Gewichte knallen auf den Boden, aus den Boxen dröhnt aggressiver Deutschrap. Im Sportraum der Einrichtung, in der ich mit straffälligen Jugendlichen arbeite, wird geschwitzt, geflucht und sich gegenseitig gepusht. Einer der Jungs erzählt wieder eine Anekdote aus seiner Kampfsportvergangenheit. Irgendwas von Stärke, Durchhaltevermögen, Respekt.
Das erlebe ich immer wieder. Aber nicht nur dort: Auch in klassischen Medien oder auf Social Media sind diese Begriffe schnell zur Hand, wenn über Boxen gesprochen wird: „No pain, no gain.“ „Disziplin schlägt Motivation.“ „Ein hungriger Löwe ist gefährlicher als ein vollgefressener.“ „Suffer now and live the rest of your life as a champion.“
Der Boxsport sprudelt über vor Lebensweisheiten – irgendwo zwischen antiker Stoiker-Schule und weisem Kalenderspruch. Die Botschaft bleibt dieselbe: Wer leidet, wächst. Wer kämpft, wird stark. Wer sich im Ring durchsetzt, schafft es auch im echten Leben – mit eisernem Willen und maximaler Leidensbereitschaft. Der „Underdog“ als moralische Aufstiegserzählung ist hier zu Hause.
In biografischen Interviews mit acht Amateur- und Profiboxern habe ich gefragt: Warum dieser Sport? Was leistet er, was Tischtennis nicht leisten kann? Was versprechen sich junge Männer heute davon?
Die Antworten kreisten immer wieder um ähnliche Erfahrungen: das Gefühl, nicht dazuzugehören. Um Ausgrenzung aufgrund von Herkunft, Hautfarbe oder sozialem Status. Um Brüche in Biografien. Migration und Flucht. Das Boxen habe ihm in dieser Hinsicht „irgendwo das Leben gerettet“, wie einer meiner Interviewpartner sagt. Der Kampf im Ring sei dabei nur der sichtbare Ausdruck einer viel größeren Geschichte. „Boxen ist nur ein Prozent“, sagt er. „Die anderen 99 Prozent passieren außerhalb des Rings.“
Gerade hier entfaltet die „Underdog“-Erzählung ihre Kraft. Sie macht aus chaotischen, oft schmerzhaften Erfahrungen eine sinnhafte Geschichte. Ausgrenzungserfahrungen werden nicht länger nur als Ohnmacht erlebt, sondern als Teil in die eigene Identität integriert. Biografische Brüche und Krisen erscheinen nicht mehr als Scheitern, sondern als notwendige Etappen auf dem Weg zu Stärke und Souveränität. Der Außenseiterstatus verwandelt sich in die Ressource einer Kämpfergeschichte. Und wer kämpft, ist nicht länger Opfer, sondern Akteur des eigenen Lebens.
Das Boxen also als männliche Befreiungsgeschichte? Genau an dieser Stelle knirscht es. Zum einen geht die klassische Aufstiegserzählung des „Underdogs“ auf Kosten anderer. Frauen, queere und trans* Personen bleiben im Boxsport bis heute häufig außen vor. Auch weil Erfolgsgeschichten im Ring meist als genuin männliche Leistungen inszeniert werden. Für diese Erkenntnis hätte es keine weitere Studie gebraucht. Vor allem aber verschleiert die „Underdog“-Erzählung etwas Entscheidendes: Sie entstand in Gesellschaften, deren Ordnung von Leistung, Konkurrenz und Ausbeutung geprägt ist. Boxer verkörpern diese Logiken in zugespitzter Form und werden so zur Projektionsfläche von gesellschaftlichen Erwartungen und Bedürfnissen.
Ein Blick in die Geschichte des US-amerikanischen Boxsports zeigt, wie eng diese Erzählung mit Fragen von Rassismus verbunden ist. So war der Boxsport selbst lange von rassistischen Ausschlüssen geprägt. Erst mit Jack Johnson – dem ersten schwarzen Schwergewichtsweltmeister 1908 – und später Muhammad Ali wurde der Ring für viele Männer aus marginalisierten Communities zu einer sichtbaren Bühne sozialen Aufstiegs. Als Beweis und Hoffnung dafür, dass man es trotz aller Widrigkeiten schaffen kann. Diese Hoffnung erfüllt sich nur selten. Denn die Erzählung vom „Underdog“ verspricht Anerkennung, wo reale Aufstiegschancen kaum garantiert sind. Und das um den hohen Preis von Blut, Schweiß und Tränen. Wer scheitert, war eben nicht diszipliniert genug. Einer meiner Interviewpartner formuliert es nüchtern: Oben im Boxsport stünden meist diejenigen mit den nötigen finanziellen Mitteln oder dem richtigen Netzwerk.
Aber Mythen sind hartnäckig. Sie verkaufen sich hervorragend: Im Kino, auf Social Media oder im Gym auf schweißdurchtränkten Matten. Und gerade dort, wo Menschen ohnehin stark auf die Hoffnung sozialen Aufstiegs angewiesen sind. Für einen weiteren Interviewpartner ist der Boxring nach wie vor genau das: eine der wenigen Bühnen, auf der sich jeder – scheinbar unabhängig von Herkunft oder Geld – nach oben kämpfen kann. Am Ende, sagt er, entschieden vor allem Wille und Disziplin.
Dieser Glaube entsteht nicht im luftleeren Raum: Hustle Culture, Körperkult, Fitness-Influencer sind Auswüchse eines gesellschaftlichen Klimas, in dem seit Jahrzehnten der Glaube gedeiht, Erfolg sei vor allem das Ergebnis persönlicher Willensstärke. Nie genug. Nie am Ende. Immer weiter. Scheitern inklusive. Der „Underdog“-Mythos fügt sich darin nahtlos als weiteres Kapitel neoliberaler Selfmade-Geschichten ein – und hält damit gleichzeitig die Bedingungen aufrecht, unter denen „Underdogs“ überhaupt erst hervorgehen.
Wie brüchig diese Erzählung in der Praxis ist, zeigt ein Blick auf die Struktur des Sports selbst. Das deutsche Boxen befindet sich seit längerem in einer schwierigen Phase: Zwar rücken mit Agit Kabayel oder dem Bronzemedaillen-Gewinner von Paris 2024 Nelvie Tiafak wieder starke Figuren in den Fokus, dennoch gibt es seit Jahren nur noch wenige Kämpfer mit größerer öffentlicher Strahlkraft. Traditionsreiche Boxställe haben an Bedeutung verloren oder sich nach wirtschaftlichen Problemen neu aufstellen müssen. Große deutsche TV-Sender haben sich weitgehend aus der regelmäßigen Übertragung zurückgezogen. Entsprechend zeigt sich auch in der Realität vieler Athleten ein weniger ruhmreiches Bild: Viele meiner Interviewpartner arbeiten neben dem Training, absolvieren eine Ausbildung oder finanzieren ihre sportliche Laufbahn über Programme wie die Spitzensportförderung der Bundeswehr.
Im Profiboxen ist die Lage oft noch prekärer. Während Amateurkämpfe über Vereine und Verbände organisiert werden, sind Profiboxer stark von Promotern, Netzwerken und eigener Sichtbarkeit abhängig. Dazu gehört inzwischen auch die Selbstvermarktung auf Social Media. Dort präsentieren Athleten ihr Training, ihren Alltag, ihre Wettkämpfe – inszeniert als permanenter Kampf gegen Widerstände auf dem Weg nach oben. Der Mythos lebt also nicht nur im Ring, sondern auch im Algorithmus. Allerdings mit deutlich mehr Reichweite.
Ich tue mich schwer damit, meinen Interviewpartnern oder den Jugendlichen, mit denen ich arbeite, dieses Identitätsangebot madig reden zu wollen. Für viele, die aus chaotischen oder traumatischen Lebensphasen kommen, bieten der Boxsport und das Bild des „Underdogs“ Anerkennung, Orientierung und Struktur. Und trotzdem bleibt bei mir ein ungutes Gefühl. Denn irgendwann endet die Zeit in der Jugendhilfe. Und dann stellt sich eine unangenehme Frage: Welche Chancen hat jemand wirklich, dessen Perspektiven mit 18, 19 oder 20 Jahren ohnehin stark begrenzt sind? Für Jugendliche, die mit Einträgen wegen schwerer Körperverletzung, Fluchterfahrungen, Suchterkrankungen oder psychischen Krisen und oft ohne familiären Rückhalt ins Erwachsenenleben starten. In eine Gesellschaft, in der scheinbar alles teurer wird, außer der Wert menschlicher Arbeitskraft.
In politischen Debatten klingt sozialer Aufstieg oft erstaunlich einfach. Wenn etwa Friedrich Merz fordert, Leistung müsse sich wieder lohnen und Aufstieg sei vor allem eine Frage von Fleiß und Disziplin, bedient er damit genau jene Erzählung, die auch im Boxgym an den Wänden hängt – nur dass sie dort als persönliches Lebensmotto gelebt wird und bei ihm zur politischen Erklärung sozialer Ungleichheit herangezogen wird. Für Menschen aus stabilen Milieus mag diese Geschichte plausibel klingen. Für viele der Jugendliche wirkt sie eher wie eine moralische Belehrung aus einer anderen Welt.
Genau darin liegt mein Widerspruch: Ich kann diese Aufstiegserzählung nicht mit dem gleichen Enthusiasmus vermitteln, den ich beim gemeinsamen Training zu entfachen versuche. Und solange soziale Kämpfe nicht nur im Ring, sondern auch im Alltag vieler Jugendlicher ausgetragen werden, wird auch der Mythos vom Aufstieg durch Disziplin und körperliche Entbehrung weiter zirkulieren – als trügerische Hoffnung.
Aus dem Kraftraum hört man wieder das Klirren der Hantelscheiben. Einer der Jungs legt noch eine Scheibe auf die Stange, ein anderer zählt laut die letzten Wiederholungen. Draußen steigt schon der nächste in den Ring.
Zum Autor
Sam Howe arbeitet als Sportpädagoge mit straffälligen Jugendlichen. Er hat an der Deutschen Sporthochschule Köln den Bachelor-Studiengang Sportvermittlung in Freizeit und Breitensport studiert. Im Rahmen seiner Abschlussarbeit hat er zu Boxen und Männlichkeit geforscht. Sein Foschungsvorhaben stellt er in diesem Essay vor.