Anforderungen an Wanderleitsysteme in alpinen Destinationen Eine Analyse der Wandernden am Fallbeispiel des Stubaitals in Tirol Julia Severiens Schriftenreihe Outdoor Sport und Umweltforschung – Band 35 Institut für Outdoor Sport und Umweltforschung Schriftenreihe Outdoor Sport und Umweltforschung Herausgegeben vom Institut für Outdoor Sport und Umweltforschung Deutsche Sporthochschule Köln Band 35 Impressum Herausgeber Prof. Dr. Ralf Roth Institut für Outdoor Sport und Umweltforschung Deutsche Sporthochschule Köln Am Sportpark Müngersdorf 6 - 50933 Köln www.outdoorsportforschung.com Bildnachweise Cover: TVB Stubai Tirol - Andre Schönherr; Innenteil: Julia Severiens ISSN 2750-7297 ©2021 – Alle Rechte vorbehalten Nachdruck – auch auszugsweise – nur mit Zustimmung des Herausgebers. Aus dem Institut für Outdoor Sport und Umweltforschung der Deutschen Sporthochschule Köln Geschäftsführender Leiter: Univ.-Prof. Dr. Ralf Roth Anforderungen an Wanderleitsysteme in alpinen Destinationen Eine Analyse der Wandernden am Fallbeispiel des Stubaitals in Tirol An der Deutschen Sporthochschule Köln zur Erlangung des akademischen Grades Doktorin der Sportwissenschaft angenommene Dissertation vorgelegt von Julia Severiens aus Leer (Ostfriesland) Köln (2021) Erster Gutachter: Univ.-Prof. Dr. Ralf Roth Zweiter Gutachter: Univ.-Prof. Dr. Jürgen Schmude Vorsitzender des Promotionsausschusses: Univ.-Prof. Dr. Mario Thevis Datum der Disputation: 07.12.2021 Eidesstattliche Versicherungen gem. § 7 Abs. 2 Nr. 4 und 5 der Promotionsordnung der Deutschen Sporthochschule Köln, 20.02.2013: Hierdurch versichere ich: Ich habe diese Arbeit selbständig und nur unter Benutzung der angegebenen Quellen und technischen Hilfen angefertigt; sie hat noch keiner anderen Stelle zur Prüfung vorgelegen. Wörtlich übernommene Textstellen, auch Einzelsätze oder Teile davon, sind als Zitate kenntlich gemacht worden. Hierdurch erkläre ich, dass ich die „Leitlinien guter wissenschaftlicher Praxis“ der Deutschen Sporthochschule Köln eingehalten habe. Datum, Unterschrift I | Inhaltsverzeichnis Kurzfassung III Abstract V Abbildungsverzeichnis VII Tabellenverzeichnis IX Abkürzungsverzeichnis X 1 Einleitung 1 1.1 Problemstellung und Relevanz 1 1.2 Forschungsstand 3 1.2.1 Forschungslücke und wissenschaftlicher Beitrag 6 1.3 Zielsetzung und Forschungsfragen 7 1.4 Aufbau der Arbeit 7 2 Theoretischer Rahmen 9 2.1 Wandern in den Alpen 9 2.1.1 Wandern als Natursportart 9 2.1.2 Abgrenzung der Aktivität Wandern 10 2.1.3 Wanderwege und Schwierigkeitsbewertung 13 2.1.4 Anforderungsprofil an die Wanderfähigkeiten 18 2.2 Wanderleitsysteme 28 2.2.1 Wegweisung – Die Lenkung von Aktivitäten 28 2.2.2 Wegfindung – Phasen und Einflussfaktoren 35 2.3 Konzeptioneller Analyserahmen 42 3 Methodik 45 3.1 Untersuchungsdesign 45 3.2 Untersuchungsgebiet 46 3.2.1 Das Stubaital in Tirol 46 3.2.2 Auswahl der Erhebungsstandorte 48 3.3 Datenerhebungsinstrumente 50 3.3.1 GPS-Logging 50 3.3.2 Standardisierte Befragung 53 3.4 Stichprobenziehung und Ablauf der Erhebung 55 3.5 Datenauswertung 58 3.5.1 Aufbereitung und Analyse der GPS-Daten 58 3.5.2 Statistische Analyse der Befragung und der Wanderrouten 60 4 Ergebnisse 64 4.1 Charakterisierung der Bergwandernden 64 4.1.1 Stichprobengröße 64 4.1.2 Soziodemographie 64 4.1.3 Motivation 68 4.1.4 Wandererfahrung und -fähigkeiten 69 4.1.5 Tourenplanung, Informationsquellen und Orientierungsmittel 77 4.1.6 Bemerkungen 85 Inhaltsverzeichnis | II 4.2 Charakterisierung der Wanderungen 86 4.2.1 Stichprobengröße 86 4.2.2 Räumliche Nutzung der Wandernden 86 4.2.3 Bewegungs- und Streckenparameter der Wanderungen 97 4.3 Vergleich der Tourenplanung mit der durchgeführten Wanderung 101 5 Diskussion 108 5.1 Diskussion der Methodik 108 5.2 Diskussion der Ergebnisse 111 5.2.1 Charakterisierung der Bergwandernden 111 5.2.2 Charakterisierung der Wanderungen 124 5.2.3 Diskrepanzen Wanderfähigkeiten, Tourenplanung und Wanderung 128 5.3 Anforderungen an Wanderleitsysteme in alpinen Destinationen 130 5.3.1 Eindeutige Schwierigkeitsklassifizierung als Basis 131 5.3.2 Zentralisierung der Zuständigkeiten und Informationen 132 5.3.3 Vermittlung eines eindeutigen Anforderungsprofils 133 5.3.4 Sensibilisierung zur Tourenplanung 134 5.3.5 Spezifische Nutzungsgruppenansprache 136 6 Fazit 139 6.1 Managementimplikationen 139 6.2 Forschungsdesiderat 140 6.3 Schlussbetrachtung 142 Literaturverzeichnis 145 Anhang 157 Anhang 1: Fragebögen 157 Anhang 2: Hauptkomponentenanalyse Motive 163 Anhang 3: Standortvergleich 164 Anhang 4: Untergründe 165 Anhang 5: Wettergutachten 166 Inhaltsverzeichnis III | Kurzfassung Alpine Destinationen erfahren einen hohen Nutzungsdruck durch Erholungssuchende und Sporttreibende. Besonders das Wandern erfreut sich bei einer breiten Zielgruppe nicht zu- letzt aufgrund der Covid-19 Pandemie großer Beliebtheit. Die vermehrte Nachfrage macht sich ebenfalls in den Zahlen der alpinen Unfallstatistik bemerkbar. Vor dem Hintergrund der Unfallprävention, der Sicherung der Erholungsqualität und des Naturschutzes sind angepasste Strategien zur besseren Information und Lenkung von Wandernden notwendig. Ziel der vorliegenden Forschungsarbeit ist es, nutzungsbasierte Anforderungen an Wanderleitsysteme in alpinen Destinatio- nen zu formulieren. Für die Ermittlung einer bedarfsgerechten Aktivitätslenkung wurden am Fallbeispiel des Stubaitals in Tirol sporttouris- tische Bergwandernde hinsichtlich ihrer Soziodemographie, Wandererfahrung und -fähigkeiten, Motivation und Touren- planung sowie ihres raumzeitlichen Verhaltens untersucht und die Ergebnisse auf Diskrepanzen hin analysiert. In einem dreiwöchigen Erhebungszeitraum innerhalb der touristischen Hauptsaison des Sommers 2020 wurden 366 Wandergruppen bzw. Einzelwandernde zu Beginn ihrer Wanderung an zwei ausgewählten Standor-ten befragt. Anschließend wurden die Wanderungen mittels GPS-Logging aufgezeichnet und die Proband*innen nahmen an einer Post-Befragung teil. Ergänzt wurden die Daten aus der Zielgebietserhebung durch Infor- mationen zu geographischen Merkmalen des Stubaitals aus einer Geodatenbank des Untersuchungsgebiets. Die Ergebnisse dieser Arbeit zeigen, dass in allen Altersklas- sen, geschlechtsunabhängig und mehrheitlich in der Gruppe gewandert wird. Die Altersgruppe der 20- bis 40-Jährigen war mit rund einem Drittel vertreten und das Durchschnittsalter lag bei 41 Jahren. Der wichtigste Beweggrund zum Wandern ist das Naturerlebnis gefolgt von dem Motiv der Gesellig- keit. Ein Drittel der Stichprobe sind zudem Anfänger*innen mit kaum Bergwandererfahrung und ohne Gebietskenntnis. Außerdem führten 12 Prozent der Befragten keinerlei Touren- planung durch. Über die Wanderung wurde sich gleicherma- ßen über digitale Medien und Printmedien informiert. Wenn sich digital informiert wurde, dann am häufigsten über die Website der Region. Während der Wanderung wird die analoge Orientierung anhand der Wegbeschilderung präferiert (58%). 13 Prozent verwenden ergänzend das Smartphone zur Navi- gation. Die Schwierigkeit der Wanderung wurde höchst signifikant in der Planung unterschätzt, t(351) = 17.42, p < .001, d = 0.92, n = 352. Dabei wurden die Wanderfähigkeiten der unerfah- rensten Begleitperson stärker überschätzt, t(339) = 9.83, p < .001, d = 0.53, n = 340, als die der tourenverantwortlichen Person, t(361) = 6.49, p < .001, d = 0.34, n = 363. Ferner ver- liefen 50 Prozent der Wanderungen nicht erwartungsgemäß. Gründe dafür waren u. a. körperliche Beschwerden, Wetterbe- dingungen, wahrgenommene Einschränkungen aufgrund von Kindern oder Hunden, mangelnde Wegweisung sowie Über- bzw. Unterforderung. Anhand der Resultate wird am Fallbeispiel des Stubaitals veranschaulicht, dass sporttouristische Bergwandernde viel- fältig sind und dass das Wandern eine überwiegend soziale Aktivität zu sein scheint. Letzteres könnte aufgrund der Co- vid-19 Pandemie bedeutsamer geworden zu sein. Zudem ver- deutlichen die Zahlen der An-fänger*innen der untersuchten Stichprobe die steigende Beliebtheit des Wanderns in den Alpen. Gleichzeitig ist der Großteil der Befragten nicht in einem Verein organisiert. Die fehlende Erfahrung spiegelt sich ebenfalls in der mangelnden Tourenplanung wider. Dem- nach müssen vor allem unerfahrene Bergwandernde besser informiert werden über die Schwierigkeit der Bergwege und deren Anforderungen. Außerdem bedarf es einer intensiveren Sensibilisierung zur sorgfältigen Tourenplanung, in der ins- besondere der soziale Aspekt des Wanderns stärker berück- sichtigt werden sollte. Grundlegend für eine realistische Selbsteinschätzung der Wanderfähigkeiten und eine entsprechende Tourenplanung könnten eine einheitliche und eindeutige Schwierigkeits- klassifizierung von Wanderwegen in den Alpen sowie ein de- finiertes Anforderungsprofil sein. Ferner beginnt die Lenkung von Erholungssuchenden bereits in der Informationsphase vor dem eigentlichen Aufenthalt in der Destination. Ent- sprechend sollte ein Wanderleitsystem als ein ganzheitliches Leitsystem verstanden werden, welches die Nutzer*innen über alle Phasen der Wegfindung (beg)leitet. Besonders die Website der jeweiligen alpinen Destination könnte Potential zur Aufklärung bieten. In der Aufenthaltsphase könnten Tou- risteninformationen verstärkt als Kompetenzzentren auftre- ten und Ausgangsorte sowie Aufenthaltsorte der Wanderung hinsichtlich der Informations- und Orientierungstafeln opti- miert werden. Die Erlebnisphase der Wanderung empfiehlt es sich für ein ungestörtes Naturerlebnis analog zu halten und eine hohe Qualität in der Beschilderung anzustreben. Kurzfassung V | Abstract Alpine destinations are confronted with an increasing re- creational use. Hiking in particular is getting more popu- lar among a broad target group, not least because of the Covid-19 pandemic. The growing demand is noticeable in the increased number of alpine accident statistics. Adopted strategies of visitor activity management are necessary for accident prevention, maintaining quality of recreation and nature conservation. The aim of the research project is to formulate user-based requirements for hiking guidance sys- tems in alpine destinations. For this purpose, hikers were examined based on the case study of the Stubai Valley in Tyrol in terms of their sociode- mography, hiking experience and skills, motivation and tour planning as well as their spatiotemporal behaviour and ana- lyzed for discrepancies. In a three-week survey period in the main tourist season in summer 2020, 366 hiking groups or individual hikers were surveyed at the beginning of their hike at two selected locations in the study area. The hikes were then recorded by GPS logging and the study participants took part in a post-survey. The collected data were compiled with information on the geographic features of the Stubai Valley from a geodatabase of the investigation area. The results of this study show that there is hiking in all age groups regardless of gender. Furthermore the majority of the sample hikes in groups. The age group of 20- to 40-year-olds was represented with around a third and the average age was 41 years. The most important motivation for hiking is the experience of nature followed by the motive of socializing. Moreover a third of the sample are beginners. In addition, 12 percent of those surveyed did not plan any route at all. In- formation about the hike was obtained equally from both di- gital and print media. If information was obtained digitally, it was most often via the region‘s website. During the hike, the orientation based on the signposts is preferred (58%). Smartphones are used in addition for orientation (13%). The difficulty of the hike was significantly underestimated in the planning, t(351) = 17.42, p < .001, d = 0.92, n = 352. The hiking abilities of the most inexperienced accompanying per- son were particularly overestimated, t(339) = 9.83, p < .001, d = 0.53, n = 340, than those of the person responsible for the tour, t(361) = 6.49, p < .001, d = 0.34, n = 363. Furthermo- re, 50 percent of the hikes did not go as expected. Reasons for this were physical problems, weather conditions, percei- ved restrictions due to children or dogs, lack of direction and over- or under challenge. The case study of the Stubai Valley illustrates that touristic mountain hikers are diverse and that hiking is predominantly a social activity. This seems to have become more significant due to the Covid-19 pandemic. Furthermore, mountain trails were underestimated in the planning and own abilities were overestimated. In addition a third of the sample are begin- ners with little mountain hiking experience and no know- ledge of the area. Aside of that over a thenth did not carry out any tour planning. Accordingly, mountain hikers must be better informed about the difficulty of the mountain trails and their requirements. In addition, there is a need to incre- ase awareness for careful route planning. Fundamental for a realistic self-assessment of hiking skills and an appropriate tour planning could be a consistent and clear difficulty classification of hiking trails as well as a specific requirement profile. Furthermore, the guidance of visitors begins already in the information stage before the actual stay in the destination. Accordingly, a hiking guidance system should be understood as a holistic system that guides the user through all stages of their wayfinding. The website of the respective alpine destination in particular offers po- tential for raising awareness. During the stay, tourist infor- mation offices could increasingly act as competence centers. Information and orientation boards at starting points and staying locations of the hike could be optimized. It is advis- able to strive for a high quality of the analogous signage to provide an undisturbed hiking and nature experience. Abstract VII | Abbildungsverzeichnis Abbildungsverzeichnis Abb. 1: Maßnahmen zur Aktivitätslenkung im Naturraum 31 Abb. 2: Visitor Journey der Wandernden 33 Abb. 3: Beispiel Beschilderung und Markierung der Wanderwege im Stubaital 34 Abb. 4: Konzept der Time-Geography 38 Abb. 5: Constraints-Modell landschaftsbezogener Erholung 39 Abb. 6: Schamels-Modell raumzeitlicher Bewegungsmuster landschaftsbezogener Erholung 41 Abb. 7: Konzeptionelles Modell der Einflussfaktoren beim Wandern 44 Abb. 8: Überblick methodische Vorgehensweise 45 Abb. 9: Der WildeWasserWeg und der Naturschauplatz Elfer Gratzengrübel 46 Abb. 10: Das Untersuchungsgebiet Stubaital und Erhebungsstandorte 48 Abb. 11: Rückgabe-Box am Erhebungsstandort der Talstation Elferbahnen 56 Abb. 12: Typisierung der Studienteilnehmenden anhand der Wandererfahrung 62 Abb. 13: Prozentuale Altersverteilung 65 Abb. 14: Prozentuale Anteile der Gruppengrößen 65 Abb. 15: Prozentualer Anteil der Altersspannen in den Wandergruppen 66 Abb. 16: Geschlechterverhältnis in den Wandergruppen 66 Abb. 17: Herkunft aus den Bundesländern Deutschlands 67 Abb. 18: Herkunft aus den Bundesländern Österreichs 67 Abb. 19: Bewertung der einzelnen Motive für die Wanderung im Stubaital 68 Abb. 20: Mittelwerte der Motivfaktoren 69 Abb. 21: Typisierung nach Wandererfahrung 70 Abb. 22: Mittelwerte in der Selbsteinschätzung von Kondition, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit 72 Abb. 23: Prozentuale Verteilung der Differenzen innerhalb der Gruppe 73 Abb. 24: Art der körperlichen Beeinträchtigung und prozentuale Verteilung unter den Befragten 74 Abb. 25: Mittelwerte in der Selbsteinschätzung von Sicherungstechniken, Klettererfahrung, Ausrüstung und Orientierungssinn 74 Abb. 26: Prozentuale Verteilung der Differenzen innerhalb der Gruppe bezüglich Sicherungstechniken, Klettererfahrung, Ausrüstung und Orientierungssinn 76 Abb. 27: Theoretisch maximal begehbare Wegschwierigkeit gemäß der Selbsteinschätzung der Wanderfähigkeiten der Befragten in Prozent 77 Abb. 28: Prozentuale Verteilung der geplanten Dauer der Wanderung einschließlich Pausen 79 Abb. 29: Mittelwerte der geplanten Schwierigkeit im Vergleich mit der theoretisch maximal begehbaren Wegschwierigkeit gemäß der Selbsteinschätzung der tourenverantwortlichen Personen und der unerfahrensten Personen 80 Abb. 30: Prozentuale Verteilung der geplanten Höhenmeter im Aufstieg 82 Abb. 31: Prozentuale Verteilung der geplanten Höhenmeter im Abstieg 82 Abb. 32: Verwendete Informationsquellen für die Tourenplanung in Prozent 83 Abb. 33: Prozentuale Verteilung der Informationsquellen nach Altersklassen der Befragten 83 Abb. 34: Orientierungsmittel während der Wanderung in Prozent 84 Abb. 35: Bewertung der Qualitätskriterien der Wegbeschilderung im Stubaital 85 Abb. 36: Beispiel Beschilderung am Erhebungsstandort Oberrissalm 85 Abb. 37: Das Routennetzwerk mit den offiziellen Wegschwierigkeiten am Erhebungsstandort Elfer 87 Abb. 38: Anteile Untergründe, Wegbreiten und Steigungen der Gelben Wanderwege im erfassten Routennetzwerk Elfer 88 | VIII Abb. 39: Anteile Untergründe, Wegbreiten und Steigungen der Roten Bergwege im erfassten Routennetzwerk Elfer 88 Abb. 40: Anteile Untergründe, Wegbreiten und Steigungen der Schwarzen Bergwege im erfassten Routennetzwerk Elfer 89 Abb. 41: Frequentierung der Wanderwege und POIs am Erhebungsstandort Elfer 90 Abb. 42: Das Routennetzwerk mit den offiziellen Wegschwierigkeiten am Erhebungsstandort Oberissalm 92 Abb. 43: Anteile Untergründe, Wegbreiten und Steigungen der Gelben Wanderwege im erfassten Routennetzwerk Oberissalm 93 Abb. 44: Anteile Untergründe, Wegbreiten und Steigungen der Roten Bergwege im erfassten Routennetzwerk Oberissalm 93 Abb. 45: Anteile Untergründe, Wegbreiten und Steigungen der Schwarzen Bergwege im erfassten Routennetzwerk Oberissalm 94 Abb. 46: Frequentierung der Wanderwege und POIs am Erhebungsstandort Oberissalm 95 Abb. 47: Prozentuelle Verteilung der Strecken- und Bewegungsparameter der Wanderungen 99 Abb. 48: Prozentuale Verteilung der Wegschwierigkeiten der Wanderungen 100 Abb. 49: Prozentuale Verteilung der Weguntergründe der Wanderungen 100 Abb. 50: Prozentuale Verteilung der Wegbreiten und Steigungen der Wanderungen 101 Abb. 51: Mittelwerte der geplanten Gesamtzeit und Gehzeit im Vergleich zur tatsächlichen Gesamtzeit und Gehzeit der Wanderung 102 Abb. 52: Mittelwerte der geplanten Höhenmeter im Vergleich zu den tatsächlichen Höhenmeter im Aufstieg und Abstieg 103 Abb. 53: Mittelwerte der geplanten Schwierigkeit, der theoretisch maximal begehbaren Wegschwierigkeit gemäß der Selbsteinschätzung der tourenverantwortliche Personen und der unerfahrenste Personen und der tatsächlich maximal begangenen Schwierigkeit 104 Abb. 54: Sender*innen und Empfänger*innen Modell 131 Abb. 55: Fragebogen (Pre) Seite 1 157 Abb. 56: Fragebogen (Pre) Seite 2 158 Abb. 57: Frage 19) Bild Nummer 1. Wegekategorie Gelber Wanderweg 159 Abb. 58: Frage 19) Bild Nummer 2. Wegekategorie Roter Bergweg 159 Abb. 59: Frage 19) Bild Nummer 4. Wegekategorie Schwarzer Bergweg 160 Abb. 60: Frage 19) Bild Nummer 4. Wegekategorie Alpine Route 160 Abb. 61: Fragebogen (Post) Seite 1 161 Abb. 62: Fragebogen (Post) Seite 2 162 Abbildungsverzeichnis IX | Tabellenverzeichnis Tabellenverzeichnis Tab. 1: Forschungsleitende Fragestellungen 7 Tab. 2: Bergwegeklassifikation der Alpenvereine 13 Tab. 3: Bergwegeklassifikation des Landes Tirol 14 Tab. 4: Bergwegeklassifizierung des Schweizer Alpen-Clubs 15 Tab. 5: Bergwegeklassifizierung nach Schamel 16 Tab. 6: Bergwegeklassifizierung nach Outdooractive 16 Tab. 7: Anforderungskriterien der Wanderwege gemäß des Tiroler Konzepts 19 Tab. 8: Übersicht über Muskelgruppen, Arbeitsweise und Kraftfähigkeiten Bergwandern 20 Tab. 9: Verhältnisskala Kondition der DAV BergwanderCard 21 Tab. 10: Verhältnisskala Kondition gemäß Schamel 21 Tab. 11: Genutzte Orientierungsmittel beim Wandern in Prozent 25 Tab. 12: Konkretisiertes Anforderungsprofil der Wanderwege 26 Tab. 13: Ziele der Besucherlenkung 30 Tab. 14: Das 3x3 der Tourenplanung 37 Tab. 15: Vor- und Nachteile GPS-Logging 51 Tab. 16: Informationen aus der Pre- und Post-Befragung 53 Tab. 17: Datenquellen für die Analyse der GPS-Daten 58 Tab. 18: Generierte Datensätze der GPS-Routen 60 Tab. 19: Grenzwerte der Irrtumswahrscheinlichkeit p 61 Tab. 20: Interpretation des Korrelationskoeffizienten r 61 Tab. 21: Interpretation von Cramers 61 Tab. 22: Interpretation der Effektstärke d 61 Tab. 23: Interpretation des Cronbachs Alpha α 63 Tab. 24: Anzahl an Jahren und Wanderungen der Erfahrungstypen 70 Tab. 25: Mitgliedschaft im Wanderverein und Erfahrungstypen 71 Tab. 26: Reliabilität der Subskalen Kondition und Trittsicherheit 71 Tab. 27: Zusammenhänge zwischen den Wanderfähigkeiten 76 Tab. 28: Tourenplanung und Erfahrungstypen 78 Tab. 29: Tourenplanung und theoretisch maximal begehbare Schwierigkeit gemäß Selbsteinschätzung 78 Tab. 30: Geplante Tourenschwierigkeit und theoretisch maximal begehbare Wegschwierigkeit gemäß der Selbsteinschätzung der tourenverantwortlichen Person und der unerfahrensten Begleitperson 81 Tab. 31: Vergleich der räumlichen Merkmale der Routennetzwerke der Erhebungsstandorte 96 Tab. 32: Unterschiede in der Schwierigkeitsbeurteilung bezogen auf die raumzeitlichen Parameter 106 Tab. 33: Studienvergleich Orientierungsmittel beim Wandern 121 Tab. 34: Hauptkomponentenanalyse der Motive zum Wandern. Korrelationswerte der rotierten Komponentenmatrix 163 Tab. 35: Räumliche Charakterisierung der Bergwegeklassen 164 Tab. 36: Charakterisierung der Weguntergründe 165 Tab. 37: Wettergutachten im Untersuchungszeitraum Stubaital 166 | X BMWi Bundesministerium für Wirtschaft und Energie BNatSchG Bundesnaturschutzgesetz DWV Deutscher Wanderverband DAV Deutscher Alpenverein dBm Dezibel Milliwatt DGM Digitales Geländemodell DIN Deutsches Institut für Normung DMO Destinationsmanagementorganisation DSHS Deutsche Sporthochschule Köln DSV Deutscher Skiverband DTK Digitale Topographische Karte FUR Forschungsgemeinnschaft Urlaub und Reisen e.V. GIS Geographisches Informationssystem GPS Global Positioning System h Stunde hm Höhenmeter Hz Hertz ID Identifikationsnummer IOSUF Institut für Outdoor Sport und Umwelforschung IQR Interquartilsabstand min Minute OeAV Österreichischer Alpenverein ÖPNV Öffentlicher Personennahverkehr REP Recreation Experience Preference SAC Schweizer-Alpen-Club TVB Tourismusverband ü. d. M. über dem Meeresspiegel ZAMG Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik Abkürzungsverzeichnis Abkürzungsverzeichnis 1 | 1 1 Einleitung 1.1 Problemstellung und Relevanz Alpine Destinationen stehen vor der Herausforderung einer zunehmend hohen Nachfrage im Bergwandersektor mit einer sich ändernden Nutzungsgruppenstruktur. Es zeigen sich Ten- denzen, dass diese sich vermehrt ausdifferenziert (Dreyer et al., 2010, S. 275). Der Anteil der aktiv wandernden Personen in der deutschen Bevölkerung ist zwischen 2010 und 2014 von 56 Prozent auf 69 Prozent gestiegen (Dicks & Neumeyer, 2010, S. 24; Quack, 2014, S. 10). Gewandert wird in allen Altersklassen, jedoch lässt sich in den jüngeren Alterskohor- ten ein wachsendes Interesse beobachten (BTE & DWV, 2018, S. 5; Quack, 2014, S. 11). Die gestiegene Nachfrage im Bergsport macht sich ebenfalls in den Mitgliederzahlen der Alpen- vereine bemerkbar. So verzeichnete der Deutsche Alpenverein (DAV) 2019 einen Mitglieder- zuwachs von 4,7 Prozent auf nunmehr 1 351 247 Mitgliedern (DAV, 2020b). Unter diesen machen nun rund 26 Prozent „Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unter 26 Jahren“ aus. „Mitglieder über 60 Jahre“ sind im Vergleich mit einem geringeren Anteil von rund 19 Prozent vertreten (ebd.). Auch der Österreichische Alpenverein (OeAV) verzeichnete 2018 ein Rekordzuwachs von 5,2 Prozent und 2019 von 4,5 Prozent (OeAV, 2019, 2020). Zunehmend kommen die Bergsportbegeisterten aus dem urbanen Raum. Mittlerweile stammt die Hälfte aller Mitglieder aus größeren Städten (ebd.). Kürzlich berichtete der OeAV zudem, dass auch während der Covid-19 Pandemie 2020 ein Zuwachs von 0,5 Prozent auf nun über 600 000 Vereinsangehörige registriert wurde (OeAV, 2021). Während der Covid-19 Pandemie verspürten naturnahe Erholungsgebiete eine starke Nachfrage und ein erhöhten Nutzungsdruck (Fillisch et al., 2020; Lammertz, 2021). Dabei wurden vor allem neue Nutzungsgruppen beobachtet, die aufgrund der Reise- und Alltags- beschränkungen das Wandern für sich neu oder wiederentdeckt haben (ebd.). Darüber hin- aus wird generell vermutet, dass die vermehrte Beliebtheit von naturnahen Aktivitäten auf einen Wertewandel in der Gesellschaft zurückführen ist. In einer zunehmend urbanisierten und digitalisierten Welt gewinnt die Natur an Bedeutung und das Bedürfnis nach Erholung und Bewegung in dieser nimmt einen immer höheren Stellenwert ein (Roth, 2003, S. 38; Dicks & Neumeyer, 2010, S. 34). So bekräftigen Befragungen kontinuierlich, dass das „Erle- ben von Natur und Landschaft“ das Hauptmotiv zum Wandern in Freizeit und Urlaub ist (Quack, 2018, S. 17; FUR, 2019, S. 6). Die Mittelgebirge und alpine Destinationen sind da- bei die präferierten Zielgebiete (Quack, 2014, S. 19). Die Alpen sind ein komplexer Naturraum mit vielfältigen Landschaftsformen und einem weiten Netz an Berg- und Wanderwegen. Mit dem Wachstum des Alpentourismus wurde das Hochgebirge immer weiter erschlossen und für mehr Menschen leichter erreichbar (vgl. DAV & OeAV, 2016, S. 65). Laut Schätzungen umfasst alleine das Wegenetz in Österreich um die 50 000 Kilometer (Österreichisches Kuratorium für Alpine Sicherheit, 2020b, S. 16). Die Al- 1 Einleitung | 2 1 Einleitung 2 pinunfallstatistik berichtete 2019 einen signifikanten Anstieg der Notrufe von Unverletz- ten, die sich in einer misslichen Lage befinden. Diese machen mittlerweile mit 990 Mel- dungen im Jahre 2019 ein Drittel aller Notrufe in den österreichischen Bergen aus (ebd., S. 17). Dabei handelt es sich um Personen, die mit den Tourenverhältnissen überfordert sind, sich überschätzt haben und weder vor noch zurück können (sogenannte Blockierun- gen)(ebd., 2020a). Auch die DAV Unfallstatistik registrierte 187 Blockierungen im Jahre 2019 (Janotte, 2020). Nach Einschätzung von Janotte (DAV Sicherheitsforschung) liegt die steigende Anzahl an Blockierungen darin begründet, dass unerfahrene „Modebergsport- ler*innen“ die Tour unterschätzen, sich zu wenig mit den alpinen Gefahren auseinander- setzten und keine ausreichende Tourenplanung durchführen (ebd.). Weiter ist die häufigste Ursache von Unfällen der Sturz, hervorgerufen durch Stolpern und Ausrutschen, ausgelöst zum Beispiel durch Überforderung oder Übermüdung. Ein Drittel aller Todesfälle macht das körperliche Versagen in Form von Herzkreislaufproblemen aus (ebd.; Österreichisches Kura- torium für Alpine Sicherheit, 2020b, S. 17f.). Janotte (2020) stellte zudem einen Einfluss der Covid-19 Pandemie fest. Nach der Aufhebung der Ausgangsbeschränkungen gab es ei- nen „regelrechten Ansturm auf die Berge“. Urlaub wurde im Sommer nicht im Ausland son- dern in den „heimischen Bergen“ verbracht. Eventuell haben dadurch „einige Menschen die Berge für sich entdeckt, die damit vorher nichts zu tun gehabt haben.“ Hinzu kommt, dass im Allgemeinen die Erwartungen an touristischen Dienstleistungen, Infrastruktur und der Bergrettung seitens der Konsumentinnen und Konsumenten gestiegen sind (vgl. u.a. Dicks & Neumeyer, 2010, S. 77; Quack, 2014, S. 43). Auf der Datengrundlage von Wanderstudien, Mitgliederstatistiken der Alpenvereine, der Bergunfallstatistik und Beobachtungen von Expert*innen lässt sich also schlussfolgern, dass immer mehr Menschen in den Alpen wandern gehen und sich die Nutzungsgruppe der Wandernden weiter ausdifferenziert. Dabei scheinen sich die Anteile derer zu vergrößern, die jünger oder unerfahrener sind bzw. aus den außeralpinen urbanen Siedlungsräumen stammen. Die Bergunfallstatistik offenbart, dass es häufig an realistischer Selbsteinschät- zung und ausreichender Tourenplanung mangelt und es zu einer Unterschätzung der Anfor- derungen von Bergwanderungen kommt. Alpine Destinationen verspüren eine steigende Er- holungsnutzung und damit auch einen erhöhten Nutzungsdruck. Es besteht eine dringende Notwendigkeit nach einem Wanderleitsystem, welches der veränderten Nutzungsgruppen- struktur gerecht wird. Es wird ein Informations- und Leitsystem benötigt, was den Wan- dernden dabei hilft sich selbst und die Anforderungen von alpinen Wanderwegen realisti- scher einzuschätzen. Grundlage für ein erfolgreiches Wanderleitsystem sind genaue Kennt- nisse über Ströme und Bedürfnisse der Erholungssuchenden (Arnberger, 2013, S. 17). 3 | 1 Einleitung 3 1.2 Forschungsstand Wanderstudien In Deutschland gibt es zwei größer angelegte empirische Studien über den nationalen Wandermarkt. Erstens die Grundlagenstudie von 2010 vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Wanderverband (DWV) und der Uni- versität Trier (Dicks & Neumeyer, 2010). Zweitens die Folgestudie aus 2014 des Tourismus- beratungsunternehmens Project M in Zusammenarbeit der Ostfalia Hochschule für angewand- te Wissenschaften und unterstützt vom DWV (Quack, 2014). In den Studien findet eine tou- rismuswirtschaftliche Betrachtung des innerdeutschen Wandermarktes statt. Erhoben wur- den Basisdaten u. a. zu den soziodemographischen Merkmalen der Wandernden (Alter, Her- kunft, Einkommen, Bildung etc.); zu den Motiven und Präferenzen; den Wanderintensitä- ten; über die Charakteristika der Wanderungen; genutzte Orientierungs- und Informations- mittel sowie der Gruppenstruktur. Darüber hinaus gibt es seit 2015 den jährlichen, sogenannten Wandermonitor des Insti- tuts für Tourismus- und Regionalforschung der Ostfalia Hochschule (Ostfalia, 2021). Erhoben werden jährlich Vergleichsdaten zur Charakterisierung des Wandertourismus und deren Marktentwicklung in Deutschland. Diese Studien geben einen Überblick über die Charakterisierung der Nutzungsgruppe der Wandernden im Allgemeinen. Die Daten beziehen sich nicht speziell auf das Bergwandern in den Alpen, sondern auf das Wandern in allen Landschaftsformen Deutschlands. Stre- ckenparameter der Wanderungen wie zum Beispiel Distanz und Dauer basieren zudem auf Befragungsdaten und können durch die Wahrnehmung der Befragten verzerrt sein. Es wird ferner deutlich, dass sich die Zielgruppe der Wandernden in einem ständigen Wandel befin- det und es einer laufenden Beobachtung bedarf, um diese Entwicklungen differenziert zu erfassen. In Österreich finden sich bisher wenig wissenschaftliche Beiträge über die Zielgruppe der (alpinen) Wandernden. Die Zahlen zum Wandertourismus entstammen überwiegen aus der Marktforschung der Tirol Werbung GmbH (2018). 2005 fand eine Befragung von Berg- wandernden auf unterschiedliche Hütten in den österreichischen Alpen statt (Muhar et al., 2007). Aktuell wurde zudem eine Studie über die Segmentierung der alpinen Wandernden anhand demographischer und psychographischer Variablen der Universität Innsbruck in Zu- sammenarbeit mit dem Sicherheitsmanagementunternehmen LO.LA veröffentlicht (Ortner et al., 2020). Bis auf die genannten Ausnahmen gibt es zurzeit also wenig Studien, die sich speziell der Zielgruppe der Bergwandernden in alpinen Destinationen widmen. | 4 1 Einleitung 4 Studien zum Risikomanagement beim Bergwandern Bislang gibt es nur eine bekannte Studie zum Thema Selbsteinschätzung von Bergwandern- den bezogen auf die Anforderungen von alpinen Wanderwegen. Die Studie der DAV Sicher- heitsforschung (Bach et al., 2007) diente zur Entwicklung der BergwanderCard (DAV, 2013) als Hilfe für die Tourenplanung. Mittels Befragungen und Beobachtungen auf Wanderwegen unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade wurde die Selbsteinschätzung in Relation zur Frem- deinschätzung durch Expert*innen bewertet. Beobachtet wurde, dass über ein Drittel der Studienteilnehmenden sich bezüglich Trittsicherheit und knapp 20 Prozent bezüglich Kon- dition fehleingeschätzt haben (Bach et al., 2007, S. 33). Laut Bach et al. stellen die Un- fallstatistiken ansonsten die einzige empirische Datengrundlage zum Thema Risikoma- nagement dar (ebd., S. 8). Weitere Empfehlungen in der Literatur zur Vorbereitung und zur Tourenplanung würden auf den Erfahrungen der Fachautor*innen basieren. Gey (2017) entwickelte darüber hinaus auf Grundlage von Literaturrecherchen und Be- fragungen ein sportwissenschaftlich fundiertes Anforderungsprofil für das Bergwandern so- wie einen Test- und Trainingsparcours zur Verbesserung der Selbsteinschätzung von Berg- wandernden. Die Alpenvereine bemühen sich außerdem um Präventionskampagnen und In- formationsmaßnahmen (vgl. DAV, 2021a). Außerdem befragte Schamel (2017) Wandernde bezüglich der Selbsteinschätzung unter- schiedlicher Wanderfähigkeiten, um diesbezüglich wahrgenommene Einschränkungen auf- grund des Alters festzustellen. Es wird deutlich, dass aufgrund der geringen und teils veralteten Studienlage bei gleichzei- tigen vorherrschenden Unfallgeschehen weiterer Forschungsbedarf zur Selbsteinschätzung und Anforderungen beim Bergwandern besteht. Zudem beruht die bisherige Beurteilung der Selbsteinschätzung auf Beobachtungen und Befragungen. Bislang fand kein objektiver Ver- gleich der Selbsteinschätzung mit raumzeitlichen Streckenparametern (wie zum Beispiel Distanz, Dauer, Untergrund und Steigung) statt. Darüber hinaus hat sich bis dato keine einheitliche Bergwegeklassifizierung sowie ein klares und konformes Anforderungsprofil durchgesetzt (siehe Kapitel 2.1.3 und 2.1.4). Studienlage zum Thema Wanderleitsysteme In der Literatur findet sich keine Quelle, die sich holistisch und nutzungsorientiert mit dem Thema Wanderleitsysteme in alpinen Destinationen auseinandersetzt. Holistisch im Sinne, dass das Leitsystem als Lenkungsinstrument über alle Phasen der Wanderung – von der Tourenplanung bis hin zur Reflektion – betrachtet wird. Und nutzungsorientiert, im Sinne, dass die Anforderungen sich an den Bedürfnissen und raumzeitlichen Verhalten der Erho- lungssuchenden richten. Im Bereich des Naturschutzes und der Landschaftsplanung sowie des Tourismus wurden Grundsätze, Strategien und Instrumente der Lenkung von Besucher*innen in sensiblen Na- 5 | 1 Einleitung 5 tur- und Landschaftsräumen formuliert mit dem Hauptziel Naturschutz und Erholung zu vereinbaren (Ammer & Pröbstl, 1991; Arnberger, 2013; Becker et al., 1996; Job, 1991; Manning, 1986; Riekens, 1996; Scharpf, 1998). Roth et al. (2004) formulierten Maßnahmen zur sporttouristischen Aktivitätslenkung in Natursporträumen. Information und Kommuni- kation spielen als „sanftes“ Lenkungsinstrument basierend auf freiwilliger und nachhaltiger Verhaltensänderung dabei eine Schlüsselrolle (Peterson & Lime, 1979)(siehe Kapitel 2.2.1). Es finden sich vereinzelnd Studien bzw. Fachtagungen, die sich speziell dem veränderten Informationsverhalten der Wandernden vor dem Hintergrund der Digitalisierung widmen (BTE & DWV, 2018; DWV, 2017). Die Beschilderung und Markierung von Wanderwegen gilt darüber hinaus als ein effek- tives Lenkungsinstrument (Schamel, 2017, S. 150) und kann als ein essentieller Bestandteil eines umfassenden Wanderleitsystems angesehen werden. Die Wegweiser beinhalten neben Angaben über Wanderziele und -richtungen, ebenfalls Informationen über den Schwierig- keitsgrad des Wanderweges. Es gibt alpenweit keine einheitliche Schwierigkeitsklassifizie- rung und damit auch keine homogene farbliche Markierung (siehe Kapitel 2.1.3). Das The- ma Divergenz der Wegbeschilderung wird in mehreren Konzepten und Leitfäden behandelt (Allgäu GmbH, o. J.; Amt der Vorarlberger Landesregierung, 1995; DAV & OeAV, 2016; Eberl et al., 2018; Roth, 2003; Sager et al., 2016). Die Beschilderungskonzepte einzelner (Bun- des-)Länder streben mit Hilfe von gestalterischen Vorgaben eine interne Einheitlichkeit an, unter dem vorrangigen Bestreben die Qualität des Wanderangebotes zu steigern und die Pflege- und Instandhaltung zu erleichtern (ebd.). Eine kritische Betrachtung und Bewer- tung der unterschiedlichen Systeme vor dem Hintergrund der Unfallprävention findet nicht statt. Wissen um Wegfindung von Wandernden Vorhandene Studien der Geographie, Freizeit- und Tourismuswissenschaften untersuchen raumzeitliche Bewegungsmuster von Touristen und Erholungsuchenden in urbanen und ländlichen Destinationen (Abdul Khanan et al., 2012; Beeco & Hallo, 2014; Fennell, 1996; McKercher et al., 2012; McFarlane et al., 1998; Miller, 1991, 2005; Orellana et al., 2012; Ramming, 2002; Reif, 2019; Rupf, 2015; Schamel, 2017; Shoval & Isaacson, 2010; Xia, 2007; Xia et al., 2008). Die Untersuchungen umfassen geographische Analysen zur raum- zeitlichen Verteilung wie zum Beispiel besuchte Orte, Wegefrequentierung, Bewegungsrich- tungen und Aufenthaltsdauer. Darüber hinaus greifen die Studien auf Erklärungsansätzen aus der Psychologie, den Kognitionswissenschaften, Soziologie und Anthropologie zurück, um das raumzeitliche Ver- halten zu begründen (Beeco & Hallo, 2014; Crawford, Jackson & Godbey, 1991; Fewings, 2001; Hägerstrand, 1970; McKercher et al., 2012; Jackson, 1993; Leiper, 1990; Lucas, 1981; McFarlane et al., 1998; Ramming, 2002; Schamel, 2017; Symonds, Brown & Lo Iaco- no, 2017; Walker & Virden, 2005). Diese Studien bieten disziplinübergreifend konzeptionel- | 6 6 le Modelle zu unterschiedlichen Einflussfaktoren der Wegfindung, die u. a. individuelle, ge- sellschaftliche, umwelt- und informationsbezogene Einflussfaktoren berücksichtigen (siehe Kapitel 2.2.2). Der Großteil der Studien untersucht die Wegfindung von Touristen und Einheimischen in öffentlichen Gebäuden oder Städten. Es gibt bereits einige wenige Studien, die sich der Wegfindung von Erholungssuchenden in Naturräumen widmen (Abdul Khanan et al., 2012; Beeco & Hallo, 2014; McFarlane et al., 1998; Orellana et al., 2012; Schamel, 2017; Xia, 2007). Dabei handelt es sich meist um räumlich begrenzte Gebiete wie Naturparks, Natio- nalparks und Wälder mit einem eigenen bestehenden Leitsystem, weniger aber um Bergge- biete. Untersucht wird generell das raumzeitliche Verhalten von Besucherinnen und Besu- chern der Naturräume. Nur vereinzelnd findet man Forschungen, die sich speziell mit der sporttouristischen Aktivität Wandern beschäftigen (Rupf, 2015; Schamel, 2017). 1.2.1 Forschungslücke und wissenschaftlicher Beitrag Die aufgeführten Forschungslücken machen deutlich, dass das Thema der vorliegenden Ar- beit „Anforderungen an Wanderleitsysteme in alpinen Destinationen“ so in der Kombinati- on und Komplexität noch nicht bearbeitet wurde. Bereits vorhanden sind Forschungen zu den einzelnen Themenbestandteilen, die Ausgang und Anlass für weitere Untersuchungen bieten. Bisherige Studien zeigen auf, dass viele Menschen wandern und dass die Zielgruppe der Wandernden sich stärker segmentiert. Jedoch gibt es bisher nur wenig Wissen über die spezielle Gruppe der sporttouristischen Bergwandernden. Unfallstatistiken deuten darauf hin, dass die Anzahl der unerfahrenen Menschen in den Bergen größer geworden ist. Zudem sind die Wanderwege in den Alpen nicht uniform beschildert bezüglich der Schwierigkeit. Insbesondere vor dem Hintergrund der Unfallprävention fehlt es an weiterer Forschung so- wohl zur Selbsteinschätzung und Tourenplanung als auch an Anforderungen der unter- schiedlichen Bergwege. Die Einflussfaktoren auf das Wegfindungsverhalten und dessen Sys- tematik wurden disziplinübergreifend erforscht, aber auch hier wird die Studienlage bezo- gen auf Natursporträume dünner. Studien fehlen insbesondere in alpinen Bergregionen, wo das Wandern aufgrund der naturräumlichen Charakteristiken und alpiner Gefahren an- spruchsvoller und gefährlicher ist. So weiß man bisher wenig über das tatsächliche raum- zeitliche Verhalten von sporttouristischen Bergwandernden. Außerdem gibt es zurzeit keine Studie, die das Wegfindungsverhalten von Wandernden holistisch betrachtet. Alpine Unfall- statistiken analysieren beispielsweise situativ das Unfallgeschehen und betrachten weniger die hintergründigen Ursachen, warum es überhaupt zur heiklen Situation gekommen ist. Ansatz dieser Forschung ist es, den gesamten Prozess der Wegfindung besser zu verstehen und die wirkenden individuellen, sozialen und naturräumlichen Einflussfaktoren zu unter- suchen. 1 Einleitung 7 | 7 1.3 Zielsetzung und Forschungsfragen Ziel des Forschungsvorhabens ist es, Anforderungen für Wanderleitsysteme in alpinen Des- tinationen zu formulieren. Zweck ist zum einem die Unfallprävention und zum anderen der Erhalt der Erlebnis- und Erholungsqualität für die Bergwandernden ohne die Belange eines nachhaltigen Schutzes von Natur und Landschaft zu vernachlässigen. Dafür soll eine Be- darfs- und Bedürfnisanalyse erfolgen und es wird ein ganzheitlicher und nutzungsorientier- ter Ansatz gewählt. Im Hinblick auf diese Zielsetzung werden folgende forschungsleitende Fragestellungen for- muliert: Tab. 1: Forschungsleitende Fragestellungen Forschungsleitende Fragestellungen F1 Wie charakterisiert sich das Profil der Bergwandernden bezogen auf die sozio- demographischen Variablen, Motivation, Wandererfahrung, Selbsteinschätzung der Wanderfähigkeiten und Tourenplanung? F2 Wie gestaltet sich das raumzeitliche Verhalten bezogen auf die Bewegungs- und Streckenparameter der Wanderungen? F3 Wo gibt es Diskrepanzen zwischen Selbsteinschätzung, Tourenplanung und den Anforderungen der durchgeführten Wanderungen? Die gewonnenen Erkenntnisse sollen zu einer fundierten Datengrundlage für eine bedarfs- gerechte Planung und Gestaltung von Informations- und Wanderleitsystemen beitragen. 1.4 Aufbau der Arbeit Für die Beantwortung der soeben formulierten Forschungsfragen werden zunächst im Kapi- tel 2 die theoretischen Grundlagen gelegt. Der Text gliedert sich thematisch in zwei Ab- schnitte. Der erste Teil umfasst eine definitorische Abgrenzung der Aktivität Wandern in den Alpen. Naturräumliche Merkmale von Bergwanderwegen und die unterschiedlichen Bergwegeklassifizierungen werden zudem vorgestellt und verglichen. Anknüpfend werden entsprechende Anforderungen an die Wanderfähigkeiten der Erholungssuchenden aufge- zeigt und für die Untersuchung konkretisiert. Der zweite Teil behandelt den Themenkom- plex der Wanderleitsysteme und beleuchtet das Zusammenspiel von Wegweisung und Weg- findung. Es erfolgt eine thematische Einordnung im Kontext der sogenannten Besu- cher*innenlenkung und den Strategien zur Lenkung von Aktivitäten in Natursportgebieten. Darauffolgend wird zunächst der theoretische Begriff der Wegfindung definiert, worauf hin für ein tieferes Verständnis die theoretischen Modelle zum Prozess der Wegfindung und de- 1 Einleitung | 8 8 ren Einflussfaktoren exploriert werden. Ableitend wird abschließend ein eigenes Modell als konzeptioneller Analyserahmen der zu untersuchenden Variablen entwickelt. In Kapitel 3 wird das Untersuchungsdesign dargelegt und die methodische Vorge- hensweise erläutert. Es erfolgt eine geographische, naturräumliche und sporttouristische Beschreibung des Untersuchungsgebiets und die Auswahl der Erhebungsstandorte wird be- gründet. Zudem werden die anvisierten Datenerhebungsinstrumente, die standardisierte Be- fragung und das GPS-Logging, vorgestellt und diskutiert. Es wird insbesondere auf die spezi- fischen Vor- und Nachteile der GPS-Technologie und die Konzipierung der Befragung einge- gangen. Abschließend wird die Aufbereitung der raumzeitlichen Daten aus dem GPS-Logging und die anschließende Datenanalyse thematisiert. Kapitel 4 widmet sich der Darstellung der Ergebnisse, die sich strukturell an den For- schungsfragen orientiert. So werden zunächst die Wandernden bezüglich ihrer soziodemo- graphischen Merkmale, der Motivation, Wandererfahrung und -fähigkeiten sowie der Tou- renplanung charakterisiert. Anknüpfend wird die räumliche Nutzung an den Erhebungsstan- dorten veranschaulicht und die Strecken- sowie Bewegungsparameter der Wanderungen be- schrieben. Ausgehend davon werden schließlich die Wanderfähigkeiten und die Tourenpla- nung mit den durchgeführten Wanderungen verglichen und festgestellte Diskrepanzen ana- lysiert. Darauf aufbauend wird in Kapitel 5 zunächst die methodische Vorgehensweise kritisch reflektiert. Die Stärken und Limitationen der vorliegenden Untersuchung werden erörtert und die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Destinationen wird diskutiert. Folgend werden die Forschungsfragen beantwortet, indem die Ergebnisse interpretiert, in den aktu- ellen Forschungstand eingeordnet und bewertet werden. Zielführend werden die so gewon- nen Erkenntnisse dann auf praktische Implikationen für Anforderungen an alpine Wander- leitsysteme hin analysiert und diskutiert. Im finalen Kapitel 6 werden als Fazit konkrete Managementimplikationen für alpine Destinationen formuliert und ein Ausblick für zukünftige Forschungsfelder gegeben. Eine wertende Schlussbetrachtung rundet die Arbeit ab. 1 Einleitung 9 | 2 Theoretischer Rahmen 9 2 Theoretischer Rahmen In diesem Kapitel werden die für die empirische Untersuchung relevanten theoretischen Begriffe, Konzepte und Ansätze vorgestellt sowie kontextualisiert. Der Aufbau erfolgt zwei- teilig. Zunächst wird der Themenkomplex des Wanderns in den Alpen betrachtet. Der Be- griff der Aktivität des Wanderns wird abgegrenzt und für die Untersuchung definiert. Wan- derwege stellen die wichtigste Basisinfrastruktur für das Wandern dar. Aus diesem Grunde werden die naturräumlichen Eigenschaften dieser anhand der vorhandenen Bergwegeklassi- fizierungen dargestellt und die damit zusammenhängende Problematik diskutiert. Daraus ableitend werden die Anforderungen der alpinen Wanderwege erläutert und in einem An- forderungsprofil der Fähigkeiten für die Untersuchung konkretisiert. Der zweite Teil befasst sich mit dem Themenkomplex des Wanderleitsystems. Dieses wird zunächst aus Sicht des Managements von alpinen Destinationen im Kontext der Aktivitätslenkung eingeordnet. Da in dieser Arbeit ein nutzungsorientierter Ansatz verfolgt wird, erfolgt weiterführend der Perspektivwechsel hin zu den Wandernden. Theoretische Modelle zum Prozess der Wegfin- dung und deren Einflussfaktoren werden dargestellt und ein eigenes Modell als konzeptio- neller Analyserahmen dieser Forschungsarbeit erarbeitet. 2.1 Wandern in den Alpen 2.1.1 Wandern als Natursportart In der Literatur findet man keine allgemeingültige Definition der Aktivität Wandern. Dicks und Neumeyer (2010, S. 23) verstehen unter Wandern das „Gehen in der Landschaft“ als eine „Freizeitaktivität mit unterschiedlich starker körperlicher Anforderung, die sowohl das mentale wie physische Wohlbefinden fördert.“ Roth et al. verorten das Wandern als eine Natursportart, welche landschaftsgebunden und wegeorientiert ist (2004, S. 42f.). Natursport wird ferner definiert als eine „… Bewegungsaktivität in der freien Landschaft …, die sowohl die eigentliche Ausübung von Sportarten als auch die körperliche Bewegung aus verschiedenen Motiven und in unter- schiedlichen Erlebnisformen umfasst. Dabei ist die Bewegungsaktivität weder an Motoran- trieb, noch an Sportanlagen zwingend gebunden und ermöglicht die Auseinandersetzung mit sich selbst in der Natur und mit der Natur“ (ebd., S. 17). Diese Auffassung von Natur- sport beruht auf einem weiten Sportverständnis (Wopp, 2006, S. 24f.), welches vielfältige Bewegungsformen mit einschließt, die aus unterschiedlichsten Gründen ausgeübt werden. Der weite Sportbegriff umfasst sowohl den Leistungs- und Spitzensport, als auch den Brei- tensport und Freizeitsport (Roth et al., 2004, S. 15). Unter Freizeitsport werden Bewe- gungsaktivtäten verstanden, die nicht an organisatorische Rahmenbedingungen gebunden sind sowie selbstbestimmt und überwiegend in der Natur ausgeübt werden (ebd.). | 10 10 Gemäß der Definition ist das wichtigste Kriterium von Natursport, dass die Ausübung einen engen Bezug zu Natur und Landschaft hat (ebd., S. 16). Dabei ist Natursport eine Möglichkeit der physiologischen und psychologischen Erholung und steht in einen engen Zusammenhang mit dem Erleben der Natur (ebd., S. 19). Roth et al. (2004, S. 16) verstehen außerdem Natursport synonym zu dem Begriff „Outdoorsport“. Outdoorsport ist gemäß den Autoren kein englischer Begriff, sondern eine Wortschöpfung, die vor allem in Deutschland und in den Niederlanden Verwendung findet. Im angelsächsischen Sprachraum finden die Begriffe „outdoor recreation“ und „outdoor (recreation) activity“ Anwendung (z. B. Manning, 1986). Unter „outdoor recreation“ wer- den alle erholungsorientierten Freizeitaktivitäten im Freien verstanden und „outdoor activi- ty“ oder „outdoor recreation activity“ bezeichnet die einzelne Aktivität (ebd., zitiert nach Outdoor Industry Association). 2.1.2 Abgrenzung der Aktivität Wandern In der Literatur wird je nach Betrachtungsperspektive versucht, das Wandern anhand unter- schiedlicher quantitativer und qualitativer Kriterien in die Ausübungsformen Spazierenge- hen, Wandern, Bergwandern, Bergsteigen und andere verwandte Aktivitäten aus zu differen- zieren und voneinander abzugrenzen (Bach et al., 2007, S. 6f.; DAV, 2020a, S. 12, 2021a; Dicks & Neumeyer, 2010, S. 20–23; Dreyer et al., 2010, S. 21–27; DTV & DWV, 2002; Muhar et al., 2007, S. 7; Radlinger et al., 1986, S. 7f.; Roth et al., 2003, S. 4; Schamel, 2017, S. 28–30, 144–146; Scheumann, 2003, S. 133). Die Abgrenzungsmerkmale und unterschiedli- chen Ansätze werden im Folgenden dargestellt. Spazierengehen und Wandern Nach der Definition des Deutschen Wanderverbandes (DTV & DWV, 2002; zitiert nach Dicks & Neumeyer, 2010, S. 20) wird ab einer Dauer von einer Stunde aus einem Spaziergang ei- ne Wanderung. Dreyer et al. (2010, S. 22) bestimmen aus touristischer Sicht einen Schwel- lenwert von zwei Stunden. Auf der Basis von Befragungsergebnissen im Rahmen der Grund- lagenuntersuchung des BMWi definieren Dicks und Neumeyer (2010, S. 23) eine Wanderung ab einem Grenzwert von einer Stunde. Sie betonen aber die große Spannweite in der indi- viduellen Wahrnehmung der zeitlichen Dauer einer Wanderung (ebd., S. 22). Dies wird auch von Schamel (2017, S. 146) bestätigt, nach dessen Ergebnissen für die Hälfte der Befrag- ten eine zeitliche Dauer von bis zu drei Stunden als Spaziergang eingeschätzt wird. Auch weitere quantitative Parameter wie die Distanz und die Gehgeschwindigkeit eignen sich aufgrund des variierenden Streckenprofils der unterschiedlichen Landschafts- räume nur bedingt zur definitorischen Abgrenzung (Dicks & Neumeyer, 2010, S. 21; Dreyer et al., 2010, S. 22; Schamel, 2017, S. 28). Insbesondere in den Alpen differieren diese Pa- rameter aufgrund der zu überwindenden Höhenmeter und unterschiedlicher Untergründe. 2 Theoretischer Rahmen 11 | 11 Als Freizeitaktivität hat Wandern weniger einen leistungsorientierten Charakter, sondern wird vornehmlich zum Zwecke des Naturerlebnis und der Erholung ausgeübt (Dreyer et al., 2010, S. 22–28). Deswegen ziehen Dreyer et al. (ebd.) die Motivation als qualitativen Ab- grenzungsparameter heran. Nach diesen Autor*innen stehen die Motive „Entspannung und Beine vertreten“ beim Spazierengehen und die Motive „Naturerlebnis und körperliche Betä- tigung“ beim Wandern im Vordergrund (ebd.). Die persönliche Motivation variiert jedoch ebenfalls individuell. Je nach Aktivitätstyp verschieben sich die Schwerpunkte in der Moti- vation (Quack, 2014, S. 12–14; Schamel, 2017, S. 198f.). Weitere qualitative Merkmale, die in der Literatur zur Charakterisierung herangezogen werden sind Vorbereitung, Ausrüstung sowie Gebiets- und Wegecharakteristik (DAV, 2021a; Dicks & Neumeyer, 2010, S. 23; Dreyer et al., 2010, S. 21–33). Für das Spazierenge- hen sind zum Beispiel keine besondere Vorbereitung oder Ausrüstung von Nöten. Wandern erfordert mindestens ein festes Schuhwerk und einer gewisse Tourenplanung (ebd.). Bergwandern und Bergsteigen Naturräumliche Aspekte, Wegecharakteristik und körperliche Anstrengung sind in der Literatur verwendete Merkmale um Wandern vom Bergwandern abzugrenzen. Nach dem Deutschen Alpenverein (DAV, 2021a) findet Wandern im Flachland und in den Mittelgebir- gen statt, während Bergwandern in alpiner Landschaft („im Voralpenland, in mittlere Hö- hen und im Hochgebirge“) stattfindet. Auch Scheumann (2003, S. 133) definiert das Berg- wandern als Wandern im alpinen Gelände. Beim Bergwandern werden Höhenunterschiede verbunden mit erhöhter körperlicher Anstrengung überwunden (Schamel, 2017, S. 16, 33). Roth et al. (2003, S. 4) fassen unter den Begriff Bergsteigen, das Bergwandern und das „Klettern in Fels und Eis“ zusammen. Auch Dreyer et al. (2010, S. 26) sehen Bergstei- gen als einen Sammelbegriff für „alpine Aktivitäten von Bergwandern über alpines Klet- tern.“ Die Motivation ist das Erreichen eines Gipfels (ebd.). Der DAV grenzt in der Bergun- fallstatistik (DAV, 2020a, S. 12) das Bergsteigen vom (Berg-)Wandern ab. Letzteres findet auf „markierten Wegen und Steigen“ statt, das Bergsteigen hingegen im „anspruchsvollen Gelände“ mit der Notwendigkeit zur Sicherung mit „erhöhten Anforderungen“ an Kenntnis- sen und Fähigkeiten wie zum Beispiel Klettererfahrung und Wissen um Sicherungstechni- ken. Das Bergsteigen umfasst leichte und schwere Hochtouren, leichtes Klettergelände und Klettersteige (ebd.). Dementsprechend ist im Gegensatz zum Bergwandern für das Berg- steigen eine spezielle (Sicherungs-)Ausrüstung notwendig (DAV, 2020a, S. 12; Dreyer et al., 2010, S. 26; Muhar et al., 2007, S. 8). Der Einsatz von Händen und die Dauer der Klet- terpassage wird in der Literatur als ein weiteres Merkmal für das Bergsteigen genannt (Bach et al., 2007, S. 6f.; DAV, 2020a, S. 12; Muhar et al., 2007, S. 8; Schamel, 2017, S. 28). 2 Theoretischer Rahmen | 12 2 Theoretischer Rahmen 12 Weitere verwandte (Bergsport-)Aktivitäten Die Dauer und die Länge der Kletterpassage werden ebenfalls als Abgrenzungskriterien zwi- schen Bergsteigen und Klettern verwendet (Bach et al., 2007; DAV, 2020a, S. 12). Beim Bergsteigen kommen einzelne längere Kletterpassagen vor, während beim Klettern eine Route durchgeklettert wird (Dreyer et al., 2010, S. 26f.). Im Unterschied zum Klettern ist beim Bergwandern und Bergsteigen die Hauptbewegungstätigkeit das Gehen (Radlinger et al., 1986, S. 7). Nach Dreyer et al. (2010, S. 27) ist beim Klettern außerdem die Seilsiche- rung durch eine Partnerin bzw. einen Partner bezeichnend. Das (Berg-)Wandern grenzt sich vom Laufen bzw. Trailrunning davon ab, dass die Schritt- folgen ohne Flugphase stattfinden (Dreyer et al., 2010, S. 22; Scheumann, 2003, S. 107). Schamel (2017, S. 106) definiert zudem einen zeitlichen Schwellenwert von 8 km/h als Ab- grenzungskriterium. Nach Dreyer et al. (2010, S. 25) zeichnet sich das Nordic Walking durch den Einsatz von Stöcken, die fitnessorientierte Motivation und große Schrittlänge bzw. -frequenz aus. Wei- ter lässt sich das Wandern von Trekking abgrenzen. Beim Trekking handelt es sich um eine Wanderart, bei der große Strecken auf Weitwanderwegen über mehrere Tage zurückgelegt werden (Bach et al., 2007; Dreyer et al., 2010, S. 35; Vogt, 2010, S. 2018). Zusammenfassung und Schlussfolgerung Die Ausführungen machen deutlich, dass eine klare Abgrenzung der Aktivitäten Spazieren- gehen, Wandern, Bergwandern, Bergsteigen und Klettern nicht möglich ist und stark von der individuellen Wahrnehmung der Ausübenden abhängt. Schamel (2017, S. 30) betont, dass aufgrund der definitorischen Unschärfe und Subjektivität es sich bei den Aktivitäten „nicht um distinkte Kategorien handelt, sondern vielmehr als ein kontinuierliches Spektrum auf- gefasst werden müssen.“ Im Rahmen der vorliegenden Forschungsarbeit ist das Bergwan- dern im alpinen Landschaftsraum als Natursportart relevant. Dies schließt das Spazierenge- hen und Wandern im Talbereich mit ein. Ausgeschlossen werden die Aktivitäten Laufen bzw. Trail-Running sowie das Klettern, da die Hauptbewegungsform das Gehen darstellen soll. Weiter kristallisieren sich aus der obigen Darlegung quantitative und qualitative Merkmale des Wanderns in alpinen Destinationen wie Distanz, Dauer, Gehgeschwindigkeit, Höhenme- ter, Untergrund, Motivation, Vorbereitung, Ausrüstung, Gebiets- und Wegecharakteristik, kör- perliche Anstrengung sowie Kenntnisse und Fähigkeiten. Diese sollen für die Untersuchung im Folgenden weiter spezifiziert und operationalisiert werden. 13 | 2 Theoretischer Rahmen 13 2.1.3 Wanderwege und Schwierigkeitsbewertung Bergwegeklassifizierung der Alpenvereine Das alpine Wegenetz stellt die Basisinfrastruktur für das Wandern dar (Dicks & Neumeyer, 2010, S. 73). Es gibt alpenweit keine einheitliche Schwierigkeitsklassifizierung der Wan- derwege. Die österreichischen und deutschen Alpenvereine bemühen sich jedoch um ge- meinsame Standards (DAV & OeAV, 2016). Talwege werden in der Regel nicht von den Al- penvereinen beschildert (ebd.). Dies obliegt üblicherweise den hiesigen Tourismusverbän- den. Die farbliche Markierung gemäß den Alpenvereinen ist analog zu den Schwierigkeits- graden von den Skipisten in blau (einfach), rot (mittelschwer) und schwarz (schwer) einge- teilt (siehe Tab. 2). Tab. 2: Bergwegeklassifikation der Alpenvereine (Quelle: Leicht verändert nach DAV & OeAV, 2016) Kategorie Beschreibung Markierung Talwege überwiegend breit; Tal nah; geringe Steigung und keine absturzgefährlichen Passagen; einfach zu begehen keine Einfache Bergwege überwiegend schmal; können steil angelegt sein; weisen keine absturzgefährlichen Passagen auf Mittel- schwere Bergwege überwiegend schmal; oft steil angelegt; können absturzgefährli- che Passagen aufweisen; zudem können kurze versicherte Geh- passagen vorkommen Schwere Bergwege sind schmal; oft steil angelegt und absturzgefährlich; es kom- men gehäuft versicherte Gehpassagen und/oder einfache Klet- terstellen, die den Gebrauch der Hände erfordern; Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind unbedingt erforderlich Alpine Route führen in das freie alpine bzw. hochalpine Gelände; werden we- der markiert noch gewartet; können exponierte, ausrutsch- und absturzgefährdete sowie ungesicherte Geh- und Kletterpassagen enthalten Auffällig ist, dass die Kriterien für die Beschreibung der Kategorien wie zum Beispiel die Wegbreite, die Steigung oder absturzgefährliche Passagen vage und nicht mit exakten An- gaben versehen sind. Bergwegeklassifizierung des Landes Tirol Ähnlich wie in Vorarlberg und in Salzburg1 gilt im österreichischen Bundesland Tirol ein ei- genes Wegekonzept. Im Tiroler „Wander- und Bergwegekonzept“ wurden Richtlinien für die landesweite einheitliche Bewertung des alpinen Wegenetzes festgesetzt (Eberl et al., 1 Die jeweiligen Wegekonzepte können auf den Landeswebseiten www.vorarlberg.at/wanderwege und www.salzburg.gv.at abgerufen werden. | 14 2 Theoretischer Rahmen 14 2018). Das alpine Wegenetz wird demnach in vier Kategorien eingeteilt (siehe Tab. 3 und Anhang 1, Abb. 57-59). Tab. 3: Bergwegeklassifikation des Landes Tirol (Quelle: Leicht verändert nach Eberl et al., 2018, S. 10) Kategorie Beschreibung Markierung Gelbe Wanderwege leicht; breit und geringe Steigung; Talbereich und anschließen- der Wald; atypische Gefahrenstellen sind in der Regel gesichert oder signalisiert; markiert und beschildert Rote Bergwege mittelschwierig; oft schmal und steil; stellenweise ausgesetzt (Absturzgefahr); kurze versicherte Gehpassagen oder kurze Ab- schnitte mit Händen zur Gleichgewichtsunterstützung; markiert und beschildert Schwarze Bergwege schwierig; größtenteils schmal und steil; sehr ausgesetzt (Ab- sturzgefahr); längere versicherte Abschnitte oder Kletterpassa- gen; markiert und beschildert Alpine Route weglos bzw. Tritt- oder Steigspuren; freies, ungesichertes alpi- nes Geh- und Klettergelände; Gletscher; in der Regel weder an- gelegt, markiert noch beschildert Im Vergleich fällt auf, dass die einfachen (blauen) Bergwege der Alpenvereine nicht in der Einteilung des Landes Tirol auftauchen. Die Alpenvereine haben also im Gegensatz zum Ti- roler Wegekonzept eine weitere Kategorie zwischen Talwegen und mittelschweren Bergwe- gen. Die einfachen (blauen) Bergwege der Alpenvereine lassen sich zwischen den Gelben Wanderwegen und Roten Bergwegen Tirols einordnen – sie sind durchaus schon steil, weisen aber keine Absturzgefahr auf. Die Kriterien zur Beschreibung der Kategorien sind außerdem ebenfalls nicht exakt spezifiziert. Im Tiroler „Wander- und Bergwegekonzept“ werden darüber hinaus Klettersteige von schwarzen Bergwegen abgegrenzt mit der Betonung, dass der Übergang jedoch fließend sei (ebd., S. 11.). So werden manche schwarzen Bergwege mit Kletterstellen auch als leichte Klettersteige der Schwierigkeit A bezeichnet (ebd.). Der DAV (2021b) schließt sogar Klet- tersteigschwierigkeiten bis C für Bergwege mit ein. Für die Klassifizierung von Kletterstei- gen wird häufig die Buchstabenskala (A bis F) von Kurt Schall verwendet. Eine weitere be- kannte Klassifizierung ist die Skala nach Eugen Hüsler. Auf die Klassifizierung von Kletter- steigen soll an dieser Stelle verwiesen und auf eine detaillierte Ausführung verzichtet wer- den. Nach dem Tiroler Konzept gilt, wenn die „Steiganlage nur Mittel zum Zweck aber … nicht das alpinistische Ziel selbst ist“, handle es sich um einen schwarzen Bergweg. „Klet- tersteige als eigenständig alpinistisches Ziel“ erfordern eine Klettersteigausrüstung und werden gesondert ausgezeichnet (Eberl et al., 2018, S. 11). 15 | 2 Theoretischer Rahmen 15 Bergwegeklassifizierung des Schweizer Alpen-Clubs In der „Berg- und Alpinwanderskala“ des Schweizer Alpen-Clubs (SAC, 2012) werden die Bergwege noch weiter differenziert, nämlich in sechs Kategorien. Die Ausdifferenzierung bezieht sich dort jedoch eher auf die Alpinen Routen, die unter die Kategorien des Alpin- wanderns fallen (siehe Tab. 4). Tab. 4: Bergwegeklassifizierung des Schweizer Alpen-Clubs (Quelle: Leicht verändert nach SAC, 2012) Kategorie Beschreibung Markierung T1 Wandern gut gebahnt; falls vorhanden, sind exponierte Stellen gut gesichert; Absturzgefahr (…) weitgehend ausgeschlossen T2 Bergwandern durchgehende Trasse; Gelände teilweise steil; Absturzgefahr nicht ausgeschlossen T3 anspruchsvolles Bergwandern Weg nicht unbedingt durchgehend sichtbar; ausgesetzte Stellen können mit Seilen oder Ketten gesichert sein; evtl. Gebrauch der Hände fürs Gleichgewicht; teils exponierte Stellen mit Absturzgefahr; Geröllflächen, weglose Schrofen2 T4 Alpinwandern Weg nicht zwingend vorhanden; Gebrauch der Hände zur Fortbewegung an gewissen Stellen; Gelände bereits recht exponiert; heikle Grashalden, Schrofen, einfache Firnfelder und apere Gletscherpassagen T5 anspruchsvolles Alpinwandern oft weglos; einzelne einfache Kletterstellen; exponiert; an- spruchsvolles Gelände; steile Schrofen; apere Gletscher und Firnfelder mit Ausrutschgefahr T6 schwieriges Alpinwandern meist weglos; Kletterstellen bis II; häufig sehr exponiert; Heikles Schrofengelände2; apere Gletscher mit erhöhter Aus- rutschgefahr; meist nicht markiert keine Weitere Bergwegeklassifizierungsansätze In der Literatur findet man je nach Hintergrund noch weitere Ausdifferenzierungen. So un- terteilt Schamel (2017, S. 96–98, 242) die Talwege der Alpenvereine bzw. die Tiroler Wan- derwege in Barrierefreie Wege, Gebahnte Wege und Unebene Wege mit der Begründung, dass die Oberflächenbeschaffenheit einen Einfluss auf die Trittsicherheit hat (ebd.). Dies ist in dem Kontext seiner Untersuchung – den demografischen Wandel – vor allem für ältere, aber auch unerfahrene Wandernde relevant (ebd., S. 198). Alle Bergwege ab der roten Ka- tegorie des Tiroler Konzeptes werden bei Schamel als Schwere Bergwege zusammengefasst (siehe Tab. 5). 2 Unter Schrofen versteht man felsig-grasiges Steilgelände. | 16 2 Theoretischer Rahmen 16 Tab. 5: Bergwegeklassifizierung nach Schamel (Quelle: Leicht verändert nach Schamel, 2017, S. 242) Kategorie Beschreibung Barrierefreie Wege mind. 90 cm breit, 230 cm Freiraumhöhe; feste, ebene, stufenlose, rutsch- hemmende, fugenarme Oberflächenbeschaffenheit; max. 6% Längsgefälle und 2% Quergefälle; (Leitsystem für sehbehinderte Personen vorhanden) Gebahnte Wege Gebahnt, teilweise mit Kies befestigt; überwiegend eben; befestigte oder na- türlich feste Wirtschafts- oder Fahrwege (…); durchgehende Trasse Unebene Wege einfache Wege, die schmal und steil sein können; keine absturzgefährlichen Passagen; durchgehende Trasse; unebene Oberfläche mit Geröll, Wurzeln, Fels, nicht gebahnt Schwere Bergwege schmal; oft steil angelegt und absturzgefährlich; es kommen teilweise versi- cherte Gehpassagen und/oder Kletterstellen vor, die den Gebrauch der Hände zum Aufrechterhalten des Gleichgewichts oder zur Fortbewegung erfordern; teilweise/oft weglos Die Tourenplanungs-Plattform Outdooractive verfolgt einen ähnlichen Ansatz und kombi- niert die Oberflächenbeschaffenheit (definiert als Wegeart) mit der Schwierigkeitseintei- lung des SAC und der Alpenvereine aus praktikablen Gründen (Wimmer et al., 2017, S. 16f., 20f.)(siehe Tab. 6). Tab. 6: Bergwegeklassifizierung nach Outdooractive (Quelle: Leicht verändert nach Wimmer et al., 2017, S. 20f.) Outdooractive SAC DAV & OeAV Straße, Asphalt, Schotterweg, Weg, Pfad T1 Wandern Einfache Bergwege Schotterweg, Weg, Pfad T2 Bergwandern T3 anspruchsvolles Bergwandern Mittelschwere Bergwege Weg, Pfad T4 Alpinwandern Schwere Bergwege Alpiner Pfad T5 anspruchsvolles Alpinwandern T6 schwieriges Alpinwandern Alpine Route Gesicherter Pfad Klettersteig A, A/B (Schall-Skala) Klettersteige Klettersteig B-F (Schall-Skala) Parameter der Klassifizierung und weitere Schlussfolgerungen Maßgeblich werden zusammenfassend die folgenden räumlichen Kriterien für die Schwie- rigkeitsbeurteilung von Wanderwegen herangezogen, jedoch nirgends exakt mit Werten spezifiziert: Untergrund; Wegbreite; Steigung bzw. Gefälle; vorhandene Markierung; Höhenla- ge (z. B. Siedlungsraum, Waldgrenze, alpines Gelände, Gletscher); Gefährlichkeit (Expo- niertheit, Absturzgefahr, Rutschgefahr, vorhandene Sicherung); Länge der ausgesetzten bzw. versicherten Abschnitte; Vorhandensein von Kletterpassagen sowie die Häufigkeit und Schwierigkeit von diesen (zusammengefasst nach DAV & OeAV, 2016; Eberl et al., 2018; SAC, 2012). 17 | 2 Theoretischer Rahmen 17 Die Schwierigkeitsbeurteilung bezieht sich immer auf eine Strecke zwischen zwei beschil- derten Kreuzungen und die maximal auftretende Schwierigkeit auf diesem Streckenab- schnitt (DAV & OeAV, 2016). Die Länge des Weges und typische alpine Gefahren wie Stein- schlag, Lawinen und ähnliches werden nicht berücksichtigt. Die Beurteilung bezieht sich immer auf gute Wetterverhältnisse (ebd., Eberl et al., 2018). Das erfordert von den Bege- henden eine gewisse Erfahrung und grundlegende Kenntnisse der Wetterkunde, um die tat- sächlichen Anforderungen einschätzen zu können. Die Beschilderung und Beurteilung der Wege erfolgt durch die jeweiligen Wegehal- ter*innen wie beispielsweise die alpinen Vereine, Tourismusverbände, Kommunen, Forstbe- sitzer*innen sowie Bergbahn- und Almgemeinschaften. Zur fachgerechten Beurteilung wer- den die örtlichen Bergführer*innen und Bergrettungsdienste miteinbezogen. Die Verant- wortlichkeit obliegt also einer Vielzahl an Akteurinnen und Akteuren und ist meist nicht überregional geregelt (Severiens, 2018, S. 18). In der Literatur finden sich zudem keine klaren Vorgaben zur Einteilung der Gesamtschwie- rigkeit von Wanderungen. Die Schwierigkeitsangabe von Routen bezieht sich häufig auf die maximal auftretende Wegschwierigkeit. In Wanderführern oder auf Tourenplanungsportalen werden die Wanderungen meist in die drei Schwierigkeitsstufen leicht, mittelschwierig und schwer eingeteilt. Schulz (2013) untersuchte den Einfluss der Streckencharakteristik auf die Schwierigkeit von Nordic Walking Strecken anhand physiologischer Belastungsparameter wie Herzfrequenz und relative Sauerstoffaufnahme. Es zeigte sich, dass die Steigung einen größeren Einfluss hat als die Distanz. Der Aufstieg ist anstrengender als der Abstieg und auch die Länge des Aufstiegs ist entscheidend (ebd., S. 189f.). Schamel (2017, S. 172– 174) stellte zudem einen Einfluss des Untergrundes auf die Gehgeschwindigkeit von Wan- dernden und damit indirekt auf die Schwierigkeit fest. Da der Erfahrungsgrad und der Fit- nessstand individuell variiert, liegt die Vermutung nahe, dass auch die individuelle Wahr- nehmung der Gesamtschwierigkeit unterschiedlich ist. Abschließend lässt sich konstatieren, dass ähnlich wie bei der Begriffsdefinition der Aktivi- tät Wandern die Schwierigkeitsklassifizierung nicht einheitlich und klar abgegrenzt ist. Die österreichischen und deutschen Alpenvereine erstreben zwar eine einheitliche Beschilde- rung in den Ostalpen, betonen aber auch, dass es allgemeingültige Standards für alpine Wege nicht geben könne. „Dafür unterscheiden sich die Standorte und Bedingungen zu sehr. Was an einem Ort die beste Lösung ist, kann an einem anderen völlig unangemessen oder schlicht nicht machbar sein“ (DAV & OeAV, 2016, Abs. 1.1). Die Einheitlichkeit schei- tert demnach an der naturräumlichen Vielfalt der Alpen, jedoch zeigen die oben genannten Kriterien durchaus Gemeinsamkeiten auf. Zumal bei der Klassifizierung von Skipisten die Standardisierung zu funktionieren scheint. Unterschiedliche farbliche Markierung und hete- rogene Kategorien könnten zur Verwirrung führen. Einheitlichkeit schafft in der Regel Ver- | 18 2 Theoretischer Rahmen 18 gleichbarkeit und die Anforderungen der alpinen Wanderwege könnten für die Begehenden besser einschätzbar werden. Der Anspruch besteht darin in der Vielfalt Homogenität zu fin- den und die Brücke zwischen Genauigkeit und Praktikabilität zu schlagen. Eine Vielzahl an Schwierigkeitsklassifizierungen kann zwar eine genaue Abgrenzung schaffen, ist aber für die praktikable Einschätzung durch die Wandernden wahrscheinlich zu unübersichtlich. 2.1.4 Anforderungsprofil an die Wanderfähigkeiten Aus der Unfallstatistik des Österreichischen Kuratoriums für Alpine Sicherheit (2020b, S. 17– 19) geht hervor, dass die häufigste Unfallursache beim Wandern und Bergsteigen der Sturz, hervorgerufen durch Stolpern oder Ausrutschen ist. Knapp ein Drittel aller Todesfälle macht das körperliche Versagen in Form von Herzkreislaufversagen aus. Darüber hinaus wurden als sonstige Gründe u. a. Verirren oder Versteigen identifiziert (ebd.). Auch die Bergunfallsta- tistik des DAV dokumentiert als Hauptunfallursachen mangelnde Trittsicherheit wie „Stol- pern, Ausrutschen oder Umknicken“ sowie konditionelle Probleme wie „Erschöpfung, Über- lastung bis hin zum Herz/Kreislaufversagen“ (Schwiersch et al., 2006, S. 92). In der Studie der Sicherheitsforschung des DAV zur Selbsteinschätzung von Bergwandernden kam zudem heraus, dass über ein Drittel der Studienteilnehmenden sich bezüglich Trittsicherheit und knapp 20 Prozent bezüglich Kondition fehleingeschätzt haben (Bach et al., 2007, S. 33). Die Schwierigkeiten und Anforderungen der unterschiedlichen alpinen Wege scheinen für einen erheblichen Anteil der Wandernden nicht einschätzbar zu sein. Anforderungsparameter gemäß der Bergwegeklassifizierung Neben den räumlichen Kriterien der Schwierigkeitsklassifizierung von Wanderwegen werden ebenfalls die Anforderungen der einzelnen Kategorien an die Wandernden in den jeweiligen Konzepten umrissen (DAV & OeAV, 2016; Eberl et al., 2018, S. 7f., 10; SAC, 2012). Diese betreffen zusammengefasst folgende Faktoren: Kondition; Trittsicherheit; Schwindelfreiheit; Bergerfahrung; Bergausrüstung; körperliche Verfassung; Sicherungstechniken; Klettererfahrung und Orientierungsvermögen. Konkrete messbare Werte und Abgrenzungen findet man auch bezüglich dieser Anforde- rungskriterien nicht. Diese werden lediglich durch Adjektive wie „keine“, „entsprechend“, „gut“, „ausgezeichnet“, „stark“ usw. umschrieben und überdies nicht für jede Kategorie konsequent angegeben (siehe Tab. 7). Im „Wander- und Bergwegekonzept“ Tirols werden analog zu den vier Wegekategorien je- weilige „Zielgruppen“ (Eberl et al., 2018, S. 10) genannt. Die Nutzungsgruppe der Gelben Wanderwege sind die Spazierenden, der Roten Bergwege die Bergwandernden, der Schwarzen Bergwege die Bergsteigenden und der Alpinen Routen die hochalpinen Bergsteigenden (sie- he Tab. 7). Ferner findet man den Ansatz der Typisierung beim DAV (2013). Demnach sind 19 | 2 Theoretischer Rahmen 19 die leichten (blauen) Bergwege für „Familien, Anfänger und Genießer“, die mittelschweren (roten) Bergwege für „Ungeübte nur mit erfahrende Begleitung“ und die schweren (schwar- zen) Bergwege für „Bergwanderer mit viel Erfahrung und bergsteigerischen Ambitionen“. Schamel (2017, S. 155f.) unterscheidet auf Datengrundlage der räumlichen Nutzung die Wandertypen Spazierende, Gemütliche Wandernde, Ambitionierte Wandernde und Bergstei- gende. Bergsteigende bewegen sich alleinig auf schweren Bergwegen mit Absturzgefahr. Ambitionierte Wandernde sind bis zur Kategorie der unebenen Wege unterwegs. Gemütliche Wandernde und Spazierende präferieren barrierefreie und gebahnte Wege. Aus den Typisie- rungsansätzen wird darüber hinaus deutlich, dass beim Begehen von Wanderwegen in alpi- nen Destinationen ebenfalls das Spazierengehen als Aktivität miteingeschlossen wird. Tab. 7: Anforderungskriterien der Wanderwege gemäß des Tiroler Konzepts (Quelle: Eigene Zusammenstellung nach Eberl et al., 2018, 7-10) Spazierende Gelbe Wanderwege Bergwandernde Rote Bergwege Bergsteigende Schwarze Bergwege Hochalpine Berg- steigende Alpine Routen Kondition ohne, nicht speziell ausdauernd stark absolute Konditionsstärke Trittsicherheit ohne, nicht speziell vorhanden vorhanden absolut Schwindelfreiheit ohne, nicht speziell vorhanden absolut Bergerfahrung ohne, nicht speziell; nicht notwendig geübt; alpine; Erkennung und Beur- teilung alpiner Gefahren gute alpine; Erken- nung und Beurtei- lung alpiner Gefah- ren umfassende; hochal- pine; Erkennung, Beurteilung und Vermeidung alpiner Gefahren Bergausrüstung Sportschuhe, Witterung angepasste Kleidung vorhanden; Mind. stabile Berg- wanderschuhe, funk- tionelle Bergbeklei- dung sowie Orientie- rungs- und Notfall- material samt Erste- Hilfe-Paket, Mobilte- lefon und Biwaksack entsprechend; siehe Rote Bergwege entsprechend; Klet- ter- bzw. Gletscher- ausrüstung; Alpin-, Orientie- rungs- und Notfal- lausrüstung (z. B. Seil, Pickel, Steigei- sen, Kompass, GPS etc.) Körperliche Verfassung - gut sehr gut ausgezeichnet Sicherungs- techniken ohne, nicht speziell - mitunter vertraut Klettererfahrung ohne, nicht speziell - - umfassend Orientierungs- vermögen ohne, nicht speziell - - absolut; ausgezeichnet | 20 2 Theoretischer Rahmen 20 Begriffsspezifizierung der Anforderungsparameter Aus den obigen Darlegungen wird ersichtlich, dass die Anforderungen tendenziell allgemein und unpräzise formuliert sind. Gey (2017, S. 3, 8) stellt fest, dass es sich zum Beispiel bei dem Wort Trittsicherheit um einen abstrakten Begriff handelt und erarbeitet ein „sportwis- senschaftlich fundiertes Anforderungsprofil für das Bergwandern“ zur besseren Einschät- zung der konditionellen und koordinativen Anforderungen. Im Folgenden werden die Er- gebnisse von Gey (2017, S. 68-79) aufgegriffen und durch weitere Literatur ergänzt, um die genannten Anforderungsparameter zu spezifizieren. Der weitgefasste Begriff Kondition lässt sich nach Gey (2017, S. 68-74) in unter- schiedliche konditionelle Fähigkeiten ausdifferenzieren: Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit und Schnelligkeit. Beruft man sich auf die Definition von Dicks & Neumeyer (2010, S. 23) ist zum Wandern – in Abgrenzung zum Spazieren – eine Ausdauerleistung von mindestens ei- ner Stunde notwendig (zitiert nach Gey, 2017, S. 69). Nach Schamel (2017, S. 33f.) stellt der Naturraum der Alpen und die damit einhergehende Wegecharakteristik höhere leis- tungsphysiologische Anforderungen an die Kondition als im Vergleich das Wandern in der Ebene. Aufgrund der zu überwindenden Höhenmeter erfordert das Bergwandern konditio- nelle Kraftfähigkeit. Die betroffenen Muskelgruppen und unterschiedlichen Belastungen je nach Steigung fasst Gey (2017, S. 73) übersichtlich in einer Tabelle zusammen (siehe Tab. 8). Es wird deutlich, dass vor allem die Kraftausdauer beim Wandern in den Bergen gefragt ist. Zudem ist ein gewisses Maß an Beweglichkeit der Rumpf-, Bein- und Fußmuskulatur er- forderlich (ebd., S. 74). Die Schnelligkeit ist für das Bergwandern als Konditionskomponen- te als wenig relevant zu bewerten (ebd., S. 68). Tab. 8: Übersicht über Muskelgruppen, Arbeitsweise und Kraftfähigkeiten beim Bergwandern (Quelle: Leicht verändert nach Gey, 2017, S. 73) Muskelgruppen Dominate Arbeitsweise Erforderliche Kraftfähigkeit b e rg a u f Wadenmuskulatur; Hüft-, Knie- und Fußgelenkstrecker konzentrisch Kraftausdauer, Maximalkraft, Schnellkraft Hüftbeuger konzentrisch Kraftausdauer b e rg a b Hüft- und Kniestrecker, Hüftbeuger exzentrisch Kraftausdauer a ll g e m e in / E b e n e Untere Extremitäten konzentrisch/exzentrisch Kraftausdauer, Schnellkraft Schultergürtel-, Schulter-, Rücken-, Brustmuskulatur isometrisch Statische Kraftausdauer Im Rahmen der Studie der DAV Sicherheitsforschung (Bach et al., 2007) zur Selbsteinschät- zung beim Bergwandern wurde die BergwanderCard (DAV, 2013) als Hilfe für die Tourenpla- nung entwickelt. Dafür wurden fünfstufige Frageskalen entwickelt, die den Faktor Konditi- on valide und reliabel messen. Die entwickelten Fragen berücksichtigen Ausdauer und Kraft 21 | 2 Theoretischer Rahmen 21 in Form von Zeit- und Höhenmetervariablen. Diese umfassen „Selbsteinschätzung der Kon- dition“; „Höhenmeter in drei Stunden“; „Zeit für 1000 Höhenmeter“; „Zeit bis Pause“ und „Gesamtdauer“ (siehe Tab. 9). Die Dimensionierung der Skala basiert auf der DIN-Norm3 und wurde mit einer Stichprobe aus unterschiedlich erfahrenen Wandernden empirisch überprüft (Bach et al., 2007, S. 26). Tab. 9: Verhältnisskala Kondition der DAV BergwanderCard (Quelle: In Anlehnung an DAV, 2013) Kondition sehr gut gut passabel mangelhaft schlecht hm in 3 h 1800 hm 1500 hm 1200 hm 900 hm 600 hm Zeit 1000 hm 1 bis 1.5 h 2 h 2.5 h 2.5 bis 3h 3.5 bis 4h Zeit bis Pause > 3.5 h 3 h 2 bis 2.5 h 1.5 h 1 h Gesamtdauer > 8 h 7 h 6 h 4 bis 5 h 3 h Weiterführend stellt Schamel (2017, S. 155) in seiner Studie fest, dass die Aktivitätstypen Spazierende und Gemütliche Wandernde über zwei Drittel der Wandernden ausmachen. Um dies zu berücksichtigen, skaliert er die Konditionsitems niedriger (ebd., S. 86f., 240)(siehe Tab. 10). Tab. 10: Verhältnisskala Kondition gemäß Schamel (Quelle: In Anlehnung an Schamel, 2017, S. 240) hm in 3 h > 1500 hm 1100-1500 hm 700-1100 hm 300-700 hm < 300 hm Gesamtdauer > 8 h 6-8 h 4-6 h 2-4 h < 2 h Nach Gey (2017, S. 78f.) umfasst die Trittsicherheit koordinative Fähigkeiten wie Gleich- gewicht, Orientierung, Reaktion, Umstellung, Differenzierung und Erfahrung. Unebene Un- tergründe wie Wurzeln, Fels und Schotter sowie die Steigung alpiner Wanderwege erfordern ein hohes Maß an Trittsicherheit (Schamel, 2017, S. 36). Die koordinativen Fähigkeiten dienen „zur richtigen Einschätzung der Lage der Körpers im Raum zum Fels, zur Wiederer- langung des Gleichgewichts nach einem Ausrutscher oder Fehltritt oder auch zum Einstel- len auf veränderte Wetter-, Weg- und Ermüdungsbedingungen“ (Radlinger et al., 1986, S. 14; zitiert nach Gey, 2017, S. 75). Aus der Erfahrung wird die mentale Vorstellung der Be- wegung aus dem Gedächtnis generiert und die körperliche Ausübung gesteuert (ebd.). Schamel (2007, S. 35) bezeichnet Trittsicherheit als Gangstabilität. Gey umschreibt den Begriff weiter mit „exakten Trittfassen und Trittwahl“ (2017, S. 76). 3 Die DIN-Norm 33466 beinhaltet eine Faustformel zur Berechnung von Gehzeiten. In dieser wird angenommen, dass Wandernde in einer Stunde durchschnittlich 4 Kilometer Horizontalentfernung, 300 Meter im Aufstieg so- wie 500 Meter im Abstieg zurücklegen. | 22 2 Theoretischer Rahmen 22 In der Studie zur Entwicklung der BergwanderCard wurde zudem ein Zusammenhang zwi- schen Sehvermögen und Trittsicherheit festgestellt (Bach et al., 2007, S. 89). Auch die neuere Studie von Pocecco et al. (2020) belegte einen signifikanten Zusammenhang zwi- schen Sehschwäche mit sturzbedingten Unfällen beim Bergwandern. Außerdem wurde eine verringerte Trittsicherheit mit zunehmendem Alter in Verbindung gebracht (ebd.; Schamel, 2017, S. 36). Gemäß Bach et al. (2007, S. 57) korreliert die Trittsicherheit mit der Wegschwierigkeit. Mit zunehmender Schwierigkeit wurden die beobachtete Trittsicherheit der Probandinnen und Probanden unangemessener. Die Trittsicherheit scheint also maßgeblich für die Bewälti- gung der Wegeschwierigkeit zu sein. Zur validen und reliablen Messung des Konstruktes Trittsicherheit evaluierten Bach et al. (2007, S. 27, 31, 68) die Items „sicheres Begehen von weglosen Schrofengelände“; „siche- res Begehen von Schneefeldern“ und „sicheres Begehen von steilen Geröll“. Die Indikatoren beziehen sich auf Geländeaspekte (ebd., S. 66). Die Begehung von schweren Bergwegen er- fordert eine sehr gute bis gute Trittsicherheit. Mittelschwierige Bergwege erfordern mindes- tens eine passable Trittsicherheit. Bei einfachen Bergwegen darf die Trittsicherheit mangel- haft, sollte aber dennoch nicht schlecht sein (ebd., S. 64). Anstelle von Beschreibungen von Geländeaspekten, nutzt Schamel (2007, S. 240) Bilder zur Erhebung der Trittsicherheit. Die Probandinnen und Probanden sollten einschätzen, welcher Weg mit der vorhandenen Trittsicherheit begehbar ist. Außerdem erfolgt eine Selbstein- schätzung der Trittsicherheit auf einer 5-stufigen Skala von „sehr sicher“ bis „überhaupt nicht“. Die Messung der Trittsicherheit mit diesen zwei Items hat sich ebenfalls als reliabel erwiesen (ebd., S. 127). Es ist anzunehmen, dass Bilder vor allem für unerfahrene Wan- dernde anschaulicher sind und dadurch die Bergwege für diese besser einschätzbar werden. Schamel (2017, S. 37) spezifiziert Schwindelfreiheit als „Abwesenheit von Höhenangst (Akrophobie) bzw. visueller Höhenintoleranz (Höhenschwindel)“. Höhenangst äußert sich durch Angstzustände, Höhenschwindel durch Unwohlsein, Stand- und Bewegungsunsicher- heit. Beides wird durch einen visuellen Reiz ausgelöst und ist von den Betroffenen schwer- lich kontrollierbar (ebd.). Gey (2017, S. 56) bezeichnet Schwindelfreiheit auch als eine mentale Fähigkeit. In der Studie von Bach et al. (2007, S. 22, 27f.) wird untersucht, inwieweit Schwindel- freiheit mit Trittsicherheit zusammenhängt und deklariert beide als unabhängige Faktoren. Anhand der Indikatoren „von Gelände in die Tiefe blicken“; „Wohlfühlen auf ausgesetzten Bergwegen“ und „sicher auf absturzgefährlichen Passagen“ kann das Konstrukt Schwindel- 23 | 2 Theoretischer Rahmen 23 freiheit valide und reliabel erfasst werden (ebd., S. 25). In der BergwanderCard (DAV, 2013) wurden die beiden letzten Items aus praktikablen Gründen unter den Punkt Trittsicherheit verordnet. Für die Begehung von Bergwegen bedarf es gemäß dem Tiroler „Wander- und Bergwegekon- zept“ (Eberl et al., 2018, S. 10) an Bergerfahrung „zur Erkennung, Beurteilung und Ver- meidung alpiner Gefahren“. Erfahrung trägt zur Ausprägung koordinativer Fähigkeiten bei (Gey, 2017, S. 75). So stellten Bach et al. fest, dass mit steigender Anzahl an Bergwande- rungen die Trittsicherheit und Schwindelfreiheit zunehmen (2007, S. 29). In der Bergwan- derCard (DAV, 2013) wird es deswegen positiv berücksichtigt, wenn man durchschnittlich sieben Bergwanderungen in den letzten zwei Jahren absolviert hat. In dem Konzept der Experience Use History nach Hammitt & McDonald (1983) sowie Schreyer et al. (1984) wird sowohl die Erfahrung in einer Aktivität als auch die Erfahrung im Landschaftsraum zur Bestimmung des Erfahrungsgrades bei Erholungsaktivitäten mit- einbezogen. Demnach zählen zur Bergerfahrung die Anzahl der Jahre, in denen gewandert wurde und die Häufigkeit der Wanderungen pro Jahr – sowohl in den Alpen generell, als auch in einer spezifischen alpinen Destination. Während laut des Tiroler Konzeptes für das Begehen von einfachen Wanderwegen „Sport- schuhe und der Witterung angepasste Kleidung“ genügen, erfordern Bergwege eine Min- destausrüstung bestehend aus „stabile(n) Bergwanderschuhe(n), funktionelle(r) Bergbe- kleidung sowie Orientierungs- und Notfallmaterial samt Erste-Hilfe-Paket, Mobiltelefon und Biwaksack“ (Eberl et al., 2018, S. 7f.). Für schwere Bergwege bedarf es mitunter alpiner Si- cherungsmittel (ebd.). Für Alpine Routen sind zudem Kletter- bzw. Gletscherausrüstung und der vertraute „Umgang mit der erforderlichen Alpin-, Orientierungs- und Notfallausrüstung (z. B. Seil, Pickel, Steigeisen, Kompass, GPS etc.)“ notwendig (ebd., S. 9f.). In der Berg- wanderCard (DAV, 2013) findet man eine umfangreiche Checkliste für die Grundausrüstung die u. a. Bergschuhe, funktionelle Bekleidung wie Wetterschutzjacke, Rucksack, Karte und Wanderführer, Sonnenschutz, Erste-Hilfe-Set, Verpflegung, Mobiltelefon und ggf. Wanderstö- cke umfasst. Auch in der „Wanderfibel“ des Österreichischen Kuratoriums für Alpine Sicher- heit findet man eine ähnliche Auflistung (Würtl et al., 2009, S. 64–69). In der Literatur wird unangemessenes Schuhwerk als Ursache für Unfälle beim Berg- wandern diskutiert (Bach et al., 2007, S. 20). Es konnte jedoch kein spezieller Schuhtyp4 bestimmt werden, der in Zusammenhang mit Unfällen getragen wurde (Pocecco et al., 2020). Generell empfohlen werden Schuhe mit rutschfester Profilsohle (DAV, 2013). 4 Lauf- bzw. Turnschuhe, flache Wanderschuhe, knöchelhohe Bergschuhe, steigeisenfeste Bergschuhe | 24 2 Theoretischer Rahmen 24 Bezüglich der körperlichen Verfassung konstatiert Schamel (2017, S. 35), dass in der Be- völkerung häufig auftretende Beschwerden wie Herz-Kreislaufprobleme oder Einschränkun- gen des Bewegungsapparats wie Knie- oder Rückenschmerzen sich leistungsmindernd auf die Kondition bzw. Trittsicherheit auswirken. Wissen um Sicherungstechniken und Klettererfahrung sind gemäß der Bergwegeklassifi- zierung ab schweren (schwarzen) Bergwegen notwendig. Dort können einfache Kletterstellen und ungesicherte Passagen auftreten. Als koordinative Fähigkeit dient die soggenannte Propriozeption (Tiefensensibilität) der Trittsicherheit, indem sie zur Orientierung des eigenen Körpers im Raum und zur Anpassung an räumliche Gegebenheiten befähigt (Jhung & Layton, 2017, S. 16). Die geographische Orientierung beschreibt das Wissen um die eigene Position relativ zu anderen Orten, zu Objekten in der Umgebung oder zu einem angestrebten Ziel (Montello & Sas, 2006, S. 3). Mit Hilfe dieses Wissens können Wege vom eigenen Standort zum Zielort gefunden werden (Leimbach & Breuer, 2010, S. 4). Münzer & Hölscher (2011, S. 11) beschreiben die räumli- che Orientierungsfähigkeit als alltägliche Leistungen in bekannten und unbekannten Um- gebungen wie „Wege merken“, „mentale Vorstellung der räumlichen Verhältnisse bilden“, „Richtungen angeben“ und „Wegbeschreibungen generieren“. Wiener et al. (2009, S. 157f.) unterscheiden in ihrem Modell „Taxonomy of Human Wayfin- ding Tasks“ die Wegfindung mit und ohne Hilfsmittel. Bei der Wegfindung ohne Hilfsmittel spielen kognitive Prozesse wie Entscheiden, Erinnern, Lernen und Planen eine Rolle. Die Wegfindung mit Hilfsmitteln wie zum Beispiel das Folgen von Wegweisern oder Navigations- anweisungen ist kognitiv weniger anstrengend. Nachdem das Schild entdeckt wurde, muss die relevante Information identifiziert und mit dem gewünschten Zielort abgeglichen wer- den, um dann der Instruktion des Wegweisers zu folgen (Raubal, 2001). Die kognitive Leis- tung der Wegplanung entfällt, weil diese schon von jemand anderes übernommen wurde. Die Wegfindung mit Hilfe einer Karte ist im Vergleich wiederum kognitiv aufwendiger. Symbole müssen gedeutet, die Lage der Objekte im Raum erkannt, die eigene Position auf der Karte identifiziert und die allzentrische Perspektive der Karte mit der geozentrischen eigenen Perspektive im Raum abgeglichen werden (Lobben, 2004). Studien belegen, dass nach wie vor mit Abstand die Wegbeschilderung als Orientierungs- mittel während der Wanderung präferiert wird (BTE & DWV, 2018; Dicks & Neumeyer, 2010, S. 77, 88; Fischer et al., 2015, S. 48–51; Schamel, 2017, S. 169f.)(siehe Tab. 11). Danach folgt die klassische Wanderkarte. Aus den Studien geht jedoch nicht klar hervor, ob es sich dabei um topographische Wanderkarten oder vereinfachte Kartendarstellungen handelt. Schamel (2017, S. 170) stellt fest, dass die Wanderkarte vor allem für Bergsteigende eine 25 | 2 Theoretischer Rahmen 25 größere Bedeutung hat. Die Mitnahme von Karte, Kompass und GPS-Gerät wird vor allem für das Begehen von alpinen (nicht beschilderten) Routen empfohlen (DAV, 2013; Eberl et al., 2018). Demgegenüber benötigen Spazierende häufig aufgrund der Einfachheit der Tour kei- ne Hilfsmittel (Schamel, 2017, S. 170). Das Smartphone mit integrierten GPS wird häufiger genutzt als ein reines GPS-Empfangsgerät (ebd., S. 118f.). Es zeigt sich eine Tendenz, dass die Orientierung mittels Smartphone generell und vor allem bei jüngeren Generationen an Bedeutung gewonnen hat (ebd., BTE & DWV, 2018). Diese ersetzten in den meisten Fällen nicht die klassischen Orientierungsmittel, sondern werden unterstützend eingesetzt (ebd.). Tab. 11: Genutzte Orientierungsmittel beim Wandern in Prozent (Quelle: Eigene Zusammenstellung) BTE & DWV, 2018* Schamel, 2017, S. 169f. Fischer et al., 2015, S. 48-51 Dicks & Neumeyer, 2010, S. 88 Wegweiser 77% 65% 63% 90%** Wanderkarte 46% 38% 16% 32% Wanderführer, Broschüre 23% 10% 9% 10% Smartphone 37% 6% 2% 2% GPS-Gerät 22% 3% 3% 3% Kompass - - - 2% keine Hilfsmittel / Weg bekannt - 21% 44% 46% Anmerkung. * Zahlen aus der Haushaltsbefragung. **Bewertung der Wichtigkeit (S. 77) | 26 2 Theoretischer Rahmen 26 Konkretisiertes Anforderungsprofil Auf Grundlage der aufgeführten Darlegungen lassen sich die Anforderungen für die Berg- wegeklassifikationen konkretisieren (siehe Tab. 12). Tab. 12: Konkretisiertes Anforderungsprofil der Wanderwege (Quelle: Eigene Zusammenstellung) Spazierende / Wandernde Gelbe Wanderwege Bergwandernde Rote Bergwege Bergsteigende Schwarze Bergwege Hochalpine Berg- steigende Alpine Route Kondition mind. mangelhaft; bis 4 h bis 700 hm mind. passabel; 4-6 h; 700-1100 hm mind. gut; 6-8 h; 1100-1500 hm mind. sehr gut; mind. 8 h; mind. 1800 hm Trittsicherheit mind. mangelhaft mind. passabel mind. gut mind. sehr gut Schwindelfreiheit mind. mangelhaft mind. passabel mind. gut mind. sehr gut Bergerfahrung gar nicht bis wenig mind. passabel; alpine; Erkennung und Beur- teilung alpiner Gefahren mind. gut; alpine; mind. 7 Wanderun- gen im letzten Jahr; Erkennung und Beur- teilung alpiner Ge- fahren mind. sehr gute; hochalpine; mind. 7 Wanderun- gen im letzten Jahr; Erkennung, Beurtei- lung und Vermei- dung alpiner Gefah- ren Bergausrüstung Sportschuhe mit rutschfester Sohle; Witterung angepasste Kleidung Grundausrüstung Grundausrüstung + alpiner Siche- rungsmittel Grundausrüstung+ Kletter- bzw. Glet- scherausrüstung; Alpin-, Orientie- rungs- und Notfal- lausrüstung (z. B. Seil, Pickel, Steigei- sen, Kompass, GPS etc.) Körperliche Verfassung passabel gut sehr gut ausgezeichnet Sicherungs- techniken ohne ohne mitunter vertraut Klettererfahrung ohne ohne mitunter umfassend Orientierungs- vermögen nicht speziell gut sehr gut; vertraut mit Karte, Kompass, GPS ausgezeichnet; ver- traut mit Karte, Kompass, GPS Zusammenfassung und Schlussfolgerung Auch bei den Anforderungen an die Wanderfähigkeiten zeichnet sich wie bei der Begriffs- definition Wandern und den Bergwegeklassifizierungen kein einheitliches und scharfes Bild. Studien und Unfallstatistiken belegen, dass besonders die konditionellen und koordi- nativen Anforderungen fehleingeschätzt werden (Bach et al., 2007; Österreichisches Kura- torium für Alpine Sicherheit, 2020b; Schwiersch et al., 2006). Trittsicherheit, Schwindelfrei- heit und Kondition scheinen maßgeblich für die Bewältigung der Wegeschwierigkeit zu sein und sind grundlegende Fähigkeiten für das Bergwandern. Weitere Anforderungen wie Ber- gerfahrung, Bergausrüstung, Orientierungsvermögen, Wissen um Sicherungstechniken und Klettererfahrung beziehen sich vor allem auf das Bergsteigen (Schamel, 2017, S. 88). 27 | 2 Theoretischer Rahmen 27 Bei der Begriffsspezifizierung zeigte sich, dass Worte wie Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und Kondition vielschichtige Konstrukte sind, die sich schwerlich mit konkreten Werten fas- sen lassen. Man kann davon ausgehen, dass sich die Wandernden im alltäglichen Sprachge- brauch vermutlich der genauen Bedeutung nicht bewusst sind. Zudem zeichnet sich ab, dass die unterschiedlichen Anforderungen teilweise zusammenhängen oder sich gegenseitig bedingen zu scheinen. Beispielsweise trägt mehr Bergerfahrung zu einer gesteigerten Tritt- sicherheit bei (Bach et al., 2007, S. 29). Die Komplexität der Begriffe erschwert einerseits die Messbarmachung und andrerseits die Einschätzung von seitens der Wandernden. Mit der DAV BergwanderCard wurde ein valides und reliables Messinstrument zur Selbsteinschätzung entwickelt, die sich als empirisch sicherheitsfördernd erwiesen hat (Bach et al., 2007, S. 86). Kondition und Trittsicherheit konnten nach Angabe der Autor*innen damit besser ein- geschätzt werden (ebd.). Kritisch anzumerken ist, dass die Studie von Bach et al. schon über zehn Jahre alt ist. Bisher gab es keine vergleichbaren Studien zur Weiterentwicklung oder unabhängiger Evaluation. Darüber hinaus sind die Charakterisierung und Formulierung von Nutzungstypen sowie der Einsatz von Bildern Ansätze, die zur Veranschaulichung der Bergwegeklassen und zur besse- ren Einschätzung beitragen könnten. Gleichzeitig könnten sie im Gegensatz zu detaillierten Beschreibungen Praktikabilität und Anwendungsfreundlichkeit bieten. | 28 28 2.2 Wanderleitsysteme Übergeordnetes Ziel der vorliegenden Forschungsarbeit ist es, nutzungsorientierte Anforde- rungen an Wanderleitsysteme in alpinen Destinationen zu ermitteln. Es sollen also aus Sicht der Wandernden Bedürfnisse identifiziert werden, um folglich bedarfsgerechte Maß- nahmen für Leitsysteme abzuleiten. Dabei sollen der Prozess der Wegweisung und Wegfin- dung für ein tieferes Verständnis holistisch betrachtet werden. Dafür wird im Folgenden zunächst die Thematik der Wanderleitsysteme in den Kontext der in der Literatur so ge- nannten Besucher*innenlenkung eingeordnet. Darauffolgend werden die theoretischen Kenntnisse über das Wegfindungsverhalten von Wandernden exploriert, um anschließend ein Modell als konzeptionellen Analyserahmen dieser Forschungsarbeit abzuleiten. 2.2.1 Wegweisung – Die Lenkung von Aktivitäten Begriff Der Begriff Besucher*innenlenkung hat seinen Ursprung im Naturschutz und der Land- schaftsplanung (z. B. Job, 1991; Manning, 1986). Im Zuge der Umweltbewegung ab den 1970er Jahren und der Zunahme von Natursportaktivitäten seit den 1980er Jahren wurde das Verhältnis von Naturschutz und Bewegung in Natur und Landschaft betrachtet und Konflikte aufgrund möglicher Umweltbelastungen durch Erholungssuchende und Sporttrei- bende diskutiert. Unter Besucher*innenlenkung versteht man „Massnahmen [sic] zur Beein- flussung von Besuchern [und Besucherinnen] hinsichtlich ihrer räumlichen, zeitlichen und quantitativen Verteilung sowie ihrer Verhaltensweisen mit dem Ziel, negative Auswirkungen auf die Schutzobjekte zu minimieren oder zu beseitigen" (Arnberger, 2013, S. 19). In der Literatur wird der Begriff Besucher*innenlenkung häufig synonym verwendet mit dem Aus- druck Besucher*innenmanagement (ebd.). In Deutschland ist im Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG 2009) die Doppelfunktion des Naturschutzes rechtlich verfasst. Ursprünglich wurde das Gesetz 1976 in Kraft gesetzt. Zum einem soll die Natur und Landschaft geschützt und gepflegt, zum anderen die Erho- lung in ihr ermöglicht werden (§ 1). Erholung wird in § 7 Abs. 1 definiert als „natur- und landschaftsverträglich ausgestaltetes Natur- und Freizeiterleben einschließlich natur- und landschaftsverträglicher sportlicher Betätigung in der freien Landschaft, soweit dadurch die sonstigen Ziele des Naturschutzes und der Landschaftspflege nicht beeinträchtigt werden.“ Die sportliche Aktivität wird also ausdrücklich – aber mit Vorbehalt – miteingeschlossen. In § 59 Abs. 1 wird ferner das allgemeine Betretungsrecht der freien Landschaft zum Zwecke der Erholung eingeräumt. Das Betretungsrecht kann laut Abs. 2 aus Schutzgründen einge- schränkt werden. So wird das Verhältnis von Naturschutz und Erholung in den jeweiligen Schutzkategorien (z. B. Nationalparke, Naturparke, Biosphärenreservate) vorgeschrieben (Kapitel 4). Das Betretungsrecht zum Zwecke der Erholung findet sich auch in ähnlicher 2 Theoretischer Rahmen 29 | 29 Form in anderen Ländern wieder. So gilt in Österreich im Rahmen des Bergsports und der Erholung in den Alpen das „Gewohnheitsrecht“. Aus der Perspektive des Naturschutzes und der Landschaftsplanung wird in der Literatur aufgrund des Rechts auf Erholung von „Erholungssuchenden“ und „Erholungsnutzung“ – in Abgrenzung zu anderen Nutzungsformen wie zum Beispiel der Landwirtschaft – gesprochen (Ammer & Pröbstl, 1991; Job, 1991; Riekens, 1996). Als „Besucherinnen und Besucher“ werden Personen definiert, die das Land und die Gewässer des Schutzgebietes zu den für dieses Gebiet vorgesehenen Zwecken besuchen. Besucher*innen werden nicht dafür be- zahlt, im Schutzgebiet zu sein und leben nicht dauerhaft darin. Die für das Gebiet festge- legten Zwecke sind in der Regel Freizeit-, Bildungs- oder Kulturzwecke (Hornback & Eagles, 1999, S. 9). Die Besucher*innenlenkung greift die Doppelfunktion des Naturschutzes auf und verfolgt die zweiseitige Zielsetzung, einerseits den Erhalt und den Schutz der Natur zu gewährleisten, andererseits Erholung in weiten Teilen zu ermöglichen und die Qualität zu sichern (Riekens, 1996, S. 69). Aus sportwissenschaftlicher Perspektive wird der begriffliche Fokus auf die Aktivität und Raumnutzung gelenkt. So verwenden Schemel und Erbguth (2000, S. 106) den Aus- druck „Steuerung von Aktivitäten des Sports in der Landschaft“. Roth et al. (2004, S. 82) etablieren den Terminus „Aktivitätslenkung im Naturraum.“ Anstelle von Besucher*innen wird von Nutzer*innen gesprochen. Die Thematik der Besucher*innenlenkung wird ebenfalls im Bereich des Tourismus im Kontext der Nachhaltigkeit und möglicher Umweltauswirkungen touristischer Aktivitäten behandelt (Becker et al., 1996; Hornback & Eagles, 1999; Job, 1991; Leung et al., 2019). Besucher*innenlenkung wird als Aufgabe des Destinationsmanagements verstanden und die Ausdrucksweise Gästelenkung oder auch Touristen-/Touristinnenlenkung alternativ genutzt. Die Termini „Wegweisung“ und „Wegfindung“ („wayshowing“, „wayfinding“) entstam- men der Signaletik, eine Disziplin des Kommunikationsdesigns, die sich mit der Gestaltung von Leitsystemen vorwiegend in öffentlichen Gebäuden wie zum Beispiel Flughäfen oder in Städten auseinandersetzt (Mollerup, 2005, 2013). In der Signaletik wird die Auffassung vertreten, dass Wegweisung und Wegfindung ein zusammenhängender Prozess sind und die Ausgestaltung von Leitsystemen dieses Wechselspiel berücksichtigen sollte. Mit der Thematik des Wanderns in alpinen Destinationen bewegt sich die vorliegende For- schungsarbeit im Spannungsfeld von Natursport, Naturschutz und Tourismus. Es wird die sportwissenschaftliche Perspektive eingenommen und der Fokus liegt auf der Aktivitätslen- kung des Wanderns im Naturraum der Alpen. Es besteht der integrale Anspruch Natursport und Erholung in Einklang mit der Natur zu bringen. Die Wandernden werden in der multip- len Rolle der Erholungssuchenden bzw. Sporttreibenden, der Nutzer*innen und Besu- 2 Theoretischer Rahmen | 30 30 cher*innen gesehen. Aus diesem Grunde werden diese Begriffe in dieser Arbeit synonym verwendet. Ziele Die Hauptziele der „Besucherlenkung“ sind aus der ursprünglichen Perspektive, die Verein- barkeit von Naturschutz und Erholung (Riekens, 1996, S. 69). Aufgrund der multidisziplinä- ren Betrachtung haben sich die Ziele im Laufe der Zeit erweitert. Arnberger (2013, S. 19f.) kategorisiert die Ziele der „Besucherlenkung“ als ökologische Ziele (z. B. die Ausweisung von Vorrangzonen für den Naturschutz); ökonomische Ziele (z. B. die Stärkung der regionalen Wirtschaft durch Umsatzsteigerungen im Gastgewerbe oder sonsti- gen Freizeiteinrichtungen); denkmalpflegerische Ziele (z. B. der Schutz von Kulturgütern); soziale, psychologische und kulturelle Ziele (z. B. die Sicherung der Erholungs- und Erleb- niswerte) und sicherheitstechnische Ziele (z. B. das Vermeiden von Unfällen)(siehe Tab. 13). Tab. 13: Ziele der Besucherlenkung (Quelle: Arnberger, 2013, S. 19f.) Ziele der Besucherlenkung Beispiele Ökologische Ziele Ressourcenschonung, Emissionsminderungen Reduktion des Störungseinflusses auf Fauna und Flora Ökonomische Ziele Steigerung der Besucherzahlen, der Aufenthaltsdauer und/oder des Ausgabeverhaltens Erhaltung bzw. Schaffung von Arbeitsplätzen und Ein- kommen Auslastung und Instandsetzung touristischer Infrastruktur Reduktion der Bodenpreise und Lebens- erhaltungskosten Geringer (finanzieller) Aufwand für Gebietsmanagement Soziale, psychologische und kulturelle Ziele Gesicherter Erholungs- und Erlebniswert für Gäste und Einheimische Reduktion von Nutzerkonflikten Bewahrung kultureller und natürlicher Orte und deren Zugänglichkeit Förderung der Akzeptanz und Identität der Bevölkerung und Gäste Sicherheitstechnische Ziele Vermeidung von Unfällen Denkmalspflegerische Ziele Schutz von Kulturgütern (Gebäude, Skulpturen, histori- sche Gärten etc.) 2 Theoretischer Rahmen 31 | 31 Aus der Perspektive der Wandernden und vor dem Hintergrund der aufgeführten alpinen Unfallstatistik sind vor allem die sicherheitstechnischen Ziele sowie die sozialen und psycho- logischen Ziele relevant. Zielsetzung ist ein Wanderleitsystem, was zum Risikomanagement beitragen kann, indem es die Wandernden dabei unterstützt, diejenigen Wege zu nutzen, die ihren Fähigkeiten entsprechen. Das soll dazu beitragen, dass sich die Wandernden si- cher fühlen und so indirekt die Erholung und Erlebnisqualität erhalten bleibt. Strategien und Maßnahmen zur Aktivitätslenkung im Naturraum In der Literatur finden sich je nach Zielsetzung diverse Strategien und Maßnahmen der „Besucherlenkung“ (Arnberger, 2013, S. 22f.; Job, 1991; Riekens, 1996, S. 71–82; Scharpf, 1998, S. 73). Eine Strategie beschreibt den Handlungsplan zur Zielerreichung und die Maß- nahmen stellen konkrete Handlungsschritte dar (Manning, 1986; zitiert nach Riekens, 1996, S. 71). Roth et al. (2004, S. ) greifen diese Ansätze auf und adaptieren die Strategien und Maß- nahmen für die Aktivitätslenkung im Naturraum (siehe Abb. 1). Abb. 1: Maßnahmen zur Aktivitätslenkung im Naturraum (Quelle: Verändert nach Roth et al., 2004, S. 82; Basis Scharpf, 1998). Die Aktivitätslenkung im Naturraum umfasst grundsätzlich drei Strategien: Landschaftspla- nerische Vorleistungen, Apell- und Konventionsstrategie und Normenstrategie. Für diese Stra- tegien stehen unterschiedliche Instrumente zur Verfügung, die wiederum verschiedene Maßnahmen umfassen. Unter „Landschaftsplanerische Vorleistungen“ fallen die Zonierung des Landschaftsraums und der Ausbau der Infrastruktur. Diese bilden das Basisangebot für die Aktivitäten und 2 Theoretischer Rahmen | 32 32 sind Grundlage für deren räumliche Lenkung. Bei der Zonierung wird das Gebiet in räumli- che Bereiche mit unterschiedlicher Funktion eingeteilt. Es werden Vorrangzonen für den Naturschutz oder für den Natursport sowie Mischgebiete festgelegt. Mittels geografischer Analysen werden Aktivitätslenkungsgebiete ausgewiesen. Unter Infrastrukturausbau ver- steht man die Planung der Lage, Qualität und Kapazität von Sport- und Freizeiteinrichtun- gen. Nach Roth et al. (2004, S. 87) haben Infrastruktureinrichtungen eine stark lenkende Funktion. Kern und zentrales Element der Aktivitätslenkung stellt die „Apell- und Konventions- strategie“ dar (ebd., S. 92). Ansatz dieser Strategie ist eine freiwillige Verhaltensänderung aufgrund von Einsicht, Akzeptanz und Vereinbarungen. Die Lenkung erfolgt hier über Ange- bote wie zum Beispiel ein gut angelegtes, gepflegtes und markiertes Wanderwegenetz, Auf- stiegshilfen, inszenierte Naturattraktionen oder Aussichtspunkte; über Ablenkungen wie beispielsweise Wegerückbau sowie über die Kommunikation von Informationen. Das Instru- ment der Information umfasst dabei eine Vielzahl an Maßnahmen von Informationsmateria- len, über die Wegbeschilderung bis hin zur Bildungsarbeit wie zum Beispiel Umweltbildung und Natursportpädagogik. Kommunikative Maßnahmen haben innerhalb der Apell- und Konventionsstrategie wiederum eine zentrale Stellung (ebd., S. 94). Bei der „Normenstrategie“ zur Aktivitätslenkung kommen hoheitlich-rechtliche „Zwangsmaßnahmen“ zum Einsatz. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Wegegebote, Verbote, Sperrungen oder Bußgelder. Maßnahmen der Normenstrategie bedürfen immer ei- ner Kontrolle der Einhaltung von Regelungen (ebd., S. 87). Die Instrumente der Apell- und Konventionsstrategie werden in der Literatur auch als „sanf- te“ (indirekte) Maßnahmen und die der Normenstrategie als „harte“ (direkte) Maßnahmen unterschieden (Arnberger, 2013, S. 22f.; Becker et al., 1996, S. 105; Job, 1991; Lucas, 1982; Manning, 1986; Peterson & Lime, 1979; Riekens, 1996, S. 71–82; Scharpf, 1998, S. 73). Harte und direkte Maßnahmen beschränken die Besucher*innen. Sanfte Maßnahmen wirken hingegen indirekt auf das Verhalten der Erholungssuchenden. In der Regel finden harte Maßnahmen nachsorglich Anwendung, wenn eine akute Gefährdung besteht und sanfte Maßnahmen keine Wirkung zeigen. Zwangsmaßnahmen sollten nur bei absolut not- wendigen Problemen eingesetzt werden (Roth et al., 2004, S. 90). Sanfte Maßnahmen sind das Mittel der Wahl, weil diese vorsorglich auf Freiwilligkeit und langfristige Verhaltensän- derungen zielen. Ein Wanderleitsystem basiert zusammenfassend auf landschaftsplanerische Vorleistungen und sollte bevorzugt ein sanftes Lenkungsinstrument auf Grundlage von Angeboten und In- formationen darstellen. 15B T E TOURISMUS- UND REGIONALBERATUNG BTE 2 Theoretischer Rahmen 33 | 33 Aktivitätslenkung entlang der Visitor Journey Das Konzept der „Customer Journey“ entstammt aus dem Bereich des Marketings und findet auch im Tourismus Anwendung (BTE & DWV, 2018, S. 14–33; FUR, 2014; Stickdorn & Zeh- rer, 2009). Im sporttouristischen Kontext ist die Bezeichnung „Visitor Journey“ treffender, weil im Rahmen von naturorientierten Erholungsaktivitäten häufig von Besucher*innen die Rede ist. Die Visitor Journey zeigt modellhaft den Prozess und die unterschiedlichen Phasen ei- ner Wanderung auf. Im Wesentlichen gibt es drei Phasen: Die Vorbereitungsphase, wo sich die Erholungssuchenden über potentielle Destinationen und Wandertouren informieren und inspirieren lassen. Die Ausführungsphase vor Ort, wo die Erholungssuchenden sich in der Destination befinden und Wanderungen erleben. Und schließlich die Nachbereitungsphase, wo die Erholungssuchenden ihre Erfahrungen reflektieren und bewerten (siehe Abb. 2). Abb. 2: Visitor Journey der Wandernden (Quelle: BTE & DWV, 2018, S. 15). Anhand der Visitor Journey wird deutlich, dass sich ein Wanderleitsystem nicht nur auf die Destination beschränkt, sondern sich über alle Phasen erstrecken kann. Insbesondere das Instrumentarium der Information kommt schon vor dem eigentlichen Aufenthalt in der In- formationsphase zur Anwendung. Für eine erfolgreiche Kommunikation von Informationen bedarf es wiederum an genauen Wissen über die Zielgruppe, deren Bedürfnisse und Informationsverhalten (Riekens, 1996, S. 90f.; Stumm & Clivaz, 2013, S. 47f.). Zudem kann man anhand der Visitor Journey mögli- 15B T E TOURISMUS- UND REGIONALBERATUNG BTE Inspirations- phase Informations- phase Aufenthalts- Erlebnisphase während Reflektions- und Dialogphase Inspiration für eine Tageswanderung oder einen Wanderurlaub Suche nach Informationen über die Wanderung oder die Wanderregion z.B. durch Freunde und Bekannte oder durch Bilder & Beiträge im Internet, TV, Radio etc. Planung der Wandertour oder von einzelnen Etappen Buchung der benötigten Unterkünfte Durchführen der geplanten Wanderung Orientierung während der Wanderung über die klassische Beschilderung und Wegemarkierung oder mittels moderner GPS-Navigation Einkehren in Wanderhütten, Gastwirtschaften & Restaurants um regionale Speisen und Getränke zu genießen Natur erleben, Ruhe spüren, Kraft tanken Information während der Wanderung über den momentanen Standort, die aktuelle Wetterlage oder die nächste Einkehrmöglichkeit Festhalten der Wandererlebnisse und Highlights auf der Strecke Teilen der Wander- erlebnisse mit Freunden und Bekannten online wie offline Kommentar auf Wanderplattform oder der Internetseite der Wander- region hinterlassen Bewerten von Wanderroute, Etappe oder Unterkunft auf Bewertungs- plattformen im Internet Reisephasen des Gastes 2 Theoretischer Rahmen | 34 34 che sogenannte „Touchpoints“ identifizieren. Also die Kontaktpunkte, an denen die Erho- lungssuchenden auf bestimmte Informationen für ihre Wanderung zurückgreifen. Wegeleitsystem als ein Bestandteil des Wanderleitsystems Das Wegeleitsystem – also die Beschilderung und Markierung der Wanderwege in der alpinen Destination (siehe Abb. 3) – ist eine wichtige Informationsressource für die Wandernden vor Ort. Das Wegeleitsystem ist Bestandteil der Wegeinfrastruktur und damit Teil des Wan- derangebots (vgl. Dicks & Neumeyer, 2010, S. 76; Schamel, 2017, S. 150). Die Hauptfunk- tion eines Wegeleitsystems ist die Wegweisung. Es dient den Wandernden zur sicheren Ori- entierung im unbekannten Gelände. Ein qualitativ hochwertiges Wegeleitsystem erfüllt das Sicherheitsbedürfnis der Wandernden und hat Einfluss auf den Erlebniswert sowie die Zu- friedenheit der Erholungssuchenden mit einer Region (Dreyer et al., 2010, S. 178; Eberl et al., 2018; Roth, 2003, S. 14). Das Beschilderungssystem bietet den Nutzer*innen zudem umfassende touristische Informationen über die Richtung möglicher Wanderziele, Gehzei- ten, Wegeschwierigkeit, Standort, Höhe über dem Meer, Wegeart und zusätzliche Informa- tionen über Wanderinfrastrukturelemente wie Gastronomie oder Anbindungen an den öf- fentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Abb. 3: Beispiel Beschilderung und Markierung der Wanderwege im Stubaital. Auf dem Wegweiser (links) finden sich Angaben zu den Wanderzielen und deren Richtung, Gehzeiten, Piktogramm als Hinweis auf Gastro- nomie, Schwierigkeitsgrad und Wegehalter (Quelle: Eigene Darstellung). In der Literatur genannte Qualitätskriterien eines Wegeleitsystems sind u. a. Eindeutigkeit, Homogenität, Kontinuität, Zuverlässigkeit, Reduktion, Sichtbarkeit und Konsistenz (Severiens, 2018, S. 17). Wegweiser sollen selbsterklärend, einheitlich und übersichtlich sein. Eine Orientierung sollte auch ohne weitere Hilfsmittel weitgehend möglich sein. Ziel- angaben sollten bis zur Erreichung konsequent wiederholt werden und zuverlässig sein. Zu- dem sollten nur die nötigsten Informationen auf den Wegweisern genannt werden, um die Übersichtlichkeit zu gewährleisten. Sie sollten außerdem von weitem sichtbar sein und überregional das Wegenetz verbinden (ebd.). 2 Theoretischer Rahmen 35 | 35 Schlussfolgerung Es lässt sich festhalten, dass das Wanderleitsystem potentiell ein effektives Lenkungs- instrument von seitens der Destination darstellt. Ziel ist sowohl die Gewährleistung der Er- holung- und Erlebnisqualität sowie der Sicherheit der Wandernden als auch der Schutz von Natur und Landschaft. Als sanfte Maßnahme fußt das Wanderleitsystem auf der Kommuni- kation von Informationen sowie attraktiven Angeboten und beeinflusst so indirekt und nachhaltig das Aktivitätsverhalten. Dabei bezieht sich das Wanderleitsystem nicht nur auf die alpine Destination selbst, sondern betrifft grundsätzlich alle Bereiche der Visitor Jour- ney. Für das Erlebnis und die Sicherheit vor Ort ist das Wegeleitsystem – also die Beschil- derung und Markierung der Wanderwege – von besonderer Bedeutung. Grundlage eines funktionierenden Wanderleitsystems ist darüber hinaus das genaue Wissen über die Nut- zungsgruppe. Nachfolgend wird deswegen als Gegenspieler der Wegweisung die Wegfindung von Wandernden betrachtet. 2.2.2 Wegfindung – Phasen und Einflussfaktoren Begriff Der kanadische Umweltpsychologe Romedi Passini prägte 1984 maßgeblich den theoreti- schen Begriff „Wegfindung“: „Wayfinding describes a person’s ability, both cognitive and behavioural, to reach spatial destination. This ability which is based on three distinct perfor- mances, decision making, decision executing and information processing, is a spatial problem solving ability“ (Passini, 1984, S. 154). Passini beschreibt Wegfindung als eine menschliche Fähigkeit der räumlichen Prob- lemlösung. Diese Fähigkeit, einen räumlichen Ort zu erreichen, ist sowohl kognitiv als auch verhaltensbezogen. Sie umfasst drei wesentlich Leistungen: Entscheidungen tref- fen, Entscheidungen ausführen und Informationen verarbeiten. Wegfindung umfasst demnach zwei Dimensionen: Kognitive Fähigkeit („cognitive ability“) und verhaltensbezo- gene Fähigkeit („behavioural ability“). Die Leistung „decision making“ lässt sich dem Be- reich „cognitive ability“ zuordnen. Hier geht es darum unterschiedliche Entscheidungen für die Wegfindung zu treffen wie zum Beispiel die Bestimmung des Zielorts und den Wegver- lauf dort hin. Dafür werden Informationen über die Umgebung benötigt, die kognitiv ver- arbeitet werden („information processing“). Diese Entscheidungen resultieren – wie Passini (ebd.) es nennt – in einem „plan of action“. Bei dem kognitiven Part handelt es sich also um die Entwicklung einer Wegfindungsstrategie, oder anders ausgedrückt um die Wegpla- nung. 2 Theoretischer Rahmen | 36 36 Um ein Ziel zu erreichen, gilt es nun den „plan of action“ in räumlichen Handlungen umzu- setzen („decision executing“). Diese Leistung lässt sich dem Bereich „behavioural ability“ zuordnen und äußert sich in dem tatsächlichen genommenen Weg. Im Kontext der Geogra- phie und der Tourismuswissenschaften spricht man auch vom sogenannten raumzeitlichen Verhalten („space time behavior“)(vgl. Beeco & Hallo, 2014; Hägerstrand, 1970; Leiper, 1990; McFarlane et al., 1998; Neutens et al., 2008; Reif, 2019; Schamel, 2017). Die beiden Dimensionen „cognitive ability“ und „behavioral ability“ bilden einen dy- namischen Prozess. Die ursprünglich Tourenplanung muss während der Wanderung mit den tatsächlichen Verhältnissen vor Ort abgeglichen („information processing“) und gegebe- nenfalls angepasst werden (Passini, 1984, S. 154). Wiener et al. (2009, S. 158–161) unterscheiden ferner „undirected“ von „directed wayfinding“, also die Wegfindung mit oder ohne ein bestimmtes Ziel. Beim ersteren geht es darum, die Umgebung zu erkunden, sich zu erholen sowie die Landschaft und die Ein- drücke auf dem Weg zu genießen (ebd.). Allen (1999, S. 48f.) spricht auch von „explorato- ry wayfinding“. Fewings (2001, S. 179) führte den Begriff „recreational wayfinding“ ein und betonte, dass bei dieser Art der Wegfindung der funktionale Aspekt der schnellen Ziel- erreichung eine untergeordnete Rolle spielt, sondern vielmehr die Wegerfahrung – wie es beim Wandern häufig der Fall ist – im Vordergrund steht. Resümierend besteht die Wegfindung beim Wandern also strukturell aus den zwei Kompo- nenten Wegplanung und Raumzeitliches Verhalten. Dessen Einflussfaktoren sollen im Weite- ren genauer betrachtet werden. Wegplanung und Raumzeitliches Verhalten Angelehnt an dem bekannten Risikoschema „3x3 Lawinen“ im Wintersport von Werner Mun- ter wird für das Bergwandern das „3x3 der Tourenplanung“ als Hilfsmittel empfohlen (Sturzenegger & Manser, 2006)(siehe Tab. 14). Demnach gibt es drei Phasen der Touren- planung, in denen jeweils drei Faktoren berücksichtigt werden sollen. Sturzenegger (ebd.) benennt die drei Phasen auch als „geographische Filter“: Die regionale Grobphase, die loka- le Feinphase und die zonale Situationsphase. Faktoren, die jeweils berücksichtigt werden sollen sind Verhältnisse, Gelände und Mensch. In der regionalen Grobphase erfolgt auf Grundlage von Fremdinformationen eine Tou- renauswahl. Diese Phase findet in der Regel zu Hause statt. Die lokale Feinphase ist die Tourenplanung vor Ort, in der man sich auf eigene Beobachtungen beruft und sich kurz vor der eigentlichen Wanderung befindet. Die zonale Phase betrifft die Wanderung selbst, auf der einzelne Situationen in Bezug auf die Faktoren hin überprüft werden. Der Faktor Verhältnisse bezieht sich auf die Jahreszeit und das Wetter. Der Faktor Ge- lände umfasst die Streckencharakteristik wie das Höhenprofil, Schwierigkeit, Dauer, Wege- verhältnisse und Routenalternativen. Der Faktor Mensch behandelt soziale Aspekte wie die 2 Theoretischer Rahmen 37 | 37 Gruppengröße und -zusammensetzung; Kompetenzen und Einschränkungen der Personen; Ausrüstung sowie die Gruppendynamik. Tab. 14: Das 3x3 der Tourenplanung (Quelle: In Anlehnung an Sturzenegger & Manser, 2006) Verhältnisse Gelände Mensch R e g io n a le G ro b p h a se Wetterprognose; Null- gradgrenze; Lokalkundige kontaktieren Info über Wanderung; Höhenprofil; Schwierigkeit; Point of no return; Variantenplanung ... Gruppengröße; Wanderfähigkeiten; Ausrüstung; ... Fr em d - in fo rm at io n en L o k a le F e in p h a se Zutreffen der Wetterprognose? Meinung Lokalkundige? Wegeverhältnisse; Planung durchgehen und überprüfen Zustand der Gruppe; Kontrolle der Ausrüstung; ... Ei g en e B eo b ac h tu n g en Z o n a le P h a se Zutreffen der Wetterprognose; Wetter beobachten; Tat- sächliche Wegeverhält- nisse? Zeitplan überprüfen; Höhenmeter im Blick haben; ... Mitglieder beobachten; Müdigkeit? redundant arbeiten Si tu at iv e B eu rt ei lu n g Die Faktoren Verhältnisse, Gelände und Mensch beeinflussen also mit ihren individuellen Ausprägungen die Wegplanung und das raumzeitliche Verhalten beim Wandern. Die Eintei- lung der Tourenplanung in unterschiedliche Phasen erinnert zudem an das Modell der Visi- tor Journey (siehe Kapitel 2.2.1). Diese umfasst ebenfalls eine Vorbereitung- und Ausfüh- rungsphase. Der Geograph Johannes Schamel (2017) hat in seiner Dissertation „Raumzeitliches Verhal- ten bei der Ausübung landschaftsbezogener Erholungsaktivitäten“ ein theoretisches Modell über die Einflussfaktoren beim Wandern entwickelt und anhand der alpinen Destination Na- tionalpark Berchtesgaden vor dem Hintergrund des demographischen Wandels empirisch un- tersucht. Schamel berücksichtigt bei seinem Modell vorhandene Konzepte aus der Literatur zur Erklärung der raumzeitlichen Bewegungsmuster bei landschaftsbezogenen Erholungsaktivi- täten (u.a. Beeco & Hallo, 2014; Hägerstrand, 1970; Leiper, 1990; Lucas, 1981; McFarlane et al., 1998; Walker & Virden, 2005) und erweitert diese durch Annahmen über Wirkungszu- sammenhänge zwischen den Faktoren (Schamel, 2017, S. 58). Im Wesentlichen basiert sein Modell auf zwei Konzepten: Der „Time-Geography“ (Hägerstrand, 1970) und dem „Constrai- nts-Modell“ (Walker & Virden, 2005). 2 Theoretischer Rahmen | 38 38 Nach dem Konzept der Time-Geography des schwedischen Humangeographen Torsten Hä- gerstrand (1970) ist Zeit ein wesentlicher Einflussfaktor auf das raumzeitliche Verhalten von Individuen. Der Grundgedanke ist, dass ein Mensch nur zu einer Zeit an einen be- stimmten Ort sein kann. Raum und Zeit sind demnach limitierende Ressourcen für die Aus- übung einer Aktivität (Hägerstrand, 1970, S. 12). Dieser begrenzte Raumzeitkörper wird in dem Konzept der Time-Geography Space-Time-Prism (Neutens et al., 2008, S. 92, 2011, S. 4) genannt (siehe Abb. 4). Abb. 4: Konzept der Time-Geography (Quelle: In Anlehnung an Neutens et al., 2008, S. 92; vgl. Schamel, 2017, S. 45). Das Space-Time-Prism umfasst alle möglichen Orte und Wege, die innerhalb des verfügbaren Zeitbudgets theoretisch erreicht werden können (Neutens et al., 2011, S. 4). Der Space- Time-Path, stellt das tatsächliche raumzeitliche Verhalten dar oder anders ausgedrückt, den tatsächlich genommenen Weg (ebd., S. 3; Schamel, 2017, S. 60). Dieser wird bestimmt durch individuelle Präferenzen und neben der Zeit durch weitere sogenannte Constraints (Neutens et al., 2011, S. 3). Der Begriff Constraints stammt aus der Freizeitforschung und bezeichnet Faktoren, die eine Person in der Ausübung einer Aktivität einschränken oder gar hindern (Jackson, 2000, S. 62). Hägerstrand unterscheidet drei Constraints-Arten (1970, S. 12): Individuelle Fähigkeiten und Ressourcen wie zum Beispiel die Wandererfahrung (Capa- bility Constraints); andere Personen wie beispielsweise Begleitpersonen bei einer Wande- rung (Coupling Constraints) und autoritär auferlegte Beschränkungen wie zum Beispiel Wegeverbote (Authority Constraints)(ebd.). Schamel wählt dieses Konzept für sein theoretisches Modell aus, weil es einen Ansatz dar- stellt, generelle Unterschiede zwischen den möglichen Wegeoptionen und dem tatsächli- 2 Theoretischer Rahmen 39 | 39 chen raumzeitlichen Verhalten anhand der genannten Einflussfaktoren zu erklären (Schamel, 2017, S. 46). Die meisten Untersuchungen zur touristischen raumzeitlichen Ver- teilung basieren auf dem Konzept der Time Geography (vgl. Becker, 1982; Grinberger et al., 2014; Kang, 2015; McKercher et al., 2012; Xiao-Ting & Bi-Hu, 2012). Diese beziehen sich aber nach Schamel (2017, S. 46) weniger auf die spezifischen und individuellen Faktoren, die bei der Ausübung von landschaftsbezogenen Erholungsaktivitäten wie zum Beispiel Wandern wirken. Aus diesem Grunde greift Schamel auf das weiterentwickelte Constraints-Modell der Freizeitforschung von Walker & Virden (2005) zurück (siehe Abb. 5). Dieses bezieht sich ei- gens auf landschaftsbezogene Aktivitäten und dient der Erklärung von Einflussfaktoren über die Teilnahme bzw. Nicht-Teilnahme an diesen (Schamel, 2017, S. 46). Nach Schamel lassen sich daraus implizit Faktoren für das raumzeitliche Verhalten ableiten (2017, S. 58). Abb. 5: Constraints-Modell landschaftsbezogener Erholung (Quelle: In Anlehnung an Walker & Virden, 2005, S. 202; vgl. Übersetzung Schamel, 2017, S. 49). Das Konzept von Walker & Virden (2005) zeigt einen dreistufigen Entscheidungsprozess (Abb. 5): Die Herausbildung von Präferenzen für eine Aktivität, die Entscheidung zur Teil- nahme an einer Aktivität und die eigentliche Teilnahme an einer Aktivität. Dieser Prozess wird durch unterschiedliche Faktoren beeinflusst. Nach Walker & Virden (2005, S. 201f.) wirken Makrofaktoren (soziodemographische Merk- male z. B. Alter, Geschlecht etc.) und individuelle Faktoren (z. B. Erfahrung, Einstellung usw.) direkt auf die persönlichen Präferenzen für die Ausübung einer Aktivität. Individuell wahrgenommene Einschränkungen (Intrapersonal Constraints) sowie die Motivation hinter 2 Theoretischer Rahmen | 40 40 einer Aktivität formen diese Präferenzen weiter aus (ebd.). Die Motivation wird in diesem Modell besonders herausgestellt, weil sie je nach Art und Ausprägung stärker wirken kann, als wahrgenommene Einschränkungen (Jackson, 1993, S. 9; Walker & Virden, 2005, S. 203). Xia (2007, S. 34) stellte zum Beispiel den Zusammenhang zwischen der Motivation und den Kriterien der Wegwahl heraus. Ist das vorrangige Motiv Erholung, soll der Weg wenig an- strengend sein. Spielt das Naturerlebnis eine primäre Rolle, werden landschaftlich attrakti- ve Routen bevorzugt. Die Entscheidung, ob an einer Aktivität teilgenommen wird, wird weiter beeinflusst durch mögliche Begleitpersonen (Interpersonal Constraints)(Schamel, 2017, S. 47). Zum Beispiel können abweichende Interessen oder körperliche Einschränkungen von Mitwandernden da- zu führen, dass ein leichterer Weg ausgewählt wird als persönlich präferiert (ebd.). Die Ent- scheidung zur Teilnahme an einer Aktivität wird weiter wesentlich geprägt durch die Cha- rakteristiken des Gebiets (ebd., S. 50). So spielen zum Beispiel das vorhandene Wegenetz und die Beschaffenheit der Wege eine Rolle, ob die Aktivität wie gewünscht ausgeübt wer- den kann. Über die eigentliche Teilnahme an einer Aktivität bestimmen weiter strukturelle Einschrän- kungen (Structural Constraints). Zu denen zählen die natürliche und soziale Ausstattung des Gebiets sowie territoriale oder institutionelle Limitationen (Natural Environment Constrai- nts, Social Environment Constraints, Territorial Constraints, Instiutional constraints)(Walker & Virden, 2005, S. 201f.). Beispiele hierfür sind der Reihe nach Wetterverhältnisse, Crowding, kontrollierte Teilbereiche und Schutzgebiete (Schamel, 2017, S. 51). Nach Crawford et al. (1991) wirken die individuell wahrgenommenen Einschränkungen unmittelbar und am stärksten auf die Ausübung einer Aktivität, gefolgt von dem Einfluss von Begleitpersonen und strukturellen Hürden. Nach Schamel konnte diese Annahme empi- risch bisher nicht belegt werden (2017, S. 47). Zudem überschneiden sich einzelne Fakto- ren und stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander (ebd., S. 47, 50). Das übergeordnete Ziel von Schamels Untersuchung ist es, Unterschiede und Ursachen im raumzeitlichen Verhalten zwischen den Altersklassen der Wandernden in Berggebieten zu ergründen (2017, S. 58). Dafür kombiniert er das Konzept der Time-Geography mit dem Constraints-Modell und ergänzt es durch Annahmen über Effektstärken zwischen den einzel- nen Faktoren vor dem Hintergrund des demographischen Wandels (ebd.). Schamel entwi- ckelt diese Ansätze so zu einem eigenen Modell weiter (siehe Abb. 6). 2 Theoretischer Rahmen 41 | 41 Abb. 6: Schamels-Modell raumzeitlicher Bewegungsmuster landschaftsbezogener Erholung (Quelle: In Anlehnung an Schamel, 2017, S. 59). Nach Schamel (2017, S. 58–60) wirken Makrofaktoren wie das Alter oder das Geschlecht in- direkt über die individuellen Faktoren auf die Aktivitätspräferenzen sowie über strukturelle Faktoren (structural constraints) auf das raumzeitliche Verhalten (space-time-path). Zu den individuellen Faktoren zählt Schamel u. a. Motivation, Erfahrung, Bedürfnisse und Einstel- lung der jeweiligen Person. Unter den im Constraints-Modell aufgeführten strukturellen Fak- toren fasst er die Capability, Coupling und Authority Constraints von Hägerstrand zusammen. Zu den Capability Constraints zählen individuelle Fähigkeiten, Ressourcen und Einschrän- kungen des Wandernden. Diese sind finanzieller, zeitlicher oder logistischer Art oder be- treffen die kognitiven und physischen Fähigkeiten. Die Coupling Constraints bringt Schamel zusammen mit den Interpersonal Constraints von Walker & Virden und spezifiziert diese wei- ter, als die strukturellen Einflussfaktoren der Begleitpersonen. Die Authority Constraints umfassen die natürlichen, sozialen, territorialen und institutionellen Einschränkungen wie Wetter, Crowding oder Schutzzonen im jeweiligen Wandergebiet (ebd.). 2 Theoretischer Rahmen | 42 42 Die strukturellen Faktoren determinieren den potentiell erreichbaren Raum und damit das Spektrum an möglichen Wandertouren (space-time-prism). Diese werden weiter definiert durch die Gebietscharakteristiken wie zum Beispiel infrastrukturelle und natürliche Ausstat- tung des Gebiets (z. B. Wegenetz und Attraktionen). Die Präferenzen für die Art und Form der Ausübung einer Aktivität zusammen mit den möglichen Tourenoptionen bestimmen letztendlich das tatsächliche raumzeitliche Verhalten der Wandernden (space-time- path)(ebd.). Zusammenfassend lassen sich die Einflussfaktoren der Wegfindung gemäß Schamels Modell in folgende Kategorien einordnen: Makrofaktoren, individuelle Faktoren, strukturelle Faktoren und Faktoren der Gebietscharakteristik. Dabei wirken die Makrofaktoren übergreifend und in- direkt auf die Wegfindung. Individuelle Faktoren wirken direkt auf die Herausbildung von Wegepräferenzen. Strukturelle Faktoren und die Gebietscharakteristik bestimmen die mögli- chen Tourenoptionen. Wegepräferenzen und Tourenoptionen resultieren schließlich im raumzeitlichen Verhalten, also dem tatsächlich begangenen Weg (siehe Abb. 6). 2.3 Konzeptioneller Analyserahmen Anhand der Aufführungen wird deutlich wie komplex der Wegfindungsprozess von seitens der Wandernden ist und wie viele unterschiedliche Variablen auf diesen wirken, die wiede- rum in Wechselwirkung zueinanderstehen. Die Wegfindung von Wandernden findet nicht nur auf der Wanderung selbst statt, sondern umfasst bereits die Wegplanung im Vorfeld, die von einer Reihe an Faktoren beeinflusst wird. Wegweisung und Wegfindung stehen im Wechselspiel zueinander. Um folglich Maßnahmen für Wanderleitsysteme zu formulieren, bedarf es an genauen Kenntnissen über den Prozess der Wegfindung. Im Kontext der Akti- vitätslenkung sind sanfte Maßnahmen basierend auf Informationen und attraktiven Ange- boten das Mittel der Wahl, weil sie auf eine langfristige Verhaltensänderung abzielen und deswegen im Sinne eines nachhaltigen Sporttourismus sind (siehe Kapitel 2.2.1). Insofern gilt es bei der Kommunikation der Informationen zu berücksichtigen, welche Faktoren die Wegfindung von Wandernden beeinflussen. Die theoretischen Kenntnisse über die Wegfindung (siehe Kapitel 2.2.2) werden für die em- pirische Untersuchung weiterführend in einem Modell zusammengefasst (siehe Abb. 7). Ausgehend von der Definition von Passini (1984) umfasst die Wegfindung die zwei Dimen- sionen Wegplanung und Raumzeitliches Verhalten. Die Wegplanung ist vor allem eine kogni- tive Fähigkeit („cognitive ability“) des Entscheidens („decision-making“). Nach Sturzeneg- ger (2006) gilt es dabei die Faktoren Verhältnisse, Gelände und Mensch zu berücksichtigen. Diese findet man ebenfalls ähnlich in anderen theoretischen Überlegungen wieder (Beeco & Hallo, 2014; Lucas, 1981; McFarlane et al., 1998; Walker & Virden, 2005; Wiener et al., 2 Theoretischer Rahmen 43 | 43 2009; Xia, 2007). Schamel (2017) spricht von Makrofaktoren, individuellen und strukturellen Faktoren, welche zur Herausbildung von Wegpräferenzen beitragen. Die Gebietscharakteristik bestimmt weiter die Tourenoptionen. Wegpräferenzen und Tourenoptionen resultieren schließlich im raumzeitlichen Verhalten (ebd.). Im Modell (siehe Abb. 7) werden die auf die Wegplanung wirkenden Einflussfaktoren in die Kategorien Individuelle Faktoren, Soziale Faktoren und Umweltfaktoren zusammenge- fasst. Unter Individuelle Faktoren fallen Motivation; Wandererfahrung und -fähigkeiten, aber auch Einschränkungen; zur Verfügung stehende Ressourcen wie zum Beispiel Informa- tions- und Orientierungsmittel sowie soziodemographische Merkmale. Zu den Sozialen Fak- toren zählen die Begleitpersonen, die Gruppengröße und -zusammensetzung. Unter Umwelt- faktoren wird die jeweilige Gebietscharakteristik wie das Wanderwegenetz, die Wegecharak- teristik und -infrastruktur sowie Wetterverhältnisse verstanden. Individuelle Faktoren, Sozia- le Faktoren und Umweltfaktoren determinieren die Wegepräferenzen und Tourenoptionen, stellen also die Kriterien der Wegwahl dar und werden zur Wegplanung herangezogen. Das raumzeitliche Verhalten ist nach Passini (1984) eine verhaltensbezogene Fähigkeit („behavioural ability“). Auf der Wanderung wird die Tourenplanung umgesetzt („decision- executing“). Das raumzeitliche Verhalten lässt sich gemäß der Time-Geography (Hä- gerstrand, 1970; Neutens et al., 2011) durch räumliche und zeitliche Variablen wie zum Bei- spiel die gewanderten Wege, aufgesuchte Orte, überwundene Höhenmeter, Distanz, Dauer und Geschwindigkeit charakterisieren. Wegplanung und Raumzeitliches Verhalten sind in ei- ner dynamischen Beziehung. Auf der Wanderung muss die Wegplanung fortlaufend mit den aktuellen Bedingungen und räumlichen Informationen abgeglichen und ggf. angepasst werden. Das auf Grundlage der theoretischen Auseinandersetzung abgeleitete Modell der Einfluss- faktoren beim Wandern (siehe Abb. 7) soll als konzeptioneller Analyserahmen der vorlie- genden Forschungsarbeit dienen. Die Untersuchung orientiert sich an diesem Konzept und anhand dessen wurden die Forschungsfragen in Kapitel 1.3. konkretisiert. Das Modell zeigt die zu untersuchenden unabhängigen Variablen auf die beiden abhängigen Variablen Weg- planung und Raumzeitliches Verhalten systematisch dar. 2 Theoretischer Rahmen | 44 44 Abb. 7: Konzeptionelles Modell der Einflussfaktoren beim Wandern (Quelle: Eigene Darstellung auf Basis von Allen, 1999; Beeco & Hallo, 2014; Hägerstrand, 1970; Lucas, 1981; McFarlane et al., 1998; Neutens et al., 2008; Passini, 1984; Schamel, 2017; Sturzenegger & Manser, 2006; Walker & Virden, 2005; Wiener et al., 2009; Xia, 2007). 2 Theoretischer Rahmen 45 | 45 3 Methodik Folgend wird für die Beantwortung der in Kapitel 1.3 aufgestellten Forschungsfragen die Methodik der empirischen Analyse dargelegt. 3.1 Untersuchungsdesign Für die Untersuchung wurde eine Methodenkombination aus einem GPS-Logging und einer standardisierten Befragung (Pre/Post) gewählt. Die Erhebung fand an insgesamt 21 Tagen an allen Wochentagen im Zeitraum vom 16. bis zum 22.07.2020 und vom 06. bis zum 19.08.2020 im Untersuchungsgebiet des Stubaitals in Tirol an zwei ausgewählten Standor- ten statt. Die Pre-Befragung und die Ausgabe der GPS-Logger sowie eines Post-Fragebogens fanden jeweils persönlich zu Beginn der Wanderung zwischen 8 und 13 Uhr statt. Die An- sprache erfolgte willkürlich. Die Rückgabe der GPS-Logger und des selbstständig ausgefüll- ten Post-Fragebogens erfolgte durch die Studienteilnehmenden eigenständig durch Einwurf in einer am Standort installierten Box (siehe Abb. 11). Ergänzt wurden die Daten aus der Zielgebietserhebung durch eine Geodatenbank des Untersuchungsgebiets mit Informatio- nen zu geographischen Merkmalen des Stubaitals. Die Datenaufbereitung und -analyse der Geodaten wurden mit ArcMap 2.876, dem GPS-Hilfsprogramm GPS-Track-Analyser und Micro- soft Excel durchgeführt. Die statistischen Analysen wurden mit SPSS 27.0 vollzogen. Abb. 8: Überblick methodische Vorgehensweise (Quelle: Eigene Darstellung). 3 Methodik | 46 46 3.2 Untersuchungsgebiet 3.2.1 Das Stubaital in Tirol Das Stubaital liegt inmitten der Stubaier Alpen im österreichischen Bundesland Tirol. Das Trogtal erstreckt sich über eine Länge von 35 km und einer von Fläche 317 km2 vom Stubaier Gletscher bis in die Nähe von Innsbruck und besteht aus den fünf Gemeinden Schönberg, Mieders, Telfes, Fulpmes und Neustift (Tirol Werbung GmbH, 2020b). Die Natur und Landschaft des Gebiets wurde nach dem Tiroler Naturschutzgesetz 2005 als besonders geeignet für die Erholung und von eigenartiger Schönheit erklärt (Amt der Tiroler Landesregierung, 2020a). Insgesamt befinden sich drei Schutzgebiete im Stubaital: im Norden die Ruhegebiete Stubaier Alpen und Kalkkögel sowie im Süden das Landschafts- schutzgebiet Serles-Habicht-Zuckerhütl (Amt der Tiroler Landesregierung, 2020b). Die natür- liche Ausstattung umfasst ein Portfolio u. a. aus Gletschern, Gipfeln, Wasserfällen, Berg- seen, Wald, Hochmooren und Wiesen (TVB Stubai Tirol, 2019, 2020). Als natürliche Attrak- tionen zu nennen sind beispielhaft der Grawa Wasserfall, der Stubaier Gletscher und die so- genannten Seven Summits. Das Tal ist umgeben von den sieben markanten Gipfeln: Zucker- hütl (3507 m), Wilder Freiger (3418 m), Habicht (3277 m), Rinnenspitze (3003 m), Serles (2717 m), Hoher Burgstall (2611 m) und Elfer (2505 m)(ebd.). Inszeniert wird die für den Fremdenverkehr attraktive Natur durch den Tourismusverband Stubai Tirol (TVB) zum Bei- spiel durch Themenwege wie der WildeWasserWeg oder die arrangierten Naturschauplätze (siehe Abb. 9). Durch die Anlage der Wanderwege wurde die Berglandschaft für die Besu- cherinnen und Besucher des Stubaitals zugänglich gemacht. Abb. 9: Der WildeWasserWeg und der Naturschauplatz Elfer Gratzengrübel (Quelle: TVB Stubai). Darüber hinaus zeichnet sich das Gebiet durch eine gute Erreichbarkeit aufgrund der aus- gebauten Verkehrsinfrastruktur aus. Neben zahlreichen Haltestellen des ÖPNV und Wander- parkplätzen gibt es vier Bergbahnen (Serlesbahn, Schlick 2000, Elferbahnen, Stubaier Glet- scher Bahnen)(IOSUF, 2019; TVB Stubai Tirol, 2020). Die touristische Nachfrage der Region ist hoch. Das Stubaital zählt zu den fünf nächtigungsstärksten Regionen in Tirol mit Deutschland als Hauptquellmarkt (Tirol Werbung GmbH, 2018). Im Sommer 2020 (Mai bis 3 Methodik 47 | 47 Oktober) lag das Stubaital auf Platz 3, obwohl aufgrund der Covid-19 Pandemie im Vergleich zum Vorjahr Rückgänge in den Zahlen der Ankünfte (-35%) und Übernachtungen (-29%) verzeichnet wurden (Tirol Werbung GmbH, 2020a). Der Lockdown und die Grenzschließun- gen ab März 2020 machten den Tourismus erst wieder nach der Grenzöffnung am 15.06.2020 möglich. Das Wegenetz des Stubaitals umfasst mit über 820 Kilometern in Höhenlagen zwischen 700 und 3500 Metern ü. d. M. zahlreiche Wanderwege unterschiedlicher Schwierigkeit (IOSUF, 2019). Gemäß des Berichts des Instituts für Outdoor Sport und Umweltforschung (IO- SUF)(ebd.) ist die Wegebeschaffenheit folgendermaßen charakterisiert: Die Untergründe sind zu knapp einem Viertel fest (23% Asphalt und wassergebundene Decke), zu etwas mehr als einem Drittel lose (36% Schotter und Geröll), zu einem Drittel hindernisreich (33% Wurzeln und Fels) und zu einem kleinen Anteil weich (9% Wiese und Erde)(siehe Tab. 36). Die Wege sind fast zu gleichen Teilen breit und schmal (45% > 2 m sowie 44% < 1 m). Ein Anteil von rund 11 Prozent entspricht einer mittleren Wegbreite (1 bis 2 m). Die Kategori- sierung der Wege nach Untergründen und Breiten zeigt im Stubaital ein ausgewogenes Wanderangebot für unterschiedliche Kompetenzen und Wandertypen. So existieren sowohl barrierefreie als auch anspruchsvolle Wege. Die Schwierigkeitsbewertung der Wanderwege erfolgt gemäß des Tiroler Bergwegekon- zepts in vier Wegekategorien: Gelber Wanderweg (leicht), Roter Bergweg (mittelschwer), Schwarzer Bergweg (schwer) und Alpine Route (sehr schwer)(siehe Kapitel 2.1.3)(siehe An- hang 1, Abb. 57-59). Zuständig für die Bewertung, Beschilderung und Instandhaltung sind unterschiedliche Wegehalter wie z. B. der TVB, die Alpenvereine oder Bergbahnbetreibende. Das Stubaital eignet sich aufgrund der naturräumlichen Vielfalt, der guten Erreichbarkeit und hohen touristischen Nachfrage sowie aufgrund des weiten und vielfältigen Wegenet- zes, welches alle Schwierigkeitsgrade abdeckt, besonders für die angestrebte Untersu- chung. 3 Methodik | 48 48 Abb. 10: Das Untersuchungsgebiet Stubaital und Erhebungsstandorte (Quelle: Eigene Darstellung). 3.2.2 Auswahl der Erhebungsstandorte Für einen möglichst heterogenen Datensatz wurden bei der Bestimmung der Erhebungs- standorte folgende Kriterien berücksichtigt: Selektiert wurden Hauptausgangsorte für viel- fältige Wanderungen unterschiedlicher Länge und Schwierigkeit, die eine Rückkehr zum 3 Methodik 49 | 49 Ausgangspunkt erlauben. Die Erreichbarkeit sollte sowohl mit dem motorisierten Individu- alverkehr als auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gewährleistet sein. Nach Sichtung der beworbenen Wandertouren im Stubaital (TVB Stubai Tirol, 2019, 2020) ergaben sich 37 Ausgangspunkte, von denen 15 als Hauptausgangsorte angesehen werden können. In Zu- sammenarbeit mit dem TVB wurden schließlich zwei Standorte ausgewählt (siehe Abb. 10). Talstation Elferbahnen Die Talstation der Elferbahnen liegt fußläufig entfernt von der Ortsmitte Neustifts, welche die größte und nächtigungsstärkste Gemeinde im Stubaital ist. Im Zentrum befindet sich neben Restaurants und Beherbergungsbetrieben der Hauptsitz des TVBs mit der angeglie- derten Touristeninformation. In unmittelbarer Nähe zur Talstation sind mehrere Bushalte- stellen verortet. Direkt an der Talstation gibt es einen großen Parkplatz. Die Talstation liegt auf einer Höhe von 980 Metern ü. d. M. Die Öffnungszeiten des Lifts sind im Sommer von 8:30 Uhr bis 17:00 Uhr. Innerhalb von fünf Minuten wird man auf eine Höhe von 1790 Metern ins alpine Gelände und das Landschaftsschutzgebiet Serles- Habicht-Zuckerhütl befördert. Von der Bergstation aus startet eine Variation unterschiedli- cher Bergtouren. Leichte Touren umfassen zum Beispiel den Besuch der Elfer Sonnenuhr o- der Themenwege wie der Geh-Zeiten-Weg (TVB Stubai Tirol, 2019, 2020). Mittelschwere Wanderrouten sind beispielsweise die Genussroute oder führen entlang der Naturschauplät- ze Elfer Gratzengrübel und Gespaltener Stein. Als möglicher Anlaufpunkt dienen darüber hin- aus Almen und Hütten wie zum Beispiel die Autenalm oder die Elfer Hütte. Schwere Touren beinhalten meist das Erklimmen von Gipfeln wie den Elfer (2505 m) oder die Zwölferspitze (2562 m). Ebenfalls befinden sich die zwei Klettersteige Elferkofel und Elfer Nordwand im Gebiet um den Elfer. Der Abstieg nach Neustift erfolgt entweder mittels Talfahrt mit der El- ferbahn oder zu Fuß über die Forststraße. Ebenfalls ist ein Abstieg über das Pinnestal mög- lich. Parkplatz Oberissalm Die Oberissalm befindet sich am Ende des Seitentals Oberbergtal in einer Höhe von 1750 Metern ü. d. M. Zu der Alm gehört der gebührenpflichte Parkplatz, der von Neustift aus in ca. 22 Fahrminuten zu erreichen ist. Alternativ steht der Shuttle-Service des Hüttentaxis von 9:30 Uhr bis 16:00 Uhr in der Sommersaison zur Verfügung. Der Wanderparkplatz an der Oberissalm ist ein beliebter Ausgangspunkt für Wanderungen unterschiedlicher Schwie- rigkeit (TVB Stubai Tirol, 2019, 2020). Leichte Touren sind unten im Talgebiet möglich. Zur mittleren Schwierigkeit gehört der Aufstieg zur Franz-Senn-Hütte. Diese ist auf einer Höhe von 2147 Metern gelegen und befindet sich im Ruhegebiet der Stubaier Alpen. Die Hütte ist Teil des Stubaier Höhenwegs – ein ca. 100 km langer Höhenwanderweg, eingeteilt in 8 Etappen und ein Kernangebot im Wanderportfolio des Stubaitals. Die Franz-Senn-Hütte bil- det einen weiteren Ausgangspunkt für vielfältige Touren. Zum Beispiel der Aufstieg zur Rinnenspitze (3003 m) oder des Aperer Turms (2986 m). Die Wanderwege sind eingebettet 3 Methodik | 50 50 in eine Gletscherwelt (z. B. Alpeiner Ferner, Lüsener Ferner). Weitere Ziele für Wanderungen sind zum Beispiel der Alpeiner Bach, der Rinnensee (2646 m), die Vordere Sommerwand, der Schafgrübler (2992 m) oder die Neue Regensburger Hütte (2286 m). Außerdem vorhanden sind die Klettersteige Edelweiß, Höllenrachen und Sommerwand. Der Abstieg bei einer Ta- gestour erfolgt üblicherweise zurück über die Franz-Senn-Hütte zum Parkplatz der Oberis- salm. 3.3 Datenerhebungsinstrumente 3.3.1 GPS-Logging Das GPS-Logging ist eine Erfassungsmethode des Besuchermonitorings und wird vielfach in Studien zur Untersuchung des raumzeitlichen Verhaltens im Kontext von naturnahen Erho- lungsaktivitäten angewendet (u. a. Abdul Khanan et al., 2012; Arrowsmith et al., 2005; Beeco & Hallo, 2014; Grinberger et al., 2014; Kajala, 2007; Ligtenberg et al., 2008; Orella- na et al., 2012; Schamel, 2017; Shoval & Isaacson, 2010; Taczanowska, 2009; Taczanowska et al., 2014, 2008; Wolf et al., 2012; Xiao-Ting & Bi-Hu, 2012). GPS (Global Positioning System) ist ein satellitengestütztes Ortungssystem zur weltwei- ten Positionsbestimmung. Dafür kreisen 31 Satelliten im Weltall um die Erde (vgl. USDHS, 2020) und senden permanent ihre Uhrzeit und aktuelle Position. Ein GPS-Empfänger be- rechnet auf Grundlage dieser Informationen den eigenen geographischen Standort. In re- gelmäßigen Zeitabständen werden Punktdaten mit den x-, y- und z-Koordinaten gespei- chert. Für die Positionsbestimmung ist eine Verbindung zu mindestens vier Satelliten not- wendig (Mansfeld, 2010, S. 106). Bei optimalem Satellitenempfang und im offenen Gelände kann eine Genauigkeit von vier bis neun Metern erreicht werden (ebd., S. 202). In Waldge- bieten oder im Gebirge kann es durch eingeschränkte Sicht zum freien Himmel zu Ungenau- igkeiten und Empfangsschwierigkeiten kommen (ebd., S. 170–176). Die aus dem GPS-Logging gewonnen Daten erlauben eine geographische Analyse des raumzeitlichen Verhaltens hinsichtlich der Parameter: Distanz, Dauer (Gehzeit und Pausen- zeit), Gehgeschwindigkeit, Höhenmeter in Auf- und Abstieg, genutzte Wege und besuchte Orte. Auf Grundlage der Studienlage diskutiert Schamel (2017, S. 63–66) die Vor- und Nachteile dieser Methode (siehe Tab. 15). Stärken liegen in der weltweiten Verfügbarkeit der GPS- Signale und in der Genauigkeit der Daten. Räumliche und zeitliche Informationen können detailliert erfasst werden. Vorteilhaft ist ebenfalls die Erhebungsmöglichkeit von Parame- tern wie Geschwindigkeit, Pausenorte und -zeiten und die Identifikation von Strecken ab- seits der Wege. In Relation zu anderen Messmethoden ist der Materialeinsatz relativ gering. Es werden für die Datenerhebung lediglich die GPS-Empfangsgeräte benötigt. Diese sind in der Regel klein sowie leicht und weisen wenige Bedienelemente auf. Das Gerät wird im Vor- ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ 3 Methodik 51 | 51 feld konfiguriert und aktiviert, sodass die Studienteilnehmenden lediglich den Logger bei sich tragen müssen. Dies macht die Methode zudem unabhängig von den kognitiven Fähig- keiten und der Motivation der Probandinnen und Probanden. Auf Grund des geringen Ge- wichts und der einfachen Handhabung ist die Teilnahmebereitschaft vergleichsweise hoch. Nachteilig zu sehen ist das Risiko der Ungenauigkeiten in der Positionsbestimmung verursacht durch Umweltbedingen, wie sie im alpinen Gelände z. B. in Felsbereichen auftre- ten können. Dies kann zu fehlerhaften Daten und damit zu einer Verringerung des Stich- probenumfangs führen. Ungenauigkeiten können durch eine Post-Prozessierung und Berei- nigung der Daten behoben werden, ziehen aber einen hohen Bearbeitungsaufwand mit sich. Perspektivisch gesehen wird es zu einer Verbesserung der GPS-Technologie und zum Ausbau des Satellitensystem kommen, sodass dieser Faktor in Zukunft eine untergeordnete Rolle spielen wird. Darüber hinaus kommt es beim Einsatz in Naturgebieten zu Problemen in der Logistik der Ausgabe, Ladung und Rückgabe der GPS-Logger. Aus praktikablen Grün- den und der Begrenztheit der Anzahl an verfügbaren Geräten, empfiehlt sich die Ausgabe und Rückgabe an einem Ort und am selben Tag. Dadurch sind Rund- und Tagestouren über- repräsentiert. Bei mehrtägigen Aufzeichnungen besteht der Nachteil der begrenzten Akku- laufzeit. Obwohl bei dieser Methode der Materialeinsatz relativ gering ist, sind die GPS- Geräte in der Anschaffung mit gewissen Kosten verbunden. Außerdem besteht die Gefahr des Verlustes oder der Entwendung. Des Weiteren kann es zur Ablehnung in der Teilnahme aufgrund von Angst vor Überwachung kommen. Das Gefühl der Beobachtung kann zudem zu einer Beeinflussung des Bewegungsverhaltens führen (ebd.). Tab. 15: Vor- und Nachteile GPS-Logging (Quelle: In Anlehnung an Schamel, 2017; basierend auf Hallo et al., 2012, S. 592; Taczanowska et al., 2008, S. 454; Shoval & Isaacson, 2010, S. 82; Shoval & Ahas, 2016, S. 597ff.) Vorteile Nachteile ¥ Weltweite Verfügbarkeit ¥ Genauigkeit und hoher Grad an Detailliert- heit der räumlichen und zeitlichen Daten ¥ Gewinnung von neuen Parametern wie Ge- schwindigkeit, Pausen und Strecken abseits ¥ Geringer Materialeinsatz, kleine und leichte Geräte, einfach in der Anwendung ¥ Hohe Teilnahmebereitschaft ¥ Unabhängigkeit von der subjektiven Wahr- nehmung ¥ Ungenaue Positionsbestimmung im felsigen Gebirge, Wald etc. ¥ Kosten der GPS-Logger ¥ Logistik der Geräterückgabe ¥ Beschränkte Akkulaufzeiten ¥ Möglicher Verlust der Geräte ¥ Ablehnung der Teilnahme aus Angst vor Überwachung ¥ Mögliche Veränderung des Verhaltens Mögliche Alternativen zu Messung des raumzeitlichen Verhaltens sind zum Beispiel die nicht-teilnehmende Beobachtung, die Befragung, das GMS- oder Smartphone-Tracking (Scha- mel, 2017, S. 62–63; Wernli & Rupf, 2013, S. 35). Bei der nicht-teilnehmenden Beobachtung folgt eine Person unauffällig den Untersuchungsobjekten und protokolliert das Verhalten. 3 Methodik | 52 52 Diese Methode ist personal- und zeitintensiv, führt entweder zur Beeinflussung der Teil- nehmenden oder ist ohne Zustimmung ethisch bedenklich. Eine Befragung über gewanderte Routen kann zum Beispiel im Form eines Fragebogens, als Protokoll oder als Map-Diary (Einzeichnen auf einer Karte, Beeco & Hallo, 2014) erfolgen. Dies erfordert eine hohe Teilnahmebereitschaft und ist abhängig von der subjektiven Wahrnehmung und Erinnerung der Probandinnen und Probanden. Beim GMS-Tracking werden die Mobilfunkdaten zur Auf- zeichnung der Bewegungsdaten verwendet. Diese Methode ist zum einem datenschutzrecht- lich problematisch und zum anderen nur in Städten oder Orten mit einer entsprechenden Dichte von Mobilfunkmasten möglich. Relativ neu ist aufgrund rasanter technischer Ent- wicklungen das Smartphone-Tracking mit integriertem GPS. Das logistische Problem der Rückgabe und die Anschaffungskosten entfallen, erfordern jedoch die Installation einer App, was die Wahrscheinlichkeit der Teilnahmebereitschaft senkt. Negativ zu erwähnen sind hier die geringen Akku-Laufzeiten und ebenfalls die datenschutzrechtlichen Belange. Die Genauigkeit und der Detailgrad der Raum-Zeit-Daten des GPS-Loggings und die Un- abhängigkeit von den individuellen menschlichen Faktoren wie Motivation und Fähigkeiten sind entscheidende Gründe für die Auswahl dieser Methode. Auswahl der GPS-Logger Ein GPS-Logger ist ein GPS-Endgerät mit einem integrierten GPS-Empfänger und einem in- ternen Speicher. Folgende Kriterien wurden bei der Auswahl des Modells berücksichtigt (vgl. Reif, 2019; Schamel, 2017, S. 88): Großer Datenspeicher, hohe Empfindlichkeit des GPS-Chips, lange Akkulaufzeit, hohe Aufzeichnungsrate und geringer Time-to-First-Fix (Dau- er bis zur Satellitenverbindung). Außerdem sollte das Gerät leicht und klein sein, kein Dis- play haben und wenig für die Studienteilnehmenden nützliche Funktionen aufweisen. Die Auswahl fiel auf das Modell P-1 der Firma Columbus, von dem 20 Exemplare ange- schafft wurden. Der integrierte Chipsatz MediaTek MT3339 hat eine hohe Empfindlichkeit von -165 dBm. Die Geräte verfügen über einen microSD-Slot und wurden mit 32 GB- Speicherkarten ausgestattet. Die Aufzeichnungsraten sind variabel zwischen 1Hz, 5Hz und 10Hz einstellbar, das bedeutet 1, 5 oder 10 Positionsdaten pro Sekunde. Die Akkulaufzeit beträgt bis zu 55 Stunden. Das Gehäuse ist zudem robust und wetterfest. Die GPS-Logger wurden auf eine kontinuierliche Aufzeichnungsrate von einem Hertz eingestellt, was für eine genaue Aufzeichnung der Aktivität Wandern ausreichend ist. Vor der Datenerhebung wurden die Geräte im Untersuchungsgebiet einem Feldtest unterzogen. ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ ¥ 3 Methodik 53 | 53 3.3.2 Standardisierte Befragung Die standardisierte Befragung ist eine Methode der empirischen Sozialforschung (Döring & Bortz, 2016, S. 216–239) und wird im Kontext des Besuchermonitorings verwendet, um systematisch Information über die Gästestruktur wie zum Beispiel soziodemographische Merkmale, Motivation und Verhaltensweisen zu erfahren (Kajala, 2007, S. 78ff.). Eine Me- thodenkombination von Befragung und GPS-Logging ist eine Vorgehensweise in Studien naturorientierter Aktivitäten, um besuchertypische Aussagen zum räumlichen Verhalten treffen zu können (vgl. Abdul Khanan et al., 2012; Beeco & Hallo, 2014; Marwijk, 2009; Schamel, 2017; Taczanowska et al., 2014, 2008; Xia, 2007). Im Rahmen dieser Untersuchung wurde die Befragung zweiteilig in Pre und Post angelegt (siehe Tab. 16). Die Pre-Befragung fand face-to-face in Form eines standardisierten und fra- gebogengestützten Interviews zu Beginn der Wandertour an den Erhebungsstandorten statt. Erhoben wurden Informationen zur demographischen Struktur; zur Gruppenzusammen- setzung; zur Wandererfahrung und -fähigkeiten; zur Motivation; zur Tourenplanung und zum Informationsverhalten. Aufgrund von Filterfragen und einigen komplexen Fragestellungen wurde die Vorbefragung persönlich durchgeführt, um Hilfestellung durch die interviewende Person zu ermöglichen. Bei der Post-Befragung wurden Informationen über die wahrgenommene Schwierigkeit der Tour; mögliche Probleme bei der Wegfindung; genutzte Orientierungsmittel und die Zu- friedenheit mit der Beschilderung abgefragt. Der standardisierte Post-Fragebogen wurde sei- tens der Studienteilnehmenden selbstständig am Ende der Wanderung schriftlich ausge- füllt. Tab. 16: Informationen aus der Pre- und Post-Befragung (Quelle: Eigene Darstellung) Pre-Befragung Post-Befragung ¥ Demographische Merkmale ¥ Gruppenzusammensetzung ¥ Wandererfahrung und -fähigkeiten ¥ Tourenplanung und Informationsquellen ¥ Motivation ¥ Schwierigkeiten bei der Tour ¥ Wegfindungsprobleme ¥ Genutzte Orientierungsmittel ¥ Zufriedenheit mit der Beschilderung Fragebogenkonstruktion Bei der Konstruktion der Fragebögen (siehe Anhang 1) wurde überwiegend auf geeignete Items aus vorangegangen Studien zurückgegriffen (Schamel, 2017; Bach et al., 2007; Driver, 1983; Hammitt et al., 2004; Rupf, 2015), wie es von Döring & Bortz empfohlen wird (2016, S. 253). Inhaltlich wurde sich an dem Modell des konzeptionellen Analyserahmens orientiert (siehe Kapitel 2.2.2, Abb. 7). Einige Fragen wurden aktualisiert, dem Untersu- 3 Methodik | 54 54 chungskontext angepasst und um neue Themen ergänzt. Zudem wurden die Fragebögen nach der ersten Datenerhebungsphase (siehe Kapitel 3.4) optimiert. Antwortoptionen wur- den, wenn inhaltlich synonym zusammengefasst oder zur besseren Verständlichkeit in der Formulierung angepasst. Fragen zur Bedeutung bestimmter Tourenaspekte wurden gestri- chen und Items bezüglich der Zufriedenheit mit der Beschilderung mitaufgenommen. Um den Erhebungsaufwand und die Dauer der Befragung zu reduzieren wurden gemäß dem Vorgehen von Schamel (2017, S. 86) nicht alle Gruppenmitglieder interviewet. Vorrangig wurde die Person befragt, die primär verantwortlich für die Tourenplanung war. Die touren- verantwortliche Person berücksichtigt in der Regel bei der Planung die Fähigkeiten aller Gruppenmitglieder, wobei die unerfahrenste Person den meisten Einfluss auf die mögliche Schwierigkeit und Dauer der Tour hat (ebd.). Die unerfahrenste Person wurde mit der Filter- frage 3 ermittelt. Alle Items der Fragebögen wurden von der tourenverantwortlichen Person beantwortet, mit Ausnahme der Fragen 12 bis 16 und 19. Diese zielen auf die Selbstein- schätzung der Wanderfähigkeiten ab und wurden ebenfalls von der unerfahrensten Person in der Gruppe erfragt. Soziodemographische Aspekte werden mit der Frage 1 nach Alter und Geschlecht aller Grup- penmitglieder und mit der Frage 4 zum Hauptwohnsitz erhoben. Frage 1 gibt indirekt Auf- schluss über die Anzahl aller Gruppenmitglieder. Die Bergwandererfahrung und Gebietskenntnis wird mit der Frage 2 nach dem Erfah- rungsgrad, der Frage 5 und 6 nach der Anzahl an Jahren und Wanderungen in den Alpen sowie im Stubaital operationalisiert. Frage 5 und 6 greifen das Konzept der Experience Use History (Hammitt & McDonald, 1983; Schreyer et al., 1984) auf, anhand dessen auf Grund- lage der Erfahrung in einer Aktivität und im Gebiet die Befragten typisiert werden können (vgl. Schamel, 2017, S. 102f.). Informationen zur Tourenplanung werden mit der Frage 7 nach der geplanten Route bzw. dem angestrebten Ziel, mit der Frage 8 zu den Informationsquellen und den Fragen 9 bis 10 nach – den für den Anspruch einer Wanderung wichtigen Parametern (siehe Kapitel 2.1.4) – Dauer, Schwierigkeitsgrad und Höhenmetern ermittelt. Die in Kapitel 2.1.4 erörterten unterschiedlichen Fähigkeiten zum Bergwandern werden an- hand der Fragen 12 bis 15 und Frage 19 mittels Selbsteinschätzung in Form einer fünfstufi- gen Rating-Skala gemessen. Die Tourenplanung basiert in der Regel nicht auf objektiven Messdaten, sondern auf subjektiver Selbsteinschätzung (Schamel, 2017, S. 86). Für die Er- hebung wurde auf das von Schamel weiterentwickelte Messverfahren (ebd.) basierend auf der BergwanderCard des Deutschen Alpenvereins zurückgegriffen, welches sich als valide und reliabel erwiesen hat (Bach et al., 2007, S. 31). Die Kondition wird mit den Fragen 12 bis 15 und die Trittsicherheit mit den Items 12 und 20 gemessen. Die Schwindelfreiheit sowie 3 Methodik 55 | 55 für das Bergwandern wichtige Fähigkeiten wie Sicherungstechniken, Klettererfahrung und Orientierungssinn werden mit dem Fragenkomplex 20 erhoben. Außerdem berücksichtigt die Frage 16 mögliche körperliche Einschränkungen und die Frage 17 wahrgenommene Ein- schränkungen durch Gruppenmitglieder. Die Recreation Experience Preference (REP) Scales von Driver (1983) ist ein etabliertes Instrument zur Messung der Motivation bei naturorientieren Erholungsaktivitäten. Frage 18 umfasst das reduzierte Set aus 14 fünfstufigen Ratingskalen, wie es bei Schamel (2017, S. 87) und weiteren Studien Anwendung gefunden hat (vgl. Marwijk, 2009, S. 244; Rupf, 2015, S. 278). Der Post-Fragebogen ist als Feedback-Instrument konzipiert. Frage 1 dient als Einleitungs- frage und stellt generell fest, ob die Wanderung wie geplant durchgeführt werden konnte. Frage 2 erhebt mögliche Wegfindungsprobleme wie sie in der Literatur zu finden sind (vgl. NHS Estates, 2005, S. 14; Nicholas, 2000; O’Neill, 1991; Southwell & Findlay, 2007, S. 177). Die Angemessenheit der Tourenschwierigkeit – wie z. B. Dauer und technischer An- spruch – werden mit der Frage 3 erhoben. Frage 4 ermittelt die genutzten Orientierungsmit- tel während der Tour. Die Bedeutung der Wegbeschilderung sowie von analogen und digita- len Hilfsmitteln soll so herausgestellt werden. Frage 5 besteht aus 9 fünfstufigen Ra- tingskalen zur detaillierten Bewertung der Wegbeschilderung. Die Items orientieren sich in- haltlich an den in der Literatur zu findenden Qualitätskriterien eines Wegeleitsystems (vgl. Severiens, 2018, S. 17). Fragen 2 bis 5 weisen neben vorformulierten Antworten zudem ein offenes Sonstiges-Feld auf und die Frage 6 bietet Raum für freie Anmerkungen. 3.4 Stichprobenziehung und Ablauf der Erhebung Die Datenerhebung fand zweiphasig im Zeitraum vom 16. bis zum 22.07.2020 und vom 06. bis zum 19.08.2020 statt. Die 1. Phase umfasste sieben Tage und diente neben der Daten- erhebung der Überprüfung der Funktionsfähigkeit des Studiendesigns inklusive der Opti- mierung der Fragebögen. In der 2. Phase, die insgesamt zwei Wochen dauerte, wurde der Umfang der Stichprobe erhöht und ein weiterer Standort hinzugenommen. Aufgrund der Covid-19 Pandemie und den damit einhergehenden Reisebeschränkungen in 2020 sowie weiteren ressourcenbedingten Restriktionen war keine saisonübergreifende Datenerhebung möglich. Im Rahmen der Bedingungen wurde dennoch eine möglichst hete- rogene Stichprobe angestrebt. Die realisierbaren Zeiträume wurden in der Hauptsommersai- son Juli und August gewählt. In diesen Monaten sind in den meisten österreichischen und deutschen Bundesländern Sommerferien. Zudem gilt das Wandern als die favorisierte sport- liche Urlaubsaktivität im Sommer (Tirol Werbung GmbH, 2018, S. 36). Der Erhebungszeitraum umfasste insgesamt drei Wochen und beinhaltete sowohl Werk- tage als auch Wochenendtage bzw. Feiertage (15.08. Maria Himmelfahrt). Die Witterung 3 Methodik | 56 56 kann einen bedeutsamen Einfluss auf das Besuchsverhalten haben (Wöfle et al., 2016, S. 59). Die Verhältnisse wurden während der Befragung notiert und mit dem offiziellen Wet- tergutachten nachträglich abgeglichen (ZAMG, 2020). Unterschiedliche Witterungsverhält- nisse (von sonnig und warm bis eher kühl und sehr regnerisch) sind während des Untersu- chungszeitraums vertreten (siehe Anhang 5, Tab. 37). Die face-to-face Befragung wurde mit Unterstützung einer studentischen Hilfskraft des In- stituts für Outdoor Sport und Umweltforschung der DSHS zwischen 8 und 13 Uhr an den zwei Erhebungsstandorten durchgeführt. Gemäß Studien zum raumzeitlichen Verhalten startet der überwiegende Teil der Wandernden ihre Tour in diesem Zeitraum (IOSUF, 2019, S. 11; Rupf, 2015, S. 137; Schamel, 2017). Nach einer kurzen Ansprache erfolgte die Befragung, die im Schnitt zwischen 8 bis 10 Minuten dauerte. Die Ansprache umfasste Vorstellung, Er- klärung des Ablaufs, Eignung und Einwilligung der Proband*innen. Während der Befragung wurden von seitens der Interviewenden Notizen über Auffälligkeiten aller Art gemacht. Im Anschluss der Befragung wurden der aktivierte GPS-Logger sowie der Post-Fragebogen aus- gegeben. Die Rückgabe erfolgte durch Einwurf in einer am Standort installierten Box (siehe Abb. 11). Abb. 11: Rückgabe-Box am Erhebungsstandort der Talstation Elferbahnen (Quelle: Eigene Darstellung). Gemäß der Empfehlung von Kajala (2007, S. 90) wurde für die Durchführung statistischer Analysen inklusive Untergruppenvergleiche eine Gesamtstichprobe von 300 bis 500 ange- strebt. Die Ansprache der Studienteilnehmenden erfolgte willkürlich. Ausgeschlossen aus der Stichprobe wurden Einheimische des Stubaitals; Personen, die nicht zu Fuß unterwegs waren oder nicht am selben Tag zum Ausgangsort zurückkehrten. Letzteres war aufgrund der begrenzten Anzahl und die notwendige Rückgabe der GPS-Logger am selben Tag be- dingt. Bei Gruppen wurde die Person befragt, die hauptverantwortlich für die Tourenpla- 3 Methodik 57 | 57 nung war. Fühlte sich niemand verantwortlich, wurde willkürlich jemand für die Befragung ausgewählt. Mögliche Gründe für die Teilnahmeverweigerung wurden notiert5. Eine Repräsentativität der Stichprobe ist aufgrund der nicht genau zu definierbaren Grund- gesamtheit (vgl. Schamel, 2017, S. 90) der Wandernden in den Alpen nicht erreichbar. Die erhobenen Daten stellen eine Momentaufnahme von touristischen Wandernden im Sommer im Stubaital während der Covid-19 Pandemie dar. Ziel der Datenanalyse ist weniger eine statistische Repräsentativität der Ergebnisse, sondern das Generieren von neuem Wissen über die Wegfindungssystematik von Wandernden in den Alpen anhand einer möglichst he- terogenen Stichprobe im Rahmen dieser Untersuchung. 5 Personen, die nur eine sehr kurze Tour vorhatten bzw. Anfänger*innen sind, verweigerten einige wenige Male die Teilnahme („Wir sind eigentlich gar keine richtigen Wanderer“, „Wir fahren nur mit der Bahn hoch und wie- der runter“). Darüber hinaus Personen, die aufgrund einer sehr langen Tour oder unbeständiger Wetterlage, es sehr eilig hatten. Weiter gab es zwei Fälle, bei denen aufgrund von Bedenken vor Überwachung durch das GPS- Logging die Teilnahme verweigert wurde. 3 Methodik | 58 58 3.5 Datenauswertung 3.5.1 Aufbereitung und Analyse der GPS-Daten Zur Bestimmung der Streckencharakteristika der gewanderten Routen wurden die GPS-Daten überwiegend in der Geoinformationssystem-Software ArcMap 2.876 aufbereitet und analy- siert. Ergänzt wurden die Daten aus der Zielgebietserhebung durch eine Geodatenbank des Untersuchungsgebiets mit Informationen zu naturräumlichen und infrastrukturellen Merk- malen des Stubaitals (siehe Tab. 17). Die Geodatenbank wurde im Rahmen des Forschungs- projektes „Stubai-Trails“ vom Institut für Outdoor Sport und Umweltforschung der DSHS er- stellt (IOSUF, 2019). Tab. 17: Datenquellen für die Analyse der GPS-Daten (Quelle: Eigene Darstellung) Datenart Datenquelle ¥ GPS-Daten GPX File mit Koordinaten und Zeitpunkt der Routenpunkte ¥ GPS-Logging Eigene Datenerhebung ¥ Wegenetzgeometrie inkl. Wegbreiten, Steigung und Untergründe ¥ Wegpunkte Naturattraktionen (Schauplätze, Gipfel); Gastronomische Einrichtungen (Almen, Hüt- ten); Verkehrsinfrastruktur (Haltestellen, Parkplätze, Bergbahnen) ¥ Wegbeschilderung Fotografische Dokumentation ¥ Institut für Outdoor Sport und Umweltforschung (2019) ¥ Digitales Geländemodell (DGM) Wegsteigung und Höhenlage ¥ Bundesamt für Eich- und Vermessungs- wesen (2017) Aufgrund von Unsicherheiten in der Positionsbestimmung (vgl. Kapitel 3.3.1) erfolgte zu- nächst eine manuelle Bereinigung der importierten GPS-Rohdaten. Ausreißer z. B. nach der Aktivierung der GPS-Logger und während Aufenthalten in Gebäuden wurden entfernt. Au- ßerdem wurden Strecken ausgeschlossen, die mit Verkehrsmitteln zurückgelegt wurden. Da- nach erfolgte ein Abgleich der GPS-Routen mit der Wegenetzgeometrie der Geodatenbank (sog. map matching, Schamel, 2017, S. 93). Angestrebt wurde damit die Lagegleichheit um Verschneidungsoperationen zu ermöglichen. Dabei wurden Abweichungen vom Wegenetz wie beispielsweise Abkürzungen und besuchte Orte wie bspw. Naturattraktionen, gastrono- mische Einrichtungen und Verkehrsinfrastruktur identifiziert. Die so bereinigten GPS-Daten wurden in zwei Routennetzwerke zusammengefasst, die jeweils pro Standort alle erhobenen Wanderungen repräsentieren und die Informationen aus dem Grundwegenetz der Geodatenbank enthalten. Die Routennetzwerke bestehen aus einzelnen Wegsegmenten, die jeweils Attribute zum Untergrund, Steigung und der Wegbreite 3 Methodik 59 | 59 enthalten. Diese wurden weiter um die zwei Attribute Frequentierung und Schwierigkeitsgrad ergänzt. Die Frequentierung wurde pro Wegsegment durch Verschneidung und Addierung der bereinigten GPS-Routen ermittelt. Der zugewiesene Schwierigkeitsgrad entspricht der offizi- ellen Wegemarkierung nach dem Tiroler Bergwegekonzept (siehe Kapitel 2.1.3, Tab. 3). Da- für wurden die dokumentierten Fotos der erfassten Beschilderung der Geodatenbank ge- sichtet und anschließend die entsprechenden Wegeabschnitte der Routennetzwerke attribu- iert. Weiterführend wurden die bereinigten Wandertouren mit den Routennetzwerken über die Intersect-Funktion verschnitten, um die Streckencharakteristika Untergrund, Steigung, Wegbreite und Schwierigkeitsgrad jeweils zu ermitteln. Anschließend wurden diese in dem Kalkulationsprogramm Microsoft Excel über die Pivot-Tabellen-Funktion anteilig für jede Wanderung berechnet. Weitere Parameter des raumzeitlichen Verhaltens wie die gewanderte Distanz, die Dauer der Wanderung, die reine Gehzeit, Anzahl und Dauer an Pausen, die durchschnittliche Gehge- schwindigkeit sowie Startzeit und Endzeit der Wanderung wurden mit Hilfe des GPS- Hilfsprogramms GPS-Track-Analyser ermittelt. In Anlehnung an Schamel (2017, S. 92, 106) wurden für die Bestimmung der gewanderten Distanz, der reinen Gehzeit und die Anzahl und Dauer von Pausen zeitliche Schwellwerte gesetzt. Als Stopp wurde alles identifiziert, was länger als fünf Minuten dauerte, um auch kürzere Regenerationspausen zu berücksichtigen. Strecken, die eine Fortbewegungsgeschwindigkeit von über 8 km/h aufweisen, gelten als schnellere Aktivität wie zum Beispiel Mountainbiking oder Verkehrsmittel. Diese wurden von der Gesamtdistanz ausgeschlossen, um die netto Wander-Distanz zu eruieren. Als Ergebnis der Auswertung der GPS-Daten wurden Datensätze zum raumzeitlichen Verhal- ten inklusive der Streckencharakteristika generiert (siehe Tab. 18). Diese wurden im An- schluss mit den personenbezogenen Informationen aus der Befragung in SPSS für statisti- sche Analysen zusammengeführt. 3 Methodik | 60 60 Tab. 18: Generierte Datensätze der GPS-Routen (Quelle: Eigene Darstellung) Datensatz pro GPS-Route ¥ ID GPS-Route analog zur Befragung mit Datum und Kürzel ¥ Anteil der Schwierigkeitsgrade 0 = nicht kategorisiert; 1 = Wanderwege, 2 = Roter Bergweg; 3 = Schwarzer Bergweg; 4 = Alpine Route/Klettersteig ¥ Höhenmeter im Anstieg und Abstieg ¥ Anteil der Wege nach Steigung 1 = < 10%; 2 = 10-20%; 3 = > 20% ¥ Anteil der Wegbreiten 1 = < 1 m; 2 = 1-2 m; 3 = > 2 m ¥ Anteil der Untergründe (siehe Tab. 36) 0 = nicht kategorisiert; 1 = Asphalt (fest); 2 = wassergebundene Decke (fest); 3 = Schotter/Geröll (lose); 4 = Wurzeln/Fels (hindernisreich); 5 = Wiese/Erde (weich) ¥ Gewanderte Distanz ¥ Gesamtdauer der Wanderung, reine Gehzeit, Anzahl und Dauer an Pausen ¥ Ø-Gehgeschwindigkeit 3.5.2 Statistische Analyse der Befragung und der Wanderrouten Die statistische Auswertung der Befragung und der raumzeitlichen Informationen aus dem GPS-Logging wurden mit dem Statistikprogramm SPSS 27.0 der Firma IBM vollzogen. Je nach Skalenniveau, Verteilungseigenschaft, Stichprobenumfang und Anzahl der zu verglei- chenden Gruppen kamen folgende parametrische bzw. non-parametrische Tests zum Ein- satz: t-Test zur Feststellung von Unterschieden zwischen zwei verbundenen Gruppen; Chi- Quadrat-Test zur Prüfung von Unterschieden und Zusammenhängen bei kategorialen Variab- len; Kruskal-Wallis-Test für die Prüfung auf Unterschieden zwischen mehreren Gruppen sowie Korrelationstest nach Pearson bzw. Spearman für Zusammenhangsanalysen. Zur Überprüfung der Voraussetzungen der jeweiligen Analysemethoden wurde zur Bestim- mung der Normalverteilung der Kolmogorov-Smirnov-Test und zur Feststellung auf Varianz- homogenität der Levene-Test angewendet. Zur Identifikation der Unterschiede bei multiplen Gruppenvergleichen kam das Post-hoc-Verfahren Dunn-Bonferroni zum Einsatz. 3 Methodik 61 | 61 Gemäß Bühl (2016, S. 177) werden folgende Grenzen für die Irrtumswahrscheinlichkeit (p) festgelegt: Tab. 19: Grenzwerte der Irrtumswahrscheinlichkeit p (Quelle: In Anlehnung an Bühl, 2016, S. 177) Irrtumswahrscheinlichkeit (p) Bedeutung Kennzeichnung p > .05 nicht signifikant p ≤ .05 signifikant * p ≤ .01 hoch signifikant ** p ≤ .001 höchst signifikant *** Zur Beurteilung der Effektstärken bei Zusammenhangsanalysen gelten folgende Werte des Korrelationskoeffizienten (r) von Pearson in Anlehnung an Cohen (Cohen, 1992): Tab. 20: Interpretation des Korrelationskoeffizienten r (Quelle: In Anlehnung an Cohen, 1992) Korrelationskoeffizient (r) Bedeutung r = .10 schwacher Effekt r = .30 mittlerer Effekt r = .50 starker Effekt Zur Analyse von Kreuztabellen wird zur Berechnung der Stärke des Zusammenhangs im Rahmen des Chi-Quadrat-Tests Cramers V verwendet: Tab. 21: Interpretation von Cramers V (Quelle: in Anlehnung an Cohen, 1988) Cramers V Bedeutung V = .10 schwacher Effekt V = .30 mittlerer Effekt V = .50 starker Effekt Zur Interpretation der Effektstärken von Cohen’s d (1988) bei Vergleichen zwischen gebun- denen Stichproben dient folgende Einteilung: Tab. 22: Interpretation der Effektstärke d (Quelle: In Anlehnung an Cohen, 1988) Cohen’s d Bedeutung d = 0.20 schwacher Effekt d = 0.50 mittlerer Effekt d = 0.80 starker Effekt 3 Methodik | 62 62 Die deskriptive Beschreibung der Stichprobe erfolgte je nach Skalenniveau und Betrach- tungskontext unter Angabe der absoluten bzw. relativen Häufigkeiten und der Kennwerte Mittelwert (M), Median (Mdn), Standardabweichung (SD), Modalwert und Spannweite (Min/Max). Die Variable Alter wurde in Altersklassen gruppiert um Unterschiede und Zusammen- hänge zu analysieren. Die Einteilung erfolgte in zehn Jahresabständen ab einem Alter von 20 Jahren und bis zu einem Alter von 80 Jahren. Abgegrenzt wurden Kinder bis zu einem Alter von 14 Jahren und Jugendliche bis einschließlich 19 Jahren (vgl. Schamel, 2017, S. 102). Die Typisierung der Befragten anhand der Bergwandererfahrung und Gebietskenntnis nach dem Konzept der Experience Use History (Hammitt & McDonald, 1983; Schreyer et al., 1984) erfolgte entsprechend dem Vorgehen von Schamel (2017, S. 102f.)(siehe Abb. 12). Abb. 12: Typisierung der Studienteilnehmenden anhand der Wandererfahrung (Quelle: In Anlehnung an Hammit & McDonald, 1983; Schreyer et al., 1984; vgl. Schamel, 2017, S. 103). Die Ratingskalen zur Selbsteinschätzung der Bergwanderfähigkeiten können laut Döring & Bortz (2016, S. 175–186) als intervallskaliert interpretiert werden. Die Konstrukte Konditi- on und Trittsicherheit wurden über mehrere Skalenitems abgefragt und per additiven Index ausgewertet. Um die interne Konsistenz zu bestimmen, wurde zudem die Reliabilität mit- tels Cronbachs Alpha berechnet. α α α α α 3 Methodik 63 | 63 Nach Streiner (2003) gelten für die Interpretation folgende Grenzwerte: Tab. 23: Interpretation des Cronbachs Alpha (Quelle: In Anlehnung an Streiner, 2003) Cronbachs Alpha (α) Bedeutung α > .60 akzeptabel α > .70 gut α > .80 sehr gut α > .90 möglicherweise redundant In Kapitel 2.1.4 wurden Anforderungen an die unterschiedlichen Bergwanderfähigkeiten entsprechend der Schwierigkeitsbeurteilung der Wege abgeleitet und spezifiziert. Auf Grundlage dessen wurde weiterführend aus den Werten der Selbsteinschätzung die theore- tisch maximal begehbare Wegschwierigkeit der Probandinnen und Probanden berechnet um einen Vergleich mit den Daten des GPS-Logging zu ermöglichen. Zur Auswertung der REP Scales zur Messung der Motivation wurde eine Hauptkomponen- tenanalyse mit Varimax-Rotation durchgeführt (vgl. Marwijk, 2009, S. 107; Rupf, 2015, S. 108; Schamel, 2017, S. 103). Die Stichprobeneignung wurde mittels des Kaiser-Meyer-Olkin Kriteriums und dem Bartlett-Test auf Sphärizität überprüft. Nach dem Kaiser-Guttman- Kriterium wurden nur Faktoren mit Eigenwerten ≥ 1 extrahiert (Guttman, 1954; Kaiser, 1960). 3 Methodik | 64 64 4 Ergebnisse Nachfolgend erfolgt eine Darstellung der Ergebnisse der empirischen Untersuchung struktu- riert entlang der eingangs aufgestellten Forschungsfragen. Zunächst werden die Wandern- den bezüglich ihrer soziodemographischen Merkmale, Motivation, Wandererfahrung, Fähig- keiten und Tourenplanung charakterisiert. Anschließend wird die räumliche Nutzung der Erhebungsstandorte veranschaulicht und die Strecken- sowie Bewegungsparameter der Wanderungen beschrieben. Abschließend werden die Wanderfähigkeiten und die Tourenpla- nung mit der durchgeführten Wanderung verglichen und festgestellte Diskrepanzen analy- siert. 4.1 Charakterisierung der Bergwandernden 4.1.1 Stichprobengröße Die Stichprobengröße umfasst 366 durchgeführte Befragungen (n = 366). Es wurden sowohl Einzelpersonen als auch Gruppen befragt, sodass insgesamt von 1076 Wandernden die sozi- odemographischen Merkmale und das Bewegungsverhalten erfasst wurden (n = 1076). Bei den im Folgenden dargestellten Untersuchungsvariablen variieren die jeweiligen Stichprobengrößen aus unterschiedlichen Gründen. Wie in Kapitel 3 dargelegt, wurden alle Fragen von der tourenverantwortlichen Person in der Wandergruppe beantwortet (n = 366). Soziodemographische Merkmale wurden von allen Gruppenmitgliedern erhoben (n = 1076). Angaben bezüglich der Wanderfähigkeiten wurden zusätzlich von der unerfahrensten Person erhoben, weswegen die Stichprobenzahl entsprechend größer ausfällt (n = 710). Des Weite- ren wurde der Fragebogen nach der 1. Phase der Datenerhebung optimiert. Bestimmte Items wurden gestrichen und neue sind hinzugekommen (siehe Kapitel 3.3.2 Fragebogen- konstruktion). Außerdem fehlten sechs Post-Fragebögen und einige waren nicht vollständig beantwortet. Dies bedingt sich durch das selbstständige Ausfüllen der Studienteilnehmen- den. 4.1.2 Soziodemographie Alter und Geschlecht Das durchschnittliche Alter der gesamten Stichprobe lag bei 37 Jahren (n = 1076), wobei die älteste Person 82 Jahre alt war. Berücksichtigt man nur Personen, die älter als 14 Jahre alt sind, beträgt das Durchschnittsalter 41 Jahre. Mit einem Anteil von 15 Prozent (n = 160) sind Kinder unter 15 Jahren in der Stichprobe vertreten (siehe Abb. 13). Die Al- tersklassen zwischen 20 und 59 Jahren sind anteilmäßig annährend gleich vorhanden, wo- bei die 50 bis 59-Jährigen mit 19 Prozent (n = 206) gesamt gesehen am häufigsten vor- kommen. Diejenigen, die 60 Jahre oder älter sind, sind mit 12 Prozent (n = 122) deutlich geringer vertreten. Es gab nur drei Personen die 80 Jahre oder älter waren. 15% 6% 17% 15% 17% 19% 9% 3% 0,3% ≤ 14 15-19 20-29 30-39 40-49 50-59 60-69 70-79 ≥ 80 Pr oz en t d er B ef ra gt en Alter in Jahren 6% 45% 19% 20% 10% eine Person (n = 22) zwei Personen (n = 163) drei Personen (n = 70) vier Personen (n = 75) fünf und mehr Personen (n = 36) 4 Ergebnisse 65 | 65 Abb. 13: Prozentuale Altersverteilung (n = 1076). Das Geschlechterverhältnis ist mit einem Anteil von 48 Prozent Frauen und 52 Prozent Männern (n = 1076) annährend ausgeglichen. Betrachtet man nur das Geschlecht der tou- renverantwortlichen Person, verschiebt sich das Verhältnis leicht zum männlichen Prozent- satz von 56 Prozent (n = 366). Gruppenzusammensetzung Die durchschnittliche Gruppengröße besteht aus 2,9 Personen. Die Mehrheit wandert zu zweit (siehe Abb. 14). Dreier- und Vierergruppen waren jeweils mit circa 20 Prozent vertre- ten. Insgesamt gab es 22 Einzelwandernde, die 6 Prozent der Stichprobe ausmachen. Abb. 14: Prozentuale Anteile der Gruppengrößen (n = 366). Von den 344 Gruppen waren 74 mit Kindern unterwegs (siehe Abb. 15). Über die Hälfte der Gruppen (54%) weisen eine Altersdifferenz von bis zu 10 Jahren auf. 40 Prozent der Stich- probe sind generationsübergreifend; also Gruppen mit Kindern und jene, die eine Alters- spanne von über 20 Jahren (18%) aufweisen. Demnach wandern 60 Prozent der Gruppen innerhalb einer Generation. 15% 6% 17% 15% 17% 19% 9% 3% 0,3% ≤ 14 15-19 20-29 30-39 40-49 50-59 60-69 70-79 ≥ 80 Pr oz en t d er B ef ra gt en Alter in Jahren 6% 45% 19% 20% 10% eine Person (n = 22) zwei Personen (n = 163) drei Personen (n = 70) vier Personen (n = 75) fünf und mehr Personen (n = 36) 4 Ergebnisse | 66 66 Abb. 15: Prozentualer Anteil der Altersspannen in den Wandergruppen (n = 344). Die Mehrheit der Gruppen ist mit 85 Prozent gemischten Geschlechts (siehe Abb. 16). Reine Frauengruppen kommen mit 6 Prozent und reine Männergruppen mit 9 Prozent vor. Abb. 16: Geschlechterverhältnis in den Wandergruppen (n = 344). Herkunft Der Großteil der befragten Wandernden (n = 366) kam aus Deutschland (62%), gefolgt von Österreich (24%), den Niederlanden (7%), Belgien (4%) und sonstiges Ausland6 (4%). Unter den Wandernden aus Deutschland ist Nordrhein-Westfalen mit 18 Prozent als stärkstes Bundesland vertreten (siehe Abb. 17). Danach kommen die südlich gelegenen Bundesländer Baden-Württemberg (16%) und Bayern (15%). Aus Österreich ist Tirol mit 78 Prozent das häufigste Bundesland (siehe Abb. 18). Da- nach folgt Niederösterreich mit 12 Prozent. 6 Sonstiges Ausland: Frankreich (n = 5), Schweiz (n = 2), Ungarn (n = 1), Spanien (n = 1), Luxemburg (n = 1), Italien (n = 1), Dänemark (n = 1) und Vereinigte Arabische Emirate (n = 1) 22% 46% 7% 7% 4% 14% Gruppen mit Kindern (n = 74) bis 5 Jahre (n = 158) zwischen 6 und 10 Jahre (n = 24) zwischen 11 und 20 Jahre (n = 24) zwischen 21 und 30 Jahre (n = 15) mehr als 30 Jahre (n = 49) 6% 9% 85% weiblich (n = 19) männlich (n = 31) gemischt (n = 294) 4 Ergebnisse 67 | 67 Abb. 17: Herkunft aus den Bundesländern Deutschlands (n = 224). Abb. 18: Herkunft aus den Bundesländern Österreichs (n = 86). 17,9 % 16,1 % 7,6 % 5,8 % 5,8 % 0 % 15,2 % 10,3 % 5,4 % 2,2 % 1,8 % 0,9 % 0,4 % 4,0 % 3,6 % 3,1 % Nordrhein-Westfalen (n = 40) Baden-Württemberg (n = 36) Bayern (n = 34) Sachsen (n = 23) Hessen (n = 17) Thüringen (n = 13) Rheinland-Pfalz (n = 13) Niedersachsen (n = 12) Brandenburg (n = 9) Sachsen-Anhalt (n = 8) Berlin (n = 7) Hamburg (n = 5) Schleswig-Holstein (n = 4) Mecklenburg-Vorpommern (n = 2) Bremen (n = 1) Saarland (n = 0) 4 Ergebnisse | 68 68 4.1.3 Motivation Die Motivation zur Wanderung im Stubaital wurde mittels 14 fünfstufiger Ratingskalen ab- gefragt (siehe Abb. 19). Der Wert 1 entspricht der vollen Ablehnung („trifft gar nicht zu“) und der Wert 5 der vollständigen Zustimmung („trifft vollständig zu“). Abb. 19: Bewertung der einzelnen Motive für die Wanderung im Stubaital (von 1 = „trifft gar nicht zu“ bis 5 = „trifft vollständig zu“). Mittelwerte, n = 366. Fehlerbalken repräsentieren die Standardabweichung. Zur Dimensionsreduktion der einzelnen Items zu Motivfaktoren wurde eine Hauptkomponen- tenanalyse mit Varimax-Rotation durchgeführt. Die Stichprobeneignung wurde mittels des Kaiser-Meyer-Olkin Kriteriums (.70) und dem Bartlett-Test auf Sphärizität (p < .001) über- prüft. Nach dem Kaiser-Guttman-Kriterium wurden fünf Faktoren mit Eigenwerten über 1 ex- trahiert, die eine Gesamtvarianz von 60 Prozent aufklären (siehe Anhang, Tab. 34). Das Motiv „etwas mit Familie/Freund*innen unternehmen“ wurde aus inhaltlich plausiblen Grün- den als separater Faktor aufgenommen. Damit liegen insgesamt sechs Motiv-Faktoren vor. Diese sind geordnet nach Bedeut- samkeit in absteigender Reihenfolge (siehe Abb. 20): Natur erleben (M = 4.9, SD = 0.4), Ge- selligkeit (M = 4.4, SD = 1.0), Erholung und Alltagsflucht (M = 4.2, SD = 0.9), Fitness und Sport (M = 3.6, SD = 0.9), Lernen und Wissen (M = 2.6, SD = 1.0) und Alleinsein (M = 2.0, SD = 1.0). trifft vollständig zu trifft eher zu trifft mäßig zu trifft weniger zu trifft weniger zutrifft gar nicht zu 1,5 1,8 2,2 2,6 2,6 2,9 3,4 3,7 4,0 4,2 4,2 4,4 4,8 4,8 1 2 3 4 5 um allein zu sein Neue Menschen kennen lernen Wissen/Fähigkeiten weitergeben Fähigkeiten/Ausdauer testen und trainieren über mich selbst nachdenken etwas über die Kultur der Region lernen Etwas über die Natur lernen etwas Aufregendes erleben dem Alltag entfliehen mich mental erholen mich körperlich fit halten etwas mit Familie/FreundInnen unternehmen Landschaft betrachten in der Natur sein sie erleben 4,9 4,4 4,2 3,6 2,6 2,0 1 2 3 4 5 Natur erleben Geselligkeit Erholung und Alltagsflucht Fitness und Sport Lernen und Wissen Alleinsein Gr ad d er Z us tim m un g 1 = trifft gar nicht zu 2 = trifft weniger zu 3 = trifft mäßig zu 4 = trifft eher zu 5 = trifft vollständig zu 4 Ergebnisse 69 | 69 Abb. 20: Mittelwerte der Motivfaktoren (basierend auf der Bewertung von 1 = „trifft gar nicht zu“ bis 5 = „trifft vollständig zu“). Extraktionsmethode: Hauptkomponentenanalyse. Rotationsmethode: Varimax mit Kaiser-Normalisierung. n = 366. Fehlerbalken repräsentieren die Standardabweichung. 4.1.4 Wandererfahrung und -fähigkeiten Bergwandererfahrung und Gebietskenntnis Nach dem Konzept der Experience Use History nach Hammitt und McDonald (1983) sowie Schreyer et al. (1984)(vgl. Schamel, 2017, S. 102f.) können die Befragten indirekt anhand der Anzahl der Jahre und Wanderungen in den Alpen sowie im Stubaital in die Erfahrungs- typen Anfänger*innen, Lokale Wandernde und Wanderexpert*innen mit und ohne Ortskennt- nis eingeteilt werden (siehe Abb. 21). Die Verteilung der vier Typen gestaltet sich als un- ausgewogen. Jeweils rund ein Drittel können als Anfänger*innen (32%) und Wanderex- pert*innen mit Ortskenntnis (36%) zugeordnet werden. Das übrige Drittel setzt sich aus et- wa gleichen Anteilen aus Lokalen Wandernden (18%) und Wanderexpert*innen ohne Orts- kenntnis (15%) zusammen. 4,9 4,4 4,2 3,6 2,6 2,0 1 2 3 4 5 Natur erleben Geselligkeit Erholung und Alltagsflucht Fitness und Sport Lernen und Wissen Alleinsein Gr ad d er Z us tim m un g 1 = trifft gar nicht zu 2 = trifft weniger zu 3 = trifft mäßig zu 4 = trifft eher zu 5 = trifft vollständig zu 4 Ergebnisse | 70 70 Abb. 21: Typisierung nach Wandererfahrung, n = 365. Anfänger*innen sind in ihrem Leben maximal 25 Mal in den Alpen wandern gewesen (siehe Tab. 24). Im Stubaital wandern sie zum aller ersten Mal. Lokale Wandernde sind bereits 19 Mal im Stubaital gewandert und haben mit rund 63 Wanderungen mehr Erfahrung in den Alpen als die Anfänger*innen. Wanderexpert*innen zeichnen sich vor allem durch die hohe Anzahl an Wanderungen und Erfahrungsjahren in den Alpen aus. Wanderexpert*innen ohne Ortskenntnis sind zum ersten Mal im Stubaital, während diejenigen mit Ortskenntnis schon seit 10 Jahren im Stubaital wandern und mehr als 180 Wanderungen dort absolviert haben. Tab. 24: Anzahl an Jahren und Wanderungen der Erfahrungstypen (n = 365, eigene Berechnungen) Jahre mit Wanderun- gen in den Alpen Wander- tage in den letzten 3 Jahren in den Alpen Wanderun- gen in den Alpen total Jahre mit Wanderun- gen im Stubaital Wander- tage in den letzten 3 Jahren im Stubaital Wanderun- gen im Stubaital total Anfänger*innen (n = 117) 7.0 10.0 25.0 1.0 1.0 0.3 Lokale Wandernde (n = 64) 10.0 15.0 62.5 5.0 10.0 19.3 Wanderexpert*innen ohne Ortskenntnis (n = 53) 30.0 30.0 333.3 1.0 1.0 0.0 Wanderexpert*innen mit Ortskenntnis (n = 131) 30.0 45.0 400.0 10.0 15.0 180.0 χ α α 4 Ergebnisse 71 | 71 Rund ein Viertel (25%) der Befragten sind Mitglied in einem Wanderverein (n = 1076). Da- von sind mit einer Mehrheit von 73% Wanderexpert*innen (siehe Tab. 25). Zudem konnte ein hoch signifikanter Zusammenhang zwischen der Mitgliedschaft im Wanderverein und den Erfahrungstypen festgestellt werden. Tab. 25: Mitgliedschaft im Wanderverein und Erfahrungstypen Anfänger- *innen (n = 117) Lokale Wandernde (n = 64) Wanderex- pert*innen ohne Orts- kenntnis (n = 53) Wanderex- pert*innen mit Ortskenntnis (n = 131) Test Zeilenprozente §χ²(3) = 35.14***; Cramers V = .31 Mitgliedschaft im Wanderverein Ja 15% 12% 20% 53% Nein 40% 20% 12% 28% Anmerkung. n = 365. §Qui-Quadrat-Test. ***p < .001 Wanderfähigkeiten Kondition, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind grundlegende Fähigkeiten zum Wandern (siehe Kapitel 2.1.4). Die Konstrukte Kondition und Trittsicherheit wurden über mehrere Skalenitems abgefragt und per additiven Index ausgewertet. In Vorbereitung dafür fand bei einigen Variablen zum Zwecke der Einheitlichkeit eine Invertierung der Skala statt. Um die interne Konsistenz zu bestimmen, wurde zudem die Reliabilität mittels Cron- bachs Alpha berechnet. Der Wert für die Subskala Kondition ist mit .82 sehr gut und für die Subskala Trittsicherheit mit .62 akzeptabel (siehe Tab. 26). Tab. 26: Reliabilität der Subskalen Kondition und Trittsicherheit Kondition M SD n α Einschätzung Kondition 3.8 0.9 628 .82 Dauer Aufstieg 3.1 1.2 Länge Bergtour 3.4 1.0 Höhenmeter in 3 Stunden 3.0 0.9 Trittsicherheit M SD n α Einschätzung Trittsicherheit 4.1 0.8 709 .62 Weg auf Bild begehbar 3.9 0.8 Anmerkung. Mittelwerte basieren auf der Selbsteinschätzung anhand einer fünfstufigen Skala von 1 = schlechteste Einschätzung („gar nicht“) bis 5 = beste Einschätzung („sehr gut“) Die Skala zur Selbsteinschätzung ist fünfstufig. Der Wert 1 bedeutet, dass die Fähigkeiten „gar nicht“ vorhanden sind und der Wert 5, dass diese „sehr gut“ ausgeprägt sind. Für Kon- dition (n = 710) ergab sich ein durchschnittlicher Wert von 3.3 (SD = 0.8). Für Trittsicher- heit (n = 710) beträgt der mittlere Wert 4.0 (SD = 0.7) und bei Schwindelfreit (n = 704) ist 4 Ergebnisse | 72 72 der Mittelwert 4.0 (SD = 1.0). Im Mittel schätzen sich somit alle Befragten bezüglich der grundlegenden Fähigkeiten durchschnittlich bis gut ein (siehe Abb. 22). Abb. 22: Mittelwerte in der Selbsteinschätzung von Kondition, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit (von 1 = „gar nicht“ bis 5 = „sehr gut“) für alle Befragten (n = 710) sowie Unterschied mittels t-Test zwi- schen tourenverantwortliche Personen und unerfahrenste Personen (n = 344) in der Wandergruppe. ***p < .001. Fehlerbalken repräsentieren die Standardabweichung. Bei Gruppen wurde die Selbsteinschätzung der Wanderfähigkeiten von zwei Mitgliedern be- fragt, nämlich der tourenverantwortlichen Person und der unerfahrensten Person. Man kann also die Werte diesbezüglich noch unterscheiden (siehe Abb. 22). Die tourenverantwortli- chen Personen (M = 3.4, SD = 0.8, n = 344) schätzen sich gegenüber den unerfahrensten Gruppenmitgliedern (M = 3.2, SD = 0.8, n = 344) bezüglich der Kondition durchschnittlich 0.20 Punkte besser ein, 95% CI [0.13, 0.27]. Der t-Test für verbundene Stichproben ergab einen höchst signifikanten Unterschied, t(343) = 3.79, p < .001, wobei die Effektstärke schwach einzuordnen ist, d = 0.29. Ähnlich verhält es sich bei der Trittsicherheit. Die tou- renverantwortlichen Personen (M = 4.1, SD = 0.7, n = 344) ordnen sich im Vergleich zu den unerfahrensten Begleitpersonen (M = 3.9, SD = 0.7, n = 344) im Mittel 0.25 Punkte höher in der Skala ein, 95% CI [0.17, 0.32]. 3,3 4,0 4,0 3,4 4,1 4,0 3,2 3,9 4,0 1 2 3 4 5 Kondition Trittsicherheit Schwindelfreiheit Gr ad d er S el bs te in sc hä tz un g 1 = gar nicht 2 = wenig 3 = durchschnitt 4 = gut 5 = sehr gut alle (n = 710) tourenverantwortliche Person (n =344) unerfahrenste Person (n = 344) *** *** 0% 20% 40% 60% 80% 100% Kondition Trittsicherheit Schwindelfreiheit Pr oz en t d er W an de rg ru pp e Differenz sehr starke (3.5-4) starke (2.5-3,4) mäßige (1.5-2.4) leichte (0.5-1.4) keine (0-0.4) 4 Ergebnisse 73 | 73 Der Unterschied ist höchst signifikant, t(343) = 6.78, p < .001, mit einer schwachen Ef- fektstärke, d = 0.37. Im Gegensatz dazu lässt sich bei der Schwindelfreiheit kein signifikan- ter Unterschied erkennen, t(340) = 0.00, p = 1.00. Der Mittelwert der verantwortlichen Per- sonen (M = 4.0, SD = 1.1, n = 341) liegt auf dem gleichen Niveau wie bei den Begleitperso- nen (M = 4.0, SD = 1.0, n = 341). Innerhalb der Gruppe finden sich bezüglich der Einschätzung der Fähigkeiten überwiegend keine bis leichte Differenzen (siehe Abb. 23). Bei Kondition (SD = 0.8, n = 344) sind dies 92 Prozent, bei Trittsicherheit (SD = 0.9, n = 344) 91 Prozent und bei Schwindelfreiheit (SD = 1.2, n = 341) 82 Prozent. 37 Prozent der tourenverantwortlichen Personen (n = 363) ga- ben außerdem an, aus Rücksicht auf ihre Begleitung eine leichtere bzw. kürzere Tour ge- wählt zu haben. Abb. 23: Prozentuale Verteilung der Differenzen innerhalb der Gruppe (n = 344) bezüglich Kondition, Trittsicher- heit und Schwindelfreiheit. Basierend auf der Selbsteinschätzung auf einer Skala von 1 = schlechteste Einschätzung („gar nicht“) bis 5 = beste Einschätzung („sehr gut“). Rund 15 Prozent der Befragten (n = 710) geben zudem an, unter körperlichen Beschwerden zu leiden, die sie beim Wandern einschränken. Unter den tourenverantwortlichen Personen waren dies 19 Prozent (n = 366) und unter den unerfahrensten Gruppenmitgliedern 12 Pro- zent (n = 344). Mit Abstand am häufigsten genannt wurden Probleme mit dem Knie. 8 Pro- zent aller Befragten leiden darunter (siehe Abb. 24). 0% 20% 40% 60% 80% 100% Kondition Trittsicherheit Schwindelfreiheit Pr oz en t d er W an de rg ru pp e Differenz sehr starke (3.5-4) starke (2.5-3,4) mäßige (1.5-2.4) leichte (0.5-1.4) keine (0-0.4) 4 Ergebnisse | 74 74 Abb. 24: Art der körperlichen Beeinträchtigung und prozentuale Verteilung unter den Befragten, n = 710. Weitere spezifisch für das Bergwandern wichtige Anforderungen sind Sicherungstechniken, Klettererfahrung, passende Ausrüstung und Orientierungssinn (siehe Kapitel 2.1.4). Bei Sicherungstechniken schätzen sich die Befragten (n = 702) im Mittel mit 2.7 (SD = 1.4) ein (siehe Abb. 25). Für Klettererfahrung (n = 708) ergab sich ein durchschnittlicher Wert von 2.4 (SD = 1.4). In diesen beiden Punkten fällt die Einschätzung in der Skala also unter- durchschnittlich aus. Die im Vergleich niedrigeren höheren Standardabweichungen (SD) weisen auf eine Unsicherheit bei der Beantwortung der Frage hin. Ausrüstung zum Berg- wandern (n = 710) und Orientierungssinn (n = 710) erhalten einen durchschnittlichen Wert von 3.9 (SD = 0.9) bzw. 3.8 (SD = 1.0). Bei diesen beiden Punkten schätzen sich die Be- fragten ähnlich wie bei den grundlegenden Fähigkeiten durchschnittlich bis gut ein. Abb. 25: Mittelwerte in der Selbsteinschätzung von Sicherungstechniken, Klettererfahrung, Ausrüstung und Ori- entierungssinn (von 1 = „gar nicht“ bis 5 = „sehr gut“) für alle Befragten (n = 710) sowie Unterschied mittels t-Test zwischen tourenverantwortliche Personen und unerfahrenste Personen (n = 344) in der Wandergruppe. ***p < .001. Fehlerbalken repräsentieren die Standardabweichung. 8% 1,3% 1% 0,8% 0,7% 0,1% 3% Kniebeschwerden (n = 57) Fußbeschwerden (n = 9) Hüftbeschwerden (n = 7) Rückenbeschwerden (n = 6) Atemwege (n = 5) Herz-Kreislauf-Beschwerden (n = 1) Sonstiges/nicht spezifiziert (n = 21) 2,7 2,4 3,9 3,8 2,9 2,7 3,9 4,0 2,5 2,2 3,8 3,5 1 2 3 4 5 Sicherungstechniken Klettererfahrung Ausrüstung zum Bergwandern Orientierungssinn Gr ad d er S el bs te in sc hä tz un g 1 = gar nicht 2 = wenig 3 = durchschnitt 4 = gut 5 = sehr gut alle (n = 710) tourenverantwortliche Person (n = 344) unerfahrenste Person (n = 344) 4 Ergebnisse 75 | 75 Im Vergleich lassen sich bezüglich der genannten weiteren Anforderungen zum Bergwan- dern signifikante Unterschiede zwischen den tourenverantwortlichen Personen und den uner- fahrensten Gruppenmitgliedern feststellen (siehe Abb. 25). Hinsichtlich Sicherungstechniken schätzen sich die tourenverantwortlichen Personen (M = 2.9, SD = 1.4, n = 340) durch- schnittlich um 0.41 Punkte besser ein, 95% CI [0.27, 0,54] als die unerfahrensten Begleit- personen (M = 2.5, SD = 1.3, n = 340). Der Unterschied ist höchst signifikant, t(339) = 6.45, p < .001, mit einer schwachen Effektstärke, d = 0.35. Auch bei Klettererfahrung ist ein Unterschied erkennbar. Die verantwortlichen Personen (M = 2.7, SD = 1.4, n = 343) be- werten sich durchschnittlich 0.34 Punkte, 95% CI [0.30, 0.56], höher als die Begleitperso- nen (M = 2.2, SD = 1.3, n = 343). Der Unterschied ist höchst signifikant, t(342) = 6.41, p < .001, mit einem schwachen Effekt, d = 0.35. Bezüglich der Ausrüstung zum Bergwandern fällt der Unterschied ebenfalls höchst signifikant aus, t(343) = 5.17, p < .001, mit einer schwachen Effektstärke, d = 0.28. Der mittlere Unterschied der tourenverantwortlichen Per- sonen (M = 3.9, SD = 0.9, n = 344) beträgt 0.16 Punkte im Vergleich zu den Begleitpersonen (M = 3.8, SD = 1.0, n = 344). Auch beim Orientierungssinn ist ein höchst signifikanter Un- terschied, t(343) = 7.67, p < .001, mit einer schwachen Effektstärke, d = 0.41, feststellbar. Die tourenverantwortlichen Personen (M = 4.0, SD = 0.9, n = 344) bewerten sich durch- schnittlich 0.53 Punkte, 95% CI [0.40, 0.67], höher als die unerfahrensten Gruppenmitglie- der (M = 3.5, SD = 1.1, n = 344). Im Überblick lässt sich konstatieren, dass sich die tourenverantwortlichen Personen am stärksten hinsichtlich der Trittsicherheit (M = 4.1, SD = 0.7) und am schwächsten in punkto Klettererfahrung (M = 2.7, SD = 1.4) einschätzen. Die unerfahrensten Gruppenmitglieder be- werten sich am stärksten bezüglich der Schwindelfreiheit (M = 4.0, SD = 1.0) und ebenfalls am schwächsten hinsichtlich der Klettererfahrung (M = 2.2, SD = 1.3). 4 Ergebnisse | 76 76 Gruppenintern sind die sekundären Fähigkeiten recht homogen ausgeprägt (siehe Abb. 26). Bezüglich der Ausrüstung sind bei 96 Prozent keine bis leichte Unterschiede vorhanden, ge- folgt von Sicherungstechniken mit 82 Prozent, Klettererfahrung mit 80 Prozent und Orientie- rungssinn mit 74 Prozent. Abb. 26: Prozentuale Verteilung der Differenzen innerhalb der Gruppe (n = 344) bezüglich Sicherungstechniken, Klettererfahrung, Ausrüstung und Orientierungssinn. Basierend auf der Selbsteinschätzung auf einer Ska- la von 1 = schlechteste Einschätzung („gar nicht“) bis 5 = beste Einschätzung („sehr gut“). Alle Wanderfähigkeiten korrelieren höchst signifikant positiv miteinander (p < .001) unter- scheiden sich aber bezüglich der Effektstärke des Korrelationskoeffizienten (siehe Tab. 27). Eine starke Effektstärke konnte zwischen Kondition und Trittsicherheit (r = .64), Ausrüstung und Sicherungstechniken (r = .54), Ausrüstung und Trittsicherheit (r = .50) sowie Trittsicher- heit und Sicherungstechniken (r = .51) festgestellt werden. Die Zusammenhänge von Schwindelfreiheit mit Ausrüstung (r = .26), mit Sicherungstechniken (r = .25), Orientierungs- sinn (r = .19) und Klettererfahrung (r = .20) sind schwach ausgeprägt. Tab. 27: Zusammenhänge zwischen den Wanderfähigkeiten Kondition Trittsicher- heit Schwindel- freiheit Ausrüstung Sicherungs- techniken Orientie- rungssinn Klettererfah- rung Kondition 1 .64*** .31*** .46*** .46*** .37*** .32*** Trittsicher- heit .64*** 1 .45*** .49*** .50*** .39*** .40*** Schwindel- freiheit .31*** .45*** 1 .26*** .25*** .19*** .20*** Ausrüstung .46*** .49*** .26*** 1 .54*** .30*** .29*** Sicherungs- techniken .46*** .50*** .25*** .54*** 1 .35*** .44*** Orientie- rungssinn .37*** .40*** .19*** .30*** .35*** 1 .36*** Klettererfah- rung .32*** .40*** .20*** .29*** .44*** .36*** 1 Anmerkung. n = 687-710. Bivariate Korrelation nach Pearson. Korrelationskoeffizient r. zweiseitige Signifikanz * p ≤ .05; ** p ≤ .01; *** p ≤ .001. 0% 20% 40% 60% 80% 100% Sicherungstechniken Klettererfahrung Ausrüstung zum Bergwandern Orientierungssinn Pr oz en t d er W an de rg ru pp e Differenz sehr starke (3.5-4) starke (2.5-3.4) mäßige (1.5-2.4) leichte (0.5-1.4) keine (0-0.4) 9% 56% 34% 1% Gelber Wanderweg Roter Bergweg Schwarzer Bergweg Alpine Route Pr oz en t d er B ef ra gt en 4 Ergebnisse 77 | 77 Theoretisch maximal begehbare Wegschwierigkeit gemäß der Selbsteinschätzung Entsprechend der Schwierigkeitsbeurteilung der Wege wurde in Kapitel 2.1.4 ein Anforde- rungsprofil der Wanderfähigkeiten abgeleitet und konkretisiert. Aus der Selbsteinschätzung lässt sich so die theoretisch maximal begehbare Wegeschwierigkeit für die Befragten berech- nen. Die Werte 1 und 2 auf der Itemskala entsprechen der Wegekategorie Gelber Wanderweg. Diese Wege sind mit wenigen Fähigkeiten begehbar. Die Kategorie Roter Bergweg erfordert fortgeschrittene Fähigkeiten (Wert 3). Für Schwarze Bergwege müssen diese überdurch- schnittlich ausgeprägt sein (Wert 4). Alpine Routen sind nur mit sehr guten Fähigkeiten zu bewältigen (Wert 5). Klettererfahrung und Sicherungstechniken werden erst ab der Kategorie Schwarzer Bergweg benötigt (siehe Kapitel 2.1.4). Aus diesem Grunde weicht hier die Zutei- lung der Werte ab. Wert 3 und 4 werden dem Schwarzen Bergweg und Wert 5 der Alpinen Route zugeordnet. Nach dieser Zuteilung ist für über die Hälfte der Befragten (56%) der mittelschwere Rote Bergweg die theoretisch maximal begehbare Wegschwierigkeit (siehe Abb. 27). Rund einem Drittel (35%) wäre der schwere Schwarze Bergweg zuzutrauen. Bei 9 Prozent ist der einfa- che Gelbe Wanderweg die theoretisch zumutbare Schwierigkeit. Lediglich 1 Prozent der Be- fragten wäre der sehr schweren Alpinen Route fähig. Abb. 27: Theoretisch maximal begehbare Wegschwierigkeit gemäß der Selbsteinschätzung der Wanderfähigkeiten der Befragten in Prozent (n = 710). 4.1.5 Tourenplanung, Informationsquellen und Orientierungsmittel Die überwiegende Mehrheit der Befragten gab an, dass sie eine bestimmte Route geplant haben oder ein bestimmtes Ziel erreichen möchten (88%, n = 366). Von den 12 Prozent (n = 44), die keine Vorplanung hatten, sind rund 46 Prozent den Typus Anfänger*innen 9% 56% 34% 1% Gelber Wanderweg Roter Bergweg Schwarzer Bergweg Alpine Route Pr oz en t d er B ef ra gt en 4 Ergebnisse | 78 78 (n = 20) zuzuordnen (siehe Tab. 28). Ebenso waren darunter rund 20 Prozent jeweils Lokale Wandernde (21%, n = 9) und Wanderexpert*innen mit Ortskenntnis (23%, n = 10). Trotz die- ses augenscheinlichen Unterschiedes zwischen Erfahrungstyp und Tourenplanung ergab der Chi-Quadrat Test kein signifikantes Ergebnis, X2(3) = 5.81, p = .12. Tab. 28: Tourenplanung und Erfahrungstypen Anfänger- *innen (n = 117) Lokale Wandernde (n = 64) Wanderex- pert*innen ohne Orts- kenntnis (n = 53) Wanderex- pert*innen mit Ortskenntnis (n = 131) Test Zeilenprozente §χ²(3) = 5.81 Routen- planung Ja 30% 17% 15% 38% Nein 46% 21% 11% 23% Anmerkung. n = 365. §Qui-Quadrat-Test. p = .12 Betrachtet man die Verteilung der theoretisch maximal begehbaren Wegschwierigkeit gemäß der Selbsteinschätzung der Befragten, fällt auf, dass mit zunehmender Schwierigkeit, der Anteil derjenigen steigt, die eine Tour geplant haben (siehe Tab. 29). Das Ergebnis des Chi- Quadrat Tests ist hoch signifikant mit kleinem Effekt, X2(2) = 12.28, p = .002, V = .18. Tab. 29: Tourenplanung und theoretisch maximal begehbare Schwierigkeit gemäß Selbsteinschätzung Theoretisch max. Wegschwierigkeit (Selbsteinschätzung) Gelber Wanderweg (n = 19) Roter Bergweg (n = 192) Schwarzer Bergweg (n = 155) Test Spaltenprozente §χ²(2) = 12.28** Cramers V = .18 Routen- planung Ja 79% 83% 95% Nein 21% 17% 5% Anmerkung. n = 366. §Qui-Quadrat-Test. **p = .002 Dauer, Schwierigkeit und Höhenmeter Im Durchschnitt planen die Befragten im Stubaital 5 Stunden für ihre Wanderung ein (M = 5.0, SD = 1.7, n = 322). Davon sind knapp 4 Stunden als reine Gehzeit angedacht (M = 3.9, SD = 1.5, n = 219). Dementsprechend beträgt die mittlere Pausenzeit rund 1 Stunde (M = 1.3, SD = 0.9, n = 209). 7 Prozent (n = 27) haben sich keine Gedanken über die Dauer der Wanderung gemacht und 8 Prozent (n = 30) konnten die reine Gehzeit nicht abschätzen. Das Minimum der geplanten Dauer der Wanderung beträgt 1 Stunde und das Maximum 10 Stunden (n = 322). 5% 33% 42% 19% 2% < 2 h 2-4 h 4-6 h 6-8 h > 8 h Pr oz en t d er B ef ra gt en 4 Ergebnisse 79 | 79 Abb. 28: Prozentuale Verteilung der geplanten Dauer der Wanderung einschließlich Pausen (n = 322). Der Großteil der Befragten planen mit 42 Prozent eine Wanderung von 4 bis 6 Stunden (n = 134)(siehe Abb. 28). Knapp ein Drittel haben eine Tour von 2 bis 4 Stunden geplant (33%, n = 107). 19 Prozent der Befragten wollen eine Wanderung von 6 bis 8 Stunden un- ternehmen (n = 60). Ein kleiner Anteil von 5 Prozent plant bis zu 2 Stunden zu wandern (n = 16). Lediglich 2 Prozent möchte länger als 8 Stunden unterwegs sein (n = 5). Die Mehrheit der Befragten (80%, n = 257) planen also keine tagesfüllende Wanderung ein, sondern möchten maximal 6 Stunden am Tag unterwegs sein. Demnach ist es rund ein Fünftel der Befragten, welches den ganzen Tag wandernd unterwegs sein will (20%, n = 65). Über die Hälfte der Befragten (n = 355) gibt an, eine mittelschwierige Wanderung vorzuha- ben (54%, n = 193). Rund ein Drittel plant eine leichte Tour (33%, n = 118). Als schwierig ordnen 11 Prozent ihre Wanderung ein (n = 39). Eine Minderheit von 1 Prozent (n = 5) plant eine sehr schwierige Tour. 3 Prozent gibt an, nicht einschätzen zu können, wie schwierig die Tour ist (n = 11). Bei einem Vergleich zwischen der geplanten Schwierigkeit und der theoretisch maximal begehbaren Wegschwierigkeit gemäß der Selbsteinschätzung der tourenverantwortlichen Per- son kann mittels t-Test für verbundene Stichproben ein höchst signifikanter Unterschied mit starker Effektstärke festgestellt werden, t(354) = 13.38, p < .001, d = 0.80, n = 355 (siehe Abb. 29). 5% 33% 42% 19% 2% < 2 h 2-4 h 4-6 h 6-8 h > 8 h Pr oz en t d er B ef ra gt en 4 Ergebnisse | 80 80 Abb. 29: Mittelwerte der geplanten Schwierigkeit im Vergleich mit der theoretisch maximal begehbaren Weg- schwierigkeit (maxWS) gemäß der Selbsteinschätzung der tourenverantwortlichen Personen (n = 355) und der unerfahrensten Personen (n = 334). Schwierigkeitsgrade 1 = leicht (Gelber Wanderweg), 2 = mittel (Roter Bergweg), 3 = schwer (Schwarzer Bergweg), 4 = sehr schwer (Alpine Route). t-Test. ***p < .001. Fehlerbalken repräsentieren die Standardabweichung. Auch der Vergleich der geplanten Schwierigkeit mit der theoretisch maximal begehbaren Wegschwierigkeit gemäß der Selbsteinschätzung der unerfahrensten Begleitperson ergibt ei- nen höchst signifikanten Unterschied mit starker Effektstärke, t(333) = 8.20, p < .001, d = 0.83, n = 334 (siehe Abb. 29). Im Detail (siehe Tab. 30) erkennt man, dass diejenigen, die theoretisch gemäß ihrer Selbsteinschätzung maximal die leichteste Wegekategorie Gelber Wanderweg (n = 19) bege- hen könnten, ebenfalls zu 58 Prozent eine leichte Tour wählen (n = 11). Die restlichen 42 Prozent trauen sich eine mittelschwierige Wanderung zu (n = 8). Für die unerfahrenste Be- gleitperson ist das Verhältnis ähnlich: Für 56 Prozent (n = 23) ist die geplante Route ent- sprechend der theoretisch maximal begehbaren Wegschwierigkeit leicht. Für 37 Prozent (n = 15) ist eine mittelschwierige und für 7 Prozent (n = 3) sogar eine schwierige Wanderung ge- plant. Von denjenigen, die laut ihrer Selbsteinschätzung maximal die Kategorie Roter Bergweg (n = 185) begehen könnten, planen 61 Prozent entsprechend eine mittelschwierige Route (n = 112). Selber Prozentsatz gilt für die Begleitperson (n = 121). Ein Drittel (34%, n = 62) bleibt mit einer leichten Tour unter ihrer theoretischen Wegschwierigkeit und 6 Prozent (n = 11) mit einer schwierigen Tour über diese. Für etwas weniger als ein Drittel (32%, n = 63) der Begleitpersonen ist die geplante leichte Route unter der theoretisch maximal begehba- ren Wegschwierigkeit. Für 8 Prozent (n = 15) ist die schwierige sowie für 1 Prozent (n = 1) die sehr schwierige Tour über der theoretisch begehbaren Wegschwierigkeit gemäß Selbstein- schätzung. Diejenigen die theoretisch maximal einen Schwarzen Bergweg begehen könnten (n = 151), wählen zum größten Anteil eine mittelschwierige Tour (54%, n = 73). Nur 1,8 1,8 2,4 2,2 1 2 3 4 tourenverantwortliche Person (n = 355) unerfahrenste Person (n = 334) Sc hw ie rig ke its gr ad 1 = leicht 2 = mittel 3 = schwer 4 = sehr schwer Geplante Schwierigkeit Selbsteinschätzung (maxWS) *** *** 4 Ergebnisse 81 | 81 11 Prozent wählen gemäß ihrer Selbsteinschätzung eine schwierige Tour (n = 28). Rund ein Drittel (33%) wählen sogar eine leichte Route (n = 45). Ein geringer Anteil von 1 Prozent (n = 5) plant eine sehr schwierige Wanderung. Auch für die Begleitpersonen zeichnet sich ein ähnliches, jedoch leicht zum schwereren Grad verschobenes Bild. Für 19 Prozent (n = 18) ist die geplante schwierige Wanderung entsprechend der theoretisch maximal be- gehbaren Wegschwierigkeit. Für 29 Prozent (n = 27, leicht) und 49 Prozent (n = 45, mittel- schwierig) ist die geplante Route unter sowie mit 3 Prozent (n = 3, sehr schwierig) über der theoretisch maximal begehbaren Wegschwierigkeit gemäß Selbsteinschätzung. Tab. 30: Geplante Tourenschwierigkeit und theoretisch maximal begehbare Wegschwierigkeit gemäß der Selbstein- schätzung der tourenverantwortlichen Person und der unerfahrensten Begleitperson Theoretisch max. Wegschwierigkeit (Selbsteinschätzung) Gelber Wanderweg n = 19 (n = 41) Roter Bergweg n = 185 (n = 200) Schwarzer Bergweg n = 151 (n = 93) Geplante Schwierigkeit Spaltenprozente leicht 58% (56%) 34% (32%) 33% (29%) mittelschwierig 42% (37%) 61% (61%) 54% (49%) schwierig 0% (7%) 6% (8%) 11% (19%) sehr schwierig 0% (0%) 0% (0.5%) 1% (3%) Anmerkung. tourenverantwortliche Person n = 355. (unerfahrenste Begleitperson n = 334) Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass die geplante Schwierigkeit in allen Wegeka- tegorien von der Selbsteinschätzung in großen Anteilen abweicht. Dabei wird tendenziell eine leichtere Tour gewählt, wenn die theoretisch maximal begehbare Wegschwierigkeit hö- her liegt. Die Verteilungsverhältnisse der tourenverantwortlichen Person und der unerfah- rensten Begleitperson gestalten sich ähnlich, jedoch verschieben sich die Prozentsätze et- was zum schwereren Grad. Etwas mehr als ein Drittel der Befragten (n = 366) weiß nicht, wie viele Höhenmeter ihre geplante Wanderung aufweist (34% n = 126). Im Gegensatz dazu konnte etwa zwei Drittel der Befragten Angaben dazu machen (66%, n = 240). Im Durchschnitt weist die vorge- nommene Wanderung 669 Höhenmeter im Aufstieg (SD = 382, n = 262) und 713 Höhenme- ter im Abstieg auf (SD = 383, n = 179). 400 Höhenmeter war sowohl im Aufstieg als auch im Abstieg der meist genannte Wert. Die maximal genannten Werte waren 2800 Höhenme- ter im Aufstieg und 1600 Höhenmeter im Abstieg. Etwas mehr als die Hälfte (51%, n = 134) der geplanten Höhenmeter ist als leichte bis moderate Tour mit 300 bis 700 Höhenmetern im Aufstieg einzuordnen (siehe Abb. 30). Fast zu gleichen Anteilen wird eine anspruchsvolle Tour von 1100 bis 1500 Höhenmetern (17%, n = 46), eine leichte Tour mit bis zu 300 Höhenmetern (16%, n = 41) und eine moderate 4 Ergebnisse | 82 82 bis anspruchsvolle Tour mit 700 bis 1100 Höhenmetern (15%, n = 39) geplant. Ein kleiner Anteil von 1 Prozent (n = 2) möchte einen schweren Aufstieg von über 1500 Höhenmetern absolvieren. Abb. 30: Prozentuale Verteilung der geplanten Höhenmeter im Aufstieg (n = 262). Abb. 31: Prozentuale Verteilung der geplanten Höhenmeter im Abstieg (n = 179). Informationsquellen Für die Tourenplanung wurde fast zu gleichen Teilen auf Printmedien zum Beispiel Wander- führer oder Karten (32%, n = 267) und digitale Medien wie Websites oder Apps (31%, n = 254) zurückgegriffen (siehe Abb. 32). Persönliche Informationsquellen wie Empfehlun- gen oder Beratung in der Touristeninformation wurden von 17 Prozent (n = 137) in An- spruch genommen. 14 Prozent haben sich auf der Website des Stubaitals (stubai.at) direkt informiert. An- dere Websites (9%), die am häufigsten zur Informationssuche genutzt wurden, waren u. a. bergfex.at, komoot.de, bergsteigen.com, outdooractive.com und almenrausch.at. 2 Prozent nutzten die App vom Stubaital. Andere meistverwendete Apps (6%) waren u. a. komoot, bergfex und outdooractive. 16% 51% 15% 17% 1% < 300 hm 300-700 hm 700-1100 hm 1100-1500 hm > 1500 hm Pr oz en t d er B ef ra gt en 51% 19% 28% 2% 0% < 500 hm 500-900 hm 900-1300 hm 1300-1700 hm > 1700 hm Pr oz en t d er B ef ra gt en 3% 14% 4% 6% 4% 7% 6% 2% 9% 14% 12% 20% Sonstiges Ort schon bekannt Nicht speziell informiert Touristen-Information o.ä. Empfehlung der Unterkunft Empfehlung von Bekannten Andere Wander-App Stubai-App Andere Website Website der Region Topographische Wanderkarte Wanderführer, Broschüre etc. Prozent der Befragten Print Digital Persönlich Sonstiges 36% 24% 33% 36% 34% 30% 42% 25% 42% 33% 34% 23% 23% 16% 14% 18% 19% 15% 17% 14% 11% 25% 16% 15% 15% 27% 33% 32% 15 bis 19 Jahre 20 bis 29 Jahre 30 bis 39 Jahre 40 bis 49 Jahre 50 bis 59 Jahre 60 bis 69 Jahre 70 bis 79 Jahre Prozent der Altersklasse Print Digital Persönlich Sonstiges 4 Ergebnisse 83 | 83 Abb. 32: Verwendete Informationsquellen für die Tourenplanung in Prozent, n = 830. Mehrfachnennung möglich. Betrachtet man die Verteilung der unterschiedlichen Informationsquellen nach Alter, sieht man, dass in den älteren Altersklassen ab 60 Jahren die digitalen Medien anteilsmäßig mit 23 bis 16 Prozent noch vertreten sind (siehe Abb. 33). Abb. 33: Prozentuale Verteilung der Informationsquellen nach Altersklassen der Befragten (n = 366). 3% 14% 4% 6% 4% 7% 6% 2% 9% 14% 12% 20% Sonstiges Ort schon bekannt Nicht speziell informiert Touristen-Information o.ä. Empfehlung der Unterkunft Empfehlung von Bekannten Andere Wander-App Stubai-App Andere Website Website der Region Topographische Wanderkarte Wanderführer, Broschüre etc. Prozent der Befragten Print Digital Persönlich Sonstiges 36% 24% 33% 36% 34% 30% 42% 25% 42% 33% 34% 23% 23% 16% 14% 18% 19% 15% 17% 14% 11% 25% 16% 15% 15% 27% 33% 32% 15 bis 19 Jahre 20 bis 29 Jahre 30 bis 39 Jahre 40 bis 49 Jahre 50 bis 59 Jahre 60 bis 69 Jahre 70 bis 79 Jahre Prozent der Altersklasse Print Digital Persönlich Sonstiges 4 Ergebnisse | 84 84 Orientierungsmittel Während der Wanderung ist mit 58 Prozent die Wegbeschilderung das meist genutzte Orien- tierungsmittel (siehe Abb. 34). 10 Prozent der Befragten nutzen die klassische topografi- sche Wanderkarte. 13 Prozent verwenden das Smartphone zur Navigation. Die meist genutz- ten Apps zur Orientierung sind komoot, bergfex und alpenvereinaktiv. Insgesamt 15 Prozent finden ihren Weg per GPS-Technologie. Das Smartphone wird mit 6 Prozent häufiger ver- wendet als ein reines GPS-Gerät (1%). Die Smartwatch mit GPS-Navigation als relativ neue Technologie ist mit 1 Prozent vertreten. Abb. 34: Orientierungsmittel während der Wanderung in Prozent, n = 587. Mehrfachnennung möglich. Zufriedenheit mit der Beschilderung Die Zufriedenheit mit der Beschilderung im Stubaital (siehe Abb. 3 und Abb. 36) wurde im Post-Fragebogen auf einer fünfstufigen Ratingskala mit neun Items zu den Qualitätskrite- rien (siehe Kapitel 3.3.2 Fragebogenkonstruktion) abgefragt. Der Wert 5 steht für den höchsten Grad der Zufriedenheit. Im Gesamtergebnis sind die Befragten mit der Wegbe- schilderung im Stubaital zufrieden (M = 4.5, SD = 0.5). Keiner der abgefragten Aspekte hat einen Wert unter 4 (siehe Abb. 35). Im Detail kann man erkennen, dass der Mittelwert bei den Gehzeiten am niedrigsten ausfällt bei gleichzeitig höchster Standardabweichung (M = 4.2, SD = 0.9). Dies weist auf mögliche Unsicherheiten und Differenzen bei der Be- antwortung der Frage hin. Ebenfalls relativ hohe Standardabweichungen erhielten die Kri- terien Eindeutigkeit der Informationen (SD = 0.8), Eindeutigkeit der Richtung (SD = 0.7) und Angabe des Schwierigkeitsgrades (SD = 0.8). Im freien Textfeld kam es außerdem öfter zu Anmerkungen bezüglich fehlender oder ungenauer Gehzeitangaben. 7% 2% 0,3% 4% 5% 1% 1,4% 6% 7% 10% 58% kein Hilfsmittel andere Hilfsmittel Kompass mündliche Wegbeschreibung Wanderführer, Broschüre etc. GPS-Empfänger GPS-Smartwatch mit Navigationsfunktion Mobiles Internet/Handy-GPS Smartphone App Topographische Wanderkarte Wegbeschilderung Prozent der Befragten 4,2 4,4 4,4 4,4 4,3 4,8 4,7 4,6 4,5 1 2 3 4 5 Gehzeiten Schwierigkeitsgrad Eindeutigkeit Infos Übersichtlichkeit Infos Durchgängigkeit Lesbarkeit der Schrift Zustand der Schilder Sichtbarkeit in der Umgebung Eindeutigkeit Richtung sehr zufriedenzufriedenneutralunzufriedensehr unzufrieden 4 Ergebnisse 85 | 85 Abb. 35: Bewertung der Qualitätskriterien der Wegbeschilderung im Stubaital (von 1 = „sehr unzufrieden“ bis 5 = „sehr zufrieden“). Mittelwerte, n = 202-230. Fehlerbalken repräsentieren die Standardabweichung. Abb. 36: Beispiel Beschilderung am Erhebungsstandort Oberrissalm. Auf den Wegweisern links sind unter- schiedliche Wegehalter genannt. Einmal wird eine Gehzeit angegeben, die sonst fehlt. Bei der Alpinen Route werden anstelle Höhenangaben gemacht. Bei den Wegweisern rechts ist die Farbmarkierung der Schwierigkeitsgrade nicht mehr vorhanden (Quelle: Eigene Darstellungen). 4.1.6 Bemerkungen Während der Befragung wurden von seitens der Interviewenden Notizen über Auffälligkei- ten aller Art gemacht. Diese sollen der Vollständigkeit halber an dieser Stelle Erwähnung und bei der Diskussion der Ergebnisse Beachtung finden. Vielmals wurde beobachtet, dass in der Familie – sei es mit den eigenen Kindern oder mit den Eltern – gewandert wurde. Häufig wurde ebenfalls mit dem Partner bzw. der Part- nerin gewandert. Bei der Frage nach der unerfahrensten Person war auffällig, dass diese nicht zwangsläufig die schwächste Person in der Gruppe bezüglich der Wanderfähigkeiten ist. Mehrmals – vor allem am ersten Tag des Urlaubes – wurde kommentiert, dass keine spezielle Planung stattgefunden hat und man sich zunächst orientiert. Bei unbeständiger Wetterlage war zu beobachten, dass die Touren entsprechend kürzer bzw. flexibler geplant wurden. Hunde oder Kindertragerucksäcke wurden als weitere mögliche einschränkende 4,2 4,4 4,4 4,4 4,3 4,8 4,7 4,6 4,5 1 2 3 4 5 Gehzeiten Schwierigkeitsgrad Eindeutigkeit Infos Übersichtlichkeit Infos Durchgängigkeit Lesbarkeit der Schrift Zustand der Schilder Sichtbarkeit in der Umgebung Eindeutigkeit Richtung sehr zufrieden zufrieden neutral unzufrieden sehr unzufrieden 4 Ergebnisse | 86 86 Faktoren beobachtet. Des Weiteren fiel des Öfteren der Kommentar, dass das Stubaital aus dem Winterurlaub bekannt ist. Auffällig war außerdem, dass bei manchen, aufgrund der Co- vid-19 Pandemie der Alpenurlaub als Alternative, z. B. zu Flugreisen, gewählt wurde. 4.2 Charakterisierung der Wanderungen 4.2.1 Stichprobengröße Insgesamt wurden 363 auswertbare GPS-Tracks der Wanderungen erhoben (n = 366). Drei Routen wurden aufgrund von nicht auswertbaren GPS-Daten von der Analyse ausgeschlos- sen. So ergeben sich ausgehend vom Erhebungsstandort Talstation Elferbahnen 174 (n = 174) und vom Standort Parkplatz Oberissalm 189 Wanderrouten (n = 189). 4.2.2 Räumliche Nutzung der Wandernden Talstation Elferbahnen In den Kartendarstellungen (siehe Abb. 37 und Abb. 41) sind diejenigen Wege hervorgeho- ben, die von den Studienteilnehmenden ausgehend von der Talstation der Elferbahnen be- wandert wurden. Alle genutzten Wege bilden zusammen das Routennetzwerk, welches eine Länge von 94 Kilometern aufweist. Die Summe der geloggten Wanderungen (n = 174) be- trägt insgesamt 1719 Kilometer. Die erste Karte (siehe Abb. 37) zeigt die offiziellen Wegschwierigkeiten, der von den Stu- dienteilnehmenden gewanderten Wege, wie sie auf der hiesigen Beschilderung ausgewiesen sind. Überwiegend zu annähernd gleichen Teilen wurden Gelbe Wanderwege (47%, n = 44.2 km) und Rote Bergwege (43%, n = 40.3 km) bewandert. Schwarze Bergwege wurden von einem kleinen Anteil (4%, n = 3.7 km) genutzt. Alpine Routen bzw. in diesem Fall die Klettersteige Elferkofel und Elfer Nordwand sind mit nur einem Prozent (n = 0.9 km) vertre- ten. Nicht kategorisierte Wege sind mit 5 Prozent vorhanden (n = 5.1 km). Jene sind nicht offiziell in der Datenbank erfasst wie zum Beispiel Wegabweichungen, Abkürzungen oder Trampelpfade. 4 Ergebnisse 87 | 4 Ergebnisse Abb. 37: Das Routennetzwerk mit den offiziellen Wegschwierigkeiten am Erhebungsstandort Elfer (Quelle: Eigene Darstellung). | 88 88 Die gewanderten Gelben Wanderwege weisen überwiegend einen losen und festen Unter- grund auf, sind breit angelegt und von mittlerer bis flacher Steigung (siehe Abb. 38). Ein kleiner Anteil von 5 Prozent hat eine Steigung von über 20 Prozent. Die Gelben Wanderwege befinden sich in großen Teilen in Nähe des Tals oder führen als breite Schotterwege in hö- here Lagen bis maximal 2000 Meter Höhe. Abb. 38: Anteile Untergründe, Wegbreiten und Steigungen der Gelben Wanderwege im erfassten Routennetzwerk Elfer (n = 44.2 km). Genutzte Rote Wanderwege weisen zum größten Anteil einen hindernisreichen Untergrund auf, sind schmal sowie steil bis sehr steil (siehe Abb. 39). Asphalt kommt als Oberfläche nicht mehr vor. Rote Wanderwege führen als schmale, verwurzelte Pfade ausgehend vom Tal über die Waldgrenze in höhere Lagen, wo diese dann überwiegend schottrig und felsig wer- den. Abb. 39: Anteile Untergründe, Wegbreiten und Steigungen der Roten Bergwege im erfassten Routennetzwerk Elfer (n = 40.3 km). 20% 15% 57% 6% 2% Untergründe fest (Asphalt) fest (wassergebundene Decke) lose (Schotter, Geröll) hindernisreich (Wurzeln, Fels) weich (Wiese, Erde) 81% 4% 15% Wegbreiten > 2 m 1-2 m < 1m 22% 73% 5% Steigungen < 10 % 10-20 % > 20 % 16% 22% 59% 3% Untergründe fest (wassergebundene Decke) lose (Schotter, Geröll) hindernisreich (Wurzeln, Fels) weich (Wiese, Erde) 3% 24% 73% Wegbreiten > 2 m 1-2 m < 1m 13% 41% 46% Steigungen < 10 % 10-20 % > 20 % 9% 79% 8% 4% Untergründe lose (Schotter, Geröll) hindernisreich (Wurzeln, Fels) weich (Wiese, Erde) nicht kategorisiert 14% 86% Wegbreiten 1-2 m < 1m 3% 51% 46% Steigungen < 10 % 10-20 % > 20 % 4 Ergebnisse 89 | 89 Die gewählten Schwarzen Bergwege führen zu den Gipfeln Zwölferspitze (2562 m) und Ha- bicht (3278 m). Sie weisen keinen festen Untergrund auf, sondern sind mehrheitlich felsig hindernisreich (siehe Abb. 40). Sie sind überwiegend schmal und keinerlei breiten Passagen kommen vor. Auch der Anteil der flachen Wegabschnitte ist im Vergleich zu den anderen Wegschwierigkeiten mit drei Prozent sehr gering. Dementsprechend weisen die Schwarzen Bergwege hauptsächlich Steigungen über 10 Prozent auf. Abb. 40: Anteile Untergründe, Wegbreiten und Steigungen der Schwarzen Bergwege im erfassten Routennetzwerk Elfer (n = 3.7 km). Auf der zweiten Karte (siehe Abb. 41) ist die Wegfrequentierung der Studienteilnehmen- den farblich dargestellt. Der Farbverlauf von hellgelb bis rot repräsentiert die Anzahl an Wanderrouten, die entlang der einzelnen Wegsegmente führten. Eine starke Konzentration der Wanderrouten lässt sich um die Bergstation der Elferbahnen, der Elfer Hütte, der Elfer- Sonnenuhr, der Elferspitze und des Geh-Zeiten-Weges bzw. des Panoramaweges feststellen. Ebenfalls häufig aufgesucht sind die Naturschauplätze Elfer Gratzengrübel und Gespaltener Stein, die Autenalm, Karalm, Pinnesalm und der Zwölfernieder. Der überwiegende Anteil nutzt die Talfahrt der Elferbahnen, um zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Auch erfolgt häufiger der Abstieg über das Pinnes-tal, wo der Weg zurück zum Parkplatz der Talstation meist zu Fuß über den Besinnungsweg absolviert wird. Ein geringer Anteil von drei Wander- routen führte über die Klamperbergalm nach Krößbach, von wo der Bus zurück zur Talstation genommen wurde. 9% 79% 8% 4% Untergründe lose (Schotter, Geröll) hindernisreich (Wurzeln, Fels) weich (Wiese, Erde) nicht kategorisiert 14% 86% Wegbreiten 1-2 m < 1m 3% 51% 46% Steigungen < 10 % 10-20 % > 20 % 4 Ergebnisse | 90 4 Ergebnisse Abb. 41: Frequentierung der Wanderwege und POIs am Erhebungsstandort Elfer (Quelle: Eigene Darstellung). 91 | 91 Parkplatz Oberissalm Das Routennetzwerk des Erhebungsstandortes Parkplatz Oberissalm hat eine Gesamtlänge von über 65 Kilometern (siehe Abb. 42 und Abb. 46). Die geloggten Wanderrouten (n = 189) umfassen insgesamt 2080 Kilometer. Gemäß der ausgewiesenen Wegschwierigkeiten (siehe Abb. 42) besteht das Routennetz- werk zum größten Anteil aus Roten Bergwegen (47%, n = 30.6 km). Nicht kategorisierte We- ge sind in Relation zu den anderen Wegekategorien und zum Standort Elfer mit 29 Prozent (n = 18.7 km) überproportional vertreten. Wie auf der Kartendarstellung (Abb. 42) erkenn- bar, wird an mehreren Stellen von der offiziellen Wegführung abgewichen. Zu etwas mehr als ein Zehntel wurden Alpine Routen und Klettersteige aufgesucht (10%, n = 6.8 km). Die Alpinen Routen führen in die Gletschergebiete des Alpeiner Ferners, des Berglasferners und hinauf zur Hohen Villerspitze (3087 m).7 Besucht wurden die Kletter- steige Edelweiß, Höllenrachen und Sommerwand. Gelbe Wanderwege machen einen geringen Anteil von rund 8 Prozent aus (n = 5.3 km). Schwarze Wanderwege bilden mit circa 6 Prozent (n = 4.0 km) die Minderheit. 7 Da es sich bei Alpinen Routen nicht um ausgewiesene Wanderwege handelt (siehe Kapitel 2.1.3) wurden keine Untergründe, Wegbreiten und Steigungen mit in die Datenbank aufgenommen. 4 Ergebnisse | 92 6% 23% 58% 11% 2% Untergründe nicht kategorisiert fest (Asphalt) fest (wassergebundene Decke) lose (Schotter, Geröll) weich (Wiese, Erde) 86% 13% 1% Wegbreiten > 2 m 1-2 m < 1m 11% 89% Steigungen < 10 % 10-20 % 3% 25% 71% 1% Untergründe nicht kategorisiert lose (Schotter, Geröll) hindernisreich (Wurzeln, Fels) weich (Wiese, Erde) 1% 8% 91% Wegbreiten > 2 m 1-2 m < 1m 16% 32% 52% Steigungen < 10 % 10-20 % > 20 % 4 Ergebnisse Abb. 42: Das Routennetzwerk mit den offiziellen Wegschwierigkeiten am Erhebungsstandort Oberissalm (Quelle: Eigene Darstellung). 93 | 93 Die vertretenden Gelben Wanderwege haben zum größten Anteil eine feste Oberfläche, sind breit und mäßig steil (siehe Abb. 43). Sie befinden sich in Tal Nähe rund um die Oberissalm (1750 m). Weiter gehört ein breiter Schotterweg zu dieser Kategorie, welcher ausgehend vom Tal in Neustift (Falbeson) zur Falbesoner Ochsenalm auf einer Höhe von 1830 Metern hinaufführt. Im alpinen Gelände sind keine Gelben Wanderwege vertreten. Abb. 43: Anteile Untergründe, Wegbreiten und Steigungen der Gelben Wanderwege im erfassten Routennetzwerk Oberissalm (n = 5.3 km). Begangene Rote Wanderwege sind größtenteils hindernisreich und lose, schmal und steil (siehe Abb. 44). Sie sind in allen Höhenlagen an diesem Erhebungsstandort vertreten und führen zu Gipfeln wie den Aperer Turm (2986 m) oder das Basslerjoch (2829 m). Abb. 44: Anteile Untergründe, Wegbreiten und Steigungen der Roten Bergwege im erfassten Routennetzwerk Oberissalm (n = 30.6 km). 6% 23% 58% 11% 2% Untergründe nicht kategorisiert fest (Asphalt) fest (wassergebundene Decke) lose (Schotter, Geröll) weich (Wiese, Erde) 86% 13% 1% Wegbreiten > 2 m 1-2 m < 1m 11% 89% Steigungen < 10 % 10-20 % 3% 25% 71% 1% Untergründe nicht kategorisiert lose (Schotter, Geröll) hindernisreich (Wurzeln, Fels) weich (Wiese, Erde) 1% 8% 91% Wegbreiten > 2 m 1-2 m < 1m 16% 32% 52% Steigungen < 10 % 10-20 % > 20 % 4 Ergebnisse | 94 94 Die Schwarzen Bergwege des Routenwegenetzes sind ausschließlich hindernisreich und lo- se, schmaler als ein Meter und sehr steil mit über 20 Prozent Steigung (siehe Abb. 45). Sie führen hinauf zur Rinnenspitze (3003 m), zum Schafgrübler (2922 m) und zur Vorderen Sommerwand (2676 m). Abb. 45: Anteile Untergründe, Wegbreiten und Steigungen der Schwarzen Bergwege im erfassten Routennetzwerk Oberissalm (n = 3.6 km). Betrachtet man die Wegfrequentierung (siehe Abb. 46) lässt sich eine klare Konzentration auf der Aufstiegsroute erkennen, die vom Parkplatz Oberissalm (1750 m) über die Alpein Alm zur Franz-Senn-Hütte (2147 m) führt. Ausgehend von der Franz-Senn-Hütte folgen viele dem Weg zum Rinnensee (2646 m). Rund um diesen lassen sich häufige Wegabweichungen beobachten (siehe Abb. 42). Ein gewisser Anteil steigt von da aus weiter zur Rinnenspitze (3003 m) auf. Ebenfalls ausgehend von der Franz-Senn-Hütte führen die Wanderrouten häufig entlang des Alpeiner Bachs, der durch eine Art Hochtal fließt. Dort befindet sich der Klettersteig Höllenrachen, ein Gebirgsbach-Klettersteig in einem Felsengewölbe. Diese Naturattraktion zieht viele Schaulustige an, wird aber nur von einigen wenigen beklettert (n = 5). Rund um den Alpeiner Bach wird oftmals der offizielle Wanderweg verlassen (siehe Abb. 42). Ein paar der Routen (n = 6-10) folgen den Weg entlang des Alpeiner Bachs weiter in höhere Lagen oder von der Franz-Senn-Hütte in Richtung Schafgrübler (2922 m). Bis in die Gletscherge- biete Aperer Turm (2986 m), Alpeiner Ferner, Berglasferner und Hohe Villerspitze (3087 m) dringt aber nur eine Minderheit vor (n = 1-5). Der Abstieg zum Parkplatz an der Oberissalm erfolgt in der Regel zurück über die Franz-Senn-Hütte. Eine Ausnahme stellt eine Wander- gruppe da, die den Höhenweg weiter bis zur Neuen Regensburger Hütte (2286 m) gewandert ist und deren Abstieg über die Falbesoner Ochsenalm (1830 m) ins Tal Neustift, Falbeson ge- schah. Von da aus wurde das vorher geparkte Auto genutzt, um wieder zum Ausgangsort Parkplatz Oberissalm zu gelangen. 28% 72% Untergründe lose (Schotter, Geröll) hindernisreich (Wurzeln, Fels) 100% Wegbreiten < 1m 2% 98% Steigungen 10-20 % > 20 % 4 Ergebnisse 95 | 4 Ergebnisse Abb. 46: Frequentierung der Wanderwege und POIs am Erhebungsstandort Oberissalm (Quelle: Eigene Darstellung). | 96 96 Standortvergleich der räumlichen Nutzung Im Vergleich (siehe Tab. 31) ist der Erhebungsstandort der Elferbahnen aufgrund der Nähe zur Gemeinde Neustift leichter zu erreichen und von der touristischen Infrastruktur (Berg- bahn, Hütten und Almen) mehr erschlossen. Tab. 31: Vergleich der räumlichen Merkmale der Routennetzwerke der Erhebungsstandorte Talstation Elferbahnen Parkplatz Oberissalm Erhobene Wanderungen 174 189 Länge Routennetzwerk 94 km 65 km Gelbe Wanderwege 47% 8% Rote Bergwege 43% 47% Schwarze Bergwege 4% 6% Alpine Routen / Klettersteige 1% Klettersteige: Elferkofel, Elfer Nordwand 10% Alpeiner Ferner, Berglasferner, Hohe Villerspitze, Klettersteige: Edelweiß, Höllenrachen, Sommerwand Nicht kategorisiert§ 5% 29% Anfänger*innen 35% 29% Lokale Wandernde 18% 18% Wanderexpert*innen ohne Ortskenntnis 15% 14% Wanderexpert*innen mit Ortskenntnis 32% 39% Hotspots Stationen Elferbahnen, Elfer Hütte, Elfer-Sonnenuhr, Elferspitze, Geh- Zeiten-Weg, Panoramaweg, Elfer Gratzengrübel, Gespaltener Stein, Autenalm, Karalm, Pinnesalm, Zwölf- ernieder Aufstiegsroute Parkplatz Oberissalm - Alpein Alm - Franz-Senn-Hütte; Rin- nensee, Rinnenspitze, Alpeiner Bach, Klettersteig Höllenrachen Anmerkung. §Nicht offizielle Wege z. B. Abkürzungen, Trampelpfade etc. Von den Schwierigkeitsgraden der Wanderwege ist der Erhebungsstandort der Oberissalm anspruchsvoller. So sind wesentlich weniger einfache Gelbe Wanderwege vorhanden (8%). Im Gegensatz sind beim Standort der Elferbahnen fast die Hälfte der Wege einfach (47%). Der Anteil der mittelschwierigen Roten Bergwegen ist bei beiden Orten mit jeweils rund 4 Ergebnisse 97 | 97 45 Prozent nahezu ausgeglichen. Ebenfalls kommen beim Standort Oberissalm die Alpinen Routen aufgrund der Nähe zum Gletscher vermehrt vor. Auch weist das Routennetzwerk auf- fällig mehr nicht kategorisierte Wege auf, also Wege die vom offiziellen Wanderwegenetz abweichen wie zum Beispiel Abkürzungen oder Trampelpfade. Trotz dieses unterschiedlichen Anspruchs konnte bezüglich der Verteilung der verschiede- nen Erfahrungstypen kein signifikanter Unterschied zwischen den beiden Erhebungsstan- dorten festgestellt werden, X2(3) = 1.89, p = .57. Das heißt, beide Erhebungsstandorte werden von Wandernden aller Erfahrungsgrade genutzt. Des Weiteren sind die meist besuchten Orte und Wege auf den Wanderungen touristische Infrastrukturen wie die Bergbahnen, Hütten und Almen; inszenierte Naturschauplätze (z. B. Gespaltener Stein), Gipfel, Bergseen, beworbene Themenwege und Klettersteige. Ein Ver- gleich der spezifischen Charakteristik der Wegekategorien findet sich im Anhang (siehe An- hang 3). 4.2.3 Bewegungs- und Streckenparameter der Wanderungen Eine Übersicht der Bewegungs- und Streckenparameter Distanz, Höhenmeter im Aufstieg, Gesamtdauer der Wanderung, Gehzeit, Pausenzeit und Gehgeschwindigkeit ist in Abb. 47 dar- gestellt. Distanz Die durchschnittliche Wanderdistanz der Gruppen beträgt 10,5 Kilometer (SD = 4.3 km, n = 363) innerhalb eines Streckenspektrums von 1,1 km im Minimum bis 22,7 km im Maxi- mum. Über die Hälfte der geloggten Gruppen (54%) wanderten zwischen 6 und 12 km (sie- he Abb. 47). Der Bereich zwischen 6 und 8 km ist mit 22 Prozent im Vergleich am stärksten vertreten. Rund 30 Prozent weisen eine Distanz von 12 bis 18 km auf. 13 Prozent der Wan- derungen waren bis zu 8 km lang und die restlichen 10 Prozent lagen über 18 km Länge. Höhenmeter Im Durchschnitt wurden im Aufstieg 647 Höhenmeter von den Wandernden überwunden (SD = 355 hm, n = 363). Das Maximum lag bei 1933 hm im Aufstieg. Der Bereich zwischen 400 und 500 Höhenmetern ist mit 22 Prozent relativ am stärksten vertreten (siehe Abb. 47). Knapp die Hälfte der Stichprobe (49%) bewältigten 300 bis 700 hm im Aufstieg. Etwas mehr als ein Fünftel (22%) absolvierten 700 bis 1100 hm. Wanderungen bis über 300 hm (14%) sowie Touren über 1100 bis 1500 hm im Aufstieg (14%) sind anteilig ähnlich prä- sent. Ein kleines Segment von 1 Prozent erklomm mehr als 1500 Höhenmeter im Aufstieg. 84 Prozent der Wanderungen (n = 363) sind in der relativen Höhendifferenz (Höhenme- ter im Aufstieg – Höhenmeter im Abstieg) ausgeglichen. Das heißt für die überwiegende 4 Ergebnisse | 98 98 Mehrheit war der Startpunkt gleich der Endpunkt der Wanderung. Die restlichen 16 Prozent betreffen vor allem den Erhebungsstandort Talstation Elferbahnen. In Kapitel 4.2.2 wurde deutlich, dass lediglich nur eine Wandergruppe nicht zum Parkplatz an der Oberissalm zu Fuß zurückkehrte. Dies ist bedingt durch die unterschiedliche geografische Lage und der infrastrukturellen Ausstattung der beiden Erhebungsstandorte. Der Großteil der Probandin- nen und Probanden fuhren mit den Elferbahnen hinauf zur Bergstation, starteten und en- deten dort ihre Wanderung und fuhren mit der Bergbahn wieder hinunter ins Tal. Von den 16 Prozent der unausgeglichenen Wanderungen weisen rund 80 Prozent mehr Höhenmeter im Abstieg als im Aufstieg auf. Bei den restlichen 20 Prozent ist das Verhältnis umgekehrt. Daraus lässt sich schließen, dass der Abstieg zu Fuß zur Talstation von mehr Personen ge- wählt wurde, als den Aufstieg zu Fuß zur Bergstation. Zeit am Berg Im Mittel dauert die gesamte Wanderung knapp 5 Stunden (SD = 1:44 h, n = 363). Die kür- zeste Zeit am Berg war etwas mehr als eine halbe Stunde und die längste betrug über 10 Stunden. Knapp 70 Prozent der Wanderungen dauerten zwischen 3 und 6 Stunden (siehe Abb. 47). Bis drei Stunden wanderte nur ein kleiner Anteil von 3 Prozent. Danach ist ein Anstieg der Häufigkeiten erkennbar, die ab 6,5 Stunden wieder abflacht. Mehr als 8 Stun- den verbrachten nur 5 Prozent der geloggten Proband*innen am Berg. Pausen und Gehzeit Die durchschnittliche Pausenzeit liegt bei rund einer Stunde (SD = 0:42 h, n = 363). Im Schnitt werden 2 Pausen während der Wanderung eingelegt (SD = 1.4, n = 363). Dement- sprechend liegt der Mittelwert der Gehzeit bei knapp 4 Stunden (SD = 1:33 h, n = 363). Die maximale Gehzeit betrug 8:54 Stunden, die maximale Pausenzeit lag bei 4:22 Stunden und die maximale Anzahl an Pausen bei 8 Malen. 14 Prozent der Pausen sind kürzerer Art von 5 bis 15 Minuten (siehe Abb. 47). Rund 78 Prozent der Wandernden pausiert bis zu 1,5 Stunden während der Tour. Länger als 2,5 Stunden verbringt nur eine Minderheit von 6 Prozent der Proband*innen mit Pause. Der Großteil der reinen Gehzeiten spielt sich in einem Zeitraum von 2 bis 6 Stunden ab (83%)(siehe Abb. 47). Die Häufigkeiten der Gehzeit darunter bis 2 Stunden (8%) und dar- über über 6 Stunden (8%) sind anteilig ähnlich. Gehgeschwindigkeit Die mittlere Gehgeschwindigkeit der Wanderungen im Untersuchungsgebiet liegt bei 2,7 km/h (SD = 0.7 km/h, n = 363). Der Modalwert – also der Wert der am häufigsten vor- kommt – beträgt 3,1 km/h. Die langsamste Wandergruppe war mit einer Durchschnittsge- schwindigkeit von 0,5 km/h und die schnellste mit 4,9 km/h unterwegs. 0% 5% 10% 15% 20% 25% 2 6 10 14 18 22 Distanz (km) 0% 5% 10% 15% 20% 25% 100 400 700 1000 1300 1800 Höhenmeter im Aufstieg (hm) 0% 2% 4% 6% 8% 10% 12% 14% 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Gesamtdauer (h) 0% 2% 4% 6% 8% 10% 12% 14% 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Gehzeit (h) 0% 2% 4% 6% 8% 10% 12% 14% 16% 18% 0,5 1 1,5 2 2,5 3 3,5 Pausenzeit pro Wanderung (h) 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 1 2 3 4 5 Gehgeschwindigkeit (km/h) 4 Ergebnisse 99 | 99 Abb. 47: Prozentuelle Verteilung der Strecken- und Bewegungsparameter der Wanderungen (n = 363). Wegschwierigkeiten Im mittleren Prozentsatz von 61 Prozent machen mittelschwere Rote Bergwege den meisten Anteil der Wanderrouten aus (SD = 24%, n = 363), gefolgt von einfachen Gelben Wanderwe- gen (M = 25%, SD = 24%). Im Durchschnitt bestehen zusammen ein Zehntel der Touren aus schweren Schwarzen Bergwegen (SD = 14%) und sehr schweren Alpinen Routen bzw. Kletter- steige (SD = 9%)(siehe Abb. 48). 0% 5% 10% 15% 20% 25% 2 6 10 14 18 22 Distanz (km) 0% 5% 10% 15% 20% 25% 100 400 700 1000 1300 1800 Höhenmeter im Aufstieg (hm) 0% 2% 4% 6% 8% 10% 12% 14% 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Gesamtdauer (h) 0% 2% 4% 6% 8% 10% 12% 14% 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Gehzeit (h) 0% 2% 4% 6% 8% 10% 12% 14% 16% 18% 0,5 1 1,5 2 2,5 3 3,5 Pausenzeit pro Wanderung (h) 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 1 2 3 4 5 Gehgeschwindigkeit (km/h) 4 Ergebnisse | 100 0 Abb. 48: Prozentuale Verteilung der Wegschwierigkeiten der Wanderungen (n = 363). Weguntergründe Über die Hälfte der Wandertouren (n = 363) weisen im Schnitt einen hindernisreichen Un- tergrund auf (SD = 25%). Rund ein Viertel der Untergründe sind lose (SD = 16%) und 17 Prozent fest (Asphalt SD = 5% bzw. wassergebundene Decke SD = 20%). Ein kleiner Anteil von 0,4 Prozent (SD = 1.4%) besteht aus weichem Untergrund (siehe Abb. 49). Abb. 49: Prozentuale Verteilung der Weguntergründe der Wanderungen (n = 363). Wegbreiten und Steigungen Im Durchschnitt nutzen die Studienteilnehmenden überwiegend schmale Wege (M = 62%, SD = 24%), gefolgt vom mittelbreiten Wegen (M = 22%, SD = 17%) und schließlich breiten Wegen (M = 12%, SD = 21%)(siehe Abb. 50). Steigungen zwischen 10 und 20 Prozent (SD = 23%) sowie über 20 Prozent (SD = 27%) machen im Schnitt anteilig ähnlich je rund 3% 14% 26% 54% 0,4% Asphalt wassergebundene Decke Lose (Schotter & Geröll) Hindernisreich (Wurzeln, Fels) Weich (Wiese, Erde) M itt le re r P ro ze nt -A nt ei l d er W an de ru ng en Weguntergründe 25% 61% 7% 4% Gelber Wanderweg Roter Bergweg Schwarzer Bergweg Alpine Route / Klettersteig M itt le re r P ro ze nt -A nt ei l d er W an de ru ng en Wegschwierigkeiten 1 = einfach 2 = mittel 3 = schwer 4 = sehr schwer 12% 22% 62% > 2 m 1-2 m < 1 m Wegbreiten 11% 41% 43% < 10 % 10-20 % > 20 % Steigungen 4 Ergebnisse 101 | 101 40 Prozent der Wanderrouten aus. Flache Wegabschnitte bis zu einer Steigung von 10 Pro- zent (SD = 17%) sind in Relation mit 11 Prozent weniger vertreten. Abb. 50: Prozentuale Verteilung der Wegbreiten und Steigungen der Wanderungen (n = 363). 4.3 Vergleich der Tourenplanung mit der durchgeführten Wanderung Im Folgenden findet ein Vergleich zwischen der Tourenplanung und der durchgeführten Wanderung bezüglich der raumzeitlichen Parameter Zeit am Berg, Gehzeit, Höhenmeter und Schwierigkeit statt. Die geplante Schwierigkeit wird zunächst mit der tatsächlich maximal begangenen Wegschwierigkeit verglichen und in Relation zu der in Kapitel 4.1.4 individuell ermittelten theoretisch maximal begehbaren Wegschwierigkeit gemäß der Selbsteinschät- zung der Wanderfähigkeiten gesetzt. In einem weiterführenden Schritt wird die Schwierig- keit der gesamten Wanderung aus Sicht der Befragten betrachtet, um aus der Perspektive der Wandernden die Gesamtschwierigkeit bezogen auf die raumzeitlichen Parameter abzu- grenzen. Abschließend werden die genannten Gründe für problematisch empfundene Wan- derungen beleuchtet. Geplante und tatsächliche Zeit am Berg Es konnte kein signifikanter Unterschied zwischen geplanter und tatsächlicher Gesamtdauer mittels t-Test für verbundene Stichproben festgestellt werden, t(319) = -0.39, p = .70, n = 320 (siehe Abb. 51). Die befragten Wandernden waren also ohne signifikante Abwei- chungen im Durchschnitt innerhalb ihres Zeitbudgets unterwegs. 12% 22% 62% > 2 m 1-2 m < 1 m Wegbreiten 11% 41% 43% < 10 % 10-20 % > 20 % Steigungen 4 Ergebnisse | 102 102 Abb. 51: Mittelwerte der geplanten Gesamtzeit (n = 320) und Gehzeit (n = 218) im Vergleich zur tatsächlichen Gesamtzeit und Gehzeit der Wanderung. t-Test. Gesamtzeit p = .07. Gehzeit p = .77. Fehlerbalken re- präsentieren die Standardabweichung. Bei der explorativen Datenanalyse der zeitlichen Differenz zwischen der geplanten und tat- sächlichen Gesamtdauer der Wanderung wurden vier leichte und ein extremer Ausreißer identifiziert8. Unter diesen fünf Fällen, befand sich eine Wandergruppe, die auffällig länger (4:07 h) für ihre Tour gebraucht hat, als angegeben. Alle anderen Fälle waren auffällig kür- zer unterwegs (4:38 bis 6:09 h). Bei der Betrachtung der Einzelfälle wird ersichtlich, dass es sich bei den kürzeren Tou- ren um Abbrüche der Wanderung handelt („Tochter ging es nicht gut“, „Knieprobleme“, „aufziehendes Gewitter“). Bei dem Extremfall (6:09 h) handelt es sich um einen 67 Jahre alten Mann in einem elektrischen Rollstuhl in Begleitung von drei weiteren Personen ähnli- chen Alters. Es fand keine Tourenplanung im Vorfeld statt und aufgrund des Rollstuhls war nur eine Wanderung von 52 Minuten innerhalb des Zeitbudgets von 8 Stunden möglich. Bei der längeren Wanderung wurde die letzte Talfahrt der Elferbahn verpasst, sodass der Abstieg zu Fuß erfolgte und zusätzlich noch Zeit (ca. 1:30 h) im Tal verbracht wurde. Geplante und tatsächliche Gehzeit Auch bezüglich der geplanten und tatsächlichen Gehzeit lässt sich kein signifikanter Unter- schied feststellen, t(217) = 0.30, p = .77, n = 218 (siehe Abb. 51). Die explorative Datenanalyse deckte sechs leichte Ausreißer auf, von denen vier auffäl- lig längere (3:14 h bis 4:45 h) und zwei auffällig kürzere (3:38 h und 5:17 h) Gehzeiten aufweisen. Die beiden kürzeren Gehzeiten entsprechen den bekannten Fällen, bei denen 8 Leichte Ausreißer sind Werte, die mehr als das Eineinhalbfache außerhalb des Interquartilsabstandes (IQR) liegen. Extreme Ausreißer liegen mehr als das Dreifache außerhalb des IQR. Der IQR umfasst den Wertebereich, in dem die mittleren 50 Prozent der Daten liegen (Bühl, 2016, S. 276–279). 5,0 4,0 5,0 3,9 Gesamtzeit (n = 320) Gehzeit (n = 218) Ze it in S tu nd en (h ) geplant tatsächlich 669 715 696 737 Höhenmeter im Aufstieg (n = 260) Höhenmeter im Abstieg (n = 178) Hö he nm et er (h m ) geplant tatsächlich 4 Ergebnisse 103 | 103 auch die Gesamtzeit der Wanderung kürzer war als geplant. Von den vier längeren Gehzei- ten ist ein Fall derjenige, wo ebenfalls die Gesamtzeit aufgrund der verpassten Talfahrt länger war. Bei den restlichen drei Ausreißern mit längerer Gehzeit handelt es sich also um Fälle, wo die Gehzeit unterschätzt wurde, es aber keine Abweichungen zur geplanten Ge- samtzeit festgestellt werden konnten, ergo sich die Wandernden also noch innerhalb ihres Zeitbudgets befanden. Darüber hinaus wurden zweimal Wegfindungsprobleme als Grund für die längere Gehzeit genannt. Bei dem übrigen Fall handelt es sich um einen Naturfotogra- fen, der sich Zeit gelassen hat und seine Tour verlängert hat. Geplante und tatsächliche Höhenmeter Sowohl bezüglich der Höhenmeter im Aufstieg, t(259) = 1.10, p = .28, n = 260, als auch bezüglich der Höhenmeter im Abstieg, t(177) = 0.14, p = .89, n = 178, konnten keine sig- nifikanten Unterschiede festgestellt werden zwischen geplanter und tatsächlicher Wande- rung (siehe Abb. 52). Abb. 52: Mittelwerte der geplanten Höhenmeter im Vergleich zu den tatsächlichen Höhenmeter im Aufstieg (n = 260) und Abstieg (n = 178). t-Test. Aufstieg p = .28, Abstieg p = .89. Fehlerbalken repräsentieren die Standardabweichung. Insgesamt wurden bei der explorativen Datenanalyse 10 Ausreißer entdeckt, von denen sechs Fälle auffällig mehr Höhenmeter (ca. 280 hm bis 622 hm) und vier Fälle wesentlich weniger Höhenmeter (ca. 321 hm bis 507 hm) im Aufstieg aufweisen. Bei den sechs Fällen mit mehr Höhenmetern wurde viermal freiwillig weiter aufgestiegen aufgrund von gutem Wetter bei anfänglich unsicherer Wetterlage. Zweimal wurden die Höhenmeter im Aufstieg falsch eingeschätzt. Von den vier Fällen mit auffällig weniger Höhenmeter im Aufstieg wur- de zweimal die Tour abgebrochen (Gründe „Unwohlsein“, „Schuhprobleme“); einmal hat sich die Gruppe aufgeteilt (der eine Teil ist zum Gipfel aufgestiegen, der andere inkl. GPS- Logger verblieb unten) und in einem Fall wurde eine falsche Abzweigung genommen. Bei der explorativen Datenanalyse der Höhenmeter im Abstieg fielen 13 Ausreißer auf, von denen neun auffällig mehr Höhenmeter (ca. 261 hm bis 940 hm) und vier wesentlich 669 715 696 737 Höhenmeter im Aufstieg (n = 260) Höhenmeter im Abstieg (n = 178) Hö he nm et er (h m ) geplant tatsächlich 4 Ergebnisse | 104 104 weniger Höhenmeter (ca. 285 hm bis 440 hm) im Abstieg aufweisen. Von den neun Wande- rungen mit auffällig mehr Höhenmeter im Abstieg, wurden dreimal die Höhenmeter nicht richtig eingeschätzt, zweimal die Talfahrt der Elferbahnen verpasst und viermal die Wande- rung freiwillig z.B. aufgrund von gutem Wetter verlängert. Von den vier Wanderungen mit auffällig weniger Höhenmeter im Abstieg, wurden in einem Fall die Höhenmeter falsch ein- geschätzt, zweimal die Wanderung aufgrund des Wetters („Hitze“, „Gewitter“) und einmal aufgrund von Knieproblemen abgebrochen. Geplante und tatsächliche Schwierigkeit in Relation zur Selbsteinschätzung Die tatsächlich maximal begangene Wegschwierigkeit der Wanderung ist durchschnittlich höchst signifikant höher als die angegebene geplante Schwierigkeit, t(351) = 17.42, p < .001, n = 352 (siehe Abb. 53). Die Effektstärke nach Cohen (1988) liegt bei d = 0.92 und entspricht damit einem starken Effekt. Abb. 53: Mittelwerte der geplanten Schwierigkeit, der theoretisch maximal begehbaren Wegschwierigkeit (maxWS) gemäß der Selbsteinschätzung der tourenverantwortliche Personen (n = 362) und der unerfahrenste Personen (n = 340) und der tatsächlich maximal begangenen Schwierigkeit. Schwierigkeitsgrade 1 = leicht (Gelber Wanderweg), 2 = mittel (Roter Bergweg), 3 = schwer (Schwarzer Bergweg), 4 = sehr schwer (Alpine Route). t-Test. ***p < .001. Fehlerbalken repräsentieren die Standardabweichung. Ähnlich verhält es sich bezüglich der theoretisch maximal begehbaren Wegeschwierigkeit der befragten Wandernden (siehe Abb. 53), die in Kapitel 4.1.4 auf Basis der Selbstein- schätzung der Wanderfähigkeiten ermittelt wurde. Die tatsächlich maximal begangene Weg- schwierigkeit auf der Wanderung lag höchst signifikant über der Selbsteinschätzung der Wanderfähigkeiten sowohl der tourenverantwortlichen Person, t(361) = 6.49, p < .001, n = 363, als auch der unerfahrensten Begleitperson, t(339) = 9.83, p < .001, n = 340. Die Effektstärke bei der tourenverantwortlichen Person ist als schwach, d = 0.34, und bei der unerfahrensten Begleitperson als mittel, d = 0.53, einzuordnen. 1,8 1,8 2,4 2,2 2,7 2,7 1 2 3 4 tourenverantwortliche Person (n = 362) unerfahrenste Person (n = 340) Sc hw ie rig ke its gr ad 1 = leicht 2 = mittel 3 = schwer 4 = sehr schwer Geplante Schwierigkeit Selbsteinschätzung (maxWS) Tatsächliche Schwierigkeit *** *** *** *** *** *** 4 Ergebnisse 105 | 105 Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass nach diesen Ergebnissen, die tatsächliche Schwierigkeit der Wanderung im Vorfeld unterschätzt wurde und die vorhandenen Wander- fähigkeiten nicht den Anforderungen der begangenen Schwierigkeit entsprechen. Die prak- tische Bedeutsamkeit (Döring & Bortz, 2016) ist aber unter Berücksichtigung der Effekt- stärken ab einem mittleren Effekt nur für die unerfahrenste Begleitperson gegeben. Exkurs Schwierigkeitsbeurteilung der Wanderung In der Literatur gibt es keine einheitliche Abgrenzung der Gesamtschwierigkeit von Wande- rungen (siehe Kapitel 2.1.3). Ob beispielsweise eine Tour als leicht oder schwer empfunden wird, hängt häufig von der individuellen Wahrnehmung ab. Folgend wird die Schwierigkeit der Wanderung aus Sicht der Befragten bezogen auf die raumzeitlichen Parameter betrach- tet. Ziel ist die Identifikation von Gemeinsamkeiten in der individuellen Wahrnehmung, die sich für eine objektive Abgrenzung eignen könnten (siehe Tab. 32). Eingeschlossen in die Analyse wurden nur die Fälle, die gemäß des Post-Fragebogens erwartungsgemäß verlaufen sind (n = 165). Das heißt, es werden nur die Wandertouren un- tersucht, wo aus Sicht der Befragten die geplante Schwierigkeit mit der tatsächlichen Schwierigkeit übereingestimmt hat. Unter diesen waren 56 leichte, 89 mittelschwierige, 16 schwierige und 4 sehr schwierige Touren. Aufgrund der niedrigen Fallzahlen für schwierige und sehr schwierige Touren wurde der nicht parametrische Kruskal-Wallis-Test zur Überprüfung von Unterschieden zwischen den Schwierigkeitsgraden der gesamten Wanderung gewählt. Der Kruskal-Wallis-Test stellt höchst signifikante Unterschiede (p < .001) bezüglich der Strecken- und Bewegungspara- meter Distanz, Gesamtdauer der Wanderung, Gehzeit, Höhenmeter in Aufstieg und Abstieg, der Anteil von Gelben Wanderwegen und Schwarzen Bergwegen, Anteil an breiten Wegen über 2 Meter sowie Wegen mit einer Steigung von über 20 Prozent fest (siehe Tab. 32). Ebenfalls signifikant (p ≤ .05) erweisen sich die Variablen Anzahl an Pausen und Anteil an Wegen schmaler als 1 Meter. Die anschließend durchgeführten Post-hoc-Tests (Dunn-Bonferroni- Tests) zeigen, dass die Unterschiede mit starker Effektstärke (r ≥ .50) nach Cohen (1992) hauptsächlich zwischen leichten und schwierigen Wanderrouten bestehen. 4 Ergebnisse | 106 106 Tab. 32: Unterschiede in der Schwierigkeitsbeurteilung bezogen auf die raumzeitlichen Parameter Schwierigkeitsbeurteilung der Wanderung leicht mittel schwierig sehr schwierig total Test§ n 56 89 16 4 165 Distanz (km)*** 7.6ab 10.1a 15.4b 10.6 9.8 χ²(3) = 18.42 Gesamtdauer (hh:mm)*** 3:57ab 5:14a 6:20b 6:03 5:07 χ²(3) = 25.45 Gehzeit (hh:mm)*** 3:02ab 4:02a 5:18b 5:21 3:56 χ²(3) = 26.33 Pausenzeit (hh:mm) 0:59 1:07 1:05 0:58 1:02 χ²(3) = 2.61 Anzahl an Pausen* 1.5a 2.0 2.5a 1.0 2.0 χ²(3) = 10.15 Gehgeschwindigkeit (km/h) 2.8 2.6 2.8 2.4 2.7 χ²(3) = 2.39 Höhenmeter im Aufstieg*** 405ab 527ac 1190bc 838 504 χ²(3) = 39.37 Höhenmeter im Abstieg*** 436ab 579ac 1123bc 889 562 χ²(3) = 26.71 Gelbe Wanderwege†*** 19b 15a 9abc 32c 14 χ²(3) = 29.09 Rote Bergwege† 70 67 66 46 67 χ²(3) = 1.65 Schwarze Bergwege†*** 0ab 0ac 18bc 3 0 χ²(3) = 36.85 Alpine Routen / Klettersteige† 0 0 0 0 0 χ²(3) = 5.61 Breite Wege über 2 m†*** 4ab 2b 1a 11 3 χ²(3) = 27.18 Mittlere Wege 1-2 m† 17 17 15 17 17 χ²(3) = 0.66 Schmale Wege unter 1 m†* 62 72 79 49 71 χ²(3) = 9.82 Bis 10% Steigung† 7 2 1 6 2 χ²(3) = 7.60 10-20% Steigung† 32 29 27 38 29 χ²(3) = 2.46 Über 20% Steigung†*** 36ab 53a 61b 42 53 χ²(3) = 17.69 Asphalt† 2 2 1 1 2 χ²(3) = 4.24 Wassergebundene Decke† 2 0 0 12 0 χ²(3) = 3.02 Lose (Schotter & Geröll) † 18 20 24 20 21 χ²(3) = 1.01 Hindernisreich (Wurzeln & Fels)† 59 67 72 51 66 χ²(3) = 1.21 Weich (Wiese & Erde) † 0 0 0 1 0 χ²(3) = 5.39 Anmerkung. Mediane. †Mittlerer Prozent-Anteil. Buchstabensignaturen (a, b, c) = Effektstärken (r) nach Cohen (1992): stark, mittel, schwach. §Kruskal-Wallis-Test; *p ≤ .05, *** p ≤ .001 4 Ergebnisse 107 | 107 Analyse der Touren mit Schwierigkeiten Bei 45 Prozent (n = 165) der Probandinnen und Probanden verlief die Wanderung nicht er- wartungsgemäß. Anteilig genauso hoch mit 45 Prozent sind die Touren, die erwartungsge- mäß waren (n = 165). 10 Prozent der Fälle (n = 36) wurden aufgrund fehlender oder nicht vollständig ausgefüllter Post-Fragebögen ausgeschlossen. 9 Prozent (n = 34) aller Befragten gaben an, dass sie ihre Wanderung nicht wie ge- plant durchgeführt haben. Frei genannte Gründe für einen Abbruch der Tour waren körperli- che Beschwerden wie Knie- oder Kreislaufprobleme (n = 5); Wetterbedingungen wie Hitze, aufkommendes Gewitter oder Regen (n = 8); wahrgenommene Einschränkungen aufgrund der Kinder (n = 2) oder mitgeführter Hunde (n = 3) sowie einmal aufgrund von Schuhprob- lemen (n = 1). Genannte Gründe für eine Verlängerung der Tour waren zweimal die verpass- te Talfahrt der Elferbahnen (n = 2), zweimal freiwillig eine Erweiterung der Wanderung auf- grund guten Wetters (n = 2) und einmal ein spontanes Umentscheiden für eine andere Rou- te (n = 1). 27 Prozent (n = 75) aller Befragten hatten Probleme den Weg zu finden. Am häufigsten wurde angegeben, dass an manchen Kreuzungen nicht ganz klar war, wo die Route weiter- geht. Dementsprechend sind die Proband*innen falsch abgebogen (n = 14); sind einen Umweg gegangen (n = 12); oder haben sich verlaufen (n = 4). 8 Personen gaben an, öfter das Gefühl gehabt zu haben, nicht zu wissen, wo sie sind. Für 44 Prozent (n = 158) aller Befragten war die Schwierigkeit der Wanderung nicht angemessen. 87 Fälle haben kürzer und 29 Fälle länger für den Weg gebraucht als geplant. Weiter wurde angegeben, dass man am Ende der Tour sehr erschöpft war (n = 9); die Wege zu steil (n = 6) oder zu anspruchsvoll (n = 2) empfunden wurden; man gestolpert (n = 5) oder sich sogar verletzt hat (n = 2). In den freien Anmerkungen wurde zweimal der Schot- ter als mögliche Gefahr zum Ausrutschen genannt. 4 Ergebnisse | 108 108 5 Diskussion In diesem Kapitel erfolgt zunächst eine Reflexion des methodischen Vorgehens. Stärken und Limitationen werden erörtert, die bei der Interpretation der Ergebnisse Berücksichti- gung finden. Anschließend werden die Ergebnisse entlang der forschungsleitenden Frage- stellungen diskutiert, in den aktuellen Forschungsstand eingeordnet und bewertet. Die Er- kenntnisse werden mit Hinblick auf die übergeordnete Zielsetzung der Forschungsarbeit auf praktische Implikationen für Anforderungen an alpine Wanderleitsysteme hin analysiert. Diese werden nachfolgend in dem Abschnitt 5.3 zusammengefasst und diskutiert. 5.1 Diskussion der Methodik Mittels der Methodenkombination aus standardisierter Befragung (Pre/Post) und GPS- Logging konnten umfassende und detaillierte Daten über die Charakteristik der Bergwan- dernden und ihr raumzeitliches Verhalten im Stubaital gewonnen werden. Die anschließen- de Verschneidung mit den geographischen Merkmalen der Geodatenbank, erlaubte eine Verknüpfung der personenbezogenen Daten mit den Streckencharakteristika. Insbesondere konnte so ein aufschlussreiches Bild gewonnen werden bezüglich Diskrepanzen zwischen der Selbsteinschätzung von Wanderfähigkeiten, der Tourenplanung und den Anforderungen der durchgeführten Wanderungen. Unter Berücksichtigung der Post-Befragung war es zudem möglich weitere hintergründige Ursachen aufzudecken für Wanderungen, die nicht wie ge- plant durchgeführt werden konnten. Diese Form der Analyse des Risikopotentials kann wie- derum zu einem ergänzenden Ursachenbild der bisherigen Unfallstatistiken beitragen (z. B. DAV, 2020a; Österreichisches Kuratorium für Alpine Sicherheit, 2020b). Im Vergleich zu alternativen Methoden wie zum Beispiel die nicht-teilnehmende Beobach- tung oder ausschließlicher Befragung, wie sie häufig in bisherigen Studien zum Thema Bergwandern Verwendung fanden (z. B. Bach et al., 2007; Ortner et al., 2020), erlaubt der Einsatz des GPS-Loggings eine von menschlich subjekiver Wahrnehmung unabhängige Erfas- sung des raumzeitlichen Verhaltens. In Kapitel 3.3.1 (siehe Tab. 15) wurden bereits die Vor- und Nachteile sowie weitere alternative Erfassungsmethoden des GPS-Loggings disku- tiert. Aus der Retroperspektive lassen sich die Aussagen von Schamel (2017, S. 63–66) be- stätigen, dass mittels dieser Methode umfassende und detaillierte Informationen über die Stecken- und Bewegungsparameter der Wanderungen gewonnen werden können. In der Durchführung hat sich diese als unkompliziert und hinsichtlich der Teilnahmebereitschaft als hoch erwiesen. Auch eine Beeinflussung des Bewegungsverhaltens konnte nicht festge- stellt werden. Limitationen ergaben sich hinsichtlich der Logistik. Aufgrund der begrenzten Anzahl an verfügbaren GPS-Loggern musste die Ausgabe und Rückgabe am gleichen Tag und Ort erfolgen. Deswegen sind Tages- und Rundtouren überrepräsentiert und die Methode eignet 5 Diskussion 109 | 109 sich nur bedingt für die Erhebung von großen Stichproben. Die Rückgabe in der am Erhe- bungsort installierten Box erfolgte überwiegend problemlos und keines der ausgegebenen Geräte kam abhanden. Jedoch wurde des Öfteren die Rückgabe vergessen oder erfolgte ver- spätet. In einem Fall wurde der GPS-Logger sogar mit in die Heimat genommen. Das verur- sachte im Nachgang organisatorischen Mehraufwand, weswegen sich die Aufnahme von Kontaktdaten empfiehlt. Aufgrund der Ungenauigkeiten in der Positionsbestimmung, insbesondere in Waldge- bieten und Felsbereichen wie es Mansfeld (2010, S. 170–176) beschreibt, ergibt sich ein hoher Aufwand in der Post-Prozessierung der umfangreichen GPS-Daten. Vor allem die in Gebäuden verbrachten Pausen führten aufgrund des verlorenen Satellitenempfangs zu enormen Ausreißern in den GPS-Aufzeichnungen. Das wiederum erschwerte die automati- sche Detektion von Pausenzeiten. Diese werden im GPS-Track nicht als Stillstand, sondern größtenteils als permanente Bewegung verzeichnet. Die Bereinigung der GPS-Tracks, die Angleichung an die Wegenetzgeometrie für Verschneidungsoperationen und das Ermitteln von Aufenthaltszeiten hatten deswegen einen hohen manuellen Bearbeitungsaufwand zur Folge. Auch Rupf (2015, S. 234) und Schamel (2017, S. 192) kritisieren die fehlende Auto- matisierung in der GPS-Datenaufbereitung und sehen diesbezüglich Verbesserungsbedarf in den GIS-Anwendungen. Die in Zukunft zu erwartenden Weiterentwicklungen in der GPS- Technologie und integrierter automatischer Bewegungssensoren sowie der Ausbau des Sa- tellitensystems dürften vermutlich zur Verringerung des geschilderten Problems beitragen. Angesichts des im Kapitel 1.2 aufgeführten, lückenhaften Forschungsstandes über die Cha- rakteristiken und das Wegfindungsverhalten der Bergwandernden wurde in der vorliegenden Untersuchung ein explorativer Ansatz gewählt wie es Döring & Bortz (2016, S. 53f.) als Kri- terium für die Wahl der Untersuchungsart empfehlen. Um einen Überblick der wirkenden Einflussfaktoren zu gewinnen und mögliche Problembereiche zu identifizieren, wurde sich bei der Konstruktion der Fragebögen inhaltlich an dem konzeptionellen Analyserahmen ori- entiert (siehe Kapitel 2.2.2, Abb. 7). Damit einhergehend sind die Länge und Dauer der Be- fragung verbesserungsfähig. Gerade weil die Studienteilnehmenden zu Beginn ihrer Wande- rung befragt wurden und aufbrechen wollten, war mit einer reinen Befragungsdauer von rund 10 Minuten die Geduldsgrenze schnell erreicht. Die tiefergehende Betrachtung einzel- ner Themenbereiche und die Erhöhung der Inhaltsvalidität bestimmter Konstrukte (vgl. Dö- ring & Bortz, 2016, S. 199) erfordern unter Umständen mehr Items bzw. einer separaten Einzeluntersuchung. Dies hätte im Rahmen dieser Arbeit den Umfang deutlich überschrit- ten. Aus zeitsparenden Gründen wurden gemäß dem Vorgehen von Schamel (2017, S. 86) nicht alle Gruppenmitglieder befragt, sondern nur die tourenverantwortliche Person sowie die unerfahrenste Begleitperson. Das geschah aufgrund der Vorannahme, dass die unerfah- renste Person mutmaßlich das schwächste Mitglied ist und somit das Gesamtkönnen der 5 Diskussion | 110 110 Gruppe mitbestimmt. Eine Befragung aller Mitglieder bezüglich ihrer Wanderfähigkeiten würde eine genauere Bestimmung dessen erlauben. Aufgrund von Filterfragen und einigen komplexen Fragestellungen war zudem eine per- sönliche Durchführung der Vorbefragung notwendig. Das könnte zum Beispiel im Falle der Selbsteinschätzung der Wanderfähigkeiten zu einer positiveren oder negativeren Antwort- tendenz aufgrund von Selbstdarstellungs- oder Bloßstellungsgründen geführt haben (vgl. Döring & Bortz, 2016, S. 232f.). Wertvoll hingegen waren die aus den persönlichen Gesprä- chen gewonnenen Hinweise, die zur Optimierung der Fragebögen und zur qualitativen In- terpretation der quantitativen Daten hinzugezogen werden konnten. Weitere zeitliche Limitationen bedingten sich durch die in 2020 vorherrschende Covid- 19 Pandemie und den unsicheren aufgehobenen Reisebeschränkungen ab dem 15.06.2020. Der realisierbare Erhebungszeitraum umfasste insgesamt drei Wochen. Davon diente die erste Woche zur Überprüfung des Studiendesigns und der Optimierung der Fragebögen (sie- he Kapitel 3.3.2 Fragebogenkonstruktion). Im Zuge dessen wurden bestimmte Fragen gestri- chen, hinzugefügt oder in der Formulierung angepasst, was zu möglichen Kontexteffekten (vgl. Döring & Bortz, 2016, S. 251) geführt haben könnte. Bezogen auf die Repräsentativität und Übertragbarkeit der Ergebnisse sei zu beachten, dass die Datenerhebung eine Momentaufnahme von touristischen Wandernden im Sommer im Stubaital während der Covid-19 Pandemie darstellt. Möglicherweise kann dies zu Verzerrun- gen in der Stichprobenstruktur geführt haben, weil zum Beispiel Risikogruppen wie ältere Menschen weniger vertreten oder neue Nutzungsgruppen inkludiert sind, die das Wandern für sich neu oder wiederentdeckt haben. So könnte die vorliegende Untersuchung einen Einblick, in das Reise- und Erholungsverhalten von Wandernden unter der Besonderheit ei- ner weltweiten Pandemie geben. Kajala (2007, S. 89) und Schamel (2017, S. 90) stellen zudem heraus, dass eine Reprä- sentativität aufgrund einer nicht genau definierbaren Grundgesamtheit der Wandernden in den Alpen nicht möglich ist. Wie erwähnt wird im Rahmen dieser Untersuchung weniger ei- ne statistische Repräsentativität erstrebt, sondern die Gewinnung von neuen Erkenntnissen über das Wegfindungsverhalten anhand einer möglichst heterogenen Stichprobe (siehe Ka- pitel 3.4). Schamel (2017, S. 193) konstatiert, dass die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf- grund des Einflusses der jeweiligen Gebietscharakteristik auf andere alpine Destinationen nicht möglich sei, wohl aber die angewendete Methodik. Kajala (2007, S. 20–24) fordert eine gebietsübergreifende Standardisierung von Erhebungsmethoden des Visitor Monitorings in Naturgebieten für vergleichbare und reliable Langzeitdaten. Auch Muhar et al. (2002, S. 1) argumentieren, dass eine kurzfristige Datenerhebung von äußeren Faktoren beeinflusst wird und empfehlen ein langfristiges, standardisiertes Monitoring für eine Vergleichbarkeit der Besucher*innendaten. 5 Diskussion 111 | 111 Abschließend lässt sich konstatieren, dass mittels der gewählten Methodenkombination aus standardisierter Befragung (Pre/Post) und GPS-Logging trotz genannter Limitationen alle in Kapitel 1.3 gestellten forschungsleitenden Fragen beantwortet werden konnten, um aus den gewonnen Erkenntnissen Anforderungen an Wanderleitsysteme in alpine Destinationen abzuleiten. 5.2 Diskussion der Ergebnisse 5.2.1 Charakterisierung der Bergwandernden F1 Wie charakterisiert sich das Profil der Bergwandernden bezogen auf die sozio- demographischen Variablen, Motivation, Wandererfahrung, Selbsteinschätzung der Wanderfähigkeiten und Tourenplanung? Soziodemographie Alter, Geschlecht und Gruppenzusammensetzung Das Durchschnittsalter der Befragten lag mit rund 41 Jahren ca. 6 bis 11 Jahre unter dem Mittelwert der bekannten Wanderstudien. So betrug das durchschnittliche Alter in den bei- den nationalen Grundlagenstudien in 2010 47 Jahre und in 2014 52 Jahre (Dicks & Neumeyer, 2010, S. 10; Quack, 2014, S. 27). Der Wandermonitor berichtete 2015 ein Durchschnittalter von 51 Jahren und 2019 von 49 Jahren (Quack, 2015, S. 5, 2019, S. 8). Anzumerken ist hier, dass diese Studien den deutschen Wandermarkt untersucht haben und sich nicht speziell auf Berggebiete beziehen. Eine Vergleichbarkeit ist deswegen nur be- dingt möglich, dient aber zur groben Einordnung der Altersstruktur. Erhebungen in den Al- pen weisen zudem ähnliche Werte auf. So war die Stichprobe von Schamel (2017, S. 116) im Nationalpark Berchtesgaden durchschnittlich 49 Jahre alt. Die Marktforschung der Tirol Werbung GmbH (2018) ermittelte ein Durchschnittsalter von 50 Jahren der Wanderurlau- ber*innen. Diesen Wert erhob Peplinski (2015, S. 53) ebenfalls für die Besucher*innen des WildeWasserWegs im Stubaital. Aufschlussreicher als das durchschnittliche Alter ist für die Zielgruppenansprache die Altersverteilung. Die Aussage, dass in allen Altersgruppen gewandert wird (BTE & DWV, 2018, S. 5; Quack, 2014, S. 11), kann ebenfalls mit dieser Untersuchung bestätigt werden (siehe Kapitel 4.1.2, Abb. 13.). Auffällig ist der relativ geringe Anteil der über 60-Jährigen mit 12 Prozent. Im Vergleich lag der Anteil der über 60-Jährigen in der Vereinsmitglied- schaft des DAV 2019 bei rund 19 Prozent (DAV, 2020b), in der nationalen Wanderstudie (Quack, 2014, S. 11) bei 17 Prozent, im Wandermonitor (Quack, 2019, S. 5) bei 23 Prozent und in der Tiroler Studie von Ortner et al. (2020, S. 12) im Erhebungsjahr 2018 bei 24 Pro- zent. Der geringere Anteil der über 60-Jährigen könnte durch die Covid-19 Pandemie be- dingt sein. Diese Altersgruppe gilt als Risikogruppe, weswegen jene möglicherweise im 5 Diskussion | 112 112 Sommer 2020 zurückhaltender verreisten. Dieser Umstand ist auch ein möglicher Erklä- rungsgrund für das niedrigere Durchschnittsalter der Stichprobe. Die Beobachtung, dass das Wandern bei den jüngeren Alterskohorten beliebt ist, lässt sich bekräftigen. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 29 Jahren machen 38 Pro- zent der Stichprobe aus. Zum Vergleich liegt dieser Anteil in der Studie in Tirol (Ortner et al., 2020, S. 12) bei 19 Prozent und in der DAV Mitgliederstatistik (2020) bis 25 Jahre bei 26 Prozent. Betrachtet man den Anteil der Erwachsenen zwischen 20 und 40 Jahren liegt dieser bei 32 Prozent und somit bei rund einem Drittel. Ein ähnlicher Anteil findet sich im Wandermonitor (2019) mit 26 Prozent und bei Ortnel et al. (2020) mit 33 Prozent. Der Eindruck während der Befragung, dass viele mit der Familie wandern gehen, lässt sich zum einem durch den relativ hohen Anteil der Kinder (15%) untermauern, zum ande- ren anhand der Alterspanne innerhalb der Gruppen. 40 Prozent der Gruppen sind generati- onsübergreifend. 22 Prozent davon mit Kindern, die restlichen 18 Prozent mit einer Alters- spanne von über 20 Jahren. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um Erwachsene mit ihren eigenen Eltern. Die restlichen 60 Prozent aller Gruppen befinden sich innerhalb einer Gene- ration, wandern also folglich vermutlich mit der Partnerin oder dem Partner bzw. mit Freund*innen. Dieser Wert gleicht dem von Bach et al. (2007, S. 46). Schamel (2017, S. 116f.) stellte ebenso eine annährend ähnliche Verteilung fest. Generationsübergreifende Gruppen machen dort rund 30 Prozent und generationsgleiche Gruppen circa 70 Prozent aus. Gruppen mit Kindern sind bei Schamel ebenfalls mit einem Anteil von 15 Prozent ver- treten (ebd.). Bekräftigend lässt sich konstatieren, dass Wandern eine soziale Aktivität ist. So sind unter der Stichprobe nur 6 Prozent Einzelwandernde vertreten. Auch bei Schamel (2017, S. 116) ist dieser Anteil mit 4 Prozent gering. Bei Bach et al. (2007, S. 46) sind es ebenfalls nur 8 Prozent. Dass meistens mit der Familie (44%) und mit Freund*innen (41%) gewan- dert wird, bestätigen ebenfalls Ortnel et al. (2020, S. 18f.). Einzelwandernde in der Studie aus Tirol machen dort 12 Prozent aus. Die durchschnittliche Gruppengröße der vorliegen- den Untersuchung kongruiert mit 2,9 Personen zu den Werten vorhandener Wanderstudien (Muhar et al., 2007, S. 10; Quack, 2019, S. 15; Schamel, 2017, S. 116). Auch das ausgegli- chene Geschlechterverhältnis lässt sich studienübergreifend vorfinden (Ortner et al., 2020, S. 12; Quack, 2019, S. 8; Schamel, 2017, S. 114). Die These von Schamel (2017, S. 117), dass aufgrund des relativ höheren Anteils an reinen Männergruppen (21%), Frauen primär mit Familie und Partner und Männer auch öfter unter sich wandern, lässt sich in dieser Un- tersuchung nicht bestätigen. Der Anteil der reinen Frauengruppen liegt mit 6 Prozent auf einem ähnlich Niveau wie der von reinen Männergruppen (siehe Kapitel 4.1.2, Abb. 16). 5 Diskussion 113 | 113 Herkunft Der Großteil der Befragten im Stubaital kam mit 62 Prozent aus Deutschland, gefolgt von Österreich mit 24 Prozent. Bei der Interpretation der Daten ist zum einem die Besonderheit des Erhebungszeitraums während der Covid-19 Pandemie zu berücksichtigen, zum anderen, dass bei der Befragung Einheimische des Stubaitals ausgeschlossen wurden. Im Vergleich zu den allgemeinen touristischen Übernächtigungszahlen im Sommer 2020 in Tirol ist der Anteil der Österreicher*innen etwas niedriger (15%), der Anteil der Deutschen ähnlich (60%)(Tirol Werbung GmbH, 2020a). Diese Verteilung wiederum entspricht in etwa den Übernachtungszahlen in Tirol aus 2018 (ebd., 2018). Betrachtet man die Zahlen aus Wan- derstudien in Tirol, zeichnet sich eine ähnliche Verteilung der Herkunftsländer. Bei Muhar et al. (2007, S. 9) stammen 43 Prozent der Wandernden aus Deutschland und 35 Prozent aus Österreich. Ortnel et al. (2020, S. 12) erhoben einen Anteil von 60 Prozent aus Deutschland sowie 29 Prozent aus Österreich. Bezüglich des Herkunftslandes kann man also keinen auffälligen Einfluss aufgrund der Pandemie erkennen. Lediglich anhand der erhobenen Kommentare, lässt sich darauf schlie- ßen, dass einige Studienteilnehmenden anstelle von Flugreisen, die nahegelegenen Alpen bevorzugt haben (siehe Kapitel 4.1.6 Bemerkungen). Die Verteilung der Herkunft nach Bun- desländer (siehe Kapitel 4.1.2, Abb. 17 + Abb. 18) spiegelt einerseits die Bevölkerungs- dichte, andererseits die Nähe zum Untersuchungsgebiet wider. Grundsätzlich kann man folglich davon ausgehen, dass der Großteil der Wandernden in den Tiroler Alpen deutsch- sprachig ist. Motivation Das wichtigste Motiv zum Wandern im Stubaital ist für die Befragten das Naturerlebnis (sie- he Kapitel 4.1.3, Abb. 20). Studienübergreifend und altersunabhängig stellt das Erleben von Natur und Landschaft stets den wichtigsten Beweggrund dar (Dicks & Neumeyer, 2010, S. 34; Fischer et al., 2015, S. 66; Muhar et al., 2006, S. 10; Ortner et al., 2020, S. 24f.; Quack, 2015, 2018; Rupf, 2015, S. 154; Schamel, 2017, S. 125). Das zweitwichtigste Motiv in der Befragung ist die Geselligkeit, also die gemeinsame Unternehmung mit der Familie und den Freund*innen. Dies bekräftigt einmal mehr, dass das Wandern überwiegend eine soziale Aktivität ist, wie es schon während der Datenerhe- bung beobachtet und über die Gruppenzusammensetzung festgestellt wurde. Dementspre- chend liegt das Motiv des Alleinseins auf dem letzten Rang. Auch in weiteren Studien ge- hört der soziale Aspekt zu den wichtigsten Gründen beim Wandern, steht aber nicht direkt an zweiter Stelle (Dicks & Neumeyer, 2010, S. 34; Muhar et al., 2006, S. 10; Ortner et al., 2020, S. 24f.; Quack, 2015; Rupf, 2015, S. 154; Schamel, 2017, S. 125). Während der Covid- 19 Pandemie hat das Spazieren und Wandern in der freien Natur als eine der wenigen so- zialen Aktivitäten beobachtungsgemäß stark an Bedeutung gewonnen, was sich in der vor- liegenden Untersuchung womöglich bemerkbar macht. 5 Diskussion | 114 114 Ein weiterer wichtiger Aspekt beim Wandern im Stubaital ist die Erholung und Alltagsflucht. Auch dies lässt sich studienübergreifend bestätigen. So steht die Erholung bei Dicks & Neumeyer (2010, S. 34) sowie bei Muhar et al. (2006, S. 10) an zweiter und bei Rupf (2015, S. 154) an dritter Stelle. Dicks & Neumeyer (2010, S. 34) stellten zudem fest, dass das Motiv Abstand vom Alltag gewinnen in allen Altersklassen bedeutsam ist, aber beson- ders für die berufstätigen Altersgruppen eine wichtigere Rolle spielt. Auch bei Ortner et al. (2020, S. 24f.) steht das Motiv der Alltagsflucht an zweit wichtigster Stelle. Bewegung und Gesundheit (Quack, 2015, 2018; Rupf, 2015, S. 154) sind beim Wandern wichtiger als sportliche und leistungsorientierte Motive (ebd.; Fischer et al., 2015, S. 66). So hat in dieser Untersuchung der Motivfaktor Fitness und Sport ebenso nur eine mittlere Bedeutsamkeit. Schamel (2017, S. 164f.) stellte ferner fest, dass für die Gruppe der erfah- renen Bergsteigenden das sportliche Motiv wiederum relevanter ist. Lernen und Wissen – im Sinne von etwas über die Region und die Natur lernen sowie etwas von den eigenen Fähigkeiten und Wissen weitergeben – ist für die Studienteilneh- menden ebenfalls weniger erheblich. Wandererfahrung und -fähigkeiten Bergwandererfahrung und Gebietskenntnis Die Einteilung der Stichprobe in unterschiedliche Erfahrungstypen ergab, dass alle Grade von Anfänger*innen über Lokale Wandernde bis hin zu Wanderexpert*innen mit und ohne Ortskenntnis vertreten sind (siehe Kapitel 4.1.4, Abb. 21). Dabei zeigte sich, dass der Anteil der Anfänger*innen – also die Personen, die wenig Bergwandererfahrung und keine Ge- bietskenntnis haben – rund ein Drittel der Befragten ausmachen. Eine annähernd ähnliche Häufigkeitsverteilung der Erfahrungstypen konnte ebenfalls Schamel (2017, S. 121) nach- weisen. Auch gemäß Ortner et al. (2020, S. 15f.) waren rund ein Drittel der Probandinnen und Probanden „unerfahren“ bis „wenig erfahren“. Der relativ hohe Anteil der Anfän- ger*innen spiegelt die beobachtete, gestiegene Nachfrage und zunehmende Beliebtheit des Wanderns wider (siehe Kapitel 1.1). Darüber hinaus offenbarte sich in der vorliegenden Untersuchung, dass gut zwei Drittel (75%) der Befragten keine Mitglieder in einem Wanderverein sind. Zudem konnte ein hoch signifikanter Unterschied zwischen der Mitgliedschaft im Wanderverein und dem Erfah- rungstypen festgestellt werden. Der Anteil der Anfänger*innen unter den Nicht-Mitgliedern ist im Vergleich zu den anderen Erfahrungsgraden am größten (40%). Auch Ortner et al. (2020, S. 14) zeigten auf, dass die Mehrheit der Wandernden in Tirol nicht Mitglied im Al- penverein sind (59%). Dies war ebenso bei Bach et al. (2007, S. 45) der Fall (79% Nicht- Mitglieder). 5 Diskussion 115 | 115 Selbsteinschätzung der Wanderfähigkeiten Im Mittel schätzen sich die Befragten bezüglich der grundlegenden Fähigkeiten Kondition, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit durchschnittlich bis gut ein (siehe Kapitel 4.1.4, Abb. 22). Dabei wird die Kondition tendenziell eher durchschnittlich und die Trittsicherheit sowie Schwindelfreiheit eher gut eingeschätzt. Bei Schamel (2017, S. 127f.) findet sich ein ähnli- ches Ergebnis. Während die Kondition durchschnittlich eingeschätzt wurde, wurde sich be- züglich der Trittsicherheit deutlich besser eingeschätzt. Bei Gey (2017, S. 31f.) hingegen beurteilten sich die Studienteilnehmenden bezüglich aller Wanderfähigkeiten im Mittel als gut. Anzumerken ist, dass die Kondition in dieser Untersuchung mit mehr Items (4) abge- fragt wurde, als Trittsicherheit (2) sowie Schwindelfreiheit (1) und darüber hinaus mit kon- kreten Zeitangaben. Dadurch wird vermutlich die Einschätzung der Kondition greifbarer als die der Trittsicherheit und Schwindelfreiheit. Außerdem ist Kondition ein eher alltagsge- bräuchlicher Begriff. Zudem kann eine positivere Antworttendenz aus Selbstdarstellungs- gründen aufgrund der persönlichen Befragung nicht ausgeschlossen werden. Im Vergleich zwischen der tourenverantwortlichen Person und der unerfahrensten Begleitper- son zeigten sich signifikante Unterschiede hinsichtlich der Kondition und Trittsicherheit, indes aber nicht für die Schwindelfreiheit. Bach et al. (2007, S. 10) beobachteten im Feld zudem deutliche Kompetenzunterschiede innerhalb von Wandergruppen. Die tourenverant- wortlichen Personen schätzen sich in ihrer Kondition und Trittsicherheit signifikant besser ein, jedoch sind die Effektstärken schwach einzuordnen. Auch hier kann ein Einfluss auf- grund der öffentlichen Befragung und damit des öffentlichen Vergleichs zwischen den Per- sonen nicht ausgeschlossen werden, die möglicherweise eine positivere Antworttendenz verursachte, um beispielsweise Bloßstellung zu vermeiden. Darüber hinaus ist die unerfah- renste Person nicht zwangsläufig aufgrund fehlender Erfahrung schwächer in den Wanderfä- higkeiten als die tourenverantwortliche Person. All dies könnten Gründe für den nur schwach ausgeprägten Unterschied sein. Innerhalb der Gruppe zeigten sich überwiegend keine bis leichte Differenzen. Aller- dings lag der Anteil der mäßigen bis sehr starken Differenzen konträrer weise bei der Schwindelfreiheit bei rund 18 Prozent und damit im Vergleich am größten (siehe Kapitel 4.1.4, Abb. 23). Der Unterschied war bei Schamel (2017, S. 131) mit sogar 40 Prozent ebenfalls am stärksten. Weiter gaben über ein Drittel der Befragten an, dass sie aus Rücksicht auf ihre Begleitung eine kürzere bzw. leichtere Tour gewählt haben. Auch bei Schamel (2017, S. 131) nahmen rund 30 Prozent soziale Einschränkungen aufgrund von Begleitpersonen wahr. 15 Prozent der vorliegenden Untersuchung hatten zudem körperliche Einschränkungen schon vor der Wanderung. Die häufigste Form der körperlichen Beschwerde sind Knieprob- 5 Diskussion | 116 116 leme. 8 Prozent dieser Stichprobe waren davon betroffen. Auch diese Werte sind annährend analog zu denen von Schamel (2017, S. 130f.). Laut Anforderungsprofil wäre für diese Per- sonen theoretisch nur die einfache Wegekategorie der Gelben Wanderwege angemessen (siehe Kapitel 2.1.4, Tab. 12). Anspruchsvollere Wege verlangen mindestens eine gute kör- perliche Verfassung. Hinsichtlich der weiteren Anforderungen Ausrüstung zum Bergwandern und Orientierungs- sinn schätzen sich die Probandinnen und Probanden ähnlich zu den grundlegenden Fähig- keiten durchschnittlich bis gut ein (siehe Kapitel 4.1.4, Abb. 25). Bezüglich Wissen um Si- cherungstechniken und Klettererfahrung fällt die Bewertung unterdurchschnittlich aus. Die- ses Ergebnis deckt sich gleichfalls mit dem von Schamel (2017, S. 127f.). Während Ausrüs- tung und Orientierungssinn besser als durchschnittlich eingeschätzt wurden, wies der Groß- teil der Befragten wenig Wissen um Sicherungstechniken und Klettererfahrung auf (ebd.). Dies lässt sich vermutlich auf den Umstand zurückführen, dass rund ein Drittel der Stich- probe Anfänger*innen sind. Auch weisen die im Vergleich höheren Standardabweichungen auf eine Unsicherheit bei der Beantwortung der Frage hin. Im Vergleich schätzen sich die tourenverantwortlichen Personen in allen genannten weiteren Fähigkeiten höchst signifikant besser ein als die unerfahrensten Begleitpersonen. Jedoch sind auch hier die Effektstärken schwach. Gruppenintern finden hinsichtlich der sekundären Fähigkeiten ebenfalls überwiegend keine bis leichte Unterschiede (siehe Kapitel 4.1.4, Abb. 26). Bezüglich der Ausrüstung scheinen die Gruppenmitglieder recht homogen ausgestattet zu sein. Die Diskrepanz ist in punkto Orientierungssinn mit rund 26 Prozent (mäßige bis sehr starke Differenzen) am größten. Ferner sind diese Werte deckend mit denen von Schamel (2017, S. 131). Bei über 80 Prozent der Gruppen traten bezogen auf alle Fähigkeiten „keine“ bis „wenige“ Unter- schiede auf. „Mäßig“ bis „starke“ Unterschiede waren hinsichtlich der Ausrüstung mit 9 Prozent gering und bezüglich des Orientierungssinns mit 30 Prozent am stärksten (ebd.). Zusammengefasst schätzen sich die tourenverantwortlichen Personen hinsichtlich der Tritt- fähigkeit und die unerfahrensten Begleitpersonen bezüglich der Schwindelfreiheit mit gut und damit am stärksten ein. Klettererfahrung wird von beiden Personengruppen am schwächsten eingestuft. Dieses Ergebnis wird untermauert durch die empirischen Daten von Schamel (2017, S. 127f.). Bei ihm haben sich die Probandinnen und Probanden ähnlich am stärksten bezüglich Trittsicherheit und am schwächsten hinsichtlich der Klettererfahrung eingeschätzt (ebd.). Innerhalb der Gruppen ist die Diskrepanz bezüglich Orientierungssinn und Schwindelfreiheit am stärksten und hinsichtlich Ausrüstung am geringsten. Dieses Er- gebnis wird ebenfalls unterstützt durch Schamel (2007, S. 131). 5 Diskussion 117 | 117 Bei der Begriffsspezifizierung der Anforderungsparameter (siehe Kapitel 2.1.4) kristallisier- te sich außerdem heraus, dass die Wanderfähigkeiten miteinander zusammenzuhängen scheinen. So liegt die Vermutung nahe, dass eine hohe Schwindelfreiheit förderlich für die Trittsicherheit ist oder eine Person mit viel Klettererfahrung ebenfalls Wissen über Siche- rungstechniken besitzt. Die Korrelationsanalyse bestätigte einen höchst signifikanten Zu- sammenhang aller Fähigkeiten untereinander. Anhand der Effektstärken konnten jedoch nur mittelstarke Korrelationen zwischen Trittsicherheit und Schwindelfreiheit bzw. Sicherungs- techniken und Klettererfahrung festgestellt werden. Einen starken Effekt weist hingegen der Zusammenhang zwischen Ausrüstung und Trittsicherheit auf. Laut Expertenmeinungen der Bergwacht (Bach et al., 2007, S. 12f.) wird unzureichendes Schuhwerk als ein Einflussfak- tor auf mangelnde Trittsicherheit eingeschätzt. Dieser Zusammenhang konnte von Bach et al. (2007, S. 56) statistisch nicht nachgewiesen werden. Pocecco et al. (2020) konnten ebenfalls keinen spezielle Schuhart bestimmen, die in Zusammenhang mit Unfällen steht. Theoretisch maximal begehbare Wegschwierigkeit Basierend auf der Selbsteinschätzung der Wanderfähigkeiten wurde die theoretisch maximal begehbare Wegeschwierigkeit gemäß der Bergwegeklassifizierung des Untersuchungsgebiets Tirol für die Studienteilnehmenden berechnet (siehe Kapitel 4.1.4, Abb. 27). Demnach wäre für den Großteil der Befragten (56%) der Rote Bergweg die maximal begehbare Wegschwie- rigkeit. Diese Kategorie repräsentiert mittelschwierige Bergwege und ist demnach für das Mittel der Wandernden zumindest theoretisch begehbar. Rund einem Drittel (35%) ist der schwere Schwarze Bergweg theoretisch zuzutrauen. Dieser Anteil entspricht in etwa dem der Wanderexpert*innen mit Ortskenntnis. Lediglich 1 Prozent der Befragten wäre der sehr schweren Alpinen Route fähig. Diese erfordert laut Anforderungsprofil in allen Punkten sehr gute Wanderfähigkeiten. Einerseits ist hier eine Minderheit zu erwarten, andererseits kann es aufgrund der persönlichen Befragung vorgekommen sein, dass einige aufgrund von Be- scheidenheitsgründen nicht bei allen Items die beste Bewertung angegeben haben, obwohl dies womöglich tatsächlich zutreffend gewesen wäre. Nur knapp 9 Prozent der Stichprobe wurde der leichte Gelbe Wanderweg zugeordnet. Auf- grund des relativ hohen Anteils von knapp einem Drittel an Anfänger*innen wäre hier ein höherer Wert zu erwarten gewesen. Die Vermutung liegt nahe, dass sich ein gewisser Anteil aufgrund von fehlender Erfahrung und Vorstellungskraft in ihren Wanderfähigkeiten über- schätzen. Dafür spricht auch, dass diejenigen, die nach ihrer Selbsteinschätzung theore- tisch maximal die Wegekategorie Gelber Wanderweg gehen können, mit rund 40 Prozent ei- ne schwerere Wanderung planten (siehe Kapitel 4.1.5, Tab. 30). Generell konnte festge- stellt werden, dass die geplante Schwierigkeit in allen Wegekategorien von der gemäß der Selbsteinschätzung theoretisch begehbaren Wegekategorie in großen Anteilen abweicht. Dabei wurde mit steigender Wanderkompetenz, tendenziell eine leichtere Tour gewählt. 5 Diskussion | 118 118 Außerdem lässt sich eine Tendenz zur Mitte in der Selbsteinschätzung der Anforderungspa- rameter beobachten. Die Verteilung der Antworten wäre womöglich bei einer privaten Be- antwortung der Wandernden anders ausgefallen. Die berechnete theoretisch maximal be- gehbare Wegschwierigkeit eignet sich somit nur unter Vorbehalt dazu, die tatsächliche be- gehbare Wegschwierigkeit zu bestimmen. Dies soll aber in der vorliegenden Untersuchung zur Einordnung der Ergebnisse des GPS-Loggings und der geographischen Analysen dienen, um Informationen zur besseren und realistischeren Selbsteinschätzung zu spezifizieren. Tourenplanung Die Tourenplanung ist ein wesentliches Element des Risikomanagements beim Wandern in den Bergen. 12 Prozent der Befragten haben keine Tourenplanung im Vorfeld durchgeführt. Ortner et al. (2020, S. 14) stellten fest, dass rund 8 Prozent nie eine Tourenplanung durch- führen. Demgegenüber planen knapp 30 Prozent immer die Tour im Voraus (ebd.). Bei Gey (2017, S. 35) lag der Anteil der Nichtplanung bei rund 20 Prozent. Doppelt so viel mit ei- nem Anteil von 40 Prozent haben sich in der Studie von Schamel (2017, S. 118) nicht über ihre Wanderung informiert. Schamel stellte zudem fest, dass die Vorbereitungszeit mit Län- ge und Schwierigkeit der Wanderung variiert (2007, S. 117). So ist anzunehmen, dass für kurze, leichte Wanderungen eher keine Tourenplanung durchgeführt wird. Während der Be- fragung wurde zudem beobachtet, dass vor allem am ersten Tag des Urlaubes keine speziel- le Planung stattgefunden hat. Der Tag der Ankunft wurde zur Orientierung genutzt. Obwohl knapp 50 Prozent von denjenigen, die keine Tour geplant haben, Anfänger*innen sind, konnte kein statistischer Unterschied zwischen Tourenplanung und Erfahrungstyp festge- stellt werden. Hingegen fand mit zunehmender Wanderkompetenz, signifikant öfter eine Routenplanung statt. Ein weiterer Eindruck während der Befragung war darüber hinaus, dass nur die wenigsten sehr konkret ihre Wanderung geplant haben. Für die Antworten be- züglich Dauer und Höhenmeter zum Beispiel wurde häufig länger überlegt und es wurden grobe Angaben gegeben. Zudem konnte festgestellt werden, dass vor allem bei der Ein- schätzung der Höhenmeter rund ein Drittel keine Antwort geben konnten. Im Vergleich wa- ren dies bei der Einschätzung der Schwierigkeit nur 3 Prozent und bei der Gehzeit 8 Pro- zent. Informationsquellen Am häufigsten wurde sich gleichermaßen über Printmedien (Wanderführer, Broschüren, Kar- ten) und Digitalmedien (Websites, Apps) mit jeweils rund 30 Prozent über die Wanderung informiert (siehe Kapitel 4.1.5, Abb. 32). Danach folgten persönliche Informationsquellen wie Empfehlungen von Bekannten oder der Touristeninformation mit rund 17 Prozent. An- teilsmäßig in etwa gleich war der Ort schon bekannt bzw. wurde sich nicht speziell infor- miert (18%). 5 Diskussion 119 | 119 Je nach Erhebungsjahr, Untersuchungsgebiet und Formulierung der Frage sowie Antwort- möglichkeiten variiert der Anteil der Informationsquellen in anderen Wanderstudien. Eine Vergleichbarkeit ist somit nur bedingt gegeben, dennoch können Tendenzen abgelesen und die Ergebnisse interpretativ eingeordnet werden. So stellten bei Bach et al. (2007, S. 48) die persönlichen Informationen durch Freund*innen und Bekannte mit 70 Prozent und Printmedien (Wanderliteratur, Karten) mit 65 Prozent die wichtigsten Quellen zur Tourenplanung dar, während das Internet im Erhebungsjahr 2005 mit 20 Prozent eine untergeordnete Rolle spielte. In der Grundlagenstudie von 2010 (Dicks & Neumeyer, 2010, S. 86) ist das Verhältnis umgekehrt. So ist für 62 Prozent der Befragten das Internet während des Wanderurlaubes die wichtigste Informationsquelle. Freund*innen, Familie und Bekannte werden mit 26 Pro- zent genannt und Printmedien sind mit nur 3 Prozent anteilsmäßig marginal vertreten. Auch in der Studie der BTE Tourismus- und Regionalberatung und des Deutschen Wan- derverbands zum digitalen Verhalten von Wandernden aus dem Jahr 2018 war das Internet mit 62 Prozent die wichtigste Quelle zur Planung der Wanderung (BTE & DWV, 2018, S. 18). Ebenfalls anteilsmäßig stark vertreten waren die Empfehlungen von Freund*innen und Be- kannten (57%) und die persönliche Erfahrung (47%). Printmedien sind mit 24 Prozent weni- ger relevant (ebd.). Interessant ist, dass in dieser Studie differenziert wurde zwischen In- spiration und Information. In der Inspirationsphase waren die persönlichen Empfehlungen von Freund*innen und Bekannten (58%) wichtiger als das Internet (42%)(ebd., S. 16). Bei Ortner et al. (2020, S. 19) waren bei der Befragung von Bergwandernden in Tirol im Erhebungsjahr 2018 wiederum Freund*innen und Familie mit 27 Prozent, gefolgt von di- gitalen Medien mit 23 Prozent die Informationsquellen der Wahl – wohlbetonend dass auch Printmedien wie Wanderführer, Broschüren und Magazine nach wie vor häufig genutzt wer- den. Schamel (2017, S. 117f.) untersuchte außerdem die Verteilung der Informationsquellen in Abhängigkeit vom Alter. Er stellte fest, dass in der Altersgruppe der jungen Erwachsenen Internetquellen (56%) bedeutsamer als Printmedien (19%) sind. Bei Erwachsenen im Alter von 40 bis 59 Jahren sind die Printmedien (39%) marginal relevanter als das Internet. In der höchsten Altersklasse ab 70 Jahren sind die persönlichen Informationsquellen am wich- tigsten, dennoch ist das Internet mit 24 Prozent vertreten. Zudem stellte er fest, dass über die Hälfte der Wandergruppen mit einem Mitglied von mindestens 60 Jahren oder älter sich gar nicht informiert hat (ebd.). Auch in dieser Untersuchung konnte beobachtet werden, dass die digitalen Medien in der Altersklasse der jungen Erwachsen zwischen 20 und 29 Jah- ren häufiger genutzt werden als Printmedien (siehe Kapitel 4.1.5, Abb. 33). Bis zu einem Alter von 49 Jahren spielen gedruckte und digitale Medien eine gleichwertige Rolle. Von da an nimmt der Anteil der Digitalmedien kontinuierlich mit dem Alter ab, ist aber trotzdem in der höchsten Altersklasse über 70 Jahren noch mit einem Anteil von 16 Prozent vertreten. 5 Diskussion | 120 120 Im Gegensatz zu Schamels Studie sind die persönlichen Informationsquellen nicht die wich- tigsten in den hohen Altersklassen, sondern es sind die Printmedien. Analog lässt sich al- lerdings beobachten, dass der Anteil derjenigen ab einem Alter von 60 Jahren im Vergleich am größten ist, die sich nicht speziell informiert haben und der Ort schon bekannt ist. Dicks & Neumeyer (2010, S. 87) stellten ebenfalls eine Abhängigkeit der Internetnutzung vom Alter fest. So verwenden 77 Prozent der 25- bis 44-Jährigen im Vergleich zu 35 Prozent der 65-Jährigen und älter das Internet zur Information. Betont wird, dass über alle Altersklas- sen hinweg das Internet die wichtigste Quelle darstellt (ebd.). Studienübergreifend lässt sich also feststellen, dass vermutlich aufgrund der fortge- schrittenen Digitalisierung das Internet als Informationsquelle mittlerweile in jedem Alter genutzt wird. Darüber hinaus sind sowohl die klassischen Printmedien als auch die persönli- chen Empfehlungen nach wie vor übergreifend relevant. Diejenigen, die sich in der vorliegenden Untersuchung über das Internet informiert haben, tun dies anteilsmäßig am meisten auf der Website des Stubaitals. Auch die Studie zum digitalen Wanderverhalten bestätigt, dass auf die Website der Region im Vergleich am häufigsten zurückgegriffen wird (BTE & DWV, 2018, S. 18). Oft genutzte Online Tourenpla- nungsportale sind u. a. bergfex.at, komoot.de, bergsteigen.com, outdooractive.com und al- menrausch.at. Im Verhältnis wird die App des Stubaitals (2%) weniger genutzt zur Touren- planung als andere Apps (6%) wie komoot, bergfex oder outdooractive. Bereits Dreyer et al. (2010, S. 281) erkannten, dass das Angebot an Online- Tourenplanungsportalen immer größer wird und diese vermehrt genutzt werden. Dabei gibt es neben redaktionell betriebenen Websites wie zum Beispiel alpenvereinaktiv.com eine Vielzahl an sozialen Plattformen (z. B. komoot und outdooractive), auf denen die Nut- zer*innen ihre Touren planen und teilen können. Der hohe Anteil der persönlichen Empfeh- lungen zur Inspiration und Information in den Wanderstudien bieten einen möglichen Er- klärungsgrund, warum die sozialen Planungsplattformen eine Beliebtheit erfahren. Dennoch lässt sich in den vergangenen Jahren ein Qualitätsmanagement in Form von kostenpflichti- gen Premium Angeboten erkennen, die u. a. damit beworben werden, dass die Tourenvor- schläge von professionellen Wanderführerverlagen stammen (vgl. Outdooractive AG, 2020). Zusätzlich werden detaillierte Wanderkarten und weitere Services wie z. B. 3D-Planung und Informationen zur Hangneigung zur Verfügung gestellt. Fraglich ist, inwieweit diese Ange- bote vor allem von weniger erfahrenen Wandernden genutzt werden, zumal die kostenfreien Tourenvorschläge leichter zugänglich sind. 5 Diskussion 121 | 121 Orientierungsmittel Die Ergebnisse bestätigen mit 58 Prozent, dass die Wegbeschilderung das präferierte Orien- tierungsmittel während der Wanderung ist (siehe Abb. 34)(BTE & DWV, 2018; Dicks & Neumeyer, 2010, S. 77, 88; Fischer et al., 2015, S. 48–51; Schamel, 2017, S. 169f.). Tab. 33: Studienvergleich Orientierungsmittel beim Wandern (Quelle: Eigene Zusammenstellung) BTE & DWV, 2018* Schamel, 2017, S. 169f. Fischer et al., 2015, 48-51 Dicks & Neumeyer, 2010, S. 88 Eigene Datenerhebung, 2020 Wegweiser 77% 65% 63% 90%** 58% Wanderkarte 46% 38% 16% 32% 10% Wanderführer, Broschüre 23% 10% 9% 10% 13% Smartphone 37% 6% 2% 2% 13% GPS-Gerät 22% 3% 3% 3% 1% Kompass - - - 2% 0.3% keine Hilfsmittel / Weg bekannt - 21% 44% 46% 7% Anmerkung. * Zahlen aus der Haushaltsbefragung; **Bewertung der Wichtigkeit (S. 77) Anteilig in etwa gleich wurde auf das Smartphone (mobiles Internet, integriertes GPS) und auf Printmedien (Wanderführer, Broschüren etc.) mit jeweils 13 Prozent zurückgegriffen. Die drei meist genutzten Apps zur Orientierung sind komoot, bergfex und alpenvereinaktiv. Das Verhältnis von digitalen und gedruckten Medien zur Information ist also sowohl vor als auch während der Wanderung gleichauf. Während der Anteil der Printmedien studienübergreifend ähnlich ist, scheint der Anteil der Smartphone-Nutzer*innen mit dem Erhebungsjahr größer zu werden (siehe Tab. 33). Jedoch muss auch hier die bedingte Vergleichbarkeit je nach Untersuchungsschwerpunkt, Stichprobe und Item-Gestaltung der unterschiedlichen Forschungsarbeiten berücksichtigt werden. So schwankt der Anteil der klassischen Wanderkarte zur Orientierung in den Stu- dien stark. Wie erwähnt geht nicht klar hervor, ob explizit nach topographischen Wander- karten gefragt wurde oder auch vereinfachte Kartendarstellungen (z. B. in Broschüren) miteingeschlossen wurden. Nach Lobben (2004) ist die Interpretation einer topographi- schen Wanderkarte und die geographische Verortung der eigenen Person kognitiv relativ anspruchsvoll. Der Umgang mit Karte und Kompass muss vor der Anwendung zudem erlernt werden. Nur ein geringer Anteil der Befragten (0.3%) nutzte einen Kompass zur Orientie- rung. Folglich kann man davon ausgehen, dass hauptsächlich sehr erfahrene und ambitio- nierte Wandernde Karte und Kompass zur Orientierung verwenden. So stellte Schamel (2017, S. 170) fest, dass die Wanderkarte vor allem von Bergsteigenden genutzt wird. 5 Diskussion | 122 122 In der Studie zum digitalen Verhalten von Wandernden wird resümiert, dass das Smartpho- ne zur Orientierung an Bedeutung gewonnen hat, die digitale Navigation aber nicht die Wegbeschilderung ersetzt, sondern ergänzend genutzt wird (BTE & DWV, 2018). So ist für 65 Prozent der Befragten die Wegbeschilderung die „zuverlässigste Orientierungshilfe“ und 39 Prozent verzichten sogar „beim Wandern bewusst auf … [das] Smartphone, um die Na- tur zu genießen“ (ebd., S. 26f.). Nachgewiesen ist das Erleben von Natur und Landschaft übergreifend der wichtigste Beweggrund für das Wandern. Das Naturerlebnis sollte also möglichst nicht durch ein Wanderleitsystem unterbrochen oder gestört werden, sondern im Einklang damit stehen. Auch weitere Studien untermauern, dass eine qualitativ hochwertige Wegbeschilderung für die Wahl des Wanderweges und die Zufriedenheit mit das wichtigste Kriterium ist (Dicks & Neumeyer, 2010, S. 79; Quack, 2019). Fehlende Markierungen und schlechte Beschilde- rung werden als Störfaktor empfunden und führen zu Ärgernis bei den Erholungssuchenden (Ortner et al., 2020, S. 15; Quack, 2015, S. 24). Die Befragten der vorliegenden Untersuchung sind insgesamt mit der Beschilderung im Stubaital zufrieden (siehe Kapitel 4.1.5, Abb. 35). Die Aspekte Angabe der Gehzeit, Eindeu- tigkeit und Übersichtlichkeit der Informationen sowie die Eindeutigkeit der Schwierigkeitsgra- de fielen in der Bewertung tendenziell am schlechtesten aus und stellen Ansatzpunkte zur Verbesserung dar. Ortner et al. (2020, S. 19) stellten zudem fest, dass den meisten Wandernden die Be- deutung der Kennzeichnung der Schwierigkeitsgrade und die Unterschiede zwischen den Kategorien nicht bekannt sind. Dies wird sicherlich durch die Vielzahl an heterogenen Bergwegeklassifizierungen und unterschiedlichen farblichen Markierungen mit verursacht (siehe Kapitel 2.1.3). Die Informationen über die Schwierigkeitsgrade und Anforderungen werden anscheinend nicht erfolgreich kommuniziert. Zusammenfassend lässt sich bezüglich des Profils der Bergwandernden und damit hinsicht- lich der Zielgruppenansprache festhalten, dass in allen Altersklassen und geschlechtsunab- hängig gewandert wird. Das Durchschnittsalter der Befragten lag unter dem Mittelwert be- kannter Wanderstudien. Der Anteil der über 60-Jährigen war ebenfalls im Vergleich gerin- ger, was vermutlich auf den Einfluss der Covid-19 Pandemie zurückzuführen ist. Der Anteil der 20- bis 40-Jährigen lag mit einem Drittel ähnlich hoch wie bei aktuelleren Studien (Ortner et al., 2020; Quack, 2019). Demnach lässt sich die Beobachtung bekräftigen, dass das Wandern bei jüngeren Alterskohorten vermehrt Anklang gefunden hat. Ferner ist das Wandern eine überwiegend soziale Aktivität. Die Mehrheit geht inner- halb einer Generation wandern, aber auch das Wandern mit der Familie ist beliebt. Der so- ziale Aspekt spiegelt sich ebenfalls in der Motivation wider. So scheint das Motiv der Gesel- ligkeit im Vergleich zu anderen Studien – vermutlich auch aufgrund der Covid-19 Pandemie – bedeutsamer geworden zu sein. Das Naturerlebnis ist nach wie vor studienunabhängig 5 Diskussion 123 | 123 und altersübergreifend der wichtigste Beweggrund zum Wandern. Erholung, Bewegung und Gesundheit sind für die Mehrheit wichtiger als der leistungssportliche Aspekt. So sollte ein nutzungsorientiertes Wanderleitsystem dem Naturerlebnis und der Erholung dienlich sein. Southwell & Findlay (2007, S. 122) argumentieren, dass Unsicherheiten in der Wegfindung zu Frustration und einem gesteigerten Angst- und Stresslevel führen kann. Weiter sollte ein solches Leitsystem das Wandern als eine soziale Aktivität berücksichtigen und die Bedürf- nisse der Wandergruppe als solche integrieren. Ferner scheinen Informationen über die Na- tur und die Region für die Wandernden weniger von Interesse zu sein. Diese sind jedoch wichtig für einen nachhaltigen Wandertourismus, welcher sowohl den Schutz von Natur und Landschaft als auch die sozialen Belange der Destination priorisiert. Bezogen auf die Wandererfahrung sind rund ein Drittel der Stichprobe Anfänger*innen. Aufgrund der mangelnden Erfahrung und fehlenden Gebietskenntnis ist anzunehmen, dass vor allem diese Gruppe einen besonders hohen Informationsbedarf hat. Zudem ist der Groß- teil kein Mitglied in einem Wanderverein. Der Anteil der Nicht-Mitglieder ist unter den An- fänger*innen darüber hinaus am größten. Wie erwähnt bieten die Alpenvereine neben der bekannten BergwanderCard noch weitere Hilfsmittel und Informationen zur Unterstützung und Prävention an (vgl. DAV, 2021a). Fraglich ist, inwieweit Anfänger*innen und Nicht- Mitglieder diese wahrnehmen. Insgesamt schätzen sich die Befragten bezüglich der Wanderfähigkeiten durchschnitt- lich bis gut ein, wobei sich innerhalb der Gruppe Kompetenzunterschiede zeigten. Theore- tisch sind gemäß der eigenen Einschätzung für über die Hälfte der mittelschwere Rote Bergweg und für ein Drittel der schwere Schwarze Bergweg machbar. Bemerkenswert ist au- ßerdem, dass 15 Prozent der Stichprobe mit körperlichen Beschwerden zur Wanderung auf- brechen. 12 Prozent der Befragten führten zudem keinerlei Tourenplanung durch. Mit stei- gender Wanderkompetenz wurde weiter verhältnismäßig häufiger eine Tourenplanung durchgeführt. Auch in anderen Bergwanderstudien fehlte es an Tourenplanung (Gey, 2017; Ortner et al., 2020; Schamel, 2017). In Anbetracht der alpinen Unfallstatistiken (DAV, 2020a; Österreichisches Kuratorium für Alpine Sicherheit, 2020b) und dass Tourenplanung ein wesentliches Element des Risikomanagements darstellt, besteht hier ein grundlegender Informationsbedarf. Zudem hat sich rund ein Drittel der Stichprobe nicht mit den Höhen- meter der Wanderung auseinandergesetzt. Da die zu überwindenden Höhenmeter und die damit einhergehende Steigung ein wesentlicher Einflussfaktor auf den Anspruch ein Tour sind (Schulz, 2013, S. 189f.), wird deutlich, dass insbesondere dieses Parameters Informa- tionen zur besseren Einschätzung geboten werden müssen. Über die Wanderung wird sich gleichermaßen am häufigsten sowohl über digitale Medi- en als auch Printmedien informiert. Dabei wird das Internet von allen Altersklassen genutzt und am häufigsten die Website der Destination aufgesucht. Vor dem Hintergrund der stei- genden Anzahl an sozialen Tourenplanungsportalen, lässt sich vermutlich ein Wunsch nach verlässlichen Quellen anhand des relativ hohen Anteils an Printmedien in dieser und weite- 5 Diskussion | 124 124 ren Wanderstudien erkennen. So besteht die Herausforderung an modernen Wanderleitsys- temen darin, den Nutzer*innen Orientierung zu bieten, welche Quellen und Informationen vertrauenswürdig sind. Die Website der jeweiligen alpinen Destination scheint dabei intui- tiv die Anlaufstelle der Wahl der Erholungssuchenden zu sein. Auf der Wanderung selbst wird die Orientierung anhand der Wegbeschilderung von der Mehrheit der Wandernden be- vorzugt. Die Orientierung mittels Smartphone scheint eher ergänzend genutzt zu werden, um das Naturerlebnis nicht zu stören. 5.2.2 Charakterisierung der Wanderungen F2 Wie gestaltet sich das raumzeitliche Verhalten bezogen auf die Bewegungs- und Streckenparameter der Wanderungen? Anhand der raumzeitlichen Nutzung der Erholungssuchenden lassen sich Wanderpräferen- zen ablesen, die folglich die Grundlage für bedürfnisorientierte Wanderangebote und damit die Ausweisung von Wanderrouten darstellen können. Dabei steht die raumzeitliche Nutzung in einem wechselseitigen Verhältnis mit der je- weiligen Gebietscharakteristik (Schamel, 2017, S. 50). Das ursprüngliche und abgeleitete touristische Angebot9 (vgl. Kaspar, 1996) bestimmt wiederum den Space-Time-Prism (Neu- tens et al., 2011, S. 4), also die möglichen Orte und Wege, die innerhalb eines verfügbaren Zeitbudgets theoretisch erreicht werden können (siehe auch Kapitel 2.2.2, Abb. 7: Konzep- tionelles Modell der Einflussfaktoren beim Wandern). Veranschaulicht wird dies in der räumlichen Nutzung der Wandernden an den beiden Erhebungsstandorten der vorliegenden Untersuchung (siehe Kapitel 4.2.2). Die unternom- menen Wanderungen orientieren sich an dem vorhandenen Wegenetz, der touristischen Inf- rastruktur und den Naturattraktionen wie zum Beispiel Gipfel, Gletscher, Bergseen und Na- turschauplätze. Dies bekräftigt die Aussage von Roth et al. (2004, S. 87), dass Infrastruk- tureinrichtungen eine stark lenkende Funktion haben. Aufgrund des Einflusses der jeweiligen Gebietscharakteristik ist die Einordnung der Er- gebnisse über die Bewegungs- und Streckenparameter in die Studienlage erschwert. Zumal die Resultate der Wanderstudien sich meist nicht auf alpine Gebiete im Speziellen beziehen und auf Befragungsdaten – also auf der Wahrnehmung und der Erinnerung der Wandernden beruhen (Dicks & Neumeyer, 2010; Quack, 2015, 2019). Es gibt nur einige wenige Studien, die das raumzeitliche Verhalten von Wandernden in den Alpen mittels eines GPS-Loggings 9 Das ursprüngliche Angebot beruht auf der bereits vorhandenen Natur, Kultur und allgemeinen Infrastruktur. Das abgeleitete Angebot ist aufgrund der touristischen Entwicklung in einer Destination entstanden (z. B. tou- ristische Infrastruktur, Beherbergungsbetriebe, Freizeitinfrastruktur, spezielle touristische Angebote). 5 Diskussion 125 | 125 untersucht haben (Rupf, 2015; Schamel, 2017). Dennoch lassen sich studienübergreifend Muster und gemeinsame Präferenzen erkennen. Distanz Durchschnittlich wanderten die Studienteilnehmenden eine Strecke von 11 Kilometern. Ähnliche Durchschnittswerte finden sich in der Grundlagenstudie mit 10 km (Dicks & Neumeyer, 2010, S. 27) und der Stichprobe von Rupf (2015, S. 137f.) mit 11 km. Über die Hälfte (54%) der Probandinnen und Probanden wanderte eine Spanne zwi- schen 6 und 12 Kilometern. Auch bei Quack (2019, S. 10) und Rupf (2015, S. 137f.) findet sich der Großteil der Wanderungen in dieser Spanne. Bei Schamel (2017, S. 144f.) ist der Bereich zwischen 2 und 4 Kilometern mit 23 Prozent – also tendenziell kürzere Distanzen – am stärksten vertreten. Erst an zweiter Stelle wird in seiner Erhebung eine ähnliche Distanz von 8 bis 1o Kilometern (20%) gewandert. In der vorliegenden Untersuchung kamen kürzere Wanderungen bis 8 Kilometer und sehr lange Wanderungen über 18 Kilometern nur mit einem kleinen Anteil von rund 10 Pro- zent vor. Ähnlich unterrepräsentiert sind kurze (bis 4-5 km) und sehr lange Distanzen (ab 16 km) in weiteren Studien (Quack, 2019, S. 10; Rupf, 2015, S. 137f.). Höhenmeter und Steigung Charakteristisch für das Bergwandern in alpinen Destinationen sind die Höhenmeter und die damit verbundene Steigung, die während der Wanderung überwunden werden müssen. Höhenmeter und Steigung stehen im direkten Verhältnis zur absolvierten Distanz. Die Geh- geschwindigkeit ist im steilen Aufstieg geringer als in der Ebene, sodass in gleicher Zeit weniger horizontale Distanz überwunden werden kann. Durchschnittlich waren es rund 650 Höhenmeter, die die Studienteilnehmenden im Stubaital absolviert haben. In der Untersuchung von Rupf (2015, S. 137f.) im schweizeri- schen Biosfera Val Müstair waren dies vergleichbar 560 Höhenmeter. Die Wege im Stubaital waren dabei zu etwa in gleichen Anteilen von je 40 Prozent mittel (10-20%) sowie sehr steil (über 20%). Der Bereich zwischen 400 und 500 Höhenmeter war anteilsmäßig am stärksten vertreten. Nur wenige überwinden mehr als 1500 Höhenmeter. Auch diese Werte ähneln denen von Rupf (ebd.). So lag der Großteil der Wanderungen dort zwischen 400 und 600 Höhenmetern (30%) und nur 8 Prozent erklommen mehr als 1000 hm. Bezüglich der Höhenmeter finden sich bei Schamel (2017, S. 144f.) wiederum abweichende Werte. Ein beachtlicher Anteil in seiner Stichprobe im Nationalpark Berchtesgaden meidet Höhenmeter im größeren Umfang. In etwa die Hälfte der Probandinnen und Probanden erwanderten nur bis zu 200 Höhenmeter. Hinsichtlich der relativen Höhendifferenz lässt sich studienübergreifend bestätigen, dass die Mehrheit eine ausgeglichene Tour bevorzugt mit Rückkehr zum Startpunkt. So wa- ren dies in der vorliegenden Untersuchung 84 Prozent, bei Rupf (2015, S. 137f.) 60 Prozent und bei Schamel (2017, S. 144f.) über drei Viertel der Wandergruppen. Wenn die Tour nicht 5 Diskussion | 126 126 ausgeglichen war, so wurde überwiegend die Bergbahn als Aufstiegshilfe genutzt und der Abstieg erfolgte zu Fuß (ebd.). Dauer und Pausen Durchschnittlich umfasste die gesamte Wanderung einen Zeitraum von 5 Stunden. Diesen Wert findet man ebenfalls in anderen Studien (Bach et al., 2007, S. 50; Muhar et al., 2006, S. 14; Quack, 2019, S. 10). Der Großteil der Wanderungen mit rund 70 Prozent dauerte zwi- schen 3 und 6 Stunden. Bei Rupf (2015, S. 137f.) waren es 65 Prozent. Bei Quack (2019, S. 10) sind es 84 Prozent der Wanderungen die zwischen 2 und 6 Stunden dauerten. Ortner et al. (2020, S. 32) ermittelten im Stubaital 60 Prozent, die mittellange Wanderungen von 2 bis 5 Stunden bevorzugen. Schamels (2017, S. 144f.) Mehrheit liegt etwas darunter in ei- nem zeitlichen Bereich zwischen 2 und 4 Stunden. Der Großteil der Wanderungen ist also nicht tagesfüllend. Im Schnitt wurde zweimal während der Wanderung pausiert. Gesamt umfasste die Pau- senzeit rund eine Stunde. Bei Rupf (2015, S. 137f.) sind es im Mittel eine Stunde und 12 Minuten. Bei Schamel (2017, S. 144f.) pausierte mehr als die Hälfte weniger als eine Stunde. Bach et al. (2007, S. 50) stellten zudem fest, dass am Gipfel im Mittel 44 Minuten pausiert wird. Gehgeschwindigkeit Die mittlere Gehgeschwindigkeit der Wanderungen im Untersuchungsgebiet lag bei 2.7 km/h. Rupf (2015, S. 139) erhob einen ähnlichen Durchschnittswert von 2.8 km/h. Wegschwierigkeiten, Untergründe und Wegbreiten Der größte Anteil der durchgeführten Wanderungen umfasste mit 75 Prozent mittelschwere Rote Bergwege, gefolgt von rund 30 Prozent einfachen Gelben Wanderwegen. Schwarze Bergwege (7%) und sehr schwere Alpine Routen bzw. Klettersteige (4%) werden nur von ei- nem kleinen Anteil begangen. Ortner et al. (2020, S. 17f.) stellte ebenfalls fest, dass über die Hälfte (53%) der Befragten mittschwere Rote Bergwege präferiert, gefolgt von einfachen Gelben Wanderwegen (20%). Schamel (2017, S. 150) stellte zudem heraus, dass Wandergruppen mit Senioren über 60 Jahren oder mit Kindern vor allem barrierefreie Wege bevorzugen. Diese Segmente un- terscheiden sich außerdem ebenso bezüglich der anderen Streckenparameter. Generell wird die Wanderung in punkto Distanz, Höhenmeter und Dauer im Vergleich zur Mehrheit kürzer gestaltet und es werden häufiger Pausen eingelegt (ebd., S. 146f.). Bezüglich der Untergründe favorisieren die Wandernden einen hindernisreichen Unter- grund (54%) mit Wurzeln und Felsen, wie er charakteristisch für Rote Bergwege ist (siehe Analysen Kapitel 4.2.2 und Anhang, Tab. 35). Danach wird mit rund einem Viertel ein loser Untergrund aus Schotter und Geröll gewählt. Dieser ist ebenfalls häufig bei Roten Bergwe- gen, aber auch bei Gelben Wanderwegen vorhanden. Feste wassergebundene Decken werden 5 Diskussion 127 | 127 außerdem dem Asphalt vorgezogen. Auch werden schmale Pfade (bis 1 Meter) von dem Gros der Studienteilnehmenden bevorzugt (62%), gefolgt von mittelbreiten Wegen (23%), die ein bis zwei Meter umfassen. Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass man aufgrund der Standortabhängigkeit nicht pauschal für jede alpine Destination Angaben zur genauen Ausgestaltung des Wan- derangebotes machen kann, sondern die Nachfrage in Abhängigkeit der jeweiligen Gebiets- charakteristik individuell bestimmt werden muss. Tendenziell zeichnet sich ab, dass die Mehrheit der Wandernden mittelschwierige Rundwanderungen auf schmalen, steilen Roten Bergwegen bevorzugen. Präferiert wird eine Gesamtdauer von 3 bis 6 Stunden (inklusiver 1 Stunde Pause), eine Länge von ca. 6 bis 12 Kilometern und Höhenmeter in einem Bereich von 400 bis 600 hm. Man könnte also argu- mentieren, dass das der Großteil des Wanderangebotes und der ausgewiesenen Wanderrou- ten diese Kriterien umfassen sollte. Dennoch sollte das Angebot der leichten, kurzen Wan- derungen aufgrund des hohen Anteils an Anfänger*innen, aber auch das Angebot an an- spruchsvollen Touren aufgrund des ebenfalls großen Anteils der Expert*innen nicht ver- nachlässigt werden. Schamel (2017, S. 155f.) stellte zum Beispiel fest, dass je nach Aktivitätstyp sich das raumzeitliche Verhalten unterscheidet. So sind Bergsteigende und Ambitionierte Wandernde mit über sechs Stunden etwa gleich lang unterwegs. Die Ambitionierten Wandernden gehen bei fast gleicher Anzahl an Höhenmeter (rd. 750 hm) jedoch eine längere Strecke als die Bergsteigenden (14 km zu 9.4 km). Dies lässt sich auf eine höhere Wandergeschwindigkeit und weniger Stopps zurückführen (3.2 km/h und 9 Stopps zu 2.3 km/h und 4.2 Stopps). Im Gegensatz dazu wandern Spazierende mit 3 Stunden und Gemütliche Wandernden mit 3.5 Stunden knapp halb so lange und legen dementsprechend eine kürzere Distanz zurück (5.7 km und 3.4 km). Auch werden wesentlich weniger Höhenmeter überwunden (ca. 200 hm zu 65 hm)(ebd.). Unterschiede zeigen sich auch bezüglich der Wegepräferenzen: Bergsteigende sind als einziger Aktivitätstyp auf steilen Wegen mit Absturzgefahr unterwegs und wandern dem- entsprechend langsamer. Sie weisen zudem die meisten Gipfelbesuche auf. Ambitionierte Wandernde sind überwiegend auf flachen bis mäßig steile Wege mit gebahnter und unebe- ner Oberfläche unterwegs. Gemütliche Wandernde bewegen sich meist auf barrierefreien o- der gebahnten Wegen, während die Spazierenden sich fast ausschließlich auf flachen barri- erefreien oder gebahnten Wegen aufhalten (ebd.). Die Segmentierung der großen Gruppe der Wandernden in unterschiedliche Aktivitäts- typen von Schamel ist ein Beispiel, wie das Wanderangebot an unterschiedliche Zielgrup- pen ausgerichtet werden kann. 5 Diskussion | 128 128 5.2.3 Diskrepanzen Selbsteinschätzung der Wanderfähigkeiten und Tourenplanung mit den Anforderungen der durchgeführten Wanderung F3 Wo gibt es Diskrepanzen zwischen Selbsteinschätzung, Tourenplanung und den Anforderungen der durchgeführten Wanderungen? Statistisch konnte kein signifikanter Unterschied zwischen Tourenplanung und der tatsäch- lich durchgeführten Wanderung bezüglich der raumzeitlichen Parameter Gesamtdauer, Geh- zeit und Höhenmeter festgestellt werden. Die 88 Prozent der Stichprobe, die eine bestimm- te Tour geplant hatten und Angaben zu den abgefragten Parametern machen konnten, sind also ohne statistische Abweichungen im Durchschnitt innerhalb ihres Zeitbudgets und den kalkulierten Höhenmetern unterwegs gewesen. Für die restlichen 12 Prozent ohne Touren- planung war dementsprechend kein Vergleich möglich. Die Wandernden schätzen also ihre Tour hinsichtlich der Parameter Gesamtzeit, Gehzeit und Höhenmeter angemessen ein. Allerdings gilt dies nicht für die Schwierigkeit. In der vor- liegenden Untersuchung war die maximal begangene Wegschwierigkeit höchst signifikant höher als die angegebene geplante Schwierigkeit mit starkem Effekt. Auch die theoretisch maximal begehbare Wegschwierigkeit, bestimmt anhand der Selbsteinschätzung der Wander- fähigkeiten, lag höchst signifikant niedriger als die begangene Wegschwierigkeit. Anhand der Effektstärken zeigte sich, dass dabei der Unterschied für die unerfahrenste Begleitperson relevant höher ist als für die tourenverantwortliche Person. Die Wanderfähigkeiten werden also – insbesondere die der unerfahrensten Begleitpersonen – nicht entsprechend der An- forderungen der Wegschwierigkeit eingeschätzt, die Tour dementsprechend unterschätzt, was dazu führt, dass die Wandernden auf zu anspruchsvollen Wegen unterwegs sind. Dieses Ergebnis unterstützt die Feststellung der Studie der Sicherheitsforschung des DAV (Bach et al., 2007, S. 95), dass ein erheblicher Anteil der Bergwandernden (39%) sich bezüglich ih- rer Fähigkeiten fehleinschätzen und Touren unternahmen, die nicht ihrem Können entspre- chen. Darüber hinaus deckte die explorative Datenanalyse Ausreißer auf, die auffällig vom Durch- schnitt abweichen. So konnten Einzelfälle detektiert werden, wo die Gesamtzeit, die Gehzeit und/oder die Höhenmeter nicht richtig eingeschätzt bzw. eingehalten werden konnten. Bei der qualitativen Analyse wurden Gründe wie frühzeitiger Abbruch aufgrund von Unwohl- sein, körperlichen Problemen oder Einschränkungen, Schuhproblemen sowie schlechtem oder zu heißem Wetter identifiziert. Gründe für eine Verlängerung der Tour waren zum ei- nem Zeitmanagementprobleme aufgrund fehleingeschätzter Gehzeit oder Höhenmeter, ver- passter Talfahrt oder Wegfindungsprobleme und zum anderen Freiwilligkeit aufgrund von schönem Wetter oder des Naturgenusses. Beachtet man die Zahlen der alpinen Unfallstatistik, stellt man fest, dass in Relation zu der Anzahl der Wandernden, die pro Saison vermutlich zum Wandern in die Alpen kom- 5 Diskussion 129 | 129 men, es sich bei den Verunfallten ebenfalls um Einzelfälle und nicht die Regel handelt. So sind es nach Auskunft des Österreichischen Kuratoriums für Alpine Sicherheit im langjährigen Durchschnitt circa 1800 Personen, die jährlich verunfallen (2020b, S. 16). Zur ungefähren Einordnung verzeichnete der Österreichische Alpenverein 2019 573 000 Mitglieder (OeAV, 2019), das Land Tirol im selben Jahr im Sommer 6 197 982 touristische Ankünfte (Land Tirol, 2021) und 69 Prozent der deutschen Bevölkerung galten 2014 als aktive Wandernde (Quack, 2014, S. 10). Laut Feedback der Studienteilnehmenden der vorliegenden Untersuchung sind es nicht nur Einzelfälle, sondern sogar die Hälfte aller auswertbaren Wanderungen, wo die Tour nicht erwartungsgemäß verlief. Genannte Gründe dafür waren – wie schon bei der Analyse der Einzelfälle festgestellt und ergänzend – körperliche Beschwerden wie Knie- oder Kreis- laufprobleme sowie Erschöpfung; Wetterbedingungen wie Hitze, aufkommendes Gewitter oder Regen; wahrgenommene Einschränkungen aufgrund der Kinder oder mitgeführter Hun- de; verpasste Talfahrt oder mangelnde Wegweisung und Orientierung an manchen Kreuzun- gen. Diejenigen, die mit der Schwierigkeit des Weges überfordert waren, empfunden die Wege als zu steil oder anspruchsvoll, sind gestolpert, auf dem Schotter ausgerutscht oder haben sich sogar verletzt. In der Studie von Ortner et al. (2020, S. 15) hatten die Wandernden in Tirol ebenfalls Schwierigkeiten aufgrund von „schlechten Wegen“, „fehlenden Markierungen“ und zu „stei- len Wegen“. Ursachen der Unfallstatistiken sind gleichfalls Stolpern, Ausrutschen, Umkni- cken; Überforderung, Erschöpfung oder Übermüdung; Herz-Kreislaufprobleme; Verirren oder Versteigen (Janotte, 2020; Österreichisches Kuratorium für Alpine Sicherheit, 2020b, S. 17–19; Schwiersch et al., 2006, S. 92). Bei den erwähnten 50 Prozent der problematischen Touren handelt es sich zwar nicht um Notrufe, aber man erkennt das Risikopotential, dass aus den identifizierten Gründen dieser betroffenen Wanderungen solche kritischen Einzelfälle werden können. Exkurs Schwierigkeitsbeurteilung der Wanderung Die Wegeklassifizierung im Untersuchungsgebiet des Stubaitals basiert auf der Einteilung des in Tirol geltenden „Wander- und Bergwegekonzeptes“ (Eberl et al., 2018). Wie in Kapi- tel 2.1.3 dargestellt, bezieht sich die ausgewiesene Wegekategorie auf die Strecke zwi- schen zwei Kreuzungen sowie die dort maximal auftretende Schwierigkeit und nicht auf die gesamte Wanderroute. In der Literatur konnte keine einheitliche Abgrenzung der Gesamt- schwierigkeit von Wanderungen gefunden werden. Aufgrund von unterschiedlicher Erfahrung und ausgeprägten Wanderfähigkeiten kann die subjektiv empfundene Schwierigkeit individuell verschieden sein. So können zum Bei- spiel 300 Höhenmeter für jemanden, der es gewohnt ist im Flachland zu wandern, als her- ausfordernd empfunden werden, während jemand, der regelmäßig in den Alpen wandert, dies als leicht einstuft. Die Analyse der Schwierigkeitsbeurteilung aus Sicht der Wandern- 5 Diskussion | 130 130 den zeigte, dass deutliche Unterschiede zwischen leichten und schwierigen Wanderrouten wahrgenommen werden bezüglich der Strecken- und Bewegungsparameter Distanz; Gesamt- dauer der Wanderung; Gehzeit; Höhenmeter in Aufstieg und Abstieg; der Anteil von Gelben Wanderwegen und Schwarzen Bergwegen; Anteil an breiten Wegen über 2 Meter und schmaler als 1 Meter sowie Wegen mit einer Steigung von über 20 Prozent und die Anzahl an Pausen während der Wanderung. Bezüglich dieser Parameter werden also vermutlich Gemeinsamkeiten in der individuel- len Wahrnehmung wahrgenommen, sodass sich diese für eine objektive Abgrenzung eignen könnten. 5.3 Anforderungen an Wanderleitsysteme in alpinen Destinationen Anhand der Ergebnisdiskussion und den Erkenntnissen aus der theoretischen Auseinander- setzung werden in diesem Abschnitt praktische Implikationen für Anforderungen an Wan- derleitsysteme in alpine Destinationen abgleitet. Im Vordergrund steht die Unfallpräventi- on, aber auch der Erhalt der Erlebnis- und Erholungsqualität für die Bergwandernden sowie der Schutz von Natur und Landschaft sollen dabei berücksichtigt werden. Das Wanderleit- system wird als ein ganzheitliches Leitsystem verstanden, welches die Nutzer*innen über den gesamten Wegfindungsprozess von der Wegplanung über das raumzeitliche Verhalten vor Ort (beg)leitet (siehe Kapitel 2.2.2 Wegfindung). In der vorliegenden Arbeit wird also ein „sanfter“ Ansatz der Aktivitätslenkung ge- wählt, der auf der Kommunikation von Informationen sowie Angeboten basiert und vor- sorglich auf Freiwilligkeit und langfristige Verhaltensänderungen der Erholungssuchenden abzielt (siehe Kapitel 2.2.1). Grundsätzlich wird dabei eine Vielzahl an Informationen durch unterschiedliche Sender*innen an verschiedene Empfänger*innen kommuniziert (sie- he Abb. 54). Informationen und Inhalte in diesem Themenkontext sind zum Beispiel si- cherheitsrelevante Aspekte, touristische Angebote und Produkte oder Informationen zur Um- weltbildung. Bei den unterschiedlichen Sender*innen handelt es sich zum Beispiel um die DMOs10, Alpenvereine, Tourenplanungsportale, Wanderführerverlage, die Wandernden selbst usw. Es sind also gleich mehrere Instanzen, die verschiedene Informationen besitzen und kommu- nizieren sowie zuständig sind für Inhalt, Formulierung und gewählten Kommunikationska- nal. Die Empfänger*innen sind die große Gruppe der Wandernden, die sich wiederum in verschiedene Untergruppen einteilen lassen. Diese unterscheiden sich in ihrem Informati- onsbedarf und -verhalten. Ein 25-jähriger unerfahrener Wandereinsteiger aus dem flachlän- dischen Hamburg braucht zum Beispiel ganz andere Informationen und nutzt andere Medi- 10 DMO = Destinationsmanagementorganisation 5 Diskussion 131 | 131 en und Orientierungsmittel als eine 52-jährige sportliche Bergsteigerin aus Innsbruck, die seit Kindertagen in den Bergen heimisch ist. Abb. 54: Sender*innen und Empfänger*innen Modell (Quelle: Eigene Darstellung verändert nach Shannon & Weaver, 1998). Es wird ersichtlich, dass für ein erfolgreiches Wanderleitsystem in den Alpen es zunächst eine grundlegende Organisation dieser Vielzahl an Informationen, eine Koordination von Zuständigkeiten und eine Definition der Nutzungsgruppen bedarf. Aus diesem Grund wer- den zunächst elementare Anforderungen dargelegt, eh spezifische Maßnahmen behandelt werden. 5.3.1 Anforderung: Eindeutige Schwierigkeitsklassifizierung als Basis In Kapitel 2.1 wurde die Problematik diskutiert, dass es alpenweit keine einheitliche und eindeutige Schwierigkeitsklassifizierung von Wanderwegen in den Alpen sowie ein entspre- chendes Anforderungsprofil gibt. Die Tatsache, dass es diesbezüglich keine definierten, vergleich- und nachvollziehbaren Kriterien gibt, könnte eine mögliche Ursache dafür sein, dass eine Vielzahl an Wandernden sich und die Bergwege nicht adäquat einschätzen. Folg- lich ist es eine grundlegende Anforderung an Wanderleitsysteme in alpinen Destinationen, dass diese auf einer eindeutigen und einheitlichen Schwierigkeitsklassifizierung basieren. In der vorliegenden Forschungsarbeit wurde die im Untersuchungsgebiet geltende Bergwegeklassifizierung des Landes Tirol mit den existierenden Konzepten der deutschen und österreichischen Alpenvereine, des Schweizer Alpen-Clubs und weiteren Ansätzen aus der Literatur gegenübergestellt (siehe Kapitel 2.1.3). Daraus wurden die folgenden räumli- chen Beurteilungs- und Abgrenzungsparameter extrahiert und zusammengefasst: Unter- grund; Wegbreite; Steigung bzw. Gefälle; vorhandene Markierung; Höhenlage; Gefährlichkeit); Länge, Häufigkeit und Schwierigkeit von ausgesetzten bzw. versicherten Abschnitten sowie von Kletterpassagen. Darüber hinaus wurden die begangenen Bergwegeklassen (Gelbe einfache Wanderwege, Rote mittelschwere Bergwege, Schwarze schwere Bergwege) an den Erhebungsstandorten auf Grundlage der vorhandenen Geodatenbank bezüglich Wegbreite, Steigung und Untergrundart ausgewertet (siehe Kapitel 4.2.2) und hinsichtlich der Nutzung durch die Wandernden und ihrer Fähigkeiten hin untersucht (siehe Kapitel 4.2.3 und 4.3). Die geographischen Analy- sen zeigten, dass der Anteil der mittelschweren Roten Bergwege mit rund 45 Prozent am Routennetzwerk am höchsten (siehe Abb. 37 und Abb. 42) und diese bezüglich der 5 Diskussion | 132 132 Wegecharakterisierung relativ heterogen sind (siehe Abb. 39 und Abb. 44). Die Nutzungs- analysen deckten zudem auf, dass der Großteil der Wandernden mittelschwere Rote Bergwe- ge nutzt (75%, siehe Abb. 48), in der Selbsteinschätzung sich derer fähig fühlen (56%, siehe Abb. 27) und zudem auch mehrheitlich mit 54 Prozent mittelschwere Wandertouren plant. Auch laut Ortner et al. (2020, S. 17f.) werden mitteschwere Rote Bergwege überwie- gend präferiert. Aufgrund dieser Feststellungen könnte die Klasse der mittelschweren Roten Bergwege des Tiroler Konzeptes zur besseren Differenzierung nochmals unterteilt werden. Beispiels- weise ähnlich der Kategorisierung der Alpenvereine (DAV & OeAV, 2016), nach der unter- schieden wird zwischen einfachen (blauen) Bergwegen ohne Absturzgefahr und mittelschwe- re (rote) Bergwege, die teilweise absturzgefährlich sein können (siehe Tab. 2). Der relativ hohe Anteil an Anfänger*innen (siehe Abb. 21) mit rund einem Drittel und der vergleichs- weise große Anteil an Familien mit Kindern (22%, Abb. 15) sind Argumente, die dafür sprechen, dass ebenfalls zwischen Talwegen und einfachen Bergwegen differenziert werden sollte. Dies ist bei der Klassifizierung der Alpenvereine ebenso der Fall. Zudem ist die farb- liche Markierung der Alpenvereine mit blau, rot und schwarz analog zu der bekannten Kennzeichnung von Skipisten. Diese Darlegungen bekräftigen folglich, dass die Einteilung gemäß den Alpenvereinen ein geeigneter Ansatz darstellen könnte. Analog zu einer homogenen Bergwegeklassifizierung wird eine einheitliche Beurteilung der Gesamtschwierigkeit von Wandertouren benötigt. Die Bergwegeklassifizierung bezieht sich immer nur auf die maximal auftretende Schwierigkeit auf dem Wegeabschnitt zwischen zwei beschilderten Kreuzungen (DAV & OeAV, 2016). Wandertouren werden in Wanderfüh- ren oder Tourenplanungsportalen häufig in die Schwierigkeitsstufen leicht, mittel und schwer eingeteilt. Eine einheitliche Beurteilungsgrundlage gibt es nicht. In der vorliegen- den Arbeit wurde versucht als einen ersten Lösungsansatz aus Sicht der Wandernden Stre- cken- und Bewegungsparameter zu identifizieren, die sich als Abgrenzungsparameter eig- nen (siehe Kapitel 4.3, Tab. 32). Diese sind Distanz; Gesamtdauer der Wanderung; Gehzeit; Höhenmeter in Aufstieg und Abstieg; der Anteil von einfachen Gelben Wanderwegen und schweren Schwarzen Bergwegen; Anteil an breiten Wegen über 2 Meter und schmaler als 1 Meter sowie Wegen mit einer Steigung von über 20 Prozent und die Anzahl an Pausen wäh- rend der Wanderung. 5.3.2 Anforderung: Zentralisierung der Zuständigkeiten und Informationen Die Problematik der uneinheitlichen Schwierigkeitsklassifizierung von Wanderwegen und Wanderrouten lässt sich vermutlich auf nicht festgelegte Zuständigkeiten zurückführen. Die Verantwortlichkeit zur Beurteilung und Beschilderung der Wege obliegt einer Vielzahl an Akteurinnen und Akteuren wie zum Beispiel den Alpenvereinen, Tourismusverbänden, Kommunen, Forstbesitzer*innen sowie Bergbahn- und Almgemeinschaften. Eine überregio- nale alpenweite Regelung und eine zentrale inhaltsvalide Datenbasis, auf die sich alle Ak- 5 Diskussion 133 | 133 teur*innen beziehen, existiert nicht. Insofern ist die Frage nach einer möglichen Zentrali- sierung von Zuständigkeiten und Informationen etwas, was zukünftig diskutiert werden sollte. Denkbar wäre zum Beispiel eine einheitliche Regelung durch die Alpenkonvention11 und einer entsprechenden thematischen Arbeitsgruppe (Alpenkonvention, 2021). Die Zent- ralisierung von validen Inhalten hat zudem den Vorteil, dass alle Kommunikatoren der Wanderwege und Wanderrouten (z. B. die Tourismusverbände, Tourenplanungsportale, Wanderführerverlage) auf eine einheitliche, genaue und sichere Datenbasis zurückgreifen. Dadurch würden die Touren, Wege und entsprechende Schwierigkeiten und Anforderungen vermutlich für die Wandernden wiederum vergleichbar und nachvollziehbar werden. 5.3.3 Anforderung: Vermittlung eines eindeutigen Anforderungsprofils Eine alpenweit einheitliche und konkrete Schwierigkeitsklassifizierung von Wanderwegen und Wanderrouten könnte wiederum die Grundlage für ein klares Anforderungsprofil der Wanderfähigkeiten sein. In Kapitel 2.1.4 wurde aufgezeigt, dass es dieses bisher in dieser Form noch nicht gibt. Die theoretischen Recherchen ergaben zusammengefasst folgende Anforderungsparameter: Primäre und wesentliche Wanderfähigkeiten sind Kondition, Trittsi- cherheit und Schwindelfreiheit. Weitere spezifisch für das Bergwandern und Bergsteigen wichtige Anforderungen sind Sicherungstechniken, Klettererfahrung, Ausrüstung und Orien- tierungssinn. Begriffliche Unschärfe und den konstruktiven Charakter der genannten Wan- derfähigkeiten und die damit verbundene Schwierigkeit in der Abgrenzung und Nachvoll- ziehbarkeit haben ebenfalls Gey (2017) und Bach et al. (2007) erkannt sowie kritisiert. In der vorliegenden Arbeit wurde das von Gey sportwissenschaftlich formulierte Anforderungs- profil (2017, S. 68–79) und die Ergebnisse aus der Studie der DAV Sicherheitsforschung von Bach et al. (2007) aufgegriffen und durch weitere Literatur ergänzt, um die genannten An- forderungsparameter passend zu der Bergwegeklassifizierung des Untersuchungsgebietes zu spezifizieren. Als Ergebnis ist ein konkretisiertes Anforderungsprofil entstanden (siehe Tab. 12), anhand dessen die Beurteilung und Zuordnung der Studienteilnehmenden zu den Schwierigkeitsgraden vorgenommen wurde. Neben einer klaren Formulierung besteht die Herausforderung darin, die komplexen Anforderungen an die Erholungssuchenden zu vermitteln. Die von Bach et al. (2007) entwi- ckelte BergwanderCard verwendet dafür verhaltens- und erfahrungsbezogene Fragen. Es wird also versucht an das Erfahrungswissen anzuknüpfen. Nachweislich konnten sich mit der BergwanderCard die Wandernden bezüglich Kondition und Trittsicherheit besser einschätzen (ebd., S. 86). Gey (2017, S. 84-90) verfolgte einen ähnlichen Ansatz, indem sie ein Test- 11 Die Alpenkonvention ist ein Zusammenschluss der acht Alpenländer Österreich, Deutschland, Italien, Frank- reich, Schweiz, Liechtenstein, Slowenien und Monaco sowie der EU zum Schutz und nachhaltigen Entwicklung der Alpen. Innerhalb der Alpenkonvention gibt es unterschiedliche thematische Arbeitsgremien wie zum Bei- spiel die Arbeitsgruppe für Raumplanung und nachhaltige Entwicklung. 5 Diskussion | 134 134 und Trainingsparcours entwickelte, anhand dessen Unerfahrene Anforderungen wie Trittsi- cherheit erleben oder ein Gefühl zum Beispiel für Höhenmeter und steiles Gelände entwi- ckeln können. In der vorliegenden Untersuchung ist ebenfalls der Eindruck entstanden, dass die Kondition für die meisten Studienteilnehmenden leichter einzuschätzen ist als zum Beispiel Trittsicherheit oder Schwindelfreiheit. Kondition ist eher ein alltagsgebräuch- licher Begriff bekannt zum Beispiel durch Fahrradfahren oder Treppensteigen. Trittsicher- heit und Schwindelfreiheit sind vermutlich für die meisten Anfänger*innen ohne Bergwan- dererfahrung Begriffe, die schwerlich vorstellbar sind. Ein möglicher Ansatz könnte es sein, stärker an Alltagssituationen anzuknüpfen. Beispielweise indem das Bewältigen von Hö- henmetern mit Treppensteigen oder Schwindelfreiheit mit dem Herabblicken von einem ho- hen Gebäude verglichen wird. Weiter könnte der Einsatz von Bildern, Grafiken oder Videos zu einer Veranschauli- chung der verschiedenen Bergwegeklassen und kritischer Schlüsselstellen dienen. Darüber hinaus ist die Charakterisierung von Nutzungstypen ein weiterer Ansatz, welcher zur besse- ren Einschätzung beitragen könnte. Teilweise werden diese schon in den bestehenden Bergwegeklassifizierungen formuliert. So ist im Tiroler Konzept von Spazierenden, Bergwan- dernden und Bergsteigenden die Rede (Eberl et al., 2018, S. 10). Der DAV (2013) benennt die unterschiedlichen Nutzungsgruppen „Familien, Anfänger und Genießer“; „Ungeübte nur mit erfahrender Begleitung“ und „Bergwanderer mit viel Erfahrung und bergsteigerischen Ambitionen“. Schamel (2017, S. 155f.) unterscheidet auf Datengrundlage der räumlichen Nutzung die Wandertypen Spazierende, Gemütliche Wandernde, Ambitionierte Wandernde und Bergsteigende. Möglich wäre zudem die Anlehnung an die bekannten Könnensstufen des Deutschen Skiverbands (DSV), welcher die Schneesporttreibenden in „Anfänger“, „Einstei- ger“, „Fortgeschrittene“, „Könner“ und „Experten“ einteilt (vgl. DSV, o. J.). 5.3.4 Anforderung: Sensibilisierung zur Tourenplanung Bach et al. (2007, S. 5) und Janotte (2020) von der DAV Sicherheitsforschung sowie das Österreichische Kuratorium für Alpine Sicherheit (2020b, S. 16, 18) resümieren, dass eine re- alistische Selbsteinschätzung und sorgfältige Tourenplanung wesentlich dazu beitragen könnten, die Unfallzahlen am Berg zu reduzieren. Ferner könnten dadurch negative Erlebnisse wie Zeitstress oder Unsicherheit vermieden werden. Ebenso würden sich dadurch Erholungssuchende vermutlich eher an die offiziellen Wanderwege halten und weniger anspruchsvollere alpine Bergbereiche frequentieren. Das könnte wiederum dem Schutz von Natur und Landschaft zu Gute kommen, weil dadurch zum Beispiel Trittschäden der Vegetation und Wildtierstörung vermieden werden könnten. Die Selbsteinschätzung der Fähigkeiten und die Beurteilung der Schwierigkeit von Wanderrouten sind Bestandteile einer angemessenen Tourenplanung. Nach dem Modell von Sturzenegger (2006) ist die Tourenplanung ein Prozess, der sich in die Phasen regionale Grobphase, lokale Feinphase und zonale Situationsphase einteilen lässt (siehe Kapitel 2.2.2, 5 Diskussion 135 | 135 Tab. 14). Diese Phasen lassen sich abermals der Visitor Journey zuordnen. Die Grobphase fällt in die Vorbereitungsphase, wo sich die Erholungssuchenden zu Hause inspirieren lassen und über mögliche Wandertouren informieren. Die Feinphase und die Situationsphase liegen in der Aufenthalts- und Erlebnisphase, wo sich die Gäste vor Ort in der Destination befinden und sich auf Wanderung begeben. Stuzenegger (2006) betont, dass für eine sichere Wanderung während aller drei Phasen die drei Faktoren Verhältnisse (z. B. Wetter, aktuelle Bedingungen), Gelände (u. a. Schwie- rigkeit und Anforderung der Wanderroute) und Mensch (z. B. Gruppengröße, Kompetenzen und Einschränkungen aller Personen) berücksichtigt werden sollen. Janotte (2020) emp- fiehlt darüber hinaus, dass man bezogen auf seine Wanderfähigkeiten eher defensiv planen sollte. Das heißt möglichst unter der persönlichen Leistungsgrenze zu bleiben, um dement- sprechend notfalls über Reserven zu verfügen. Tourenplanung – inklusive Selbsteinschätzung und Schwierigkeitsbewertung – ist also untrennbar mit der Aktivität Wandern verbunden und fängt bereits zu Hause als Prozess an. Dementsprechend ist es eine weitere grundlegende Anforderung an Wanderleitsysteme in alpinen Destinationen, dass diese sensibilisieren und darüber aufklären, dass sorgfältige Tourenplanung ein essentieller Bestandteil des Wanderns in den Bergen ist. Dies hängt abermals mit einem respektvollen Umgang mit dem einzigartigen Naturraum der Alpen zu- sammen, der nicht nur Erlebnis- und Erholungsraum, sondern auch Gefahrenraum sowie Le- bensraum für Tiere, Pflanzen und Einheimische ist. Im Rahmen dieser Forschungsarbeit wurde festgestellt, dass 12 Prozent der Befragten keinerlei Tourenplanung durchführen. Außerdem stieg mit zunehmender Wanderkompetenz signifikant die Anzahl derer, die eine Route planen und tendenziell dabei unter ihrer Leis- tungsgrenze bleiben. Demgegenüber neigen Unerfahrene eher dazu, sich zu überschätzen (siehe Kapitel 4.1.5, Tab. 28 und Tab. 29). Weiter offenbarte sich, dass vor allem die Fä- higkeiten der unerfahrensten Begleitpersonen überschätzt wurden (siehe Kapitel 4.3, Abb. 53). Insbesondere weil Wandern eine überwiegend soziale Aktivität zu sein scheint, die oftmals mit der Familie oder mit Freund*innen durchgeführt wird (siehe Kapitel 4.1.2), ist es umso relevanter, dass die Fähigkeiten und Einschränkungen der Begleitpersonen (Faktor Mensch) bei der Tourenplanung adäquat berücksichtigt werden. Bezüglich der Streckenpa- rameter (Faktor Gelände) wurde die Planung oftmals wenig konkret durgeführt und vor al- lem Höhenmeter waren für rund ein Drittel der Befragten nicht bekannt (siehe Kapitel 5.2.1 Tourenplanung). Als ein häufiger Abbruchsgrund der Wanderung wurde zudem das Wetter genannt (z. B. Hitze, Gewitter oder Regen)(siehe Kapitel 4.3 Analyse der Touren mit Schwierigkeiten). Bezüglich des Faktors Verhältnisse besteht also ebenfalls ein Informati- onsbedarf. Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse lässt sich konstatieren, dass insbesondere die Nutzungsgruppe der Wandereinsteigenden aufgrund von mangelnder Erfahrung und Gebiets- kenntnis bezüglich der Tourenplanung sensibilisiert werden sollte und Unterstützung benö- 5 Diskussion | 136 136 tigt. Aber auch Fortgeschrittene sollten über mehr Sorgfalt in der Tourenplanung aufgeklärt werden, sodass Begleitpersonen, Höhenmeter und Wetterverhältnisse angemessen mitbe- rücksichtigt werden können. Die Alpenvereine bemühen sich bereits um Informationsmaßnahmen und stellen u. a. Hilfsmittel wie die bekannte BergwanderCard zur Verfügung (vgl. DAV, 2021a). Ergebnis dieser Studie war, dass gut zwei Drittel der Befragten keine Mitglieder im Wanderverein sind und der Anteil der Anfänger*innen unter den Nicht-Mitgliedern am größten war (siehe Kapitel 4.1.4, Tab. 25). Fraglich ist folglich, inwieweit Anfänger*innen und Nicht-Mitglieder diese Angebote wahrnehmen. Wirksamer könnte die spezifische Nutzungsgruppenansprache an den sogenannten Touchpoints sein, also den Kontaktpunkten, an denen die Erholungs- suchenden auf bestimmte Informationen entlang ihrer Visitor Journey zurückgreifen. 5.3.5 Anforderung: Spezifische Nutzungsgruppenansprache entlang der Visitor Journey Die Art der Information, die mediale Form und der Informationskanal hängen von der je- weiligen Nutzungsgruppe ab und in welcher Phase sich diese innerhalb der individuellen Vi- sitor Journey (siehe Kapitel 2.2.1, Abb. 2) befindet. Die Analyse und Charakterisierung der Wandernden (siehe Kapitel 4.1) hat gezeigt, dass im Fallbeispiel des Stubaitals ein weites Spektrum an unterschiedlichen Menschen zum Wandern in die Berge gekommen ist. Zudem wurde in jedem Alter und geschlechtsunabhängig gewandert. Wandern scheint vor allem eine soziale Aktivität zu sein, die vorrangig dem Naturerlebnis und der Erholung dient. Un- terschiede fanden sich bezüglich der Erfahrung, körperlicher Verfassung und den Fähigkei- ten. Auch die jeweiligen genutzten Informations- und Orientierungsmedien differierten. All dies sind Einflussfaktoren, die in ihrer jeweiligen Konstellation auf den individuellen Weg- findungsprozess wirken und den persönlichen Informationsbedarf mitbestimmen könnten (siehe Abb. 7: Konzeptionelles Modell der Einflussfaktoren beim Wandern). Touchpoints der Vorbereitungshase Die Vorbereitungsphase findet in der Regel zu Hause statt. Man inspiriert und informiert sich bezüglich der alpinen Destination und Wandermöglichkeiten. Nach Sturzenegger (2006) findet dort idealerweise die grobe Tourenplanung statt. In der Studie zum digitalen Verhalten von Wandernden (BTE & DWV, 2018, S. 16–18) wurde zwischen Inspiration- und Informationsphase differenziert. Zur Inspiration dienten überwiegend persönliche Empfehlungen von Freund*innen und Bekannten, aber auch Bilder und Blogeinträge im Internet wurden dafür genutzt (ebd.). In Anbetracht der steigenden Bedeutsamkeit von bild- und videobasierten Social Media Apps und dem damit einherge- 5 Diskussion 137 | 137 henden Social Media bzw. Influencer Marketing12 verschmilzt vermutlich zunehmend die Grenze zwischen analoger und digitaler Inspiration. Demnach müsste eine Aufklärung und Sensibilisierung schon bereits in der Inspirati- onsphase erfolgen und sich in den sozialen Medien platzieren. Die meisten Destinationen betreiben bereits Social Media Marketing, jedoch selten bezüglich des Themas Risikoma- nagement13. Potentiale liegen beispielshalber in der Möglichkeit zur audiovisuellen Ver- mittlung der Bergwegeklassifizierung oder aktueller Informationen. Denkbar wären auch kleine Lehrvideos zum Beispiel eine schrittweise Anleitung zur Tourenplanung angelehnt an das 3 x 3 Modell von Sturzenegger. Ortner et al. (2020, S. 40) betonen, dass die Informati- onen „einfach“, „lokal“, „aktuell“ und „wissenswert“ sein sollten. Diese sollte den Wan- dernden vor allem einen Mehrwert bieten. In der Phase der Information ist laut der Studie zum digitalen Verhalten von Wandern- den das Internet die wichtigste Quelle zur Tourenplanung (BTE & DWV, 2018, S. 18). Auch in der vorliegenden Untersuchung zeigte sich, dass digitale Medien gleichauf mit Print- medien am häufigsten und über alle Altersklassen hinweg zur Wandertoureninformation genutzt wurden (siehe Kapitel 4.1.5, Abb. 32 und Abb. 33). Diejenigen, die sich über das Internet informierten, taten dies anteilsmäßig am ehesten auf der Website der Region. Diese Beobachtung könnte Potential für das Risikomanagement bieten. Auf der Website der Destination könnte z. B. prominent auf die Schwierigkeitsklassifizierung der Region und die Wichtigkeit der Tourenplanung hingewiesen sowie diesbezüglich Hilfestellung angebo- ten werden. Die meisten Destinations-Websites verfügen über eine Wandertourensuche mit Filtermöglichkeiten. Dort könnten Fragen bezüglich der Wanderfähigkeiten integriert wer- den, um den Erholungssuchenden z. B. individualisierte Touren passend zum Könnensni- veaus der Wandergruppe vorzuschlagen. Ebenfalls wurden von den Befragten Tourenplanungsportale zur Informationssuche konsul- tiert. Gemäß den Forschungsergebnissen waren dies am häufigsten bergfex.at, komoot.de, bergsteigen.com, outdooractive.com und almenrausch.at. Eine Integration der beschriebenen Filterfunktion zur Individualisierung der Tourenvorschläge ließe sich auch auf diese über- tragen. Als Destination empfiehlt es sich, auf diesen Plattformen als verifizierter Autor mit qualitativen Tourenvorschlägen präsent zu sein, um der angesprochenen komplexen Prob- 12 Als Influencer (von englisch to influence ‚beeinflussen') werden Personen bezeichnet, die ihre starke Präsenz und ihr hohes Ansehen in sozialen Netzwerken nutzen, um beispielsweise Produkte oder Lebensstile zu bewer- ben. Marketing mit Influencern wird als Influencer-Marketing bezeichnet. 13 Der Nationalpark Berchtesgaden zum Beispiel nutzt den Social Media Auftritt, um dort seit dem letzten Som- mer (2020) eine Aufklärungskampagne bezüglich Risiken und Naturschutz zu spielen: https://www.instagram.com/p/CPVCVJOi9Lu/ 5 Diskussion | 138 138 lematik der Vielzahl an Online-Plattformen mit unzähligen ungeprüften Wandertourenvor- schlägen entgegen zu wirken. Touchpoints der Aufenthalts- und Erlebnisphase In der Aufenthalts- und Erlebnisphase befindet sich der Gast vor Ort in der alpinen Destina- tion und begibt sich auf Wanderung. Gemäß Sturzenegger (2006) findet im Sinne einer sorgfältigen Tourenplanung dort die Feinjustierung der Grobplanung und ein situativer Fak- torencheck (Verhältnisse, Gelände, Mensch) während der Wanderung statt. Gegensätzlich zum Ideal wurde im Rahmen der empirischen Untersuchung festgestellt, dass rund ein Zehntel der Studienteilnehmenden keinerlei Planung durchführen, sich erst vor Ort oder zu Beginn über die Wanderung informierten oder die Tourenplanung nicht umfassend und sorgfältig erledigten. Um diese Defizite auszugleichen, könnten die hiesigen Touristeninformationen ver- stärkt als Kompetenzzentren fungieren. Laut der Befragung informierten sich knapp sechs Prozent bei der Touristeninformation bezüglich Wanderoptionen. Dort könnten vermehrt Dienstleistungen bezüglich Hilfestellung zur Tourenplanung angeboten und auch auf die örtlichen Bergführerbüros verwiesen werden. Ebenfalls könnte der von Gey (2017) konzi- pierte Test- und Trainingsparcours zur besseren Einschätzung der eigenen Fähigkeiten dort angesiedelt und realisiert werden. Gemäß den Ergebnissen informierten sich rund vier Pro- zent der Befragten bei der Unterkunft über Tourenmöglichkeiten. Dementsprechend sollte intensiver in der Unterkunft auf das Angebot der Touristeninformation verwiesen und et- waige Informationsmaterialen ausgelegt werden. Um diejenigen zu erreichen, die ohne jeg- liche Vorplanung zur Wanderung aufbrechen, sollten vermehrt Informations- und Orientie- rungstafeln an den Ausgangsorten, Hütten, Attraktionen und Hauptkreuzungen ange- bracht werden. Diese könnten u. a. über die regional geltende Schwierigkeitsklassifizierung und farbliche Markierung informieren; einen Überblick über entsprechende Routenmöglich- keiten geben und überdies bezüglich Verhaltensregeln in der Natur aufklären. Je nach technischer Infrastruktur bietet sich die Installation von Bildschirmen an. Vorteile einer digitalen Lösung sind die Aktualität von Informationen und der mögliche Einsatz von audi- ovisuellen Medien. 58 Prozent der Befragten gaben an, dass die Wegbeschilderung das präferierte Orien- tierungsmittel während der Wanderung ist. Die digitale Navigation mittels Smartphone wird von rund 13 Prozent der Studienteilnehmenden ergänzend genutzt. Gemäß der Studie zum digitalen Verhalten der Wandernden verzichteten 39 Prozent bewusst auf das Smartphone, um die Natur zu genießen (BTE & DWV, 2018, S. 26f.). Nachweislich ist das Naturerlebnis für die Wandernden studienübergreifend das wichtigste Motiv zum Wandern. Dementspre- chend sollten die Wanderwege möglichst naturbelassen bleiben und in die Pflege sowie In- standhaltung der analogen Wegbeschilderung investiert werden. Insgesamt waren die Be- fragten der vorliegenden Untersuchung mit der Beschilderung im Stubaital zufrieden (siehe 5 Diskussion 139 | 139 Kapitel 4.1.5, Abb. 35). Optimierungsbedarf besteht bezüglich der Angabe der Gehzeit; Ein- deutigkeit und Übersichtlichkeit der Informationen; Eindeutigkeit der Schwierigkeitsgrade; sorgfältige Ausschilderung von Kreuzungen; Markierung von kritischen Schlüsselstellen sowie das Aufzeigen von Umkehrpunkten bzw. Alternativrouten. 6 Fazit 6.1 Managementimplikationen Auf Grundlage der Ergebnisdiskussion können folgende konkrete Empfehlungen für das Ma- nagement von Wandernden in alpinen Destinationen extrahiert werden: Ausrichtung von Kommunikationsmaßnahmen an Wandereinsteigende Ein Drittel der erhobenen Stichprobe sind Anfänger*innen im Bergwandern, die oftmals nicht über einen Wanderverein organisiert sind. Dieser hohe Anteil spiegelt die gestiegene Beliebtheit des Wanderns in der Gesellschaft wider. Die fehlende Erfahrung drückt sich ebenfalls in einer unzureichenden Tourenplanung und Fehleinschätzung der Wanderfähig- keiten aus. Dementsprechend sollten insbesondere Wandereinsteigende diesbezüglich an- gesprochen werden. Hilfestellung zur Selbsteinschätzung der Wanderfähigkeiten In der vorliegenden Untersuchung wurden die Wanderfähigkeiten in Relation zur Schwierig- keit der durchgeführten Wanderung signifikant fehleingeschätzt. Verhaltens- und erfah- rungsbezogenen Fragen zu den geforderten Fähigkeiten könnten zu einer realistischeren Selbsteinschätzung führen. Darüber hinaus sollten die Anforderungen der unterschiedlichen Bergwegeschwierigkeiten eindeutig formuliert und durch Bilder und Videos veranschaulicht werden. Unterstützung in der Tourenplanung Neben einer realistischen Selbsteinschätzung kann eine sorgfältige Tourenplanung zur Un- fallprävention beitragen. Insbesondere Wandereinsteigende benötigen aufgrund der man- gelnden Erfahrung und fehlender Gebietskenntnis Unterstützung z. B. durch das Bereitstel- len von Lernmaterialen wie Broschüren oder das Durchführen von Workshops. Diese könn- ten beispielsweise online über die Website der Destination oder offline in der Touristenin- formation in Kooperation mit Bergführer*innen durchgeführt werden. Individualisierte Tourenvorschläge auf der destinationseigenen Website Das Internet ist u. a. die wichtigste Informationsquelle zur Tourenplanung. Besonders die Website der Region wird gemäß der empirischen Untersuchung dafür überwiegend konsul- tiert. Häufig verfügen Destinations-Websites bereits über eine Wandertourensuche mit Fil- terfunktionen. Denkbar wäre eine Integration der angesprochenen verhaltens- und erfah- 6 Fazit | 140 140 rungsbezogenen Fragen zu den Wanderfähigkeiten aller Personen der Wandergruppe, um individualisierte Tourenvorschläge geben zu können. Personenbezogener Netzwerkdatensatz zur Planung von Wanderangeboten Als Grundlage für zukünftige Planungen von zielgruppenorientierten Wanderangeboten könnte ein personenbezogener Netzwerkdatensatz dienen, wie er in der vorliegenden Arbeit erhoben wurde. Die Verknüpfung von raumzeitlichen Routendaten mit personenbezogenen Daten erlaubt zielgruppenspezifische Analysen. So können zum Beispiel diejenigen Routen identifiziert werden, die insbesondere für Wandereinstiegende und deren Bedürfnisse pas- send bzw. weniger geeignet sind. Touristeninformation als Kompetenzzentren zur Tourenplanung Nach wie vor spielen bei der Tourenplanung persönliche Informationsquellen eine bedeu- tende Rolle. Örtliche Touristeninformationen könnten verstärkt als Kompetenzzentren zur Tourenplanung und als Schnittstelle zu örtlichen Bergführer*innen fungieren. Touristenin- formationen haben somit eine Beratungs-, Bildungs- und Vermittlungsfunktion. Qualitätssicherung und Instandhaltung der Wegbeschilderung Rund 12 Prozent der Stichprobe brechen ohne jegliche Tourenplanung zur Wanderung auf. Dementsprechend sollten Informations- und Orientierungstafeln an Ausgangsorten und Hauptkreuzungen anfängerfreundlich optimiert werden (z. B. durch Informationen zur gel- tenden Schwierigkeitsklassifizierung und farblicher Markierung; Ausweisung von anfänger- freundlichen Routen etc.). Als präferiertes Orientierungsmittel sollte eine hohe Qualität der Wegbeschilderung angestrebt werden. Optimierungsbedarf besteht bezüglich der Angabe der Gehzeit; Eindeutigkeit und Übersichtlichkeit der Informationen; Eindeutigkeit der Schwie- rigkeitsgrade; sorgfältige Ausschilderung von Kreuzungen; Markierung von kritischen Schlüssel- stellen sowie das Aufzeigen von Umkehrpunkten bzw. Alternativrouten. 6.2 Forschungsdesiderat Eine alpenweit einheitliche Schwierigkeitsklassifizierung Bezüglich einer alpenweit einheitlichen Schwierigkeitsklassifizierung von Wanderwegen wurden in dieser Arbeit bestehende Konzepte analysiert, verglichen und bewertet. Räumli- che Abgrenzungsparameter zur Beurteilung wurden dabei übergreifend zusammengefasst und benannt. Auf Grundlage der geografischen und nutzungsbezogenen Analysen hat sich die Klassifizierung der Alpenvereine als sinnvoll herausgestellt. Perspektivisch bedarf es an einer fachlichen Überprüfung der Anzahl an Schwierigkeitsstufen und der konkreten Defini- tion der genannten Abgrenzungsparameter z. B. durch Expert*innen der Sportwissenschaft, Geographie und Bergführung. 6 Fazit 141 | 141 Einflussfaktoren auf die individuell wahrgenommene Schwierigkeit Es wird angenommen, dass die wahrgenommene Schwierigkeit abhängig vom Erfahrungs- grad und subjektiver Einschätzung ist. In der vorliegenden Untersuchung wurde aus Sicht der Wandernden Strecken- und Bewegungsparameter identifiziert, die sich als mögliche ob- jektive Abgrenzungsparameter eignen. Dieser Forschungsansatz könnte zur Entwicklung ei- ner einheitlichen und nutzungsbasierten Schwierigkeitsbewertung für Wandertouren die- nen. Weiterführend könnte der Einfluss der raumzeitlichen Variablen auf die individuelle Wahrnehmung der Schwierigkeit, zum Beispiel angelehnt an die Studie von Schulz (2013), kombiniert werden mit der Messung von physiologischen Belastungsparameter wie Herzfre- quenz und relative Sauerstoffaufnahme. Validierung des Anforderungsprofils der Wanderfähigkeiten Ausgehend von einer einheitlichen Schwierigkeitsbewertung von Bergwegen ist es darüber hinaus notwendig, das aus der Theorie hergeleitete und konkretisierte Anforderungsprofil der Wanderfähigkeiten sportwissenschaftlich weiter zu spezifizieren und zu validieren. Überdies besteht weiterer Forschungsbedarf zur effektiven Vermittlung dieser Anforderun- gen sowie der Messung von Wanderfähigkeiten. Konkret könnte zum Beispiel die Bergwan- derCard von Bach et al. (2007) evaluiert und weiterentwickelt werden. Entsprechende All- tagstests könnten perspektivisch sportwissenschaftlich konzipiert werden, sodass sich die potentiellen Alpenbesucher*innen bereits zu Hause vorbereiten und richtig einschätzen lernen könnten. Inwieweit multimediale Elemente als Ergänzung zur textlichen Beschrei- bung und zur Vermittlung der Schwierigkeiten und Anforderungen von alpinen Wanderwe- gen beitragen könnten, ist ein zukünftiges Forschungsthema was u. a. im Feld des Kommu- nikationsdesigns zu verorten wäre. Individualisierung von Wandertourenvorschlägen Eine valide und reliable Messung von Wanderfähigkeiten könnte die Individualisierung von Tourenvorschlägen passend zum Wandervermögen ermöglichen. Aufgrund der Vielfältigkeit der Wandernden, aber auch der steigenden Anzahl an Tourenplanungsportalen, ist anzu- nehmen, dass die Bedeutsamkeit von personalisierten Wandertouren gestiegen ist. Inwie- weit der Einbezug von weiteren Faktoren wie z. B. die Motivation, Präferenzen, mögliche gesundheitliche Einschränkungen, Tagesform usw. zu einem optimierten individuellen Wandererlebnis führen könnte, gilt es weiter zu erforschen. An dieser Stelle sei auf die Ar- beit von Mönnink (2021) verwiesen, der auf Datengrundlage dieser Forschungsarbeit ein Regressionsmodell zur Vorhersage der individuellen Gehzeit anhand internaler Faktoren entwickelt hat. 6 Fazit | 142 142 6.3 Schlussbetrachtung Ein vermehrter Andrang von Erholungssuchenden und Sporttreibenden auf alpine Destinati- onen, eine sich verändernde Nutzungsgruppenstruktur der sporttouristischen Bergwandern- den und die damit einhergehend steigenden Zahlen der Alpinunfallstatistik gaben Anlass zur Forschung. Die Aktualität des Themas wurde überdies erhöht durch die zum Zeitpunkt der Untersuchung vorherrschenden Covid-19 Pandemie, die verstärkend auf die beschriebe- ne Entwicklung zu wirken scheint. Aufgrund der dargestellten Notwendigkeit von angepass- ten Lenkungs- und Informationsmaßnahmen von Bergwandernden zum Zwecke der Unfall- prävention und der Sicherung der Erlebnis- und Erholungsqualität, war es Ziel der vorlie- genden Arbeit, bedarfsgerechte Anforderungen an Wanderleitsysteme in den Alpen zu for- mulieren. Die eingangs aufgezeigten Beobachtungen, dass ein erheblicher Anteil der Bergwan- dernden unerfahren ist, sich in ihren Wanderfähigkeiten überschätzen sowie die Schwierig- keit der Wanderungen unterschätzen und es oftmals an ausreichender Tourenplanung man- gelt, ließen sich in der vorliegenden Forschungsarbeit exemplarisch am Fallbeispiel des Stubaitals bestätigen. Darüber hinaus zeigte sich, dass das Wandern eine überwiegend so- ziale Aktivität zu sein scheint und dass Begleitpersonen mehr in der Tourenplanung be- rücksichtigt werden sollten. Der Umstand, dass die Hälfte aller Touren nicht erwartungsge- mäß verlief, unterstreicht überdies die Notwendigkeit von angepassten Informations- und Lenkungsmaßnahmen. Abschließend lässt sich resümieren, dass die Frage nach Anforderungen an Wanderleit- systeme in alpinen Destinationen eine vielschichtige ist. Die Wegfindung von sporttouristi- schen Bergwandernden ist ein komplexer Prozess, der von einer Reihe an individuellen, so- zialen und umweltbezogenen Faktoren beeinflusst wird. Wegfindung und Wegweisung grei- fen ineinander. Dementsprechend sollte sich ein Wanderleitsystem an den Nutzenden ori- entieren und der Prozess der Wegfindung als Ganzes betrachtet werden. Die Wegbeschilde- rung der Wanderwege ist dabei nur ein Element der Aktivitätslenkung. Insbesondere vor dem Hintergrund der Unfallprävention sollte eine Aufklärung, Sensibilisierung und Lenkung bereits in der Informationsphase der Wandernden erfolgen. Grundlegend für eine realisti- sche Selbsteinschätzung und eine entsprechende Tourenplanung könnten zudem eine ein- heitliche und eindeutige Schwierigkeitsklassifizierung von Wanderwegen und ein entspre- chendes Anforderungsprofil an die Wanderfähigkeiten sein. Darüber hinaus charakterisierte sich die Nutzungsgruppe der Wandernden am Fallbeispiel des Stubaitals als vielfältig. Bis- herige Wanderstudien weisen darauf hin, dass sich diese zudem in einem ständigen Wandel befinden. So zeichnen sich zum Beispiel Veränderungen in der Altersverteilung und im In- formationsverhalten ab. Insofern besteht die Anforderung an Wanderleitsysteme, dass die- se dynamisch sind und sich fortlaufend an die sich verändernde Nutzungsgruppe anpassen. 6 Fazit 143 | 143 Dies wiederum bedarf einer wiederholten und überregionalen Erhebung von Nut- zer*innendaten. Die vorliegende Forschungsarbeit beantwortet die Frage nach Anforderungen an Wan- derleitsysteme am Fallbeispiel des Stubaitals und charakterisiert die dortigen Bergwan- dernden im Sommer 2020 während der Covid-19 Pandemie. Damit wurde ein Beitrag für mehr Wissen bezüglich der Selbsteinschätzung, Tourenplanung und des raumzeitlichen Ver- haltens der Bergwandernden bezogen auf die Schwierigkeit und Anforderung von Wander- wegen geleistet und die Dringlichkeit von angepassten Lenkungsmaßnahmen dargestellt. Die unterschiedlichen Bergwegeklassifizierungen wurden verglichen und bewertet. Ansätze eines Anforderungsprofils wurden überdies konkretisiert, sodass eine Zuordnung der Wan- derfähigkeiten zu der im Untersuchungsgebiet geltenden Schwierigkeitsklassifizierung möglich wurde. Die vorliegende Forschungsarbeit betrachtet erstmals den Wegfindungsprozess von sporttouristischen Bergwandernden im Naturraum der Alpen holistisch und nutzungsorien- tiert, zeigt die Dringlichkeit von angepassten Informations- und Lenkungsmaßnahmen auf, die über die Wegbeschilderung hinaus gehen und formuliert grundlegende und spezifische Anforderungen an Wanderleitsysteme, die zur Unfallprävention und zur Sicherung der Er- lebnis- und Erholungsqualität beitragen könnten. 6 Fazit 145 | 145 Literaturverzeichnis Abdul Khanan, M. F., Xia, J. C., & Inbakaran, R. (2012). Individual differences in the tourist wayfinding decision-making process: A case study of Phillip Island, Victoria, Australia (S. 245–256). https://doi.org/10.13140/RG.2.1.2828.8162 Allen, G. L. (1999). Spatial abilities, cognitive maps, and wayfinding - Bases for individual differences in spatial cognition and behavior. In R. G. 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Wegekategorie Alpine Route. Anhang 161 | 161 Abb. 61: Fragebogen (Post) Seite 1. Anhang | 162 162 Abb. 62: Fragebogen (Post) Seite 2. Anhang 163 | 163 Anhang 2: Hauptkomponentenanalyse Motive Tab. 34: Hauptkomponentenanalyse der Motive zum Wandern. Korrelationswerte der rotierten Komponentenmatrix Faktor 1 Lernen und Wissen Faktor 2 Erholung / Alltagsflucht Faktor 3 Natur-erleben Faktor 4 Fitness und Sport Faktor 5 Alleinsein Faktorladungen über die Kultur der Region lernen 0.84 0.10 0.03 -0.06 0.01 neue Menschen kennen lernen 0.67 0.02 0.07 0.24 0.17 über die Natur lernen 0.66 0.15 0.29 -0.12 -0.10 Wissen und Fähigkeiten weiterzugeben 0.56 0.03 -0.25 0.48 -0.17 mich mental erholen 0.10 0.83 0.10 0.04 0.08 dem Alltag entfliehen 0.08 0.75 0.01 0.02 -0.03 körperlich fit halten 0.01 0.49 0.13 0.43 0.05 in der Natur sein und sie erleben 0.05 0.05 0.82 0.12 -0.04 die Landschaft betrachten 0.13 0.11 0.80 -0.07 -0.07 Aufregendes erleben 0.03 -0.02 0.18 0.70 -0.05 Fähigkeiten / Ausdauer testen und trainieren 0.04 0.18 -0.18 0.68 0.21 Familie / Freund*innen unternehmen 0.07 0.12 0.14 0.18 -0.75 allein sein 0.01 0.08 -0.04 0.17 0.74 über mich selbst nachdenken 0.17 0.43 0.10 0.17 0.55 Rotierte Summe der quad. Faktorladungen 1.97 1.78 1.57 1.55 1.54 Erklärte Varianz rotiert 14% 13% 11% 11% 11% Erklärte Varianz aufsum- miert (rotiert) 14% 27% 38% 49% 60% Anmerkung. n = 366. Extraktionsmethode: Hauptkomponentenanalyse. Rotationsmethode: Varimax mit Kaiser-Normalisierung. Anhang | 164 164 Anhang 3: Standortvergleich Tab. 35: Räumliche Charakterisierung der Bergwegeklassen Gelbe Wanderwege Rote Bergwege Schwarze Bergwege Tiroler Bergwegekonzept leicht; breit und geringe Steigung; Talbereich und anschließender Wald; atypische Gefahrenstel- len sind in der Regel ge- sichert oder signalisiert; markiert und beschildert mittelschwierig; oft schmal und steil; stellenweise ausgesetzt (Absturzgefahr); kurze versicherte Gehpassagen oder kurze Abschnitte mit Händen zur Gleich- gewichtsunterstützung; markiert und beschildert schwierig; größtenteils schmal und steil; sehr ausgesetzt (Absturzgefahr); längere versicherte Abschnitte oder Kletterpassagen; markiert und beschildert Standort Elferbahnen überwiegend lose und fest, breit angelegt und von mittlerer bis flache Steigung sind Tal nah oder führen als breite Schotterwege in höhere Lagen bis 2000 Meter Höhe größtenteils hindernis- reich, schmal sowie steil bis sehr steil kein Asphalt führen als schmale, ver- wurzelte Pfade ausge- hend vom Tal über die Waldgrenze in höhere Lagen, wo diese dann überwiegend schottrig und felsig werden sind mehrheitlich felsig hindernisreich überwiegend schmal, nirgends breit kaum flach, hauptsäch- lich Steigungen über 10 Prozent führen zu den Gipfeln Standort Oberissalm größtenteils fest, breit und mäßig steil Tal nah, breiter Schot- terweg hinauf auf max. 1830 Metern größtenteils hindernis- reich und lose, schmal und steil in allen Höhenlagen ver- treten führen zu Gipfeln sind ausschließlich hin- dernisreich und lose, schmaler und sehr führen zu Gipfeln Anhang 165 | 165 Anhang 4: Untergründe Tab. 36: Charakterisierung der Weguntergründe Untergrund Beschreibung Beispielbilder fest Asphalt wassergebundene Decke lose Schotter Geröll hindernisreich Wurzeln Fels weich Wiese Erde Waldboden Anhang | 166 166 Anhang 5: Wettergutachten Tab. 37: Wettergutachten im Untersuchungszeitraum Stubaital (Quelle: ZMAG, 2020) istnr datum tmin t tmax t7 t14 t19 nied07 nied19 sonne 14701 16.07.2020 10,8 13,5 16,2 12,3 15,6 13,7 1,0 3,4 0,2 14701 17.07.2020 11,1 12,8 14,4 11,3 13,2 11,9 3,5 4,5 0,2 14701 18.07.2020 9,2 12,8 16,3 10,9 16,1 12,5 0,1 -1 2,1 14701 19.07.2020 10,9 16,6 22,2 11,5 20,2 16,9 -1 -1 5,5 14701 20.07.2020 10,4 18,2 26,0 13,4 25,3 19,6 -1 -1 10,4 14701 21.07.2020 12,4 18,8 25,1 16,1 22,9 19,4 -1 -1 3,9 14701 22.07.2020 12,3 18,0 23,6 13,9 22,4 17,2 5,8 1,0 4,5 14701 06.08.2020 8,1 16,2 24,3 10,6 23,6 18,7 -1 -1 10,6 14701 07.08.2020 12,3 19,7 27,0 14,1 26,6 19,8 -1 -1 10,9 14701 08.08.2020 13,2 20,5 27,7 14,7 27,3 21,4 -1 -1 10,9 14701 09.08.2020 14,0 20,8 27,6 15,5 27,5 21,8 -1 -1 10,6 14701 10.08.2020 14,1 21,5 28,9 16,0 28,8 16,8 -1 0,6 8,0 14701 11.08.2020 12,3 20,0 27,6 13,4 27,1 21,5 3,0 -1 9,7 14701 12.08.2020 13,0 20,5 28,0 15,0 27,5 17,5 4,0 0,8 7,1 14701 13.08.2020 14,5 19,8 25,1 16,1 22,4 15,6 0,8 13,2 2,5 14701 14.08.2020 11,0 17,0 22,9 12,7 22,2 15,6 0,3 4,8 1,4 14701 14.08.2020 11,0 17,0 22,9 12,7 22,2 15,6 0,3 4,8 1,4 14701 15.08.2020 13,4 18,0 22,5 14,6 20,4 18,4 -1 0,2 4,5 14701 16.08.2020 11,7 18,5 25,2 13,0 24,3 14,8 -1 11,8 5,7 14701 17.08.2020 12,6 15,8 19,0 13,4 18,9 15,0 0,8 15,2 0,6 14701 18.08.2020 11,4 15,2 19,0 12,7 19,0 14,5 -1 1,7 1,5 14701 19.08.2020 10,4 16,8 23,1 10,9 22,4 16,4 0,4 -1 9,4 Anmerkung. NEUSTIFT/MILDERS. Seehöhe: 1007 m; Breite: 47.10277778°; Länge: 11.29194444° istnr = Klimastationsnummer. tmin = Minimum der Lufttemperatur (2 m über Grund), 19 Uhr Vortag - 19 Uhr MEZ, Einheit = °C, Fehlwert = ---. t = mittlere Lufttemperatur (2 m über Grund), Einheit = °C, Fehlwert = ---, Berechnung = (Tmax + Tmin)/2. tmax = Maximum der Lufttemperatur (2 m über Grund), 19 Uhr Vortag - 19 Uhr MEZ, Einheit = °C, Fehlwert = ---. t7 = Lufttemperatur (2 m über Grund), 7 Uhr MEZ, Einheit = °C, Fehlwert = ---. t14 = Lufttemperatur (2 m über Grund), 14 Uhr MEZ, Einheit = °C, Fehlwert = ---. t19 = Lufttemperatur (2 m über Grund), 19 Uhr MEZ, Einheit = °C, Fehlwert = ---, Anmerkung = vor 1971 = 21 Uhr MEZ. nied07 = Niederschlagsmenge, 19 Uhr Vortag - 7 Uhr MEZ, Einheit = mm, Fehlwert = - --, Anmerkung = Einheit [mm] entspricht Liter pro Quadratmeter; -1 = kein Niederschlag, 0 = < 0.1 mm. nied19 = Nieder- schlagsmenge, 7 Uhr - 19 Uhr MEZ, Einheit = mm, Fehlwert = ---, Anmerkung = Einheit [mm] entspricht Liter pro Quadrat- meter; -1 = kein Niederschlag, 0 = < 0.1 mm. sonne = Tagessonnenscheindauer, Einheit = h, Fehlwert = ---. Anhang Institut für Outdoor Sport und Umweltforschung ISSN 2750-7297 Am Sportpark Müngersdorf 6 50933 Köln Tel.: +49 [0]221 / 4982 4240 Fax: +49 [0]221 / 4982 8480 www.outdoorsportforschung.com outdoorsportforschung@dshs-koeln.de