AUF EINEN BLICK Orientierung im Medienwandel: Wissenschaftler*innen zwischen etablierten und peripheren Formaten der Wissenschaftskommunikation Von Daniel Nölleke & Marc Tietjen Kontakt: d.noelleke@dshs-koeln.de Projekt: Wissenschaftliche Expert*innen zwischen Kern und Peripherie des (Wissenschafts-)Journalismus (WEx- KuP), gefördert vom BMFTR in der Förderrichtlinie Wissenschaftskommunikation (2024-2026) Der Kurzbericht bündelt zentrale Ergebnisse eines kommunikationswissenschaftlichen Forschungsprojekts zur Me- dienarbeit von Wissenschaftler*innen in einer zunehmend diversifizierten Medienlandschaft. Das Projekt unter- sucht, was Akteur*innen der Wissenschaftskommunikation grundsätzlich motiviert, Medienanfragen zuzusagen, welche Herausforderungen sie gerade in digitalen Medienumgebungen sehen, und inwieweit sie zwischen etablier- ten und peripheren Medienangeboten unterscheiden, wenn sie als Expert*innen angefragt werden. 1. Wissenschaftler*innen zeigen große Bereitschaft zur Annahme von Medienanfragen • Forschende sehen es als ihre Verantwortung, den öffentlichen Diskurs zum Klimawandel durch ihre Expertise zu bereichern. Medienarbeit verstehen sie daher als relevanten Bestandteil ihres Berufsbildes. Mit ihren Medien- auftritten verfolgen sie neben persönlichen und strategischen Zielen das Anliegen, die Deutungshoheit nicht den Klimaskeptiker*innen zu überlassen und durch die Bereitstellung wissenschaftlicher Evidenzen zu einem infor- mierten Diskurs beizutragen. 2. Wissenschaftler*innen sehen auch Risiken ihrer öffentlichen Präsenz • Wissenschaftler*innen beschreiben die mediale Reduktion von Komplexität durch Verkürzungen als zentrale Herausforderung für ihre Medienarbeit. Sie berichten außerdem von Anfeindungen im Anschluss an Medien- auftritte – das Themenfeld „Fossile Energieträger und Klimakrise“ wird hier als potenzieller Triggerpunkt für Science-Hostility genannt. 3. Wissenschaftler*innen unterscheiden zwischen Formaten • Beim Umgang mit Medienanfragen machen Forschende einen Unterschied zwischen verschiedenen Medienan- geboten. Dabei orientieren sie sich an den Navigationskriterien Glaubwürdigkeit, Relevanz und Unabhängigkeit. Viele sehen eher davon ab, Anfragen von Formaten anzunehmen, die sie als ideologiegetrieben empfinden. Die Grenzen, die Wissenschaftler*innen in der Zusammenarbeit ziehen, entsprechen nicht immer der klassischen Einteilung in etablierte und periphere Medienangebote. 4. Wissenschaftler*innen wünschen sich einen Kompass zur Navigation • Forschenden ist bewusst, dass in digitalen Medienumgebungen viele neue Formate entstanden sind, die sie nur schwer beurteilen können. Sie bedauern, dass eine informierte Entscheidung über den Umgang mit Medienan- fragen daher zunehmend schwierig wird. Hier wünschen sie sich einen besseren Überblick über die Medienland- schaft und setzen dabei auf die Unterstützung durch professionelle Wissenschaftskommunikator*innen. Persistent Identifier: urn:nbn:de:kobv:b4-opus4-55694 2 von Daniel Nölleke und Marc Tietjen veröffentlicht am 16. Juli 2026 Wissenschaftskommunikation in einer fragmentierten Medienlandschaft Die Wissenschaftskommunikation hat in den vergan- genen Jahren einen deutlichen Bedeutungszuwachs erfahren. Das zeigen zahlreiche Studien zur gestiege- nen Bereitschaft von Wissenschaftler*innen, sich an Maßnahmen des Public Engagement zu beteiligen (z. B. Besley & Nisbet, 2013; Dudo & Besley, 2016), sowie Initiativen wie die Factory Wisskomm des BMFTR (Factory Wisskomm, 2025; 2022). Im Zuge der Digi- talisierung ist es für Wissenschaftler*innen deutlich einfacher geworden, mit verschiedenen Publika direkt zu kommunizieren. Gleichzeitig hat sich das Feld der (wissenschafts-)journalistischen Formate stark aus- differenziert. An den Rändern des (Wissenschafts-) Journalismus entstehen „neue [.] Mediator:innen“ (Fac- tory Wisskomm, 2022, S. 35), sogenannte periphere Formate, die journalismusähnliche Inhalte verbreiten, deren Akteur*innen sich aber hinsichtlich Ausbildung, Praktiken, Professionalität und Motiven von den eta- blierten Angeboten im Kern unterscheiden (Hanusch & Löhmann, 2023). Viele periphere Akteur*innen orientieren sich an den Stilformen etablierter Me- dienangebote (Frischlich et al., 2020), und beanspru- chen gleichzeitig für sich, etwas anzubieten, was von den etablierten Angeboten vernachlässigt wird (Holt et al., 2019). Für Wissenschaftler*innen und profes- sionelle Wissenschaftskommunikator*innen wird es zunehmend herausfordernd, den Überblick in dieser sich stetig diversifizierenden Medienumgebung zu be- wahren und die Grenzen zwischen legitimen und illegi- timen Formaten der Wissenschaftsvermittlung zu zie- hen. Dieser Herausforderung müssen sie sich allerdings immer dann stellen, wenn Journalist*innen Wissen- schaftler*innen als Expert*innenquellen anfragen. In einem vom BMFTR geförderten Forschungsprojekt ha- ben wir untersucht, anhand welcher Kriterien zentrale Akteur*innen der Wissenschaftskommunikation durch eine fragmentierte Medienlandschaft navigieren. KURZBERICHT Orientierung im Medienwandel: Wissenschaftler*innen zwischen etablierten und peripheren Formaten der Wissenschaftskommunikation Methodik Zur Identifikation der Strategien im Umgang mit Medienanfragen wurden im Zeitraum von 02/2025 bis 08/2025 Leitfadeninterviews mit 26 Wissen- schaftler*innen und zwölf professionellen Wissen- schaftskommunikator*innen an universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen ge- führt. Der Fokus lag auf Wissenschaftler*innen und Einrichtungen, die in der Berichterstattung über das Thema „Fossile Energieträger und Klimakrise“ zu Wort kommen. Das Themenfeld wurde stellver- tretend für gesellschaftlich-wissenschaftliche Pro- blemlagen ausgewählt, die sich durch hohe gesell- schaftliche Relevanz und kontroverse öffentliche Debatten auszeichnen. Im Rahmen der Interviews wurden die Gesprächspartner*innen auch darum gebeten, 18 bzw. 22 (etablierte und neue) Medien- angebote hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Be- richterstattung über die eigenen Forschungsthemen auf einer kreisförmigen Schablone anzuordnen und dabei die Überlegungen zu reflektieren. 3 Warum Wissenschaftler*innen Medienarbeit leisten Die Ergebnisse zeigen, dass Wissenschaftler*innen eine große Bereitschaft haben, medienöffentlich als Expert*innen in Erscheinung zu treten, sofern sie sich fachlich in der Lage dazu sehen, Expertise beizu- tragen, und sie das Medienangebot selbst als legitimen Vermittler für die Wissenschaftskommunikation be- werten. Die in den Interviews aufgezeigte Motivation ist vielfältig und reicht von einem tief verwurzelten Verantwortungsgefühl bis hin zu strategischen Über- legungen zu mehr Sichtbarkeit und Impact der eigenen Forschung. Die meisten befragten Wissenschaftler*innen be- schreiben Medienarbeit als relevanten „Teil des Berufs- bildes“ (ID 02) und fühlen sich in der „Verantwortung“ (ID 10) oder „Bringschuld“ (ID 01), Expertise und Ein- ordnungen öffentlich zu teilen, wenn sie als Expert*in- nen für die Berichterstattung von journalistischen Medienangeboten angefragt werden: „Ich finde, das ist eine unserer Aufgaben als Wissenschaftler, […], wir werden ja letztendlich auch von der Gesellschaft be- zahlt, wir werden ja von Steuergeldern bezahlt, dass wir das, was wir erforschen […] auch weitergeben“ (ID 02). Dies gelte besonders vor dem Hintergrund der he- rausragenden gesellschaftlichen Relevanz von The- men wie der Klimakrise oder Energiewende, wo man das Feld keinen „Schein-Experten“ (ID 01) überlassen möchte. Forschende verfolgen das Ziel, mit ihrer Kom- munikationsarbeit zu einem informierten Diskurs ge- sellschaftlich-wissenschaftlicher Problemlagen beizu- tragen. In Form von „Aufklärungsarbeit“ (ID 07) gelte es, durch mediale Präsenz Reichweite zu schaffen und Wissen bereitzustellen, auch für demokratische Ent- scheidungsbildungsprozesse: „Gerade im Bereich Klimawandel, Klimaveränderung, geht es ja auch um Informationen, die unter Umständen wichtig werden, für Entscheidungen, die getroffen werden, auch in der Öffentlichkeit“ (ID 05). Neben diesen normativen Motiven spielen für Wis- senschaftler*innen auch persönliche wie strategische Ziele eine Rolle für die Zusage von Medienanfragen. Mediale Sichtbarkeit könne Wissenschaftler*innen da- bei helfen, sich eine öffentliche Reputation aufzubauen und die eigene Forschung oder das Forschungsfeld zu positionieren. Dies sei wichtig, um in den Austausch zu kommen mit relevanten Stakeholdern aus Politik oder Wirtschaft, denn „Sichtbarkeit führt auch zu Zu- gang“ (ID 07). Auch von Seiten eines Projektförderers oder Arbeitgebers könne Medienarbeit eingefordert werden. Im Einzelfall würden Medienanfragen von den Befragten auch aus Neugierde zugesagt. Positive per- sönliche Rückmeldungen werden von manchen Teil- nehmenden darüber hinaus als motivierend empfun- den. Welche Herausforderungen Wissenschaftler*innen sehen Die Beziehungen zwischen Wissenschaft und Jour- nalismus werden in der Forschung klassisch als Span- nungsfeld konstituiert, da beide Systeme unterschied- lichen Logiken folgen. Während Wissenschaft nach Differenzierung und Detailtiefe in der Vermittlung komplexer Sachverhalte strebt, tendieren Journa- list*innen zu einer Reduktion der Komplexität in der Berichterstattung (Peters, 2013). Die Studienergebnisse zeigen, dass sich viele Wissen- schaftler*innen eben diese Detailtiefe und Komplexi- tät in der journalistischen Berichterstattung wünschen würden. Sie erkennen Probleme in der Zuspitzung und bisweilen missverständlichen Kontextualisierung von Zitaten durch einzelne Medienschaffende: „Je nach- dem, was man sagt, muss man manchmal auch sehr vor- sichtig sein, […], weil durch einfaches Weglassen oder in anderen Kontext stellen auch Nachrichten in eine andere Richtung gehen können, als man ursprünglich die Intention hatte“ (ID 05). Diese Problematik beträfe 4 dabei nicht nur journalistische Primärvermittler, denen Wissenschaftler*innen selbst ein Interview geben, son- dern auch die Zweit- oder Drittverwerter, die im Nach- gang nur einzelne Aussagen aufgreifen. Verstärkt werden diese Bedenken durch die Wahr- nehmung eines erhöhten Zeitdrucks und eine in Teilen stärker werdende Prekarisierung der Arbeitsbedin- gungen im Journalismus. Dies zeige sich zum Beispiel in der stark variierenden Fachkompetenz und Vorbe- reitung von Journalist*innen. Wissenschaftler*innen reagieren auf diese Herausforderungen, indem sie bspw. die Autorisierung von Zitaten in textuellen Me- dien einfordern: „Das ist Bedingung, sonst mache ich es nicht“ (ID 01). Grundsätzlich empfinden es einige Wissenschaftler*in- nen als herausfordernd, sich an die zeitlichen Dynami- ken des Mediensystems anzupassen und kurzfristig auf Medienanfragen zu reagieren. Viele weisen darauf hin, dass Medienarbeit trotz der hohen inhaltlichen Be- deutung oft nur einen kleinen Zeitanteil im Arbeitsall- tag einnehme neben Forschung, Lehre oder Gremien- arbeit, sie dieser Tätigkeit zum Teil in ihrer „Freizeit“ (ID 01) nachkommen müssten. Gerade in digitalen Medienumgebungen wird außer- dem die Gefahr betont, als Forschende Ziel von An- feindungen durch ein wissenschaftsskeptisches bis feindlich eingestelltes Publikum zu werden: „Ich bin zwar nicht bei Social Media, […], weil da würde ich wahr- scheinlich einen Shitstorm nach dem anderen über mich ergehen lassen müssen. Aber natürlich, meine E- Mail ist ja publik. Und dann kommen natürlich E-Mails, […], du hast doch keine Ahnung, es gibt gar keinen Kli- mawandel und so weiter“ (ID 01). Diese Gefahr wird im Kontext stark polarisierter öffentlicher Debatten, wie im Fallbeispiel der Klimakrise und Energiewende, als besonders hoch eingeschätzt: „Die Menschen haben halt einfach Sorge vor Veränderungen, […], haben Sorge davor, dass sie überfordert werden. Und deswegen […] wird dann der Überträger der Nachricht halt gesteinigt […]“ (ID 04). Trotz negativer Erfahrungen verweisen die Wissen- schaftler*innen darauf, dass sie potenzielle Anfeindun- gen bislang „wegdrücken“ (ID 02) konnten und dass dies sie noch nicht davon abgehalten habe, weiterhin für Medienarbeit zur Verfügung zu stehen: „Am An- fang grübelt man schon so ein bisschen nach, wenn man dann auch sehr oft beschimpft oder bedroht wird […]. Ich habe zum Glück […] noch nie jemanden gehabt, der vor der Haustür gestanden hat […]. Das heißt, die Be- drohung findet in der Regel nur virtuell statt. Und dann gewöhnt man sich da auch dran“ (ID 04). Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Wissenschaftler*innen als Co- ping-Strategie Kommentarspalten oder soziale Medien meiden. Aussagen einiger Gesprächspartner*innen le- gen nahe, dass Wissenschaftlerinnen stärker von On- line-Hass betroffen sind als ihre männlichen Kollegen. Wie Wissenschaftler*innen durch eine fragmen- tierte Medienlandschaft navigieren Wissenschaftler*innen gehen bei der Beantwortung von Medienanfragen selektiv vor, indem sie Medien- angebote hinsichtlich ihrer Legitimität für die vermit- telte Wissenschaftskommunikation bewerten. In ihrer oft impliziten Priorisierung von und Grenzziehung zwi- schen Medienangeboten orientieren sie sich besonders an der wahrgenommenen Glaubwürdigkeit, Relevanz und Unabhängigkeit eines Medienangebots. Diese Kriterien konnten in den Leifadeninterviews auch mit Hilfe einer Sortieraufgabe identifiziert werden (siehe hierzu beispielhaft Abb. 1). Unter Glaubwürdigkeit wird die wahrgenommene Ori- entierung eines Medienangebots an Qualitätsvorstel- lungen der Wissenschaftler*innen verstanden. Diese Vorstellungen sind oftmals deckungsgleich mit solchen, die der Journalismus aus einer normativen Perspekti- 5 ve für sich selbst beansprucht. Wissenschaftler*innen arbeiten besonders gerne mit Medienschaffenden zu- sammen, die sie als gut vorbereitet erleben, denen sie Kompetenzen in der Recherche und Bewertung wis- senschaftlicher Sachverhalte zuschreiben: „Das sind dann so Höhepunkte in meiner Medienarbeit, wenn man so richtig auf Augenhöhe miteinander sprechen kann“ (ID 02). Grundsätzlich legen die Befragten Wert auf einen fairen und respektvollen Umgang miteinan- der, dann „können sich Vertrauensverhältnisse etablie- ren“ (ID 06). Forschende erwarten von Journalist*innen faktisch korrekte Berichterstattung, die bestenfalls in der Lage sei, die „Grautöne“ (ID 12) wissenschaftlicher Evidenzen zu kommunizieren und einzuordnen. Sie er- hoffen sich Transparenz und unabhängige Verifizierung von Informationen und Quellen, einen „Mehrfach- Check“ (ID 08) in den Redaktionen. Außerdem sehen sie wertvolle Berichterstattung in der Verantwortung, Themen zielgruppenspezifisch attraktiv aufzuberei- ten und dadurch eine „Übersetzungsleistung“ (ID 12) für die Wissenschaftskommunikation zu leisten. Das Kriterium Relevanz meint den Grad der allgemei- nen oder spezifischen Reichweite eines Medienange- bots auf dem Publikumsmarkt. Viele Wissenschaft- ler*innen orientieren sich stark an der „Größe des Mediums“ (ID 07), wenn sie über Zusage oder Absage von Medienanfragen entscheiden. Abhängig vom The- ma der Anfrage können neben überregionalen An- geboten mit großer allgemeiner Reichweite auch For- mate für spezifische Zielgruppen, z. B. Schüler*innen, Politiker*innen oder lokale Publika, priorisiert werden: „Natürlich gibt es Medien mit höherer Reichweite, aber normalerweise versuche ich auch, junge Leute zu un- terstützen, also Medien wie Podcasts oder solche Sa- chen“ (ID 16). Als Unabhängigkeit wird das Ausmaß der Autonomie eines Formats von externen Einflüssen definiert. Be- vorzugt werden von Wissenschaftler*innen Angebote, die möglichst unabhängig von politischen oder wirt- schaftlichen Interessen agieren. Bei Medienangeboten, die Forschende als abhängig von externen Interessen Abbildung 1: Stellvertretende Auswertung der Sortieraufgabe mit Grenzverlauf auf Höhe der Bild-Zeitung (ID 05). 6 betrachten, muss zwischen ideologisch nahen oder fernen Formaten unterschieden werden. Ideologische Nähe bedeutet eine erhöhte Übereinstimmung persön- licher Werte oder Einstellungen mit den Interessen und Themen des Mediums. Ideologisch fern sind Angebote, deren Interessen und Themen den eigenen Vorstellun- gen widersprechen. In der Regel bewerten Wissen- schaftler*innen eine Zusammenarbeit mit ideologisch nahen Angeboten als positiver, sofern sie ihre persön- liche Meinung vom Beitragsthema gedeckt sehen. Dies zeigt sich z. B. in der bedingten Offenheit vieler Befrag- ter für Expert*innenauftritte in Medienangeboten von NGOs wie Greenpeace, deren Berichterstattung über die Klimakrise viele als „sehr faktenorientiert“ (ID 04) und unterstützenswert betrachten. Fasst man die Ergebnisse zur Evaluierung der Medien- angebote zusammen und überträgt sie auf die zuneh- mend fragmentierte Medienlandschaft lässt sich fest- stellen, dass von den befragten Wissenschaftler*innen klassische Qualitätsmedien, öffentlich-rechtliche Nachrichtenformate oder wissenschaftsjournalisti- sche Angebote als besonders glaubwürdig, relevant und unabhängig bewertet werden. Auch eine poten- zielle Zusammenarbeit mit regionalen Tageszeitungen, journalistischen Start-Ups oder (Science-) Influencern wird von den meisten Befragten als interessant erach- tet, bspw. aufgrund von hoher Glaubwürdigkeit oder relevanten Zielgruppen. Weniger bedeutend für die Berichterstattung und potenzielle Medienarbeit er- scheinen den meisten Wissenschaftler*innen Corpo- rate Media, aufgrund der großen Abhängigkeit solcher unternehmens- oder organisationsgebundenen Me- dien von externen wirtschaftlichen wie politischen In- teressen. Auch Formaten aus der Wissenschaft selbst wird aufgrund ihrer oft begrenzten Reichweite in der Regel nur ein mittlerer Stellenwert eingeräumt. Als Grenzfall der Medienarbeit können Boulevardmedien bezeichnet werden. Für manche Befragte erscheint die Zusammenarbeit aufgrund der hohen Reichweite äu- ßerst relevant, für andere ist die Zusammenarbeit eine Einzelfallentscheidung, manchmal sogar kategorisch ausgeschlossen. Als Grund geben die Forschenden an, dass sie diese Formate als tendenziell unseriös bis vor- eingenommen berichtend bewerten. Klare Grenzen ziehen die meisten Wissenschaft- ler*innen auf Nachfrage zu sogenannten Alter- nativmedien, die mit politischen Ideologien oder Verschwörungstheorien in Verbindung zu stehen scheinen: „Medien, die eine starke politische, auch vielleicht dann rechte Linie verfolgen oder in einen Bereich gehen, der so Richtung Verschwörungsthe- orien oder Verschwörungsmythen geht, das wäre für mich absolut eine rote Linie“ (ID 08). Wenige For- schende zeigen bedingte Offenheit, auch in solchen Formaten Medienarbeit zu leisten, sofern sie einen fairen Austausch für möglich halten: „Man muss im- mer schauen, gibt man solchen wissenschaftsfeind- lichen Positionen eine Bühne, dann ist das Ganze eher kontraproduktiv […]. Wenn es aber irgendwie noch eine sachliche Diskussion ist, die von gegen- seitigem Respekt geprägt ist, dann ist es durchaus auch sinnvoll, mit Leuten zu reden, die eine andere Meinung haben“ (ID 04). Mit solchen Auftritten ver- binden sie die Hoffnung, Zielgruppen anzusprechen, die für die Wissenschaftskommunikation über ande- re Kanäle kaum noch erreichbar sind. Die Ergebnis- se deuten darauf hin, dass Medienanfragen aus dem Spektrum der politischen Alternativmedien selten sind, aber im Einzelfall vorkommen. 7 Navigationskompetenz als Schlüsselfertigkeit vermittelter Wissenschaftskommunikation Um Chancen und Risiken der Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Medienangeboten im Vorfeld ange- messen einschätzen zu können, scheint Navigations- kompetenz zunehmend zu einer bedeutenden Schlüs- selfertigkeit für die Wissenschaftskommunikation zu werden. Navigationskompetenz beschreibt die Fähig- keit, Medienangebote in fragmentierten Medienland- schaften hinsichtlich ihrer Chancen und Risiken für die eigene Medienarbeit zu bewerten und Kommunika- tionsstrategien auf das jeweilige Medienangebot abzu- stimmen. Die Ergebnisse des Projekts zeigen, dass beteiligte Wissenschaftler*innen zwar eine zunehmende Diver- sifizierung der Medienlandschaft erkennen, sich aber selbst einen unzureichenden Überblick über diese at- testieren: „Den [Überblick] habe ich schon verloren. Also ich würde sagen, ich kenne mich jetzt aus in den klassischen Medien, aber mit den ganzen neueren For- maten, […] das kann ich nicht mehr überblicken, weil ich auch nicht weiß, was da wichtig ist und was nicht“ (ID 03). In der Tendenz fällt es befragten Wissenschaft- ler*innen deshalb schwer, neue Medienangebote hin- sichtlich ihrer inhaltlichen Stoßrichtung zu bewerten. Viele sehen das Risiko, Medienangebote falsch einzu- schätzen, wenn sie über die Zusage oder Absage von Medienanfragen entscheiden. In einzelnen Fällen ha- ben Wissenschaftler*innen starke Bedenken vor sol- chen Fehleinschätzungen und den erwarteten Folgen beispielsweise in Form von Anfeindungen. Um sich vor Fehleinschätzungen zu schützen, geben die Wissenschaftler*innen an, eigenständig zu Forma- ten zu recherchieren, die Kommunikationsabteilung ihrer Organisation um Hilfe zu bitten oder Anfragen aus Vorsicht abzusagen. Die Ergebnisse legen nahe, dass die Diversifizierung der Medienlandschaft für Wissenschaftler*innen eine Überforderung darstellen kann: „Die Vielfalt der Medien […] führt eher zu einer Unübersichtlichkeit […]. Ich finde, das macht die Sache sehr kompliziert für Wissenschaftler – wir sind ja keine Medienexperten, wollen es auch gar nicht sein –, sich dann in diesem zunehmenden Dschungel […] zurecht- zufinden“ (ID 05). Im letzten Abschnitt des Kurzberichts sollen deshalb Implikationen für die Praxis diskutiert und eine Art Checkliste für Wissenschaftler*innen vorgestellt wer- den. Dieser Kompass zur Navigation soll bei der ersten Einschätzung von Medienanfragen und -angeboten helfen und kann Wissenschaftler*innen ein Stück weit beim Aufbau der erforderlichen Navigationskompe- tenz dienen. Implikation für die Praxis: Ein Kompass zur Navigation Orientierungshilfe für die Navigation durch diesen Me- dien-„Dschungel“ (ID 05) wird in der Praxis vor allem durch professionelle Wissenschaftskommunikator*in- nen geleistet. Vor dem Hintergrund der aktuellen Stu- dienergebnisse erscheint es notwendig, Schulungen zur veränderten Angebotsvielfalt im Journalismus und zum Umgang mit Medienanfragen peripherer Ange- bote in Medientrainings für Wissenschaftler*innen zu integrieren. Als Ergänzung zu solchen „Navigationstrai- nings“ und individuellen Beratungen kann aus den zen- tralen Bewertungskriterien der Wissenschaftler*innen eine Art Checkliste abgeleitet werden. Dieser kurze Fragenkatalog soll Wissenschaftler*innen dabei unter- stützen, Chancen und Risiken der Zusammenarbeit mit einem neuen Medienangebot initial und selbststän- dig abzuwägen. Viele Wissenschaftler*innen sind in einer fragmentierten Medienlandschaft also auf Orientierungshilfe angewiesen. 8 Die wichtigste Orientierungslinie dieses Kompasses betrifft die wahrgenommene Glaubwürdigkeit eines Medienangebots. Zentrale Fragen der Reflektion durch Wissenschaftler*innen könnten sein: • Für wie informiert halte ich das Format und den*die Journalisten*in? • Habe ich den Eindruck, dass fair und seriös be- richtet wird? • Wie kommen Gesprächspartner*innen in dem Format zu Wort? • Wie positioniert sich das Angebot im Vergleich zu anderen journalistischen Medien? Die zweite Orientierungslinie des Kompasses betrifft die empfundene Relevanz des Formats. Zentrale Fra- gen bei der Evaluierung könnten hier sein: • Welche Zielgruppen möchte das Format er- reichen? • Wie relevant sind diese Zielgruppen für meine Forschung oder Organisation? • Wie groß ist der erwartete allgemeine Outreach? Die dritte und letzte Orientierungslinie bezieht sich auf die wahrgenommene Unabhängigkeit eines Medienan- gebots. Zentrale Fragen zur Bewertung könnten sein: • Wie finanziert sich das Medienangebot? • Lässt sich identifizieren, wer das Medienange- bot betreibt? • Wie unabhängig wirkt die Berichterstattung von externen Interessen? Wer heute und in Zukunft als selbstbewusste*r Ge- sprächspartner*in für die medial vermittelte Wissen- schaftskommunikation zur Verfügung stehen möchte, sollte über ein Mindestmaß an Navigationskompetenz verfügen, um Chancen und Risiken der Zusammenar- beit mit verschiedenen Anbietern abwägen und Kom- munikationsstrategien ggfs. entsprechend anpassen zu können. Für professionelle Wissenschaftskommunika- tor*innen empfiehlt es sich daher, Forschenden durch Maßnahmen wie individuelle Beratungen, Trainings oder Recherchetools Unterstützung anzubieten, die eine individuelle Reflektion anleiten können. KOMPASS ZUR NAVIGATION DURCH EINE FRAGMENTIERTE MEDIENLANDSCHAFT Orientierungshilfe für Wissenschaftler*innen im Medien-"Dschungel" • Welche Zielgruppen möchte das Format erreichen? • Wie relevant sind diese Zielgruppen für meine Forschung oder Organisation? • Wie groß ist der erwartete allgemeine Outreach? RELEVANZ • Wie fi nanziert sich das Medienangebot? • Lässt sich identifi zieren, wer das Medienangebot betreibt? • Wie unabhängig wirkt die Berichterstat- tung von externen Interessen? UNABHÄNGIGKEIT • Für wie informiert halte ich das Format und den*die Journalisten*in? • Habe ich den Eindruck, dass fair und seriös berichtet wird? • Wie kommen Gesprächspartner*innen in dem Format zu Wort? • Wie positioniert sich das Angebot im Vergleich zu anderen journalistischen Medien? GLAUBWÜRDIGKEIT 9 Literatur Besley, J. C., & Nisbet, M. (2013). How scientists view the public, the media and the political process. Public Un- derstanding of Science, 22(6), 644-659. https://doi.org/10.1177/0963662511418743 Dudo, A., & Besley, J. C. (2016). Scientists’ prioritization of communication objectives for public engagement. PloS one, 11(2), e0148867. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0148867 FactoryWisskomm (2022). Handlungsperspektiven für die Wissenschaftskommunikation. 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Juli 2026 Redaktion: Sebastian Büttner (BBAW) & Lisa Zehnter (BBAW) Layout: Michelle Soldato (WiD) Zitiervorschlag: Nölleke, Daniel & Tietjen, Marc (2026): Orientierung im Medienwandel: Wissenschaftler*innen zwischen etablierten und peripheren Formaten der Wissenschaftskommunikation. Kurzbericht der Transfer Unit Wissenschaftskommunikation. Berlin. urn:nbn:de:kobv:b4-opus4-55694 Die Transfer Unit Wissenschaftskommunikation wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert. Die Beiträge geben Analysen und Perspektiven der Autor*innen wieder und entsprechen nicht notwendigerweise der Position des Ministeriums oder der herausgebenden Stelle. Dieses Dokument steht unter folgender Lizenz zur Verfügung: CC BY-NC-ND 4.0 Weitere Publikationen finden Sie auf unserer Homepage www.transferunit.de. 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