte die sprachlichen Barrieren aushebeln. „Erkenntnis, dass man versuchen sollte behutsam im Unterricht auf die SuS einzu- gehen (...). Neue Reflexionsmöglichkeiten kennengelernt, wenn ich mit Bildern oder so gearbeitet habe. Das merkt man erst, wenn man auf Sprache verzichten muss!“ (m.1.9) Dennoch konnte nicht in allen Mentoringprozessen die Qualität der Gespräche ge- währleistet werden, um bspw. den Austausch über die Unterschiede und Gemeinsam- keit der Kulturen zu bestimmten Aspekten zu präzisieren oder eine lösungsorientierte Gesprächsführung zu konkretisieren. Der Rollenwechsel zwischen Mentor*in und Coach: Während des Mentorings kann es vereinzelt zu Rollenwechseln zwischen einen Mentor und eines Coaches kommen. Diese Wechselbeziehung ist innerhalb eines Mentorings nicht unüblich, sodass das Coaching als Teilfunktion des Mentorings verstanden werden kann (Voigt, 2017). Die Rolle des Coaches wurde u.a. dann stärker eingenommen, wenn der bewegungsbezo- gene Lernprozess akzentuierter im Mittelpunkt stand und methodische Vorgehens- weisen genutzt also beispielsweise zentrale Bewegungsabläufe erklärt wurden oder, aufgrund der sprachlichen Differenzen, die Bewegungsdemonstration des Mentors die Bewegungslösung vorgegeben hat. Einige Studierende identifizierten zum einen den Rollenwechsel im Mentoringprozess und empfanden dies zum Teil als Problem, da es nicht zum lösungsorientierten Arbeiten passte. Ein Student beklagte, „eines meiner Hauptprobleme in verschiedenen Phasen des Prozesses war in verschiedenen Situa- tionen die Differenzierung zwischen Coaching und Mentoring“ (m.1.10). Ein anderer Student konnte die Momente klar identifizieren, in denen er als Coach aktiv wurde: „(...) die Rolle des Mentors [war] meiner Meinung nach während des gesamten Men- torings aktiv [war], während die Rolle des Coaches immer dann eingriff, wenn es um die Korrektur von Bewegungen und die Förderung von und Forderung nach Leistung ging“ (M2.6). Lernzuwachs und Übertragung auf das Sportlehrer*innenprofil: „Mein Kopf war voller Ängste und Vorstellungen, dass es nicht so werden würde wie geplant“ (w.1.6), beschreibt eine Studentin ihre Befürchtungen vor dem Mentoringstart. Dieser Effekt Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) 29 Interkulturelles Sportmentoring · Sinning, Engel, Lütgerodt tritt bei den meisten Studierenden zu Beginn des Seminars ein, welches auf die Irritationen, Zwei- fel, Verwirrung und Befremdung des Aufgabenpro- fils zurückzuführen ist. Die Anfangsbefürchtungen legten sich recht schnell, nachdem die ersten Treffen mit den Mentees abgehalten wurden. Die Studierenden konnten sowohl während als auch nach dem Mentoringprozess ihre Lernzuwächse beschreiben und auf die pädagogischen und di- daktischen Aufgabenbereiche übertragen: „Diese besondere Lehr-Lernbeziehung in welcher ich als Art Berater eines geflüchteten Menschen fungiere, erweckte in mir den Eindruck, dass ich dadurch zwangsläufig meine interkulturellen Kom- petenzen zum ersten Mal in meinem Leben bewusst und auf ein klares Ziel ausgerichtet stärken kann.“ (m.2.3) „Ich denke, dass damit (mit dem Mentoringpro- zess) meine vorherrschende Hemmschwelle gegen- über fremden Menschen gebrochen wurde und ich nun leichter Kontakt zu diesen finde.“ (m.2.7) „Es hat mir gezeigt, wie wichtig eine funktio- nierende und gute Kommunikation ist. Vor allem, wenn es darum geht ein Vertrauensverhältnis zu schaffen.“ (m.1.8) „(...) ein hohes Maß an Empathie, es ist enorm wichtig sich in Menschen und deren Situation verset- zen zu können“. (m.1.1). „Gerade in Bezug auf den interkulturellen Bereich, wo es, ja... um Vertrauen, Geduld und Behutsamkeit geht, ja, da konnte ich mich positiv entwickeln.“ (m.1.9) „Parallelen zum Lehrberuf sehe ich in der Vorbe- reitung (...), Zieldefinierung, (...). Bei der Erklä- rung von verschiedenen Bewegungsausführungen im Fitnessstudio ist mir aufgefallen, dass meine Anweisungen und Erklärungen zu undeutlich und zu unpräzise sind. Ich muss mich präziser in den Erklärungen fassen“ (m.2.5) Insgesamt zeigt sich, dass alle Studierenden fremde sowie interkulturelle Erfahrungen gemacht haben, die sich in den jeweiligen Mentoringprozes- sen ganz individuell ausdifferenzierten und dass sie ihre Erfahrungen zielgerichteter reflektieren und auf das Aufgabenprofil einer Sportlehrkraft übertragen konnten (u.a. nach Zoglowek, 1995). Hierbei wurden insbesondere die Aufgabenprofile des Mentors und der Sportlehrkraft verglichen und die gegenseitigen Potenziale verzahnt, wenn- gleich viele Überschneidungspunkte im Sinne der Organisation, Zieldefinierung und Nachbereitung gefunden wurden. 6. FAZIT UND AUSBLICK Das interkulturelle Sportmentoring ist nicht als ein starres und vorgesteuertes Lehr- Lern-Instrument zu verstehen, es gestaltet sich vielmehr als ein vielfältiges, wech- selhaftes und dynamisches Projektseminar, welches stets Anregungen für Reflexionen und Diskussionen mit den Studierenden gibt. Besonders gewinnbringend ist hierbei das erfahrungsbasierte Lehrkonzept für die Studierenden, welches sich zwangsläu- fig aus dem Mentoringprozess ergibt. Die enge Kopplung zwischen Theorie und den praktischen Erfahrungen führen zu einem Zugewinn innerhalb der interkulturellen Kompetenz. Indes können integrative Prozesse auf der sozialen und kulturellen In- tegrationsebene (vgl. Esser, 2003) für die Mentees durch das Mentoring angestoßen werden, wenngleich tiefgreifende Integrationsmechanismen über einen längeren Zeitraum zu konstatieren wären. Darüber hinaus ergeben sich weitere Ausweitungsmöglichkeiten des Sportmen- torings auf unterschiedliche Bezugsgruppen. Das sportbezogene Mentoringprojekt muss nicht zwingend in einem interkulturellen Kontext eingebunden sein, sondern kann darüber hinaus mit Schüler*innen, Vereinssportler*innen, Senior*innen, o.Ä. gekoppelt werden. Wir schließen den Werkstattbericht mit einem Abschlusszitat eines Studenten, wel- ches die Grundintention und das Potenzial des Projektseminars aufschlüsselt: „Wie bereits erwähnt stellt das Projekt Mentoring im Sport eine Win-Win-Situation für beide Parteien dar. Ich gehe sogar darüber hinaus und sage, dass durch die Unterstüt- zung integrativer Prozesse auch ein gewisser Dienst an der Gesellschaft ausgeübt wird – es handelt sich also nicht nur um eine Win-Win-Situation, sondern um eine „Win-Win-Win- Situation“. Sport ist eine schöne Möglichkeit, Menschen zusammenzubringen – Sport war auch für mich der Türöffner“. Arzberger, C., & Erhorn, J. (2013). Sprachförderung im Sportunterricht? Möglichkeiten und Grenzen. In A. Gogoll & R. Messmer (Hrsg.), Sportpädagogik zwischen Stillstand und Beliebigkeit : 25. Jahrestagung der dvs-Sektion Sportpädagogik vom 7. bis 9. Juni 2012 [in Magglingen], Tagungsband ( S. 132-138). 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Der Fremde im Sport: sozial- und kulturanthropologische Aspekte des Sports im Kontext kultureller Kontakte. In T. Alkemeyer, B. Boschert, & G. Gebauer (Hrsg.), Aspekte einer zukünftigen Anthropologie des Sports (S. 82-99). Clausthal-Zeller- feld: Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft e.V. Literatur Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) 30 CC BY 3.0 DE Interkulturelles Sportmentoring · Sinning, Engel, Lütgerodt Prof. Dr Silke Sinning, arbeitet als Professorin für Sportpädagogik/-didaktik und Sportsozi- ologie an der Universität Koblenz-Landau - Campus Landau. Neben der Beschäftigung mit sportpädagogischen und -didaktischen Grundfragen zählen vor allem konzeptio- nelle Fragen- und Problemstellungen des Sportunterrichts sowie Themen im Bereich der Genderforschung, des Mentorings mit Geflüchteten und die pädagogische Bewe- gungsforschung zu ihren Forschungsschwer- punkten. In der Sportspielforschung liegen ihre Schwerpunkte im Bereich Fußball und Trainerinnen sowie dem E-Sport. Niklas Lütgerodt, war bis Februar 2020 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Landau und absolviert derzeit das zweite Staatsexamen am Studienseminar Karlsruhe. Er befasst sich innerhalb seiner Dissertation mit der Thematik „eSport im Breitensportverein“ und setzt sich darüber hinaus mit den Forschungsthemen Interkulturalität und Vielfalt sowie lösungsorientiertes Arbeiten im Sportunterricht auseinander. Dr. Inka Engel, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Transfer im Team des Vize- präsidenten an der Universität Koblenz- Landau. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Schulentwicklung und Qualitäts- sowie Kompetenzoptimierung in der Lehrer*innenbildung. Burrmann, U. (2014). Integration aus (sport-)soziologischer Perspektive. In P. Gieß- Stüber, U. Burrmann, S. Radtke, B. Rulofs & H. Tiemann (Hrsg.), Expertise „Diversität, Inklusion, Integration und Interkulturalität – Leitbegriffe der Politik, sportwissenschaftliche Diskurse und Empfehlung für den DOSB/dsj“. Frankfurt am Main: Zugriff am 22. September unter: http://www.integration-durch-sport.de/fileadmin/fm-dosb/arbeitsfelder/ids/ima- ges/2014/downloads/Expertise_Diversitaet_Inklusion_Integration_Interkulturalitaet. pdf. Cavanagh, M. (2006). Coaching from a systemic perspectiv: A complex adaptive conversa- tion. In D. R. Stober & A. M. Grant (Hrsg.), Evidence Based Coaching Handbook. Haboken, New Jersey: John Wiley & Sons. Deutscher Bundestag (2014). 13. Sportbericht der Bundesregierung. Berlin: Deut- scher Bundestag. Zugriff am 13. Oktober 2019 unter https://www.bmi.bund.de/ SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/sport/13-sportbericht.pdf?__ blob=publicationFile&v=1. Dewey, J. (1951): Wie wir denken. Die Beziehung des reflektiven Denkens zum Prozess der Erziehung. Zürich: Morgarten Verlag. Esser, H. 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  • ZSLS-02-2020-S15-22.pdf
    Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) 15 DOI: 10.25847/zsls.2020.023 Interesse Selbstkonzept Lehramt Sport · Fischer, Raven, Ohlert Britta Fischer, Hanna Raven, Jeannine Ohlert ZUSAMMENFASSUNG Motivationale Faktoren haben eine zentrale Bedeutung für die Auswahl, Ausführung, Aufrechterhaltung und Regulierung von Handlungen und Verhalten. Eine wichtige Rolle im Hinblick auf Engagement und Motivation von Lehramtsstudierenden im Stu- dium spielen in diesem Kontext das Interesse an den Studieninhalten und die diesbe- züglichen Selbstkonzepte. In der vorliegenden Fragebogenstudie wurden 105 Studie- rende mit dem Studienfach Sport zu ihrem Interesse am Studienfach Sport und den Bildungswissenschaften sowie zu ihrem fachbezogenen und bildungswissenschaftli- chen Selbstkonzept befragt. Die Ergebnisse weisen auf ein höheres Interesse sowie auf ein positiveres Selbstkonzept bezogen auf das Studienfach Sport im Vergleich mit den Bildungswissenschaften hin. Zudem zeigten sich Geschlechtereffekte: Das Interesse an beiden Studienbereichen war bei weiblichen Studierenden höher ausgeprägt als bei männlichen, außerdem waren die studienbereichsbezogenen Unterschiede bezogen auf die Selbstkonzepte bei weiblichen Studierenden geringer. Aus den Ergebnissen lassen sich Konsequenzen für die universitäre Lehrer*innenbildung ableiten. Interest and self-concept of P.E. teacher trainees Abstract: Motivational factors are of central importance for the selection, execution, maintenance and regulation of actions and behavior. It can therefore be concluded that an interest in the study content and the relevant self-concepts play an important role with regard to commitment and motivation of P.E. teacher trainees during their degree. In the present questionnaire-based study, 105 P.E. students studying sport were asked about their interest in the subject sport, educational science and in their subject-related and educational self-concept. The results indicate a higher level of interest and a more positive self-concept in relation to the subject physical education compared to the educational sciences. There were also gender effects: the interest in both fields of study was more pronounced among female students than among male students and the differences relating to self-concepts were lower among female stu- dents. Consequences for university teacher training can be derived from the results. Interesse und Selbstkonzept von Lehramtsstudierenden mit dem Studienfach Sport Der studierendenseitige Erwerb von fachlichem wie von bildungswissenschaftlichem Professionswissen ist ein zentrales Ziel der universitären Lehrer*innenbildung. In- wiefern sich Studierende die entsprechenden Wissensbestände tatsächlich aneignen, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Auf Seiten der angehenden Lehrkräfte dürften gemäß aktueller Modellvorstellung- en zum Erwerb professioneller Kompetenz diesbezüglich nicht nur kognitive Fähigkei- korrespondierende Autorin Dr. Hanna Raven Deutsche Sporthochschule Köln Psychologisches Institut, Abteilung Gesundheit und Sozialpsychologie Am Sportpark Müngersdorf 6 50933 Köln E-Mail: h.raven@dshs-koeln.de Tel.: +49 221 4982 5530 Prof. Dr. Britta Fischer Institut für Sportwissenschaft Philosophische Fakultät Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Olshausenstraße 74 24098 Kiel E-Mail: britta.fischer@email.uni-kiel.de Tel.:+49 431 880-5370 Dr. Jeannine Ohlert Das Deutsche Forschungszentrum für Leis- tungssport - momentum - (Psychologie) Zentrum für Sportlehrer*innenbildung Deutsche Sporthochschule Köln Am Sportpark Müngersdorf 6 50933 Köln E-Mail: j.ohlert@dshs-koeln.de Tel.: +49 221 4982 8728 Schlüsselwörter Interesse; Selbstkonzept; Motivation; Studie- rende; Lehramt; Sportunterricht Keywords interest; self-concept; motivation; students; teaching position; physical education (P.E.) Zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt: Fischer, B., Raven, H., Ohlert, J. (2020), Interesse und Selbstkonzept von Lehramts- studierenden mit dem Studienfach Sport. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sport- wissenschaft 3 (2), 15-22. Interesse und Selbstkonzept von Lehramts- studierenden mit dem Studienfach Sport Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) 16 CC BY 3.0 DE Interesse Selbstkonzept Lehramt Sport · Fischer, Raven, Ohlert ten oder Merkmale der Persönlichkeit relevant sein, sondern auch motivationale Faktoren (Voss, Kunina-Habenicht, Hoehne & Kunter, 2015) wie das Interesse am Studienfach oder auch das fachbezo- gene Selbstkonzept. Ausgegangen wird davon, dass motivationale Orientierungen eine entscheidende Bedeutung für die Auswahl, Ausführung, Aufrechterhaltung und Regulierung von Handlungen und Verhalten haben (Gebauer, 2013). Bei Lehramtsstudierenden kann vermutet werden, dass inner- halb ihres Zwei-Fächer-Studiums mit dem weiteren Studienbereich Bildungswissenschaften die motivationalen Faktoren nicht für alle drei Studienbereiche des Lehramts gleich ausgeprägt sind. Das Ziel dieser Arbeit war es daher, den Unterschied von Interesse und Selbstkonzept bei Lehramtsstudierenden zwischen dem Studienfach Sport sowie den fachübergreifenden Bildungswissenschaften unter Hinzunahme von möglichen Geschlechterunterschieden zu unter- suchen. Letztgenanntes, weil insbesondere das Interesse und das Selbstkonzept bezüglich des bildungswissenschaftlichen Teilstu- diengangs geschlechtsspezifischen Einflüssen unterliegen dürfte (Athenstaedt & Alfermann 2011). Der Beitrag erweitert bisherige empirische Befunde zum Interesse von angehenden Sportlehrkräf- ten an den Inhalten der universitären Lehrer*innenbildung sowie zu ihren Selbstkonzepten (Rössler, Zimmermann, Bauer, Möller & Köl- ler, 2013; Rösler, Zimmermann, Bauer, Möller & Retelsdorf, 2016), indem Studienbereiche verglichen werden. Da für das Fach Sport Wahlfreiheit besteht, jedoch nicht für den bildungswissenschaft- lichen Studienanteil, sind Unterschiede im jeweiligen Interesse und Selbstkonzept erwartbar. Wigfield und Eccles (2000) zufolge basieren Wahlentscheidungen unter anderem auf Interesse und den Vorstellungen von den eigenen gegenstandsbezogenen Fähig- keiten. Unterschiede in der quantitativen Ausprägung des studienbe- reichsspezifischen Interesses bzw. des Selbstkonzepts sind im Hin- blick auf die professionelle Entwicklung angehender Sportlehrkräfte bedeutsam, da beide Faktoren zudem als Prädiktoren für die Nutzung der jeweiligen formellen universitären Lerngelegenheiten und den Kompetenzerwerb gelten. Spätere Sportlehrkräfte benötigen für die Bewältigung der im Beruf an sie gestellten Anforderungen beides sowohl fachbezogene wie auch allgemeine bildungswissenschaftli- che Kompetenzen (KMK, 2019). Folglich kommt der universitären Lehrer*innenbildung die Aufgabe zu, sich mit Ansatzpunkten für die Förderung der Kompetenzentwicklung in den unterschiedlichen Stu- dienbereichen auseinanderzusetzen. Ein unterschiedliches Ausmaß des Interesses und Selbstkonzepts stellt einen Ansatzpunkt hierfür dar, mit dem hochschuldidaktisch unterschiedliche Anforderungen einhergehen. Studieninteresse und Selbstkonzept Ein motivationales Konstrukt, das „direkt und indirekt mit der Qualität und den Effekten des Lernens in Zusammenhang“ (Müller, 2006, S. 53) gebracht wird, ist das Interesse einer Person. Krapp (1999, S. 396) definiert das Konstrukt Interesse im Rahmen der Person-Gegenstands-Theorie des Interesses als „[…] Beziehung einer Person zu und die Auseinandersetzung mit erfahrbaren Aus- schnitten ihrer Umwelt.“ Interesse geht nach dieser Definition mit Bezug auf die Selbstbestimmungstheorie der Motivation nach Deci und Ryan (2000) eng mit hoher Selbstbestimmung und daher mit intrinsischer Motivation einher. Interessiert sich eine Person von sich aus für einen bestimmten Lerngegenstand, so wird sie sich da- mit identifizieren. Diese Identifikation führt zu einer hohen erlebten Selbstbestimmung in Bezug auf den Lerngegenstand und damit zu intrinsisch motiviertem Verhalten. Dieses stellt sowohl eine Bedin- gung für als auch das Ergebnis lebenslangen Lernens dar. In Bezug auf das Studieninteresse ist anzunehmen, dass diejenigen Studie- renden, die sich für die Inhalte eines Studiums interessieren, mit höherer Wahrscheinlichkeit selbstständig (zusätzliche) universitäre Lehrveranstaltungsangebote nutzen werden. Nach Krapp (2007) lassen sich drei zentrale Merkmalskomponen- ten von Interesse unterscheiden: die emotionale, die wertbezogene und die intrinsische Komponente. Die emotionale Merkmalskompo- nente bezieht sich auf mit dem Interessengegenstand verknüpfte positive Emotionen. „Etwas gerne tun“ geht im Sinne der Selbst- bestimmungstheorie der Motivation (Deci & Ryan, 2000) mit der Befriedigung der drei psychologischen Grundbedürfnisse nach Au- tonomie, Kompetenz und Beziehung einher (Krapp, 2007). Die wert- bezogene Merkmalskomponente von Interesse dagegen bezieht sich darauf, „dass der Interessengegenstand für die Person eine heraus- gehobene subjektive Bedeutung besitzt“ (Krapp, 1999, S. 399). Im Gegensatz zur emotionalen Komponente können hierbei rationale Entscheidungen eine zentrale Rolle spielen (Rustemeyer, 2011). Mit dem intrinsischen Charakter von Interesse wird ausgedrückt, dass sich die beiden Arten von Valenzen direkt auf den Gegenstand bzw. die Handlung beziehen. Sie treten aufgrund eines handlungs- immanenten Anreizes auf und nicht deshalb, „weil der Gegenstand mit anderen Sachverhalten in Verbindung steht, denen der eigent- liche Wert und die positiven Gefühle zukommen“ (Schiefele, Krapp, Wild & Winteler, 1993, S. 337). Das Kriterium des intrinsischen Charakters schließt bezogen auf die Person jedoch nicht aus, dass „das Handlungsergebnis einen Nutzen außerhalb des aktuellen Tätigkeitsvollzugs erbringt, solange diese [...] Vergünstigungen [...] nicht als Kontrolle aufgefasst werden, die das Gefühl absolut autonomen Handelns beeinträchtigen“ (Krapp, 1992, S. 314-315). Im Hinblick auf den Gegenstand bedeutet „intrinsisch“, dass die Interessenshandlung sich auf Sachverhalte bezieht, die aus der Sicht des Individuums zum Gegenstandsbereich seines Interesses gehören. Vor diesen theoretischen Annahmen ist davon auszugehen, dass das Interesse an Lerninhalten sowohl die Auswahl von Lern- möglichkeiten beeinflussen, als auch das Engagement in konkreten Lernsituationen (Ferdinand, 2014). So verweist auch Müller (2006) darauf, dass das thematische Interesse von Lernenden mit einer höheren Anstrengungs- und Lernbereitschaft sowie einer höheren Zielbindung oder Zielerreichung in Zusammenhang steht, es wirkt also motivational. Des Weiteren gibt es „empirische Evidenz dafür, dass Interesse mit einer stärkeren Elaboration und Verknüpfung ak- tueller Lerninhalte mit dem individuellen Vorwissen in Verbindung steht“ (Rösler et al., 2013, S. 26). Interesse geht demzufolge auch mit einer qualitativ hochwertigeren Verarbeitung von Lerninhalten einher. Obwohl dem professionsspezifischen Interesse somit eine hohe Relevanz für den Studienerfolg zugesprochen wird, fehlen weitgehend Studien, die sich speziell mit dem Studieninteresse von Lehramtsstudierenden als Interesse an den realen Inhalten uni- versitärer Studiengänge auseinandersetzen (Rössler et al., 2013; Rösler et al., 2016). Rösler und Kolleg*innen (2016, S. 92) äußern in Bezug auf das Studieninteresse, dass das fachliche und bildungswissenschaftliche Studium in der inhaltlichen Ausrichtung „deutlich voneinander getrennt [sind], sodass zu erwarten ist, dass Studierende diese Be- reiche als verschiedene Studienumwelten erleben.“ Folglich sollte das Interesse nach Studienbereichen differenzierbar sein. Fragt Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) 17 DOI: 10.25847/zsls.2020.023 Interesse Selbstkonzept Lehramt Sport · Fischer, Raven, Ohlert man danach, welche domänenbezogenen Interessen Lehramts- studierende aufweisen, dann ist es plausibel, dass diese ein hoch ausgeprägtes studienfachbezogenes Interesse haben, denn hin- sichtlich der Fächerwahl besteht Entscheidungsfreiheit. Für Sport- studierende liegen diesbezüglich keine empirischen Befunde vor, jedoch verweisen Befunde zur Relevanz des fachlichen Interesses bei der Studienwahlmotivation im Sinne eines in das Studium mit eingebrachten Interesses auf günstige Interessensausprägungen hin (Fischer & Bisterfeld, 2015; Fischer, Holzamer & Meier, 2017). Rösler et al. (2016) konnten fachunspezifisch einen Zusammen- hang zwischen fachlichem Eingangsinteresse und dem Interesse an den Inhalten des fachlichen Studiums zeigen. Gleichwohl ist das mit ins Studium eingebrachte fachliche Interesse nicht zwingend identisch mit den Inhalten des Studiums. Bei Sportstudierenden scheint oftmals das fachliche Eingangsinteresse vorrangig darin zu bestehen, selbst Sport zu treiben und weniger in der, im Studium verankerten, reflektierten, theoretischen Auseinandersetzung mit dem fachlichen Gegenstand Sport zu liegen (Weiß & Kiel, 2010). Während ihres Studiums sind Sportstudierende dann jedoch mit un- terschiedlichen Lehr-Lernangeboten und Anforderungen konfron- tiert. „Sie können und müssen ihre sportlichen Interessen vertie- fen, ihr Bewegungsrepertoire erweitern und sich mit Erkenntnissen und Erkenntnisweisen unterschiedlicher sportwissenschaftlicher Disziplinen auseinandersetzen. Dabei sind [durchaus] zwei ge- genläufige Entwicklungstendenzen erkennbar, nämlich einerseits eine bewegungskulturelle Zentralisierung und andererseits eine fachwissenschaftliche Dezentralisierung“ (Schierz & Miethling, 2017, S. 57). Im Hinblick auf das Interesse an den Studieninhalten sollten daher Lehramtsstudierende mit dem Unterrichtsfach Sport gesondert betrachtet werden. In Bezug auf die bildungswissenschaftlichen Studien ist hin- sichtlich des domänenbezogenen Interesses zu berücksichtigen, dass für dieses Studienelement keine Wahlfreiheit besteht. Da der Faktor der Autonomie nach der Selbstbestimmungstheorie der Motivation (Deci & Ryan, 2000) eng mit höherer Selbstbestimmung und somit auch mit dem Interesse verknüpft ist, kann vermutet werden, dass das Interesse für den bildungswissenschaftlichen Stu- dienbereich bei Lehramtsstudierenden geringer ausgeprägt ist als das Interesse an den Wahlfächern. Allerdings verweisen Befunde zur Studienwahlmotivation darauf, dass sich angehende Sportlehr- kräfte häufig nicht nur aufgrund des fachlichen Interesses, sondern auch aufgrund eines ausgeprägten pädagogischen Interesses für ein Lehramtsstudium entscheiden (Fischer & Bisterfeld, 2015; Fi- scher, Holzamer & Meier, 2017). Für dieses pädagogische Eingangs- interesse lässt sich für Lehramtsstudierende empirisch ein positiver Zusammenhang mit dem Interesse an den bildungswissenschaftli- chen Inhalten des Studiums nachweisen. Anscheinend gibt es auch hier „eine gemeinsame Schnittmenge“ (Rösler et al., 2013, S. 37). Für Studierende des Lehramts Sport wurde bislang jedoch noch nicht empirisch überprüft, inwiefern ein Unterschied im Grad des Interesses an den Studieninhalten zwischen den Bildungswissen- schaften und dem Studienfach Sport besteht. Das Studieneingangs- interesse und damit die diesbezüglich vorliegenden Befunde legen bestimmte Annahmen nahe, jedoch ist zu berücksichtigen, dass das Interesse an den Inhalten der verschiedenen Teilstudiengänge des Lehramtsstudiums auch durch andere Faktoren (z.B. wahrgenom- mene Unterstützung psychologischer Grundbedürfnisse) beein- flusst wird (Rösler et al., 2016). Gleichwohl deuten Befunde auch auf die Bedeutung des Ge- schlechts hin. Sie zeigen weiterhin, dass weibliche Studierende in der Regel ein stärker ausgeprägtes pädagogisches Studienein- gangsinteresse haben als ihre männlichen Kommilitonen (Kiel & Pollak, 2011; Berweger, Kappler, Keck Frei & Bieri Buschor, 2015). Auch Fischer, Paul und Bisterfeld (2018) zeigen in diesem Kontext ein höheres pädagogisches Interesse von Frauen in einer Untersu- chung von angehenden Sport- und Mathematiklehrkräften. Folglich sind geschlechtsspezifische Unterschiede bzw. Einflüsse in Bezug auf das Interesse am bildungswissenschaftlichen Studienbereich plausibel. Hierfür spricht auch die stärkere humanistische Orien- tierung von Frauen, welche ihren Ursprung vermutlich zumindest teilweise in gesellschaftlichen geschlechterstereotypen Zuschrei- bungen hat (Athenstaedt & Alfermann 2011; Eagly Wood & Diek- mann, 2000; Fiske, Cuddy, Glick & Xu, 2000). Jedoch wurde bislang ein diesbezüglicher Geschlechterunterschied nicht für Studierende des Lehramts Sport untersucht. Hiermit gingen jedoch Konsequen- zen zur Förderung der professionellen Entwicklung zukünftiger Sportlehrkräfte einher, insbesondere für jene Studiengänge, die (klassischerweise) über einen hohen Anteil an Männern verfügen. SELBSTKONZEPT Ein weiteres wichtiges motivationales Konstrukt im Zusammenhang mit Lernqualität und -effekten ist das Selbstkonzept. Selbstkonzep- te beschreiben mentale Repräsentationen im Sinne von „Vorstellun- gen, Einschätzungen und Bewertungen, die die eigene Person be- treffen […]“ (Möller & Trautwein, 2015, S. 178). Darüber hinaus wird für Selbstkonzepte diskutiert, ob sie neben kognitiv-evaluativen auch affektive Elemente beinhalten (Möller & Köller, 2004). Selbstkonzepte gelten wie das Studieninteresse als domänen- spezifisch (Retelsdorf, Bauer, Gebauer, Kauper & Möller, 2014). Auch für dieses Konstrukt ist von einem Geschlechterunterschied auszugehen. Dies deshalb, weil Befunde zu Selbstkonzepten von Studierenden im Bereich Erziehung und Beratung auf Geschlech- terunterschiede in der Ausprägung des bildungswissenschaftlichen Selbstkonzepts hinweisen (Retelsdorf et al., 2014). Für einen Ge- schlechterunterschied sprechen auch die Ergebnisse von Mummen- dey, Albers und Sturm (1985). Zudem wird ein Zusammenhang zwischen dem Selbstkonzept und dem Interesse postuliert. So dürfte das Selbstkonzept das Studi- eninteresse von Sportstudierenden über die Wertkomponente des Interesses beeinflussen: Ein positives domänenbezogenes Selbst- konzept führt dazu, dass das Individuum die Auseinandersetzung mit Aufgaben in diesem Bereich als emotional positiver erlebt und diesen Bereich wichtiger findet. Diese Wertzuschreibung motiviert „die Person zur Auseinandersetzung mit dieser Domäne“ (Möller & Trautwein, 2015, S. 195). Theoretisch ist daher anzunehmen, dass zwischen dem Selbst- konzept in Bezug auf die Studienfächer sowie Bildungswissen- schaften und dem Interesse an den jeweiligen Gegenstands- bzw. Studienbereichen ein positiver Zusammenhang existiert (Hellmich & Janke-Klein, 2008; Möller & Trautwein, 2015). Befunde aus den schulischen Bereichen, die den Zusammenhang von Interesse und Selbstkonzept domänenbezogen untersucht haben, unterstützen diese Vermutung (Marsh et al., 2005; Gogoll, 2010). Für angehende Sportlehrkräfte liegen hierzu jedoch noch keine Ergebnisse vor. Die Zielsetzung der vorliegenden Studie besteht darin, das In- teresse am Studienfach Sport sowie an Bildungswissenschaften von angehenden Sportlehrkräften sowie ihre studienbereichsbezogenen Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) 18 CC BY 3.0 DE Interesse Selbstkonzept Lehramt Sport · Fischer, Raven, Ohlert Selbstkonzepte zu erheben. In Anlehnung an bestehende Befunde zum Studieneingangsinteresse (Fischer, Holzamer & Meier, 2017) wird angenommen, dass (1) das Interesse am Studienfach Sport hö- her ausgeprägt ist, als das Interesse an den Bildungswissenschaften. Hinsichtlich der studienbereichsbezogenen Selbstkonzepte ist auf- grund der sportbezogenen Lebensbiografie angehender Sportlehr- kräfte sowie der vergleichsweise guten Prüfungsnoten im Studium in der Regel (2) von eher einem positiv ausgeprägten Selbstkonzept für das Studienfach Sport auszugehen, während das Selbstkonzept im Bereich Bildungswissenschaften weniger ausgeprägt sein sollte. Weiterhin werden aufgrund der vorliegenden Studienergebnisse geschlechtsspezifische Unterschiede sowohl (3) beim Interesse an den Bildungswissenschaften als auch (4) beim diesbezüglichen Selbstkonzept in dem Sinne erwartet, dass weibliche Studierende ein höheres Interesse sowie positiveres Selbstkonzept zeigen soll- ten als männliche. Erwartet wird zudem (5) ein Zusammenhang zwischen dem Interesse an den jeweiligen Studieninhalten und dem entsprechenden Selbstkonzept. METHODE Teilnehmende Befragt wurden 105 Sportstudierende eines Universitätsstandorts, die im Durchschnitt seit 4.4 Semestern (SD = 1.0) einen Bachelor- studiengang mit dem Ziel Lehramt studierten. Ausgewählt wurden bewusst Studierende eines höheren Semesters, um die Gefahr der Erhebung des Studieninteresses als Interesse an rein antizipierten Studieninhalten zu reduzieren. Das Alter der Studierenden lag zwi- schen 19 und 28 Jahren (M = 22.3 Jahre, SD = 1.8). Die Mehrheit von ihnen studierte für ein Lehramt Gymnasium/Gesamtschule (64 %) und war männlich (58 %). Instrumente Interesse. Zur Erfassung des fachlichen Interesses wurde auf Skalen aus der Palea-Studie zurückgegriffen (Kauper, Retelsdorf, Bauer, Rösler, Möller, & Prenzel, 2012). Die Skala deckt die drei theoretisch zu differenzierenden Inhaltsmerkmale von Interesse auf insgesamt sechs Items ab, jedoch werden diese Faktoren in der empirischen Auswertung in der Regel nicht unterschieden. Die Skala wurde ge- genüber der Palea-Studie insofern modifiziert eingesetzt, als nicht nach Studienfächern allgemein, sondern jeweils gezielt nach einem konkreten Studienbereich (Sport, Bildungswissenschaften) gefragt wurde. Zur Beantwortung wurde eine vierstufige Likert-Skala (1 = trifft überhaupt nicht zu, 4 = trifft völlig zu) verwendet. Das Cron- bachs Alpha für die vorliegende Stichprobe lag für Fragen zum Stu- dienfach Sport bei gerade noch akzeptablen .60 (Bühner, 2011), für die Fragen zu Bildungswissenschaften bei .88. Selbstkonzept. Die Erhebung des Selbstkonzeptes erfolgte eben- falls mittels einer Skala aus der Palea-Studie (Kauper et al., 2012). Diese erfasst über vier Items die kognitiv-evaluativen Elemente des Selbstkonzeptes. Auf diese Weise kann eine eindeutige Trennung zum Konstrukt des Interesses vorgenommen werden (Retelsdorf et Tabelle 1: Mittelwerte und Standardabweichungen der relevanten Konstrukte für die Gesamtgruppe sowie getrennt nach Geschlecht. Interesse Selbstkonzept Gesamt M (SD) Männlich M (SD) Weiblich M (SD) Gesamt M (SD) Männlich M (SD) Weiblich M (SD) Studienfach Sport 3.26 (0.42) 3.22 (0.43) 3.33 (0.41) 3.47 (0.39) 3.49 (0.40) 3.44 (0.39) Bildungswissenschaften 2.24 (0.66) 2.12 (0.68) 2.39 (0.61) 2.84 (0.44) 2.78 (0.47) 2.91 (0.40) Tabelle 2: Korrelationen zwischen den verschiedenen Konstrukten für die Gesamtstichprobe. Interesse Sport Selbstkonzept Sport Interesse Bildungs- wissenschaften Selbstkonzept Bil- dungswissenschaften Interesse Sport - Selbstkonzept Sport .41** - Interesse Bildungswissenschaften .26** -.06 - Selbstkonzept Bildungswissenschaften .27** .43** .47** - ** signifikante Korrelation, p < .01 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) 19 DOI: 10.25847/zsls.2020.023 Interesse Selbstkonzept Lehramt Sport · Fischer, Raven, Ohlert al., 2014). Die Beantwortung erfolgte ebenfalls auf einer vierstufi- gen Likert-Skala (1 = trifft überhaupt nicht zu, 4 = trifft völlig zu). Auch diese Skala wurde gegenüber der Palea-Studie modifiziert ein- gesetzt, und nicht nach Studienfächern allgemein, sondern jeweils gezielt nach einem konkreten Studienbereich (Sport, Bildungswis- senschaften) gefragt. Für die vorliegende Stichprobe lag das Cron- bachs Alpha bei den Fragen zum Studienfach Sport bei .60, für die Bildungswissenschaften bei .80. Durchführung Die Datenerhebung erfolgte im Rahmen verschiedener regulärer Un- terrichtsveranstaltungen eines Universitätsstandorts mittels eines papierbasierten Fragebogens und wurde während der Unterrichts- zeit als Befragung in einer Gruppensituation durchgeführt. Die Teilnehmenden wurden darauf hingewiesen, dass die Teilnahme an der Studie freiwillig sei, dass sie die Beantwortung des Fragebogens jederzeit unterbrechen könnten und dass die Nichtteilnahme keine negativen Konsequenzen haben würde. Die Teilnehmenden erhiel- ten keinerlei Vergütung für ihre Studienteilnahme. DATENANALYSE Alle Daten wurden in das Statistik-Analyseprogramm SPSS 24 ein- gegeben. Alle weiteren Analysen fanden mit diesem Programm statt. Die Skalenwerte für Interesse und Selbstkonzept wurden je- weils über Mittelwerte errechnet. Zur Analyse des Zusammenhangs zwischen fachspezifischem Interesse und Selbstkonzept wurden Korrelationen nach Pearson verwendet. Zur Überprüfung der Un- terschiedshypothesen wurde eine multivariate Varianzanalyse mit Messwiederholung berechnet (Messwiederholungsfaktor: Studien- bereich; unabhängige Variable: Geschlecht; abhängige Variablen: Interesse und Selbstkonzept). Da es sich um eine Gelegenheitsstichprobe handelte, wurde keine a priori-Poweranalyse zur Berechnung der notwendigen Stichpro- bengröße durchgeführt. Die a posteriori durchgeführte Powerana- lyse ergab für den signifikanten Haupteffekt des Studienbereichs bei der vorliegenden Fallzahl und gegebenen Effektstärke eine Power von 1.0. ERGEBNISSE Mittelwerte, Standardabweichungen sowie Interkorrelation der Konstrukte Insgesamt zeigten die Mittelwerte bei allen erfassten Konstrukten Werte im mittleren bis oberen Bereich der verwendeten Skalen (siehe Tabelle 1). Zudem ist festzustellen, dass die Standardabwei- chung vergleichsweise gering ausfiel und nur beim Interesse für die Bildungswissenschaften etwas höher lag als für die anderen Konst- rukte. Bei den Korrelationen zwischen den Variablen (siehe Tabelle 2) ergaben sich wie erwartet mittlere Zusammenhänge zwischen dem Interesse am jeweiligen Studienbereich und dem bereichsspezifi- schen Selbstkonzept. Weiterhin korrelierten auch die Selbstkonzep- te zu den beiden erfassten Bereichen mit mittlerer Größenordnung. Etwas niedriger lagen die Korrelation der beiden Interessensberei- che sowie der Zusammenhang zwischen Selbstkonzept Bildungswis- senschaften und Interesse am Studienanteil Sport. Für das Selbst- konzept bezüglich des Studienfachs Sport sowie das Interesse an den Bildungswissenschaften ergab sich kein Zusammenhang. Studienbereichsbezogene und geschlechtsbezo- gene Unterschiede In der multivariaten Varianzanalyse mit Messwiederholung ergab sich zunächst auf der multivariaten Ebene nach Hotelling-Spur- Kriterium ein signifikanter Haupteffekt des Studienbereichs mit einer hohen Effektstärke (Sport vs. Bildungswissenschaften; F(2,100) = 144.07, p < .001, η²(part) = .74). Der Haupteffekt des Geschlechts wurde ebenso wenig signifikant (F(2,100) = 2.75, p = .069, η²(part) = .05) wie die Interaktion Studienbereich * Geschlecht (F(2,100) = 2.36, p = .099, η²(part) = .05). Auf univariater Ebene konnte nach Huynh-Feldt-Korrektur für das Interesse zunächst ein signifikanter Haupteffekt des Studienbe- reichs mit hoher Effektstärke gefunden werden (F(1,101) = 243.55, p < .001, η²(part) = .71), wobei das Interesse für das Studienfach Sport si- gnifikant höher war als für die Bildungswissenschaften. Gleichzeitig ließ sich ein signifikanter Geschlechtereffekt (geringe Effektstärke) nachweisen (F(1,101) = 5.34, p = .023, η²(part) = .05), denn weibliche Studierende zeigten ein höheres Interesse an beiden Studienberei- chen als männliche. Die Interaktion wurde nicht signifikant (F(1,101) = 2.17, p = .144). Bezüglich des Selbstkonzepts konnte auf univariater Ebene der Haupteffekt des Geschlechts nicht gefunden werden (F(1,101) = 0.20, p = .656). Signifikant wurde auch hier der Haupteffekt des Studienbe- reichs mit hoher Effektstärke (F(1,101) = 203.92, p < .001, η²(part) = .67), wobei ebenso wie beim Interesse das Selbstkonzept für Sport posi- tiver ausgeprägt war als das Selbstkonzept für die Bildungswissen- schaften. Zusätzlich ergab sich beim Selbstkonzept ein signifikanter Interaktionseffekt Studienbereich * Geschlecht (F(1,101) = 4.64, p = .034, η²(part) = .04; geringe Effektstärke). Um zu überprüfen, durch welche Effektkonstellation sich der signifikante Interaktionseffekt ergibt, wurden anschließend zwei T-Tests durchgeführt. Es ergab sich ein signifikanter Unterschied in der Differenz der Selbstkonzepte zwischen weiblichen und männlichen Studierenden. Bei männlichen Studierenden ergab sich im Durchschnitt ein Unterschied zwischen den beiden Selbstkonzepten von 0.72 Skalenpunkten (SD = 0.46), während er bei weiblichen Studierenden signifikant geringer war mit 0.53 Skalenpunkten (SD = 0.41; t(101) = 2.15, p = .034, d = 0.43). DISKUSSION Ziel der vorliegenden Studie war es, das Interesse und Selbstkonzept von Studierenden des Lehramts Sport bezogen auf das Studienfach Sport sowie die Bildungswissenschaften zu erfassen. Weiterhin sollten Geschlechtsunterschiede analysiert werden. Entsprechend der Erwartungen wurde bei den Studierenden ein höheres Interesse sowie ein positiveres Selbstkonzept bezogen auf das Fach Sport im Vergleich mit den Bildungswissenschaften gefunden. Nicht erwartet war hingegen die Tatsache, dass weibliche Studierende sowohl für 20 CC BY 3.0 DE Interesse Selbstkonzept Lehramt Sport · Fischer, Raven, Ohlert Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) das Fach Sport als auch für die Bildungswissenschaften ein höheres Interesse zeigten als männliche Studierende. Zuletzt ergab sich, dass der Unterschied in den Selbstkonzepten für die beiden unter- suchten Teilstudiengänge bei männlichen Studierenden höher aus- geprägt war als bei weiblichen. Die korrelativen Befunde der vorliegenden Studie zeigen zu- nächst erwartungskonform einen Zusammenhang zwischen den bei- den Konstrukten Interesse und Selbstkonzept. Diese ist im mittleren Bereich angesiedelt, sodass sich die beiden Konstrukte trotz des Zusammenhangs konzeptuell voneinander trennen lassen. Auffällig ist bei den korrelativen Befunden die Höhe des Zusammenhangs zwischen den Selbstkonzepten, insbesondere im Vergleich zum Studieninteresse. Retelsdorf et al. (2014), die ebenfalls Selbstkon- zepte erfasst haben, fanden zwischen dem fachlichen Selbstkonzept (als generalisiertes Selbstkonzept über die studierten Unterrichts- fächer) und verschiedenen berufsbezogenen Selbstkonzepten (Er- ziehung, Diagnostik, Innovation, Medien und Beratung) deutlich geringere Korrelationen (zwischen .13 und .26). Möglicherweise ist hierfür ein Standortspezifikum ursächlich. An der Universität, an der die Befragung durchgeführt worden ist, sind die Lehrenden der sportwissenschaftlichen Theorieveranstaltungen nicht selten auch in den Bildungswissenschaften tätig. Erwartbar ist es deshalb, dass Theorie-Praxisbezüge bildungswissenschaftlicher Inhalte oftmals anhand von Lehr-Lernsituationen im Sportunterricht hergestellt werden. Hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen dem Interesse an den verschiedenen Studienbereichen, dem fachlichen Interesse und dem pädagogischen Interesse, fanden Schiefele, Streblow und Retelsdorf (2013) bei einer Befragung von Lehrkräften einen ähnli- chen Zusammenhang wie in der vorliegenden Studie (.22). Dass Frauen insgesamt ein höheres Interesse an den bildungs- wissenschaftlichen Anteilen ihres Lehramtsstudiums haben als Männer, lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass Frauen im Durchschnitt eine höhere pädagogische Orientierung attestiert wird als Männern, welche sich auch bei Lehramtsstudierenden niederschlägt. Postuliert wird, „dass für Frauen der Umgang mit Menschen und die humanistische Zielsetzung, die der Hilfe und Betreuung von Menschen zugrunde liegt, eine hohe Bedeutung hat […]“ (Athenstaedt und Alfermann 2011, S. 10). Hierfür sprechen auch Befunde zur Studienwahlmotivation für die Aufnahme eines Lehramtsstudiums, die für ein höheres pädagogisches Eingangs- interesse von Frauen sprechen (Fischer, Paul & Bisterfeld, 2019). Für dieses pädagogische Eingangsinteresse widerherum lässt sich empirisch ein positiver Zusammenhang mit dem Interesse an den bildungswissenschaftlichen Inhalten des Studiums nachweisen (Rösler et al., 2013). Der weitere Befund, dass Frauen im Vergleich zu Männern auch ein höheres Selbstkonzept bezüglich der Bildungswissenschaften haben, steht in Einklang mit den Befunden von Retelsdorf et al. (2014). Die Autoren konnten bedeutsame Unterschiede hinsicht- lich der Selbstkonzepte „Erziehung und Beratung“ zugunsten von weiblichen Lehramtsstudierenden finden. In die gleiche Richtung deutet der gefundene Interaktionseffekt, denn bei den weiblichen Studierenden unterscheiden sich die Selbstkonzepte für Sport und Bildungswissenschaften nicht so stark wie für ihre männli- chen Pendants. Der Effekt lässt sich hierbei ausschließlich über die Geschlechterunterschiede im auf die Bildungswissenschaften bezogenen Selbstkonzept erklären, denn bei den männlichen Studierenden ist dieses deutlich geringer ausgeprägt als bei den weiblichen Studierenden, während die Selbstkonzepte hinsichtlich des Studienbereichs Sport auf dem gleichen Niveau liegen. Dies ist insofern von Relevanz, als beispielsweise Erziehen und Beraten fachübergreifende Anforderungen an Lehrkräfte darstellen; die diesbezüglichen Kompetenzen sollen im Rahmen des bildungswis- senschaftlichen Studiums entwickelt werden (KMK, 2019). Inwiefern hier das Interesse bedeutsam für die quantitative Ausprägung des Selbstkonzeptes ist, kann aufgrund des querschnittlichen Designs der Studie nicht beantwortet werden. Denkbar sind reziproke Bezie- hungen (Marsh et al., 2005). LIMITATIONEN Bei den Befunden ist einschränkend zu berücksichtigen, dass diese auf einer kleinen und standortspezifischen Stichprobe basieren. Des Weiteren lag die interne Konsistenz der eingesetzten Skala für das Interesse am Studienbereich Sport bei Cronbachs Alpha Werten von lediglich .60. Dies hängt möglicherweise mit der Frage nach der Generalität von Konstrukten zusammen. Beispielsweise stellt sich für das Studieninteresse hier die Frage, inwiefern sich das Interesse der Studierenden an den Inhalten ihres Sportstudiums auf die Domäne (breiter thematischer Bereich) oder nur auf einen Ausschnitt desselben bezieht. Hier kann angenommen werden, dass das Studium des Faches Sport eine Besonderheit gegenüber vielen anderen Fächern aufweist. Neben sogenannten Theorieveranstal- tungen in der Fachwissenschaft und der Fachdidaktik enthalten die curricularen Vorgaben zudem auch Lehrveranstaltungen im Bereich der Sportarten und Bewegungsfelder; sogenannte sportpraktische Veranstaltungen. Geprüft werden sollte, ob ein für das Studienfach Sport differenzierter Fragebogen entlang der drei genannten Berei- che des fachlichen Studiums geeigneter ist, um das Studieninteresse von Lehramtsstudierenden in diesem Studienbereich angemessen zu erfassen. Damit einher geht die Frage, ob Sportstudierende diese als unterschiedliche Anteile ihres (Sport-)Studiums wahrnehmen. Die in der universitären Lehrer*innenbildung getroffene Unterschei- dung zwischen Fachwissenschaft und Fachdidaktik ist unter der Berücksichtigung der Besonderheit von Lehrveranstaltungen im Bereich von Sportarten und Bewegungsfeldern durchaus problema- tisch. So werden in Letztgenannten u.a. sowohl fachdidaktische wie fachwissenschaftliche Wissensbestände vermittelt. Durch den spezi- fischen Ort des Lehr-Lernsettings (Sportstätte) und die Möglichkeit, dass die Studierenden ihrem Wunsch nachkommen können, neue Sportarten kennen zu lernen und sich eigenmotorisch zu verbes- sern, besteht gleichwohl die Problematik, dass Studierende dieses Studienelement in Abgrenzung zu sogenannten Theorieveranstal- tungen wahrnehmen könnten. Auch für das Selbstkonzept zeigt sich eine eher geringe inter- ne Konsistenz. Möglicherweise sind die Items auch hier zu global formuliert und berücksichtigen die Spezifität eines Sportstudiums nicht hinreichend. KONSEQUENZEN FÜR DIE PRAXIS Mit dem geringeren Interesse angehender Sportlehrkräfte an den Bildungswissenschaften gehen erste zumindest standortspezifische Konsequenzen für die universitäre Lehrer*innenbildung einher. Diese ist gefordert, sich mit Ansatzpunkten zur Förderung des In- teresses an diesem Studienbereich auseinanderzusetzen, denn das Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) 21 DOI: 10.25847/zsls.2020.023 Interesse Selbstkonzept Lehramt Sport · Fischer, Raven, Ohlert Interesse an bestimmten Studieninhalten ist nicht nur eine Voraus- setzung für, sondern auch eine Folge von universitären Bildungspro- zessen. Vergleichbares gilt auch für das Selbstkonzept – hier sollte der Fokus vor allem auf den männlichen Studierenden liegen. Gemäß der Personen-Gegenstands-Theorie beeinflussen Anreize bzw. Intentionen sowie Emotionen kurzfristig das Zuwendungs- und Vermeidungsverhalten und führen über die Zeit zu dispositionalen Präferenzen und Aversionen. Für Chen, Xihe, & Ang (2014) sind damit „novelty, challenge, attention demand, exploration, and instant enjoyment […]“ (p. 470) bedeutsame Ansatzpunkte für die Förderung des Interesses allgemein und damit auch des Interesses an den Bildungswissenschaften. Rustemeyer (2011) verweist auf die Bedeutung der Wahrnehmung der Nützlichkeit. Selbstkonzepte las- sen sich fördern, indem beispielsweise individuelle Lernfortschritte sichtbar gemacht werden und in Lehr-Lernsituationen verschiedene Formen der Prädikatenzuweisung adäquat berücksichtigt werden (Möller & Trautwein, 2015). Grenzen hinsichtlich der Förderung des (domänenbezogenen) Selbstkonzepts ergeben sich sicherlich durch die oft ungünstigen Bedingungen an einer Massenuniversi- tät: Insbesondere das Format der Vorlesung, aber auch Seminare mit sehr hohen Teilnehmerzahlen erschweren es den Dozierenden, selbstkonzeptfördernde Maßnahmen umzusetzen. Hier könnte die Digitalisierung der universitären Lehre mit ihren vielseitigen Mög- lichkeiten über individuelle Rückmeldungen für die Studierenden eine sinnvolle Ergänzung sein. Darüber, inwieweit solche hier nur angedeuteten Studienbedingungen ihrerseits jedoch tatsächlich (distale) Prädiktoren für das Selbstkonzept und das Studieninteres- se sind, kann nur spekuliert werden. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die vorlie- gende Studie Anlass dazu gibt, anzunehmen, dass Sportstudierende mit dem Berufsziel Lehrkraft an einer Schule über ein höheres Stu- dieninteresse und ein positiveres Selbstkonzept für das Studienfach Sport verfügen als für die Bildungswissenschaften. Dies legt für die Lehrer*innenbildung nahe, spezifische theorie- und empiriebasier- te (hochschuldidaktische) Maßnahmen zur Förderung des Interesses vor allem an den bildungswissenschaftlichen Lehrveranstaltungen und des diesbezüglichen Selbstkonzepts aufzugreifen. Sollten sich die Befunde in weiteren Studien bestätigen, dann ist hierbei zu berücksichtigen, dass die studiengangsbezogenen Unterschiede für das Selbstkonzept bei männlichen Studierenden deutlich ausge- prägter sind. LITERATURVERZEICHNIS Abele, A. E. (2003). Geschlecht, geschlechtsbezogenes Selbstkonzept und Berufserfolg. Zeitschrift für Sozialpsychologie, 34(3), 161–172. https://doi.org/10.1024//0044-3514.34.3.161 Athenstaedt, U. & Alfermann, D. (2011). Geschlechterrollen und ihre Folgen. Eine sozialpsychologische Betrachtung. Stuttgart: Kohlhammer. Berweger, S., Kappler, C., Keck Frei, A. & Bieri Buschor, C. (2015). Ge- schlechtsuntypische Laufbahnpläne – Wie interessant ist der Lehrerberuf für Gymnasiasten? Schweizerische Zeitschrift für Bildungswissenschaften, 37 (2), 321-339. Bühner, M. (2011). Einführung in die Test- und Fragebogenkonstruktion (2. Aufl.). München: Pearson Studium. Chen, S., Haichun, S., Xihe, Z. & Ang, C. (2014). 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  • ZSLS-02-2020-S15-22.pdf
    Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) 15 DOI: 10.25847/zsls.2020.023 Interesse Selbstkonzept Lehramt Sport · Fischer, Raven, Ohlert Britta Fischer, Hanna Raven, Jeannine Ohlert ZUSAMMENFASSUNG Motivationale Faktoren haben eine zentrale Bedeutung für die Auswahl, Ausführung, Aufrechterhaltung und Regulierung von Handlungen und Verhalten. Eine wichtige Rolle im Hinblick auf Engagement und Motivation von Lehramtsstudierenden im Stu- dium spielen in diesem Kontext das Interesse an den Studieninhalten und die diesbe- züglichen Selbstkonzepte. In der vorliegenden Fragebogenstudie wurden 105 Studie- rende mit dem Studienfach Sport zu ihrem Interesse am Studienfach Sport und den Bildungswissenschaften sowie zu ihrem fachbezogenen und bildungswissenschaftli- chen Selbstkonzept befragt. Die Ergebnisse weisen auf ein höheres Interesse sowie auf ein positiveres Selbstkonzept bezogen auf das Studienfach Sport im Vergleich mit den Bildungswissenschaften hin. Zudem zeigten sich Geschlechtereffekte: Das Interesse an beiden Studienbereichen war bei weiblichen Studierenden höher ausgeprägt als bei männlichen, außerdem waren die studienbereichsbezogenen Unterschiede bezogen auf die Selbstkonzepte bei weiblichen Studierenden geringer. Aus den Ergebnissen lassen sich Konsequenzen für die universitäre Lehrer*innenbildung ableiten. Interest and self-concept of P.E. teacher trainees Abstract: Motivational factors are of central importance for the selection, execution, maintenance and regulation of actions and behavior. It can therefore be concluded that an interest in the study content and the relevant self-concepts play an important role with regard to commitment and motivation of P.E. teacher trainees during their degree. In the present questionnaire-based study, 105 P.E. students studying sport were asked about their interest in the subject sport, educational science and in their subject-related and educational self-concept. The results indicate a higher level of interest and a more positive self-concept in relation to the subject physical education compared to the educational sciences. There were also gender effects: the interest in both fields of study was more pronounced among female students than among male students and the differences relating to self-concepts were lower among female stu- dents. Consequences for university teacher training can be derived from the results. Interesse und Selbstkonzept von Lehramtsstudierenden mit dem Studienfach Sport Der studierendenseitige Erwerb von fachlichem wie von bildungswissenschaftlichem Professionswissen ist ein zentrales Ziel der universitären Lehrer*innenbildung. In- wiefern sich Studierende die entsprechenden Wissensbestände tatsächlich aneignen, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Auf Seiten der angehenden Lehrkräfte dürften gemäß aktueller Modellvorstellung- en zum Erwerb professioneller Kompetenz diesbezüglich nicht nur kognitive Fähigkei- korrespondierende Autorin Dr. Hanna Raven Deutsche Sporthochschule Köln Psychologisches Institut, Abteilung Gesundheit und Sozialpsychologie Am Sportpark Müngersdorf 6 50933 Köln E-Mail: h.raven@dshs-koeln.de Tel.: +49 221 4982 5530 Prof. Dr. Britta Fischer Institut für Sportwissenschaft Philosophische Fakultät Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Olshausenstraße 74 24098 Kiel E-Mail: britta.fischer@email.uni-kiel.de Tel.:+49 431 880-5370 Dr. Jeannine Ohlert Das Deutsche Forschungszentrum für Leis- tungssport - momentum - (Psychologie) Zentrum für Sportlehrer*innenbildung Deutsche Sporthochschule Köln Am Sportpark Müngersdorf 6 50933 Köln E-Mail: j.ohlert@dshs-koeln.de Tel.: +49 221 4982 8728 Schlüsselwörter Interesse; Selbstkonzept; Motivation; Studie- rende; Lehramt; Sportunterricht Keywords interest; self-concept; motivation; students; teaching position; physical education (P.E.) Zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt: Fischer, B., Raven, H., Ohlert, J. (2020), Interesse und Selbstkonzept von Lehramts- studierenden mit dem Studienfach Sport. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sport- wissenschaft 3 (2), 15-22. Interesse und Selbstkonzept von Lehramts- studierenden mit dem Studienfach Sport Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) 16 CC BY 3.0 DE Interesse Selbstkonzept Lehramt Sport · Fischer, Raven, Ohlert ten oder Merkmale der Persönlichkeit relevant sein, sondern auch motivationale Faktoren (Voss, Kunina-Habenicht, Hoehne & Kunter, 2015) wie das Interesse am Studienfach oder auch das fachbezo- gene Selbstkonzept. Ausgegangen wird davon, dass motivationale Orientierungen eine entscheidende Bedeutung für die Auswahl, Ausführung, Aufrechterhaltung und Regulierung von Handlungen und Verhalten haben (Gebauer, 2013). Bei Lehramtsstudierenden kann vermutet werden, dass inner- halb ihres Zwei-Fächer-Studiums mit dem weiteren Studienbereich Bildungswissenschaften die motivationalen Faktoren nicht für alle drei Studienbereiche des Lehramts gleich ausgeprägt sind. Das Ziel dieser Arbeit war es daher, den Unterschied von Interesse und Selbstkonzept bei Lehramtsstudierenden zwischen dem Studienfach Sport sowie den fachübergreifenden Bildungswissenschaften unter Hinzunahme von möglichen Geschlechterunterschieden zu unter- suchen. Letztgenanntes, weil insbesondere das Interesse und das Selbstkonzept bezüglich des bildungswissenschaftlichen Teilstu- diengangs geschlechtsspezifischen Einflüssen unterliegen dürfte (Athenstaedt & Alfermann 2011). Der Beitrag erweitert bisherige empirische Befunde zum Interesse von angehenden Sportlehrkräf- ten an den Inhalten der universitären Lehrer*innenbildung sowie zu ihren Selbstkonzepten (Rössler, Zimmermann, Bauer, Möller & Köl- ler, 2013; Rösler, Zimmermann, Bauer, Möller & Retelsdorf, 2016), indem Studienbereiche verglichen werden. Da für das Fach Sport Wahlfreiheit besteht, jedoch nicht für den bildungswissenschaft- lichen Studienanteil, sind Unterschiede im jeweiligen Interesse und Selbstkonzept erwartbar. Wigfield und Eccles (2000) zufolge basieren Wahlentscheidungen unter anderem auf Interesse und den Vorstellungen von den eigenen gegenstandsbezogenen Fähig- keiten. Unterschiede in der quantitativen Ausprägung des studienbe- reichsspezifischen Interesses bzw. des Selbstkonzepts sind im Hin- blick auf die professionelle Entwicklung angehender Sportlehrkräfte bedeutsam, da beide Faktoren zudem als Prädiktoren für die Nutzung der jeweiligen formellen universitären Lerngelegenheiten und den Kompetenzerwerb gelten. Spätere Sportlehrkräfte benötigen für die Bewältigung der im Beruf an sie gestellten Anforderungen beides sowohl fachbezogene wie auch allgemeine bildungswissenschaftli- che Kompetenzen (KMK, 2019). Folglich kommt der universitären Lehrer*innenbildung die Aufgabe zu, sich mit Ansatzpunkten für die Förderung der Kompetenzentwicklung in den unterschiedlichen Stu- dienbereichen auseinanderzusetzen. Ein unterschiedliches Ausmaß des Interesses und Selbstkonzepts stellt einen Ansatzpunkt hierfür dar, mit dem hochschuldidaktisch unterschiedliche Anforderungen einhergehen. Studieninteresse und Selbstkonzept Ein motivationales Konstrukt, das „direkt und indirekt mit der Qualität und den Effekten des Lernens in Zusammenhang“ (Müller, 2006, S. 53) gebracht wird, ist das Interesse einer Person. Krapp (1999, S. 396) definiert das Konstrukt Interesse im Rahmen der Person-Gegenstands-Theorie des Interesses als „[…] Beziehung einer Person zu und die Auseinandersetzung mit erfahrbaren Aus- schnitten ihrer Umwelt.“ Interesse geht nach dieser Definition mit Bezug auf die Selbstbestimmungstheorie der Motivation nach Deci und Ryan (2000) eng mit hoher Selbstbestimmung und daher mit intrinsischer Motivation einher. Interessiert sich eine Person von sich aus für einen bestimmten Lerngegenstand, so wird sie sich da- mit identifizieren. Diese Identifikation führt zu einer hohen erlebten Selbstbestimmung in Bezug auf den Lerngegenstand und damit zu intrinsisch motiviertem Verhalten. Dieses stellt sowohl eine Bedin- gung für als auch das Ergebnis lebenslangen Lernens dar. In Bezug auf das Studieninteresse ist anzunehmen, dass diejenigen Studie- renden, die sich für die Inhalte eines Studiums interessieren, mit höherer Wahrscheinlichkeit selbstständig (zusätzliche) universitäre Lehrveranstaltungsangebote nutzen werden. Nach Krapp (2007) lassen sich drei zentrale Merkmalskomponen- ten von Interesse unterscheiden: die emotionale, die wertbezogene und die intrinsische Komponente. Die emotionale Merkmalskompo- nente bezieht sich auf mit dem Interessengegenstand verknüpfte positive Emotionen. „Etwas gerne tun“ geht im Sinne der Selbst- bestimmungstheorie der Motivation (Deci & Ryan, 2000) mit der Befriedigung der drei psychologischen Grundbedürfnisse nach Au- tonomie, Kompetenz und Beziehung einher (Krapp, 2007). Die wert- bezogene Merkmalskomponente von Interesse dagegen bezieht sich darauf, „dass der Interessengegenstand für die Person eine heraus- gehobene subjektive Bedeutung besitzt“ (Krapp, 1999, S. 399). Im Gegensatz zur emotionalen Komponente können hierbei rationale Entscheidungen eine zentrale Rolle spielen (Rustemeyer, 2011). Mit dem intrinsischen Charakter von Interesse wird ausgedrückt, dass sich die beiden Arten von Valenzen direkt auf den Gegenstand bzw. die Handlung beziehen. Sie treten aufgrund eines handlungs- immanenten Anreizes auf und nicht deshalb, „weil der Gegenstand mit anderen Sachverhalten in Verbindung steht, denen der eigent- liche Wert und die positiven Gefühle zukommen“ (Schiefele, Krapp, Wild & Winteler, 1993, S. 337). Das Kriterium des intrinsischen Charakters schließt bezogen auf die Person jedoch nicht aus, dass „das Handlungsergebnis einen Nutzen außerhalb des aktuellen Tätigkeitsvollzugs erbringt, solange diese [...] Vergünstigungen [...] nicht als Kontrolle aufgefasst werden, die das Gefühl absolut autonomen Handelns beeinträchtigen“ (Krapp, 1992, S. 314-315). Im Hinblick auf den Gegenstand bedeutet „intrinsisch“, dass die Interessenshandlung sich auf Sachverhalte bezieht, die aus der Sicht des Individuums zum Gegenstandsbereich seines Interesses gehören. Vor diesen theoretischen Annahmen ist davon auszugehen, dass das Interesse an Lerninhalten sowohl die Auswahl von Lern- möglichkeiten beeinflussen, als auch das Engagement in konkreten Lernsituationen (Ferdinand, 2014). So verweist auch Müller (2006) darauf, dass das thematische Interesse von Lernenden mit einer höheren Anstrengungs- und Lernbereitschaft sowie einer höheren Zielbindung oder Zielerreichung in Zusammenhang steht, es wirkt also motivational. Des Weiteren gibt es „empirische Evidenz dafür, dass Interesse mit einer stärkeren Elaboration und Verknüpfung ak- tueller Lerninhalte mit dem individuellen Vorwissen in Verbindung steht“ (Rösler et al., 2013, S. 26). Interesse geht demzufolge auch mit einer qualitativ hochwertigeren Verarbeitung von Lerninhalten einher. Obwohl dem professionsspezifischen Interesse somit eine hohe Relevanz für den Studienerfolg zugesprochen wird, fehlen weitgehend Studien, die sich speziell mit dem Studieninteresse von Lehramtsstudierenden als Interesse an den realen Inhalten uni- versitärer Studiengänge auseinandersetzen (Rössler et al., 2013; Rösler et al., 2016). Rösler und Kolleg*innen (2016, S. 92) äußern in Bezug auf das Studieninteresse, dass das fachliche und bildungswissenschaftliche Studium in der inhaltlichen Ausrichtung „deutlich voneinander getrennt [sind], sodass zu erwarten ist, dass Studierende diese Be- reiche als verschiedene Studienumwelten erleben.“ Folglich sollte das Interesse nach Studienbereichen differenzierbar sein. Fragt Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) 17 DOI: 10.25847/zsls.2020.023 Interesse Selbstkonzept Lehramt Sport · Fischer, Raven, Ohlert man danach, welche domänenbezogenen Interessen Lehramts- studierende aufweisen, dann ist es plausibel, dass diese ein hoch ausgeprägtes studienfachbezogenes Interesse haben, denn hin- sichtlich der Fächerwahl besteht Entscheidungsfreiheit. Für Sport- studierende liegen diesbezüglich keine empirischen Befunde vor, jedoch verweisen Befunde zur Relevanz des fachlichen Interesses bei der Studienwahlmotivation im Sinne eines in das Studium mit eingebrachten Interesses auf günstige Interessensausprägungen hin (Fischer & Bisterfeld, 2015; Fischer, Holzamer & Meier, 2017). Rösler et al. (2016) konnten fachunspezifisch einen Zusammen- hang zwischen fachlichem Eingangsinteresse und dem Interesse an den Inhalten des fachlichen Studiums zeigen. Gleichwohl ist das mit ins Studium eingebrachte fachliche Interesse nicht zwingend identisch mit den Inhalten des Studiums. Bei Sportstudierenden scheint oftmals das fachliche Eingangsinteresse vorrangig darin zu bestehen, selbst Sport zu treiben und weniger in der, im Studium verankerten, reflektierten, theoretischen Auseinandersetzung mit dem fachlichen Gegenstand Sport zu liegen (Weiß & Kiel, 2010). Während ihres Studiums sind Sportstudierende dann jedoch mit un- terschiedlichen Lehr-Lernangeboten und Anforderungen konfron- tiert. „Sie können und müssen ihre sportlichen Interessen vertie- fen, ihr Bewegungsrepertoire erweitern und sich mit Erkenntnissen und Erkenntnisweisen unterschiedlicher sportwissenschaftlicher Disziplinen auseinandersetzen. Dabei sind [durchaus] zwei ge- genläufige Entwicklungstendenzen erkennbar, nämlich einerseits eine bewegungskulturelle Zentralisierung und andererseits eine fachwissenschaftliche Dezentralisierung“ (Schierz & Miethling, 2017, S. 57). Im Hinblick auf das Interesse an den Studieninhalten sollten daher Lehramtsstudierende mit dem Unterrichtsfach Sport gesondert betrachtet werden. In Bezug auf die bildungswissenschaftlichen Studien ist hin- sichtlich des domänenbezogenen Interesses zu berücksichtigen, dass für dieses Studienelement keine Wahlfreiheit besteht. Da der Faktor der Autonomie nach der Selbstbestimmungstheorie der Motivation (Deci & Ryan, 2000) eng mit höherer Selbstbestimmung und somit auch mit dem Interesse verknüpft ist, kann vermutet werden, dass das Interesse für den bildungswissenschaftlichen Stu- dienbereich bei Lehramtsstudierenden geringer ausgeprägt ist als das Interesse an den Wahlfächern. Allerdings verweisen Befunde zur Studienwahlmotivation darauf, dass sich angehende Sportlehr- kräfte häufig nicht nur aufgrund des fachlichen Interesses, sondern auch aufgrund eines ausgeprägten pädagogischen Interesses für ein Lehramtsstudium entscheiden (Fischer & Bisterfeld, 2015; Fi- scher, Holzamer & Meier, 2017). Für dieses pädagogische Eingangs- interesse lässt sich für Lehramtsstudierende empirisch ein positiver Zusammenhang mit dem Interesse an den bildungswissenschaftli- chen Inhalten des Studiums nachweisen. Anscheinend gibt es auch hier „eine gemeinsame Schnittmenge“ (Rösler et al., 2013, S. 37). Für Studierende des Lehramts Sport wurde bislang jedoch noch nicht empirisch überprüft, inwiefern ein Unterschied im Grad des Interesses an den Studieninhalten zwischen den Bildungswissen- schaften und dem Studienfach Sport besteht. Das Studieneingangs- interesse und damit die diesbezüglich vorliegenden Befunde legen bestimmte Annahmen nahe, jedoch ist zu berücksichtigen, dass das Interesse an den Inhalten der verschiedenen Teilstudiengänge des Lehramtsstudiums auch durch andere Faktoren (z.B. wahrgenom- mene Unterstützung psychologischer Grundbedürfnisse) beein- flusst wird (Rösler et al., 2016). Gleichwohl deuten Befunde auch auf die Bedeutung des Ge- schlechts hin. Sie zeigen weiterhin, dass weibliche Studierende in der Regel ein stärker ausgeprägtes pädagogisches Studienein- gangsinteresse haben als ihre männlichen Kommilitonen (Kiel & Pollak, 2011; Berweger, Kappler, Keck Frei & Bieri Buschor, 2015). Auch Fischer, Paul und Bisterfeld (2018) zeigen in diesem Kontext ein höheres pädagogisches Interesse von Frauen in einer Untersu- chung von angehenden Sport- und Mathematiklehrkräften. Folglich sind geschlechtsspezifische Unterschiede bzw. Einflüsse in Bezug auf das Interesse am bildungswissenschaftlichen Studienbereich plausibel. Hierfür spricht auch die stärkere humanistische Orien- tierung von Frauen, welche ihren Ursprung vermutlich zumindest teilweise in gesellschaftlichen geschlechterstereotypen Zuschrei- bungen hat (Athenstaedt & Alfermann 2011; Eagly Wood & Diek- mann, 2000; Fiske, Cuddy, Glick & Xu, 2000). Jedoch wurde bislang ein diesbezüglicher Geschlechterunterschied nicht für Studierende des Lehramts Sport untersucht. Hiermit gingen jedoch Konsequen- zen zur Förderung der professionellen Entwicklung zukünftiger Sportlehrkräfte einher, insbesondere für jene Studiengänge, die (klassischerweise) über einen hohen Anteil an Männern verfügen. SELBSTKONZEPT Ein weiteres wichtiges motivationales Konstrukt im Zusammenhang mit Lernqualität und -effekten ist das Selbstkonzept. Selbstkonzep- te beschreiben mentale Repräsentationen im Sinne von „Vorstellun- gen, Einschätzungen und Bewertungen, die die eigene Person be- treffen […]“ (Möller & Trautwein, 2015, S. 178). Darüber hinaus wird für Selbstkonzepte diskutiert, ob sie neben kognitiv-evaluativen auch affektive Elemente beinhalten (Möller & Köller, 2004). Selbstkonzepte gelten wie das Studieninteresse als domänen- spezifisch (Retelsdorf, Bauer, Gebauer, Kauper & Möller, 2014). Auch für dieses Konstrukt ist von einem Geschlechterunterschied auszugehen. Dies deshalb, weil Befunde zu Selbstkonzepten von Studierenden im Bereich Erziehung und Beratung auf Geschlech- terunterschiede in der Ausprägung des bildungswissenschaftlichen Selbstkonzepts hinweisen (Retelsdorf et al., 2014). Für einen Ge- schlechterunterschied sprechen auch die Ergebnisse von Mummen- dey, Albers und Sturm (1985). Zudem wird ein Zusammenhang zwischen dem Selbstkonzept und dem Interesse postuliert. So dürfte das Selbstkonzept das Studi- eninteresse von Sportstudierenden über die Wertkomponente des Interesses beeinflussen: Ein positives domänenbezogenes Selbst- konzept führt dazu, dass das Individuum die Auseinandersetzung mit Aufgaben in diesem Bereich als emotional positiver erlebt und diesen Bereich wichtiger findet. Diese Wertzuschreibung motiviert „die Person zur Auseinandersetzung mit dieser Domäne“ (Möller & Trautwein, 2015, S. 195). Theoretisch ist daher anzunehmen, dass zwischen dem Selbst- konzept in Bezug auf die Studienfächer sowie Bildungswissen- schaften und dem Interesse an den jeweiligen Gegenstands- bzw. Studienbereichen ein positiver Zusammenhang existiert (Hellmich & Janke-Klein, 2008; Möller & Trautwein, 2015). Befunde aus den schulischen Bereichen, die den Zusammenhang von Interesse und Selbstkonzept domänenbezogen untersucht haben, unterstützen diese Vermutung (Marsh et al., 2005; Gogoll, 2010). Für angehende Sportlehrkräfte liegen hierzu jedoch noch keine Ergebnisse vor. Die Zielsetzung der vorliegenden Studie besteht darin, das In- teresse am Studienfach Sport sowie an Bildungswissenschaften von angehenden Sportlehrkräften sowie ihre studienbereichsbezogenen Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) 18 CC BY 3.0 DE Interesse Selbstkonzept Lehramt Sport · Fischer, Raven, Ohlert Selbstkonzepte zu erheben. In Anlehnung an bestehende Befunde zum Studieneingangsinteresse (Fischer, Holzamer & Meier, 2017) wird angenommen, dass (1) das Interesse am Studienfach Sport hö- her ausgeprägt ist, als das Interesse an den Bildungswissenschaften. Hinsichtlich der studienbereichsbezogenen Selbstkonzepte ist auf- grund der sportbezogenen Lebensbiografie angehender Sportlehr- kräfte sowie der vergleichsweise guten Prüfungsnoten im Studium in der Regel (2) von eher einem positiv ausgeprägten Selbstkonzept für das Studienfach Sport auszugehen, während das Selbstkonzept im Bereich Bildungswissenschaften weniger ausgeprägt sein sollte. Weiterhin werden aufgrund der vorliegenden Studienergebnisse geschlechtsspezifische Unterschiede sowohl (3) beim Interesse an den Bildungswissenschaften als auch (4) beim diesbezüglichen Selbstkonzept in dem Sinne erwartet, dass weibliche Studierende ein höheres Interesse sowie positiveres Selbstkonzept zeigen soll- ten als männliche. Erwartet wird zudem (5) ein Zusammenhang zwischen dem Interesse an den jeweiligen Studieninhalten und dem entsprechenden Selbstkonzept. METHODE Teilnehmende Befragt wurden 105 Sportstudierende eines Universitätsstandorts, die im Durchschnitt seit 4.4 Semestern (SD = 1.0) einen Bachelor- studiengang mit dem Ziel Lehramt studierten. Ausgewählt wurden bewusst Studierende eines höheren Semesters, um die Gefahr der Erhebung des Studieninteresses als Interesse an rein antizipierten Studieninhalten zu reduzieren. Das Alter der Studierenden lag zwi- schen 19 und 28 Jahren (M = 22.3 Jahre, SD = 1.8). Die Mehrheit von ihnen studierte für ein Lehramt Gymnasium/Gesamtschule (64 %) und war männlich (58 %). Instrumente Interesse. Zur Erfassung des fachlichen Interesses wurde auf Skalen aus der Palea-Studie zurückgegriffen (Kauper, Retelsdorf, Bauer, Rösler, Möller, & Prenzel, 2012). Die Skala deckt die drei theoretisch zu differenzierenden Inhaltsmerkmale von Interesse auf insgesamt sechs Items ab, jedoch werden diese Faktoren in der empirischen Auswertung in der Regel nicht unterschieden. Die Skala wurde ge- genüber der Palea-Studie insofern modifiziert eingesetzt, als nicht nach Studienfächern allgemein, sondern jeweils gezielt nach einem konkreten Studienbereich (Sport, Bildungswissenschaften) gefragt wurde. Zur Beantwortung wurde eine vierstufige Likert-Skala (1 = trifft überhaupt nicht zu, 4 = trifft völlig zu) verwendet. Das Cron- bachs Alpha für die vorliegende Stichprobe lag für Fragen zum Stu- dienfach Sport bei gerade noch akzeptablen .60 (Bühner, 2011), für die Fragen zu Bildungswissenschaften bei .88. Selbstkonzept. Die Erhebung des Selbstkonzeptes erfolgte eben- falls mittels einer Skala aus der Palea-Studie (Kauper et al., 2012). Diese erfasst über vier Items die kognitiv-evaluativen Elemente des Selbstkonzeptes. Auf diese Weise kann eine eindeutige Trennung zum Konstrukt des Interesses vorgenommen werden (Retelsdorf et Tabelle 1: Mittelwerte und Standardabweichungen der relevanten Konstrukte für die Gesamtgruppe sowie getrennt nach Geschlecht. Interesse Selbstkonzept Gesamt M (SD) Männlich M (SD) Weiblich M (SD) Gesamt M (SD) Männlich M (SD) Weiblich M (SD) Studienfach Sport 3.26 (0.42) 3.22 (0.43) 3.33 (0.41) 3.47 (0.39) 3.49 (0.40) 3.44 (0.39) Bildungswissenschaften 2.24 (0.66) 2.12 (0.68) 2.39 (0.61) 2.84 (0.44) 2.78 (0.47) 2.91 (0.40) Tabelle 2: Korrelationen zwischen den verschiedenen Konstrukten für die Gesamtstichprobe. Interesse Sport Selbstkonzept Sport Interesse Bildungs- wissenschaften Selbstkonzept Bil- dungswissenschaften Interesse Sport - Selbstkonzept Sport .41** - Interesse Bildungswissenschaften .26** -.06 - Selbstkonzept Bildungswissenschaften .27** .43** .47** - ** signifikante Korrelation, p < .01 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) 19 DOI: 10.25847/zsls.2020.023 Interesse Selbstkonzept Lehramt Sport · Fischer, Raven, Ohlert al., 2014). Die Beantwortung erfolgte ebenfalls auf einer vierstufi- gen Likert-Skala (1 = trifft überhaupt nicht zu, 4 = trifft völlig zu). Auch diese Skala wurde gegenüber der Palea-Studie modifiziert ein- gesetzt, und nicht nach Studienfächern allgemein, sondern jeweils gezielt nach einem konkreten Studienbereich (Sport, Bildungswis- senschaften) gefragt. Für die vorliegende Stichprobe lag das Cron- bachs Alpha bei den Fragen zum Studienfach Sport bei .60, für die Bildungswissenschaften bei .80. Durchführung Die Datenerhebung erfolgte im Rahmen verschiedener regulärer Un- terrichtsveranstaltungen eines Universitätsstandorts mittels eines papierbasierten Fragebogens und wurde während der Unterrichts- zeit als Befragung in einer Gruppensituation durchgeführt. Die Teilnehmenden wurden darauf hingewiesen, dass die Teilnahme an der Studie freiwillig sei, dass sie die Beantwortung des Fragebogens jederzeit unterbrechen könnten und dass die Nichtteilnahme keine negativen Konsequenzen haben würde. Die Teilnehmenden erhiel- ten keinerlei Vergütung für ihre Studienteilnahme. DATENANALYSE Alle Daten wurden in das Statistik-Analyseprogramm SPSS 24 ein- gegeben. Alle weiteren Analysen fanden mit diesem Programm statt. Die Skalenwerte für Interesse und Selbstkonzept wurden je- weils über Mittelwerte errechnet. Zur Analyse des Zusammenhangs zwischen fachspezifischem Interesse und Selbstkonzept wurden Korrelationen nach Pearson verwendet. Zur Überprüfung der Un- terschiedshypothesen wurde eine multivariate Varianzanalyse mit Messwiederholung berechnet (Messwiederholungsfaktor: Studien- bereich; unabhängige Variable: Geschlecht; abhängige Variablen: Interesse und Selbstkonzept). Da es sich um eine Gelegenheitsstichprobe handelte, wurde keine a priori-Poweranalyse zur Berechnung der notwendigen Stichpro- bengröße durchgeführt. Die a posteriori durchgeführte Powerana- lyse ergab für den signifikanten Haupteffekt des Studienbereichs bei der vorliegenden Fallzahl und gegebenen Effektstärke eine Power von 1.0. ERGEBNISSE Mittelwerte, Standardabweichungen sowie Interkorrelation der Konstrukte Insgesamt zeigten die Mittelwerte bei allen erfassten Konstrukten Werte im mittleren bis oberen Bereich der verwendeten Skalen (siehe Tabelle 1). Zudem ist festzustellen, dass die Standardabwei- chung vergleichsweise gering ausfiel und nur beim Interesse für die Bildungswissenschaften etwas höher lag als für die anderen Konst- rukte. Bei den Korrelationen zwischen den Variablen (siehe Tabelle 2) ergaben sich wie erwartet mittlere Zusammenhänge zwischen dem Interesse am jeweiligen Studienbereich und dem bereichsspezifi- schen Selbstkonzept. Weiterhin korrelierten auch die Selbstkonzep- te zu den beiden erfassten Bereichen mit mittlerer Größenordnung. Etwas niedriger lagen die Korrelation der beiden Interessensberei- che sowie der Zusammenhang zwischen Selbstkonzept Bildungswis- senschaften und Interesse am Studienanteil Sport. Für das Selbst- konzept bezüglich des Studienfachs Sport sowie das Interesse an den Bildungswissenschaften ergab sich kein Zusammenhang. Studienbereichsbezogene und geschlechtsbezo- gene Unterschiede In der multivariaten Varianzanalyse mit Messwiederholung ergab sich zunächst auf der multivariaten Ebene nach Hotelling-Spur- Kriterium ein signifikanter Haupteffekt des Studienbereichs mit einer hohen Effektstärke (Sport vs. Bildungswissenschaften; F(2,100) = 144.07, p < .001, η²(part) = .74). Der Haupteffekt des Geschlechts wurde ebenso wenig signifikant (F(2,100) = 2.75, p = .069, η²(part) = .05) wie die Interaktion Studienbereich * Geschlecht (F(2,100) = 2.36, p = .099, η²(part) = .05). Auf univariater Ebene konnte nach Huynh-Feldt-Korrektur für das Interesse zunächst ein signifikanter Haupteffekt des Studienbe- reichs mit hoher Effektstärke gefunden werden (F(1,101) = 243.55, p < .001, η²(part) = .71), wobei das Interesse für das Studienfach Sport si- gnifikant höher war als für die Bildungswissenschaften. Gleichzeitig ließ sich ein signifikanter Geschlechtereffekt (geringe Effektstärke) nachweisen (F(1,101) = 5.34, p = .023, η²(part) = .05), denn weibliche Studierende zeigten ein höheres Interesse an beiden Studienberei- chen als männliche. Die Interaktion wurde nicht signifikant (F(1,101) = 2.17, p = .144). Bezüglich des Selbstkonzepts konnte auf univariater Ebene der Haupteffekt des Geschlechts nicht gefunden werden (F(1,101) = 0.20, p = .656). Signifikant wurde auch hier der Haupteffekt des Studienbe- reichs mit hoher Effektstärke (F(1,101) = 203.92, p < .001, η²(part) = .67), wobei ebenso wie beim Interesse das Selbstkonzept für Sport posi- tiver ausgeprägt war als das Selbstkonzept für die Bildungswissen- schaften. Zusätzlich ergab sich beim Selbstkonzept ein signifikanter Interaktionseffekt Studienbereich * Geschlecht (F(1,101) = 4.64, p = .034, η²(part) = .04; geringe Effektstärke). Um zu überprüfen, durch welche Effektkonstellation sich der signifikante Interaktionseffekt ergibt, wurden anschließend zwei T-Tests durchgeführt. Es ergab sich ein signifikanter Unterschied in der Differenz der Selbstkonzepte zwischen weiblichen und männlichen Studierenden. Bei männlichen Studierenden ergab sich im Durchschnitt ein Unterschied zwischen den beiden Selbstkonzepten von 0.72 Skalenpunkten (SD = 0.46), während er bei weiblichen Studierenden signifikant geringer war mit 0.53 Skalenpunkten (SD = 0.41; t(101) = 2.15, p = .034, d = 0.43). DISKUSSION Ziel der vorliegenden Studie war es, das Interesse und Selbstkonzept von Studierenden des Lehramts Sport bezogen auf das Studienfach Sport sowie die Bildungswissenschaften zu erfassen. Weiterhin sollten Geschlechtsunterschiede analysiert werden. Entsprechend der Erwartungen wurde bei den Studierenden ein höheres Interesse sowie ein positiveres Selbstkonzept bezogen auf das Fach Sport im Vergleich mit den Bildungswissenschaften gefunden. Nicht erwartet war hingegen die Tatsache, dass weibliche Studierende sowohl für 20 CC BY 3.0 DE Interesse Selbstkonzept Lehramt Sport · Fischer, Raven, Ohlert Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) das Fach Sport als auch für die Bildungswissenschaften ein höheres Interesse zeigten als männliche Studierende. Zuletzt ergab sich, dass der Unterschied in den Selbstkonzepten für die beiden unter- suchten Teilstudiengänge bei männlichen Studierenden höher aus- geprägt war als bei weiblichen. Die korrelativen Befunde der vorliegenden Studie zeigen zu- nächst erwartungskonform einen Zusammenhang zwischen den bei- den Konstrukten Interesse und Selbstkonzept. Diese ist im mittleren Bereich angesiedelt, sodass sich die beiden Konstrukte trotz des Zusammenhangs konzeptuell voneinander trennen lassen. Auffällig ist bei den korrelativen Befunden die Höhe des Zusammenhangs zwischen den Selbstkonzepten, insbesondere im Vergleich zum Studieninteresse. Retelsdorf et al. (2014), die ebenfalls Selbstkon- zepte erfasst haben, fanden zwischen dem fachlichen Selbstkonzept (als generalisiertes Selbstkonzept über die studierten Unterrichts- fächer) und verschiedenen berufsbezogenen Selbstkonzepten (Er- ziehung, Diagnostik, Innovation, Medien und Beratung) deutlich geringere Korrelationen (zwischen .13 und .26). Möglicherweise ist hierfür ein Standortspezifikum ursächlich. An der Universität, an der die Befragung durchgeführt worden ist, sind die Lehrenden der sportwissenschaftlichen Theorieveranstaltungen nicht selten auch in den Bildungswissenschaften tätig. Erwartbar ist es deshalb, dass Theorie-Praxisbezüge bildungswissenschaftlicher Inhalte oftmals anhand von Lehr-Lernsituationen im Sportunterricht hergestellt werden. Hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen dem Interesse an den verschiedenen Studienbereichen, dem fachlichen Interesse und dem pädagogischen Interesse, fanden Schiefele, Streblow und Retelsdorf (2013) bei einer Befragung von Lehrkräften einen ähnli- chen Zusammenhang wie in der vorliegenden Studie (.22). Dass Frauen insgesamt ein höheres Interesse an den bildungs- wissenschaftlichen Anteilen ihres Lehramtsstudiums haben als Männer, lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass Frauen im Durchschnitt eine höhere pädagogische Orientierung attestiert wird als Männern, welche sich auch bei Lehramtsstudierenden niederschlägt. Postuliert wird, „dass für Frauen der Umgang mit Menschen und die humanistische Zielsetzung, die der Hilfe und Betreuung von Menschen zugrunde liegt, eine hohe Bedeutung hat […]“ (Athenstaedt und Alfermann 2011, S. 10). Hierfür sprechen auch Befunde zur Studienwahlmotivation für die Aufnahme eines Lehramtsstudiums, die für ein höheres pädagogisches Eingangs- interesse von Frauen sprechen (Fischer, Paul & Bisterfeld, 2019). Für dieses pädagogische Eingangsinteresse widerherum lässt sich empirisch ein positiver Zusammenhang mit dem Interesse an den bildungswissenschaftlichen Inhalten des Studiums nachweisen (Rösler et al., 2013). Der weitere Befund, dass Frauen im Vergleich zu Männern auch ein höheres Selbstkonzept bezüglich der Bildungswissenschaften haben, steht in Einklang mit den Befunden von Retelsdorf et al. (2014). Die Autoren konnten bedeutsame Unterschiede hinsicht- lich der Selbstkonzepte „Erziehung und Beratung“ zugunsten von weiblichen Lehramtsstudierenden finden. In die gleiche Richtung deutet der gefundene Interaktionseffekt, denn bei den weiblichen Studierenden unterscheiden sich die Selbstkonzepte für Sport und Bildungswissenschaften nicht so stark wie für ihre männli- chen Pendants. Der Effekt lässt sich hierbei ausschließlich über die Geschlechterunterschiede im auf die Bildungswissenschaften bezogenen Selbstkonzept erklären, denn bei den männlichen Studierenden ist dieses deutlich geringer ausgeprägt als bei den weiblichen Studierenden, während die Selbstkonzepte hinsichtlich des Studienbereichs Sport auf dem gleichen Niveau liegen. Dies ist insofern von Relevanz, als beispielsweise Erziehen und Beraten fachübergreifende Anforderungen an Lehrkräfte darstellen; die diesbezüglichen Kompetenzen sollen im Rahmen des bildungswis- senschaftlichen Studiums entwickelt werden (KMK, 2019). Inwiefern hier das Interesse bedeutsam für die quantitative Ausprägung des Selbstkonzeptes ist, kann aufgrund des querschnittlichen Designs der Studie nicht beantwortet werden. Denkbar sind reziproke Bezie- hungen (Marsh et al., 2005). LIMITATIONEN Bei den Befunden ist einschränkend zu berücksichtigen, dass diese auf einer kleinen und standortspezifischen Stichprobe basieren. Des Weiteren lag die interne Konsistenz der eingesetzten Skala für das Interesse am Studienbereich Sport bei Cronbachs Alpha Werten von lediglich .60. Dies hängt möglicherweise mit der Frage nach der Generalität von Konstrukten zusammen. Beispielsweise stellt sich für das Studieninteresse hier die Frage, inwiefern sich das Interesse der Studierenden an den Inhalten ihres Sportstudiums auf die Domäne (breiter thematischer Bereich) oder nur auf einen Ausschnitt desselben bezieht. Hier kann angenommen werden, dass das Studium des Faches Sport eine Besonderheit gegenüber vielen anderen Fächern aufweist. Neben sogenannten Theorieveranstal- tungen in der Fachwissenschaft und der Fachdidaktik enthalten die curricularen Vorgaben zudem auch Lehrveranstaltungen im Bereich der Sportarten und Bewegungsfelder; sogenannte sportpraktische Veranstaltungen. Geprüft werden sollte, ob ein für das Studienfach Sport differenzierter Fragebogen entlang der drei genannten Berei- che des fachlichen Studiums geeigneter ist, um das Studieninteresse von Lehramtsstudierenden in diesem Studienbereich angemessen zu erfassen. Damit einher geht die Frage, ob Sportstudierende diese als unterschiedliche Anteile ihres (Sport-)Studiums wahrnehmen. Die in der universitären Lehrer*innenbildung getroffene Unterschei- dung zwischen Fachwissenschaft und Fachdidaktik ist unter der Berücksichtigung der Besonderheit von Lehrveranstaltungen im Bereich von Sportarten und Bewegungsfeldern durchaus problema- tisch. So werden in Letztgenannten u.a. sowohl fachdidaktische wie fachwissenschaftliche Wissensbestände vermittelt. Durch den spezi- fischen Ort des Lehr-Lernsettings (Sportstätte) und die Möglichkeit, dass die Studierenden ihrem Wunsch nachkommen können, neue Sportarten kennen zu lernen und sich eigenmotorisch zu verbes- sern, besteht gleichwohl die Problematik, dass Studierende dieses Studienelement in Abgrenzung zu sogenannten Theorieveranstal- tungen wahrnehmen könnten. Auch für das Selbstkonzept zeigt sich eine eher geringe inter- ne Konsistenz. Möglicherweise sind die Items auch hier zu global formuliert und berücksichtigen die Spezifität eines Sportstudiums nicht hinreichend. KONSEQUENZEN FÜR DIE PRAXIS Mit dem geringeren Interesse angehender Sportlehrkräfte an den Bildungswissenschaften gehen erste zumindest standortspezifische Konsequenzen für die universitäre Lehrer*innenbildung einher. Diese ist gefordert, sich mit Ansatzpunkten zur Förderung des In- teresses an diesem Studienbereich auseinanderzusetzen, denn das Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft · 2020, 3(2) 21 DOI: 10.25847/zsls.2020.023 Interesse Selbstkonzept Lehramt Sport · Fischer, Raven, Ohlert Interesse an bestimmten Studieninhalten ist nicht nur eine Voraus- setzung für, sondern auch eine Folge von universitären Bildungspro- zessen. Vergleichbares gilt auch für das Selbstkonzept – hier sollte der Fokus vor allem auf den männlichen Studierenden liegen. Gemäß der Personen-Gegenstands-Theorie beeinflussen Anreize bzw. Intentionen sowie Emotionen kurzfristig das Zuwendungs- und Vermeidungsverhalten und führen über die Zeit zu dispositionalen Präferenzen und Aversionen. Für Chen, Xihe, & Ang (2014) sind damit „novelty, challenge, attention demand, exploration, and instant enjoyment […]“ (p. 470) bedeutsame Ansatzpunkte für die Förderung des Interesses allgemein und damit auch des Interesses an den Bildungswissenschaften. Rustemeyer (2011) verweist auf die Bedeutung der Wahrnehmung der Nützlichkeit. Selbstkonzepte las- sen sich fördern, indem beispielsweise individuelle Lernfortschritte sichtbar gemacht werden und in Lehr-Lernsituationen verschiedene Formen der Prädikatenzuweisung adäquat berücksichtigt werden (Möller & Trautwein, 2015). Grenzen hinsichtlich der Förderung des (domänenbezogenen) Selbstkonzepts ergeben sich sicherlich durch die oft ungünstigen Bedingungen an einer Massenuniversi- tät: Insbesondere das Format der Vorlesung, aber auch Seminare mit sehr hohen Teilnehmerzahlen erschweren es den Dozierenden, selbstkonzeptfördernde Maßnahmen umzusetzen. Hier könnte die Digitalisierung der universitären Lehre mit ihren vielseitigen Mög- lichkeiten über individuelle Rückmeldungen für die Studierenden eine sinnvolle Ergänzung sein. Darüber, inwieweit solche hier nur angedeuteten Studienbedingungen ihrerseits jedoch tatsächlich (distale) Prädiktoren für das Selbstkonzept und das Studieninteres- se sind, kann nur spekuliert werden. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die vorlie- gende Studie Anlass dazu gibt, anzunehmen, dass Sportstudierende mit dem Berufsziel Lehrkraft an einer Schule über ein höheres Stu- dieninteresse und ein positiveres Selbstkonzept für das Studienfach Sport verfügen als für die Bildungswissenschaften. Dies legt für die Lehrer*innenbildung nahe, spezifische theorie- und empiriebasier- te (hochschuldidaktische) Maßnahmen zur Förderung des Interesses vor allem an den bildungswissenschaftlichen Lehrveranstaltungen und des diesbezüglichen Selbstkonzepts aufzugreifen. Sollten sich die Befunde in weiteren Studien bestätigen, dann ist hierbei zu berücksichtigen, dass die studiengangsbezogenen Unterschiede für das Selbstkonzept bei männlichen Studierenden deutlich ausge- prägter sind. LITERATURVERZEICHNIS Abele, A. E. (2003). Geschlecht, geschlechtsbezogenes Selbstkonzept und Berufserfolg. Zeitschrift für Sozialpsychologie, 34(3), 161–172. https://doi.org/10.1024//0044-3514.34.3.161 Athenstaedt, U. & Alfermann, D. (2011). Geschlechterrollen und ihre Folgen. Eine sozialpsychologische Betrachtung. Stuttgart: Kohlhammer. Berweger, S., Kappler, C., Keck Frei, A. & Bieri Buschor, C. (2015). Ge- schlechtsuntypische Laufbahnpläne – Wie interessant ist der Lehrerberuf für Gymnasiasten? Schweizerische Zeitschrift für Bildungswissenschaften, 37 (2), 321-339. Bühner, M. (2011). Einführung in die Test- und Fragebogenkonstruktion (2. Aufl.). München: Pearson Studium. Chen, S., Haichun, S., Xihe, Z. & Ang, C. (2014). 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Zuletzt aktualisiert: 23.07.2026
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