Die Geschichte der Diversitätsforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln ist eng mit der Entwicklung der Frauen- und Geschlechterforschung in den Sportwissenschaften verbunden. Ausgangspunkt war zunächst die Frauenforschung, die in den 1970er Jahren begann, gesellschaftliche Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern im Sport sichtbar zu machen und kritisch zu hinterfragen. In dieser Phase standen vor allem strukturelle Benachteiligungen von Mädchen und Frauen im Fokus: etwa in der Teilhabe an Sportvereinen, im Schulsport oder in der Repräsentation bei der Darstellung in Sportmedien. Diese frühen Arbeiten verfolgten auf Basis von wissenschaftlicher Forschung ein emanzipatorisches Anliegen, um die Gleichstellung von Frauen im Sport zu fördern. Zugleich reproduzierten diese Arbeiten teilweise einen Blick auf Frauen als das „zweite“ oder „defizitäre Geschlecht“ im Sport.
In den 1990er und frühen 2000er Jahren wurde dieser Fokus erweitert: Die Geschlechterforschung rückte die soziale Konstruktion von Geschlecht selbst in den Mittelpunkt der Analyse, also nicht nur die Situation von Frauen als vermeintlich einheitliche Gruppe, sondern die Frage, wie Geschlechterverhältnisse und -differenzen gesellschaftlich erzeugt und reproduziert werden. In diesem Kontext hatte die Deutsche Sporthochschule Köln eine zentrale Rolle: Die Professur für Frauen- und Geschlechterforschung im Sport, die einzige mit dieser Ausrichtung in Deutschland, wurde hier im Institut für Sportsoziologie im Jahr 1996 eingerichtet und mit Ilse Hartmann-Tews besetzt. Von da an wurde das Forschungsprogramm zur Geschlechterforschung im Sport an der DSHS Köln stetig weiterentwickelt.
Parallel dazu gewannen in den Sozialwissenschaften sowie in Gesellschaft und Politik weitere Differenzkategorien wie Migration, sozio-ökonomische Herkunft, sexuelle Orientierung, Alter oder Behinderung zunehmend an Bedeutung. Damit ging eine theoretische und methodische Entwicklung einher, aus der sich schließlich die Diversitätsforschung entwickelte: ein Forschungsansatz, der Vielfalt in all ihren Facetten – von Geschlechterverhältnissen über Zuwanderungs- und sozio-ökonomischen Verhältnissen bis zur intersektionalen Verknüpfung unterschiedlicher Ungleichheitsdimensionen – berücksichtigt. Die Diversitätsforschung versteht Diversität nicht nur als Beschreibung gesellschaftlicher Vielfalt, sondern als Analysefeld für strukturelle Ungleichheiten, Diskriminierungsprozesse und Teilhabechancen im Sport.
An der DSHS wurde diese Entwicklung institutionell sichtbar, als 2021 im Institut für Soziologie und Genderforschung eine eigene Professur für Diversitätsforschung im Sport eingerichtet wurde und mit Bettina Rulofs besetzt wurde.
Heute steht unsere Abteilung dafür, strukturelle Bedingungen von Exklusion und Ungleichheit im Sport zu analysieren und Konzepte für eine inklusive Sportpraxis zu entwickeln. Unsere Forschungsthemen reichen von Diskriminierung und Gewalt im Sport bis zu Diversitäts- und Inklusionsmanagement in Sportorganisationen sowie im Schulsport – immer mit dem Anspruch, theoretisch und empirisch fundierte Impulse für eine gerechte Teilhabe im Sport zu geben.
In verschiedenen Projekten suchen wir Antworten auf die Frage, wie die gesellschaftliche Geschlechterordnung die Strukturen und Praktiken des Sports prägt, dabei Ungleichheiten produziert und wie diese aufgelöst werden können. Dabei betrachten wir die Geschlechterordnung des Sports zwar als traditionell binär angelegt, gehen jedoch in unseren Analysen darüber hinaus, um Geschlechtlichkeit und auch sexuelle Orientierung in ihrer Vielfalt anzuerkennen und zu verstehen.
Die sozio-ökonomische Herkunft von Menschen prägt ihre Teilhabe am Sport nach wie vor wesentlich. In der Sportsoziologie geriet jedoch die Untersuchung vertikaler Ungleichheiten (soziale Schicht, Klasse) in den letzten Jahrzehnten zunehmend zugunsten horizontaler Ungleichheiten (Geschlecht, Migration) aus dem Blick. Diese Forschungslücke versuchen wir zu schließen, indem wir uns dem Problem von sozio-ökonomischer Ungleichheit und Klassismus im Sport zuwenden.
Weltweite Fluchtbewegungen und damit verbundene Zuwanderung haben unsere Gesellschaft und auch den Sport verändert. Dem Sport werden dabei hohe Potenziale zur sozialen Integration und zur Förderung von Zusammenhalt zugeschrieben. Zugleich ist der Sport auch ein Feld, in dem interkulturelle Konflikte und Rassismus aufbrechen. Diese Problemlagen analysieren wir in der Abteilung Diversitätsforschung aus einer diskriminierungskritischen Perspektive und versuchen Ansätze zur Förderung von sozialer Integration im organisierten Sport und im Schulsport zu entwickeln.
Während sexualisierte Gewalt im Sport über lange Zeit tabuisiert war, haben Studien an der Deutschen Sporthochschule Köln unter Leitung von Bettina Rulofs dazu beigetragen, dieses Problem im Sport aufzudecken. Dabei verstehen wir sexualisierte Gewalt und auch weitere Formen von interpersonaler Gewalt, wie psychische und körperliche Gewalt, als Formen von Machtausübung, die in soziale Ungleichheitsverhältnisse (z.B. Geschlechter- und Generationenverhältnisse) eingelagert sind.
In diesem Forschungsbereich kooperieren wir seit vielen Jahren mit internen und externen Partner:innen, um interdisziplinäre Forschung zu ermöglichen. Zu unseren Kooperationspartner:innen gehören u.a. Dr. Jeannine Ohlert (Psychologisches Institut an der DSHS Köln), Prof. Dr. Martin und Dr. Caroline Bechtel (Institut für Sportrecht an der DSHS Köln), Prof. Dr. Marc Allroggen (Universitätsklinikum Ulm), Prof. Dr. Mike Hartill (Edge Hill University).
Für den Transfer kooperieren wir mit verschiedenen Sportverbänden (u.a. Deutsche Sportjugend, Deutscher Olympischer Sportbund, Landessportbund NRW), um praxistaugliche Konzepte und Tools zum Schutz vor interpersonaler Gewalt zu entwickeln.
Der Schulsport ist das Feld, in dem alle Kinder und Jugendlichen mit dem Sport in Berührung kommen. Um Teilhabe am Sport lebenslang für alle Menschen zu fördern, können also bereits im Schulsport wichtige Weichen gestellt werden.
In diesem Themenfeld haben wir gefördert vom Bundeministerium für Bildung und Forschung in verschiedenen Projekten den Umgang mit Heterogenität im Schulsport durch Studien genauer erfasst und Konzepte sowie Materialien zur Förderung von Inklusion und Teilhabe im Schulsport entwickelt.