Doping erlaubt. Eine Million Dollar für einen Weltrekord. Tech-Milliardäre als Geldgeber. Nicht weniger als die „Revolution des Spitzensports“ haben die Veranstalter der Enhanced Games versprochen, die im Mai in Las Vegas stattfanden.
Das Konzept der „Dopingspiele“ sorgte vor allem im Vorfeld für viele Schlagzeilen und breite Empörung im Sport. Insbesondere nationale und internationale Sportverbände sowie Anti-Doping-Agenturen lehnten die Wettbewerbe ab und sahen die Integrität des Sports und die Gesundheit der Sportler*innen gefährdet. Medien weltweit diskutierten über Ethik, Doping und die Zukunft des Sports. Was bleibt nach der ersten Auflage dieses (Sport)Ereignisses? Revolution oder Reinfall? Und: Ist das wirklich Sport?
Die Enhanced Games verstehen sich bewusst als Gegenentwurf zu Olympia: Statt strenger Regeln sollten maximale Leistung und wissenschaftlicher Fortschritt im Mittelpunkt stehen. Athlet*innen sollten mit medizinisch begleiteter Leistungssteigerung antreten – kurz Doping (siehe Info S. 36). Die Gabe der Substanzen fand im Rahmen einer klinischen Studie über einen „Behandlungszeitraum“ von bis zu 25 Wochen statt, im Anschluss sollte es eine Nachbeobachtung von bis zu fünf Jahren geben.
Das Ereignis vor Ort in Las Vegas hatte hingegen wenig mit der Größenordnung Olympischer oder Paralympischer Spiele zu tun: drei Sportarten, ca. 40 Sportler*innen und 2.500 geladene Zuschauer*innen. Finanziert wurde das Projekt von wohlhabenden Investoren, darunter PayPal-Mitgründer Peter Thiel und Donald Trump Jr. Hohe sechs- bis siebenstellige Preisgelder für Siege und Weltrekorde lockten die Teilnehmer*innen an, unter ihnen ehemalige Olympiateilnehmer*innen, Medaillengewinner*innen und suspendierte Dopingsünder*innen. Nachdem die Kameras und Streamingdienste ausgeschaltet waren, blieb vor allem eine Erkenntnis: Der mediale Hype war größer als das sportliche Echo.
PD Dr. Christoph Bertling vom Institut für Kommunikations- und Medienforschung der Spoho sagt: „Aufmerksamkeit ist heute eine eigene Währung.“
Er beschreibt die Enhanced Games deshalb als ein Medienereignis, das vor allem von Provokation lebt. „Das eigentliche Produkt war nicht allein der Wettkampf – sondern die Debatte darüber.“ Daher kaufte Bertling den Veranstaltern auch nicht deren Aussage ab, den Sport revolutionieren zu wollen. „In erster Linie wollen sie verdienen und kommerzialisieren. Dazu gehört die Strategie der Provokation.“ Im Grunde stecke ein auf die Spitze getriebenes Vertriebsmodell dahinter, das darauf aufbaut, Medikamente im Onlineshop der Enhanced Games zu verkaufen – für Bertling „moralisch mehr als fraglich vor dem Hintergrund von Drogen- und Gesundheitsproblemen in den USA“. Des Weiteren interessant: Die Veranstalter propagierten zwar einen radikalen Bruch mit den Regeln des Sports, blieben in ihrer Kommunikationsstrategie aber erstaunlich konventionell, indem vor allem männliche Athleten die mediale Erzählung der Enhanced Games dominierten.
Auch aus medizinischer Sicht überzeugt das Konzept der Enhanced Games nur auf den ersten Blick. Die Veranstalter werben mit einem vermeintlich sicheren, ärztlich begleiteten Doping. Wilhelm Bloch, Professor für Molekulare und Zelluläre Sportmedizin an der Spoho, bezeichnet dies als „Experiment am Menschen“, weil die verwendeten Substanzen zwar zugelassen seien, aber nicht für den Zweck, für den die Medikamente entwickelt wurden. Bloch mahnt: „Das Problem dabei ist: Es werden Substanzen eingesetzt, von denen wir nicht wissen beziehungsweise nur bedingt abschätzen können, welche Nebenwirkungen langfristig oder auch kurzfristig auftreten.“
Hinzu kommt eine weitere Dimension: die Signalwirkung. Die Macher der Enhanced Games stellen das traditionelle Sportsystem als heuchlerisch dar und betonen, dass Doping eh allgegenwärtig sein. Für Anti-Doping-Forscher Prof. Dr. Mario Thevis von der Spoho steht daher weit mehr auf dem Spiel als ein einzelnes Wettkampfformat. „Der organisierte Sport hat sich bewusst auf gemeinsame Anti-Doping-Regeln verständigt, um Gesundheit, Fairness und Glaubwürdigkeit zu schützen. Werden diese Prinzipien gekippt, verändert das auch die gesellschaftliche Vorstellung davon, wie sportlicher Erfolg entsteht.“ Auch Dr. Annika Steinmann vom Institut für Pädagogik und Philosophie betont: „Sport lebt von gemeinsamen Regeln, von Chancengleichheit und von der Vorstellung, dass Leistungen unter vergleichbaren Bedingungen entstehen.“ Daher spielen ihrer Meinung nach die Enhanced Games auch eine wichtige Rolle für die Dopingprävention. „Die Enhanced Games stellen die Legitimität der weltweiten Dopingprävention in Frage.“
Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Wert der Enhanced Games. Sie werfen Fragen auf, mit denen sich der traditionelle Sport kritisch auseinandersetzen muss: Chancengleichheit, Athlet*innenrechte, Kommerzialisierung, Selbstoptimierung.
Sind die Enhanced Games also wirklich Sport? Das kommt natürlich auf das eigene Sportverständnis an – je nachdem, ob man Sport vor allem als Jagd nach Rekorden oder als Wettbewerb nach gemeinsamen Regeln versteht. In jedem Fall haben die Enhanced Games gezeigt, dass sich Aufmerksamkeit kaufen und Provokation erfolgreich vermarkten lässt.
Als Sportarten wurden Schwimmen, Laufen und Gewichtheben ausgewählt. Zufall? In den Statistiken der WADA zählen sie regelmäßig zu den Sportarten mit den meisten dokumentierten Dopingverstößen.
Nur ein einziger Weltrekord wurde gebrochen. Der Grieche Kristian Gkolomeev schwamm die 50 Meter Freistil in 20,81 Sekunden, womit er 0,07 Sekunden unter dem offiziellen Weltrekord lag. Zusätzlich zu den Dopingsubstanzen trug er einen nicht zugelassenen Hightech-Anzug.
Der Weltrekord von Usain Bolt im 100-Meter-Sprint (9,58 Sekunden) wurde um fast vier Zehntelsekunden verpasst: 9,97 Sekunden lief Fred Kerley, der vor zwei Jahren bei den Olympischen Spielen Bronze mit einer Zeit von 9,81 gewann. Er trat nach eigener Aussage „ungedopt“ bei den Enhanced Games an. Neben Kerley waren mehrere Athleten ohne leistungssteigernde Mittel am Start und gewannen ihre Wettbewerbe.
Was genau wer zu sich nahm, veröffentlichten die Veranstalter nicht, lediglich dass 91 Prozent der Sportler*innen Testosteron und 79 Prozent Wachstumshormone bekamen. Nach Informationen des Deutschen Ärzteblattes waren darüber hinaus auch Erythropoetin, Meldonium, Adderall und Modafinil Bestandteile des Programms.