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  • ZSLS_1-2025_Funk.pdf
    13 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2025, 8(1) 360°-Videos zur Bewegungsaneignung und zum Techniktraining · Funk, Rosendahl, Wagner 360°-Videos zur Bewegungsaneignung und zum Techniktraining – ein Konzept für den Einsatz als Lehr- Lernmedium im Volleyball Katharina Funk, Philipp Rosendahl & Ingo Wagner Schlüsselwörter: Sport, 360°-Video, Bewegungsaneignung, Techniktraining, Volleyball WERKSTATTBERICHT > PRACTICE REPORT ZUSAMMENFASSUNG Der Einsatz von 360°-Videos, insbesondere durch die ermöglichte multiperspekti- vische Sichtweise, bietet ein vielversprechendes Potenzial für die Verwendung als Lehr-Lernmedium. Daher wird in diesem Beitrag ein Konzept für den Einsatz von 360°-Videos als Lehr-Lernmedium zur Bewegungsaneignung und zum Techniktrai- ning im Volleyball mit besonderem Fokus auf die Vermittlung des oberen Zuspiels vorgestellt. Der Einsatz von 360°-Videos innerhalb dieses Konzepts ermöglicht eine Betrachtung von Bewegungen aus verschiedenen Blickwinkeln und zielt auf eine Verknüpfung von Theorie und Praxis ab. Dies soll nicht nur die Motivation der Lernenden steigern, sondern auch zu einer effektiveren Technikvermittlung und zu selbstgesteuertem Lernen führen. Trotz dieser vielversprechenden Potenziale wer- den auch Herausforderungen hinsichtlich der technischen Umsetzung von Video- aufnahmen diskutiert. Darüber hinaus werden Weiterführungsmöglichkeiten sowie zukünftige Forschungsbedarfe zur Evaluation und Weiterentwicklung des Konzepts aufgezeigt. Insgesamt bietet das vorgestellte Konzept einen vielversprechenden An- satz für den Einsatz von 360°-Videos in der Technikvermittlung. 1. Einleitung Für die Teilnahme am Zielspiel Volleyball ist die Beherrschung der Grundtechniken, insbesondere des oberen Zuspiels, essenziell und von großer Bedeutung (Anrich et al., 2005). Sie stellen eine wesentliche Voraussetzung für das Volleyballspiel dar, weshalb das Erlernen und Verbessern dieser Grundtechniken nicht nur für den Leistungs- und Vereinssport, also den außerschulischen Sport, sondern auch für das Volleyballspiel im Rahmen des Schulsports bedeutsam ist. Sowohl das Erlernen der Volleyballgrundtechniken als auch das Volleyballspiel selbst erfordern eine präzise Bewegungsausführung und gute koordinative Voraussetzungen (Lohmann, 2023). Gerade im Schulsport stellt die Aneignung der Grundtechniken aber eine Herausfor- derung dar und die mangelnde Beherrschung führt häufig zu Frustration und Lange- weile beim Volleyballspielen (Lohmann, 2023). Um diesen Frustrationen gerade im Schulsport präventiv entgegenzuwirken, ist es wichtig, das obere Zuspiel im Rahmen eines Techniktrainings nachhaltig zu erlernen. Im Techniktraining sportlicher Bewegungen können Videos für verschiedene Ziel- setzungen eingesetzt werden (Fischer & Krombholz, 2020; Mödinger et al., 2022). Beispielsweise können Videos zur Analyse von Bewegungen hinsichtlich kinemati- scher Faktoren wie Gelenkwinkel verwendet werden (ebd.). Grundsätzlich werden Videos als Lehr-Lernmedium häufig herangezogen (Börner et al., 2016) und digi- talen Medien wird generell ein hohes Potenzial für Lehr-Lernprozesse im Sport zugeschrieben (Wendeborn, 2019). 360°-Videos ermöglichen im Vergleich zu herkömmlichen Videos ohne 360°-Rundumsicht neben den Vorteilen von Vi- deos im Allgemeinen insbesondere die gleichzei- tige Betrachtung verschiedener Perspektiven und Blickwinkel innerhalb eines Videos. Allgemein im Sport wird der Einsatz von 360°-Videos als effektiv beschrieben (Ranieri et al., 2022), denn durch den Einsatz von 360°-Videos können bei- spielsweise das Interesse, die Aufmerksamkeit und die Konzentration beim Lernen gesteigert werden (Ranieri et al., 2022; Ulrich et al., 2019). Im Folgenden werden daher Ideen zu einem Konzept für eine 360°-Video-Lehr-Lerneinheit zur Bewegungsaneignung und zum Techniktraining am Beispiel des oberen Zuspiels im Volleyball vorgestellt. 2. Bewegungsausführung und Technikstruktur des oberen Zuspiels Im Mittelpunkt des Konzepts stehen die Bewe- gungsvisualisierung und das Techniktraining mit- hilfe von 360°-Videos der Technik des frontalen oberen Zuspiels (Pritschen) im Stand im Volley- ball, mit der Bälle präzise und zielgerichtet ge- spielt werden können (Anrich et al., 2005; Czimek & DVV, 2022). Entscheidend für ein erfolgreiches oberes Zuspiel ist, dass die Technik zielführend erlernt und möglichst fehlerfrei ausgeführt wird (Feiri et al., 2008). Für die Technik des oberen Zuspiels sind die Arm- DOI: 10.25847/zsls.2024.077 14 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2025, 8(1) 360°-Videos zur Bewegungsaneignung und zum Techniktraining · Funk, Rosendahl, Wagner und Handhaltung, die Körperhaltung, die Schul- terachse, der Spielpunkt und die Impulsgabe wichtige Merkmale, mit denen die Bewegungs- ausführung beschrieben werden kann (Anrich et al., 2005). Neben der Beschreibung der Technik anhand dieser Merkmale gibt es für das obere Zuspiel das Technikmodell „Helsinki“ (Feiri et al., 2008). Mit diesem wird die Bewegungsbeschrei- bung des oberen Zuspiels in drei Phasen (Hel, sin, ki) unterteilt und kann so anschaulich und einprägsam für die Technikaneignung herange- zogen werden (ebd.). Voraussetzung für die erste Phase und generell für die Technik des oberen Zuspiels ist die Aus- gangsposition bzw. Grundposition (Czimek & DVV, 2022; Feiri et al., 2008). Diese ist gekenn- zeichnet durch eine laufbereite Erwartungshal- tung, bei der eine leichte Schrittstellung mit dem rechten Fuß vorne eingenommen und auf dem ganzen Fuß mit einem Körperschwerpunkt auf dem Vorderfuß gestanden wird (Anrich et al., 2005; Czimek & DVV, 2022; Feiri et al., 2008). Knie (Winkel 160°) und Hüfte sind leicht gebeugt und die Arme sind locker und leicht angewinkelt (ebd.). In der ersten Phase „Hel-" des Technikmodells „Helsinki“ werden die Hände ausgehend von der Erwartungshaltung vor/über die Stirn geführt, sodass sie gemessen an der Armstreckung mit zwei Drittel vor/über der Stirn sind (Czimek & DVV, 2022; Feiri et al., 2008). Dabei bleibt der Oberkörper aufrecht, der Blick ist auf den Ball gerichtet und die Ellbogen befinden sich auf Augenhöhe (ebd.). Beim Hochführen der Hände bilden diese mit den Daumen und Zeigefingern ein Dreieck vor/über der Stirn, durch das von unten geblickt werden kann (ebd.). Die Finger sind gespreizt und die Hände geöffnet (Anrich et al., 2005). Für die Bildung des Dreiecks müs- sen die Hände einwärts gedreht werden, sodass die Zeigefinger etwa 2 cm voneinander entfernt sind (Feiri et al., 2008). Außerdem wird mit den Händen eine sogenannte „Korbstellung“ ein- genommen (Anrich et al., 2005; Czimek & DVV, 2022). Diese wird durch ein leichtes Einknicken im Handgelenk nach innen bzw. unten erreicht (Anrich et al., 2005; Feiri et al., 2008). Dabei bleibt das Handgelenk locker und die Hände sind rund geformt (ebd.). In der zweiten Phase „sin“ des Technikmodells wird die Handposition und -formation der ersten Phase beibehalten (Anrich et al., 2005; Feiri et al., 2008). Es wird eine stabile, schulterbreite Schritt-/Grätschstellung eingenommen, das Gewicht auf beide Füße verteilt und die Schul- terachse entsprechend dem angestrebten Ziel ausgerichtet (Anrich et al., 2005; Czimek & DVV, 2022; Feiri et al., 2008). Je nachdem, ob bei- spielsweise ein hoher oder ein schneller, niedri- ger Pass gespielt werden soll, werden die Beine zudem stärker oder weniger stark für einen größeren oder kleineren Beineinsatz gebeugt (Czimek & DVV, 2022; Feiri et al., 2008). Dadurch wird der Körperschwerpunkt abge- senkt, die Handhaltung bleibt jedoch in der zuvor beschriebenen Position erhalten (Anrich et al., 2005; Czimek & DVV, 2022). Insgesamt soll eine neutrale Spielstellung, d.h. Körper/Wirbelsäule/Kopf ist hinter dem Ball, und eine frontale Körperausrich- tung sowie eine Ausrichtung der Füße zur Abspielrichtung eingenommen werden (Czimek & DVV, 2022). In der dritten und letzten Phase des Technikmodells „ki“ wird der Ball gespielt (Feiri et al., 2008). Hier werden Finger, Hände und Schultern in eine Vorspannung gebracht und beim Spielen kommt es zu einer harmonischen Ganzkörperstreckung nach oben in Abspielrichtung (Anrich et al., 2005; Feiri et al., 2008). Durch den gerin- gen Beineinsatz bei niedrigeren, schnellen Pässen, erfolgt die Hauptsteuerung aus dem Hand- und Daumengelenk sowie aus den Armen (Czimek & DVV, 2022; Feiri et al., 2008). Sobald der Ball die Hände berührt, werden die Handgelenke leicht nach innen/unten eingeknickt (Czimek & DVV, 2022). Beim Spielen des Balles sind die Finger gespannt und gespreizt, es wird eine Balance zwischen beiden Daumen und Zeigefingern hergestellt und der Hauptimpuls kommt aus den nach innen gebeug- ten Handgelenken (Czimek & DVV, 2022). Insgesamt wird der Ball mit allen Fingern gespielt und der Hand-Ball-Kontakt sollte möglichst kurz sein (Anrich et al., 2005; Czimek & DVV, 2022; Feiri et al., 2008). Der Ball sollte beim Spielen nicht rotieren und es sollte kein Schritt gemacht werden (Czimek & DVV, 2022). Nach dem Spielen des Balles sollten die offenen Handflächen mit angespannten Fingern oben stehen bleiben sowie die Daumen nach vorne stehen (ebd.). Wichtig ist, dass die Hände nicht überaufgedreht werden (ebd.). 3. 360°-Videos im Sport und digitaler Medieneinsatz im Volleyball Um Bewegungsabläufe, wie sie in Sportkontexten vorzufinden sind, analysieren und detailliert betrachten zu können, bietet sich im Gegensatz zu statischen Bildern der Einsatz von bewegten Bildern und damit von Videotechnologie an (Dober, 2019; Rosendahl & Wagner, 2021). Bei statischen Bildreihen kann keine Bewegungsdyna- mik abgebildet werden und somit können Bewegungsabläufe nur schwer im Detail analysiert werden. Mithilfe von Videotechnologie können Bewegungen und auch Taktiken visualisiert, strukturiert sowie gesteuert vermittelt, zudem räumliche, zeit- liche und dynamische Aspekte dargestellt und verschiedene Perspektiven sowie Ge- schwindigkeiten für die Ausbildung der Bewegungsvorstellung eingenommen und eingestellt werden (Dober, 2019). So können Bewegungsdetails wahrgenommen und damit Bewegungsvorstellungen nachhaltig entwickelt werden (ebd.). Insgesamt können damit Lehr-Lernformen durch digitale Medien und insbesondere Video- technologien unterstützt und somit selbstständiges und individualisiertes Lernen gefördert werden (ebd.). Insbesondere im Hinblick auf das selbstständige und individualisierte Lernen sind 360°-Videos für die Analyse von Bewegungsabläufen geeignet, da Lernende häufig sehr unterschiedliche Perspektiven auf Bewegungsabläufe benötigen, um eine Be- wegungsvorstellung zu entwickeln (Büning & Wirth, 2020). So wird für den einen die Perspektive aus der Rückansicht und für den anderen die aus der Seitenansicht be- vorzugt (ebd.). Die verschiedenen Perspektiven auf Bewegungen können durch den 360°-Kamerarundumblick und damit durch 360°-Videos gleichzeitig in einem Video ermöglicht werden. Wie auch im Ansatz der 360°-Bewegungsanalyse Pythagoras an der Deutschen Sporthochschule Köln, bei dem die Perspektiven und Zoomstufen während des Bewegungslernens frei gewählt werden können (ebd.), ist durch den 360°-Kamerarundumblick auf Bewegungen eine multiperspektivische Betrachtung möglich. Bisher ist die Verwendung von 360°-Videos als Lehr-Lernmedium insbeson- dere im schulischen Sport jedoch kaum vorzufinden (Rosendahl & Wagner, 2021). Im außerschulischen Sport hingegen werden sie beispielsweise zur Steigerung der Mo- tivation (Hebbel-Seeger, 2017) oder zur Reflexion und Analyse von Spielsituationen und Leistungen, insbesondere durch die multiperspektivische Betrachtung (Kittel et al., 2023; Panchuk et al., 2018), bereits explorativ eingesetzt. Darüber hinaus wer- den 360°-Videos auch herangezogen, um verschiedene Sportarten zu lehren und zu erlernen (Ranieri et al., 2022). Beispielsweise werden 360°-Videos zum Erlernen von Klettertechniken verwendet (Gänsluckner et al., 2017). Hier zeigen sich vor allem 15 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2025, 8(1) 360°-Videos zur Bewegungsaneignung und zum Techniktraining · Funk, Rosendahl, Wagner die Vorteile der verschiedenen Perspektiven im Vergleich zu herkömmlichen Videos (ebd.). Insgesamt werden damit mehrere Potenziale und Einsatzmöglichkeiten von 360°-Videos als Lehr-Lernmedium oder Trainingsinstrument im Sport deutlich (Ro- sendahl & Wagner, 2021). In Bezug auf den Einsatz digitaler Medien im Volleyball und insbesondere im Hinblick auf die Technikvermittlung sind bisher die Verwendung von herkömmlichen Videos, aber auch vereinzelt die Verwendung von 360°-Videos bekannt (Lohmann, 2023; Paraskevaidis & Fokides, 2020; Volleyball-Landesverband Württemberg e.V., o.J.). Beispielsweise gibt es herkömmliche Lehrvideos zum Zuspiel, in denen wichtige Technikmerkmale beschrieben und anschaulich dargestellt sind (Volleyball-Landes- verband Württemberg e.V., o.J.). Für die Technikvermittlung können Videos nicht nur zur Visualisierung der technisch korrekt ausgeführten Bewegung, sondern auch für ein Videofeedback bzw. eine Videoanalyse eingesetzt werden (Fischer & Krombholz, 2020; Lohmann, 2023; Mödinger et al., 2024). So kann die Technik wie z.B. die des Angriffsschlages im Volleyball nicht nur besser und durch die Zeitlupe verlangsamt veranschaulicht werden, sondern die Lernenden können ihre Bewegungsausführun- gen selbst betrachten und analysieren (Lohmann, 2023; Mödinger et al., 2024). Hier setzt das Konzept dieser Arbeit an und verfolgt dazu einen explorativen Ansatz für die Entwicklung und Diskussion zu 360°-Videos als visueller Trainingshilfe im Hinblick auf eine Bewegungsdemonstration und Möglichkeit für eine Bewegungsbeobach- tung und -korrektur. 4. Konzept Das Konzept verfolgt das übergeordnete Lehr-Lernziel, mithilfe von 360°-Videos die Technik des oberen Zuspiels der Sportart Volleyball zu erlernen sowie zu ver- bessern. Ausgehend von der Fragestellung nach der Volleyballtechnik des oberen Zuspiels und genauer nach der Visualisierung dieser Technik im Hinblick auf richti- ge Technikaspekte und -phasen können die 360°-Videos betrachtet, die gezeigten Bewegungsabläufe aus mehreren Kamerablickwinkeln analysiert und schließlich die eigene Technik erarbeitet oder verbessert werden. Das Konzept sieht daher eine Verbindung von Theorie und Praxis vor. Die Technik wird nicht nur selbst praktisch erlernt oder verbessert, sondern auch theoriebasiert genauer analysiert. Mithilfe der 360°-Videos soll eine Bewegungsanalyse im Hinblick auf die Theorie durchgeführt und die einzelnen Bewegungsphasen beschrieben wer- den. Dabei teilen die Lernenden die Bewegung in die Bewegungsabschnitte ein und nehmen innerhalb dieser eine Bewegungsbeschreibung vor. Für das obere Zuspiel wurden zu Beginn in Kapitel 2 die entsprechenden Bewegungsabschnitte „Hel-, sin-, ki“ beschrieben. Insgesamt sollen die 360°-Videos in dieser Lerneinheit zum Bewe- gungserlernen, zur Bewegungsreflexion und zur Bewegungsbeschreibung eingesetzt werden. Dabei soll mithilfe der 360°-Videos keine Expertenmodellierung und damit keine optimale Technikausführung angestrebt werden. Es geht hauptsächlich darum, die Bewegungsausführung mit einem minimalen Aufwand aus unterschiedlichen Perspektiven zu visualisieren, die Bewegung zu demonstrieren und zu analysieren. Abb. 1: Screenshot aus der Videoaufnahme zum oberen Zuspiel ohne Ball aus der explorativen Umsetzung dieses Konzepts, dargestellt in der Panoramaansicht zur Veranschaulichung der multiperspektivischen Sichtweise der 360°-Videos Vor allem die von Büning und Wirth (2020) an- gesprochenen oft benötigten unterschiedlichen Perspektiven auf Bewegungsabläufe für die Ent- wicklung einer Bewegungsvorstellung und damit Technik- und Bewegungsaneignung für Lernende soll durch dieses Konzept angestrebt werden. Durch die Aneignung und Verbesserung der essenziellen Technik des oberen Zuspiels mit- hilfe dieses Konzepts werden die Lernenden an die für die Ausübung der Sportart Volleyball relevanten Aspekte herangeführt und somit zur Teilnahme am Zielspiel Volleyball befähigt. Da die Entwicklung der Technik des oberen Zuspiels im Volleyball eine Schlüsselstelle für das spätere Volleyballspiel darstellt, soll diese nachhaltig und möglichst ohne „falsche“ Technikausführungen sowie Fehlerbilder eingeführt werden. Durch die Aufgabenstellungen und vorgegebenen Merk- male im Rahmen des Konzepts werden die Ler- nenden angeleitet und ihre Aufmerksamkeit auf die Bewegungsmerkmale gelenkt. Somit stehen die Lernergebnisse im Vordergrund und das Er- lernen, Verbessern sowie die Bewegungsanalyse der Technik kann nachhaltig gefördert werden. Da es hier um das eigene Erlernen, Verbessern und Analysieren von Bewegungen geht, sollen die Lernenden zu Eigenaktivität und selbstständi- gem Arbeiten animiert werden. Ein Vorteil des Einsatzes eines 360°-Videos ist, dass die Bewegungen aus verschiedenen Blickwinkeln und Perspektiven innerhalb eines Videos betrachtet werden können. Nur durch eine multiperspektivische Sichtweise können Techniken genau analysiert und somit optimal erlernt bzw. verbessert werden. So kann z.B. aus der Seitenperspektive die Winkelstellung zwischen Ober- und Unterschenkel oder aus der Rückperspektive die Handhaltung beim oberen Zuspiel erkannt werden (siehe Abb. 1). Dabei kann auch bei 360°-Videos für die Beobachtung in Bildausschnitte gezoomt und damit Bewegun- gen größer dargestellt werden (wenn auch mit Qualitätsverlust). Dabei kann der Fokus von den Lernenden selbst gesteuert und schnell zwischen verschiedenen Perspektiven gewechselt werden. Die Lernenden sollen somit zum eigenständigen Lernen aktiviert werden und ihr Lernen und ihre Wahrnehmung individuell steuern. Insgesamt steht damit ein individuelles und eigenverantwortliches Lernen im Vordergrund. Darüber hinaus werden ein selbstgesteuerter, aktiver Lernprozess sowie ein kompetenzorientiertes Lernen angestrebt. Die Lernenden sollen durch vorgegebene Arbeits- aufträge Inhalte selbstständig lernen, bearbeiten und dabei z.B. Fähigkeiten, Fertigkeiten und Herangehensweisen an Probleme und Aufgaben trainieren und erlernen. Neben den Inhalten bzw. den fachlichen Kompetenzen stehen hier auch die überfachlichen Kompetenzen und deren Erwerb im Rahmen des selbstständigen Lernprozesses im Fokus, gesteuert durch digital DOI: 10.25847/zsls.2024.077 16 CC BY 4.0 DE 360°-Videos zur Bewegungsaneignung und zum Techniktraining · Funk, Rosendahl, Wagner kompetente Lehrkräfte (Mödinger et al., 2023; Wohlfahrt et al., 2024). Die 360°-Videos dieses Konzepts können mit ver- schiedenen Ausgabegeräten wie beispielsweise dem Smartphone, PC oder auch mit einem Head- Mounted-Display (HMD) betrachtet werden, wobei die multiperspektivische Betrachtung un- abhängig vom Ausgabegerät gesteuert werden kann. Ein HMD ist ein mobiles Display, welches sich unmittelbar vor den Augen der Nutzenden befindet und durch ein integriertes Trackingsys- tem die Blickrichtung innerhalb der digitalen Anwendung steuert (Griffin et al., 2021). Unter HMDs werden sowohl hochwertige VR-Brillen als auch Cardboards in Kombination mit Smart- phones verstanden. Zusätzlich zur multiperspek- tivischen Betrachtung können Lernende bei der Betrachtung der 360°-Videos mit einem HMD eine realitätsnahe und authentische Perspektive einnehmen. Das Konzept mit 360°-Videos als Trainingsinst- rument kann in verschiedenen Lehr-Lern-Arran- gements eingesetzt werden. Eine Einsatzmög- lichkeit ist die Verwendung im Rahmen eines Flipped-Classroom-Ansatzes bzw. im Rahmen ei- nes Inverted-Classroom-Modells (Rudloff, 2017), bei dem die Lernenden die Technik des oberen Zuspiels zunächst selbstständig und ortsunab- hängig anhand der 360°-Videos analysieren und ggf. den groben Bewegungsablauf ohne Ball imitieren können. Im Präsenzunterricht könnte dann direkt in die Praxis eingestiegen werden, sodass hier eine selbstständige theo- riegeleitete grob-koordinative oder eine durch die Lehrkraft unterstützende fein-koordinative Aneignung der Technik auf Basis der 360°-Videos stattfinden kann. Dabei soll die Praxiszeit nicht reduziert, sondern durch die vorher stattfinden- de Bebachtung der Technikausführung und des Bewegungsablaufes die Übung und Aneignung in der Praxis in Präsenz erleichtert und vorbereitet werden. Auch kann der grobe Bewegungsablauf anhand des 360°-Videos ohne Ball von den Ler- nenden ortsunabhängig und ohne Ball imitiert und so möglicherweise schon eine grobe Bewe- gungsvorstellung entwickelt werden. 5. Aufbau und Durchführung des Konzepts Grundaufbau Das Konzept umfasst zwei 360°-Videos, die das obere Zuspiel in verschiedenen Situationen zeigen. Dazu gibt es 360°-Videos für den Bewe- gungsablauf ohne und mit Ball (siehe Tab. 1). Die verschiedenen 360°-Videos ermöglichen, je nach Zielsetzung und Voraussetzungen das obere Zu- spiel zu betrachten. Darüber hinaus kann durch die Bereitstellung mehrerer kleinerer 360°-Vi- deos die Datengröße reduziert und das Streaming beschleunigt werden. Die 360°-Videos werden nach dem gleichen Prinzip aufgenommen. Es handelt sich um statische 360°-Videos, die das Betrachten der Technik aus der Front-, Rück- oder Seitenansicht ermöglichen. Für die Aufnahmen wird die 360°-Kamera auf einem Stativ befestigt und dieses an einem zuvor festgelegten Ort platziert. Um das Stativ mit der 360°-Kamera werden vier Personen so verteilt, dass die jeweilige Bewegung von vorne, hinten sowie von der rechten und linken Seite aufgenommen wird (siehe Abb. 2). Je nach Wahl des Fokus und der Blickrichtung können die Bewegungen spä- ter aus diesen Perspektiven betrachtet und analysiert werden (siehe Abb. 1 und 3). Abb. 2: Grundaufbau der statischen 360°-Videos mit der 360°-Kamera befestigt auf einem Stativ (rotes Kreuz) in der Mitte und vier Personen um die 360°-Kamera herum Für die Aufnahmen versuchen die Personen, die Bewegung des oberen Zuspiels möglichst synchron auszuführen. Dazu bietet es sich an, die Bewegung über ein Kommando (z.B. Zählen) anzuleiten. Für die Aufnahmen mit Ball gibt es verschiede- ne Möglichkeiten der Aufnahme, die je nach Zielsetzung und Abwägung der Vor- und Nachteile gewählt werden können. Zum einen kann der Ball sich selbst angeworfen und dann gespielt werden (siehe Abb. 3). Zum anderen können die Aufnahmen mit einem Fremdanspiel gestaltet werden, bei dem jeweils der Ball von vier weiteren Personen gleichzeitig angeworfen wird. Darüber hinaus gibt es noch verschiedene Möglichkeiten, wie der Ball gespielt werden kann, unter anderem z.B. nach oben oder nach vorne. Mögliche Vor- und Nachteile der aufgeführten Aufnahmemöglich- keiten werden in der Diskussion (Kapitel 6) näher beleuchtet. Insgesamt umfasst das Konzept somit die in Tabelle 1 dargestellten zwei 360°-Vi- deos. Dabei soll das 360°-Video ohne Ball (siehe Abb. 1) dazu dienen, die Bewegung und die einzelnen Phasen detailliert betrachten und analysieren zu können. Hierbei geht es darum, die Phasen zu erkennen und die Bewegung zunächst isoliert ohne Ball zu betrachten. Dabei soll der grobe Bewegungsablauf visualisiert werden, ohne dass beispielsweise der Ball von den Hauptaspekten der Bewegungsausführung ablenkt. Auch kann anhand dieses Videos der Bewegungsablauf ortsunabhängig und ohne Ball vor dem praktischen Training nachvollzogen und imitiert werden. Das 360°-Video mit Ball (siehe Abb. 3) soll dann eine Übertragung auf die Spielsituation und die konkrete Ausführung mit Ball darstellen. Hier wird der Treffpunkt des Balles sichtbar und die Phasen und deren spielnahe Anwendung werden erkennbar. Abb. 3: Screenshot aus der Videoaufnahme zum oberen Zuspiel mit Ball und eigenem Anwurf aus der explorativen Umsetzung dieses Konzepts, dargestellt in der Panorama- ansicht zur Veranschaulichung der multiperspektivischen Sichtweise der 360°-Videos 17 Tab. 1: Beschreibung der 360°-Videos zum oberen Zuspiel 360°-Video Beschreibung 360°-Video 1: Oberes Zuspiel statisch ohne Ball In diesem 360°-Video geht es um die Technik und um den Bewegungsablauf des oberen Zuspiels ohne Ball. Der Aufbau des 360°-Videos ist statisch. 360°-Video 2: Oberes Zuspiel statisch mit Ball In diesem 360°-Video geht es um die Technik des oberen Zuspiels und genauer um den Bewe- gungsablauf mit Ball. Im Vergleich zum 360°-Video 1 kommt hier der Treffpunkt des Balles und die Bewegung mit dem Ball hinzu. Der Aufbau des 360°-Videos ist statisch. 360°-Videos zur Bewegungsaneignung und zum Techniktraining · Funk, Rosendahl, Wagner Ablauf der 360°-Video-Lehr-Lerneinheit Das beschriebene übergeordnete Lehr-Lernziel dieser Einheit ist es, die Technik des oberen Zuspiels mithilfe der 360°-Videos selbstständig zu analysieren, zu erlernen und/oder zu verbessern. Die Durchführung der 360°-Video-Lehr-Lerneinheit erfolgt mithilfe eines begleitenden Arbeitsblattes. Dieses soll die Lernenden durch die Einheit führen und als Unterstützung und Anleitung dienen. Zu jedem 360°-Video gibt es eine Aufgabenstellung sowie Beobachtungshilfen. Diese sollen das Betrach- ten fokussieren und die Lernenden auf wichtige Bewegungsmerkmale und Aspekte aufmerksam machen. Darüber hinaus gibt es jeweils eine weitere Aufgabe zu den 360°-Videos, in der die Lernenden die beobachteten, beschriebenen und analysier- ten Bewegungen praktisch umsetzen. Die theoretische Bewegungsbeobachtung und -analyse mit den 360°-Videos und den Beobachtungshilfen des Arbeitsblattes könn- ten beispielsweise im Hinblick auf einen Flipped-Classroom-Ansatz bzw. im Rahmen eines Inverted-Classroom-Modells (Rudloff, 2017) in Form einer Hausaufgabe aus- gelagert und so innerhalb der Präsenzzeit der Fokus auf die praktische Umsetzung gelegt werden. Anstelle des begleitenden Arbeitsblattes wäre es denkbar, die Beob- achtungsaufgaben und Aufgabenstellungen mithilfe von Software-Programmen für interaktive Inhaltsgestaltungen wie z.B. „H5P“ direkt in die 360°-Videos einzufügen. So könnten die Aufgaben des Arbeitsblattes direkt in die 360°-Videos integriert und der Lernprozess interaktiv gestaltet werden. Allerdings können dann die integrierten Aufgaben nicht mehr mit einem HMD gelöst werden, sodass hier die Betrachtung und Verwendung eines Desktops besser geeignet wäre. Zur Differenzierung und als Förderangebot umfasst das Konzept die Möglichkeit ver- schiedener 360°-Videos. Zum einen kann es jeweils ein 360°-Video als Stummfilm geben, ohne auditive Hinweise oder Tipps. Zum anderen können jeweils 360°-Vi- deos angeboten werden, bei denen Hilfestellungen zur Beobachtung und Analyse der gezeigten Technik in Form von auditiven Hinweisen gegeben werden. Ein Bei- spiel hierfür könnte der Hinweis „Achte auf die Haltung der Hände“ sein. Die Audio- hinweise können über Software-Programme in die 360°-Videos integriert werden. Das hier vorgestellte Konzept und seine Umsetzung wurde am Beispiel des oberen Zuspiels beschrieben und aufgezeigt. Mit diesem Konzept und der dahinter beschrie- benen Methodik können die 360°-Videos individuell gestaltet und aufgenommen werden. Somit können sie in das eigene Lehr-Lern-Setting integriert werden. Dabei kann das Konzept auch auf andere Techniken wie beispielsweise das untere Zuspiel im Volleyball übertragen werden. 6. Diskussion Das hier beschriebene Konzept ermöglicht den Einsatz von 360°-Videos als Lehr- Lernmedium zur Technikvermittlung des oberen Zuspiels im Volleyball. Dabei kann die Technik selbstständig über das Video analysiert, ohne Ball erlernt und dabei die theoretische Bewegungsbeobachtung und -analyse beispielsweise mit dem Flipped- Classroom-Ansatz bzw. im Rahmen eines Inverted-Classroom-Modells (Rudloff, 2017) aus der Präsenzzeit ausgelagert werden. Dadurch kann in der Präsenzzeit des Lehr-Lernprozesses der Schwerpunkt auf die Praxis gelegt werden. Zudem kann das zuvor erworbene Wissen über die Technik und die Bewegungsausführung einschließlich der Bewegungsmerkmale praktisch mit dem Ball angewendet und reflektiert werden (Wagner, 2016). Innerhalb der Präsenzzeit entfällt somit das Aneignen einer Bewegungsvorstellung einschließlich der „Trockenübung ohne Ball“ zur Entwicklung ei- nes ersten groben Bewegungsablaufs und die Zeit kann effizient für das praktische Üben und damit auch für die Verbesserung der Bewegung genutzt werden. Das Konzept verbindet somit Theorie und Praxis und verliert keine praktische Übungszeit im Lehr-Lernprozess, da die theore- tischen Inhalte in ein eigenständiges Lernen mit einem 360°-Video ausgelagert werden können. Außerdem können 360°-Videos für die in diesem Konzept dargestellte Einsatzmöglichkeit durch die sich ständig weiterentwickelnde Technik einfach und kostengünstig selbst aufgenommen werden (Rosendahl & Wagner, 2021). Bei den Videoaufnahmen können aber auch Probleme auftreten. Vor allem die Aufnahmen des oberen Zuspiels dieser Konzeptidee mit Ball stellen eine Herausforderung dar und können auch unterschiedliche Ziele verfolgen. Je nach Zielsetzung gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Aufnahmen zu gestalten. Die Aufnahmen können zunächst mit eigenem Ballanwurf und anschließendem oberen Zuspiel nach vorne oder oben erfolgen. Die Herausforderung hier- bei ist, dass für eine synchrone Bewegungs- ausführung der Anwurf der Personen synchron und annähernd gleich hoch sein muss. Im Spiel wird der Ball jedoch nie selbst angeworfen, so- dass er vor dem oberen Zuspiel normalerweise eine andere Flugkurve hat und dies somit eine spielferne Situation widerspiegelt. Wird der Ball nach dem Anwurf nach vorne gespielt, stellt dies eine spielnahe Situation dar. Erfolgt das obere Zuspiel nach oben, so ist diese Aufnahme spiel- fern. Denn auch im Spiel werden die Bälle beim oberen Zuspiel nicht direkt nach oben, sondern immer nach vorne gespielt. Mit dem oberen Zu- spiel nach oben können jedoch mehrere obere Zuspiele hintereinander ausgeführt werden. Zuletzt kann der Ball auch durch einen Einwurf von außen angespielt und dann im oberen Zuspiel nach vorne gespielt werden. Diese Auf- nahme stellt insgesamt eine spielnahe Situation dar, da der Ball wie im Spiel von einer anderen Person angeflogen kommt und dann nach vorne gespielt werden muss. Allerdings werden hier Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2025, 8(1)DOI: 10.25847/zsls.2024.077 18 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2025, 8(1) 360°-Videos zur Bewegungsaneignung und zum Techniktraining · Funk, Rosendahl, Wagner vier weitere Personen benötigt, welche die Bälle möglichst synchron zuwerfen. In diesem Fall ist die Synchronität noch schwieriger, da das Zu- werfen von weiteren Personen bestimmt wird und die Flugkurve länger ist. Hier muss also noch mehr auf den synchronen Anwurfzeitpunkt und die Höhe des Balles geachtet werden. Es zeigt sich also, dass bei den Aufnahmen vor allem die Synchronität eine Herausforderung darstellt und dass es je nach Zielsetzung, also ob das obere Zuspiel spielfern oder spielnah gezeigt werden soll, verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten der Aufnahmen mit den jeweiligen Herausforderun- gen gibt. Hinzu kommt, dass bei der Aufnahme von 360°-Videos auch gestalterische Herausforde- rungen auftreten können (Feurstein & Neumann, 2022). Hier stellen sich z.B. die Fragen, auf wel- cher Höhe die Kamera positioniert werden muss oder wie weit die Vorbilder von der Kamera ent- fernt stehen müssen. Für diese gestalterischen Herausforderungen gibt es bisher keine genauen Vorgaben, weshalb hier noch Forschungsbedarf besteht. Ebenfalls können auch Herausforderungen bei der Umsetzung und Anwendung dieses Konzepts auftreten. Unter anderem kann es für Lernende, die zum ersten Mal mit 360°-Videos arbeiten, eine Herausforderung sein, sich im 360°-Video zurechtzufinden. Der Rundumblick und die Mul- tiperspektivität sowie die gleichzeitige Bewe- gung, die im 360°-Video zu sehen ist, können bei den Betrachtern zu Verwirrung und möglicher- weise zu Desorientierung führen (Paraskevaidis & Fokides, 2020; Rosendahl et al., 2023). Zudem kann es für sie schwierig sein, sich auf die Bewe- gungen und deren Bewegungsmerkmale aus den verschiedenen Perspektiven zu konzentrieren. Hier könnten jedoch Hilfestellungen gegebenen werden, um die Aufmerksamkeit auf wichtige Aspekte zu lenken und eine gute Orientierung zu gewährleisten. Neben den beschriebenen Herausforderungen weist das vorgestellte Konzept auch Limitationen auf. Eine Limitation anknüpfend an die beschriebene Herausforderung ist, dass der 360°-Videorund- umblick die Gefahr birgt, dass aufgrund der freien Blickrichtungswahl relevante Aspekte im 360°-Video übersehen werden (Gold & Wind- scheid, 2022). Das Gefühl, etwas zu verpassen, als fear of missing out (kurz: FOMO) bezeichnet, kann zur kognitiven Überforderung während der Betrachtung führen (ebd.). Allerdings kann dieser Aspekt im Hinblick auf entdeckendes Ler- nen auch genutzt werden, um unterschiedliche Videoinhalte wahrzunehmen und im Anschluss in einem Austausch diese unterschiedlichen Wahrnehmungen zu teilen. Im Hinblick auf die Bewegungsausführung können im Rahmen die- ses Konzepts die Lernenden beispielsweise un- terschiedliche Aspekte beobachten und später in einem Austausch auf diese eingehen. Eine weitere Limitation, die sich auch in den Abbildungen 1 und 3 zeigt, ist, dass es zu unterschiedlichen Bewegungsausführungen durch die vier verschiedenen aus- führenden Personen in den 360°-Videos kommen kann. Insgesamt soll es aber im Rahmen dieses Konzepts bei den 360°-Videos nicht um eine Expertenmodellierung und zwingend eine optimale Technikausführung gehen, sondern die Bewegungsde- monstration aus mehreren Perspektiven steht im Vordergrund. Anhand der exemp- larischen Bewegungsausführung auch unterschiedlicher Personen kann so der Fokus beispielsweise auf die Bewegungsbesonderheiten und -unterschiede im Hinblick auf Fehlerbilder und Bewegungsanalysen gelenkt und es können für die Lernenden unterschiedliche Perspektiven angeboten werden. Für eine Detailvisualisierung und Technikdemonstration ist dieses Konzept dahingehend limitiert und auch die verwendete Kameraposition für die 360°-Aufnahmen stellt in diesem Zusammen- hang eine Limitation dar. Für detaillierte Nahaufnahmen und für Aufnahmen von Personen mit unterschiedlicher Körpergröße sind die Aufnahmemöglichkeiten mit der 360°-Technik im Hinblick auf die optimale Kameraebene schwierig. Daher bieten sich möglicherweise für detailliertere Aufnahmen und Nahaufnahmen Videos einer sehr guten Technik aus einer Perspektive wie beispielsweise die des Volleyballver- bands Württemberg besser an (Volleyball-Landesverband Württemberg e.V., o.J.). Trotz der Limitationen gibt es aber auch Potenziale für den Einsatz von 360°-Videos in der Technikvermittlung im Volleyball (Paraskevaidis & Fokides, 2020), die weiter verfolgt werden sollten. Aus einem Pilotprojekt (Paraskevaidis & Fokides, 2020) geht hervor, dass der Einsatz von 360°-Videos in der Technikvermittlung im Volley- ball positive Veränderungen wie beispielsweise eine Motivationssteigerung sowie eine erhöhte Effektivität in der Vermittlung mit sich bringt (Paraskevaidis & Fokides, 2020). Dies deutet auf Potenziale für den Einsatz von 360°-Videos in der Technikver- mittlung im Volleyball hin. Allerdings zeigt sich auch, dass aufgrund der bisher fehlenden Forschung lediglich Hinweise auf mögliche Potenziale vorliegen (Paraskevaidis & Fokides, 2020). Nicht nur zum Einsatz von 360°-Videos in der Technikvermittlung und speziell im Volleyball liegen bisher kaum Forschungsergebnisse vor (ebd.). Auch zu den Potenzialen des Einsatzes von 360°-Videos im Sport allgemein und zum Einsatz als Lehr-Lernmedium in Lehr-Lernprozessen gibt es nur wenige Belege und Forschungen (Rosendahl et al., 2023, 2024). Daher ist es notwendig, die Einsatzmöglichkeiten von 360°-Videos in dieser Hinsicht zunächst zu evaluieren. Mit diesem Konzept wird daher auch versucht, solche Einsatzmöglichkeiten weiter aufzuzeigen und einen Beitrag zur Erforschung und Anwendung von 360°-Videos als Lehr-Lernmedium zu leisten. Das Konzept weist darüber hinaus verschiedene Transfer- und Weiterführungs- möglichkeiten auf. So kann in weiteren Forschungsschritten nicht nur der Frage nachgegangen werden, ob die Potenziale aus dem Pilotprojekt zum Einsatz von 360°-Videos im Volleyball (Paraskevaidis & Fokides, 2020) auch bei der Umsetzung dieses Konzepts gezeigt werden können, ob dadurch die Technikaneignung nachhal- tig gefördert wird und ob es dadurch zu einem schnelleren Erlernen und Verbessern der Technik kommen kann. Auch bietet dieses Konzept eine allgemeine Grundidee und Struktur für den Einsatz von 360°-Videos im Techniktraining. Sie kann daher auch auf andere Techniken im Volleyball wie das untere Zuspiel, den Angriffsschlag oder den Aufschlag übertragen, gegebenenfalls adaptiert und so mithilfe weiterer 360°-Videos andere Technikformen erlernt und erarbeitet werden. Mit 360°-Videos könnten grundlegende Techniken sukzessive ausgebaut, erweitert und somit die Teilnahme am Zielspiel für Lernende stetig verbessert werden. Auch das Konzept selbst kann inhaltlich-strukturell weiterentwickelt werden. Eine Weiterführungsidee ist, dass sich die Lernenden zunächst mit einer 360°-Kamera aus der gleichen Perspektive, z.B. von der Seite, aufnehmen. Anschließend können sie in der Panoramaansicht, die durch die Aufnahme mit einer 360°-Kamera erzeugt werden kann, alle vier aufgenommenen Lernenden gleichzeitig in ihrer technischen Ausführung betrachten und vergleichen. Dabei können beispielsweise bestimmte Bewegungsmerkmale wie die richtige Armposition oder Winkelstellung der Beine herausgegriffen und anhand dieser ein Vergleich durchgeführt werden. Dabei könn- te die zuvor angesprochene Limitation der unterschiedlichen Bewegungsausführun- gen genutzt werden, indem die Unterschiede als Lehr-Lernziel herausgearbeitet und thematisiert werden. Damit könnten die 360°-Videos als vergleichendes Feedback- 19 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2025, 8(1) 360°-Videos zur Bewegungsaneignung und zum Techniktraining · Funk, Rosendahl, Wagner Instrument in der Präsenszeit verwendet und so Unterschiede herausgestellt, the- matisiert und mit Korrekturvorschlägen für die einzelnen Personen ein Lernzuwachs und eine Verbesserung der Technik angestrebt werden. Vor allem für angehende Lehrkräfte oder Trainer*innen könnte dies hilfreich sein, da sie zum einen mit solchen Unterschieden in einer heterogenen Gruppe insbesondere im Sportunterricht in der Schule konfrontiert sind und zum anderen in der Folge solche Unterschiede zunächst erkennen und weiter angehen müssen. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass aus den Vergleichen im Anschluss Verbesserungspotenziale für die Lehr-Lerneinheit erarbei- tet werden oder dass z.B. aus den erkannten Fehlerbildern entsprechende Übungen erstellt werden. So könnte neben der Technikvermittlung durch die 360°-Videos auch die Bewegungsbeobachtung und -korrektur erlernt und angeeignet werden. 7. Fazit Mit dem hier vorgestellten Konzept zum Einsatz von 360°-Videos als Lehr-Lernmedi- um im Bereich Volleyball können das Techniktraining und die Bewegungsaneignung durch 360°-Videos digital unterstützt werden. Darüber hinaus ermöglicht dieses Konzept ein eigenständiges, multiperspektivisches Lernen. Es bietet die Möglichkeit einer Praxis-Theorie-Verknüpfung, bei der auch theoretische Inhalte in ein eigen- ständiges Lernen ausgelagert werden können und so im Lehr-Lernprozess vor Ort der Fokus auf die praktische Umsetzung gelegt werden kann. Literatur Anrich, C., Krake, C., & Zacharias, U. (2005). Supertrainer Volleyball: Training, Technik, Taktik, Spiel (Orig.-Ausg, Bd. 61068). Rowohlt-Taschenbuch-Verl. Börner, C., Schaarschmidt, N., Meschzan, T., & Frin, S. (2016). Innovation in der Lehre– Sind Videos im Hochschulalltag angekommen. In J. 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Sie befasst sich unter anderem mit Einsatzmöglichkeiten von 360°-Videos beim Lehren und Lernen im Sport sowie in der Mathematik und Chemie. Philipp Rosendahl Dr. Philipp Rosendahl (ehemalig wissenschaftlicher Mitarbeiter am KIT) ist als Referent für Sport und Schulen im Arbeitsbereich Bildung, Wissenschaft, Schulen beim Württembergischen Landessportbund e.V. angestellt. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Anwendung von 360°-Videos als Trainingsinstrument. Ingo Wagner Prof. Dr. Ingo Wagner arbeitet seit 2025 als Professor für Sportwissenschaft und Sportpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Zuvor war er als Professor für Sportpädagogik, Sportsoziologie und Gesundheitsbildung an der Universität Freiburg und als Jun.-Professor für interdisziplinäre Didaktik der MINT- Fächer und des Sports am Karlsruher Institut für Technologie tätig. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2025, 8(1) 360°-Videos zur Bewegungsaneignung und zum Techniktraining · Funk, Rosendahl, Wagner Rosendahl, P., Müller, M., & Wagner, I. (2024). A 360° video as visual training support for indepen- dent movement acquisition—Benefit evaluation with the TAM. German Journal of Exercise and Sport Research, 54(3), 383–392. https://doi. org/10.1007/s12662-023-00930-6 Rudloff, C. (2017). Inverted-Classroom-Modell im Fach Bewegung und Sport in der Primarstufenaus- bildung an der Pädagogischen Hochschule Wien. Eine Design-Based Research-Studie in der Lehr- veranstaltung „Leichtathletik“. In C. Igel (Hrsg.), Bildungsräume: Proceedings der 25. Jahrestagung der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft: 5. Bis 8. September 2017 in Chemnitz (S. 140–146). Waxmann. https://doi.org/10.25656/01:16127 Ulrich, F., Helms, N. H., Frandsen, U. P., & Rafn, A. V. (2019). 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    21 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2025, 8(1) Bewertungsschema für ein Prozessportfolio · Füllgraebe et al. BEWERTUNGSSCHEMA FÜR EIN PROZESSPORTFOLIO ZUR OPERATIONALISIERUNG SPORTWISSENSCHAFTLICHER VERMITTLUNGSKOMPETENZEN IN DER HOCHSCHULLEHRE Freya Füllgraebe, Hannah Sophia Hofmann, Chuck Tholl, Rebecca Abel, Thomas Schmidt, Lena Franz, Sabrina von Au, Jonas Gorges, Bianca Biallas Schlüsselwörter: Constructive Alignment, Vermittlungsfähigkeit, Bewertungskriterien, Leistungsüberprüfung (Assessment) WERKSTATTBERICHT > PRACTICE REPORT ZUSAMMENFASSUNG Prozessportfolios stellen eine geeignete Prüfungsform zur Erfassung der Vermitt- lungskompetenzen im Rahmen von Lehrveranstaltungen im Hochschulkontext dar. Sie ermöglichen im Sinne des Constructive Alignment eine Passung von Lernzielen, Lehr- und Lerninhalten und Prüfungsformen. Bewertungskriterien zur Beurtei- lung prozessorientierter Prüfungsformate sind im Sinne einer objektivierten und nachvollziehbaren Bewertung durch Lehrteams von zentraler Bedeutung. Für pra- xisorientierte Prüfungen in den Sportwissenschaften liegen bislang jedoch keine etablierten Kriterien vor. Im Modul Trainingsintervention im Gesundheitssport an der Deutschen Sporthochschule Köln wurde auf Basis aktueller Literatur und der Expertise beteiligter Lehrpersonen ein Bewertungsschema für ein Prozessportfolio mit Kompetenzabstufungen entwickelt. Die Gewichtung der Bewertungskriterien er- möglicht die gezielte Operationalisierung von erreichten Kompetenzniveaus anhand gewichteter Bewertungskriterien in Stimmigkeit zu definierten Lernzielen und bildet die Grundlage für die Berechnung einer Gesamtnote, die sich aus den im Semester- verlauf erbrachten Einzelleistungen zusammensetzt. Damit wurde eine Passung der Lernziele, Lehr- und Lerninhalten mit der Prüfungsform erreicht und ein Rahmen zur objektiven Bewertung durch die Personen in einem Lehrteam geschaffen. EINLEITUNG Die Qualitätssicherung in der Hochschullehre gewinnt zunehmend an Relevanz, wo- bei das Constructive Alignment als etabliertes Konzept in diesem Kontext betrachtet wird. Es bezieht sich auf die Passung von Lernzielen, Lehr- und Lerninhalten sowie Prüfungsinhalten. Durch eine entsprechende Ausrichtung kann eine adäquate Lehr- und Lernqualität erreicht werden (Deibl et al., 2018). Lehrveranstaltungen im Bereich sportspezifischer Vermittlungskompetenzen stehen vor der Herausforderung, eine kohärente Verbindung zwischen den Lernzielen der Veranstaltung und der gewählten Prüfungsform herzustellen. Diese Schwierigkeit er- gibt sich daraus, dass die Prüfungsinhalte nicht primär der Erfassung der sportlichen Leistungsfähigkeit dienen. Sportspezifische Vermittlungskompetenz bezeichnet die Fähigkeit, sportartspezifische Inhalte adressatengerecht, methodisch fundiert und reflektiert zu vermitteln. Technik, Taktik und Spielidee sind durch die Lehrpersonen unter Berücksichtigung der individuellen Voraussetzungen der Lernenden metho- disch und didaktisch adäquat anzuleiten und zu reflektieren. Somit richtet sich eine Bewertung vor allem auf den Lernfortschritt in der Vermittlung sowie reflexive Prozesse im Hinblick auf Planung, Konzeption und Durchführung von Bewegungs- einheiten (Vogt, 2020). Traditionelle Prüfungs- methoden wie Klausuren oder sportpraktische Prüfungen eignen sich nur bedingt zur Bewer- tung fachspezifischer Vermittlungskompetenzen (Biggs & Tang, 2011). Eine potenzielle Lösung, um diesen Herausfor- derungen gerecht zu werden, besteht im Einsatz von Prozessportfolios. Diese bieten die Möglich- keit, den Lernprozess angemessen abzubilden und stellen somit einen wichtigen Baustein für die Implementierung des Constructive Align- ment dar (Svinicki & McKeachie, 2014). Das Ziel dieser Arbeit ist daher die Entwicklung eines Bewertungsschemas für ein Prozessportfolio zur Operationalisierung sportwissenschaftlicher Ver- mittlungskompetenzen. PROZESSPORTFOLIO ALS PRÜFUNGSFORM Grundsätzlich handelt es sich bei Prozessport- folios um eine systematische Sammlung von Dokumenten und Arbeiten, die dazu dienen, den Lernprozess einer Person zu dokumentieren (Häcker, 2011). Nach einer anfänglichen Wissens- standanalyse folgt eine kritische Reflexion, um das erlangte Wissen in Beziehung zu den eigenen methodisch-didaktischen Entscheidungen sowie zu Planung, Durchführung und Nachbereitung konkreter Lehr- und Lernsituationen im Verlauf des Lernprozesses zu setzen (Wattenberg, 2020; Futter, 2012). Im Kontext dieser Überlegungen bedeutet reflektieren nicht nur die Betrachtung von Defiziten und Fehlern. Vielmehr ist es das Ziel, das eigene Handeln in der Vermittlungs- praxis unter Einbezug erworbener Kompetenzen DOi: 10.25847/zsls.2025.079 22 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2025, 8(1) Bewertungsschema für ein Prozessportfolio · Füllgraebe et al. und fachlicher Expertise lösungsorientiert zu evaluieren (Quellmelz & Ruschin, 2013). Das Prozessportfolio stellt somit keine reine Repro- duktion der Lerninhalte dar, sondern fordert die Studierenden dazu auf, ihre erworbenen Kompe- tenzen und persönlichen Entwicklungsfähigkei- ten vertiefend und differenziert zu betrachten (Härri, 2011). Wenn diese differenzierte Reflexion im nächsten Schritt durch die Lehrperson bewertet wird, ist zu berücksichtigen, dass ein Spannungsfeld zwischen individueller Lernförderung und objek- tiver Leistungsbeurteilung entsteht. Die Reflexi- onsschrift kann an Offenheit und Authentizität verlieren. Diese Herausforderung erfordert ein besonderes Bewusstsein seitens der Lehrperson sowie einen transparenten Austausch mit den Lernenden. Gleichzeitig zeigt sich, dass Prozessportfolios in besonderem Maße geeignet sind, sportspe- zifische Vermittlungskompetenz abzubilden. Gerade weil Prozessportfolios nicht nur Ergeb- nisse, sondern auch Planungsentscheidungen, Begründungen für methodische Vorgehenswei- sen sowie Reflexionen über die Wirksamkeit der eigenen Vermittlung dokumentieren, können sie zentrale Dimensionen dieser Kompetenz sicht- bar machen. Durch die kontinuierliche Ausein- andersetzung mit Vermittlungsprozessen wird es möglich, fachliche Expertise, pädagogische Verantwortung und reflexive Professionalität in ihrer Entwicklung nachzuzeichnen. In der Konsequenz repräsentieren derartig kon- zipierte Prozessportfolios eine Prüfungsform, die sowohl kompetenz- als auch prozessorientiert ist und damit einen geeigneten Rahmen bietet, um die komplexe Verbindung von Wissen, Vermitt- lung und Reflexion im sportpädagogischen Kon- text zu erfassen (Härri, 2011; Schaper & Soyka, 2021). ENTWICKLUNG UND IM- PLEMENTATION EINES PRO- ZESSPORTFOLIOS IN DEM MODUL „TRAININGSINTER- VENTIONEN IM GESUND- HEITSSPORT Das Modul Trainingsintervention im Gesund- heitssport des Studiengangs B.A. Sport und Gesundheit in Prävention und Therapie (SGP9) an der Deutschen Sporthochschule Köln ist ent- sprechend dem Studienverlaufsplan im 4. Fach- semester angesetzt. Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf der zielgruppenspezifischen Planung und Durchführung von Trainingsinterventionen in präventiven sowie rehabilitativen Sport- und Gesundheitskontexten. Ergänzend absolvieren die Studierenden Hospitationsstunden in ent- sprechenden Sport- und Bewegungsgruppen, um den Theorie-Praxis-Transfer curricularer Inhalte zu gewährleisten. Das überge- ordnete Ziel des Moduls besteht in der Förderung professionsbezogener Vermitt- lungskompetenz – insbesondere in der didaktisch-methodischen Planung, Durch- führung und Reflexion gesundheitsorientierter Bewegungsangebote. Die Bedeutung von Selbstreflexion, konstruktiver Kritik und Anpassungsfähigkeit in verschiedenen Unterrichtssituationen sind dabei elementare Lernziele. Inhaltlich werden innerhalb der Veranstaltung die Themenbereiche Wasser, Spiel und Fitness behandelt. Dazu wurden spezifische Lernziele formuliert, welche sich auf die Besonderheiten der einzelnen Themenschwerpunkte beziehen, wie beispielsweise das Element Wasser (s. Tab. 1; Biallas et al., 2025). Tab. 1: Übergeordnete Lernziele des Moduls SGP9 und spezifische Lernziele der thematischen Schwerpunkte Lernziele • Die Studierenden sind in der Lage, zielgruppenspezifische gesundheitsfördern- de Maßnahmen zu entwickeln. • Die Studierenden können ihr methodisch-didaktisches Wissen in der Planung und Durchführung von Trainingsinterventionen anwenden und sind fähig Bewegungstechniken, Sportformen, (Trend-) Sportarten, sowie Spiele und Spielformen an gesundheitssportliche Bedingungen und Zielgruppen anzupas- sen. • Die Studierenden beherrschen die Selbstreflexion ihres Handelns, wissen konstruktive Kritik anzunehmen und in der künftigen Planung und Umsetzung zu berücksichtigen. • Die Studierenden beobachten und analysieren das Lehrverhalten ihrer Kommiliton*innen und können ihr Feedback verbal wie schriftlich erklären. Wasser Spiel Fitness • Die Studierenden beherrschen die Grundlagen der Be- wegungssteuerung im Medium Wasser und können dies bei der Planung, Konzeption und Durchführung von Trainingsinterventio- nen anwenden. • Die Studierenden kön- nen die methodisch-di- daktischen Grundlagen der Umsetzung unter Berücksichtigung der Gegebenheiten in und außerhalb des Wassers einsetzen. • Die Studierenden sind fähig Spiele und Spiel- formen im Hinblick auf spielbeeinflussende Faktoren und metho- dische Prinzipien an- zupassen, zu variieren und zu modifizieren. • Die Studierenden kön- nen ihre Verhaltens- weisen in Bezug auf die Gruppenführung während der Durchfüh- rung von Interventio- nen mit spielerischem Schwerpunkt anpassen und die Kontrolle über die Gruppe behalten. • Die Studierenden können Trainingsinter- ventionen mit diversen Schwerpunkten und unterschiedlichen Zielsetzungen und mit hoher Fachkompetenz ausführen. • Die Studierenden sind in der Lage passgenaue Musik auszuwählen und diese in der Trainingsintervention unterstützend einzusetzen. Diese Kompetenzen können sich nur aus dem reflexiven Zusammenspiel von Theo- rie und Praxis entwickeln, weshalb die Lehrveranstaltung im Sinne des Constructive Alignment zu konzipieren ist (Bellin-Mularski, 2021). Im Rahmen der Neukonzeption des Moduls SGP9 wurde daher ein Prozessportfolio als Prüfungsform entwickelt und implementiert (Biallas et al., 2025). Das Portfolio stellt eine Teilleistung im SGP9 Modul dar und wird von den Lehrper- sonen zur Leistungsbewertung der Studierenden herangezogen. Es umfasst eine Wissens- und Kompetenzanalyse, zwei Stundenverlaufspläne, eine Reflexion zu verpflichtenden Hospitationen und eine abschließende Reflexion der Entwicklung von Wissen und Kompetenzen unter Einbezug der zu Beginn getätigten Analyse und im Abgleich mit den Erfahrungen, die während des Semesters gesammelt wurden. Da es sich um eine Prüfungsform handelt, sind klar definierte Richtlinien hinsichtlich 23 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2025, 8(1) Bewertungsschema für ein Prozessportfolio · Füllgraebe et al. des Aufbaus, der Rahmenbedingungen und der Anforderungen an die Erstellung des Portfolios essenziell. Insbesondere die Inhalte und Ziele der Reflexion als zentrales Element prozessorientierten Prüfens sind eindeutig zu kommunizieren (Quellmelz & Ruschin, 2013). Um die theoretisch dargelegte Passung zu operationalisieren, sind transparente Bewertungskriterien in Verbindung mit lernorientierten Bewertungsschemata zur Leistungsüberprüfung unerlässlich (Schaper & Soyka, 2021; Futter, 2012). Relevan- te Kriterien sind dabei anhand der Lernziele zu definieren und durch numerische Niveaustufen zu differenzieren. Diese können den Studierenden das Erreichen der Lernziele und deren qualitative Ausprägung attestieren (Quellmelz & Ruschin, 2013; Schaper & Soyka, 2021). Es gilt Bewertungskriterien zu schaffen, die eine Überprü- fung der Lehrübung in Kombination mit den angefertigten Prozessportfolios ermög- lichen. Eine sorgfältige Ausarbeitung der Bewertungskriterien für dieses Modul ist daher erforderlich, um die angestrebte Wissens- und Kompetenzentwicklung sowie deren Anwendung in verschiedenen Settings erfassen zu können. Vor diesem Hinter- grund ergibt sich die Fragestellung, mit welchen Bewertungskriterien die Lernziele des Moduls SGP9 erfasst und bewertet werden können. METHODISCHES VORGEHEN ZUR ERSTELLUNG DES BEWERTUNGSSCHEMAS Die Entwicklung der Bewertungskriterien erfolgte unter Beteiligung der Studien- gangskoordination, der Modulleitung sowie aller Dozierenden des Moduls SGP9 – darunter auch ehemalige Studierende des Moduls, wodurch diese Perspektive mit- berücksichtigt wurde. Eine umfassende Literaturrecherche bildete die Grundlage für die anschließende Entwicklung der Bewertungskriterien. Dabei wurde sowohl die formale Struktur von Bewertungskriterien untersucht als auch inhaltlich zum Thema Lernziele im Bereich der Vermittlungskompetenz recherchiert. Dies umfasste die Analyse relevanter wissenschaftlicher Quellen zu den Aspekten der Kompetenzver- mittlung sowie die Identifikation von Ansätzen für die Messung von Vermittlungs- kompetenzen (Erhorn et al., 2019; Heemsoth, 2018; Vogt, 2020). Die vorhandene Literatur wurde mit den Lehr- und Lernzielen des Moduls in Einklang gebracht, um den ersten Entwurf der Bewertungskriterien zu formulieren. Es wurde ein Excel-Dokument konzipiert, welches das Bewertungsschema sowie die Bewertungsmatrix abbildet. Das Bewertungsschema beinhaltet alle relevanten Be- wertungskriterien. Zu jeder Teilkategorie liegt ein Erwartungshorizont für die Noten eins bis vier vor, um die Bewertung durch verschiedene Lehrkräfte zu objektivieren. Wenn die Kriterien der Note vier nicht erfüllt werden, ist die Kategorie mit einer fünf als nicht bestanden zu bewerten. Um die Bewertungskategorien und -kriterien hin- sichtlich ihrer Relevanz zu gewichten und ein handhabbares Tool für die praktische Anwendung zu haben wurde eine Bewertungsmatrix erstellt. Die zugewiesenen Ge- wichtungen (s. Tab. 2) ergaben sich aus den fachbezogenen Expertisen und stellten den Konsens aller Beteiligten dar. So zählt beispielsweise das Kriterium „Geeigneter Materialeinsatz“ im Bereich „Inhaltliche Gestaltung“ mit 5 % zur Gesamtbewertung dieses Prüfungsbereichs. Die entwickelten Bewertungskriterien und deren Gewichtung wurden drei Semester in dem Modul SGP9 erprobt und durch mehrere Iterationsschleifen im Lehrteam und vor dem Hintergrund der Studierendenrückmeldung und Erfahrungen in der Praxis überarbeitet. So konnte das Bewertungsschema formal sowie inhaltlich opti- miert werden. Das Ergebnis findet sich im folgend abgebildeten Bewertungsschema, das gemeinsam mit der Bewertungsmatrix der Veröffentlichung als Supplement bei- gefügt ist. BEWERTUNGSSCHEMA Das Bewertungsschema (s. Tab. 2) unterteilt sich in die Hauptkategorien Lehrübung und Reflexion. Zur Bewertung der ersten Hauptkategorie Lehrübung wird der Fokus auf die Teilkategorien Aufbereitung des Stundenverlaufplans (SVP), Inhaltliche Ge- staltung und Durchführung gelegt. Diese Kriterien erfassen nicht nur die fachlich in- haltliche Korrektheit, sondern auch die methodisch-didaktische Aufbereitung sowie die Fähigkeit, die geplanten Inhalte adressaten- gerecht umzusetzen. In dieser Hinsicht spiegeln sie zentrale Kompetenzfacetten wider: Während die Planung und Gestaltung insbesondere kog- nitives Wissen und fachliche Expertise sichtbar machen, treten in der Durchführung verstärkt praktische Fähigkeiten und methodische Fertig- keiten hervor. Ergänzend wird durch die Gestal- tung und adressatengerechte Vermittlung auch die Einstellung bzw. die Bereitschaft erkennbar, Lernprozesse verantwortungsvoll und lernför- derlich zu gestalten. In der zweiten Hauptkategorie der Reflexion analysieren und bewerten die Studierenden zum einen ihre Beobachtungen bei dem Besuch externer Hospitationsgruppen sowie ihre indivi- duelle, die Wissens- und Kompetenzentwicklung im Laufe des Gesamtmoduls, insbesondere im Hinblick auf ihre Erfahrungen im Rahmen der Lehrübungen. Diese werden innerhalb der Un- terrichtseinheiten mit den Studierenden als Teil- nehmende im Selbstversuch durchgeführt. Im Rahmen der Reflexion zu den Erfahrungen in den Hospitationsgruppen wählen die Studierenden einen Themenschwerpunkt aus, der anschlie- ßend im Portfolio beschrieben wird: Lehrenden-/ Therapierendenverhalten, Stundenaufbau oder Teilnehmendenverhalten. Hierbei tritt neben dem Aspekt der Wissensaneignung insbeson- dere die reflexive Kompetenzdimension in den Vordergrund, die nicht nur analytisches Denken, sondern auch die Bereitschaft zur Selbstkritik und zur Weiterentwicklung des eigenen Han- delns umfasst. Auf eine Gewichtung der Bewer- tungskriterien wird in diesem Bereich bewusst verzichtet, da die Studierenden zwischen drei gleichwertigen Themenschwerpunkten wählen können. Die Beurteilung erfolgt auf Grundlage einheitlicher Kriterien, um die Vergleichbarkeit zwischen den gewählten Schwerpunkten zu ge- währleisten. So werden die Haupt- und Teilkategorien des Schemas nicht lediglich als formale Prüfungs- aspekte verstanden, sondern als Ausdruck unterschiedlicher Kompetenzdimensionen (kog- nitiv, praktisch-methodisch, reflexiv und motiva- tional), die in ihrer Gesamtheit die Entwicklung sportspezifischer Vermittlungskompetenz abbil- den. DOI: 10.25847/zsls.2025.079 24 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2025, 8(1) Bewertungsschema für ein Prozessportfolio · Füllgraebe et al. Tab. 2: Beispielhafter Auszug aus dem Bewertungsschema des SGP9 Moduls mit differenzierten Bewertungskriterien sowie Angaben der Gewichtungen (%) Hauptkategorie Lehrübung Note 1 Note 2 Note 3 Note 4 Aufbereitung des SVP (15%) Festlegung differenzierter Grob- und Feinziele Festlegung des Stundenziels und diffe- renzierter sich, darauf beziehender Feinziele: • Berücksichtigung der Realisierbarkeit, Vermittlung zugehö- rigen Handlungs- und Effektwissens, der ausgewogenen Zeiteinteilung und Schwerpunktsetzung • Vielseitige Überlegun- gen zur Motivation Festlegung des Stun- denziels und differen- zierter Feinziele: • Berücksichtigung der Realisierbarkeit, der ausgewogenen Zeiteinteilung und Schwerpunktsetzung • Überlegungen zur Motivation Festlegen des Stun- denziels und weiteren Feinzielen: • Ausgewogenheit der Zeiteinteilung und Schwerpunktsetzung • Vereinzelt Überlegun- gen zur Motivation Festlegen weniger Stundenziele: • Versuchte Ausgewo- genheit der Zeiteinteilung, keine Schwerpunktsetzung • Kaum Überlegungen zur Motivation Inhaltliche Gestaltung (15%) Auswahl der Stundeninhalte passend zum Stundenthema, Stundenzielen und Zielgruppe Sehr gute Anwendung von Fachwissen: • Hoher Umfang und präzise Verfügbarkeit der sportwissen- schaftlichen Fach- kenntnisse Gute Anwendung von Fachwissen: •Umfang und Verfüg- barkeit der sport- wissenschaftlichen Fachkenntnisse Befriedigende Anwen- dung von Fachwissen: • Umfang und Verfügbarkeit der sportwissenschaftli- chen Fachkenntnisse lückenhaft Ausreichende Anwen- dung von Fachwissen: • Umfang und Verfügbarkeit der sportwissenschaftli- chen Fachkenntnisse grenzwertig Durchführung (30%) Anleiten und Demonstrieren Sehr gutes Auftreten und Haltung vor den TN: • Angemessenheit und Variabilität der Verhaltensweisen, angemessenes non-verbales Bewegungsverhalten, Vermittlung der unterstützenden Haltung des ÜL vs. führende Haltung, Professionalität, Authentizität, Präsenz, Flexibilität, Spontaneität, Selbstbeherrschung, Selbstsicherheit Gutes Auftreten und Haltung vor den TN: • Angemessenheit und Variabilität der Verhaltensweisen, angemessenes non-verbales Bewegungsverhalten, Vermittlung der unterstützenden Haltung des ÜL vs. führende Haltung, Professionalität, Authentizität, Prä- senz, Spontaneität, Selbstbeherrschung, Selbstsicherheit Befriedigendes Auftreten und Haltung vor den TN: • Angemessenheit und Variabilität der Verhaltensweisen, angemessenes non-verbales Bewegungsverhalten, Vermittlung der unterstützenden Haltung des ÜL vs. führende Haltung, Professionalität, Authentizität, Prä- senz, Spontaneität, Selbstbeherrschung, Selbstsicherheit Ausreichendes Auftreten und Haltung vor den TN: • Angemessenheit der Verhaltensweisen 25 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2025, 8(1) Bewertungsschema für ein Prozessportfolio · Füllgraebe et al. Hauptkategorie Reflexion Hospitationsreflexion (10%) Analyse der methodisch- didaktischen Fachkompetenz Schwerpunkt: Lehren- den- / Therapierenden- verhalten: • Kritische Betrachtung des Verhaltens der Stundenleitung vor dem Hintergrund eines angemessenen Lehrverhaltens mit Blick auf die spez. Zielerreichung; re- flektierte, vielseitige Wahrnehmung Schwerpunkt: Stunden- aufbau • Ausführliche und vielschichtige Analyse des jeweiligen Stun- denaufbaus anhand der gründlichen Herausarbeitung der Inhalte, methodisch- didaktischen Kompo- nenten, Zielstellungen (Grob- und Feinziele), Anpassungen an die Zielgruppe, Organisa- tionsformen Schwerpunkt: Teilneh- mendenverhalten • Analyse der Gruppen- dynamik während verschiedener Organisationsformen, detaillierte Analyse des Sozialverhaltens Schwerpunkt: Lehren- den- / Therapierenden- verhalten: • Kritische Betrachtung des Verhaltens der Stundenleitung vor dem Hintergrund eines angemessenen Lehrverhaltens mit Blick auf die spez. Zielerreichung; reflek- tierte Wahrnehmung Schwerpunkt: Stunden- aufbau • Angemessene Analyse des jeweiligen Stun- denaufbaus anhand der gründlichen Herausarbeitung der Inhalte, methodisch- didaktischen Kompo- nenten, Zielstellungen (Grob- und Feinziele), Anpassungen an die Zielgruppe, Organisa- tionsformen Schwerpunkt: Teilneh- mendenverhalten • Analyse der Gruppen- dynamik während verschiedener Organisationsformen Schwerpunkt: Lehren- den- / Therapierenden- verhalten: • Allgemeine Betrach- tung des Verhaltens der Stundenleitung vor dem Hintergrund eines angemessenen Lehrverhaltens mit Blick auf die spez. Zielerreichung Schwerpunkt: Stunden- aufbau • Oberflächliche Ana- lyse des jeweiligen Stundenaufbaus an- hand der gründlichen Herausarbeitung der Inhalte, methodisch- didaktischen Kompo- nenten, Zielstellungen (Grob- und Feinziele), Anpassungen an die Zielgruppe, Organisa- tionsformen Schwerpunkt: Teilneh- mendenverhalten • Allgemeine Beschrei- bung der Gruppendy- namik Schwerpunkt: Lehren- den- / Therapierenden- verhalten: • Beschreibung der Stunden und der Stundenleitung Schwerpunkt: Stunden- aufbau • Beschreibung des Stundenaufbaus Schwerpunkt: Teilneh- mendenverhalten • Oberflächliche Beschreibung der Gruppendynamik Reflexion der Wissens- und Kompetenzentwicklung (30%) Betrachtung des eigenen Lehrverhaltens Inhaltliche Ausein- andersetzung der Entwicklung: • Selbstkritische, differenzierte Stellungnahme zur Wissens- und Kom- petenzentwicklung unter Einbezug der Analyse des Wissens- standes • Kritischer Vergleich des persönlichen Verhaltens in der ersten und zweiten Lehrprobe Inhaltliche Ausein- andersetzung der Entwicklung: • Selbstkritische Stellungnahme zur Wissens- und Kompe- tenzentwicklung unter Einbezug der Analyse des Wissensstandes • Vergleich des per- sönlichen Verhaltens in der ersten und zweiten Lehrprobe Inhaltliche Ausein- andersetzung der Entwicklung: • Oberflächliche Stellungnahme zur Wissens- und Kom- petenzentwicklung unter Einbezug der Analyse des Wissens- standes • Lückenhafter Vergleich des per- sönlichen Verhaltens in der ersten und zweiten Lehrprobe Inhaltliche Ausein- andersetzung der Entwicklung: • Stellungnahme zur Wissens- und Kompe- tenzentwicklung • Unreflektierter Vergleich des per- sönlichen Verhaltens in der ersten und zweiten Lehrprobe DOI: 10.25847/zsls.2025.079 26 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2025, 8(1) Bewertungsschema für ein Prozessportfolio · Füllgraebe et al. UMGANG MIT HERAUSFOR- DERUNGEN Eine der ersten Herausforderungen in der An- wendung war je nach Stunden- und Prüfungs- thema die fehlende Relevanz einzelner Kriterien. So müssen Studierende beispielsweise nicht in jeder Lehrübung Flexibilität zeigen, wenn ent- sprechende Situationen ausbleiben. In solchen Fällen kann das Kriterium bei der Bewertung entfallen. Um eine Verzerrung der Gewichtung zu vermeiden, wurde die Excel-Datei so ange- passt, dass die Prozente entfallender Kriterien automatisch gleichmäßig auf die verbleibenden verteilt werden. Trotz mehrfacher Erprobung des aktuellen Bewertungsschemas besteht weiterhin die He- rausforderung, dass unzureichende Leistungen – also das Verfehlen der Kriterien für die Note 4 – in einzelnen Kategorien (z. B. Durchführung) durch gute Ergebnisse in anderen Teilkategorien ausgeglichen werden können. Deshalb ist eine sorgfältige Gewichtung der Bewertungskriterien besonders wichtig, um zu verhindern, dass Stu- dierende das Modul trotz gravierender Defizite in bestimmten Bereichen bestehen. Eine weitere Anpassung wurde aufgrund des ho- hen Betreuungs- und Bewertungsaufwands für die Lehrenden vorgenommen. Das sorgfältige Durchsehen und die differenzierte Benotung der Portfolios erfordern einen erheblichen Zeitauf- wand. Um sicherzustellen, dass die Bewertung noch im laufenden Semester abgeschlossen werden kann und nicht in den Start des nächs- ten Semesters fällt, wurde die Abgabefrist auf einen Monat vor Semesterende festgelegt. Da eine technische Übermittlung der Teilnoten über das Notenportal der Hochschule nicht möglich ist, können Studierende auf schriftliche Anfrage per E-Mail eine Übersicht ihrer Teilnoten bei der prüfenden Person erhalten. Diese Rückmel- dung ist besonders wichtig, um Transparenz im Bewertungsprozess zu gewährleisten. Sofern darüber hinaus Fragen bestehen, kann ein per- sönliches Gespräch vereinbart werden, in dem die Bewertung erläutert wird. Bereits während des Semesters fanden Rückmeldungen und Dis- kurse zwischen Lehrperson und Studierenden statt, sodass eine kontinuierliche Begleitung und Orientierung an den Bewertungskriterien sicher- gestellt war. FAZIT Das Ziel dieser Arbeit bestand in der Entwicklung eines Bewertungsschemas für ein Prozessportfo- lio, um den Kompetenzerwerb von Studierenden im Rahmen des Moduls SGP9 angemessen be- urteilen zu können. Daraus resultierte die Kon- zeption eines umfassenden Bewertungsschemas das sämtliche relevanten Bewertungskriterien enthält. Auf dieser Grundlage wurde eine Bewertungsmatrix in Form einer Excel- Tabelle erstellt, welche die auf den Lernzielen aufbauenden Bewertungskriterien entsprechend ihrer Relevanz gewichtet und so eine Gesamtnote berechnet. Eine generelle Übertragbarkeit der für das Modul SGP9 formulierten Bewertungskri- terien auf andere Lehrveranstaltungen ist aufgrund der variierenden Lernziele und den daraus resultierenden unterschiedlichen Gewichtungen zwischen den Veran- staltungen nur bedingt möglich. Dennoch sind Vermittlungskompetenzen stets ein Bestandteil sportwissenschaftlicher Studiengänge, weshalb die erstellten Bewer- tungskriterien durch geringfügige Veränderungen auch bezüglich der Gewichtungen auf andere Lehrveranstaltungen adaptiert werden können. Resümierend ist festzuhalten, dass die dargestellte Erarbeitung von Bewertungskri- terien einen bedeutenden Beitrag zur Weiterentwicklung sowohl der Lehrqualität als auch des Lernerfolgs der Studierenden darstellt. Dies spiegelt sich im positiven Feedback der Studierenden und der Lehrpersonen wider, die von einer hohen Trans- parenz sowie Handhabbarkeit in der Praxis berichten (Biallas et al., 2025). Die Tabelle drei fasst abschließend den praktischen Nutzen und die Herausforderun- gen des Bewertungsschemas zusammen. Tab. 3: Zusammenfassung der Entwicklung und Übertragbarkeit des Bewertungs- schemas für das Prozessportfolio im Modul SGP9 Aspekt Beschreibung Zielsetzung • Angemessene Beurteilung der Vermittlungskompetenz als Kompetenzerwerb im Sportwissenschaftlichen Studium • Entwicklung eines strukturierten und objektivierten Bewertungsschemas Umsetzung • Erstellung eines umfassenden Bewertungsbogens • Entwicklung einer gewichteten Excel-Matrix basierend auf Lernzielen Übertragbarkeit • Mit geringen Anpassungen der Kriterien/Gewichtungen auch in anderen Veranstaltungen einsetzbar Herausforderungen • Anpassung der Bewertungslogik bei Transfer auf andere Veranstaltungen nötig. • Feinjustierung der Gewichtungen je nach Lehrveranstal- tung erforderlich. • Integration in bestehende Curricula • Studierende an die Selbstreflexion heranführen • Gefahr der Scheinobjektivität, da nicht jedes Kriterium objektiv bewertbar ist • Hoher Zeitaufwand für Lehrende und Studierende Vorteile • Entwicklung eines umfassenden Bewertungsschemas, das den Kompetenzerwerb angemessen beurteilen kann. • Erstellung eines strukturieren Bewertungsbogens mit allen relevanten Kriterien. • Konzeption einer gewichteten Bewertungsmatrix, die eine objektivierte Gesamtnote ermöglicht. • Adaptierbarkeit der Kriterien auf andere Lehrveranstal- tungen bei ähnlichen Kompetenzzielen. • Förderung von Lehrqualität und Lernerfolg durch klar definierte Bewertungskriterien. • Positives Feedback von Studierenden und Lehrpersonen zur Transparenz und Praxisnähe. 27 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2025, 8(1) Bewertungsschema für ein Prozessportfolio · Füllgraebe et al. Literatur Bellin-Mularski, N. (2021). Förderung von Kompetenzen und Reflexionen durch den Einsatz von (digitalen) Portfolios in der Lehrer*innenbildung. Potsdamer Zentrum für empirische Inklusionsforschung, 8, Art. 7. https://doi.org/10.25932/publishup-67529 Biallas, B., Hofmann, H. & Füllgraebe, F. (2025). Professionelle Lehrkompetenz für die Hochschule: Von der Klausur zum Prozessportfolio als kompetenzorientierte Prüfungs- form [Manuskript zur Veröffentlichtung eingereicht]. die Hochschullehre. Biggs, J. B. & Tang, C. S. (2011). Teaching for quality learning at university: What the student does (4th edition). SRHE and Open University Press Imprint. Deibl, I., Zumbach, J. & Geiger, V. (2018). Constructive Alignment im Bereich der Päda- gogischen Psychologie - Entwicklung und Anwendung eines Fragebogens zur Erfassung von Constructive Alignment. In M. Krämer, S. Preiser & K. Brusdeylins (Hrsg.), Psycholo- giedidaktik und Evaluation XII. 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Schul- und Unterrichtsforschung: Bd. 3. Schneider Verl. Hohengehren. Härri, U. (2011). Leitfaden zum Lernportfolio. In Herren, D. (Hrsg.). Portfolio & Lerntage- buch: Erfahrungsberichte des EHB. Hochschuldidaktische Schriftenreihe, Nr. 2. Zolli- kofen: BFH & EHB. Schaper, N. & Soyka, C. (2021). Kompetenzorientiertes Prüfen: Grundlagen, präsenz- und onlinegestützte Formate, Bewertung und Rückmeldung kompetenzorientierter Prüfungsleistungen. In B. Berndt, A. Fleischmann, N. Schaper, B. Szczyrba, M. Wiemer & J. Wildt (Hrsg.), Neues Handbuch Hochschullehre (100. Aufl., S. 95–122). DUZ Verlags- und Medienhaus. Svinicki, M. D. & McKeachie, W. J. (2014). McKeachie's teaching tips: Strategies, re- search, and theory for college and university teachers (14. Aufl.). Wadsworth Cengage Learning. Quellmelz, M. & Ruschin, S. (2013). Kompetenzorientiert prüfen mit Lernportfolios. Journal Hochschuldidaktik, 24(1+2), S. 19–22. https://doi.org/10.17877/DE290R-7014 Vogt, T. (2020). Vermittlungskompetenz in Sport, Spiel und Bewegung: Sportartspezifi- sche Perspektiven. Meyer & Meyer Verlag. Wattenberg, M. (2020). Lernportfolios als Alternative zur Prüfung mit Bonuspunkten. In T. Schmohl & D. Schäffer (Hrsg.), Lehrexperimente der Hochschulbildung: Didaktische Innovationen aus den Fachdisziplinen (2. überarbeitete Aufl., S. 61–70). wbv. https://doi. org/10.25656/01:1856 Dr. Freya Füllgraebe ist seit 2018 Dozentin und Mitarbei- terin im Institut für Bewegungsthe- rapie und bewegungsorientierter Prävention und Rehabilitation der Deutschen Sporthochschule Köln. Als Studiengangskoordinatorin des B.A. Sport und Gesundheit in Prä- vention und Therapie befasst sie sich mit der Qualitätssicherung und -wei- terentwicklung des Studiengangs. In diesem Zuge brachte sie die Weiterentwicklung des SGP9 Mo- duls, hin zu einer kompetenzorien- tierten Prüfungsform, auf den Weg. Orcid-ID: https://orcid.org/0009- 0009-4060-0231 Hannah Sophia Hofmann ist seit 2021 Dozentin und Mitar- beiterin im Institut für Bewegungs- therapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation der Deutschen Sporthochschule Köln sowie seit 2023 als Akademische Mitarbeiterin in der Fachgruppe Sportwissenschaft der Universität Konstanz tätig. Als Modulleitung des Moduls SGP9 – Trainingsinter- vention im Gesundheitssport be- fasste sie sich mit der Implementie- rung der neuen Prüfungsform, der prozessbegleitenden Anpassungen und der kontinuierlichen Weiter- entwicklung der Prüfungskriterien. Orcid-ID: https://orcid.org/0000- 0002-5872-789X Chuck Tholl ist seit 2017 Dozent und Mitarbei- ter im Institut für Bewegungsthe- rapie und bewegungsorientierter Prävention und Rehabilitation der Deutschen Sporthochschule Köln. In seiner Forschungs- und Lehrtätig- keit beschäftigt er sich vor allem mit der Prävention und Rehabilitation von orthopädischen Schädigungen. Seit 2024 befasst er sich als Studi- engangskoordinator des B.A. Sport und Gesundheit in Prävention und Therapie mit der Qualitätssicherung und -weiterentwicklung des Studien- gangs. DOI: 10.25847/zsls.2025.079 28 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2025, 8(1) Bewertungsschema für ein Prozessportfolio · Füllgraebe et al. Rebecca Abel ist Lehrkraft für besondere Auf- gaben seit 2021 am Institut für Bewegungstherapie und bewe- gungsorientierte Prävention und Rehabilitation und zusätzlich seit 2024 am Institut für Vermittlungs- kompetenz in den Sportarten der Deutschen Sporthochschule Köln. Im Rahmen ihrer Lehrtätigkeit ist sie in Veranstaltungen im Bereich Ge- sundheitssport, Orthopädie und Ge- rätturnen eingebunden und wirkte bei der Entwicklung und Implemen- tierung des hier vorgestellten Be- wertungsschemas mit. Jun.-Prof. Dr. Thomas Schmidt ist seit 2022 Juniorprofessor für Sport- und Bewegungstherapie bei Inneren Erkrankungen am Institut für Kreislaufforschung und Sport- medizin der Deutschen Sporthoch- schule Köln. Seit 2015 ist er zudem als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Integrierten Herzzentrum der Schüchtermann-Klinik Bad Rothen- felde tätig. Im Rahmen seiner Lehr- tätigkeit war er an der Entwicklung und Implementierung des hier vor- gestellten Bewertungsschemas be- teiligt. Lena Franz war von 2017 bis 2021 als Wis- senschaftliche Hilfskraft und an- schließend als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Bewe- gungstherapie und bewegungsori- entierte Prävention und Rehabilita- tion der Deutschen Sporthochschule Köln tätig. Neben der Forschung im Bereich Prävention unterstützte sie auch die Weiterentwicklung von Lehrinhalten und Bewertungskon- zepten. Seit 2022 ist sie als Sport- therapeutin im Bereich Kinder- und Jugendsport tätig. Sabrina von Au ist seit 2020 Lehrkraft für beson- dere Aufgaben am Institut für Bewegungstherapie und bewe- gungsorientierte Prävention und Rehabilitation, Abteilung Neurolo- gie, Psychosomatik, Psychiatrie der Deutschen Sporthochschule Köln. In ihrer Lehrtätigkeit befasst sie sich u. a. mit der Anwendung und Durchführung sport- und bewe- gungstherapeutischer Methoden sowie der Förderung der reflexiven Auseinandersetzung mit dem eige- nen professionellen Handeln. Sie ist Mitgründerin und Sprecherin der Ar- beitsgruppe Sport- und Bewegungs- therapie in der Psychosomatik. Jonas Gorges ist seit 2022 wissenschaftliche Hilfs- kraft am Institut für Bewegungs- therapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation, Abteilung Bewegungsorientierte Präventions- und Rehabilitations- wissenschaften der Deutschen Spor- thochschule Köln. In seiner Tätigkeit unterstützt er insbesondere bei der Entwicklung und Aufbereitung von Lehr- und Lernkonzepten zur Ver- mittlung von Bewegungskompe- tenzen in Prävention und Rehabili- tation. Dr. Bianca Biallas ist am Institut für Bewegungsthe- rapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation der Deutschen Sporthochschule tätig. Ihre Forschungs- und Lehrschwer- punkte liegen in der Prävention insbesondere orthopädischer Er- krankungen sowie dem Betrieb- lichen Gesundheitsmanagement. Darüber hinaus setzt sie sich für Fragen der Gleichstellung ein. Orcid-ID: https://orcid.org/0000- 0002-3026-5857

  • ZSLS_1-2025_Charbonnet.pdf
    5 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2025, 8(1) Problemorientierung in der sportwissenschaftlichen Lehre · Charbonnet, Klostermann, Conzelmann Problemorientierung in der sportwissenschaftlichen Lehre: Vom Mastermodul zum nationalen Symposium Bryan Charbonnet, André Klostermann, Achim Conzelmann Schlüsselwörter: problemorientierte Forschung, problembasiertes Lernen, kooperatives Lernen, Transdisziplinarität, Interdisziplinarität WERKSTATTBERICHT > PRACTICE REPORT ZUSAMMENFASSUNG Dieser Beitrag befasst sich mit der oft kritisierten Kluft zwischen der sportwissen- schaftlichen Forschung und Lehre an Universitäten und der praktischen Anwen- dung im Sport. Um diese Theorie-Praxis-Lücke zu schließen, wurden Studierende im Rahmen eines Mastermoduls am Institut für Sportwissenschaft der Universität Bern mit einem gesellschaftlich relevanten Problem aus der Sportpraxis konfron- tiert, das eng mit ihren zukünftigen beruflichen Anforderungen verknüpft ist: Wie sollte das Training im Kindesalter für eine nachhaltige Talentförderung gestaltet werden – durch frühzeitige Spezialisierung oder eine polysportive Ausbildung? Zur Bearbeitung dieses Problems wurde ein lernzentrierter Ansatz gewählt, der Prob- lemorientierung in ihrer wissenschafts- und lerntheoretischen Konnotation im Kon- text einer forschungsorientierten Lehre umsetzt. Die Studierenden handelten dabei nicht nur kooperativ, um ein interdisziplinäres Problemverständnis zu entwickeln, sondern auch transdisziplinär in enger Zusammenarbeit mit Swiss Olympic und elf Sportverbänden. Am Ende des Semesters präsentierten sie 70 wichtigen Stakehol- dern des Schweizer Sports ihre wissenschafts- und praxisrelevanten Ergebnisse auf einem nationalen Symposium. Das Mastermodul wurde sowohl qualitativ als auch quantitativ evaluiert und reflektiert. Insgesamt zeigt sich, dass das Mastermodul die Anforderungen an eine forschungs- und praxisnahe Lehre erfüllt, die den Theorie- Praxis-Graben reduziert und die Studierenden gezielt auf die Herausforderungen des Arbeitsmarktes vorbereitet. 1. EINLEITUNG “The world has problems, particularly societally „complex” or „wicked problems”, but the acade- my has disciplines and the university has departments: The problems of the real world and those of the academy are incommensurable. The perception of incommensurability serves as the point of departure for the advocates of problem-oriented interdisciplinarity.” (Schmidt, 2021, S. 77) Über Jahrzehnte waren die Annäherungsversuche zwischen Sportpraxis und Sport- wissenschaft eher zögerlich (Büsch, 2019). Der Sportpraxis unterstellte man, dass sie Fragen stellen würde, die niemand beantworten könne, der Sportwissenschaft, dass sie Fragen beantworten würde, die niemand gestellt habe (Roth, 1996). Die- ser Theorie-Praxis-Graben (auch: Inkommensurabilitätsproblem) zeigt sich nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Lehre. Universitäten befähigen zwar (Sportwissenschafts-)Studierende dazu, ihr Studium erfolgreich abzuschließen, jedoch mangelt es häufig an den notwendigen Kompetenzen, um unmittelbar den Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht zu werden (Nagel et al., 2014). Ein direkter Übergang in mögliche Berufsfelder wird nicht angestrebt. Das Inkommensurabilitätsproblem scheint erkannt zu sein und ein Wandel ist auf allen universitären Ebenen spürbar. Universitäten stehen zunehmend unter dem Druck, ihren ge- sellschaftlichen Einfluss stärker zu legitimieren. So verpflichtet sich etwa die Universität Bern in ihrer Strategie 2030 wissenschaftliche, gesell- schaftliche und wirtschaftliche Werte zu schaffen („Wissen schafft Wert“; Universität Bern, 2024). Sportwissenschaftliche Masterstudiengänge werden zunehmend spezifiziert, um eine geziel- tere Ausbildung zu ermöglichen und Studierende mit berufsmarktrelevanten Kompetenzen auszu- statten. Das Institut für Sportwissenschaft der Universität Bern bietet hierzu spezialisierte Qua- lifikationen in den Bereichen Forschung, Gesund- heitsförderung, Lehre und Sportmanagement an (Institut für Sportwissenschaft, 2024). Im vorliegenden Beitrag wird ein Mastermodul dieses Studiengangs vorgestellt, welches Pers- pektiven aufzeigen soll, wie das Inkommensurabi- litätsproblem mit Hilfe einer engen Verknüpfung zwischen universitärer Lehre, Forschung und Sportpraxis überwunden werden kann. Zentrale Problemstellung des Mastermoduls war nicht ein klar umrissenes disziplinäres Problem, sondern ein komplexes, interdisziplinäres und theoretisch „undurchsichtiges“ Thema aus dem Bereich des Nachwuchsleistungssports, und zwar die Frage nach der optimalen Trainingsgestaltung im Kin- desalter – sollte eine frühzeitige Spezialisierung oder eine polysportive Ausbildung gefördert werden? Diese Problemstellung wurde aufgrund ihrer Aktualität in den Medien (van Beek, 2021), sowie dessen gesellschaftlicher und berufsfeld- bezogener Relevanz von den Lehrenden gewählt. DOI: 10.25847/zsls.2024.076 6 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2025, 8(1) Problemorientierung in der sportwissenschaftlichen Lehre · Charbonnet, Klostermann, Conzelmann 2. HOCHSCHULDIDAKTISCHES PARADIGMA In den letzten Dekaden fordert die Hochschul- didaktik zunehmend einen Paradigmenwechsel, der den Schwerpunkt „surface learning“ hin zu „deep learning“ verschieben soll (Dolmans et al., 2016). Lehrzentrierte Ansätze, bei denen Lehrende ihr Wissen vermitteln („the sage on the stage“) und die Studierenden zum passiven Rezi- pieren aufgefordert sind, werden deshalb zuneh- mend durch lernzentrierte Ansätze ersetzt und/ oder ergänzt (Budwig & Alexander, 2021), bei denen Lehrende als begleitende Mentoren agie- ren („the guide on the side“) und Studierende ihr Wissen aktiv konstruieren (Hung, 2015). Diesem Paradigmenwechsel folgend, wurde zur Bearbei- tung des Problems in unserem Mastermodul ein lernzentrierter Ansatz gewählt, der Problemori- entierung im Kontext der forschungsorientierten Lehre betont und kooperatives1 Lernen erfordert. Problemorientierung lässt sich dabei sowohl lerntheoretisch (problemorientiertes Lernen) als auch wissenschaftstheoretisch (problemorien- tierte Forschung) präzisieren und bringt Konse- quenzen mit sich (Inter- und Transdisziplinarität; Schürmann & Hossner, 2012). 2.1 Problemorientierung in der forschungsorientierten Lehre Lerntheoretisch steht die Problemorientierung im Einklang mit dem zuvor eingeführten lernzen- trierten Paradigma: Problemorientiertes Lernen betont, dass „the problem drives the learning. Instead of lecturing, we give the students a pro- blem to solve” (Ansarian & Teoh, 2018, S. 4). Ein solches Problem sollte eng an die Alltagsrealität sowie die zukünftigen beruflichen Anforderungen der Studierenden gekoppelt sein, um das Inkom- mensurabilitätsproblem zu überwinden. Darüber hinaus stärkt problemorientiertes Lernen gezielt auch Soft Skills (z. B. Teamarbeit), die – wie im Folgenden näher ausgeführt – durch kooperati- ve Lernformate gestärkt werden können (Yang, 2023). In unserem Fall erfolgt problemorientier- tes Lernen im Kontext der forschungsorientier- ten Lehre, sodass die Studierenden ausgewählte klassische Phasen eines Forschungsprozesses durchlaufen, um die Problemstellung zu bearbei- ten (Huber, 2009, 2014). Wer Problemorientierung im Kontext der for- schungsorientierten Lehre umsetzen möchte, muss zunächst klar festlegen, welche Art von Forschung in der Lehre behandelt werden soll. 1 Im Rahmen dieses Beitrags verstehen wir unter ‚koope- rativem Lernen‘ alle Formen der gemeinsamen Arbeit an Aufgaben, einschließlich kollaborativen und kooperativen Lernens. Auch wenn es zwischen diesen beiden Formen spe- zifische Unterschiede gibt (siehe Yang, 2023), steht in diesem Beitrag der gemeinsame Problemlösungsprozess im Fokus. Dabei sind, basierend auf wissenschaftstheoretischen Überlegungen, zwei Dimensi- onen zu beachten: das Verständnisstreben und das Nutzendenken (siehe Abbildung 1; Stokes, 1997). Abb. 1: Wissenschaftstheoretische Einordnung der forschungsorientierten Lehre im Quadrantenmodell (modifiziert nach Stokes, 1997, S. 73; Pasteur’s Quadrant: Basic Science and Technological Innovation, Brookings Institution Press, ein Imprint von Bloomsbury Publishing, Inc.) Wird nur eine Dimension bevorzugt, so nimmt die forschungsorientierte Lehre entweder eine grundlagenwissenschaftliche oder eine anwendungsorientierte Richtung ein. Im ersten Fall verfolgt die (grundlagenorientierte) Forschung ein Ver- ständnisstreben und sucht nach Wenn-Dann-Antworten für eher spezifische, oft disziplinäre Detailprobleme (z. B.: Monotones Üben führt aus sportpsychologischer Sicht häufiger zu Burnout-Symptomen als spielerisches Betreiben einer Sportart). Im zweiten, anwendungsorientierten Fall würden Studierende in ihren Forschungs- aktivitäten von einem starken Nutzendenken ausgehen und versuchen, konkrete Antworten auf Fragen im Sinne technologischer Regeln zu finden (z. B.: Trainiere mit Kindern maximal so viele Stunden pro Woche, wie sie alt sind). Obgleich sowohl die grundlagenwissenschaftliche als auch die anwendungsorientierte Forschung wertvolle Beiträge leisten, scheint weder die eine noch die andere für sich allein ausreichend zu sein, um den komplexen Herausforderungen unserer Zeit zu begeg- nen (Bechmann & Frederichs, 1996). Um das eingangs skizzierte Inkommensurabili- tätsproblem zu überwinden, wird deshalb zunehmend empfohlen, einen problem- orientierten (integrativen) Ansatz zu verfolgen, der sowohl Nutzendenken als auch Verständnisstreben berücksichtigt (Stokes, 1997). Dieser Ansatz zeichnet sich häufig durch praxisnahe, interdisziplinäre Fragestellungen aus und verfolgt das Ziel eines ganzheitlichen Problemverständnis (Bechmann & Frederichs, 1996), was ihn für das vorliegende Mastermodul besonders geeignet macht. Im Idealfall leisten also die Erkenntnisse des Mastermoduls sowohl einen Beitrag zur Erweiterung des wissen- schaftlichen Erkenntnisstandes als auch zur Optimierung bestehender Strukturen bei Sportverbänden und -vereinen. 2.2 Kooperatives Lernen Unabhängig von der Diskursebene zeichnet sich die Problemorientierung dadurch aus, dass sie üblicherweise getrennte Bereiche zusammenführen möchte. Als For- schungstyp soll sie nicht nur Nutzendenken und Verständnisstreben, sondern auch Wissenschaft und Gesellschaft/Politik näher bringen (Bechmann & Frederichs, 1996). Als Lerngelegenheit integriert sie verschiedene Disziplinen mit ihren unter- schiedlichen Facetten zu einem interdisziplinären Problemverständnis (Jensen et al., 2019). Es ist daher wenig verwunderlich, dass sie auch das Zusammenbringen von VERSTÄNDNIS- STREBEN NUTZENDENKEN hoch gering gering hoch Anwendungs- forschung Problemorientierte Forschung Grundlagen- forschung 7 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2025, 8(1) Problemorientierung in der sportwissenschaftlichen Lehre · Charbonnet, Klostermann, Conzelmann Menschen fördert, indem sie das Lernen in Gruppen unterstützt (Decuyper et al., 2010), bedeutend, dass die Lernenden kooperativ zusammenarbeiten, um zu um- fassenderen Problemlösungen zu gelangen. Das kooperative Lernen ist besonders effektiv bei komplexen Aufgaben, die von Einzelpersonen in begrenzter Zeit kaum bewältigt werden können (z. B. in einem Semester). Kooperatives Lernen funktio- niert dennoch nicht per se. Vielmehr erfordert es eine bestimmte Inszenierung und Führung (Wellenreuther, 2011). Damit kooperatives Lernen auf der Seite der Studierende erfolgreich ist, müssen fünf zentrale Elemente erfüllt sein (Johnson et al., 2007): 1) Positive Interdependenz: Die Gruppenmitglieder sind voneinander abhängig und müssen sich gegenseitig unterstützen, um ihre gemeinsamen Ziele zu erreichen. 2) Soziale Kompetenzen: Die Gruppenmitglieder benötigen soziale Kompetenzen wie Kommunikation, Füh- rung, Konfliktlösung und Vertrauen, um effektiv zusammenzuarbeiten. 3) Fördernde Interaktion: Die Gruppenmitglieder müssen aktiv am Lernprozess teilnehmen, sich gegenseitig helfen und Feedback geben. 4) Individuelle Verantwortlichkeit: Jedes Gruppenmitglied leistet einen Beitrag zum Erfolg der Gruppe und wird dafür ver- antwortlich gemacht. 5) Gruppenreflexion: Die Gruppe evaluiert regelmäßig ihre Zu- sammenarbeit und erarbeitet Verbesserungsvorschläge. Zusätzlich wird häufig eine ausgewogene Zusammensetzung der Gruppen als sechstes Element genannt, die die verschiedenen Stärken und Schwächen der Studierenden berücksichtigt (Kaufman et al., 1997). Auf der Seite der Lehrperson ist demgegenüber erforderlich, dass sie als eine be- gleitende Ressource agiert, welche die Lernprozesse beobachtet, moderiert, managt und unterstützt. Sie nimmt somit eine zurückhaltende Rolle ein, damit die Lernenden ihre passiv-rezeptive Rolle verlassen und in den Mittelpunkt rücken (Borsch, 2015). Dies entspricht einer konstruktivistischen Sichtweise des Lehrens und Lernens, wo- bei das Wissen aktiv von den Lernenden in gemeinsamen Verhandlungsprozessen ko-konstruiert wird (Borsch, 2015). Daraus ergeben sich vier Aufgabenbereiche für die Lehrperson (Weidner, 2008): 1) Vorbereitung: Die Lehrperson plant die Gruppen- arbeit, wählt die Themen aus und stellt sicher, dass alle Studierenden die notwendi- gen Materialien haben; 2) Unterstützung: Während der Gruppenarbeit beobachtet die Lehrperson, gibt Tipps und hilft bei Problemen. Sie sorgt dafür, dass alle aktiv mitarbeiten und voneinander lernen; 3) Lenkung: Wenn nötig, lenkt sie die Diskussi- on in eine bestimmte Richtung und fasst wichtige Punkte zusammen; 4) Bewertung: Am Ende bewertet sie nicht nur die Ergebnisse, sondern auch den Arbeitsprozess innerhalb der Gruppen. Auf einer abstrakteren Ebene stellt die Form der Zusammenarbeit im Unterricht (Kooperation, Kompetition oder Individualismus; Johnson, 1970) einen sozialen Lernkontext dar. Dieser Kontext beeinflusst die Befriedigung psychologischer Grund- bedürfnisse wie Kompetenz, Autonomie und soziale Eingebundenheit (Deci & Ryan, 1985). Theoretisch wirken sich diese Befriedigungen wiederum auf die Motivation aus, die sich entlang eines Kontinuums von Amotivation zur intrinsischen Motivation erstreckt, und letztlich auch das Lernengagement und den Lernerfolg beeinflussen sollten (Johnson et al., 2007). In der Vorbereitung des Mastermoduls wurde davon ausgegangen, dass Kooperation als sozialer Lernkontext einen positiven Einfluss auf diese Sequenz haben könnte (Johnson et al., 2007). 2.3 Inter- und Transdisziplinarität Die integrative Idee der Problemorientierung in der forschungsorientierten Lehre sowie das kooperative Lernen bieten ideale Voraussetzungen für eine Annäherung an das inter- und transdisziplinäre Ideal. Oder anders formuliert: Wer ein Problem ganzheitlich verstehen will, muss häufig verschiedene Perspektiven einbeziehen (Hossner, 2024) – sowohl innerhalb der Wissenschaft (Problemorientierung → Interdisziplinarität) als auch darüber hinaus (Problemorientierung → Transdiszipli- narität). Im Idealfall fördert das Lehrangebot einerseits die Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit zwischen den Disziplinen der Sportwissenschaft (Conzelmann et al., 2011) und andererseits den Austausch zwischen Wissenschaft und Gesell- schaft, beispielsweise durch die Zusammenarbeit mit Sportverbänden. So entsteht ein theorie- und praxisnaher Ansatz zur gemeinsamen Problembearbeitung (Budwig & Alexander, 2021). 3. Transfer ins Mastermodul Neun Studierende haben sich für das Mastermo- dul im Frühjahrsemester 2022 eingeschrieben. Es handelt sich um ein Wahlpflichtmodul mit einem Umfang von 8 ECTS (240 Arbeitsstunden), bei dem sich der Workload zu 30 % auf Präsenzzei- ten in der Lehrveranstaltung und zu 70 % auf das Selbststudium verteilt. Das Mastermodul wurde im Teamteaching von zwei Lehrpersonen durch- geführt. Beide sind Autoren (Erst- und Letzt) der vorliegenden Publikation und befassen sich intensiv mit Forschung zum Thema „Talentförde- rung“. Im Sinne eines problemorientierten Ansat- zes wurde das Ziel des Moduls in Zusammenar- beit mit dem Hauptpraxispartner Swiss Olympic festgelegt: die Bearbeitung der Forschungsfrage (Verständnisstreben) und Durchführung eines nationalen Symposiums, um praktische Lösungs- vorschläge für die aktuelle Debatte über frühe Spezialisierung versus Polysportivität vorzustel- len (Nutzendenken). Zu diesem Symposium soll- ten die wichtigsten Vertretenden des Schweizer Sports eingeladen werden. In Tabelle 1 sind die wöchentlichen Lerninhalte dargestellt. Neben den spezifischen Inhalten werden die eingesetzten hochschuldidaktischen Methoden aufgeführt (z. B. Think-Pair-Share und Brainwriting in Woche 3 zur gemeinsa- men Identifikation zentraler interdisziplinärer Fragestellungen) sowie die daraus resultieren- den Arbeitsaufträge. Gemäß dem Ansatz der forschungsorientierten Lehre ist das Semester als ein kontinuierlicher Forschungsprozess kon- zipiert (Huber, 2014), wobei die Studierenden den Forschungsprozess nicht vollständig selbst steuern konnten, da zentrale Entscheidungen – wie die Wahl der Forschungsfrage oder metho- dische Festlegungen zur Datenerhebung – von den Lehrenden getroffen wurden. Dies erfolgte insbesondere mit Blick auf den notwendigen Fortschritt der Gruppe, um die Ergebnisse recht- zeitig für das Symposium aufzubereiten. Dieser Prozess begann mit der Definition zentraler Begriffe (Woche 1), führte über die Präzisierung von Forschungsfragen (Woche 2-3), zur Erarbei- tung theoretischer Grundlagen (Woche 4-6) hin zu der Entwicklung von Erhebungsinstrumenten (Woche 7-8). Nach der Datenerhebung (Woche 9) und deren Analyse (Woche 10) folgte die in- tensive Übung von Präsentationsformaten (Wo- che 11-12), die schließlich in einem nationalen Symposium ihren Abschluss fand (Woche 13). Die forschungsorientierte Lehre war in drei Pha- sen gegliedert, die jeweils einen anderen Schwer- punkt legten: 1) theoretischer Fokus, interdiszipli- näre Kooperation und Verständnisstreben (Woche 1 bis 6); 2) empirischer Fokus, transdisziplinäre Kooperation und Nutzendenken (Woche 6 bis 9); 3) problemorientierter Fokus (Woche 10 bis 13). DOI: 10.25847/zsls.2024.076 8 CC BY 4.0 DE Tab. 1: Semesterprogramm Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2025, 8(1) Problemorientierung in der sportwissenschaftlichen Lehre · Charbonnet, Klostermann, Conzelmann Thema Format Arbeitsauftrag 1 Begriffliche Klärung und Dimensionalität Offene Diskussion 1-seitiges Paper (3er Gruppe) «Gegenstandsbe- stimmung» 2 «Naives Brainstorming»: Argumente pro Polysportivität versus Argumente pro Spezialisierung Think-pair-share; Debatte und offene Diskussion 3 Gemeinsame Entwicklung von Fragestellungen aus Sicht un- terschiedlicher Disziplinen (Biogenetik, Soziologie, Bewegung-/ Trainingswissenschaft, Psychologie, Soziologie, Pädagogik), Gruppenbildung (3x 3er Gruppe) Think-pair-share; Brainwri- ting, offene Diskussion Präsentation zu den gemeinsam erarbeiteten Fragestellungen aus den theoretischen Grundlagen 4 Selbststudium 5 Präsentation der theoretischen Grundlagen aus den sechs diszipli- nären Perspektiven und formatives Feedback Vorträge und offene Diskussion (Verbesserungs- vorschläge) Optimierung der Prä- sentation in Form von Erklärvideos 6 Präsentation der finalen Erklärvideos zu den theoretischen Grund- lagen (formatives und summatives Feedback) und Organisation des Symposiums (Zielgruppe, Bestimmung von Sportartgruppe und möglichen Partnerverbänden) Offene Diskussion Nachwuchsförderkonzepte suchen und lesen (welche Infos finden wir dort?) 7 Sammlung von Interviewfragen Offene Diskussion 8 Gemeinsame Entwicklung des Interview-Leitfadens, Gruppenbil- dung für Interviews, Kontakt mit Interviewpartner:innen Offene Diskussion Kontaktaufnahme mit Interviewpartner:innen und Interviewdurchfüh- rung 9 - Selbststudium Durchführung und Auswertung der Interview- ergebnisse 10 Diskussion der empirischen Erkentnisse aus den Interviews Offene Diskussion 11 Präsentation der empirischen Erkenntnisse aus den Interviews (formatives Feedback) Vorträge und offene Diskussion (Verbesserungs- vorschläge) 12 Präsentation der empirischen Erkenntnisse aus den Interviews (formatives und summatives Feedback) Vorträge und offene Diskussion (Verbesserungs- vorschläge) 13 Symposium In der ersten Phase wurde eine kooperative (in- ter-)disziplinäre Problemanalyse durchgeführt, mit deren Hilfe das übergeordnete Problem „frühe Spezialisierung versus Polysportivität“ aus verschiedenen Perspektiven betrachtet wurde: 1) Biologie (z. B. Frage der sensiblen Phasen); 2) Psychologie (z. B. Zusammenhang zwischen Trai- ningsgestaltung und Motivation, Burnout); 3) Be- wegung- und Trainingswissenschaft (z. B. Trans- ferproblematik, langfristige Trainingsplanung); 4) Physiologie (z. B. Trainingsgestaltung und Verlet- zungen); 5) Soziologie des Hochleistungssports (z. B. Trainingsbeginn und Höchstleistungsalter); 6) Pädagogik (z. B. kindgemäßes Training, gelin- gende Entwicklung). Die Studierenden arbeiteten in Dreiergruppen (zwei disziplinäre Perspektiven pro Gruppe) und erhielten zwei Feedbacks für die Bearbeitung dieser theoretischen Grund- lagen (Expertenfeedback und Peer-Feedback). Das Expertenfeedback wurde summativ beurteilt. Die Teilfragestellungen und die Zusammensetzung der Arbeitsgruppen konnten von den Studierenden frei gewählt werden. Ziel des ersten Teils war die Entwicklung eines gemeinsamen theoretischen Modells zur Integration der disziplinären Perspektiven sowie die Erstellung eines Interviewleitfadens für den zweiten Teil. In der zweiten Phase stand die transdisziplinäre Kooperation im Mittelpunkt. Mit dem präzisierten theoretischen Verständnis und einem daraus abgeleiteten Inter- viewleitfaden führten die Studierenden Gespräche mit nationalen Nachwuchsver- antwortlichen aus elf Schweizer Sportverbänden durch. Sie arbeiteten ebenfalls in Dreiergruppen, wobei jede Gruppe für eine spezifische Sportartengruppe verantwortlich war: Konditionssportarten, Spielsportarten oder kompositorische Sportarten. Die Interviews dauerten jeweils etwa 90 Minuten und dienten dazu, die Praxisperspektive miteinzubeziehen und den Weg für praktische Lösungsvorschläge zu ebnen. Im Anschluss daran wurden sie von den Studierenden kodiert, analysiert (Kuckartz & Rädiker, 2023) und im gemeinsamen theoretischen Modell verortet, um die gewonnenen Erkenntnisse heuristisch zu integrieren und die Nutzerperspektive besser fassbar zu machen. Zur optimalen Vorbereitung der Studierenden auf ihren Symposiumsbeitrag wur- den die Interviewergebnisse in der dritten Phase dann gemeinsam besprochen. 9 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2025, 8(1) Problemorientierung in der sportwissenschaftlichen Lehre · Charbonnet, Klostermann, Conzelmann Anschließend übten die Studierenden ihren Vortrag zweimal und erhielten erneut ein Experten- und ein Peerfeedback. Wiederum wurde das zweite Feedback sum- mativ bewertet. Am 10. Juni 2022 trafen sich 70 Vertretenden des Schweizer Sports, darunter 40 Nachwuchsleistungssport-Verantwortliche, im Rahmen des nationalen Symposiums zu einem intensiven Austausch mit der Wissenschaft. Die Thematik „frühzeitige Spezialisierung oder Polysportivität?“ wurde in drei Schritten vertieft: a) einem Plenumsvortrag von der Leitung des Mastermoduls zur Eröffnung, b) Work- shops (von den Studierenden geleitet und moderiert) zur Vertiefung und c) einem Podiumsgespräch zum Abschluss. Die Grundlagen für die ersten beiden Teile des Symposiums wurden während des Mastermoduls gelegt. In den Workshops wur- den insbesondere die Ergebnisse der Studierenden-Interviews mit Fachpersonen verschiedener Verbände vorgestellt und in Richtung eines Konsenses diskutiert. Die anschließende Podiumsdiskussion mit Vertretenden der anwendungsorientierten Forschung, der Sportpraxis und der grundlagen- und problemorientierten Forschung bot allen relevanten Stakeholdern eine Plattform, um den Theorie-Praxis-Graben zu überbrücken und ihre jeweiligen Perspektiven einzubringen. Als Fazit und Konsens aller Beteiligten kann festgehalten werden, dass die Frage der optimalen Talentförderung sehr vielschichtig ist und es keinen Sinn macht, sie ent- weder mit frühzeitiger Spezialisierung oder Polysportivität zu beantworten. Die opti- male Lösung erfolgt stets unter Berücksichtigung des Altersabschnitts, der Sportart, der bio-psycho-sozialen Situation des Kindes und im Hinblick auf eine gelingende Entwicklung des Kindes. Als Grundsatz sollte gelten: So früh wie (für den Erfolg im Höchstleistungsalter) nötig, so spät wie möglich (um die gelingende Entwicklung nicht zu gefährden). 4. Reflexion Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass dieses Mastermodul einerseits sowohl die interdisziplinäre als auch transdisziplinäre Kooperation förderte und anderer- seits sowohl wissenschaftstheoretisch als auch lerntheoretisch einen hohen Inno- vationsgrad aufwies. Aus wissenschaftstheoretischer Perspektive stand im Gegensatz zu typischen dis- ziplinär orientierten Mastermodulen die interdisziplinäre Problembearbeitung im Zentrum. Anders als in rein grundlagen- oder rein anwendungsorientierten Mastermodulen, wo entweder das Verständnisstreben oder das Nutzendenken im Vordergrund steht, wurde hier ein problemorientierter Ansatz verfolgt, der beide Aspekte gleichermaßen berücksichtigt. Der gesellschaftliche Impact äußert sich in einer konkreten Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen wie Swiss Olympic und Sportverbänden, die auf Grundlage der wissenschaftlich fundierten Ergebnisse des Mastermoduls konkrete Empfehlungen zur Optimierung ihrer Talentförderkonzepte erhielten. Der wissenschaftliche Impact manifestiert sich in einer Publikation in ei- ner sportwissenschaftlichen Fachzeitschrift. Die Lehrenden haben die Erkenntnisse des Mastermoduls sowie die Diskussionen des Symposiums aufgenommen, weiter- entwickelt und nachhaltig sichtbar gemacht, wobei der Beitrag der Studierenden durch eine entsprechende Anerkennung im Acknowledgement gewürdigt wurde (Charbonnet & Conzelmann, 2024). Aus lerntheoretischer Perspektive wurde die traditionelle Lehr-Lern-Beziehung, in der der Lehrende als Wissensvermittler im Zentrum steht (teacher-centered, teacher als sage on the stage), durch einen lernzentrierten Ansatz ersetzt (student-centered, teacher als guide on the side). Ausgehend von einem gesellschaftlich relevanten Praxisproblem wurden Lerninhalte primär mit den Studierenden (und Partnerorga- nisationen) ko-kreiert. Es gab keine vorgegebenen Lösungen, sondern einen offenen Prozess des gemeinsamen Suchens und Findens (wayfinding): „Wayfinding isn’t kno- wing before we go, but, knowing as we go“ (Woods et al., 2020, S. 11). Das gesamte Semester war von dieser kooperativen und ergebnisoffenen Lernkultur geprägt. Grundsätzlich konnten die Elemente der forschungsorientierten Lehre (von Proble- midentifikation über Datenerhebung/-analyse und Ergebnispräsentation) und des kooperativen Lernens gut umgesetzt werden. Es besteht Grund zu der Annahme, dass der kooperative Lernkontext die psychologischen Grundbedürfnisse der Stu- dierenden erfüllte, was sich positiv auf ihre Motivation und ihr Lernengagement ausgewirkt haben sollte (zu positiven Effekten kooperativen Lernens u.a. Kyndt et al., 2013). Erstens konnten die Studierenden zahlreiche Entscheidungen selbstständig treffen (Wahl der disziplinären Perspektive, die vertieft wird; Mitbestimmung bei der Wahl der zu ana- lysierenden Sportarten; Mitbestimmung bei der Abgabefrist der Arbeitsaufträge), was zur Förde- rung ihrer Autonomie beitrug. Zweitens schie- nen die fördernden Interaktionen, die positive Interdependenz und die Implementierung von selbstkonzeptfördernden Prinzipien (z. B. ange- messene Aufgabenwahl, sofortiges, situatives, faires, ehrliches und regelmäßiges Feedback, in- dividualisierte Lernbegleitung durch individuelle Bezugsnormorientierung bei den Feedbacks) ihr Kompetenzerleben zu stärken. Wie die Studie- renden in der gemeinsamen Abschlussdiskussion betonten, fühlten sie sich bestens gerüstet und somit kompetent, um ihre Ergebnisse vor den wichtigsten Vertretenden des Schweizer Sports zu präsentieren. Drittens wurde die soziale Ein- gebundenheit durch verschiedene Faktoren be- günstigt, wie beispielsweise die kleine Gruppen- größe, das gemeinsame (hohe) Ziel (nationales Symposium), das zur Bildung einer Gruppeniden- tität geführt hat, sowie die Begegnung mit den Studierenden auf Augenhöhe. 4.1 Lehrevaluation Die hohe Motivation, das Lernengagement und die Qualität des Masterseminars fanden ihren Ausdruck in der nahezu vollständigen Anwesen- heit der Studierenden sowie in der standardi- sierten Lehrevaluation (Fakultätspreis für ausge- zeichnete Lehre; Score: 5.94 von 6.0) (Teaching Evaluation Unit of the University of Bern, 2023). Die Lehrevaluation der Universität Bern basiert auf einen Mixed-Method-Ansatz aus quantitati- ven und qualitativen Elementen. 4.1.1 Quantitative Lehrevaluation Im ersten, quantitativen Teil bewerteten die Stu- dierenden die Lehrveranstaltung anhand zweier Dimensionen (Lernfortschritt und Zufriedenheit) auf einer Likert-Skala von 1 („trifft absolut nicht zu“) bis 6 („trifft absolut zu“). Der Lernfortschritt wurde durch drei Fragen erfasst, die sich auf den Kompetenzerwerb im Umgang mit Faktenwissen, das Verständnis von Zusammenhängen sowie das kritische Reflektieren von Fakten, Methoden und Theorien bezogen (M = 6.00; SD = 0.00). Die Zufriedenheit wurde anhand von sieben Items gemessen, die unter anderem die Gesamt- zufriedenheit mit der Lehrveranstaltung, die inhaltliche Strukturierung, die unterstützenden Lehrmittel, die Klarheit der Lernzielformulierung durch die Dozierenden, die Art der Inhaltsver- mittlung, die lernförderlichen Anregungen der Lehrenden sowie deren Umgang mit den Stu- dierenden umfassten (M = 5.92; SD = 0.13). In den quantitativen Daten gab es keine kritischen Rückmeldungen. DOI: 10.25847/zsls.2024.076 10 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2025, 8(1) 4.1.2 Qualitative Lehrevaluation Der positive Eindruck aus dem quantitativen Teil wird durch die anonymen Rückmeldungen der Studierenden im qualitativen Teil bestärkt. So fasste eine teilnehmende Person ihre Eindrücke folgendermaßen zusammen: „Ich fand wirklich alles super, war eines meiner besten Seminare an der Uni.“ Diese Aussage hat aufgrund der min- destens acht Semestern Erfahrung der Person ein besonderes Gewicht und unterstreicht die hohe Qualität der Lehrveranstaltung. Im Nach- folgenden veranschaulichen wir unsere qualita- tive Inhaltsanalyse des Studierendenfeedbacks, die sechs zentrale Themen umfasst, jeweils mit einem Zitat: 1) Lernumgebung: Positive Lernatmosphäre, Augenhöhe, offene Diskussionen. Beispiel: «super Dozenten, interessantes Thema, fortschrittliche Unterrichtsmethoden, stark lernförderliches Gruppenklima» 2) Verdichtung der Lerninhalte: Weniger ist mehr, Fokus auf ein spezifisches Thema. Beispiel: «Es war eine sehr spannende Er- fahrung, sich mal über ein ganzes Semester intensiv mit einem einzigen Thema ausei- nanderzusetzen. "Qualität vor Quantität" wurde während des ganzen Semesters nicht nur angepriesen, sondern auch wirklich ge- lebt». 3) Symposium als Abschluss: Bedeutung des Symposiums als Motivation und praxisre- levanter Abschluss. Beispiel: «Symposium am Schluss anstatt eine normale Semes- terarbeit. Ist ein in Erinnerung bleibendes Ereignis, hat Netzwerk gebildet und sogar zu einem Jobangebot in einem Schweizer Sportverband geführt» 4) Dozierende: Unterstützung, Hilfsbereit- schaft, fachliche Kompetenz. Beispiel: «Faktenwissen und Hintergrundwissen der Modulleitung, Netzwerk der Modulleitung, flache Hierarchie, grosser Austausch in den Lektionen» 5) Gruppengröße und Interaktivität: Kleine Gruppen, interaktive und diskussionsfreu- dige Lernumgebung. Beispiel: «Das Modul war sehr diskussionsfreudig, vor allem we- gen der kleinen Gruppengrösse» 6) Zeitmanagement und Planung: Verbesse- rungsvorschläge zu mehr Treffen und Zeit- planung. Beispiel: «Man hätte sich ev. noch 1-2 Mal mehr treffen können, um gegen Ende des Semesters etwas weniger Stress zu haben. War aber nicht schlimm, hat ja am Ende alles gut geklappt». Die Studierenden äußern also größtenteils positive Rückmeldungen. Gleichzeitig gibt es konstruktive Vorschläge zur Verbesserung des Zeitmanagements. Angesichts der eingangs erwähnten wachsenden Aufgabe der Universität, den Anforderungen des Arbeitsmarktes besser gerecht zu werden, war es besonders erfreulich zu lesen, dass einige Studierende im Anschluss an das Symposium Jobangebote erhielten. 4.2 Herausforderungen Die Problemorientierung in der forschungsorientierten Lehre bringt trotz des über- wiegend positiven Feedbacks auch erhebliche Herausforderungen mit sich, sowohl auf wissenschaftstheoretischer als auch auf didaktisch-methodischer Ebene. Wissenschaftstheoretisch stellt die Verknüpfung und Maximierung der beiden Ziele „Verständnisstreben“ und „Nutzendenken“ (Abbildung 1) ein nahezu unerreichbares Ideal dar. Das Problem an sich ist auf theoretischer Ebene nie endgültig gelöst, da jede Problemlösung neue Fragestellungen aufwirft – wie der Physiker John Archi- bald Wheeler treffend formulierte: „We live on an island surrounded by a sea of ignorance. As our island of knowledge grows, so does the shore of our ignorance.“ Es wäre auch unrealistisch, in einem Semester ein wissenschaftliches Problem zu lösen, das seit mehr als zwanzig Jahren kontrovers diskutiert wird. Ebenso utopisch ist die Vorstellung, der Praxis eine präzise technologische Regel zu liefern, die exakt festlegt, wie viele Stunden ein Kind in welcher Altersstufe und Sportart trainieren sollte. Dies führt zu dem Schluss, dass «in problem-oriented interdisciplinarity much is achieved when a problem is constituted, framed, and clarified” (Schmidt, 2011, S. 259), was zu epistemischer Bescheidenheit anregt, aber gleichzeitig die Gefahr birgt, Frustration bei den Studierenden zu verursachen, die mit dieser Unsicherheit umgehen müssen – oder, um es genauer zu sagen, sozialisiert werden sollen. Auf didaktisch-methodischer Ebene erfordert das Lehrformat der offenen Problem- stellung, das zu Beginn des Semesters nur einen groben Fahrplan und ein „weißes Blatt“ bereithält, nicht nur Mut seitens der Dozierenden, sondern auch kontinu- ierliche Anpassungen, hohe Flexibilität und die Bereitschaft, den Studierenden Verantwortung zu überlassen. Im kooperativen Lernen hängt der Lehrerfolg maß- geblich von der Leistung der Studierenden ab. Dies ist besonders herausfordernd in einem Kontext der transdisziplinären Zusammenarbeit mit Partnerinstitutionen, da die gezeigte Leistung eine Visitenkarte für die eigene Institution darstellt und somit zusätzlichen gesellschaftlichen Druck erzeugt. Daraus folgt, dass ein hohes Maß an fachlicher sowie überfachlicher Expertise seitens der Studierenden erfor- derlich ist, um ein solch offenes Lehrformat erfolgreich zu gestalten. Dies impliziert, dass ein solches Format eher für Masterstudierende geeignet ist, da diese im Ver- gleich zu Bachelorstudierenden über eine höhere sportwissenschaftliche Expertise verfügen und zentrale „Soft Skills“ mitbringen sollten. Die Dozierenden hingegen müssen ihrer Rolle als begleitende Personen gerecht werden und in der Lage sein, den Studierenden so viel Autonomie wie möglich, aber gleichzeitig so viel Kontrol- le wie nötig zu gewähren. Dies erfordert eine kontinuierliche Bereitschaft, je nach Stand des Seminars zwischen diesen beiden Polen zu wechseln, um sicherzustel- len, dass die Lernziele erreicht werden. Eine enge und fortlaufende Zusammenar- beit zwischen Studierenden und Dozierenden ist daher unerlässlich. Evident ist es demnach, dass die kleine Gruppengröße (

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    0 2 | 20 23 | IS SN 2 62 5- 50 57 2/23 ZEITSCHRIFT FÜR STUDIUM UND LEHRE IN DER SPORTWISSENSCHAFT JOURNAL FOR STUDY AND TEACHING IN SPORT SCIENCE HERAUSGEBER/INNEN JENS KLEINERT · KATRIEN FRANSEN · NILS NEUBER · NADJA SCHOTT · PAMELA WICKER 6. Jahrgang·Heft 2/2023 2 3 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) EDITORIAL 4 ORIGINALIA > PEER REVIEW Andre Magner, Malte Jetzke, Till Utesch Der Zusammenhang zwischen dem Geschlecht von Studierenden und Prüfenden sowie der Prüfungsformate auf den Studienerfolg im Lehramtsstudium Sport 5 KURZBEITRAG > PEER REVIEW Carlo Dindorf, Anna Thomas, Eva Bartaguiz, Max Sprenger, Michael Fröhlich Betrachtung des psychischen Wohlbefindens vor, während und nach einer Kletterexkursion im hochschulischen Ausbildungskontext 21 WERKSTATTBERICHTE > PRACTICE REPORTS Dr. Csaba Ökrös, Dóra Kőnig-Görögh, Axel Binnenbruck QATCH - A new team sport activity has emerged 29 KOMMENTAR Volker Schürmann Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus. Kommentar zu Poweleit und Ohlert 40 KOMMENTAR > ANTWORT André Poweleit, Jeannine Ohlert Antwort auf den Kommentar „Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus“ 43 Inhalt Geschäftsführender Herausgeber Prof. Dr. Jens Kleinert, Deutsche Sporthochschule Köln, Psychologisches Institut, Abt. Gesundheit & Sozialpsychologie Am Sportpark Müngersdorf 6, 50933 Köln Mitherausgeberinnen und Prof. Dr. Katrien Fransen, University of Leuven/Belgien, Mitherausgeber Departement of Movement Sciences (Sektion Internationales) Prof. Dr. Nils Neuber, Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Institut für Sportwissenschaft (Sektion Bildungswissenschaft) Prof. Dr. Nadja Schott, Universität Stuttgart, Institut für Sport- und Bewegungswissenschaft (Sektion Lebenswissenschaften) Prof. Dr. Pamela Wicker, Universität Bielefeld, Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft (Sport und Gesellschaft) Herausgebende Körperschaft Deutsche Sporthochschule Köln, vertreten durch den Rektor Prof. Dr. Heiko Strüder Redaktion Ines Bodemer, Jannis Wolf Deutsche Sporthochschule Köln Stabstelle für Akademische Planung und Steuerung Am Sportpark Müngersdorf 6, 50933 Köln Hinweise für Autorinnen Die Richtlinien zur Manuskriptgestaltung und Hinweise für Autorinnen und und Autoren Autoren können unter www.dshs-koeln.de/zsls heruntergeladen werden. Verlag Das e-journal wird von der Deutschen Sporthochschule Köln herausgegeben. Der Internetauftritt der Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sport- wissenschaft (ZSLS) ist Teil der Webseiten der Deutschen Sporthochschule Köln. Es gilt das Impressum der Deutschen Sporthochschule Köln. Layout/Gesamtherstellung Sandra Bräutigam, Deutsche Sporthochschule Köln, Stabsstelle Akademische Planung und Steuerung, Abteilung Presse und Kommunikation, Am Sportpark Müngersdorf 6, 50933 Köln ISSN ISSN 2625-5057 Erscheinungsweise halbjährlich Bezugsbedingungen Das kostenfreie Abonnement der ZSLS erfolgt nach Anmeldung und der Aufnahme in den Zeitschriftenverteiler. Die Zeitschrift und alle in ihr enthaltenen einzelnen Beiträge und Abbildungen sind über die Creative-Commons- Lizenzen CC BY 4.0 DE urheberrechtlich geschützt. Diese Lizenz erlaubt das Teilen und das Bearbeiten der Inhalte für beliebige Zwecke, unter der Bedingung, dass angemessene Urheber- und Rechteangaben gemacht werden, ein Link zur Lizenz beigefügt wird und angegeben wird, ob Änderungen vorgenommen wurden. Zudem dürfen keine weiteren Einschränkungen, in Form von zusätzlichen Klauseln oder technischen Verfahren, eingesetzt werden, die anderen rechtlich untersagt, was die Lizenz erlaubt. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/de/ IMPRESSUM 5 4 CC BY 4.0 DE Zusammenhang zwischen dem Geschlecht von Studierenden und Prüfenden sowie der Prüfungsformate auf den Studienerfolg · Magner, Jetzke, Utesch DOI: 10.25847/zsls.2022.059 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2)Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) EDITORIAL Kommunizieren über sportwissenschaftliche Hochschullehre Liebe Leser*innen, auch mit diesem Heft möchten wir unserem Anspruch gerecht werden, innerhalb des Scope unseres Journals ein möglichst brei- tes Spektrum an Themen und Beitragsformen abzudecken. Ent- sprechend beinhaltet diese Ausgabe einen Originalbeitrag, einen Kurzbeitrag und einen Werkstattbericht. Außerdem freuen wir uns darüber zum ersten Mal im fünfjährigen Bestehen der ZSLS einen Kommentar sowie den zugehörigen Gegenkommentar veröffentli- chen zu können. Kommentare stellen uns unserer Sicht eine wich- tige Funktion des wissenschaftlichen Diskurses dar und wir danken daher dem Kommentator ebenso wie den Autor:innen. Der Originalbeitrag von Andre Magner, Malte Jetzke und Till Utesch untersucht den Zusammenhang zwischen Notenvergabe und Geschlecht (auf Seiten von Prüfer:in und Student:in). Die Er- gebnisse der Studie werden im Hinblick auf den Studienerfolg und Konsequenzen für die Hochschullehre diskutiert und bieten einen interessanten Ansatz zur Reflexion dieser in der Lehrpraxis häufig angesprochenen Thematik. Der von Carlo Dindorf und Kolleg:innen verfasste Kurzbeitrag beleuchtet, inwiefern sich das psychische Wohlbefinden von Stu- dierenden im Verlauf einer Kletterexkursion verändert. Aus den Ergebnissen der im Rahmen Ausflugs durchgeführten Studie lassen sich wertvolle Schlüsse ziehen, sowohl in Richtung der Ausrichtung von Exkursionen als auch für die Bedeutung des sportwissen- schaftlichen Studiums für die psychische Gesundheit. Der Werkstattbericht von Csaba Ökrös, Dóra Kőnig-Görögh und Axel Binnenbruck stellt mit QATCH ein relativ neues Sportspiel vor und thematisiert dessen Einsatzmöglichkeiten nicht nur für die Hochschule, sondern auch für Vereine und Schulen. Hier zeigt die ZSLS, dass sie auch in Fragen von neuer Sportarten Trends und Perspektiven aufgreift und mitgestaltet. Unsere Ausgabe schließt ab mit einem Kommentar von Volker Schürmann zu dem im letzten Heft (1/2023) erschienenen Beitrag von André Poweleit und Jeannine Ohlert. Wir bedanken uns bei allen drei Beteiligten für die fundierte und wertschätzende Kom- mentierung und die Vertiefung der hiermit verbundenen wissen- schaftlichen Gedanken und Denkweisen. Wir wünschen unseren Leser:innen mit der vorliegenden Ausgabe viel Freude und inspiriertes Weiterdenken und natürlich auch ein gutes Wintersemester 2023/24. Jens Kleinert, Katrien Fransen, Nils Neuber, Nadja Schott & Pamela Wicker Korrespondierender Autor Andre Magner Institut für Sportwissenschaft Arbeitsbereich Bildung und Unterricht im Sport Universität Münster Schlüsselwörter Studienerfolg, Sportstudierende, Lehramt, Geschlechterdifferenzen, Prüfungsformat, Curriculum Keywords Academic success, sports students, teacher education, gender differences, mode of assessment, curricula Zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt: Magner, A., Jetzke, M. & Utesch, T. (2023). Der Zusammenhang zwischen dem Ge- schlecht von Studierenden und Prüfenden so- wie der Prüfungsformate auf den Studiener- folg im Lehramtsstudium Sport. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft, 6(2), 5-20. ORIGINALIA › PEER REVIEW Der Zusammenhang zwischen dem Geschlecht von Studierenden und Prüfenden sowie der Prüfungsformate auf den Studienerfolg im Lehramtsstudium Sport Andre Magner, Malte Jetzke, Till Utesch Zusammenfassung Studienerfolg ist sowohl für Hochschulen als auch für Studierende erklärtes Ziel des tertiären Bildungsbereichs. Geschlechterunterschiede zugunsten der Frauen sind dabei in den meisten Bildungseinrichtungen seit längerer Zeit evident. Auch im sportwissenschaftlichen Studium erzielen Studentinnen bessere Noten in Abschlüs- sen, obwohl sich die Intelligenz zwischen den Geschlechtern nicht unterscheidet. Eine Analyse im Lehramtsstudium Sport und auf Prüfungsebene inkl. Prüfungsfor- mate steht noch aus und wird in diesem Beitrag adressiert. Grundlage der Studie ist eine Vollerhebung der Prüfungsleistungen von Lehramtsstudierenden mit dem Fach Sport (n = 2.868) mit n = 130 Prüfenden über einen Zeitraum von zehn Jahren. Die Archivdaten eines sportwissenschaftlichen Instituts weisen hierbei eine binäre Geschlechterunterscheidung (51 % Männer) auf. In der vorliegenden Studie wurden gekreuzt-klassifizierte lineare gemischte Modelle aufgestellt und geschätzte Rand- mittel berechnet, um Geschlechterunterschiede vor dem Hintergrund unterschied- licher Prüfungsformate zu untersuchen. Einen besonderen Fokus nahmen hier die für das sportwissenschaftliche Studium typischen fachpraktischen Prüfungen ein. Zudem wurde das Geschlecht der Prüfenden als Prädiktor einbezogen und für die Hochschulzugangsberechtigung kontrolliert. Die Ergebnisse zeigen, dass Sportstu- dentinnen insgesamt signifikant besser abschneiden als ihre Kommilitonen. Zudem unterscheiden sich die Noten je nach Prüfungsformat: Frauen erreichen in schrift- lichen Klausuren und fachpraktischen Prüfungen signifikant bessere Ergebnisse als Sportstudenten, die in Abschlussarbeiten signifikant besser abschneiden, während sich in mündlichen Prüfungen keine Geschlechterunterschiede zeigen. In fachprakti- schen Prüfungen des Studiums schneiden Frauen in sechs von acht Studieninhalten mit bis zu 0,33 Notenpunkten besser ab, mit Ausnahme von Spielsportarten, in denen die Männer um 0,07 bessere Noten erhalten. Weiterhin zeigt sich, dass Prü- ferinnen an Studentinnen bessere Noten vergeben als an Studenten. Die Ergebnisse werden vor dem Hintergrund der Prädiktoren von Studienerfolg diskutiert, um dar- aus hochschuldidaktische Konsequenzen für das Lehramtsstudium Sport abzuleiten. Zusammengefasst wird eine datenbasierte Grundlage vorgelegt, um eine Diskussion über die Passung von Berufsanforderungen und Curricula sowie der Prüfungskriteri- en und -formate anzuregen. 6 7 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) Zusammenhang zwischen dem Geschlecht von Studierenden und Prüfenden sowie der Prüfungsformate auf den Studienerfolg · Magner, Jetzke, UteschZusammenhang zwischen dem Geschlecht von Studierenden und Prüfenden sowie der Prüfungsformate auf den Studienerfolg · Magner, Jetzke, Utesch prüfungen unter Berücksichtigung möglicher Geschlechterdiffe- renzen beleuchten, gibt es nach unserem Kenntnisstand bis heute nicht. Hier stellt sich die offene Frage, ob sich in Betrachtung der Einzelprüfungen des sportwissenschaftlichen Lehramtsstudiums geschlechtsbedingte Differenzen in der Bewertung zeigen und, falls zutreffend, ob es Studieninhalte und/oder Prüfungsformate gibt, für die das in besonderer Weise gilt. Im Studiengang Sport- wissenschaft werden die klassischen Prüfungsformate (schriftliche Klausuren, mündliche Prüfungen, Abschlussarbeiten) um eine sportmotorische Dimension erweitert: fachpraktische Prüfun- gen. Im vorliegenden Beitrag werden Noten aus Einzelprüfungen Lehramtsstudierender mit dem Fach Sport vom Wintersemester 2011/12 bis zum Sommersemester 2021 analysiert, um eventuelle Geschlechterdifferenzen in verschiedenen Prüfungsformaten zu identifizieren. 2. THEORETISCHER RAHMEN UND KONZEPTUALISIERUNG Ein erhöhtes Forschungsinteresse am Studienerfolg ist spätestens seit den Bologna-Reformen Anfang der 2000er Jahre zu verzeich- nen (Sarcletti, 2021). Dabei wird eine genaue, forschungstheore- tische Annäherung besonders durch die vielfältigen Definitionen von und entsprechend vielfältigen konzeptionellen, methodischen oder empirischen Zugängen zu Studienerfolg erschwert (York et al., 2015). Diese reichen von offensichtlichen Beschreibungen wie dem „erfolgreichen Abschluss eines Studiums“ (Fries, 2007, S. 145) als individuelles Kriterium des Erfolgs für Studierende über weitere und gut messbare Kriterien wie Drop-Out-Quoten, Studiendauer, Abschluss- und Zwischennoten als Erfolg eines Studiengangs (Heinze, 2018) bis hin zu subjektiven Determi- nanten von Studienerfolg wie Lernstrategien, Studienzufrie- denheit, Motivation, Verhalten der Lehrenden (Schneider & Preckel, 2017; Westermann et al., 1996) sowie sozialer und aka- demischer Integration in das System Hochschule (Tinto, 1975). Auch post-universitäre Kriterien wie Beschäftigungsfähigkeit oder Persönlichkeitsentwicklung werden ebenso untersucht wie die institutionellen Rahmenbedingungen selbst (Grunschel & Dresel, 2021). Dies führt zu integrativen Modellen des Studienerfolgs, die sowohl produkt- als auch prozesshafte Facetten abbilden (Heinze, 2018; Kuh et al., 2006). Mittlerweile sind neben Fachkulturen auch kommissions-, stu- diengang-, abschluss- oder bundeslandspezifische Einflussgrößen bekannt (Grözinger, 2015; Hu, 2005; Tsarouha, 2017). Dennoch sind gute Noten nach wie vor nachvollziehbare Primärziele von Lehramtsstudierenden: Sowohl Plätze im Vorbereitungsdienst als auch Einstellungen an Schulen werden häufig nach der Studien- abschlussnote vergeben (MSB NRW, 2021; Rauin, 2007). Auch für die weitere universitäre Laufbahn ist die Abschlussnote entschei- dend, sodass der Wissenschaftsrat selbst Studienerfolg als „Studi- enabschluss mit guter Note oder gute[n] Zwischenprüfungsnoten“ (Wissenschaftsrat, 2004, S. 87) definiert. Hochschulnoten werden zudem als objektiv und reliabel eingeschätzt: In vorliegenden Meta-Analysen (Falchikov & Boud, 1989; Falchikov & Goldfinch, 2000) wurden selbst vergebene, von Gleichaltrigen vergebene sowie von Lehrenden vergebene Noten verglichen. Die hohen Korrelationen zeigen, dass alle drei Gruppen mehrheitlich ähnliche Noten vergeben. Allerdings steht die Notengebung an Hochschulen seit län- gerem in der Kritik. So hat nicht nur der Wissenschaftsrat (2012) bereits moniert, dass Prüfungsleistungen an Hochschulen zu selten an transparenten und kriterialen Benotungssystemen orientiert sind. Im Lehramtsstudium Sport existieren an einigen Stellen - nämlich in bestimmten fachpraktischen Prüfungen - sol- che kriterialen Benotungssysteme. Diese Kriterien orientieren sich meist an den anatomischen und physiologischen Unter- schieden zwischen Männern und Frauen. Männer müssen für gleiche Noten laut diesen Norm- und Notentabellen absolut betrachtet in bestimmten Sportarten z. T. deutlich bessere Leis- tungen erbringen als Frauen (Stiller & Kahlert, 2021). Diese ge- schlechterdifferenzierten Bewertungsmaßstäbe sind besonders in Sportarten wie Leichtathletik oder Schwimmen wahrnehmbar, bei denen Schnellkraft- und Ausdauerleistungen gemessen wer- den. Frauen können hier durch anatomische und physiologische Voraussetzungen nicht die gleichen Resultate erzielen wie Männer (Hottenrott, 2015). Dass es auch innerhalb der Geschlechter- gruppen anatomische und physiologische Unterschiede gibt, wird in diesen Kriterien und darüber hinaus nicht explizit be- rücksichtigt. Beispielsweise werden für einen 2m großen Mann und einen 1,60m großen Mann dieselben Leistungsstandards im Hochsprung, im Kugelstoßen, im Bodenturnen oder beim Tanz angelegt. Die starke Wirkmacht sportpraktischer Studieninhalte und Prüfungen im Studium für das Lehramtsfach Sport ist dabei seit längerem thematisiert worden (Klinge, 2002). Um schließlich hochschuldidaktische und -politische Entscheidungen zur Maxi- mierung des Studienerfolgs beider Geschlechter zu stützen, ist das Ziel dieses Beitrags, detaillierte Analysen zu Teilnoten über verschiedene Prüfungsformate und den Verlauf des Studiums vorzulegen (vgl. Abb. 1). 3. FORSCHUNGSSTAND Die Rolle des Geschlechts beim Studienerfolg ist vielfach untersucht worden (Richardson et al., 2012; Voyer & Voyer, 2014). Einen wich- tigen Einflussfaktor stellen Prüfungsformate dar. Studien aus der Rechtswissenschaft berichten, dass Männer in mündlichen Prüfun- gen - trotz schlechterer Eingangsvoraussetzungen - signifikant bes- sere Ergebnisse erzielen als Frauen (Towfigh et al., 2014, 2018). Die Autoren geben als Grund eine höhere Selbstsicherheit und größere Aktivität von Männern in Prüfungsgesprächen an. Breda und Hillion (2016) zeigten in Analysen zu mündlichen Prüfungen mit angehen- den Lehrkräften, dass Geschlechterdifferenzen zugunsten der zah- lenmäßig unterrepräsentierten Gruppe auftreten, z. B. Frauen in MINT-Fächern. In schriftlichen Prüfungen sind Männer bereits früh im Nachteil, wobei die Unterschiede sogar im Laufe der Zeit grö- ßer werden (Reilly et al., 2019). Woodfield et al. (2005) und Smith (2004) erklären Ursachen und konnten zeigen, dass Studentinnen sich angemessener auf Klausuren vorbereiten und daher mit höhe- rer Wahrscheinlichkeit eine bessere Note erzielen. Die Meta-Ana- lyse von Voyer und Voyer (2014) gibt Hinweise darauf, dass diese Ergebnisse auch auf Abschlussarbeiten übertragbar sein könnten. Lediglich in Multiple-Choice Klausuren scheinen Männer besser abzuschneiden als Frauen, wenn diese so konfiguriert sind, dass falsche Antworten nicht bestraft werden (Espinosa & Gardeazabal, 2020). Studien, die den Einfluss des Prüfungsformats auf Prüfungs- leistungen im Lehramtsstudium Sport aus Geschlechterperspekti- ve untersuchen, liegen nach unserer Kenntnis bislang nicht vor. Auch für sportwissenschaftliche Studiengänge liegen Ergeb- nisse aus Studien vor, die das Ziel verfolgten, Determinanten von Studienerfolg zu identifizieren. Kuśnierz et al. (2020) zufolge sind Frauen signifikant motivierter und entsprechend erfolgreicher im Hinblick auf die akademische Leistung als Männer. Zudem scheinen The influence of students’ and examiners’ gender on academic success in teacher training in physical education Abstract: Academic success is a declared goal of both universities and students in tertiary education. Gender differences in favor of women have been evident for some time in most educational institutions. Female students also achieve better grades in sports science studies, although there is no difference in intelligence between the sexes. An analysis at the level of sports teacher edu- cation and examinations, including modes of assessments, is still pending and will be addressed in this article. The basis of the study is a complete survey of the examination performance of student teachers of physical education (n = 2.868) with n = 130 examiners over a ten-year period. The ten-year archive data from a sports sci- ence institute show a binary gender distinction (51 % male). In the present study, cross-classified linear mixed models and marginal means were used to investigate gender differences in the context of different modes of assessment. Particular attention was paid to the practical examinations typical of sports science programmes. In addition, the gender of the examiner was included as a predictor and university entrance qualification was controlled for. The re- sults show that, overall, female students perform significantly bet- ter than their male counterparts. There are differences according to the modes of assessment: women perform significantly better in written exams and subject-specific practical exams than male sports students, who perform significantly better in final theses, while there are no gender differences in oral exams. In practical exams, women perform up to 0.33 grade points better in six out of eight subjects, with the exception of game sports, where men per- form 0.07 grade points better. Female examiners were also found to give better marks to female students than to male students. The results are discussed against the background of the predictors of academic success, in order to derive consequences of university didactics for teacher training in physical education. In summary, a data-based foundation is presented to stimulate discussion on the fit between professional requirements and curricula as well as criteria and modes of assessment. 1. EINLEITUNG Wer als Junge oder Mann1 in eine Bildungsinstitution eintritt, hat qua Geschlecht bereits seit einigen Dekaden schlechtere Chancen auf eine erfolgreiche Laufbahn. Weltweit sind schlechtere (Schul-) Leistungen von Jungen, insbesondere im Lesen und Schreiben, grö- ßere Lernschwierigkeiten, verspätete Einschulungen, schlechtere Übergangsempfehlungen und häufigere Schulabbrüche ebenso wie geringere Motivation und größere soziale Auffälligkeiten min- destens seit den PISA-Studien bekannt (Berlin-Institut für Bevöl- kerung und Entwicklung, 2015; Hadjar et al., 2014; OECD, 2019; Reilly et al., 2019). Auch in der tertiären Bildung ist zunehmend eine Schieflage zu beobachten. Verschiedene Studien berichten, dass Frauen fast durchgehend bessere Noten und mehr Abschlüs- se als Männer erzielen und dabei weniger Zeit benötigen (Kuh et al., 2006; Milun et al., 2016; Röwert et al., 2017; van den Berg & 1 Im Beitrag wird von einem binären Geschlechterverhältnis ausgegangen. Wenngleich gesellschaftliche Entwicklungen mittlerweile auch vielfältige Geschlechteridentitäten berücksichtigen, ist in der Bildungspolitik und -forschung nach wie vor eine stark dichotome Ausrichtung vorzufinden (z. B. Rüdiger et al., 2021). Auf den Sport trifft dies u.a. vor dem Hintergrund geschlechterdifferenzierter Bewertungsmaßstäbe in besonderem Maße zu. Diese Einschränkung wird im abschließenden Kapitel diskutiert und eingeordnet. Hofman, 2005). 25- bis 34-jährige Frauen erreichen in allen OECD- Ländern mit höherer Wahrscheinlichkeit (52 %) einen Abschluss im Tertiärbereich als gleichaltrige Männer (39 %) - eine Differenz, die im vergangenen Jahrzehnt in vielen Ländern noch zugenommen hat (OECD, 2021). In ihrer Meta-Analyse von Studienergebnissen aus einer Zeitspanne von fast 100 Jahren identifizieren Voyer und Voyer (2014) den robusten Effekt, dass Frauen von der Grundschu- le bis zur Universität in allen Bildungsinstitutionen bessere Noten erreichen als Männer, obwohl bzgl. der Intelligenz keine Unter- schiede zwischen Männern und Frauen bestehen (Hattie, 2009). Vor dem Hintergrund der öffentlichen Aufmerksamkeit für Gleichstellungsfragen ist es überraschend, dass dieses Ungleich- gewicht in der Hochschulbildung selten bildungspolitisch und öf- fentlich diskutiert wird. Nach Artikel 3, Absatz 2 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland sind Männer und Frauen gleich- berechtigt, ein Grundsatz, dem der Staat und damit auch (Hoch-) Schulen folgen sollten und demnach bestehende Nachteile und Hindernisse zu beseitigen sind. Dies betrifft auch nachgewiesene Geschlechterunterschiede in verschiedenen Curricula, Unterrichts- formen oder Prüfungsformaten, welche strukturelle Benachteili- gungen für Männer (Reilley et al., 2019) oder Frauen (Towfigh et al., 2014, 2018) vermuten lassen. Ein häufig angeführtes Argument, Männer seien auf dem Arbeitsmarkt aber bevorteilt, muss hier mit Blick auf die Chancengleichheit im Bildungssystem entkräftet wer- den: Verschiedene Benachteiligungen lassen sich nicht gegenein- ander aufrechnen, weil das zu einer noch stärkeren Verfestigung unterschiedlicher Lebenschancen führen würde (Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, 2015). Sport wird häufig als letzte männliche Domäne bezeichnet (Eliot, 2010). Während Frauen in vielen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens ihre oft historisch gewachsenen Nachteile aufholen, scheint der Sport nach wie vor männlich bestimmt zu sein: Die Maxime vieler Sportvereine sind an wettbewerbsorien- tierten eher maskulinen Vorlieben ausgerichtet und auch im Sport- unterricht orientieren sich Lehrkräfte zumeist an den Interessen von Jungen, beispielsweise um ihren antizipierten Widerstand zu vermeiden (Mutz & Burrmann, 2014). Auch im Studienfach Sport- wissenschaft scheint diese Dominanz auf den ersten Blick vorhan- den zu sein: Zwischen 2008 und 2020 absolvierten mehr Männer als Frauen Prüfungen in sportwissenschaftlichen Studiengängen, bei den Lehramtsprüfungen im Fach Sport war dieses Verhältnis aber ausgeglichen (Statistisches Bundesamt, 2021). Die für die berufliche (Weiter-)Beschäftigung hoch relevante Abschlussnote zeigt hier - parallel zu anderen Fächern -, dass die Lehramtsstuden- tinnen das Fach Sport deutlich besser abschließen als ihre männ- lichen Kommilitonen. Diese nationalen Befunde werden durch in- ternationale Studien bestätigt (Huntley et al., 2017; Sheard, 2009). Während Erfolgskriterien auf Ebene des Studienabschlusses über zentrale Melderegister vergleichsweise leicht zu organisieren und damit zu vergleichen sind, gibt es nur spärliche Befunde, die die Notengebung über den Verlauf des Studiums untersuchen. In der empirischen Hochschulforschung wird hier zumeist die Studie- neingangsphase betrachtet, die als valider Prädiktor für den Stu- dienabschluss gilt (Trautwein & Bosse, 2017). Allerdings erscheint besonders der Blick auf die gesamte Bandbreite der Prüfungen und Prüfungsformate über den Studienverlauf lohnend, zumal heutzutage in modularen Bachelor- und Masterstudiengängen die Abschlussnoten meist aus der Kumulation der Einzelprüfungen berechnet werden – schlechte Leistungen über den Studienverlauf tragen seit den Bologna-Reformen entsprechend zu einem schlech- ten Studienabschluss bei. Untersuchungen, die den Studienerfolg im Lehramtsstudium Sport über längere Zeit und auf einzelne Teil- DOI: 10.25847/zsls.2022.059 8 9 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) Zusammenhang zwischen dem Geschlecht von Studierenden und Prüfenden sowie der Prüfungsformate auf den Studienerfolg · Magner, Jetzke, UteschZusammenhang zwischen dem Geschlecht von Studierenden und Prüfenden sowie der Prüfungsformate auf den Studienerfolg · Magner, Jetzke, Utesch 4. ZIEL DER STUDIE Ziel der Studie ist die Untersuchung des bisher noch zu wenig betrachteten Zusammenhangs von Geschlecht und Studienerfolg im Lehramtsstudium Sport. Während schulischer Sportunterricht sowie Vereinssport stark männlich dominiert sind, erzielen Frau- en in sportwissenschaftlicher Hochschulbildung national und international deutlich bessere (End-)Resultate als Männer. Unklar ist, wie sich diese Ergebnisse auf der Prozessebene des Studien- verlaufs manifestieren. Für Lehramtsstudierende stellt eine gute Abschlussnote als Kumulation von Einzelnoten im Hinblick auf ihre Einstellungschancen in den Lehrberuf ein besonders wichtiges Ziel dar. Operationalisiert wird der Studienerfolg in dieser Studie daher parallel zur internationalen Literatur anhand von Noten in Einzelprüfungen (schriftliche Klausuren, mündliche Prüfungen, Ab- schlussarbeiten, fachpraktische Prüfungen) unter der statistischen Kontrolle der Note für die Hochschulzugangsberechtigung (HZB), die individuell schon einen wichtigen Prädiktor für Studienerfolg darstellt. Auf Basis bisher vorliegender Forschungsbefunde konnte gezeigt werden, dass empirische Zusammenhänge zwischen Geschlecht und Studienerfolg zum Nachteil der Männer, auch in der sportwissenschaftlichen Hochschulbildung, bestehen. Wir vermuten einen Zusammenhang auch in der vorliegenden Stich- probe im Lehramtsstudium Sport über alle Teilnoten hinweg zu finden (H1). In der Literatur außerhalb des Sports zeigt sich dieser Effekt aber differenziert über verschiedene Prüfungsfor- mate: Männliche Studierende erzielen in schriftlichen Prüfungen schlechtere Leistungen als weibliche, während sie in mündlichen Prüfungen bessere Noten erhalten als ihre Kommilitoninnen. Analog vermuten wir, dass Männer (H1a) insgesamt, (H1b) in schriftlichen Klausuren und (H1c) in Abschlussarbeiten schlechter abschneiden und dass Männer (H1d) in mündlichen Prüfungen und (H1e) in fachpraktischen Prüfungen besser abschneiden als Frauen (Reilly et al., 2019; Şahin et al., 2018; Huntley et al., 2017; Sheard, 2009). Zudem explorieren wir, ob sich die Noten in bestimmten fachpraktischen Studieninhalten hinsichtlich des Geschlechts un- terscheiden. Zweitens wird der Einfluss des Geschlechts der Prüfenden auf die Noten von Männern und Frauen untersucht (H2). (Hoch-) Schulische Forschungen zeigen, auch im sportwissenschaftlichen Kontext, dass Prüferinnen insgesamt bessere Noten vergeben als Prüfer (Jewell & McPherson, 2012; Wiskin et al., 2004). Laut Towfigh et al. (2018) geben Prüferinnen Frauen bessere Noten als Männern. Für Prüfer ist uns kein solcher Effekt bekannt. Daher untersuchen wir den Einfluss des Geschlechts der Prüfenden, also ob Prüfende Männern und Frauen unterschiedliche Noten geben. 5. METHODE Die vorliegende Studie basiert auf einer Vollerhebung der Prüfungsdaten des Instituts für Sportwissenschaft der Uni- versität Münster vom Wintersemester 2011/12 bis zum Som- mersemester 2021. Mit einem positiven Votum der Ethik- kommission des Fachbereichs wurde die Datenerhebung und -auswertung von der zuständigen Universitätsverwaltung sowie dem Institutsdirektor des Instituts für Sportwissenschaft unter strengen datenschutzrechtlichen Auflagen genehmigt (BERA, 2018). Es wurden anonymisierte soziodemografische Daten (Alter, Ge- schlecht, Nationalität, Zweitfach) sowie Prüfungsdaten (Prüfungs- noten, Fachsemester, Geschlecht der Prüfenden) erhoben. Stichprobe Gegenstand der Untersuchung waren 30.508 Prüfungsleistungen der Lehramtsstudierenden3 mit Studienfach Sport der Universi- tät Münster vom Wintersemester 2011/12 bis Sommersemester 2021 (vgl. Tab. 1). Von den insgesamt n = 2.868 Studierenden waren 1.461 männlich (51 %), wobei das Geschlecht in den Ar- chiveinträgen des Prüfungsamts nur binäre Einträge enthielt. Das Durchschnittsalter bei Studienbeginn betrug 20,6 Jahre (SD = 2,66) und die Studierenden benötigten im Durchschnitt 6.68 Semester (SD = 1.63) zum Abschluss des Bachelors und 4,06 Semester (SD = 1,08) zum Abschluss des Masters. Insgesamt ver- gaben n = 130 Prüfende (60 % männlich, nur binär erhoben) die Noten. Operationalisierung Die Prüfungsleistungen werden in Teilnoten ausgewertet. Die No- ten liegen von 1,0 (sehr gut) bis 5,0 (mangelhaft) vor. Die Teilnoten können dabei in 0,1-Schritten angegeben sein (1,0; 1,1; 1,2; 1,3 usw.). Diese Teilnoten wurden in die vier gemäß den Studienord- nungen festgelegten Prüfungsformate eingeteilt: schriftliche Klau- sur, mündliche Prüfung, fachpraktische Prüfung und Abschluss- arbeit. In schriftlichen Klausuren wurden fachwissenschaftliche Inhalte (darunter Sportpädagogik und -geschichte, Sportsoziologie, Sportpsychologie, Bewegungswissenschaft, Trainingswissenschaft, Sportmedizin) sowie fachdidaktische Inhalte (Sportdidaktik) ge- prüft. Die Klausuren zu fachwissenschaftlichen Inhalten sind da- bei im Studienverlauf des Bachelorstudiums verortet. Mündliche Prüfungen können in einer fachwissenschaftlichen Disziplin absol- viert werden und finden im Masterstudium statt. Fachpraktische Prüfungen werden im Bachelor absolviert und bestehen aus sport- motorischen und theoretischen Teilprüfungen. Die Gewichtungen werden in den jeweiligen Modulkonferenzen festgelegt (WWU, 2018). Die Prüfungen fokussieren dabei die Inhalte Spielen (Spiel- sportarten), Laufen, Springen, Werfen (Leichtathletik), Bewegen an und mit Geräten (Turnen), Bewegen im Wasser (Schwimmen), Gestalten, Tanzen, Darstellen (Gymnastik/Tanz) sowie sportüber- greifende Kompetenzen (Fitness, Natursport und Trendsport).4 Basis für die Studieninhalte sind die ländergemeinsamen Anforde- rungen der Lehrerbildung (KMK, 2019) sowie das von der Deut- schen Vereinigung für Sportwissenschaft, der Arbeitsgemeinschaft 3 Präziser formuliert werden hier die lehramtsbezogenen Studiengänge untersucht. Die Studiengänge Grundschule, Haupt-, Real-, Sekundar- und Gesamtschulen (HRSGe) sowie Berufskolleg sind explizite Lehramtsstudi- engänge, während der 2-Fach-Bachelor (Gymnasium) polyvalent ausge- richtet ist. Der Großteil der Studierenden im 2-Fach-Bachelor strebt aber anschließend den Master of Education an, welcher dann wieder lehramts- bezogen ist. Auch weicht die Terminologie der einzelnen Lehramtsstudi- engänge der Hochschule mitunter von den Vorgaben der KMK (2019) ab, die bspw. das Lehramt am Berufskolleg als Lehramt an Beruflichen Schulen bezeichnet. 4 Die lt. Studienordnungen offiziellen Bezeichnungen der fachpraktischen Veranstaltungen an der Universität Münster wurden jeweils kursiv gesetzt und werden im weiteren Verlauf der Studie auch so genutzt. Diese Ver- anstaltungen werden grundsätzlich von Sportlehramtsstudierenden aller Studiengänge gemeinsam besucht; eine Ausnahme bilden hier Studieren- de des Grundschullehramts, die z. T. gesonderte Schwerpunkte erhalten (z. B. Kinderleichtathletik). Da die für diese Studie relevanten Prüfungsfor- mate jedoch für alle Studienordnungen gleich sind, werden die fachprak- tischen Studieninhalte zusammengefasst. Diese korrespondieren mit den von der KMK vorgegebenen fachpraktischen Studieninhalten, welche dort unter der Überschrift “Bewegungskompetenz und sportliches Können” (2019, S. 63) zusammengefasst werden. Es sei angemerkt, dass die Be- zeichnungen der fachpraktischen Veranstaltungen dieser Hochschule auf eine sehr starke Sportartenorientierung hindeuten. schulische Eingangsvoraussetzungen prädiktiv für den Studiener- folg im Fach Sport zu sein, wodurch Frauen bessere Noten erzielen (Şahin et al., 2018). Auch andere Forschungsgruppen untersuchten das Studien- und Lernverhalten von Sportstudierenden und stell- ten neben besseren Noten der Frauen fest, dass diese offenbar ihre Lernstrategie effektiver dem jeweiligen Prüfungsformat anpassen (Peters et al., 2007).2 Es ist daher nicht überraschend, dass Frauen in sportwissenschaftlichen Studiengängen neben besseren Noten auch höhere Abschlusswahrscheinlichkeiten attestiert werden (Huntley et al., 2017). Auch bei Troche et al. (2010) erwies sich die Schulabschlussnote als valider Prädiktor für den Studienerfolg; da- rüber hinaus waren die Leistungen der Männer in fachpraktischen Veranstaltungen für Studiengänge der Sekundarstufe II signifikant besser als die der Frauen. Diese Studie stellt als eine der wenigen die sportpraktischen Studieninhalte des Studiums explizit heraus, auch wenn diese nicht weiter differenziert wurden. Das Lehramtsstudium Sport beinhaltet neben fachwis- senschaftlichen und fachdidaktischen Inhalten bis zu 40 % fachpraktische Studieninhalte und Prüfungen (dvs, 2020). Der Studienerfolg ist damit maßgeblich auch durch sportmotori- sche Fähigkeiten bestimmt. In der Prüfungskultur der sportwis- senschaftlichen Studiengänge sind geschlechterdifferenzierte Bewertungsmaßstäbe - wie auch im Leistungssport - gebräuchlich. Besonders in Sportarten wie Leichtathletik oder Schwimmen werden u. a. Schnellkraft- und Ausdauerleistungen gemessen, die aufgrund physiologischer und anatomischer Geschlechterunterschiede von 2 Dass das Prüfungsformat einen Einfluss auf die Lernstrategien hat, konnte bereits nachgewiesen werden (Lindner et al., 2015). So führen Multiple-Choice-Prüfungen zu oberflächlichem Lernen, während offene Prüfungsformate eher tiefergehendes Lernen fördern. Geschlechterunter- schiede in der Bearbeitung von Multiple-Choice-Prüfungen werden von Riener und Wagner (2017) diskutiert. Männern und Frauen nicht gleichermaßen erreicht werden können. Hier führen insbesondere kardiopulmonale, zelluläre sowie hormo- nelle und metabole Geschlechterdifferenzen zu Unterschieden in der sportlichen Leistungsfähigkeit (Hottenrott, 2015). Empirische Unter- suchungen im Hinblick auf die Überprüfung motorischer Fähigkeiten aus einer Geschlechterperspektive im Sportstudium sind zwar rar, jedoch anatomisch und physiologisch evident. In der Schulsportfor- schung wird zudem vermutet, dass Sportlehrkräfte häufig unbewusst das Leistungsniveau der Jungen als Bezugsgröße heranziehen, wo- durch sich in geschlechterhomogenen Gruppen Nachteile für Mäd- chen ergeben (Mutz & Burrmann, 2014). Hierdurch wird die Noten- gebung beeinflusst, obwohl die Fitness insgesamt im Kindesalter als stabil und gleichwertig gilt (Utesch et al., 2018; Niessner et al., 2020). Da Jungen im schulischen Sportunterricht dadurch - in allen Jahr- gangsstufen (Gerlach et al., 2006) - bessere Noten als Mädchen erzielen, ist theoretisch zu erwarten, dass diese Unterschiede auch in der (koedukativen) Hochschulbildung Bestand haben und Männer auch im Lehramtsstudium Sport in fachpraktischen Prüfungen die Frauen bezogen auf ihre Noten übertreffen könnten. Neben individuellen Faktoren auf Prüflingsebene könnten auch weitere Faktoren wie das Geschlecht der Prüfenden einen Einfluss auf Prüfungsergebnisse haben. Insgesamt scheinen Prüferinnen an beide Geschlechter bessere Noten zu vergeben als ihre männ- lichen Kollegen (Jewell & McPherson, 2012; Wiskin et al., 2004). Towfigh et al. (2018) berichten in Bezug auf mündliche Prüfungen, dass Studentinnen bessere Noten erreichen, wenn auch eine Frau Teil der Prüfungskommission ist. Bessere Abschlusschancen für Stu- dentinnen bei Dozentinnen sind ebenfalls bestätigt worden (Butler & Christensen, 2003). Im besonderen Feld des Sports mit männlich konnotierten Praxen sind zumindest im Sportunterricht für alle Al- tersklassen bessere Noten der Jungen insbesondere bei männlichen Sportlehrern (Hoven, 2017) evident. Es kann zusammenfassend auch eine Verzerrung auf Hochschulebene vermutet werden. DOI: 10.25847/zsls.2022.059 Abb. 1: Konzeptualisierung des Studienerfolgs (vgl. Heinze, 2018, S. 42) Studienabschluss (vs. Studienabbruch) z.B. Zeit der Suche bis zur ersten Arbeitsstelle objektiv Anzahl (nicht) bestandener Prüfungen; Anzahl erworbener LP Examensnote Studiendauer Prozessebene: Studienverlauf Ergebnisebene: Studienabschluss Ertragsebene: Übergang in den Beruf Noten aus Einzel- bzw. Zwischenprüfungen Abbruch- tendenz/ Wechsel- neigung Kompetenzerwerb, Reife/Persönlichkeitsentwicklung, Gesellschaftliches/Universitäres Engagement, Task Performance z.B. Art der Beschäftigung subjektiv Studienzufriedenheit Er fo lg sk ri te ri um Ausbildungsphase 10 11 CC BY 4.0 DE Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2)Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) Zusammenhang zwischen dem Geschlecht von Studierenden und Prüfenden sowie der Prüfungsformate auf den Studienerfolg · Magner, Jetzke, UteschZusammenhang zwischen dem Geschlecht von Studierenden und Prüfenden sowie der Prüfungsformate auf den Studienerfolg · Magner, Jetzke, Utesch Supplement zur Verfügung gestellt (Utesch & Magner, 2023). Aus datenschutzrechtlichen Gründen können die Daten nicht offen hochgeladen werden, bei Fragen bitten wir um Kontaktaufnahme mit dem Erstautor. Zunächst wurden demografische Merkmale zwischen den bei- den Geschlechtern deskriptiv dargestellt und Unterschiede unter- sucht. Hierfür wurden t-Tests für unabhängige Stichproben für die HZB, das Alter der Studierenden bei Studienbeginn und Prüfung, die Note und das Fachsemester bei Prüfung sowie Chi²-Tests für die angestrebte Schulform, das Geschlecht der Prüfenden, das Prü- fungsformat und die Studieninhalte der Fachpraxis berechnet. Falls bei Variablen keine signifikanten Unterschiede vorlagen, wurden Tests auf Annahme der Gleichheit (tost) vorgenommen. Um die Varianzverteilung in der geschachtelten Datenstruk- tur einzubeziehen, wurden zunächst Intraklassenkorrelationen (ICC) bei nicht-konditionalen Modellen (Nullmodelle) für Einzel- prüfungen geschachtelt in Studierenden, Einzelprüfungen ge- schachtelt in Zweitfächern und Einzelprüfungen geschachtelt in Prüfenden berechnet. Eine substantielle Variation liegt bei mehr als 5 % Varianz vor, die durch einen Cluster erklärt wird. Diese Variation der Noten ergab sich innerhalb und zwischen Studie- renden (ICC = 0,185) sowie innerhalb und zwischen Prüfenden (ICC = 0,135) jedoch nicht innerhalb und zwischen Zweit- fächern (ICC = 0,035). Zur Überprüfung der Hypothesen 1a-e sowie 2 und der explorativen Fragestellungen, wur- den somit kreuzweise klassifizierte lineare gemischte Modelle (cross-classified linear mixed models) mit der abhängigen Variable Note mit Cross-Random-Effekten berechnet, da sie eine gleichzeitige Schätzung der Varianz zwischen den Studierenden und zwischen den Prüfenden ermöglichen (Judd et al., 2012). Daher wur- den die Level-Faktoren Prüflinge und Prüfende mit jeweils Random Intercepts berücksichtigt, um beide Quellen der Varianz zu nutzen. Dies bedeutet, dass bei der Spezifikation der Modelle die Realität so abgebildet wird, dass jedem Studierenden eine unterschiedliche Durchschnittsnote (Intercept) erlaubt wird und dass es jedem Prü- fenden erlaubt ist, eine unterschiedliche Durchschnittsnote zu ver- geben. Die Modelle berücksichtigen hierbei Schätzungen der Zu- fallsvarianzen (gesamt σ, τ(Studierende), τ(Prüfende)) und den ICC des Modells. Das marginale R² gibt dabei die Aufklärung der fixen Effekte und das konditionale R² die Aufklärung der fixen und zu- fälligen Effekte an. Diese Analyse ermöglicht es, die Hypothesen 1 und 2 so sparsam wie möglich in einem einzigen Modell aus- zuwerten. Hierfür wurde der Datensatz zunächst in ein langes Format mit 30.508 Zeilen (1 Zeile pro vergebener Note) gebracht. Das finale Modell umfasste folgende Prädiktoren: das Geschlecht des Studierenden (dichotom), das Geschlecht des Prüfenden (di- chotom), das Prüfungsformat (4-stufig diskret: schriftliche Klausur, mündliche Prüfung, fachpraktische Prüfung, Abschlussarbeit), die Kontrollvariablen HZB (kontinuierlich) sowie den angestrebten Abschluss (dichotom: Bachelor bzw. Master). Zudem wurden die Interaktionsterme Geschlecht_Studierende x Geschlecht_Prüfen- de sowie Geschlecht_Studierende x Prüfungsformat eingefügt. Es wurden Kontraste für das Geschlecht der Studierenden gebil- det und geschätzte Randmittelwerte nach Kontrolle durch die Kovariaten des Modells (Estimated Marginal Means) berechnet. Dies bedeutet, dass Mittelwertsunterschiede unter Kontrolle aller anderen Variablen berichtet werden können, ähnlich wie sie bei varianzanalytischem Vorgehen ohne Berücksichtigung der Mehrebenenstruktur berichtet werden. Zur Beantwortung der Hypothesen wurden das Regressions- gewicht B in der Metrik der gegebenen Noten (zwischen 1 (sehr gut) und 5 (mangelhaft), inkl. Zwischennoten) sowie das standar- disierte Regressionsgewicht ß interpretiert. Aus der Perspektive praktischer Bedeutsamkeit werden Notenunterschiede unter 0,05 Notenpunkte dabei als marginale Unterschiede betrachtet. Noten- unterschiede bis 0,15 werden als mittlere Unterschiede betrachtet und größere Notenunterschiede als große Unterschiede. Bei der Berechnung von Kontrasten und der geschätzten Randmittel der Noten von Männern und Frauen werden Mittelwertsunterschiede in der Metrik von Noten (B) sowie der Teststatistik (z) berichtet. Zudem werden die marginalen Mittelwerte und Standardfehler be- richtet. Da es sich um eine Differenz handelt, ist zu erwähnen, dass positive Werte (B) hierbei bedeuten, dass Frauen bessere Noten aufweisen als Männer. Zur Beantwortung der Hypothese 1a wird der Haupteffekt Geschlecht interpretiert, wobei gemäß der Hypothese ein nega- tiver Wert im Regressionsgewicht bedeuten würde, dass Frauen bessere Noten aufweisen als Männer. Deskriptiv werden die mar- ginalen Randmittelwerte angegeben. Zur Beantwortung der Hypo- thesen 1b-e werden zunächst die Interaktionseffekte Geschlecht x Prüfungsformat [jeweiliges Prüfungsformat] interpretiert sowie anschließend die geschätzten Randmittel der Noten von Männern und Frauen in Bezug auf den jeweiligen Kontrast Prüfungsform (H1b) schriftliche Klausur, (H1c) Abschlussarbeit, (H1d) mündli- che Prüfung, (H1e) fachpraktische Prüfung. Hierfür werden die Mittelwertsunterschiede (B) sowie die standardisierten Effekte (z) Sportpsychologie, dem Fakultätentag Sportwissenschaft sowie dem Deutschen Sportlehrerverband verabschiedete Kerncurri- culum Sportwissenschaft (dvs et al., 2017). Abschlussarbeiten im Lehramtsstudium Sport sind für die betrachteten Studiengänge fakultativ und können auch im Zweitfach oder in den Bildungs- wissenschaften geschrieben werden. In dieser Studie wurden nur Abschlussarbeiten im Fach Sportwissenschaft betrachtet. Tabelle 2 gibt einen Überblick über die Anteile von Fachwissenschaft, -praxis und -didaktik am sportwissenschaftlichen Lehramtsstudium. Statistische Überlegungen und Auswertung Die Datenanalysen wurden mit R Studio (Version 1.1.463; R Core Team, 2018) und vornehmlich den Paketen lme4 (Ba- tes et al., 2015) für Spezifizierung der Mehrebenenmodel- le sowie emmeans (Lenth, 2021) für die Berechnung der Randmittel durchgeführt. Das Signifikanzniveau wurde auf α = 0,05 festgelegt. Die Effektgrößen in den standardisierten Maßen werden nach Funder und Ozer (2019) interpretiert, sodass ein Effekt 0,05 < |ß| < 0,2 als klein (0,1 < d < 0,4), ein Effekt 0,2 ≤ |ß| < 0,3 (0,4 ≤ d < 0,63) als mittel und ein Effekt |ß| ≥ 0,3 (d ≥ 0,63) als groß interpretiert wird. Alle berechneten Modelle werden als offener Code und reproduzierbare Ergebnisse als R Markdowm Datei im DOI: 10.25847/zsls.2022.059 Tab. 1: Statistische Kennwerte der Stichprobe Männlich, n= 15.769 Weiblich, n= 14.739 p Effektgröße Metrische Variablen M (SA) M (SA) Prüfungsnote Fachsemester HZB Alter bei Studienbe- ginn Alter bei Prüfung 2,75 (1,02) 3,88 (2,27) 2,50 (0,55) 21,30 (3,02) 23,13 (3,07) 2,45 (0,87) 3,44 (1,85) 2,13 (0,52) 20,25 (2,26) 21,85 (2,35) < 0,001 < 0,001 < 0,001 < 0,001 < 0,001 0,320a 0,214a 0,692a 0,397a 0,469a Kategorielle Variablen n (%) n (%) Angestrebter Ab- schluss Bachelor Master 14.918 (94,6 %) 851 (5,4 %) 13.732 (93,2 %) 1.007 (6,8 %) < 0,001 0,030b Angestrebte Schulform Gymnasium Berufskolleg Grundschule HRSGe 11.613 (73,6 %) 1.264 (8,0 %) 667 (4,2 %) 2.225 (14,1 %) 8.389 (56,9 %) 1.135 (7,7 %) 3.425 (23,2 %) 1.790 (12,1 %) < 0,001 0,281b Prüfende Männlich Weiblich 8.790 (63,7 %) 5.003 (36,3 %) 7.627 (57,8 %) 5.560 (42,2 %) < 0,001 0,060b Prüfungsformat Schriftliche Klausur Abschlussarbeit Mündliche Prüfung Fachpraktische Prüfung 6.693 (44,7 %) 598 (4,0 %) 272 (1,8 %) 7.404 (49,5 %) 6.262 (44,3 %) 660 (4,7 %) 264 (1,9 %) 6.941 (49,1 %) 0,042 0,017b Inhalt Fachpraxis Fitness Gymnastik/Tanz Leichtathletik Natursport Schwimmen Spielsportarten Trendsport Turnen 379 (5,1 %) 1.081 (14,6 %) 1.101 (14,9 %) 158 (2,1 %) 1.044 (14,1 %) 2.321 (31,3 %) 343 (4,6 %) 977 (13,2 %) 401 (5,8 %) 1.088 (15,7 %) 1.040 (15,0 %) 129 (1,9 %) 1.020 (14,7 %) 2.135 (30,8 %) 157 (2,3 %) 971 (14,0 %) < 0,001 0,069b aCohen's d; bCramer's V Tab. 2: Übersicht der Bestandteile des sportwissenschaftlichen Lehramtsstudiums an der Universität Münster am Beispiel der Schulform Gymnasium/Gesamtschule Leistungspunkte Anteil der Gesamtnote in % Bachelor Master Bachelor Master Fachwissenschaft 43 12 55 45 Fachpraxis 24 0 35 0 Fachdidaktik 8 13 10 55 Gesamt 75 25 100 100 Anmerkungen. Die Aufteilung weicht zwischen den einzelnen Schulformen leicht ab. 12 13 CC BY 4.0 DE Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2)Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) Zusammenhang zwischen dem Geschlecht von Studierenden und Prüfenden sowie der Prüfungsformate auf den Studienerfolg · Magner, Jetzke, UteschZusammenhang zwischen dem Geschlecht von Studierenden und Prüfenden sowie der Prüfungsformate auf den Studienerfolg · Magner, Jetzke, Utesch berichtet. Positive Werte im Mittelwertunterschied (B) bedeuten, dass Frauen bessere Noten aufweisen als Männer. Post-hoc wird zudem analysiert, wie sich die Prüfungsformen untereinander un- terscheiden. Zur Beantwortung der Hypothese 2 wird der Haupteffekt Ge- schlecht_Prüfende interpretiert. Ein negativer Wert bedeutet, dass Frauen bessere Noten vergeben. Zur Beantwortung der Frage, ob es einen doppelten Geschlechtereffekt bei der Notengebung gibt, wird der Interaktionseffekt Geschlecht_Studierende x Geschlecht_ Prüfende und die zugehörigen geschätzten Randmittel interpretiert. Darüber hinaus untersuchen wir, ob es Unterschiede in den Noten von Männern und Frauen zwischen fachpraktischen Inhalten gibt. Hierfür wird der Datensatz nach fachpraktischen Prüfungen gefiltert und bei der Modellierung wird die Variable Prüfungsformat ersetzt durch die Variable Fachpraxis (diskrete Variable, enthält alle unterschiedlichen fachpraktischen Prüfungen, z. B. Schwimmen, Fußball, Turnen, usw.). Das oben beschriebene Vorgehen der Mo- dellierung wird anschließend wiederholt. 6. ERGEBNISSE Zunächst werden die deskriptiven Variablen bzgl. Geschlechter- unterschieden untersucht: Hier zeigt sich, dass in allen Variablen signifikante Unterschiede vorliegen (vgl. Tab. 1): Frauen starten ihr Studium mit einer besseren HZB, sind bei Studienbeginn jünger und streben häufiger die Schulform Grundschule und seltener das Gym- nasium an. Im Studienverlauf erreichen sie bessere Einzelnoten und absolvieren die Teilprüfungen in einem früheren Fachsemester. Zur inferenzstatistischen Überprüfung der Hypothesen wurde ein gekreuzt klassifiziertes lineares gemischtes Modell mit der abhän- gigen Variable Note und den Prädiktoren Geschlecht der Studieren- den, Geschlecht der Prüfenden, Prüfungsformat und deren Interak- tion berechnet (s. Tab. 3, σ = 0,56, τ(Studierende) = 0,09, τ(Prüfende) = 0,09, ICC = 0,25, marginales R2 = 0,13, konditionales R2 = 0,348). Der große Unterschied zwischen marginalem und konditionalem R2 zeigt, dass die zufälligen Effekte das Modell stark verbessern. Darüber hinaus wurde für die HZB und auch für den angestrebten Abschluss (Bachelor/Master) kontrolliert. Die Effekte der Kontrollvariablen der HZB (B = 0,41, ß = 0,25, p < 0,001) und des Studiengangs (B = -0,16, ß = -0,17, p < 0,001) sind signifikant: Studierende mit besseren (vs. schlechteren) HZBs (mitt- lere Effektgröße) und Studierende im Masterstudium (vs. Bachelor- studium) erreichen bessere Noten (kleine bis mittlere Effektgröße). In Bezug auf Hypothese 1a ergab der Haupteffekt des Ge- schlechts (B = -0,17, ß = -0,18, p < 0,001) einen signifikanten kleinen Effekt zugunsten der Frauen. Frauen erreichen über alle Prüfungen hinweg bessere Noten als Männer. Die geschätzten Randmittel des Haupteffekts zeigen deskriptiv einen kontrollierten Mittelwertun- terschied von 0,05 Notenpunkten. In Hypothese 1b-e wurde das Prüfungsformat untersucht. Die signifikanten Interaktionseffekte liegen dabei zwischen 0,11 < ß < 0,35 (p < 0,001) und zeigen kleine bis mittlere Effektgrößen: In schriftlichen Klausuren (H1b) zeigt sich ein signifikanter Unterschied von B = 0,22 Notenpunkten (z = 10,32, p < 0,001), wobei Männer (M = 2,69) schlechtere Noten aufweisen als Frauen (M = 2,47). In Abschlussarbeiten (H1c) schneiden Männer (M = 1,92) signifikant besser ab als Frauen (M = 2,03) mit einem Un- terschied von B = -0,11 Notenpunkten (z = 2,10, p = 0,036). In münd- lichen Prüfungen (H1d) zeigen sich zwischen Männern (M = 1,98) und Frauen (M = 2,00) keine signifikanten Unterschiede (z = -0,34, p = 0,731). In fachpraktischen Prüfungen (H1e) schneiden Männer (M = 2,27) signifikant schlechter ab als Frauen (M = 2,15) mit einem Unterschied von B = -0,11 Notenpunkten (z = 5,79, p < 0,001). Bei der Auswertung der Hypothese 2, dass Prüferinnen insge- samt bessere Noten vergeben, zeigt sich ein signifikanter Hauptef- fekt mit kleiner Effektgröße für das Geschlecht des Prüfenden (B = 0,15, ß = 0,16, p = 0,026), wobei in unserer Stichprobe Prüferinnen insgesamt schlechtere Noten vergeben als Prüfer. Weiterhin wird der Zusammenhang mit dem Geschlecht der Prüfenden auf die Beno- tung von Männern bzw. Frauen untersucht, wobei ein signifikanter Interaktionseffekt mit kleiner Effektgröße vorliegt (B = 0,10, ß = 0,10, p = 0,001). In der geschätzten Randmittelanalyse zeigt sich, dass Prüferinnen Studenten (M = 2,29) im Gegensatz zu Studentinnen (M = 2,19) um B = 0,1 Notenpunkte schlechter bewerten (z = 3,13, p = 0,001) während Prüfer Studenten (M = 2,14) im Gegen- satz zu Studentinnen (M = 2,14) nicht unterschiedlich bewerten (B = 0,0, z = 0,09, p = 0,929). Post-hoc Analysen zeigen zudem, dass schriftliche Prüfungen insgesamt zu signifikant und mit einer sehr großen Effektgröße deutlich schlechteren Noten führen als mündliche Prüfungen (B = -0,72,ß = -0,76, p < 0,001), als Abschlussarbeiten (B = -0,77, ß = -0,82, p < 0,001) und als fachpraktische Prüfungen (B = -0,42, ß = -0,45, p < 0,001). Im zweiten Schritt wird die Notengebung in den fachprakti- schen Kursen separat nach Inhalten untersucht (s. Tab. 3, σ = 0,44, τ(Studierende) = 0,08, τ(Prüfende) = 0,06, ICC = 0,25, marginales R2 = 0,164, konditionales R2 = 0,373). Der große Unterschied zwi- schen marginalem und konditionalem R2 zeigt, dass die zufälligen Effekte das Modell stark verbessern. Die Effekte der Kontrollvari- ablen der HZBs (B = 0,36, ß = 0,24, p < 0,001) sind hier deskriptiv vergleichbar mit denen über alle Prüfungen. In fachpraktischen Prüfungen zeigt sich eben- falls ein Haupteffekt in Bezug auf das Geschlecht (B = -0,15, ß = -0,18, p < 0,001) mit einem signifikanten klei- nen Effekt zugunsten der Frauen. Die geschätzten Randmit- tel des Haupteffekts zeigen deskriptiv einen kontrollierten Mittelwertunterschied von 0,15 Notenpunkten (z = 6,53, p < 0,001). Zudem zeigt sich, dass das Geschlecht der Prüfenden kei- nen signifikanten Haupteffekt (B = -0,12, ß = -0,14, p < 0,091), aber einen signifikanten Interaktionseffekt mit kleiner Effektgröße zeigt (B = -0,10, ß = -0,12, p < 0,004). In den Randmitteln zeigt sich, dass Prüferinnen Studenten (M = 2,45) im Gegensatz zu Studentinnen (M = 2,24) um B = 0,20 Notenpunkte schlechter bewerten (z = 6,77, p = 0,001) während Prüfer Studenten (M = 2,33) im Gegensatz zu Studentinnen (M = 2,23) um 0,1 Notenpunkte schlechter bewerten (B = 0,10, z = 3,492, p = 0,005). In den fachpraktischen Prüfungen zei- gen sich folgende Mittelwertunterschiede, wobei positive Werte (B) bessere Noten für Frauen bedeuten (vgl. Tab. 4): Fitness (B = 0,20, z = 3,539,p = 0,004), Gymnastik/Tanz (B = 0,33, z = 8,604, p = 0,001), Leichtathletik (B = 0,16, z = 4,247, p = 0,001), Natursport (B = 0,01, z = 0,128, p = 0,898), Schwimmen (B = 0,11, z = 2,954, p = 0,003), Spielsportarten (B = -0,07, z = -2,612, p = 0,009), Trendsport (B = 0,18, z = 2,341, p = 0,019), (B = 0,20, z = 3,539, p = 0,004) und Turnen (B = 0,28, z = 7,716, p = 0,001). Zusammengefasst gibt es im Natur- sport keine bedeutsamen Unterschiede, den kleinsten Unterschied danach zugunsten der Männer in Spielsportarten (0,07 Punkte) und in den weiteren sechs Inhalten bedeutsame Unterschiede zwischen 0,1 und 0,33 Notenpunkten zugunsten der Frauen. DOI: 10.25847/zsls.2022.059 Tab. 3: Gekreuzt-klassifiziertes lineares gemischtes Modell für Noten in verschiedenen Prüfungsformaten Prädikatoren B ß KI (95 %) ß KI (95 %) p (Konstante) 1,73 0,12 1,62 – 1,85 0,02 – 0,21 < 0,001 Geschlecht [w] -0,17 -0,18 -0,21 – -0,13 -0,23 – -0,14 < 0,001 Geschlecht Prüfende [w] 0,15 0,16 0,02 – 0,28 0,02 – 0,29 0,026 Prüfungsformat [Abschlussarbeit] -0,77 -0,82 -0,84 – -0,69 -0,89 – -0,74 < 0,001 Prüfungsformat [Mündliche Prüfung] -0,72 -0,76 -0,84 – -0,59 -0,90 – -0,63 < 0,001 Prüfungsformat [Fachpraktische Prüfung] -0,42 -0,45 -0,47 – -0,38 -0,50 – -0,40 < 0,001 Hochschulzugangsberechtigung 0,41 0,25 0,38 – 0,44 0,23 – 0,27 < 0,001 Angestrebter Abschluss [Master] -0,16 -0,17 -0,22 – -0,10 -0,23 – -0,10 < 0,001 Geschlecht [w] x Geschlecht Prüfende [w] -0,10 -0,10 -0,14 – -0,05 -0,15 – -0,06 < 0,001 Geschlecht [w] x Prüfungsformat [Abschlussarbeit] 0,33 0,35 0,23 – 0,43 0,24 – 0,45 < 0,001 Geschlecht [w] x Prüfungsformat [Mündliche Prüfung] 0,25 0,27 0,09 – 0,41 0,10 – 0,43 0,002 Geschlecht [w] x Prüfungsformat [Fachpraktische Prüfung] 0,11 0,11 0,06 – 0,15 0,07 – 0,16 < 0,001 Random Effects σ2 0,56 τ00 Studierende 0,09 τ00 Prüfende 0,09 ICC 0,25 Marginal R2 / Conditional R2 0,130 / 0,348 Anmerkungen. Bezugskategorien im vorliegenden Modell sind Studenten und schriftliche Klausuren im Bachelor und Prüfer. Die HZB wurde nicht zentriert. KI beschreibt das Konfidenzintervall. Insgesamt wurden n = 23.460 Prüfungen modelliert. 7. DISKUSSION Ziel dieser Studie war es herauszufinden, ob über Prüfungsformate und über den Verlauf des gesamten Lehramtsstudiums Sport Ge- schlechterunterschiede in Prüfungsleistungen identifiziert werden können. Zudem wurde die Notengebung in fachpraktischen Veran- staltungen der sportwissenschaftlichen Hochschulbildung unter- sucht. Gegenstand der Analysen waren alle Prüfungsleistungen im Lehramtsstudium Sport einer deutschen Hochschule über einen Zeitraum von zehn Jahren mit insgesamt 2.868 Studierenden und 130 Prüfenden. Zu den Prüfungsformaten gehörten schriftliche Prüfungen, mündliche Prüfungen, Abschlussarbeiten und die ins- besondere für das Fach Sport charakteristischen fachpraktischen Prüfungen. Grundsätzlich war und ist unsere Prämisse, dass - unter Kontrolle der HZB, die den Studienerfolg maßgeblich prädiziert - Männer und Frauen gleichermaßen gut für das Lehramtsstudium Sport geeignet sind. Diese Studie kommt dem Desiderat nach, Noten auf Teilprü- fungen und Prüfungsformate differenziert und langfristig über den Verlauf des Studiums zu betrachten. Unsere Ergebnisse korrespondieren insgesamt mit Ergebnissen, die in internationalen Studien berichtet werden: Für das Fach Sport, in dem auch sport- motorische Leistungen erbracht werden müssen, sind bessere Abschlussnoten für Frauen evident (Huntley et al., 2017; Peters et al., 2007; Sheard, 2009; Troche et al., 2010). Es wurde im Einklang zur Literatur (Voyer & Voyer, 2014) festgestellt, dass Frauen in den zehn Jahren insgesamt besser abschnitten als Männer. Männer erzielen über die Prüfungsformate hinweg deutlich schlechtere bis leicht bessere Noten. Frauen erzielen in schriftlichen Klausu- ren sowie fachpraktischen Prüfungen bessere Noten als Männer, während in Bezug auf mündliche Prüfungen keine Unterschiede festgestellt wurden und in Abschlussarbeiten Geschlechterunter- schiede zugunsten der Männer vorliegen. In sechs von acht fach- praktischen Prüfungen erhalten Frauen signifikant bessere Noten als Männer, mit besonders großen Effekten bei kompositorischen Studieninhalten. Spielsportarten sind der einzige Inhaltsbereich, in dem Männer marginal (unter 0,07 Notenpunkte) bessere Noten erzielen als Frauen. 14 15 CC BY 4.0 DE Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2)Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) Zusammenhang zwischen dem Geschlecht von Studierenden und Prüfenden sowie der Prüfungsformate auf den Studienerfolg · Magner, Jetzke, UteschZusammenhang zwischen dem Geschlecht von Studierenden und Prüfenden sowie der Prüfungsformate auf den Studienerfolg · Magner, Jetzke, Utesch DOI: 10.25847/zsls.2022.059 Praktische Relevanz der Ergebnisse Es konnte gezeigt werden, dass das Geschlecht der Prüfenden ei- nen substanziellen Einfluss auf die Notenvergabe bei Männern und Frauen hat, wobei Prüferinnen Studenten schlechtere Noten ga- ben als Studentinnen, während bei Prüfern keine Geschlechterun- terschiede konstatiert werden konnten. Diese Ergebnisse basieren auf einer sehr großen Datenbasis, die eine Vollerhebung über zehn Jahre darstellt. Sie wurden unter Kontrolle der geschachtelten Datenstruktur für Prüfende und für Studierende sowie unter Kon- trolle der Note der HZB, dem angestrebten Studienabschluss (Ba- chelor/Master) sowie den Prüfungsformaten erzielt und werden daher von den Autoren dieser Studie als sehr robust eingeordnet. Die Interpretation der hier beschriebenen Effekte und Effektgrö- ßen sollte aus unserer Sicht vor dem Hintergrund der praktischen Relevanz vorgenommen werden. Dabei weisen Funder und Ozer (2019) darauf hin, dass auch Effekte kleiner bis mittlerer Größe neben langfristig kumulierenden Wirkweisen insbesondere auch praktisch kurzfristige Relevanz besitzen. Durchgängig konnten in dieser Studie Effektgrößen im statistisch kleinen bis mittleren Bereich und praktisch im bedeutsamen Bereich festgestellt wer- den. Da die gefundenen Geschlechterunterschiede in Noten der Studierenden dieser Größe entsprechen, sind neben langfristig kumulierenden Effekten auch Effekte auf unmittelbarer individu- eller Ebene anzunehmen. Einzelnoten schlagen sich additiv in der Abschlussnote des Studiums nieder, sodass sich bereits bei den kleineren Effekten eine Benachteiligung bei Einzelnoten insgesamt und über die Zeit summiert (Funder & Ozer, 2019). Die Überlegungen darüber, wann und auf welche Weise die Effekte bei der Notengebung in ihrer Stärke oder ihren Folgen kumulieren werden, halten wir für besonders wichtig. Diese Ku- mulation findet einerseits auf individueller Ebene im Laufe des Studiums statt, wenn die Notengebung in einem einzelnen An- lass stattfindet, im zeitlichen Verlauf eines Studiums, wenn sich bspw. im Studienverlauf des Bachelors viele Einzelnoten zu einer Abschlussnote gewichtet mitteln und andererseits auf struktu- reller Ebene, wenn sich Notentendenzen über Gruppen hinweg manifestieren. Darüber hinaus können sich Sozialisationseffekte bilden, wenn beispielsweise Praktika oder Stellen als studentische Hilfskräfte über (Teil-)Noten vergeben werden. Werden die hier gefundenen Effektgrößen mit der Literatur (z. B. in der pädago- gischen Lernforschung; Hattie, 2009) verglichen, stellen wir fest, dass sie sich in ähnlicher bis größerer Höhe bewegen. Das Ergebnis, dass Frauen besser abschneiden, lässt sich zu- nächst durch existierende Befunde auf der Prozessebene erklä- ren, etwa dass Studentinnen sich angemessener auf Klausuren vorbereiten (Woodfield et al., 2005; Smith, 2004), oft motivierter (Kuśnierz et al., 2020) und engagierter (Sheard, 2009) sind oder ihre Lernstrategien besser anpassen (Peters et al., 2007). Obwohl Prüferinnen jedoch in der internationalen Literatur eher bessere Noten vergeben (Jewell & McPherson, 2012; Wiskin et al., 2004), vergaben sie in der vorliegenden Stichprobe schlechtere Noten. Zudem zeigte sich, dass sie Studenten gegenüber Studentinnen schlechtere Noten gaben, was sich nicht durch oben genannte Erklärungsversuche begründen lässt, da Prüfer diese Tendenz nicht aufwiesen. Dieser Effekt findet sich parallel in der Litera- tur, da hochschulische Notenvorteile für Frauen bei Prüferinnen bereits in anderen Fächern belegt wurden (Towfigh et al., 2018). Allerdings ist es auf der Grundlage der vorliegenden Archivdaten nicht möglich, Prozesse zu erforschen (und es war auch nicht das Ziel dieser Arbeit), die die unterschiedlichen Benotungstendenzen von Prüferinnen und Prüfern erklären würden. Die empirische Schulforschung liefert hier zumindest Belege dafür, dass Frauen im Bildungskontext besser angepasste lernrelevante Merkmale und Verhaltensweisen zeigen und dadurch bei gleichen Kompetenzen bessere Noten als Männer erhalten (Hannover & Kessels, 2011). Eine Erklärung dieses Befundes auf Hochschulebene bleibt ein spannendes Desiderat für zukünftige Forschungsarbeiten. Tab. 5: Beschreibung der Randmittel in Noten fachpraktischer Prüfungen Männer - Frauen Männer Frauen B z p M SF M SF Studieninhalt Fitness 0,20 3,54 < 0,001 2,11 0,06 1,91 0,06 Gymnastik/Tanz 0,33 8,60 < 0,001 2,41 0,05 2,08 0,05 Leichtathletik 0,16 4,25 < 0,001 2,57 0,06 2,41 0,06 Natursport -0,01 0,13 0,898 2,20 0,07 2,19 0,08 Schwimmen 0,11 2,95 0,003 2,78 0,07 2,67 0,07 Spielsportarten -0,07 -2,61 0,009 2,17 0,04 2,24 0,04 Trendsport 0,18 2,34 0,019 2,11 0,05 1,93 0,07 Turnen 0,29 7,72 < 0,001 2,74 0,05 2,45 0,05 Anmerkungen. B steht für die Differenz der Mittelwerte zwischen Männern und Frauen. Positive Werte bedeuten, dass Frauen bessere Noten aufweisen. Die Mittelwerte (M) und die Standardfehler (SF) resultieren aus den geschätzten Randmitteln des gerechneten Mo- dells, d. h. sie sind unter Kontrolle der Hochschulzugangsberechtigung zu interpretieren und wurde nicht einfach aus der Stichprobe als Mittelwerte berechnet. z steht für den Z-Test der Differenz. Tab. 4: Gekreuzt-klassifiziertes lineares gemischtes Modell für Noten in der Fachpraxis Prädikatoren B ß KI (95 %) ß KI (95 %) p (Konstante) 1,21 -0,41 1,05 – 1,37 -0,58 – -0,25 < 0,001 Geschlecht [w] -0,15 -0,18 -0,26 – -0,04 -0,32 – -0,04 0,010 Geschlecht Prüfende [w] 0,12 0,14 -0,02 – 0,26 -0,02 – 0,31 0,091 Studieninhalt [Gymnastik/Tanz] 0,30 0,36 0,15 – 0,45 0,18 – 0,53 < 0,001 Studieninhalt [Leichtathletik] 0,46 0,55 0,37 – 0,56 0,44 – 0,67 < 0,001 Studieninhalt [Natursport] 0,09 0,11 -0,09 – 0,27 -0,10 – 0,32 0,318 Studieninhalt [Schwimmen] 0,67 0,80 0,50 – 0,84 0,59 – 1,01 < 0,001 Studieninhalt [Spielsportarten] 0,06 0,07 -0,08 – 0,19 -0,10 – 0,23 0,429 Studieninhalt [Trendsport] -0,00 -0,00 -0,16 – 0,16 -0,19 – 0,19 0,995 Studieninhalt [Turnen] 0,63 0,75 0,48 – 0,78 0,57 – 0,93 < 0,001 Hochschulzugangsberechtigung 0,36 0,24 0,33 – 0,39 0,22 – 0,26 < 0,001 Geschlecht [w] x Geschlecht Prüfende [w] -0,10 -0,12 -0,17 – -0,03 -0,21 – -0,04 0,004 Geschlecht [w] x Studieninhalt [Gymnastik/Tanz] -0,13 -0,16 -0,26 – 0,00 -0,31 – 0,00 0,051 Geschlecht [w] x Studieninhalt [Leichtathletik] 0,04 0,05 -0,09 – 0,17 -0,10 – 0,20 0,548 Geschlecht [w] x Studieninhalt [Natursport] 0,19 0,23 -0,02 – 0,40 -0,03 – 0,48 0,080 Geschlecht [w] x Studieninhalt [Schwimmen] 0,09 0,11 -0,04 – 0,22 -0,05 – 0,26 0,172 Geschlecht [w] x Studieninhalt [Spielsportarten] 0,27 0,33 0,16 – 0,39 0,19 – 0,47 < 0,001 Geschlecht [w] x Studieninhalt [Trendsport] 0,02 0,02 -0,16 – 0,21 -0,20 – 0,25 0,825 Geschlecht [w] x Studieninhalt [Turnen] -0,09 -0,10 -0,21 – 0,04 -0,25 – 0,05 0,190 Random Effects σ2 0,44 τ00 Studierende 0,08 τ00 Prüfende 0,06 ICC 0,25 Marginal R2 / Conditional R2 0,164 / 0,373 Anmerkungen. Bezugskategorien im vorliegenden Modell sind Studenten in der Sportart Fitness im Bachelor und Prüfer. Die HZB wurde nicht zentriert. KI beschreibt das Konfidenzintervall. Insgesamt wurden n = 12.180 Prüfungen modelliert. 16 17 CC BY 4.0 DE Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2)Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) Zusammenhang zwischen dem Geschlecht von Studierenden und Prüfenden sowie der Prüfungsformate auf den Studienerfolg · Magner, Jetzke, UteschZusammenhang zwischen dem Geschlecht von Studierenden und Prüfenden sowie der Prüfungsformate auf den Studienerfolg · Magner, Jetzke, Utesch Bedeutung von Prüfungsformaten im Lehramtsstudium Sport Dass Studenten schließlich in fast allen Prüfungsformaten der fach- wissenschaftlichen und -didaktischen Inhalte im Lehramtsstudium Sport schlechtere Noten als ihre Kommilitoninnen erzielen, lässt sich in der Richtung als Muster beschreiben und ist hinsichtlich Geschlechtergerechtigkeit insgesamt ein alarmierendes Ergebnis. Die von Mutz und Burrmann (2014) für den Sportunterricht fest- gestellten systematischen Nachteile für Mädchen kehren sich im Lehramtsstudium Sport in systematische Nachteile für Männer um. Befunde, wonach Männer im Sportstudium oft nicht die richti- ge Lernstrategie wählen, existieren (Peters et al., 2007). Nach dem Constructive-Alignment-Konzept von Biggs und Tang (2011) müs- sen Lehr-Lernaktivitäten und Prüfungen passgenau aufeinander abgestimmt sein. Wenn Männer aber über einen Zeitraum von zehn Jahren schlechter abschneiden, weil für sie beispielsweise Teile bestehender Curricula, Bewertungskriterien oder häufig ge- nutzte Prüfungsformate weniger Passung aufweisen, müssen auch Institute und Lehrende ihre Methoden und Anforderungsprofile grundsätzlich hinterfragen (Schneider & Preckel, 2017). An dieser Stelle könnten auch innovative Prüfungsformate installiert (Gerick et al., 2018) oder den Studierenden sogar – oft gewünschte – Wahlmöglichkeiten zwischen verschiedenen Prüfungsformaten eingeräumt werden (Bülow-Schramm, 2013). Neben den gängigen summativen Prüfungen in modularen Studiengängen bieten be- sonders formative Rückmeldeformate große Chancen zur Steige- rung studentischen Lernens sowie der Lernmotivation, von denen speziell Männer profitieren könnten (Hernández, 2012). In den Noten von Abschlussarbeiten wurden sogar leichte Geschlechter- unterschiede zugunsten der Männer gefunden, was ebenfalls für formative Rückmeldungen spricht - nicht selten sind Bachelor- und Masterarbeiten durch ein starkes Eigeninteresse der Studierenden sowie eine engmaschige Betreuung seitens der Hochschule ge- prägt. Geschlechterunterschiede in fachpraktischen Prüfungen Eine besondere Perspektive wird den fachpraktischen Prüfungen zuteil, da Noten hier teilweise auf der Grundlage von normierten Leistungs- bzw. Notentabellen (z. B. in der Leichtathletik oder im Schwimmen) vergeben werden und Männer absolut gesehen bessere Leistungen erbringen müssen als Frauen (Stiller & Kahlert, 2021). In beiden Sportarten werden z. T. nach Geschlecht diffe- renzierte Bewertungsmaßstäbe angelegt, um anatomische und physiologische Unterschiede auszugleichen. In diesen Sportarten sollten durch die Normtabellen objektiv gleiche Noten resultieren, was sich empirisch nicht zeigt. In der fachpraktischen Prüfung Leichtathletik schneiden Frauen etwa um 0,15 Notenpunkte besser ab als Männer, im Schwimmen um etwa 0,11 Notenpunkte. Diese Befunde zeigen, dass die vermeintlich objektiven Bewertungsmaß- stäbe Frauen bevorzugen bzw. Männer benachteiligen könnten. Naheliegend ist, die Norm- und Notentabellen auf den Prüfstand zu stellen und ggf. Anpassungen in Richtung Geschlechtergerech- tigkeit sowohl bzgl. der körperlichen Voraussetzungen zwischen als auch innerhalb der Geschlechter vorzunehmen. Allerdings zeigen sich noch größere Notenunterschiede in den kompositorischen Studieninhalten Gymnastik/Tanz (0,33) und Turnen (0,28) zugunsten der Frauen. Dieses Ergebnis legt nahe, dass einige Sportarten ggf. immer noch geschlechtstypisch kon- notiert und stärker mit weiblichen Körper- und Bewegungsidealen verbunden sein könnten (Frohn & Süßenbach, 2012), an denen gezeigte Leistungen evaluiert werden. Eine objektive und ergeb- nisoffene Prüfung der curricularen Inhalte sowie der angelegten Bewertungskriterien bzw. deren Auslegungen in Bezug auf die DOI: 10.25847/zsls.2022.059 Berufsanforderungen und unter Berücksichtigung von Gleichstel- lungsaspekten ist hier aus unserer Sicht angezeigt. Es gibt zwar grundsätzliche Hinweise darauf, dass Männer möglicherweise größere Schwierigkeiten mit den theoretischen Anteilen fachprak- tischer Prüfungen haben könnten (Kuśnierz et al., 2020; Sheard, 2009), diese sollten sich jedoch aus unserer Perspektive auf alle fachpraktischen Prüfungen gleichermaßen auswirken. Vorab war die Hypothese aus der Literatur abgeleitet worden, dass Männer in der Fachpraxis besser abschneiden müssten, da mehr Männer durch deutlich höhere Aktivität und Mitgliedschaften in prüfungs- relevanten Spielsportarten häufiger einschlägig vereinssportlich sozialisiert werden – mit Ausnahme von Hockey in der Altersklasse 15-18 Jahre und Volleyball insgesamt (DOSB, 2021). Dennoch zei- gen sich hier die meisten Unterschiede zugunsten besserer Noten von Frauen. Prüfungskultur im Lehramtsstudium Sport Unsere Ergebnisse zeigen Unterschiede der Prüfungen bzw. Prü- fungsformate im Lehramtsstudiengang Sport. Es gibt keinen sach- lichen Grund dafür, dass schriftliche Prüfungen (durchschnittliche Note für Männer 2,69) und mündliche Prüfungen (durchschnittli- che Note für Männer 1,98) oder fachpraktische Prüfungen (durch- schnittliche Note für Männer 2,27) so deutlich unterschiedliche Mittelwerte aufweisen sollten oder dass es zwischen der am bes- ten bewerteten fachpraktischen Prüfung (Fitness für Frauen durch- schnittlich 1,91) und der am schlechtesten bewerteten fachprakti- schen Prüfung (Schwimmen für Männer durchschnittlich 2,78) so einen großen Unterschied geben sollte. Vielmehr sollte sich ähnli- che Verteilungen zeigen. Man könnte die Fragestellung ableiten, ob alle Prüfungen gleichermaßen kompetenzorientiert gestaltet sind und vergleichbare Anforderungen aufweisen. Prüfende soll- ten die Prüfungsinhalte und -kriterien wissenschaftlichen Prüfun- gen unterziehen und in Bezug auf die Teilprüfungen untersuchen, indem sie beispielsweise Trennschärfen einzelner Aufgaben (z. B. für die Geschlechter) berechnen, wie es in der Testtheorie für Leistungstests bei wissenschaftlichen Testverfahren vorgesehen wäre. Hierfür müssten entsprechend zeitliche Ressourcen zur Ver- fügung gestellt werden. Nach unserer Kenntnis ist das Prüfen jeder Person erlaubt, die einen Masterabschluss erworben hat und eine passende Stelle antritt. Von universitärer Seite werden zwar hoch- schuldidaktische Fortbildungsmöglichkeiten angeboten (Fendler & Gläser-Zikuda, 2013), diese sind jedoch nicht verpflichtend, sodass einheitliche Bewertungsexpertise und -kriterien in unserer Stichprobe und darüber hinaus nicht durchgängig zu vermuten sind, obwohl sich Noten aus einer Interaktion zwischen Prüfenden, gezeigten Leistungen und Prüfkriterien ergeben. Die vielfältigen Inhalte im sportwissenschaftlichen Lehramts- studium sprechen nicht dafür, dass diese in nur vier verschie- denen Prüfungsformaten adäquat examiniert werden können, wobei die schriftliche Klausur neben fachpraktischen Prüfungen mit Abstand das meistgenutzte Format darstellt und für fast die Hälfte der Prüfungen eingesetzt wird. Dass Männer in schriftli- chen Klausuren schlechter abschneiden als Frauen, ist gut be- legt (Reilly et al., 2019). Hier braucht es Prüfungsformate bzw. -kriterien, welche kein Geschlecht systematisch benachteiligen. Dass in der vorliegenden Studie in mündlichen Prüfungen keine und in Abschlussarbeiten nur sehr schwache Geschlechterun- terschiede (zugunsten der Männer) gefunden wurden, spricht zumindest dafür, sowohl vermehrt wissenschaftliche Haus- arbeiten als auch mündliche Prüfungen anstelle schriftlicher Klausuren einzusetzen. Hinderlich sind hier „too many long-held beliefs and standard operating practices” (Kuh et al., 2006, S. 106) der Universitäten sowie zeitliche Ressourcen der Prüfenden und der Institute, welche die Wahl der Prüfungsformate eher beein- flussen als inhaltliche Überlegungen. Es ist zu vermuten, dass wissenschaftlich geprüfte Prüfungen mit deutlich höheren Kosten aufgrund des Mehraufwands für Prüfungen einhergehen würden. Dennoch sind hier die vom Wissenschaftsrat (2012) verlangten transparenten und kriterialen Bewertungsmaßstäbe zu verfolgen, um valide Dokumentations-, Selektions- und Rückmeldefunktion von Prüfungsnoten zu gewährleisten. Kuśnierz et al. (2020) gehen einen Schritt weiter und schlagen sogar geschlechtsspezifische Studienordnungen für die Sportwis- senschaft vor, welche neben Inhalten auch verschiedene Prüfungs- formate abbilden könnten. Im Hinblick auf eine diversitätssensible und gleichstellungsorientierte Entwicklung der Studien- und Prü- fungskultur ist dieser Vorschlag aber kritisch zu sehen, da er Ge- schlechterdifferenzen verstärken und Stereotypisierungen sogar betonen könnte. Aktuell werden eher individuelle, kompetenzori- entierte und eigenverantwortliche Prüfungssituationen diskutiert, welche sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren (Wis- senschaftsrat, 2022). Die Hochschule hat daher in der Prüfungs- konzeption sicherzustellen, dass das Prüfungsformat mit den Lehr-/Lernmethoden und -zielen, Kompetenzen und Lernergeb- nissen übereinstimmt (Hochschulrektorenkonferenz, 2015), damit eine gerechte Prüfung gewährleistet wird. Limitationen und zukünftige Forschungen Im Hinblick auf die vorgelegten Ergebnisse sind einige Limitationen zu beachten: Obwohl eine Vollerhebung aus zehn Jahren vorliegt, basieren die vorgelegten Daten ausschließlich auf Prüfungsleis- tungen an einer einzelnen Hochschule. Obwohl alle erbrachten Prüfungsleistungen einbezogen wurden, können leider keine Teilprüfungsnoten (z. B. in der Fachpraxis, die sich aus einer prak- tischen und theoretischen Note zusammensetzt) genutzt werden. Die untersuchten Prüfungsformate sind am untersuchten Standort durch Prüfungsordnungen vorgegeben und limitiert. Sie sollten an Standorten, an denen diese häufig eingesetzt werden, künftig weiter differenziert untersucht werden. Hinweise, dass Männer z. B. in Multiple-Choice Klausuren bessere Ergebnisse erzielen, existieren bereits (Espinosa & Gardeazabal, 2020). Die vorliegende Studie hat den Anspruch, vorsichtige Tendenzen darzulegen, die in weiteren Forschungsarbeiten an anderen Standorten unter- sucht werden sollten. Da die Studieninhalte jedoch grundsätzlich durch Empfehlungen von Institutionen wie der dvs oder der KMK gerahmt sind, könnten die Ergebnisse auch auf andere Standorte des sportwissenschaftlichen Lehramtsstudiums übertragbar sein, wenngleich durch die föderalen Strukturen keine bundesweiten Standards - auch im Hinblick auf Prüfungsformate - zu gewährleis- ten sind. Dies wird u. a. an der - zumindest laut den Prüfungsord- nungen und Modulhandbüchern - eher starken Sportartenorien- tierung in der Fachpraxis an der untersuchten Hochschule deutlich. Die schlechteren Resultate der Männer müssen nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Studienwahlmotivation betrachtet wer- den. Frauen beginnen ihren Bildungsweg im Tertiärbereich, auch in dieser Studie, bereits oft mit einer deutlich besseren HZB. Diese al- lein gilt mit hohen Korrelationen (ca. r = .40) bereits als ein wichti- ger und valider Prädiktor für Studienerfolg (Trapmann et al., 2007). Deshalb wurde für diesen Faktor in allen inferenzstatistischen Ana- lysen kontrolliert und die hier berichteten Ergebnisse lassen sich für ‘gleiche Eingangsvoraussetzungen = gleiche HZB‘ interpretieren. Es sind für alle Geschlechter frühzeitige Unterstützungsmöglichkeiten im Studienverlauf auf struktureller und persönlicher Ebene wün- schenswert (Blanz, 2014; Kuh et al., 2006). Zusätzlich sind weitere Untersuchungen der komplexen studentischen Eingangsvorausset- zungen, insbesondere im Hinblick auf Lernstrategien (Schiefele et al., 2003), nötig. Inwieweit allerdings gute Schülerinnen auch zu erfolgreicheren Sportwissenschaftlerinnen und Sportlehrerinnen werden, kann diese Studie nicht beantworten. Einschränkend erwähnen möchten wir für die vorliegende Studie ebenfalls, dass die Kategorie Geschlecht als isoliertes dichotomes biologisches Geschlecht betrachtet wird, wie es in den Prüfungsämtern der Hochschule vorliegt. Da nicht-binäre Geschlechtsidentitäten nicht in den Archivdaten vorhanden wa- ren, konnten diese nicht berücksichtigt werden. Weitere mögliche Faktoren oder Kategorisierungsvariablen wie z. B. die ethnische Herkunft oder ein Zuwanderungshintergrund waren explizit kein Thema dieser Arbeit und deren Untersuchung ist auf der vorlie- genden Datenbasis auch nicht möglich. Auch die Berücksichtigung weiterer wichtiger Faktoren wie das soziale Umfeld der Studieren- den und weitere aus der Literatur herleitbare Faktoren, welche die Notengebung beeinflussen, kann diese Archivstudie nicht leisten (Tsarouha, 2017; Grözinger, 2015). Solche Analysen müssen wei- terhin als Forschungsdesiderat bezeichnet werden. Schließlich sind sport(-lehramts)spezifische Untersuchungen wünschenswert, um z. B. Studienzufriedenheit (Westermann et al., 1996) oder den Einfluss der Noten auf die Leistung im Beruf (Roth et al., 1996) aus einer Geschlechterperspektive zu beleuchten. Die Ergebnisse können Ansätze liefern, um den Studienerfolg aller Geschlechter zu optimieren. 18 19 CC BY 4.0 DE Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2)Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) Frohn, J. & Süßenbach, J. (2012). Geschlechtersensibler Schulsport: Den unterschiedlichen Bedürfnissen von Mädchen und Jungen im Sport mit Genderkompetenz begegnen. Sport- pädagogik, 36(6), 2–7. Funder, D. C. & Ozer, D. J. (2019). Evaluating Effect Size in Psycholog- ical Research: Sense and Nonsense. Advances in Methods and Practices in Psychological Science, 2(2), 156–168. https://doi.org/10.1177/2515245919847202 Gerick, J., Sommer, A. & Zimmermann, G. (2018). Kompetent Prüfun- gen gestalten: 53 Prüfungsformate für die Hochschullehre. Waxmann. https://doi.org/10.36198/9783838548401 Gerlach, E., Kussin, U., Brandl-Bredenbeck, H. P. & Brettschneider, W.-D. (2006). Der Sportunterricht aus Schülerperspektive. 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Mit der Zielsetzung möglichst optimale Rahmenbedingungen sowohl im Hinblick auf den Lernerfolg als auch die sozial-emotionalen Bedingungen zu schaf- fen, kommt dem Wohlbefinden der Studierenden eine entscheidende Rolle bei der Durchführung einer Kletterexkursion zu. Inwieweit Veränderungen des psychischen Wohlbefindens während einer Kletterexkursion stattfinden, ist nach bisherigem Forschungsstand unklar. Anhand einer explorativen (Pilot-)Studie - durchgeführt im Rahmen einer hochschulischen Kletterexkursion - bei elf Studierenden wurde das Wohlbefinden mittels der Eigenzustandsskala (Kurzform) erhoben, um zu beleuch- ten inwieweit 1) Unterschiede zu den Messzeitpunkten während der Exkursion (vor und nach den Einheiten an fünf Exkursionstagen) und 2) Unterschiede vor (pre), nach (post) und eine Woche nach der Exkursion (follow-up) existieren. Für die Di- mensionen Anstrengungsbereitschaft, Innere Ruhe, Erholtheit und Ausgeruhtheit lassen sich Unterschiede während der Exkursion feststellen. Bei einem Vergleich der Messzeitpunkte pre, post und follow-up finden sich signifikante Unterschiede für die Dimensionen Soziale Anerkennung und Stimmungslage. Die Ergebnisse legen nahe, das psychische Wohlbefinden in hochschulischen Ausbildungsver- anstaltungen im Bereich des Kletterns zu beachten. Entsprechende Ergebnisse könnten nützlich sein, um Kursinhalte und -methoden anzupassen, um auf indivi- dueller Ebene der Ausgangslage und den Bedürfnissen der Teilnehmerinnen und Teilnehmern gerecht zu werden, und so optimale Kursvoraussetzungen zu schaffen. Korrespondierender Autor Dr. Carlo Dindorf Fachbereich Sozialwissenschaften Fachgebiet Sportwissenschaft Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau Schlüsselwörter Klettern, Exkursion, Wohlbefinden, Hoch- schulbildung, Erlebnispädagogik Zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt: Dindorf, C., Thomas, A., Bartaguiz, E., Spren- ger, M. & Fröhlich, M. (2023). Betrachtung des psychischen Wohlbefindens vor, während und nach einer Kletterexkursion im hochschu- lischen Ausbildungskontext. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft, 6(2), 21-28. KURZBEITRAG › PEER REVIEW Betrachtung des psychischen Wohlbefindens vor, während und nach einer Kletterexkursion im hochschulischen Ausbildungskontext Carlo Dindorf, Anna Thomas, Eva Bartaguiz, Max Sprenger, Michael Fröhlich Sheard, M. (2009). Hardiness commitment, gender, and age differen- tiate university academic performance. 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Through an exploratory (pilot) study conducted as part of a university climbing excursion with eleven students, well-being was assessed using the Eigenzustands- skala (short form) to investigate the extent to which 1) differences exist at measurement points during the excursion (before and af- ter sessions on five excursion days) and 2) differences exist before (pre), after (post), and one week after the excursion (follow-up). Differences in the dimensions of Anstrengungsbereitschaft, Innere Ruhe, Erholtheit and Ausgeruhtheit can be observed during the excursion. When comparing the measurement points of pre, post, and follow-up, significant differences are found for the dimensions of Soziale Anerkennung and Stimmungslage. The results suggest that psychological well-being should be considered in higher edu- cation events in the field of climbing. Corresponding findings could be useful in adapting course content and methods to meet the individual needs of participants and create optimal course condi- tions on an individual level. 1. EINLEITUNG Das mediale Interesse an der Sportart Klettern ist in den letzten Jahren angestiegen und hat im Jahr 2020 mit der Aufnahme in den olympischen Sportartenkanon seinen bisherigen Höhepunkt erreicht (Lutter et al., 2021). Dieser Trend setzt sich im hochschuli- schen Ausbildungskonzept fort, wobei Klettern in seinen verschie- denen Ausprägungen mittlerweile an verschiedenen Hochschulen angeboten wird (z.B. Goethe Universität Frankfurt als Wahlpflicht- kurse im Bereich „Wagen und verantworten"; Universität Bremen in der Modul-Einheit „Bergsport”). So kann Klettern wegen seiner vielfältigen Anwendungs- und Wirkbereiche auf motorischer, sozialer, kognitiver, motivationaler und emotionaler Ebene auch als erlebnispädagogische Maßnahme eingesetzt werden, um das während der Handlung Erfahrene alltagstauglich zu machen, und in neuen Situationen einzusetzen. Die (Selbst-)Reflexion solcher besonderen, herausfordernden Erlebnisse kann also ermöglichen, positive Einflüsse auf die Persönlichkeitsbildung zu generieren (Paf- frath, 2017). Im Sinne der ganzheitlichen Bildung werden von den Studierenden nicht nur kletterspezifische Lerninhalte verarbeitet (explizite Thematisierung z.B. von Sicherungstechniken), sondern auch Selbsterfahrungen gemacht. Diese werden teilweise in der Gruppe oder mit den Dozierenden nach dem „Outward Bound Plus“ Modell (Heckmair & Michl, 2012) aufgearbeitet (z.B. Vertrau- en in Partner und eigene Fähigkeiten), sollen aber auch im Sinne des Modells ”the mountains speak for themselves“ „automatisch in das tägliche Leben des Teilnehmers transferiert“ werden (Heck- mair & Michl, 2012, S. 67). Im Gegensatz zu einer „Minimalpäda- gogik“ soll dabei die physische und kognitive Auseinandersetzung mit der Natur und das Erschließen des Erlebnisraums Fels im Team explizit ermöglicht werden (Heckmair & Michl, 2012, S. 255). Zudem erscheint der Einsatz von Klettern im Rahmen der Ge- sundheitsförderung vielversprechend. Neben den authentischen Erfahrungen in und mit der Natur (Gans et al., 2020), die oft eine psychische Herausforderung darstellen, sind auch gezielte Präven- tions- und Rehabilitationsprogramme ein wachsendes Feld (Kittel et al., 2010; Leichtfried, 2015). Nicht zuletzt, da man die Auswir- kungen auf den eigenen Körper relativ direkt wahrnehmen und im Sinne des physischen und psychischen Wohlbefindens (als state, s. nachfolgend) durch Frageinstrumente darlegen kann (Ziemainz & Peters, 2010). Wohlbefinden weißt nach Becker (1991) eine mehr- dimensionale Struktur auf. Einerseits gilt demnach zwischen einem physischen und einem psychischen Wohlbefinden zu differenzie- ren. Andererseits weist Wohlbefinden sowohl eines Zustands- (sta- te) als auch Eigenschaftskomponente (trait) auf. Für diese Studie wird ein Fokus auf das psychische Wohlbefinden als Zustandskom- ponente gelegt. Das aktuelle psychische Wohlbefinden umfasst demnach „positive Gefühle (Freude, Glücksgefühl), eine positive Stimmung und die aktuelle Beschwerdefreiheit“ (Schumacher et al., 2003, S. 1). Nach Niggehoff (2003) lässt sich Klettern im Spannungsfeld von Sicherheit und Risiko verorten. Durch Erfah- rungsmomente, wie das Erleben der Höhe sowie Verantwortung und Vertrauen zu eigener (Leistungs-)Fähigkeit, Partnerinnen und Partner und Material, unterscheidet sich Klettern von anderen Sportarten und eröffnet neue Potentiale und Erfahrungsmomen- te für Studierende hinsichtlich der bereits angesprochenen Ebe- nen. Gleichzeitig ergeben sich hierdurch Herausforderungen und Grenzen der physischen und psychomotorischen Fähigkeiten und entsprechend dieser Charakteristik kann Klettern auch negative Auswirkungen auf das Individuum und dessen Wohlbefinden ha- ben, was dahingehend u.a. Lernen bzw. Lernerfolg beeinträchtigen kann. Dies ist hauptsächlich der Fall, wenn die Lernenden nicht genügend Frei- und Gestaltungsraum haben, in Über- oder Unter- forderung geraten und so nicht in ihrer Handlung aufgehen (Flow) können (Heckmair & Michl, 2012), was auch in der prominenten Hypothese des Flow hinsichtlich der Steigerung des aktuellen Wohlbefindens zusammengefasst ist (Ziemainz & Peters, 2010). Wohlbefinden steht im Bezug zu Bildungsprozessen in einem reziproken Verhältnis zu Unterrichts- und Lernerfolg (Hascher et al., 2018). Im Kontext schulischer Bildung konnte Wohlbefinden als Prädikator erfolgreichen Lernens identifiziert werden (Hascher & Hagenauer, 2018). Ausgehend davon, dass unterrichtskonzepti- onelle Maßnahmen einen Einfluss auf das Wohlbefinden haben, kann die Evaluation des Wohlbefindens als wichtiger Indikator für die Qualität des Unterrichts herangezogen werden (Kullmann et al., 2015). Daraus schlussfolgern wir, dass dem Wohlbefinden der Studierenden ebenfalls ein besonderer Stellenwert zukommt, sowohl in sportpraktischen Seminaren als auch im Rahmen von Kletterlehrveranstaltungen. Hier sind, neben dem Lernerfolg bezogen auf fachliche Inhalte und Techniken, auch soziale Inter- aktionen der Studierenden und die Auseinandersetzung mit und am außeruniversitären Lernort als wichtige Kursziele zu nennen (Paffrath, 2017). Neben der genannten Bedeutung des Wohlbe- findens für den Lernerfolg spielen das psychische Wohlbefinden und einhergehende positive Gefühle auch eine Schlüsselrolle um optimale soziale Bedingungen (u.a. vertrauensvoller, wertschät- zender Umgang mit und unter Lehrenden und Studierenden) zu ermöglichen. Es gilt daher negative Erlebnisse der Studierenden, wie Angst, Unsicherheitsgefühl oder mangelndes Vertrauen in Partnerinnen und Partner und Material, durch souveränes Führen und kurskonzeptionelle Maßnahmen gezielt zu thematisieren, so- wie auch überschätztem Selbstvertrauen entgegenzuwirken, um positiv auf das Wohlbefinden aller einzuwirken. Inwieweit Klettern im hochschulischen Ausbildungskonzept empirisch nachweisbare Effekte auf das Wohlbefinden hat, kann nach bisherigem Forschungsstand jedoch nicht eindeutig beur- teilt werden. Erste Hinweise können bei Meßler (2022) gefunden werden, welche u.a. von verbesserter Offenheit und erfahrener Anerkennung (psychische Komponenten) sowie Beweglichkeit und Gesundheit (physische Komponente) berichtet. Mit dieser Studie soll eine empirisch geleitete Diskussion über das Klettern im hochschulischen Ausbildungskonzept im Hinblick auf die Di- mension Wohlbefinden ermöglicht und das Schulungskonzept an der Sportwissenschaft der Rheinland-Pfälzischen Technischen Uni- versität Kaiserslautern-Landau vor diesem Hintergrund beleuchtet werden. Ziel ist es auch, das Ausbildungskonzept (Beschreibung siehe 2.3) dahingehend empirisch-evaluativ zu betrachten, um so einen Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung und Stärkung des Klettersports im hochschulischen Ausbildungskatalog zu bilden. Zudem sollen Erfahrungen im Hinblick auf das eingesetzte Tool zur Erhebung des Wohlbefindens weitergegeben werden. Aufbauend auf dem dargestellten Forschungsdefizit und der Bedeutung des Wohlbefindens sowohl für Lernerfolg als auch soziale Bedingungen soll diese explorative (Pilot-)Studie zusam- menfassend die Fragestellung adressieren, inwieweit sich eine Kletterexkursion auf das kurzzeitige psychische Wohlbefinden von Studierenden auswirkt. Konkret sollen dabei 1) Unterschiede zu den Messzeitpunkten während der Exkursion (vor und nach den Einheiten an fünf Exkursionstagen) und 2) Unterschiede vor (pre), nach (post) und eine Woche nach Exkursion (follow-up) analysiert werden. Auf eine explizite Hypothesenformulierung wurde an dieser Stelle entsprechend des explorativen Ansatzes angelehnt an Bortz und Döring (2006) verzichtet, da die bestehende weitgehend unklare Forschungslage es nicht ermöglicht, Hypothesen für die genannten Fragestellungen aufzustellen. Weiterhin soll so die Ex- ploration weiterer Forschungsansätze nicht a priori eingeschränkt werden. 2. METHODIK Personenstichprobe Die Stichprobe setzt sich aus 11 Studierenden (5 männlich, 6 weiblich, 0 divers, Alter: 23,18 ± 3,54) der Studiengänge Sport- wissenschaft und Gesundheit (B.Sc.) sowie Sport (B.Ed.) zusam- men, welche überwiegend keine Vorerfahrungen im Klettersport besitzen (keine Vorerfahrung bei 9 von 11) und sich am Ende ihres Bachelorstudiums befinden (Fachsemester 5,09 ± 1,64). Die Lehr- veranstaltung ist in den Modulen „Elementare Bewegungsfelder, weitere Sportarten” und „Theorie, Didaktik, Methodik elementarer Bewegungsfelder” als Exkursion im Bereich „Freizeit- und Out- doorsport” angesiedelt. Die Stichprobengröße resultiert aus der maximalen Personengrenze für die Durchführung der Exkursion entsprechend des genehmigten Hygienekonzeptes während der Coronapandemie 2021. Merkmalsstichprobe und Erhebungszeiträume Zur Erhebung des kurzzeitigen psychischen Wohlbefindens wurde die Kurzform der Eigenzustandsskala nach Nitsch (1976) (EZ-K) (Kleinert & Engelhard, 2002) aufgrund häufiger Messwiederholun- gen zur Erhöhung der Akzeptanz bei den Probandinnen und Pro- banden sowie der Ökonomie ausgewählt. Das Instrument besteht aus 16 Items (Antwortformat sechsstufige Likertskala), welche die Dimensionen Soziale Anerkennung (Items: beliebt, anerkannt), Selbstsicherheit (Items: selbstsicher, routiniert), Kontaktbereit- schaft (Items: mitteilsam, kontaktbereit), Anstrengungsbereitschaft (Items: kraftvoll, energiegeladen), Innere Ruhe (Items: ruhig, gelassen), Stimmungslage (Items: gut gelaunt, fröhlich), Erholt- heit (Items: erholt, ausgeruht) und Ausgeruhtheit (Items: matt, schläfrig) abbildet. Als Frageformulierung wurde angewendet: „Die folgenden Adjektive beschreiben Ihr derzeitiges Allgemeinbefinden. Bitte schätzen Sie spontan, ohne viel zu überlegen ein, inwieweit die folgenden Aussagen auf ihr Allgemeinbefinden im Augenblick zutreffen. Machen Sie ein Kreuz an der entsprechenden Stelle.” Die Messungen erfolgten an jedem der fünf Exkursionstage nach entsprechender Anreise vom Campingplatz zum Schulungs- gebiet vor dem fünf bis zehnminütigen Fußweg zum konkreten Klettersektor bzw. direkt nach der Einheit im ausgewählten Kletter- sektor selbst. Die täglichen Einheiten dauerten pro Tag vier bis fünf Stunden zuzüglich einer halbstündigen Mittagspause. Zusätzlich wurde von jedem teilnehmenden Studierenden eine Befragung 24-48 h vor Abfahrt (pre), 24-48 h nach Rückankunft und (post) und eine Woche nach Rückankunft (follow-up) durchgeführt. Die Befragung erfolgte beim pre-, post- und follow-up-Test via online- Umfragetool, welches von der Abfolge und Präsentation der Items sowie dem Layout möglichst nahe an der Paper Pencil Variante des Fragebogens orientiert ist. Das Vorgehen wurde gewählt, um auch außerhalb des Kurszeitraums alle Personen erreichen zu können. Während der Exkursion wurde die Befragung als Paper Pencil Va- riante direkt am Kursort durchgeführt. Die subjektiv empfundene Belastungsintensität wurde nach den einzelnen Einheiten mittels Borgskala erhoben (Borg, 2004). Beschreibung des Ausbildungskonzeptes Das gewählte Ausbildungskonzept soll fachpraktische, methodische und pädagogische Inhalte verknüpfen. Es geht sowohl darum eine Sportart kennenzulernen und die wichtigsten Grundzüge zu erler- nen als auch sich bei diesem Prozess, aufgrund der geschilderten Herausforderungen, „wohlzufühlen”. Kletterspezifisches Ziel der Exkursion ist den Teilnehmenden möglichst breitgefächert die Fa- cetten des Klettersports aufzuzeigen. Es gilt zu betonen, dass die Exkursion aufgrund ihrer Kürze und inhaltlichen Fülle nicht dazu dient, die Studierenden zum selbstständigen Klettern im direkten Anschluss zu befähigen. Der Fokus liegt stattdessen auf der eigenen Wahrnehmung sowie Reflexion der Erlebnisse. Den Höhepunkt für die Teilnehmenden stellt die Durchführung einer Mehrseillänge dar. Eine Kurzübersicht der kletterspezifischen Inhalte ist in Tabelle 1 gegeben. Zum Umgang mit den oben angeführten Herausforderungen des Klettersports im Ausbildungskonzept und zur Berücksich- tigung des psychischen Wohlbefindens, wurden intensive Re- flexionsphasen sowie Phasen des Stimmungs-, Gedanken- und Eindrucksaustausches eingeplant. So wurde beispielsweise am Ende jeder Einheit ein Blitzlicht durchgeführt und eine Reflexion von Schlüsselerlebnissen (z.B. erster Sturz im Vorstieg) durch indi- viduelle Gespräche mit den zwei mehrjährig erfahrenen Pädagogen und Klettertrainern gefördert. Die Gespräche verliefen dabei situa- tiv und kontextbezogen ohne genaue Leitfragen. Diese individuel- len Gespräche wurden immer wieder durch phasenabschließende Gruppenreflexionen im Gesamtkontext der ganzen Gruppe ergänzt. Lernen und Üben entsprechend dem eigenen empfundenen Lern- fortschritt sowie Wohlbefinden wurde durch Lernen im eigenen Tempo und Komfortbereich ermöglicht, um individuelle Gegeben- heiten zu berücksichtigen. Als Beispiel kann hier der Übergang in das Vorstieg-Klettern genannt werden. Die Teilnehmenden konnten hier, auf Basis progressiv auf das Ziel abzielender Übungsformen, den Weitergang in die nächst schwierigere Übungsstufe selbst be- stimmen. Als Schulungsgebiet wurde das Valle Maggia in der Schweiz gewählt. Diese Entscheidung begründet sich u.a. auf der sehr 24 25 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) Betrachtung des psychischen Wohlbefindens vor, während und nach einer Kletterexkursion · Dindorf, Thomas, Bartaguiz, Sprenger, Fröhlich Betrachtung des psychischen Wohlbefindens vor, während und nach einer Kletterexkursion · Dindorf, Thomas, Bartaguiz, Sprenger, Fröhlich DOI: 10.25847/zsls.2022.060 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) guten Absicherung der Sektoren sowie dem häufigen Platten- Charakter der Klettertouren. Dies ermöglicht es bei Anfängern über mehrere Tage hinweg Kletterschulungen durchzuführen, da die Hauptlast auf den Füßen liegt und so die Griffkraft geschont wird. Für die abschließende Bouldereinheit wurde das Gebiet in Chironico (Schweiz) ausgewählt. Die Unterbringung der Teilnehmenden erfolgte auf einem na- hegelegenen Campingplatz. Auf Rahmenprogramm wurde aufgrund der Pandemiesituation verzichtet. Dies beinhaltet auch, dass die Teil- nehmenden angewiesen wurden sich selbstständig und möglichst alleine zu versorgen. Da die Untersuchung während der Coronapan- demie stattfand, wurde das entsprechende Corona-Hygienekonzept vorab vonseiten der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau genehmigt. Statistische Auswertung Zur Beantwortung von Forschungsfrage 1 (Bestehen Unterschiede vor und nach den Einheiten der fünf Exkursionstage für die Dimen- sionen des EZ-K?) wurde eine zweifaktorielle ANOVA mit Messwie- derholung berechnet. Als Faktoren wurden Pre-Post-Kurseinheit (2 Stufen: vor Einheit, nach Einheit) und Tag (5 Stufen: Tag 1, Tag 2, Tag 3, Tag 4, Tag 5) verwendet was insgesamt in 10 Szenarien resultiert. Zur statistischen Auswertung von Forschungsfrage 2 (Bestehen Unterschiede vor (pre), nach (post) und eine Woche nach der Exkursion (follow-up) für die Dimensionen des EZ-K?) wurde eine einfaktorielle ANOVA mit Messwiederholung berechnet. Der Mauchly-Test wurde verwendet, um die Sphärizität zu überprüfen. Die Greenhouse-Geisser-Anpassung wurde verwendet, um Verlet- zungen der Sphärizität zu korrigieren. Shapiro-Wilk-Tests bestätigten, dass die Daten normal verteilt sind. Entsprechend der explorativen Ausrichtung wurde angelehnt an Armstrong (2014) für die post-hoc Tests auf eine Korrektur der Fehlerrate bei den Mehrfachvergleichen verzichtet. Die Berechnungen wurden mittels IBM® SPSS Statistics® (Version 25, SPSS Inc., Chicago, IL, USA) durchgeführt. 3. ERGEBNISSE Betrachtet man die subjektive Einschätzung der mittels Borgskala ermittelten Belastung für die einzelnen Kurstage kann Folgendes festgestellt werden: Die höchste Belastung ergibt sich für Tag 3 mit der Mehrseillänge (M = 16.18 ± 2.09) gefolgt von Tag 4 mit dem Schwerpunkt Sportklettern (M = 15.82 ± 2.09). Tag 2 (M = 15.27 ± 1.85) und Tag 5 (M = 15.18 ± 1.17) werden von den Studierenden als weniger belastend eingeordnet, während der erste Kurstag den niedrigsten Wert aufweist (M = 14.00 ± 2.19). Abbildung 1 stellt die weiteren Ergebnisse für die einzelnen Mess- zeitpunkte dar. Unterschiede der Messzeitpunkte während der Exkursion: Bei Betrachtung der einzelnen Messzeitpunkte während der Exkursion können signifikante Effekte für die Dimensionen Anstrengungsbe- reitschaft (Unterschiede zwischen Pre-Post-Kurseinheit F(1, 10) = 10.51, p = .03, ηp 2 = 0.40 und Tagen F(4, 40) = 4.15, p = .01, ηp 2 = 0.29), Innere Ruhe (Unterschiede zwischen Tagen F(4, 40) = 4.16, p = .01, ηp 2 = 0.29), Erholtheit (Unterschiede zwischen Pre-Post- Kurseinheit F(1, 10) = 10.83, p = .01, ηp 2 = 0.52 und Tagen F(4, 40) = 4.20, p < .001, ηp 2 = 0.45) und Ausgeruhtheit (Unterschiede zwischen Tagen F(4, 40) = 3.43, p = .018, ηp 2 = 0.25) konstatiert werden (s. Abb. 1). Neben diesen Haupteffekten existieren keine weiteren Interaktionseffekte für Pre-Post-Kurseinheit und Tag (p > .05). Für die weiteren Dimensionen des EZ-K lassen sich keine Effekte finden (p > .05). Post-hoc ergeben sich (alle p < .05) für die Dimension Anstren- gungsbereitschaft Unterschiede für Pre-Post-Kurseinheit sowie zwischen den Tagen 1 und 2. Tag 3 unterscheidet sich weiterhin von Tag 2, 4 und 5. Für Innere Ruhe unterscheiden sich die Tage 1, 2 und 4 von Tag 5. Für Erholtheit lassen sich Unterschiede für die Pre-Post-Kurseinheit sowie zwischen Tag 1 und Tag 2, 4 und 5 feststellen. Weiterhin unterscheidet sich Tag 3 von Tag 2, 4 und 5. Für Ausgeruhtheit unterscheiden sich Tag 2, 4 und 5 von Tag 1. Unterschiede pre-, post- und follow-up-Test: Für den Vergleich der Messzeitpunkte pre, post und follow-up lassen sich signifikante Unterschiede für Soziale Anerkennung (erhöhte Soziale Anerken- nung vom pre- zum post-Test F(2, 20) = 6.77, p = .01, ηp 2 = 0.40) und Stimmungslage (erhöhte Stimmungslage von pre- zu post-Test F(2, 20) = 4.01, p = .03, ηp 2 = 0.29) finden. Post-hoc lässt sich so- wohl eine Erhöhung der Sozialen Anerkennung als auch der Stim- mungslage vom pre- zum post-Test konstatieren (p < .05). Weitere Unterschiede lassen sich nicht nachweisen (p > .05). Tab. 1: Übersicht über die Inhalte der einzelnen Kurstage Tag Inhalt 1. Tag Anreise; Kennenlernen des Klettergebietes inkl. Nutzung Kletterführer; Sicherheit am Felsen; Einführung in Sicherungstechnik sowie Knotenkunde; Erlernen Toprope-Modus in 3er-Seilschaften (eine Person als Hintersicherung) 2. Tag Vertiefung Toprope; Übergang Vorstiegs-Modus (Klippen der Expressschlingen im Toprope-Modus, Klippen mit losem Seilstück, Sichern im Vorstiegssimulator-Modus); Routen abbauen; Simulation Mehrseillängen-Modus am Boden und an der Wand 3. Tag Wiederholung und Vertiefung Mehrseillängenklettern; Durchführung Mehrseillänge (jeder Stand wird durch einen Dozierenden betreut) 4. Tag Sportklettern, Techniktraining I (Fuß- und Greiftechnik) 5. Tag Bouldern, Techniktraining II durch ausgewählte Boulderprobleme; Rückreise 4. DISKUSSION Psychologische Charakteristiken des Kletterns (Niggehoff, 2003) zeigen die hohe Relevanz des Wohlbefindens im Rahmen der Sportart. Daher war es das Ziel der vorliegenden Studie, das Wohlbefinden von Studierenden abzubilden und schlussfolgernd ggf. Kursinhalte und Methoden anzupassen, um negative Aus- wirkungen auf den Lernerfolge zu vermeiden. Die durchgeführte Pilotstudie kommt hier zu folgenden Ergebnissen: (1) Es bestehen Unterschiede hinsichtlich Dimensionen des Wohlbefindens zu den Messzeitpunkten während der Exkursion. Für Anstrengungsbereitschaft und Erholtheit lassen sich Unter- schiede zwischen Pre-Post-Kurseinheit feststellen. Sowohl für die Anstrengungsbereitschaft als auch die Erholtheit lässt sich eine Reduktion nach den Einheiten feststellen, was nach körperlich- sportlicher Aktivität als normal angesehen werden kann. Auch Meßler (2022) berichtet von wenig erholten, kaum energiegelade- nen Studierenden nach den Klettereinheiten und begründet dies durch viel Übungszeit und wenig Routine. Visuell lässt sich aus Abbildung 1 der stärkste Abfall von Tag 2 zu Tag 3, der stärkste Anstieg von Tag 1 zu Tag 2 für die beiden Dimensionen Anstrengungsbereitschaft und Erholtheit konsta- tieren. Der Abfall von Tag 2 zu 3 könnte mit der hohen Menge an Schulungsinhalten zusammenhängen. Als weiteres Indiz dafür sind die stichwortartig festgehaltenen Studierendenkommen- tare der abschließenden Reflexionsrunde am 2. Tag zu nennen. Abb. 1: Darstellung der geschätzten Randmittel inkl. der 95 % Konfidenzintervalle. Rote Line = vor Einheit (Faktor Pre-Post-Kurseinheit), blaue Linie = nach Einheit (Faktor Pre-Post-Kurseinheit). * p < 0.05 Anstrengungsbereitschaft Innere Ruhe Erholtheit Ausgeruhtheit Soziale Anerkennung Stimmungslage Anstrengungsbereitschaft Ge sc hä tz te R an dm itt el A ns tre ng un gs be re its ch af t * * * * * Innere Ruhe Ge sc hä tz te R an dm itt el In ne re R uh e * * * Erholtheit Ge sc hä tz te R an dm itt el E rh ol th ei t * * * ** * * Ausgeruhtheit Ge sc hä tz te R an dm itt el A us ge ru ht he it * * * Soziale Anerkennung Ge sc hä tz te R an dm itt el S oz ia le A ne rk en nu ng * pre post follow-up Stimmungslage Ge sc hä tz te R an dm itt el S tim m un gs la ge * pre post follow-up 26 27 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) Betrachtung des psychischen Wohlbefindens vor, während und nach einer Kletterexkursion · Dindorf, Thomas, Bartaguiz, Sprenger, Fröhlich Betrachtung des psychischen Wohlbefindens vor, während und nach einer Kletterexkursion · Dindorf, Thomas, Bartaguiz, Sprenger, Fröhlich Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2)DOI: 10.25847/zsls.2022.060 Es wurde mehrfach genannt, dass die Inhalte am Ende für die Teilnehmenden sowohl theoretisch (verbale Wiedergabe der demonstrierten Seiltechniken) als auch praktisch (Demonstrati- on der demonstrierten Seiltechniken) schwer umsetzbar waren. Negative Folge war wahrscheinlich, dass die Teilnehmenden mit erniedrigten Werten den Schulungstag mit der Mehrseillänge begonnen haben und daher potentiell nicht die optimale Vor- aussetzung mitbrachten. An dieser Stelle sollte für die Zukunft diskutiert werden, ob ein weiterer zusätzlicher Schulungstag sinnvoll ist. Zudem erscheint die Anreise einen Einfluss zu haben (negative Beeinträchtigung Schulungstag) und negative Folgeer- scheinungen sollten durch eine Anreise am Abend vor Schulungs- beginn reduziert werden. Der starke Anstieg von Tag 1 zu Tag 2 könnte so mit der Anreise zusammenhängen. Dies spiegeln auch die Ergebnisse für die Dimension Ausgeruhtheit wider, die sich ebenfalls von Tag 1 zu Tag 2 signifikant unterscheidet und zeigt, dass sich die Studierenden bereits vor der Einheit an Tag 1 matt und schläfrig fühlen. Veränderungen hin zu einer gesteigerten Inneren Ruhe über die Kurstage hinweg sind ersichtlich. Als mögliche Erklärung lässt sich die gesteigerte Vertrautheit mit der Aktivität Klettern heran- ziehen sowie die Einzel- und Gruppengespräche aufführen, die diese Sicherheit verstärken und zu entsprechender Handlungsre- gulation führen. Anfänglich könnten so mögliche Unsicherheiten im Hinblick auf Sicherheit sowie Handhabbarkeit bzw. Bewältig- barkeit der neuen sportlichen Aufgaben in Zusammenhang mit der relativ geringeren Inneren Ruhe stehen. Mögliche Einflüsse von Sicherheitseinschätzungen könnten in Zusammenhang mit dem signifikanten Anstieg der inneren Ruhe von Tag 4 zu Tag 5 in Relation stehen, da beim Bouldern die Seilkomponente wegfällt. Hier wären Gesprächsleitfragen (s.u.), die diese Aspekte aufgrei- fen ein Ansatzpunkt, um eventuell wahrgenommenen Stress, der sich negativ auf das Wohlbefinden auswirkt, entgegenzuwirken. Zudem ist zu hinterfragen, ob der verhältnismäßig niedrige Wert für die Innere Ruhe, insbesondere am ersten Kurstag, negativen Einfluss auf den Kurs und den Lernerfolg der Studierenden hat- te. Zu diskutieren gilt daher, inwieweit im Vorbereitungstermin vor dem ersten Exkursionstag mit beispielsweise einem ersten Kennenlernen des Materials zu einer Erhöhung der Inneren Ruhe beitragen und dahingehend die Lehre positiv verbessern könnte. (2) Für die Betrachtung von Unterschieden zwischen pre-, post- und follow-up-Test ergibt sich, dass Merkmale wie Sozia- le Anerkennung und Stimmungslage bei der aktuellen Gruppe durch die Exkursion positiv beeinflusst wurden. Obwohl es sich beim Klettern um eine Individualsportart handelt, erscheinen diese Effekte im Rahmen des sozialen Lernens erklärbar, da die Durchführung in einer Gruppe stattfindet (Neuber, 2021) und die gegenseitige Partnersicherung eine starke soziale Komponente aufweist (Meßler, 2022). Fraglich ist, wie lange diese Effekte andauern. Visuell lässt sich ein leichter Abfall eine Woche nach Exkursion feststellen. Statistisch lässt sich zu diesem Zeitpunkt kein Unterschied mehr zeigen. Durch eine verstärkte Beachtung von Gruppenprozessen, genauer des Ich- sowie Wir-Blickwinkels, könnte dieser positive Effekt auf das Wohlbefinden verstärkt werden. Der Fokus in den Reflexionen sollte demnach für folgen- de Exkursionen noch deutlicher herausstellen, dass der Einzelne mit allen Ängsten und Ideen nicht nur ein Teil des Ganzen ist, sondern auch individuell wertvoll. Nur so kann die Person em- pathisch auf andere als auch gruppenverbindende Aspekte ein- wirken und ein eigenes Selbstverständnis in der Gemeinschaft entwickeln (Hirschmüller, 2021). Wohlbefinden stellt sowohl wie beschrieben ein Korrelat für Lernerfolg als auch für Gesundheit dar (Stock & Krämer, 2001), welches im Kontext der Pandemiesituation besondere Relevanz erfährt. Die Unterstützung durch andere Menschen und die sport- liche Aktivität kann Menschen helfen Stress zu bewältigen, Emoti- onen zu regulieren, die Widerstandsfähigkeit zu stärken (Williams et al., 2018). Soziale Distanz und Isolation haben das psychische Wohlbefinden jedoch vielfältig negativ beeinflusst (Salari et al., 2020). Das Zurückfahren von Freizeitangeboten und Schließen der Sportstätten während der Pandemie, haben den Zugang zu Sport als eine Bewältigungsstrategie zudem deutlich erschwert. Bereits in der Vergangenheit konnten Studien die Wirksamkeit von Klet- tern bei Menschen mit Depressionen, Angstzuständen sowie Such- terkrankungen belegen (Book & Luttenberger, 2015; Soravia et al., 2015). In Anlehnung an die Ergebnisse dieser Pilotstudie könnte Klettern so ein probates Mittel sein, um als erlebnispädagogische Maßnahme das Wohlbefinden (im Hochschulkontext) zu fördern und zudem als wichtiges Kompensationsmedium der Folgeer- scheinungen der Pandemie fungieren. Dabei eignet sich Klettern unserer Meinung nach sowohl gut dazu, um in einen Flow-Zustand zwischen Herausforderung und Fähigkeit zu gelangen, als auch um die praktische sowie reflexive Thematisierung der genannten Ziele einer ganzheitlichen Bildung, v.a. die handelnden Erfahrun- gen in der Natur als Einzelner sowie in und mit der Gruppe, um- zusetzen (Heckmair & Michl, 2012; Hirschmüller, 2021; Paffrath, 2017; Ziemainz & Peters, 2010). Zur Absicherung dieser Ergebnisse erscheint es für Folgearbeiten notwendig eine Kontrollgruppe einzubeziehen, um zu prüfen ob Effekte tatsächlich auf die Klet- terlehreinheiten zurückzuführen sind. Daher sollten die Ergebnisse vor diesem Hintergrund vorsichtig interpretiert werden. Insgesamt gilt es kritisch zu diskutieren, ob die Veränderun- gen durch die kletterspezifischen Inhalte verursacht wurden. Die Faktoren, welche außerhalb der Kurszeit stattgefunden haben, können an dieser Stelle nicht weiter analysiert werden. Wie beispielsweise bei Hascher et al. (2018) gezeigt, könnte zu- dem umgekehrt der Lernerfolg selbst positiv das Wohlbefinden beeinflusst haben. Die Betrachtung einzelner Individuen zeigt mehrfach, dass Veränderungen in den Dimensionen teilweise hochgradig individuell ausfallen. Als mögliche Begründung dafür lassen sich unterschiedliche sportliche Voraussetzungen sowie verschiedene Persönlichkeitsmerkmale nennen, welche in Zu- sammenhang mit Veränderungen in den Dimensionen stehen könnten. Es scheint daher wichtig, in Folgearbeiten verstärkt auf individuelle Lernvoraussetzungen einzugehen und Persönlich- keitsmerkmale bei einer empirisch-evaluativen Betrachtung des Kurskonzeptes mitzudenken. Pandemiebedingte Einflüsse müssen dabei mitbedacht werden. Für viele Studierende war der Kurs der erste Praxiskurs nach Beginn der Coronapandemie. Dadurch ist damit zu rechnen, dass einzelne gefundene Veränderungen durch die Pandemie begünstigt wurden. Die Gespräche zur Re- flexion und Thematisierung von Schlüsselerlebnissen sowie des Stimmungs-, Gedanken- und Eindrucksaustausches erfolgte bei der dargestellten Studie situations- und kontextspezifisch ohne a priori spezifizierte Leit- bzw. Reflexionsfragen. Zur Sicherstellung von Objektivität, Quantifizierbarkeit sowie Reproduzierbarkeit im Rahmen zukünftiger Forschungsarbeiten sollten diese zukünftige leitfragenorientiert erfolgen, aber nicht einschränkend wirken. Mögliche Gesprächsfragen, um erlebnispädagogische Aspekte stärker im Kurskonzept zu verankern, könnten je nach Kontext sein: » Kletterspezifisch: Wie fühle ich mich nach der Mehrseillänge? Wie würde ich mich aus der Sicht meines Kletterpartners beschreiben? Heute war der Fels, die Sonne für mich…, etc. » die Gruppe betreffend: Über wen aus der Gruppe habe ich heute etwas Neues erfahren? Wie geht es den anderen Personen? Wie können wir gemeinsam den Alltag (Kochen, Spülen,…) optimieren? Welchen Rat habe ich für meine Begleiter (nach dem Einkau- fen, Bouldern,…)? Bin ich ein Macher, Skeptiker oder Mitmacher? etc. In diesem Zusammenhang ist auch die Aufnahme weiterer erleb- nispädagogischer Spiele und Aufgaben anzudenken. Eine weitere Limitation ergibt sich dadurch, dass der Paper Pencil Test zu den pre, post und follow-up Zeitpunkten als online Variante durchgeführt wurde, jedoch Studien Abweichungen der Ergebnisse bei der Durchführung eines Tests mit verschiedenen Umfragemedien berichten (Ward et al., 2014). Die hier durchge- führte Studie führt daher keine direkten Vergleiche von pre, post und follow-up Ergebnissen und den Messungen während der Exkursion selbst durch. Nichtdestotrotz sollen an dieser Stelle möglich Unterschiede bedingt durch Unterschiede des Umfrage- mediums nicht unausgesprochen bleiben. Der explorative Charak- ter der Studie muss zudem betont werden und gefundene Effekte sollten vorsichtig interpretiert werden. Folgearbeiten und eine Erhöhung der Stichprobengröße erscheint zukünftig zur Prüfung der Ergebnisse wichtig. 5. FAZIT UND AUSBLICK Die Ergebnisse der explorativen Studie deuten an, dass eine Kletter- exkursion positive Effekte auf das psychische Wohlbefinden haben kann und daher unter Umständen auch negativen Folgeerschei- nungen der Coronapandemie entgegenwirken konnte. Zugleich hebt sie die Bedeutung hervor, Wohlbefinden in hochschulischen Ausbildungskonzepten im Bereich des Kletterns zu überwachen, um Kursinhalte anzupassen und auf individueller Ebene der Ausgangslage und den Bedürfnissen der Teilnehmenden gerecht zu werden. Aufgrund der Ökonomie der gewählten Kurzversion sowie der wahrgenommenen Akzeptanz bei den Studierenden erscheint das Instrument als Mittel der Erhebung des Wohlbefin- dens während der Kletterexkursion als potenziell geeignet. Um das psychische Wohlbefinden in Echtzeit bestimmen zu können, wäre hierfür eine digitale Anwendung, z.B. auf mobilen Endgeräten, für die Umsetzung in der Praxis anzustreben, um möglichst direkt auf den Zustand der Lerngruppe reagieren zu können. Insgesamt erscheinen intensive individuelle sowie Gruppenreflexionsphasen, Ermöglichung von individuellem Lernen entsprechend dem sub- jektiv empfundenen Wohlbefinden sowie die Ermöglichung eines Stimmungs-, Gedanken- und Eindrucksaustausches, im Rahmen der evaluierten Exkursion als potenziell geeignet, um das Wohl- befinden der Studierenden positiv zu beeinflussen und für dieses Thema zu sensibilisieren. Aufbauend auf dieser explorativen Stu- die sollten weitere Forschungsarbeiten ansetzen. LITERATUR Armstrong, R. A. (2014). When to use the Bonferroni correction. Oph- thalmic & physiological optics, 34(5), 502–508. https://doi. org/10.1111/opo.12131 Becker, P. (1991). Theoretische Grundlagen. In A. Abele & P. Becker (Hrsg.), Materialien. 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Furthermore, the potentials for and the intersections with the sport of handball are clarified and the required per- formance parameters in the areas of technique, tactics, physical and mental factors are addressed. The article concludes with a perspective on the necessary establish- ment and implementation processes that are considered necessary for such a new game idea in order to exploit its potential for the various social groups. ZUSAMMENFASSUNG Der Artikel beschäftigt sich mit einer neuen Ballsportart namens „QATCH“, welche aus der Teqsport-Familie hervorgegangen ist. QATCH eignet sich sowohl als alter- native Trainingsform für den Handballsport aber auch als eigenes „hybrides Rück- Wurfspiel“ in unterschiedlichen Kontexten wie Verein, Schule, Hochschule oder im öffentlichen Raum. In dem Artikel werden zunächst die geschichtliche Herkunft und die Entstehung des Spiels beschrieben. Im Anschluss gibt es einen Einblick sowohl in die Spielregeln als auch in den spieltaktischen Ablauf. Es werden die Potentiale für und die Schnittmengen mit dem Handballsport verdeutlicht und die benötigten Leis- tungsparameter in den Bereichen Technik, Taktik, Kondition und mentale Faktoren thematisiert. Abgeschlossen wird der Artikel mit einem Blick auf die notwendigen Etablierungs- und Implementationsprozesse, die für eine solche neue Spielidee als notwendig erachtet werden, um das Potenzial für die unterschiedlichen gesell- schaftlichen Gruppen auszuschöpfen. 1. INTRODUCTION Nowadays, we take it for granted that new sports are emerging all around us, all over the world. The primary message of this process is that humans constantly work on creating something new, so- mething that they enjoy in both a performing and spectating role. Among the wide range of sports, sports games, or team sports as they are more com- monly known, tend to be high on people's populari- ty lists. Traditional sports such as football, handball, basketball, ice hockey or volleyball are becoming part of people's everyday lives, across national bor- ders. From physical education at school to the com- petitive form of certain sports, or from watching them on television to personally cheering on the matches in stadiums, we encounter, practice, and enjoy sports in numerous different ways, whether it is for our own interests or as a means of social integration. It has been proven time and again that human imagination knows no boundaries. Someti- mes it is enough to change the medium to turn a traditional sport into a new sport. There are many examples of this, but one of the most significant is the change from handball to beach handball. The game of handball was brought "back" from the gym to outdoors, where the ground was changed from parquet to sand, and since then beach handball, and previously beach volleyball, has conquered the world. But why not combine several sports, adap- ting the rules to a new "hybrid" game? This study presents a sporting activity with an educational purpose, which has been designed using a lot of creative ideas. It is a new game, which also contains traditional elements that make it easy to identify the sports it originates from: handball and table tennis. In the development of this game, special use was made of experiences and aspects of the game 31 30 CC BY 4.0 DE Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2)Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) QATCH - A new team sport activity has emerged · Ökrös, Kőnig-Görögh, Binnenbruck of handball. This sporting activity is QATCH, which derives its name from an acronym with the compo- nents faithfully reflecting the mission of the sport: Quality Alternative Training Concept for Handball. 2. THE HISTORY OF TEQSPORTS An introduction to QATCH should start with the development of teqsports. In Hungary, more and more schoolyards and sports clubs have so-called Teq tables, which look like vaulted table tennis tables. The most famous and widespread use of the table is through teqball and para-teqball, in which the ball is played according to soccer type rules. However, four other sports and three other para-sports can also be played on this specially shaped table. All these sports are grouped under the term "Teqsports", and although they can all be played on the Teq table, their specific rules are very different. Another common feature is that in the development of each of these five sporting activities, the traditional ball games they originate from can be clearly identified. The Teq table as well as the related sporting activities are Hungarian sports innovations, which were created by Viktor Huszár, György Gattyán and Gábor Borsányi. The development of the Teq table can be traced back to foot-tennis, which the inventors often played on a table tennis tab- le in their free time. Due to the ball bouncing off the horizontal surface in an unfavo- rable way, the need to create a new, ideal table materialized. Of course, this required serious engineering and design work, as the table top had to have an appropriate inclination angle and curve so that continuous play could be realized. It had to be shaped for many years, until finally the production of the first prototype began in 2012. In recent years, several different types of Teq-table have been created, which have been rewarded with various domestic and international awards. Of all the sporting activities that can be played on it, teqball is the best known, its popularity far exceeding all other sporting activities within the “teq family" (Figure 1). It is well known that athletes are generally less skillful with their feet than with their hands, so you might think that a serious level of training is required to play teqball successfully. Surprisingly, however, experience has shown that anyone who can juggle a ball with both feet for a few seconds can play teqball at a basic level. Naturally, for those who aspire to a higher level, this preparation will be insufficient. The other teqsports have also been making slow and steady progress, but their full development is still to come. Teqvoly (Figure 2) incorporates the movements used in volleyball, while teqpong draws on the technical repertoire of table tennis (Fi- gure 3) and teqis draws on several other racquet sports, notably tennis (Figure 4). Fig. 1: Teqball (Teq sports) Fig. 2: Teqvoly (Teq sports) Fig. 3: Teqis (Teq sports) QATCH - A new team sport activity has emerged · Ökrös, Kőnig-Görögh, Binnenbruck Fig. 4: Teqis (Teq sports) What the other two sports have in common is that players use a racket in addition to a ball and a table. Apart from that, they have quite a lot in common with other teqsports rule systems. The fivth member of teqsports is QATCH (Figure 5), which will be the main focus of the chapters below. Fig. 5: QATCH (Teq sports) In each teqsport, different levels of competitions are organised both in Hungary and abroad, from small challenger cups to world championships. The first QATCH world championship was held in Hungary in 2020, where the Hungarian trio of Tamás Zöldy, László Széles and Gábor Pálos (Figu- re 6) won the gold medal in the final (Teqsports, 2020b). 3. GENERAL CHARACTERISTICS OF QATCH QATCH is in many ways a very special member of teqsports. Its name itself is different from the other sporting activities played on the Teq table, as it does not have the term “teq” in its name. It also differs significantly from teqball, as is indisputable due to the difference in the use of the feet and the hands. Although not in its written form, there is a similarity in pronuncia- tion and meaning with the English term "catch", as QATCH also refers to the ways of catching and possessing the ball used in handball. Of course, the basic idea of the game originates from net games, but it is reasonable to draw a parallel bet- ween QATCH and handball, because the technical elements, tactical approaches and rule system of handball provided the basis for the development of QATCH. If these characteristics are not enough proof of the uniqueness of QATCH for everyone, the fact that QATCH alone features three players against three opponents on the playing field at the same time is certainly a decisive factor. Furthermore, the two teams play in a mixed for- mation of attacking and defensive roles on the field, which means that players on both sides are playing in a 2-on-1 situation (Figure 7). No direct physical contact is allowed between the players, i.e. you are not allowed to touch your opponent, let alone fouling them. This rule makes QATCH - supplemented, of course, by other safety rules - much safer than handball. In handball, many injuries are caused by kicks and punches (Vila et al., 2022), which is unimagina- ble in QATCH. Notwithstanding the fact that the players cannot touch each other, the defender’s presence and defensive activity constantly make the attackers think and solve problems. This ma- kes it even more difficult to solve the situations given during the game. This gives the attackers an artificially designed, permanent superiority in numbers, which is advantageous for them, but the rules also give the defenders a good chance to score. In handball, a shot on goal is aimed at a vertical 2x3m surface, whereas in QATCH the aim is to hit a smaller (1,5x1,5 m over 17cm net) and almost horizontal surface. The main aim of the game is for teams to score as many points as possible against their opponents and reach 12 points as quickly as possible. There are different ways to score, since whether you are in an atta- Fig. 6: Hungarian trio of Tamás Zöldy, László Széles and Gábor Pálos (Teq sports) 32 33 CC BY 4.0 DE Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2)Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) QATCH - A new team sport activity has emerged · Ökrös, Kőnig-Görögh, Binnenbruck cking or defensive role, the option is open in both major tactical areas. One game is played until 12 winning points, and a set is won by winning two games. Depending on the competition format, a team’s final victory requires winning one or more sets. The game is supervised by two referees, positioned at the centerline on either side of the Teq table. Their task is to clarify the awarding of points by using conventional hand signals and verbal explanations (QATCH TV, o.J.). 4. BASIC RULES OF QATCH 4.1 Court dimensions We distinguish between playing field, Teq table and lines. The playing field is a 15x14 up untill 20x20 meter area, and the Teq table is located in the middle, with parameters shown in Figure 8. The peculiarity of the Teq table is the curvature of the playing surface, which is 76 cm at the high- est point in the middle without the 14 cm high net and only 56.5 cm at the lowest point on both sides. One of the novel and diverse features of QATCH is that, although there is a Plexiglas "net" separating the attacking/defending table sides, there are attackers and defenders on both sides of the playing field. A special line system sur- rounds the table. The baselines, parallel to the shorter sides of the table, are drawn at a distance of 2.5 metres from and at the same length as the table. The centreline runs under the table, in line with the "net", perpendicular to the longer sides of the table. The sidelines are marked as follows: a line is drawn from a point on the centreline 3.5 metres from the edge of the table to the nearest end of one of the baselines, which is marked on both sides of the table and the sides (Figure 9). Fig. 8: Teq table with parameters (Teq sports) Fig. 9: QATCH court (Teq sports) Fig. 7: 2-on-1 Situation (Teq sports) QATCH - A new team sport activity has emerged · Ökrös, Kőnig-Görögh, Binnenbruck 4.2 Play with the ball In QATCH, the rules allow holding the ball for 3 seconds. During possession, the rules also allow the player holding the ball to take up to 3 steps or jump up with it. This is important in gaining momentum for returns and passes. Dribbling a ball once or more times is not allowed. The game starts with an opening throw, which must be taken from behind the baseline by the defender, with the ball thrown to the other side of the Teq table bouncing once before being touched by a teammate of the defender. The opponent's defender must remain behind the baseline until the ball is touched by one of the attackers receiving the opening throw. After the opening throw, the two attackers must make at least one pass before returning the ball. How- ever, attackers are restricted to a maximum of three passes within one possession. So, the tactical approach on offense has to be adjusted accordingly, as the ball must be returned after the third pass. With the exception of the opening throw, the aim of all returns is for the ball to reach the other side of the Teq table in such a way that the opponents cannot catch it after the bounce, i.e. the ball should bounce twice on the table or bounce on the ground or out of the playing field after the first contact with the table. Players can use different types of returns, which are subject to strict rules. One of the most important rules when returning the ball from the ground is that both feet of the thrower must remain outside the lines during the return until the opponent catches the ball or a point is scored (Figure 10). Fig. 10: Both feet of the thrower must remain outside the lines during the return (Teq sports) Fig. 11: Air shot (Teq sports) The same applies to jump shots, as the player has to jump up from behind the lines and land outside the lines, therefore the player is not al- lowed to jump into the area within the lines. The player may only land inside the lines after an air shot or volley shot, where the ball received from the teammate is caught in the air by the thrower jumping from behind the lines and returning be- fore landing (Figure 11). After landing, because of the momentum, care must be taken not to touch or cross the ac- tual or the vertical imaginary center line or touch the table. In these cases, even if the return is successful, the point is awarded to the opponent (Teqsports, o. J.). 5. THE TACTICAL BEHAVIOR IN QATCH As in all “ball-games”, depending on which team is in possession of the ball, we can talk about of- fensive and defensive sides. So each player has both offensive and defensive duties, depending on which team has the ball. The two attackers are allowed to move "freely" on their own side of the playing field, both inside and outside the line system for better positio- ning. They must respect the previously menti- oned 3 steps and 3 seconds and are not allowed to dribble the ball or even bounce it once, but bounce pass is allowed on the floor or table, up to the maximum of 3 times, of course. In QATCH, two clearly distinct defensive tasks may be identified, with the position of the play- ers on the playing field determining which one they have to perform. On the side of the playing field where the defender is alone, his/her role is to distract the opponents. The blocking defender, similarly, to handball, is a serious hindrance al- ready during preparation for an offensive action, as one of his/her important tasks is to prevent the attacking players from passing and thus to hinder the attackers in developing the best possible positioning and in building an attack. In addition to his/her defending activity, another important task is to block the opponent's shot to prevent a successful return on the other side of the Teq table (Figure 12). The other type of defensive task is perfor- med by his/her teammates (the attackers) on the other side, after the opponent has retur- ned the ball and the ball has bounced on the table. However, it is advisable to anticipate the opponent's intentions from the opponent's passes and positioning taken before shooting, as this will significantly increase the chances of the receiving players successfully catching the ball after it has bounced on the table. The defender is free to move within his/her side of the playing field when the attackers are in pos- session of the ball. He/she may start defending 34 35 CC BY 4.0 DE Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium: Zufriedenheit und gewünschte Zusatzangebote André Poweleit, Jeannine Ohlert ORIGINALIA › PEER REVIEW Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2)Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) QATCH - A new team sport activity has emerged · Ökrös, Kőnig-Görögh, Binnenbruck after one of the attackers has touched the ball. An important rule is that the defender must not prevent the attackers from catching the return. As mentioned above, this defensive activity is limited to blocking the passes and the shots. The defender may use his/her hands and feet in both activities, so the technical elements of QATCH include the same movements as those of a hand- ball goalkeeper. The rule is that if the defender catches the ball or touches the ball in such a way that it bounces on the ground at least twice or lands outside the playing area, the defenders’ team receives the point. 6. THE POTENTIAL OF USE OF QATCH IN HANDBALL PLAYERS` TRAINING In QATCH, a number of movement sequences are recognizable that are also significant in the sports game of handball, both in attack and defense (Qatch TV, 2021). In QATCH, off-the- ball movements become more important in at- tack, as the time to hold the ball is limited and the freedom of movement with the ball is also severely restricted by the lack of dribbles. The ability to cooperate is of paramount importance, as is most evident in the positioning and thus the timing of the attack. In addition to dealing with the opponent, the ability to anticipate also inevitably helps players in "understanding" their teammates. A comparison of attacking in handball and the game situations in QATCH easily reveals the similarities. The attacking and defending actions in QATCH are an excellent model for numerous technical and tactical elements of handball, especially in individual attacking (catching, passing, hitting-, jumping- and airshots), defending actions (blocking, intercepting passes) and in the cooperation between two players in a standard 2-on-1 situation. This is particularly salient in 6-0 defense phase of the game, also called “organised defense”. Based on research, these situations ta- ken from the game of handball represent similar external and internal stresses for QATCH players (Ökrös, 2020). These small tactical units are also widely used in tra- ditional handball training, such as the teaching method called "small sided games" (Harrington, 2017), where a 2 vs 1 game situation is practised in a confined area on a designated section of the goal line. But from another perspective, the same ap- plies to the work done by defenders. In QATCH, by deliberately eliminating physical contact from the game, the emphasis has been on footwork and the activity of the arms. This is to emphasise the improvement of “clean” defensive work, i.e. work that is primarily aimed at intercepting the ball. This offers several valuable contents, on the one hand, for those who play competitive handball alongside QATCH, as their defensive core attitude also improves. On the other hand, QATCH can also be played in a co-educational format or in mixed teams, as differences in stature or physical ability do not pose the risk of injury to the girls. In competitive contexts, however, mixed teams of men and women are not advisable, as boys are superior to girls in every way for the same age and handball experience. The automated recognition and application of the rules of the game during play is of paramount importance. Understanding and the smooth implementation of the rules greatly support the execution of technical elements and the speed and quality of tactical decisions. The most definitive evidence of this is when players without handball background who have been playing QATCH for a year, perform fewer mis- takes and easily beat handball players who are playing this game for the first time, but have considerably more experience in handball. Fig. 12: Block the opponent's shot (Teq sports) QATCH - A new team sport activity has emerged · Ökrös, Kőnig-Görögh, Binnenbruck 7. RECOMMENDATIONS FOR TEACHING QATCH This section sums up the experiences that may be taken into account to make QATCH education more effective. For this purpose, the performance parameters are grou- ped into technical, tactical, physical and mental aspects. 7.1 Key elements of technical training The direct shot or return from different positions (left, right or center) is the outstan- ding element in QATCH, as it leads to direct winning points. The power, biomecha- nical properties, and angle of impact of the returned balls (shots) by attackers have the most important role in scoring. As the size of the playing field is rather limited, balls that bounce off the table in a way that they leave the playing field result in a point for the attackers. Thus, both the angle of incidence and the bounce angle should be high, and the power of the shot should be close to the maximum. A higher angle of incidence can only be achieved by a jump shot, the most favourable being an air shot, as in this case the rules also allow you to approach the table on the way down. For this reason, the air shot is of great significance, because although it does not result in two points, unlike in beach handball (International Handball Federation, 2021), it allows the player to jump closer to the table, which results in a better ver- tical shooting angle. You can aim better and hit the ball harder from closer, and the time in the air also gives you more variation – more room to maneuver – in shooting. You can jump up from anywhere outside the line system and land outside the lines, but only on your own side, and you must not even touch the table or the centerline. If one of the attackers sets up an air shot by his/her partner, and the team still has a chance to pass the ball, the partner who jumps up in the air can still decide to land inside the line and pass the ball back to his/her partner, or even set up an air shot. Before the 2-1 attacking situation, the attackers in their catcher- or defensive role need good catching techniques of hard, high and long shots, but also of short balls, some of which have spin on them. The curvature of the table is one of the special features here and often makes it unusually difficult to correctly assess the course of the ball, which differs from that of a purely horizontal table. In the further course of the game, good passing techniques including their respective feints are needed, as well as techniques to get open without the ball in a 2-1, as described above. The defender needs blocking techniques for direct shot defense, which can go as far as goalkeeping techniques, since they are allowed to defend the ball with all extremities. They can also use all parts of their body to play out the ball when dis- rupting the passing game, but they must observe the absolutely disembodied game as well as the only permitted defending in their half of the game. 7.2 Key elements of tactical training The rules of the game are designed to require all players to play all positions. After four opening throws from each team, for a total of eight game sequences, the roles of the three players rotate. This prevents players from arbitrarily choosing between offensive and defensive roles, as all the players must share the tasks equally and show proficiency in both offensive and defensive activities. The higher the level of QATCH and the more competitive it is, the more the boundaries between the diffe- rent roles become blurred, but it still remains perceptible who is more successful in setting up attacks and who is more successful in finishing or defending. In taking shots, the laterality of the players (in other words, which hand the player uses for shooting) plays a significant role. That is exactly why, similarly to traditional handball, it is advantageous to involve left-handed players, but in this case their roles are exactly the reverse: a left-handed player is better off attacking on the left-side, and the right-hander on the right-side. The exception to this is the air shot, where it is easier to receive the ball if it comes from the side of the shooting arm. The essence of the attacking tactic is to create a clear "shooting" situation for one player, free from the defender, to allow the attacker to decide on the technique and the force used to throw the ball, and on the part of the table they wish to aim at. Since after catching the return at least one pass is always mandatory, efforts should be made at creating a favourable situation after the first or at the latest after the second pass, for an attempt at scoring with a realistic chance. The defender is often in the way of the pass, which can be circumven- ted by a soft, high arching pass, which, although slow, can also be used to prepare for a finish from an air shoot. The attacking tactics is predominantly perfor- med by maintaining position, i.e. players usually do not leave their starting positions (side). This is mainly due to the fact that the defender usually concentrates on retrieving the ball passed bet- ween two attackers. If the defender is closer to one of the attackers as in marking, and follows him everywhere, the attackers have to use wider, more distance-covering movements, which can be solved by leaving the position, possible cross moves and exchanges of positions. The defender’s work should be divided into two different tasks, as they differ in requirements if the player is a defender or if two players are receiving the return on the other side of the play- ing field. The defender is supposed to cut off the passing angles, preferably forcing the attackers to make a curved or bounced pass and blocking the return to the other side of the table. It is an unconcealed tactical intention for the defender to get a point to his/her team at this stage of the game by stopping the opponent's attack. On the other side, his/her teammates only have a de- fensive role during the return. During positioning and passing, and when taking into account the actions of their defender teammate, the atta- ckers should calculate the expected path, angle, curvature and power of the return before and af- ter the bounce. The attackers can anticipate the- se factors from the opponent's movement, body position, holding the ball, shooting motion, etc., but it can also make a difference if the attackers are familiar with the habits and deceptions of the shooting player. During defense, the quality of cooperation is most perceptible in the way the players divide the possible shooting lanes and di- stances between them: one player moves closer to the table for the soft, short spin shots (Figure 13), while the other player moves away from the table for the harder, stronger shots that bounce further (Figure 14). For the time being, the rules are clear on how the roles are formed, but as the game pro- gresses, practice will quickly provide an answer to who is strong in which activity within a team. This is the basis of the tactics at the moment, because if it is known who the better finisher is in the current attacking pair, the defending activity in the defensive tactics can be planned accordingly. Another tactical option is to force the attacker to do what is not his/her strength, i.e. when he/she is more likely to make a mistake, in different types of returns. For example, if he/ she is more successful at softer, spin shots, both defenders will position themselves closer to the table, offering a hard shot. 36 37 CC BY 4.0 DE Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2)Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) QATCH - A new team sport activity has emerged · Ökrös, Kőnig-Görögh, Binnenbruck 7.3 Developing physical skills In general, anthropometric data, and in parti- cular height and limb length, play an important role in the success of any ball game (Schwesig et al., 2017). Naturally, this alone is no guarantee of success, but if combined with dynamic muscular power in the legs and shoulders, the chances of a successful shot in QATCH are increased. The basic principle that instead of the muscles involved in the execution, it is the movement that needs to be improved is also true for the development of power in QATCH players (Uljevic et al., 2011). Just as in handball, without building up the muscular bundle surrounding the spinal column, i.e. wit- hout the adequate strength of the trunk muscles, neither jumping power nor shooting power can be developed effectively (Kibler et al., 2006). Flexibility and shooting power are areas of conditioning training that should be emphasised in this respect, but it should be remembered that they are worthless wi- thout sufficient attention to the improvement of the associated coordination skills. Among the coordination skills, kinaesthesia, spatial orientation and dynamic balancing are very important, because the player has to control his/her movements in both offensive and defensive situations through continuous, multi-perspective relationships (Labib, 2014). Fast to get open movements without the ball, passing and throwing feints, dynamic shots with variable targets, throwing angles, speeds and rotation require good coordination skills. The timing and accuracy of the passes focus on the activation of the fine motor units, while the optimum generation of power transmission during returns ensures the accurate execution of the kinematic chain of throws by activating the motor units in sequence (Van den Tillaar, 2016). Fig. 13: Cooperation in the defence (Teq sports) Fig. 14: Catching harder, stronger shots that bounce further (Teq sports) QATCH - A new team sport activity has emerged · Ökrös, Kőnig-Görögh, Binnenbruck 7.4 The basics of mental preparation Preparing QATCH players requires the same careful and comprehensive work as in any other sport. So far, the focus has been placed on the various elements in training athletes, and no mention has been made of the significance of mental and psycho- logical skills. One can start from the basic premise that the stability of a competitor is like a three-legged stool: one leg is the "professional" pillar (technique, tactics), the second is the "conditioning" pillar and the third one is the "psychological" pil- lar. Either two can be stable, but without the third one, any "chair" will tip over and become useless (Teodor & Claudiu, 2013). Since the attainment of knowledge suitable for achieving high performance is regardless of the sport, it is safe to say that in QATCH, too, the extent to which players' decisions made in crunch time si- tuations are close to the optimum is a significant performance determinant. This is why it is important to create a training environment that is close to the atmosphere of a competition for athletes. The essence of practice including competition for a stake is that the result of a completed task has a consequence. We can create such situations by making the exercises and games competitive, where we can reward and/or punish in a winner-loser relationship. Of course, basic personality traits and whether someone is "success-oriented" or fears failure play a crucial role in how much their competitive ability can be developed and what level of achievement they are predisposed to. 8. EPILOGUE This article shows that QATCH has a past and a present, but there are many questi- ons about its future. QATCH can develop into a great, innovative ball game that can be excellently integrated into the training methods of handball (as a basic sport). It may also have the potential to become high-quality and competitive as a stand alone sport. Whatever its "fate" as a trend sport is, it has already contributed to universal sporting culture, but hopefully this is just the beginning. Establishing and implementing a trending game requires activity at many levels. connections, QATCH has already been introduced at the German Sport University Cologne and the University of Münster, and two Qatch Challenger Cups were held 2020 and 2021 in Germany for the first time. (Teqsports, 2020). In order to give QATCH more and more im- portance also in the education of sports teachers and in the further course in physical education at schools, solutions were developed with which QATCH can also be played and taught in schools in simplified game situations without defenders. For this purpose, alternatives for the game idea of QATCH were also developed, for which Teq tables are not necessarily needed (Binnenbruck, 2022; Figure 15 and 16). Internal teacher training sessions with sports subject conferences were held at schools (Elsa- Brändström-Realschule, 2022). By publicizing the game idea of QATCH, the many table tennis tables in the fresh air in schoo- lyards and playgrounds can be revitalized. It is necessary in the future also to train handball coaches with QATCH contents specially. to clarify the ambition to make QATCH an inde- pendent sport. First attempts on the highest Eu- ropean coach level (EHF Mastercoach education) (Teqsports, 2021) have been as successful as with coaches at the lower performance level (Hand- ballverband Westfalen). The beach (sand) version of QATCH (Figure 17) is also becoming more popular, so Beach- QATCH is a new option for beach sport enthusi- asts. We hope that beach QATCH will become po- pular in countries where the climate is suitable for outdoor play most of the year. Fig. 15: Game alternative with gymnastics benches (Axel Binnenbruck) The first research results on QATCH were presented at the EHF scientific confe- rence in Cologne, Germany in 2019 (Ökrös, 2020). Studies are underway to monitor the technical and tactical aspects of match performance, and opportunities to teach Qatch are continuously being developed. An important step in this process has been the creation of a so-called "Training Book", which contains specific QATCH exercises and is structured according to age and skill level. In addition to the thematic explana- tion and the corresponding illustrations, videos of the exercises were also produced (Teqsports, o.J.). The dissemination and expansion of this sporting activity must take place on multiple fronts, and for several years it has been included as a separate subject in the curricula of the bachelor's and master's degree programs launched by the Hungarian University of Sport Sciences, for the time being in a more recreational approach. Above that, students at the university write their thesis on a QATCH topic. Most of them choose match analysis, and it often happens that their results are pre- sented at different scientific student conferences. Through international university 38 39 CC BY 4.0 DE Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2)Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) QATCH - A new team sport activity has emerged · Ökrös, Kőnig-Görögh, Binnenbruck Fig. 16: Game alternative with a ping pong table and headis net (Axel Binnenbruck) QATCH - A new team sport activity has emerged · Ökrös, Kőnig-Görögh, Binnenbruck Axel Binnenbruck is a qualified sports teacher and A-license handball coach. Since 2006, he has been working as a lecturer for special tasks at the Institute of Sports Science at the University of Münster, where he is the module repre- sentative for the area of sports games. Dr. Dóra Kőnig-Görögh Physical education and healthy life teacher, handball coach, researcher, thesis supervi- sor. Assistant lecturer at the Károli Gáspár University of the Reformed Church in Hungary (Faculty of Pedagogy) since 2019. Head coach responsible for under 14 age handball teams at KSA since 2018. Main research area: movement habits of young Hungarians. Dr. Csaba Ökrös Physical education teacher, handball coach, EHF Master Coach, researcher, PhD supervisor, full-time lecturer at the Univer- sity of Physical Education (and its subse- quent legal successors) since 1996, head of the University's Department of Sports and Games and member of its Senate since 2015, director of the Sports Institute between 2021-2022 , from 2022 General Deputy Rector. Literatur Binnenbruck, A. (2022). Qatch: Ein neues Wurfspiel an einem speziellen Tisch. SportPraxis, 63(5), 50–53. EHF (Hrsg.). (2020). Handball for Life: 5th EHF Scientific Conference 2019. Elsa-Brändström-Realschule. (2022, Jun 21). Zwei Qatch-Experten bei der Eliteschule des Sports in Es- sen. 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Kommentar zu Poweleit und Ohlert · Schürmann Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus. Kommentar zu Poweleit und Ohlert KOMMENTAR ZUSAMMENFASSUNG Jedes Universitätsstudium, und so auch das Lehramtsstudium, ist per Definition eine wissenschaftliche Ausbildung. Deshalb macht es guten Sinn, Lehrveranstaltungen zum wissenschaftlichen Den- ken und Arbeiten zu integrieren. Solche Techniken und Methoden zu beherrschen, macht aber allein noch keinen wissenschaftlichen Habitus aus. Ein solcher Habitus bildet sich auch, wenn er sich denn bildet, in allen anderen Lehrveranstaltungen heraus, die wissenschaftliches Denken und Arbeiten nicht explizit zum Thema haben. Solche Techniken und Methoden sind auch nicht nur nötige Hilfsmittel, um ein Studium erfolgreich zu absolvieren. Vielmehr liegt in der angezielten Bildung eines wissenschaftlichen Habitus das Versprechen, dass die spätere berufliche Lehrtätigkeit an der Schule im Geiste der Wissenschaft anders (und besser) abläuft als im Geiste rein gewohnter Erfahrung. Der Beitrag ist daher ein Plädoyer, die Bildung eines wissenschaftlichen Habitus als das or- ganisierende Zentrum jedes (Lehramts-)Studiums zu kultivieren. Poweleit und Ohlert (2023) legen verdienstvoller Weise eine ers- te empirische Erhebung zur Zufriedenheit von Studierenden mit Lehrangeboten zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten im Lehramtsstudium vor. Im Abschnitt 4. Diskussion und Ausblick ma- chen sie auf dieser Grundlage erste Vorschläge für eine konzeptio- nelle Weiterentwicklung dieser Lehrangebote und für ergänzende Angebote. Pragmatischer und naheliegender Weise konzentrieren sie sich dabei auf die direkten Lehrangebote zum wissenschaftli- chen Denken und Arbeiten sowie auf ergänzende Unterstützungs- angebote für Studierende, und zwar im Hinblick auf die „Prozesse“ der wissenschaftlichen Tätigkeit (ebd., S. 16), genauer auf die Techniken des wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens. Demge- genüber möchte ich den Blick auf mögliche Konsequenzen für die anderen, die ›normalen‹ Lehrveranstaltungen richten, in denen solche Techniken nicht direkt, sondern implizit vermittelt werden. Zudem nehme ich die Perspektive eines Lehrenden, nicht eines Studierenden ein. ZUR BILDUNG EINES WISSENSCHAFT- LICHEN HABITUS Erklärtermaßen betten sich die Prozesse des wissenschaftlichen Denkens und des wissenschaftlichen Arbeitens in die Bildung eines „wissenschaftlich-reflexive[n] Habitus“ bzw. einer „Grundhaltung“ ein (ebd. 16). Bei Kleinert und Pels (2020), auf die sich Poweleit und Ohlert u.a. beziehen, ist dieser Punkt noch deutlicher, da dort explizit drei Momente unterschieden werden: „Wissenschaftlich- keit setzt sich aus (1) einer wissenschaftlichen Grundhaltung sowie (2a) wissenschaftlichem Denken und (2b) wissenschaftlichem Ar- beiten zusammen“ (Kleinert & Pels, 2020, S. 31). Nimmt man diese Dreiheit ernst, dann heißt das: Jemand kann die Techniken des wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens sehr gut beherrschen, aber das allein sichert weder die Bildung eines wissenschaftlichen Habitus noch sichert es, einen ggf. in wissenschaftlicher Tätigkeit gebildeten Habitus auch außerhalb dieser Tätigkeit, also etwa im Alltag oder als Lehrende*r im Schulunterricht, an den Tag zu legen. Hier liegt der Bezug zu den anderen Lehrveranstaltungen: Jene Dreiheit bedeutet auch, dass sich ein wissenschaftlicher Habitus, falls er sich denn bildet, nicht nur und auch nicht zwingend durch das Lernen und Einüben von Techniken des wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens bildet. Genauso wichtig dürfte dafür die Art und Weise sein, wie man in gewöhnlichen Lehrveranstaltungen wissenschaftliche Inhalte gelehrt bekommt und selbst lernt. Hier entspringt die Vermutung, dass Lehrende mit ihrer eigenen wis- senschaftlich-reflexiven (Un-)Haltung ein Vorbild für die Bildung studentischer Haltungen sind (vgl. Poweleit & Ohlert, 2023, S. 17). Wir alle sind vermutlich mit den Fällen vertraut, in denen gutes Beherrschen von Techniken und Methoden noch keine reflexive Grundhaltung ausmachen: Wer gut gelernt hat, wissenschaftliche Literatur zu recherchieren und zu beurteilen, muss das noch lange nicht bei der Lektüre der Boulevardpresse praktizieren. Wer gut gelernt hat, wissenschaftliche Literatur zu beurteilen und den eige- nen Unterricht gut zu planen, der oder die kann das in indoktrinie- render Weise einsetzen, also im Anliegen, dass die Schüler*innen die ihnen vorgelegten Texte genauso beurteilen sollen wie man selbst. Wenn jemand die Techniken des Zitierens und Bibliogra- phierens in Perfektion lernt, muss das kein reflexiver Habitus sein, sondern es kann auch das Verhalten eines Regelbefolgungsauto- maten sein. Jene Dreiheit, also die relative Eigenbedeutsamkeit von Habi- tus gegenüber den Prozessen des wissenschaftlichen Denkens und des wissenschaftlichen Arbeitens, ist exakt der Grund, warum hier überhaupt von Habitus die Rede ist, und macht aus, was Haltung bedeutet (vgl. Guthoff & Landweer, 2010). Haltung bedeutet eben die Haltung, die Art und Weise, wie man einen Prozess perfekt oder weniger perfekt vollzieht. Beim gewöhnlichen Tun gibt es diesen Unterschied zwar auch, aber er verschwindet sozusagen. Eine Haltung wird dann sichtbar, wenn sie sich ›bewähren‹ muss – wenn es in einer Lehrveranstaltung scheinbar einfacher und „ziel- Volker Schürmann Schlüsselwörter: Sportstudium, Lehramt, wissenschaftliches Arbeiten, Habitus, Reflexion Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus. Kommentar zu Poweleit und Ohlert · Schürmann führender“ ist, nur die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie zu referieren, nicht aber den Weg, den methodos, auf dem diese Ergebnisse gewonnen wurden. Eine wissenschaftliche Haltung zeigt sich dann darin, es trotzdem zu ›erschweren‹ und auch den Weg zu den Ergebnissen zu referieren. Eine Haltung gebildet zu haben, hat damit eine sachliche Nähe zu dem, was wir auch „Rück- grat“ nennen. Das mit Haltung synonyme Wort Habitus macht demgegenüber eher kenntlich, dass eine Haltung eingeübt und zur Gewohnheit, zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Für das, was gemeint ist, kommt es selbstverständlich nicht auf eine bestimmte Theorie (etwa die von Bourdieu) und auch nicht auf das Wort an. Die Olympische Charta beispielsweise nennt es „philosophy of life“, also eine Haltung im Leben zum Leben. Diese sachliche Dreiheit, also die Eigenbedeutsamkeit von Ha- bitus, hat die für die wissenschaftliche Lehre ›unangenehme‹ Kon- sequenz, dass eine solche Haltung nicht ausgebildet werden kann – sie bildet sich um, oder sie bleibt wie sie gerade ist. Lehrende können den Studierenden keinen bestimmten Habitus beibringen, denn so etwas ist nicht herstellbar.1 Wäre ein Habitus herstellbar, wäre ein Regelbefolgungsautomat nicht von einer Person mit reflexiver Grundhaltung unterscheidbar. Deshalb muss die Formu- lierung auch schärfer sein: Es spricht viel Erfahrung dafür, dass es nicht recht gelingt, bei anderen einen wissenschaftlichen Habitus herzustellen; aber viel wichtiger und entscheidender ist, dass man einen solchen Habitus nicht herstellen wollen soll und darf. Die Bildung eines Habitus ist Selbst-Bildung – oder sie ist nicht Bildung, sondern Dressur. Das exakt meint Freiheit, Mündigkeit, Selbstbe- stimmtheit der Lernenden. Deshalb ist die Bildung eines Habitus eine Umbildung: Eine Haltung zur wissenschaftlichen Tätigkeit kann man nicht nicht haben – und sei es die der Gleichgültigkeit oder die eines Fähnchens im Winde. Aber nicht jede Haltung zur wissenschaftlichen Tätigkeit ist schon eine wissenschaftliche Hal- tung. Deshalb ist es das Anliegen wissenschaftlicher Lehre, die je schon eingenommenen Haltungen zu einer wissenschaftlichen Haltung zur Wissenschaft umzubilden. Das Hauptcharakteristikum einer solchen Haltung dürfte sein, um die grundsätzliche Perspek- tivität von Wissenschaft zu wissen und diese Einsicht ›zu leben‹. Es geht dann um jenes schon benannte ›Erschweren‹ von Sachlagen, indem transparent gemacht wird, dass jede wissenschaftliche Ana- lyse eine begründete Antwort auf eine Frage ist, die auch – durch andere Anlässe, Theorien, Methoden, Zwecksetzungen – anders begründete Antworten zulässt. Es könnte ein Qualitätskriterium von Lehrveranstaltungen sein, ob und wie es gelingt, gemeinsam miteinander je individuell ein solches wissenschaftliches Rückgrat zu bilden. KOMMENTAR ZU POWELEIT UND OHLERT Dass Poweleit und Ohlert (2023) aus pragmatischen und gut nach- vollziehbaren Gründen die Einbettung der wissenschaftlichen Tä- tigkeit in einen Habitus zwar benennen, aber nicht in der Klarheit als eine Dreiheit herausstellen, hat einen gedanklichen Preis, den 1 Das Problem ist alt und lange bekannt. Schon Platon thematisierte, ob gute und anzustrebende Tugenden lehrbar sind und beantwortete diese Frage „nicht mit einem klaren ›Ja‹" (Stemmer, 1998, Sp. 1537). ich im Folgenden herausstellen möchte. Dabei geht es mir nicht um Kritik an diesem Text – es gibt dort, wie schon zweimal gesagt, pragmatische und gut nachvollziehbare Gründe. Vielmehr dient der Text als eine Art Sprungbrett. „Mit dem Ziel eines akademischen Abschlusses ist nicht nur eine methodisch-didaktische, sondern auch eine wissenschaftli- che (Aus-)Bildung von Bedeutung“. Dieser Satz findet sich gleich zu Beginn der Einführung und Problemstellung (Poweleit & Ohlert, 2023, S. 16). Jeder und jede versteht, was gemeint ist, und jeder und jede versteht auch die Berechtigung der dort vorgenommenen Unterscheidung. Und doch drängt sich bereits hier die Nachfrage auf, ob denn nicht auch die methodisch-didaktische (Aus-)Bildung eine wissenschaftliche (Aus-)Bildung sein soll oder muss. Das ist, zugegeben, etwas kleinkariert, denn der gesamte Text bekundet schließlich, dass es so gemeint sei, und dass es sich lediglich um „eine analytische Trennung“ handele, wie man dann so sagt. Auf der nächsten Seite (ebd., S. 17) findet sich dann allerdings ein kla- res einerseits/andererseits. Dort neigt die analytische Trennung de facto schon zu einer Unterscheidung zweier verschiedener Dinge: „ein pädagogisch-praktisches Können“ einerseits, „eine wissen- schaftliche Reflexivität“ andererseits. Auch dort fallen diese bei- den Aspekte nicht einfach auseinander, da sie dort als zwei Aspek- te „einer doppelten Professionalisierung“ thematisiert werden. Gleichwohl macht sich hier geltend, dass im Text lediglich eine doppelte wissenschaftliche Tätigkeit – wissenschaftliches Denken und wissenschaftliches Arbeiten – thematisiert wird, nicht aber eine Dreiheit von Habitus, Denken und Arbeiten. Es ist eben kein „doppelter“, sondern ein Habitus, der Denken einerseits und Ar- beiten andererseits „ständig wechselseitig miteinander verknüpft“ sein lässt (Kleinert & Pels, 2020, S. 32; zit. b. Poweleit & Ohlert, 2023, S. 16). Ob dieses Insistieren auf dem Unterschied von drei Momenten eines Sachverhalts und zwei Aspekten einer Doppelheit einen sachlichen Unterschied macht oder eine Kleinkariertheit bleibt, wird dann sehr bald Thema im Text von Poweleit und Ohlert. Kleinert und Pels hatten sportwissenschaftliche Studiengänge außerhalb der Lehramtsstudiums thematisiert. Für solche Studi- engänge hatten sie stark gemacht, dass „die Vermittlung von Wis- senschaftlichkeit – wo möglich – in das fachliche Lernen integriert sein“ soll (Poweleit & Ohlert, 2023, S. 21). Dieses Anliegen macht stark, dass sich ein wissenschaftlicher Habitus nicht nur, vielleicht nicht einmal primär, beim Lernen und Einüben von Techniken des wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens bildet, sondern auch, und vielleicht gerade, im fachlichen Lehren und Lernen. Ist es nicht selbstverständlich, dass dies gerade keine Besonderheit spezifischer Studiengänge ist, sondern das Merkmal eines wissen- schaftlichen Studiums generell ist bzw. sein soll? Poweleit und Oh- lert (ebd.) sind hier anderer Meinung – und hier ist es dann doch auch eine Kritik an diesem Text. Sie schließen nämlich ganz direkt wie folgt an: „Gewiss kann dieser Ansatz [von Kleinert und Pels] nicht eins zu eins für das Lehramtsstudium übernommen werden und wäre auf Basis der vorhandenen, spezifischen Strukturen zu modifizieren.“ Mir ist nicht klar, woher jene Gewissheit kommt, dass die Vermittlung von Wissenschaftlichkeit im Lehramtsstudi- um nicht in das fachliche Lernen integriert werden soll. Der pure Umstand, dass die Lehramtsausbildung die Form eines Studiums hat, heißt, dass es eine wissenschaftliche Ausbildung ist bzw. zu 42 43 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus. Kommentar zu Poweleit und Ohlert · Schürmann sein hat. Ein Studium, und so auch ein Lehramtsstudium, ist ge- lungen, wenn es in der Vermittlung von Techniken, von Methoden, von Theorien, von Fachwissen und von methodisch-didaktischem Wissen das Sich-Bilden einer wissenschaftlichen Grundhaltung kultiviert. Ein Studium hat das Selbstbild vieler Studierender (und Lehrender) zu irritieren, die sich gewöhnlich im späteren Berufs- leben „als praktizierende Lehrkräfte, die primär Lehrerfahrungen benötigen“ (ebd., S. 17; vgl. S. 22) sehen. In einem Studium muss erfahrbar werden, dass praktizierende Lehrkräfte mit reflexivem Habitus anders lehren als ohne einen solchen. Mir scheint deshalb auch in Lehramtsstudiengängen alles oder doch vieles darauf anzukommen, gerade die „methodisch- didaktische (Aus-)Bildung“ (s.o.) im Geiste der Wissenschaftlich- keit zu lehren und zu lernen. Die Alternative wäre das Lehren und Lernen von Rezepturen, die morgen schon wieder veraltet sein können. Was das genau heißen soll, ist „gewiss“ ein hartes Brot. Aber immerhin besteht Einigkeit im Anliegen: „In Form einer re- alitätsprüfenden, forschungsorientierten Grundhaltung sollte es zu einem Selbstverständnis werden“ – und wo möglich auch zu einem Habitus, zu einer Selbstverständlichkeit –, „die Welt durch verschiedene Perspektiven zu betrachten“ (ebd., S. 22). LITERATUR Guthoff, H. & Landweer, H. (2010). ›Habitus‹. In H.J. Sandkühler (Hrsg.). Enzyklopädie Philosophie. In drei Bänden mit einer CD-ROM (S. 961-967). Meiner. Kleinert, J. & Pels, F. (2020). Nicht nur für’s Labor – Die Bedeutsamkeit und Vermittlung wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens im Rahmen des Sportstudiums am Beispiel von ›Werkstatt Wissenschaft‹. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft, 3(1), 30-36. Poweleit, A. & Ohlert, J. (2023). Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium: Zufriedenheit und gewünschte Zusatzangebote. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft, 6(1), 15-23. http://doi. org/10.25847/zsls.2021.054 Stemmer, P. (1998). ›Tugend, I. Antike‹. In J. Ritter, K. Gründer, G. Gabriel (Hrsg.). Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 10 (Sp. 1532-1548). Schwabe. Antwort von Poweleit und Ohlert auf den Kommentar "Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus" · Poweleit, Ohlert Antwort auf den Kommentar „Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus“ KOMMENTAR › ANTWORT Vielen Dank für den Kommentar zu unserem Beitrag „Wissen- schaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium: Zu- friedenheit und gewünschte Zusatzangebote“ (Poweleit & Ohlert, 2023), der unsere Überlegungen aufgreift und kritisch weiterdenkt. Insgesamt teilen wir die Ausführungen zur „Bildung eines wissen- schaftlichen Habitus“ und möchten mit dieser Antwort verdeut- lichen, dass wir ähnliche Sichtweisen haben und ebenfalls dafür plädieren, „die Bildung eines wissenschaftlichen Habitus als das organisierende Zentrum jedes (Lehramts-)Studiums zu kultivieren“ (vgl. Schürmann, 2023, S. 40). Das bescheidene Ziel unserer Studie war es dabei nicht, diesen „Habitus“ zu eruieren, sondern lediglich zu erheben, ob und inwieweit die befragten Sport-Lehramtsstudie- renden mit den curricularen Angeboten zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten während des Studiums zufrieden sind. Wir versuchten aber dennoch deutlich zu machen, dass eine wissen- schaftlich-reflexive Haltung in der universitären Lehre grundsätz- lich – also in jeglichem akademischen Studiengang und in allen Lehrveranstaltungen inklusive denen zum wissenschaftlichen Den- ken und Arbeiten – gefördert werden sollte. Darüber hinaus scheinen uns drei Aspekte wichtig: SICH BILDEN Auch wenn sich die Studienanlage und -ergebnisse im Beitrag ver- stärkt auf Methoden und Techniken wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens beziehen, sind wir nicht der Auffassung, dass sich ein wissenschaftlicher Habitus nur bzw. primär durch das bloße Lernen und Einüben von Techniken des wissenschaftlichen Den- kens und Arbeitens bildet (falls er sich denn bildet, vgl. Schürmann, 2023). So haben wir in unserem Beitrag bewusst das „Aus“ in „(Aus-)Bildung“ in Klammern gesetzt, da Bildung nicht mit Ausbil- dung gleichzusetzen ist (vgl. u. a. Dörpinghaus, 2009). Somit ist ein wissenschaftlicher Habitus – wie im Kommentar „Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus“ ausführlich beschrieben – nicht ein- fach „herstellbar“ (vgl. Schürmann, 2023, S. 41). Vielmehr ist es ein Prozess, der von „Freiheit, Mündigkeit, Selbstbestimmtheit“ (ebd.) bestimmt ist: „Der Mensch wird eben nicht gebildet, sondern er bildet sich, und zwar ausschließlich in der reflexiven Auseinan- dersetzung mit sich, der Welt und in der Diskussion mit anderen Menschen und Kulturen“ (Dörpinghaus, 2009, S. 5; Hervorhebung im Original). Über Erziehungsmaßnahmen ist es (an jeglichen pä- dagogischen Einrichtungen) nur möglich, etwas pädagogisch bzw. kulturell Wertvolles oder in den Worten Platons „anzustrebende Tugenden“ (vgl. Schürmann, 2023, S. 41) zu zeigen, worüber dann mögliche Bildungsprozesse – reflexive Auseinandersetzung des Selbst- und Weltverhältnisses (Poweleit & Ohlert, 2023, S. 22, an- gelehnt an Koller, 2018) – angebahnt werden können (oder aber auch ausbleiben). VERMITTLUNG VON WISSENSCHAFTLICH- KEIT IST TEIL DES FACHLICHEN LERNENS Zum Ende des Kommentars zu unserem Beitrag (Schürmann, 2023) wurde kritisiert, dass wir der Meinung sind, „die Vermittlung von Wissenschaftlichkeit [solle] im Lehramtsstudium nicht in das fachliche Lernen integriert werden“ (S. 41). Diese Interpretation scheint auf einem Missverständnis zu beruhen. So schließen wir gewiss nicht das fachliche Lernen aus, da wir auch der Ansicht sind, grundsätzlich im Studium (explizit und implizit) wissenschaftliches Denken und Arbeiten im fachlichen Lernen zu kultivieren (vgl. u. a. Poweleit & Ohlert, 2023, S. 22). Die Aussage in unserem Beitrag, die Überlegungen von Kleinert und Pels (2020) könnten nicht eins zu eins für das Lehramtsstudium übernommen werden, bezog sich allein auf eine strukturelle Ebene. Insofern müsse überlegt werden, wie dieser für sportwissenschaftliche Studiengänge her- ausgearbeitete Ansatz auf das Lehramtsstudium (u. a. curricular) übertragen werden kann (vgl. Poweleit & Ohlert, 2023, S. 21). PERSPEKTIVITÄT VON WISSENSCHAFT Hinsichtlich der vorherigen Ausführungen zur Bildung eines wissen- schaftlichen Habitus stimmen wir dem Kommentar ebenfalls zu, dass „gutes Beherrschen von Techniken und Methoden noch keine reflexive Grundhaltung ausmachen“ (Schürmann, 2023, S. 40) und damit „wissenschaftliches Denken und Arbeiten mehr ist als […] eine (blinde, unreflektierte) Anhäufung von Wissen“ (Poweleit & Ohlert, 2023, S. 16). Vielmehr sollte es in Form einer realitätsprüfenden, for- schungsorientierten Grundhaltung zu einem Selbstverständnis bzw. zu einer Selbstverständlichkeit werden, und darin sind wir uns einig, „die Welt durch verschiedene Perspektiven zu betrachten“ (Poweleit & Ohlert, 2023, S. 22; zit. b. Schürmann, 2023, S. 42). Diesbezüglich lässt sich aber ergänzen, dass gewisse wissenschaftliche Grundver- ständnisse und Techniken hilfreich und z. T. auch Voraussetzung sein können, um eben eine Auseinandersetzung mit verschiedenen wis- senschaftlichen Perspektiven zu ermöglichen. Dies geht gewiss über eine reine „Dressur“ der Handhabung wissenschaftlicher Werkzeu- ge hinaus (Schürmann, 2023) und impliziert ein Bewusstsein für eigene und andere (normative) Orientierungen. André Poweleit, Jeannine Ohlert Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) 44 CC BY 4.0 DEZeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(2) Antwort von Poweleit und Ohlert auf den Kommentar "Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus" · Poweleit, Ohlert „Abschließend ist […] festzuhalten, dass in der universitären Lehre grundsätzlich bei der Auseinandersetzung mit (sport-)wissenschaft- lichen Perspektiven immer auch deren Mehrdeutigkeiten und z. T. auch Gegensätzlichkeiten aufzugreifen sind“ (Poweleit & Ohlert, 2023, S. 22), um schließlich die „grundsätzliche Perspektivität von Wissenschaft […] ›zu leben‹“ (Schürmann, 2023, S. 41). Wie der Kommentar auf den Beitrag sowie unsere Antwort verdeut- lichen, wird die Wissenschaft gerade durch den interdisziplinären Diskurs (und daraus aufscheinende Mehrdeutigkeiten und Gegen- sätzlichkeiten) befördert. Daher nehmen wir die konkretisierenden Ausführungen "Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus" dan- kend als Anregung für weitere Studien auf. LITERATUR Dörpinghaus, A. (2009). Bildung. Plädoyer wider die Verdummung. Forschung & Lehre, 16(9), 1-14. Abgerufen von https://www. paedagogik.uni-wuerz-burg.de/fileadmin/06030200/Team/ Doerpinghaus_Bildung_Plaedoyer_wider_die_Verdummung_ Text.pdf Kleinert, J. & Pels, F. (2020). Nicht nur für’s Labor – Die Bedeutsamkeit und Vermittlung wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens im Rahmen des Sportstudiums am Beispiel von ›Werkstatt Wissenschaft‹. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft, 3(1), 30-36. Koller, H.-C. (2018). Bildung anders denken. Einführung in die Theorie transformatorischer Bildungsprozesse. Kohlhammer. Poweleit, A. & Ohlert, J. (2023). Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium: Zufriedenheit und gewünschte Zusatzangebote. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft, 6(1), 15-23. http://doi. org/10.25847/zsls.2021.054 Schürmann, V. (2023). Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft, 6(2), 40-42.

  • ZSLS-_2023_Heft_1_-_01-23_S.28-34.pdf
    Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Linking learning by research and scientific communication in the Master‘s degree programme SMG · Morat, Deller, Fleiner28 CC BY 4.0 DE Linking learning by research and scientific communi- cation in the Master‘s degree programme Sport and Movement Gerontology: A new teaching-learning approach Tobias Morat, Lena Deller, Tim Fleiner Keywords: Learning by research; science communication; teaching-learning concept; sport and movement gerontology; sport science WERKSTATTBERICHT > PRACTICE REPORT Abstract W ithin the new teaching-learning concept, ‘learning by research’ and ‘sci- ence communication’ via social media are combined. In our concept, we link science communication with an active transfer between research, teaching and practice in the Master‘s degree programme in Sport and Movement Gerontology (M.Sc. SMG) at the German Sport University Cologne (GSU). In teaching modules over three semesters, students are enabled to learn about, implement and evaluate innovative digital applications and social media networks for an effective communication with different target groups. Complementary to the subject-specific content of the modules, lecturers will focus on different aspects of science communi- cation (e.g., in module SMG7 - Intervention with posts on project progress on twitter and instagram or in module SMG12.2 - Clinical exercise science in geriatric health care with twitter threads on journal club studies including a graphical abstract). The aim of the teaching-learning concept is, to achieve the following science com- munication specific learning objectives: Students should be able to communicate findings from their experiences, research and their learning progress to others. Fur- thermore, students should be capable of considering specific characteristics of media communication and to use different communication tools effectively. They should be able to compare different social media networks in terms of their suitability for specific objectives and target groups. Enhancing these important core competencies prepares students for an entry into careers in health science research and the health professions. Zusammenfassung In dem neuen Lehr-Lern-Konzept werden das „Forschende Lernen“ (FoL) und die „Wissenschaftskommunikation“ (über soziale Medien) miteinander verbunden. Dafür erfolgt ein aktiver Transfer zwischen Forschung, Lehre und Praxis im Master- studiengang “Sport- und Bewegungsgerontologie” (M.Sc. SBG) an der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS). In Lehrmodulen über drei Fachsemester hinweg werden die Studierenden dazu befähigt, innovative digitale Anwendungen und sozi- ale Netzwerke für eine effektive Kommunikation mit unterschiedlichen Zielgruppen kennenzulernen, umzusetzen und zu evaluieren. Ergänzend zu den fachspezifischen Inhalten der Module setzen die Dozierenden unterschiedliche Schwerpunkte in der Wissenschaftskommunikation (z.B. im Modul SBG7 – Intervention: Posts zum Pro- jektfortschritt auf Twitter und Instagram als Teamwettkampf oder im Modul SBG12.2 - Forschung in der klinischen Gesundheitsversorgung Älterer: Twitter-Threads zu Journal-Club-Studien inklusive grafischem Abstract). Das Lehr-Lern-Konzept zielt darauf ab, die folgenden Lernziele bezogen auf die Wissenschaftskommunikation zu erreichen: Die Studierenden sollen in der Lage sein, Erkenntnisse aus ihren Erfahrungen, ihrer Forschung und ihre Lernfortschritte an andere zu kommunizieren. Darüber hinaus sollen die Studierenden befähigt werden, spezifische Merkmale der Medienkom- munikation zu berücksichtigen und verschiedene Kommunikationsmittel effektiv einzusetzen. Sie werden dafür sensibilisiert, verschiedene soziale Netzwerke im Hinblick auf ihre Eignung für be- stimmte Ziele und Zielgruppen zu vergleichen. Die Förderung dieser wichtigen Kernkompeten- zen bereitet die Studierenden auf einen Berufs- einstieg in der gesundheitswissenschaftlichen Forschung und in den Gesundheitsberufen vor. Schlüsselwörter: Forschendes Lernen; Wis- senschaftskommunikation; Lehr-Lern-Konzept; Sport- und Bewegungsgerontologie; Sportwis- senschaft 1. Introduction Good university teaching should aspire a uni- ty of research and teaching (Healy & Jenkins, 2008; Huber, 2009) so that students are well and broadly qualified for potential professional fields (Rectorate of the German Sport University Cologne, 2021). This opens several opportunities for innovative teaching and learning approaches, particularly for ‘learning by research’ (in Ger- man: ‘Forschendes Lernen, FoL’). By following the ‘learning by research’ approach, students should understand and experience the process of a research project, which aims to gain knowl- edge insights that are of interest to third parties. Therefore, the students (co)design, experience and reflect the essential phases as a learning cy- cle in the format of the research cycle (Huber et Linking learning by research and scientific communication in the Master‘s degree programme SMG · Morat, Deller, Fleiner Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) 29 al., 2009). Learning by research can increase stu- dents’ interest in research and enhance students’ self-efficacy (Deicke et al., 2014). Not all students should be trained as researchers, however, with the approach of learning by research, the de- velopment of important competences for every student can be achieved (Huber et al., 2009). The Master‘s degree programme ‘Sport and Movement Gerontology’ (Master of Science; M.Sc. SMG) at the German Sport University Co- logne (GSU) involves different priorities within research led learning. The teaching-learning concepts in the M.Sc. SMG cover both, parts of the research cycle and the complete cycle (Hae- ussermann & Fleiner, 2020; Morat, 2020; Morat & Fleiner, 2021). The knowledge gained through learning by research not only benefits the students, but also feeds into the ‘scientific community’ and inter- ested third parties. Thus, learning by research is the beginning participation in scientific working and science communication (Riewerts et al., 2018). According to science didactics, communi- cation is a key factor in addition to an enquiring mindset, critical reflection and creativity. A sci- entific activity should always be accompanied by the communication and acquisition of scientific knowledge and a corresponding attitude. It be- comes clear that science is not possible without communicative giving and taking (Salden, 2020). In the course of linking learning by research and science communication, the creation of sci- entific knowledge, the communication between scientists and reflecting the progress of the pro- ject and one’s own learning are important (Bihrer et al., 2010; Hofhues et al., 2014). An essential aspect that has received insuffi- cient attention in teaching-learning concepts of learning by research in our opinion is science com- munication (#scicomm). According to the Federal Ministry of Education and Research Germany this involves communicating and transferring research and scientific content to target groups outside of science in a generally understandable, dialogue-oriented manner (Federal Ministry for Education and Research [Bundesministerium fuer Bildung und Forschung - BMBF], 2019). Within the field of science communication, we see the following five aspects as key components and definitions: The topic, which is sharply defined and appropriately presented to the event and the audience; the target group, which is defined as precisely as possible and whose interests and expectations are taken into account; a clear com- munication objective for oneself and one’s insti- tution as well as for the target group; the medium or format that fits the objectives and the target group; the style with which content is presented in accordance with the other four dimensions of communication (Brandt-Bohne, 2021; National Institute for Science Communication, 2021). Science communication is already and should become an important part of funding calls to further emphasise its importance (Federal Ministry for Education and Research [Bundesministerium fuer Bildung und Forschung - BMBF], 2019; Science Council [Wissenschaftsrat], 2021; Social Demo- cratic Party of Germany [SPD] et al., 2021). In the ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’ (German Newspaper), Weisskopf & Ziegler (2021) state that it is not a question of whether researchers communicate, but how (Weisskopf & Ziegler, 2021). Based on our literature search, previous publications deal with science commu- nication and its importance for researchers (e.g., Barton & Merolli, 2019; Chan & Leung, 2018; Collins et al., 2016; Cook et al., 2018) and particularly physiothera- pists (e.g., Merolli et al., 2019; Wahlin, 2018) and the use of various social media networks in this context. In addition, there are individual guidelines in the field of physiotherapy for the use of social media networks in the sense of science commu- nication or for further education (Merolli, 2015; Physiotherapy Alberta College + Association, 2019). Up to date, we did not find a teaching-learning concept that combines ‘learn- ing by research’ with ‘science communication’. However, Weisskopf and Ziegler (2021) state that science communication should become part of scientific education (Weisskopf & Ziegler, 2021). Within our new teaching-learning concept, we follow the approach to effectively combine learning by research with science communication within the existing Mas- ter’s degree programme of M.Sc. SMG at the GSU. 2. Concept The new teaching-learning concept is currently implemented from the first to the third semester of the M.Sc. SMG in the following modules: SMG 5 – Sport, Move- ment and Coaching Science (1st semester); SMG 7 – Intervention (2nd semester); SMG 11 – Review (3rd semester); SMG 12.2 – Clinical exercise science in geriatric health care (3rd semester). The content, skills and career orientation present in these mod- ules continue to exist (see module handbook: https://www.dshs-koeln.de/fileadmin/ redaktion/Studium/Organisation/Studienunterlagen/Modulhandbuecher_neu/Master-Sport/ SBG_PO20212.pdf, (German Sport University Cologne, 2021). They are accompanied by aspects of science communication, to add new learning objectives and expand the skills of the students. Figure 1. Instagram and twitter account of the project @MScSBG. https://www.dshs-koeln.de/fileadmin/redaktion/Studium/Organisation/Studienunterlagen/Modulhandbuecher_neu/Master-Sport/SBG_PO20212.pdf https://www.dshs-koeln.de/fileadmin/redaktion/Studium/Organisation/Studienunterlagen/Modulhandbuecher_neu/Master-Sport/SBG_PO20212.pdf https://www.dshs-koeln.de/fileadmin/redaktion/Studium/Organisation/Studienunterlagen/Modulhandbuecher_neu/Master-Sport/SBG_PO20212.pdf Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Linking learning by research and scientific communication in the Master‘s degree programme SMG · Morat, Deller, Fleiner30 CC BY 4.0 DE The content that students create within the project are shared on instagram and twitter through the SMG-account (@MScSBG). 2.1 Learning objectives The following new learning objectives related to science communication are added to the curriculum: Students are able to » … communicate research findings. » … critically reflect on and communicate about their learning progress. » … communicate the findings from their experiences and their learning progress to others. » ... consider specific characteristics of social media communication and use different communication tools effectively. » … compare different social media networks in terms of their suitability for specific objectives and target groups. 2.2 Implementation strategy The research-led teaching remains the focus of the modules, but is meaningfully expanded in the sense of learning by research to include the new area of ‘science communication’ as an important innovative aspect in the following modules: SMG 5 – Sport, Movement and Coaching Science (first semester) Module description: Students gain knowledge of training and exercise science for the specific target group of older adults. In theory and in practice, relevant test batteries and exercises for older adults are discussed and implemented in practice. In theory, scientific studies are also critically examined. Building on this, a study protocol is designed in the second part of the semester, in preparation for the module SMG 7 - Intervention in the second semester. Science communication aspects: » getting in touch with and getting to know science communication » self-experiment » gaining experience » making first steps Semester Course: At the beginning of the se- mester, the students are provided with initial information and content for the area of science communication in an understandable way. Based on this, some example accounts of the social me- dia platforms twitter and instagram are critically analysed and evaluated. In a first task, students should search for and analyse relevant accounts with thematically suitable content. In addition, various online applications for graphic processing are presented by the lecturer and tested by the students. In the further course of the semester, students select suitable scientific studies for the main areas of ‘endurance training, strength training, coordination training and fall prevention training for older adults’ based on a literature search. They present these to the others in small groups and critically discuss relevant aspects. In parallel, the audience collects key words (hashtags), for- mulates 1-3 short key sentences for a message of the quintessence from the study. Students think about potential persons to link to (authors and/ or organisations), as well as suitable emojis. This content is collected by the lecturer and the who- le course agrees on a final version, which is then uploaded via moodle (learning management sys- tem of the German Sport University) and posted on twitter via the SMG course account (@MScS- BG) in the respective semester week. Until the next module session, students use this information together with their own notes to draft potential instagram posts or stories. Here, special attention should be paid to the obser- vance of image and licensing rights, so that the students ‘only’ use their own images or licence- free images. All ideas for instagram content are looked at together in the following course session (at the same time used as a review of the lesson material from the previous session) and a TOP 3 is selected for each topic. The TOP 3 compilation is published on instagram via the SMG course account (@MScSBG). SMG 7 – Intervention (second semester) Module description: Students go through the complete research cycle together with the lecturer according to the learning by research approach. The development, implementation and evaluation of a scientific study in a project team is done in terms of project management. Each student can effectively contribute his or her strengths to one of the different expert groups (for further details of the teaching-learning con- cept, see (Morat, 2020)). Science communication aspects: » deepening the content » specialisation on: » communication about the pro- gress of the project » communication about critical reflection on one’s own learning Figure 2. SMG-Students thinking about first steps in science communication in the module „SMG 5 – Sport, Movement and Coaching Science“. Linking learning by research and scientific communication in the Master‘s degree programme SMG · Morat, Deller, Fleiner 31 progress » social media team competition: twitter versus instagram » uniform design, collaboration with others Semester Course: At the beginning of the lecture period, the students are divided into team twitter and team instagram, with two students (experts) as managers or captains. Each team first develops its own communication or transfer strategy. This also defines how and when aspects for critical reflection on individual learning pro- gress or project progress are communicated. Based on this, the teams create a uni- form design for their posts and agree on the further organisation within the team. At least one artefact must be posted per week and per team. Three colleagues from the SBG 7 lecturer act as an independent jury for the social media team competition throughout the semester and follow the activities of both teams. At the end of the semester, each jury member gives a statement and names their winning team. After the joint semester review, the winning team is announced and awarded a price. SMG 11 – Review (third semester) Module description: Different types of reviews (scoping review, integrative review, systematic review, meta-analysis) are compared by authors of reviews presenting their publications to the students and answer questions (‘Meet the expert’ special). All students work on different review topics in teams of two under the supervision of an expert (lecturers) to answer their specific research question. Students go through all the steps required for a review. In predefined sessions during the semester term, the steps and findings worked on up to that point are presented and critically dis- cussed (for further details of the teaching-learning concept, see (Morat & Fleiner, 2021)). Science communication aspects: » deepening the content » specialisation on: » presentation of different types of reviews » transfer of scientific findings to the public » generally comprehensible reproduction of the contents of the ‘meet the expert’ special Semester Course: To get to know the different review types and to compare similari- ties and differences, the lecturer provides the students with videos of the recorded presentations of the publications by the authors via moodle (‘Meet the expert’ spe- cial). In this context, the students are given the task of creating a twitter thread and an instagram post about the respective publication in small groups. For orientation, the students are provided with published examples. The artefacts are presented to the others in the course and the contents of the publications are discussed in depth. The artefacts are then posted on the two platforms via the SMG course accounts (@ Figure 5. Twitter thread on the SBG 12.2 Journal Club: introduction [1/5]; graphical abstract [2/5] not illustrated: study quality [3/5]; key aspects of the discussion [4/5]; questions to the authors [5/5]. Figure 3. Instagram post regarding the project progress in the module „SMG 7 – Intervention“. Figure 4. Tweet on twitter to present the different ty- pes of reviews (here: systematic review) in the module „SMG 11 – Review“. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Linking learning by research and scientific communication in the Master‘s degree programme SMG · Morat, Deller, Fleiner32 CC BY 4.0 DE MScSBG) on twitter and instagram, respectively. Students finish the module with a written assignment in the form of the final review on the specific topic they worked on in a team of two throughout the semester term. A compulsory part of the assign- ment is the creation of a twitter thread or instagram post or story. SMG 12.2 – Clinical exercise science in geriatric health care (third semester) Module description: A direct insight into clinical geriatric health care as well as en- abling students to think and to act as clinical scientists are the main goals. Core elements are evidence-based practice, conceptual work, modern communication strategies, and a focus on multiprofessional practice. The graded credit for this module requires students to create clinical physical activity concepts for previously assigned different clinical target groups. Science communication aspects: » student-led journal club: » presentation and moderation of a discussion on current evidence » communication via graphical abstract in social media (twitter) » initiation of a discussion with publicity, peers and authors of the study Semester Course: Each student is assigned to a published study on current aspects of sport and movement gerontology in the health care of older adults. One study is discussed together on a weekly basis, all students read the study in advance, pre- pare queries and discussion points. On each course day a student presents his /her study in 10 minutes and leads a group discussion focussing on the transfer of the study results into everyday care and corresponding research gaps. After the discus- sion, the expert prepares a report on the study via graphical abstract and the group discussion: level of evidence, research and care gap, discussion, queries as well as five key words, which are important from this study for a concept development. Subsequently this documentation is published via twitter thread to the publicity, peers and authors of the study are tagged in the thread in order to answer open questions or initiate a further public discussion. 2.3 Evaluation Within the teaching-learning concept, the students are motivated at several points in time to assess their competences in relation to the learning objectives menti- oned. The time of the surveys are, for example, at the beginning of the lecture peri- od, at the end of the lecture period, after a final exam or after the submission of an assignment and are individually aligned to the semester course of the modules. To this purpose, the students are motivated to make their subjective assessment with regard to the learning objectives in an online survey. Using a 5-point ordinal scale that ranges from ‘completely disagree’ to ‘completely agree’, students have to give their rating regarding the five learning objectives. Various criteria will be used to evaluate the concept. First of all, the evaluation of the change in the students’ assessment of the learning objectives is of interest. But also, qualitative feedback from the lecturers, students and other persons involved in the project can reveal helpful optimisation possibilities. In addition, the regularly accompanying teaching evaluation within the SMG Master‘s degree programme can provide further information about the quality of teaching in the modules. A comparison with the previous implementation and evaluation of the modules without the supplementary specific focus on science communication is to be planned. Based on this experience, the teaching-learning concept can be further developed and implemented. 3. Future implications Pilot implementations for some parts of the teaching-learning concept have alrea- dy been tested and optimised. The experiences from this, as well as the implemen- tations of the new concept in the first semester in the SMG 5 module, are very promising. If this is also reflected in a positive change with regard to the learning objectives and good evaluations of the modules, a further successful project pro- gress is expected. After completion of the initial pilot phase and testing of the concept, the materials used are to be made available to all interested persons in a revised and optimised form as OER mate- rial (Open Educational Resources). In addition, guides and video tutorials for the various parts of the teaching-learning concept are planned. In addition to the scientific investigation of the concept, this should also promote its further dis- semination. The concept could be transferred in an adapted form to many training and teaching contexts and could be used there to consider the important aspect of science communication in order to optimally prepare students for the professional world. 3.1 Career orientation The learned competencies should prepare students for their entry into careers in health science research and the health professions. Barton and Merolli (2019) describe that health professionals of all ages use social media for their professional development, with the high- est proportion among 18-34 years old persons (Barton & Merolli, 2019). In addition to personal development and interactive exchange with other experts, social media networks (e.g., twit- ter, instagram) are also used to communicate scientific findings in an understandable and (graphically) appealing way to multipliers, deci- sion-makers, but especially to the general and interested public. Many employers expect the professional use of ICT (information and com- munication technology), but this content has not yet been sufficiently integrated into studies (Rott, 2014). Within our new teaching-learning concept students are enabled to expand their skills in this area. 4. Acknowledgements This project was supported by an university- internal research grant in the funding program ‘Combining research and teaching innovatively’ of the German Sport University Cologne. We thank all students for taking part in the project. We thank Marilena Werth, Sabine Maas and Sandra Braeutigam from the Press and Commu- nication Department, and Ines Bodemer from the Office of Academic Planning and Control, Head of Department 4.2 Study Development & Quality Assurance at the German Sport Univer- sity for their feedback and support within the project. Linking learning by research and scientific communication in the Master‘s degree programme SMG · Morat, Deller, Fleiner Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) 33 References Barton, C. J., & Merolli, M. A. (2019). It is time to replace publish or perish with get visible or vanish: opportunities where digital and social media can reshape knowledge translation. Br J Sports Med, 53(10), 594–598. Bihrer, A., Tremp, P., & Schiefner, M. (2010). Lear- ning by research and media - an example from his- tory studies [Forschendes Lernen und Medien – Ein Beispiel aus den Geschichtswissenschaften]. In S. Mandel, M. Rutishauser, & E. Seiler Schiedt (eds.), Digital media for research and teaching [Digitale Medien fuer Forschung und Lehre] (pp. 95–105). Waxmann. Brandt-Bohne, U. (2021). 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Since 2014 he works as a postdoc researcher and in 2015, he has taken over the coordination of the Master‘s degree programme „Sport and Movement Gerontology. His teaching focuses on methodology and didactics in theory and practice in physical activity and sport with older adults, learning by research, e-teaching, science communication. In research, he is particularly dedicated to fall prevention, sarcopenia and diagnostics and interventions of motor perfor- mance in older adults. Lena Deller completed her bachelor’s degree in health science at the Technical University of Munich in 2019. Since then, she has been studying in the Master‘s degree programme in ‘Sport and Movement Gerontology’ at the German Sport University Cologne and is researching gait ad- aptability in older adults as part of her master’s thesis. As a research assistant she works in science communication at the Institute of Move- ment and Sport Gerontology and manages the @MScSBG social media channels. Dr. Tim Fleiner is a physiotherapist, sports scientist and leads the working group ‘geriatric psychiatry in mo- tion’ at the German Sport University Cologne and the LVR-Hospital Cologne. His research and teaching focuses on physical activity in older adults, movement sensors, circadian rhythms and clinical research in geriatrics. _Hlk112841105 _Hlk95982708

  • ZSLS-_2023_Heft_1_-_01-23_S.24-27.pdf
    Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) „Motorische Eigenrealisation“ kompetenzorientiert prüfen · Klostermann, Gramespacher, Hauser, Klostermann24 CC BY 4.0 DE „Motorische Eigenrealisation“ kompetenzorientiert prüfen André Klostermann, Elke Gramespacher, Barbara Hauser, Claudia Klostermann Schlüsselwörter: Kompetenzorientiertes Prüfen, Hochschuldidaktische Kohärenz, Motorische Eigenrealisation, Lehrer*innenbildung WERKSTATTBERICHT > PRACTICE REPORT Zusammenfassung Der Mehrwert kompetenzorientierten Lehrens und Prüfens wie daraus resultie- rende Herausforderungen sind unbestritten. Letzteres zeigt sich vor allem, wenn Lernziele ausserhalb der „klassischen“ kognitiven Wissenskategorien liegen. So etwa in der Lehrer*innenbildung im Studienfach Bewegung und Sport, bei welcher der praktisch-methodische Studienanteil „motorische Eigenrealisation“ zwar einen hohen Stellenwert einnimmt, eine kompetenzorientierte Prüfung allerdings offen ist. Anhand der Analyse eines sportpraktischen Assessments wird aufgezeigt, inwiefern die ange- wandte Prüfung zur Ausbildung akademischen und professionsbezogenen Wissens bei- tragen kann. Abschliessend werden Möglichkeiten für eine kompetenzorientierte Prü- fung der motorischen Eigenrealisation diskutiert. 1. Kompetenzorientiertes Lernen und Prüfen Die (Neu-)Ausrichtung der Hochschullehre wurde in Europa mit der Umsetzung des Bologna-Prozesses forciert. Aus hochschuldidaktischer Perspektive bildet die Fokus- sierung auf die Kompetenzorientierung das Kernstück der Revision; sie markiert einen (auch kritisch diskutierten) Paradigmenwechsel (z. B. Wildt, 2006). Im Grundsatz sollen Studierende dazu befähigt werden, Wissen wiederzugeben (Akademisches Wissen), im spezifischen Kontext anzuwenden (Professionelle Fertigkeiten) und diesen Prozess diffe- renziert zu reflektieren (Kritisches Bewusstsein). Eine weitergehende Spezifikation der angestrebten Qualifikation kann etwa durch eine Differenzierung in Kompetenzbereiche und Handlungsdimensionen erfolgen (Euler & Hahn, 2004). Dies heißt mit Blick auf das Studienfach Bewegung und Sport – hier: im generalistisch ausgerichteten Lehramtsstudium für Primarstufe1 an Pädagogischen Hochschulen der Schweiz (z. B. Bachmann et al., 2021) – und auf den Aspekt motori- sche Eigenrealisation fokussiert: Studierende sollen durch das Lehramtsstudium eine adressaten- wie auch sachgerechte Anwendungskompetenz erlangen, die auf einem Grundschatz an sportmotorischem und professionsrelevantem Wissen und Können so- wie einer kritischen Auseinandersetzung mit denselben aufbaut (z. B. Stiller & Kahlert, 2021). Hierbei richtet sich der Fokus häufig vor allem auf die Ausbildung der Sachkom- petenzen.2 In Erweiterung dieser Schwerpunktsetzung richten Stiller und Kahlert (2021) in ihrem aktuellen Studiengangkonzept zur Lehramtsausbildung den Fokus auch auf die 1 Die Primarstufe im schweizerischen Schulsystem umfasst zwei obligatorische Kindergarten- jahre sowie sechs Primarschuljahre. 2 Diese grundlegende Rahmung entspricht dem Erwartungshorizont generalistisch konzipier- ten Studiengängen für das Lehramt Primarstufe in der Schweiz und ist im Einklang mit Basis- qualifikationen für fachfremd unterrichtende Grundschullehrerinnen und -lehrer (siehe dazu Gramespacher, Störch Mehring, Bucher & Klostermann, 2021, S. 76ff.) Entwicklung der Selbstkompetenzen der Studie- renden. Eine fachspezifische Konkretisierung der für die spätere Berufspraxis als Lehrperson ebenso bedeutenden Sozialkompetenzen steht hingegen noch aus. Dabei gilt grundsätzlich, dass sich mit der Kom- petenzorientierung die Hochschullehre vermehrt an evidenzbasierten (u. a.) lernpsychologischen Aspekten ausrichtet. Zentral ist, dass fortan die Lernenden im Zentrum der Hochschullehre ste- hen; ihre Perspektive markiert den Ausgangspunkt aller Lehrkonzepte. Durch den shift from teaching to learning (z. B. Wildt, 2006) sind Lernziele (sog. Learning Outcomes) statt – wie zuvor – Lehrziele zu formulieren. Lernziele gestatten eine greifbare und (unmittelbar) messbare Überprüfung des Gelern- ten und rahmen den Lernprozess. Kompetenzen (Learning Outcomes), Lernprozess (Lehr-/Lernakti- vitäten) und Assessment (Prüfungsmethoden) bil- den die tragenden Säulen des Con-structive Align- ments (Biggs, 1996). Dieses Konzept entspricht dem aktuellen Verständnis von guter (Hochschul-)Lehre und seine Lernwirksamkeit ist empirisch fundiert (u. a. Hattie, 2009). Bei der Formulierung von Learning Outcomes gilt es (1) die zu erwerbenden Kompetenzen im Sinne von Lernzielen transparent und verständlich zu kommunizieren, (2) geeignete Lehr- und Lernak- tivitäten zu konzipieren und (3) zu den Lernzielen passende Formen des Assessments zu selektieren. Für eine fundierte Formulierung von Learning Outcomes dient etwa das überarbeitete Modell von Bloom (Krathwohl, 2002). Demnach werden Learning Outcomes in Abhängigkeit von Komplexi- tät und Abstraktheit differenziert und mittels Akti- onsworten formuliert. Dieses Vorgehen gestattet sowohl die a-priori Festlegung des zu erwartenden Kompetenzniveaus als auch die Herstellung direk- ter Bezüge zu passenden Lehr-/Lernaktivitäten und auch zu inhaltlich passenden Prüfungsformen. „Motorische Eigenrealisation“ kompetenzorientiert prüfen · Klostermann, Gramespacher, Hauser, Klostermann Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) 25 Das Prüfen von Studienleistungen ist ein inte- graler Bestandteil der Hochschullehre: Prüfungen gewährleisten Vergleichbarkeit, Selektion und Qualitätssicherung, können Studierenden Feed- back über ihre Lernprozesse und Lernleistungen geben und sie motivieren, im Lernprozess fortzu- fahren (Walzik, 2012). Tatsächlich aber nehmen Studierende Beurteilungssituationen eher selten als Lerngelegenheit war, sondern assoziieren Prüfungen oft nur mit der Selektionsfunktion: Die Ergebnisse der nächsten Prüfungen entscheiden über den Abschluss des Moduls/der Modulgrup- pe. Daher richtet die Mehrheit der Lernenden die Semesterplanung – und damit einen wesentlichen Teil ihrer Lernstrategien – auf die Prüfungen aus (Halbherr et al., 2016). Um die Funktion der Lernförderung, die sich mit Prüfungen verbindet, in einen für Studierende sicht- und verstehbaren Kontext zu stellen, soll- ten die Lernziele und dazugehörige Assessments kohärent geplant werden. Dies setzt ein Ineinan- dergreifen von Lernzielen und Assessmentformen voraus. Halbherr et al. (2016) weisen darauf hin, dass dies besonders anspruchsvoll sei, wenn die zu prüfenden Kompetenzen außerhalb kognitiver Wissenskategorien beziehungsweise Lernzieltaxo- nomien liegen, was primär Studienfächer tangiere, in denen Lernziele mit praktischen Lernanteilen curricular verankert sind. Damit ist die Einschätzung von Halbherr et al. (2016) für das Studienfach Bewegung und Sport relevant. Zugleich mag diese Einschätzung verwun- dern, denn nahezu zeitgleich zu den kognitiven Lernzieltaxonomien wurden für die Lernbereiche Affekt und Motorik adäquate Modelle entwickelt und im (internationalen) Diskurs verhandelt (siehe z. B. Göldi, 2011). So kann für die Setzung moto- rischer Lernziele etwa auf das Modell von Dave (1968) zurückgegriffen werden, das einschlägige Sammlungen als Psychomotorische Lernzielta- xonomie bezeichnen (Göldi, 2011). Analog zu klassischen Modellen des motorischen Lernens (u. a. Meinel & Schnabel, 2018) definierte Dave fünf Stufen, anhand derer der Beherrschungsgrad motorischer Fähigkeiten und Fertigkeiten auf Basis äußerer Kriterien eingeordnet werden kann. Dies ermöglicht den Lehrenden – den kognitiven Lern- zieltaxonomien entsprechend – a-priori (1) das intendierte Kompetenzniveau festzulegen, dieses (2) anhand passender Learning Outcomes zu for- mulieren und (3) die Lehrsequenzen (Aktivitäten und Assessment) kohärent dazu zu gestalten. Allerdings verbindet sich mit dem Studienfach Bewegung und Sport in der Lehrer*innenbildung nicht (ausschließlich) der Auftrag, die Studieren- den bewegungs- und sportpraktisch auszubilden; daher nutzt das Modell von Dave (1968) hier nur bedingt. Wesentlich ist vielmehr die Vermittlung sportpädagogischer Kompetenzen: Die Studieren- den sollen anhand der motorischen Eigenrealisa- tion und der damit verbundenen exemplarischen Erweiterung ihrer motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten lernen, ihre eigene motorische Betätigung wie auch die motorische Eigen- realisation Anderer sportwissenschaftlich fundiert und differenziert wahrzunehmen und darüber zu reflektieren. Mit diesem zweifachen Anliegen – Bewegungen lesen und darüber reflektieren können – verbindet sich eine enge Praxis-Theorie-Verknüp- fung, für die eine passgenaue Formulierung von Learning Outcomes erforderlich ist. Die hochschuldidaktische Frage, wie Prüfungen zur exemplarischen motorischen Eigenrealisation kompetenzorientiert zu gestalten sind, wurde aber in Veröffentli- chungen bislang selten diskutiert (z. B. Stiller & Kahler, 2021). Um dieses Desiderat zu beschreiben, werden in Teil 2 aktuelle Entwicklungen kompetenzorientierter Stu- diengänge und des Studienfachs Bewegung und Sport skizziert und deren Praktika- bilität anhand eines praktizierten sportpraktischen Leistungsnachweises reflektiert. Abschließend (Teil 3) werden Lösungen benannt, deren Erprobung projektiert sind. 2. Praxis-Theorie-Verknüpfungen identifizieren und prüfen In der Lehrer*innenbildung und in der Ausbildung von Kindheitspädagog*innen sind motorische Anteile notwendig (u. a. Stiller & Kahlert, 2021). In der angestrebten Pro- fession sind motorische Bildungs- und Lernprozesse (junger) Kinder zu gestalten. Die Praxis von Lehrpersonen gilt als unsicher – sogar als „krisenhaft“ (Helsper, 2001) –, da Handlungen im Unterrichtsalltag nicht „rezeptartig“ anzuwenden, sondern den Lern- und Entwicklungsprozessen der Kinder situativ anzupassen sind. Zugleich ist professionelles Handeln von Lehrpersonen und Kindheitspädagog*innen aufgrund der Verantwortung für die Bildungs- und Entwicklungsprozesse ihrer Schüler*innen beziehungsweise Kinder stets begründungspflichtig. Krus und Jasmund (2019) weisen darauf hin, dass Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte angesichts dieser Kom- plexität einen Zugang zu sich selbst benötigen, um Unterrichtssituationen mehrper- spektivisch und professionell begegnen zu können. Ein entsprechender Zugang zur Domäne der motorischen Förderung der Kinder könne durch die differenzierte Wahr- nehmung und Reflexion der erforderlichen exemplarischen motorischen Eigenreali- sation erreicht werden. Dies führt zu der Anschlussfrage, wie dieser Anspruch bei der kompetenzorientierten Prüfung motorischer Eigenleistungen eingelöst werden kann. Um dieser Frage nachzugehen, wird hier die Herleitung von Lernzielformulierun- gen und deren Überprüfung beispielhaft an einer Prüfungsleistung im Studienfach Bewegung und Sport im Studiengang Kindergarten-/Unterstufe (Klassen 1-3) an der Pädagogischen Hochschule FHNW (Schweiz) dargestellt – und im Sinne des Construc- tive Alignements (Biggs, 1996) kritisch hinterfragt. Die Prüfungsleistung im Kontext der Modulgruppe „Fachwissenschaft Bewegung und Sport“ besteht aus einer schriftlichen und einer motorischen Leistung. Die Grob- ziele der Modulgruppe werden folgendermaßen beschrieben: Die Studierenden können… » grundlegende fachspezifische Konzepte des motorischen Lernens und ihre Grundlagen (z. B. bewegungswissenschaftliche Ordnungsstrukturen) darlegen. » bewegungs- und sportbezogene Lern- und Entwicklungsprozesse gestalten, umsetzen und evaluieren. » durch die Eigenrealisation motorischer Lernprozesse Zusammenhänge zu den fachwissenschaftlichen Grundlagen herstellen. » die motorische Entwicklung und das motorische Lernen von Kindern (insb. mit Blick auf die Zielstufe: vier- bis neunjährige Kinder) erklären, analysie- ren und evaluieren. Somit liegt der Schwerpunkt dieser Modulgruppe auf dem Kompetenzbereich Wissen (im Sinne Akademischen Wissens). Das sich als Handlungsbereich abbildende Kön- nen wird primär durch die professionelle Fertigkeit, bewegungs- und sportbezogene Lernprozesse für Schüler*innen gestalten zu können, thematisiert. Die Handlungsdi- mension des kritischen Bewusstseins über motorische Lernprozesse scheint in den formulierten Kompetenzzielen dieser Modulgruppe eher punktuell auf, welche mit einer im Grundstudium von allen Studierenden geforderten (und obligatorisch zu be- notenden) Studienleistung in der fachwissenschaftlichen Modulgruppe Bewegung und Sport fundiert wird. Diese Studienleistung wird im Folgenden exemplarisch analysiert; Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) „Motorische Eigenrealisation“ kompetenzorientiert prüfen · Klostermann, Gramespacher, Hauser, Klostermann26 CC BY 4.0 DE die Leitfrage dabei lautet: Was wird im Assessment des Moduls geprüft? Die Prüfung muss sich an den obengenannten Lernzielen der Modulgruppe „Fachwissenschaft Be- wegung und Sport“ messen lassen können, wobei nicht alle Lernziele gleichermaßen gewichtet werden müssen. Umgesetzt wird im grundlegenden Modul dieser Modulgruppe eine schriftliche Prüfung zum motorischen Lernen. Diese wird mit Blick auf die Notenfindung für das Modul kombiniert mit einer sportpraktischen Präsentation, also einer Aufgabe zur „mo- torischen Eigenrealisation“, sodass die Studierenden einen eigenen motorischen Lern- prozess erfahren und diesen – auch mit Blick auf die angestrebte Profession, mithin auf Vermittlungsprozesse im Bewegungs- und Sportunterricht – reflektieren. Dazu sollen die Studierenden drei von vier turnerischen Fertigkeiten in einer vorgegebenen Reihenfolge (Standwaage, Handstand, Rad einseitig, Sprungrolle) sowie Kernwürfe und das Fangen eines Handballs präsentieren. Insbesondere mit Blick auf die turnerischen Fertigkeiten übersteigt der Schwierigkeitsgrad der zu lernenden motorischen Aufgaben das Niveau der im späteren beruflichen Kontext zu vermittelnden motorischen Aufgaben deutlich (siehe D-EDK, 2016, S. 15-17; Fachbereich Bewegung und Sport; Kompetenzbereich „Bewegen an Geräten“; zum Beispiel „Rolle vorwärts“, „den Körper stützen“ oder „Aus- führung von Roll- und Drehbewegungen“), sodass sich die Studierenden auch keine sportartspezifische Leitbildorientierung aneignen können. Dies ist allerdings auch nicht die Zielstellung des skizzierten Moduls. Vielmehr wurden bewusst komplexe motorische Aufgaben selektiert, damit aus sportmotorischer Sicht durchschnittliche Studierende das (Neu-)Lernen einer motorischen Aufgabe tatsächlich erleben können, was für adäquate Aufgaben in der Zielgruppe (4 bis 9 Jahre) nicht realistisch erscheint. Nichtsdestotrotz wäre eine Passung anzustreben, sodass, gemäß dem Prinzip des didaktischen „Doppel- deckers“, die Leitbildorientierung mitgelernt werden könnte. Die Präsentationen der motorischen Aufgaben erfolgen in Form von individuellen Videobeiträgen, welche zur Bewertung abzugeben sind. Der Einsatz digitaler Medien erlaubt den Studierenden eine zeitliche Effizienz und gestattet zudem die Wahrung der individuellen Persönlichkeits- ansprüche berücksichtigende Form des Assessments (körperliche Exponiertheit in der Prüfungssituation). Die Kriterien für die summative Bewertung der Präsentation sind an den klassischen Modellen des motorischen Lernens (Meinel & Schnabel, 2018) und der Taxonomie nach Dave (1968) orientiert und beinhalten quantitative (z. B. Anzahl gelungener Würfe) und qualitative (z. B. korrekte Ausführung aller Knotenpunkte bei der Standwaage3) Merkma- le der Bewegungsausführung. Offen bleibt die Prüfung des zweiten Teils des Lernziels: Zusammenhänge zu den fachwissenschaftlichen Grundlagen herstellen. Der Teil, der das Verständnis über motorische Lernprozesse betrifft, wird im Assessment nicht explizit geprüft und benotet. Damit wird die geforderte hochschuldidaktische Kohärenz – dies sei hier selbstkritisch angemerkt – nicht hinreichend erreicht. In der Folge entsteht die Frage, wie im Kontext dieser motorischen Prüfungsleistung das letzte Ziel, welches der Logik der klassischen Lernziel-Taxonomien folgt, erreicht werden kann: die Analysekompetenz. Dieses Ziel ließe sich mit Blick auf das gegebene Beispiel wie folgt formulieren: Studierende können auf Basis der Eigenrealisation moto- rischer Lernprozesse Zusammenhänge zu den fachwissenschaftlichen Grundlagen her- stellen. Diese Zielsetzung stellt die exemplarische motorische Eigenrealisation schließlich in den Dienst des kognitiven Verstehens und weiterführenden Reflektierens. Damit dies gelingen kann, ist nicht nur die Qualität (eigener) motorischer Lernprozesse (sensu Dave, 1968) relevant. Vielmehr trägt diese gemeinsam mit der durch die geforderte Videoprä- sentation, welche den Studierenden eine Außensicht auf die eigene motorische Realisa- tion – also auf die eigene Bewegungskompetenz – gestattet, zu einem kognitiven Verste- hensprozess bei und ermöglicht schließlich eine sinnvolle Praxis-Theorie-Verknüpfung. Wie aber kann die Praxis-Theorie-Verknüpfung, die einen kohärenten Zusammenhang zwischen „motorischer Eigenrealisation“ und „Anbindung an fachwissenschaftliche Perspektiven“ verspricht, hochschuldidaktisch instruiert und von den Studierenden er- arbeitet werden? 3 Technische Knotenpunkte der Standwaage: Schritt nach vorne auf Standbein (Arabesque), gleichzeitiges, flüssiges Hochführen des Beines und Senken des leicht überstreckten Ober- körpers, Fuß mindestens auf Schulterhöhe, Hüfte parallel zum Boden, gestrecktes Standbein, ruhige Körperhaltung in Endposition (mind. 2 Sekunden), Auflösen der Standwaage zum sicheren Stand. 3. Ausblick Die Suche nach kompetenzorientierten Assess- ment-Optionen zum Lernziel „Verständnis über motorische Lernprozesse“ setzt an einem aus dem reflexiven Schulsport bekannten Format an: Lerntagebücher mit Reflexionen zum mo- torischen Lernprozess (z. B. Bund, 2005). Wie können Lerntagebücher so gestaltet werden, dass die Lernprozesse, die sich in der exemplari- schen motorischen Eigenrealisation Studierender niederschlagen, lernförderlich, das heißt für die Studierenden selbst sichtbar, werden? Und wie kann der Prozess der motorischen Eigenrealisa- tion am eigenen exemplarischen motorischen Lernen differenziert verstanden, Zusammenhänge zum fachwissenschaftlichen Grundlagenwissen hergestellt und auf die angestrebte Profession transformiert werden? Dies sind mit Blick auf die exemplarische motorische Eigenrealisation in der Lehrer*innenbildung und in der Ausbildung von Kindheitspädagog*innen unseres Erachtens die zentralen Fragen, denn aktuell kann nur vermutet werden, dass die erfolgreiche Bearbeitung moto- rischer Aufgaben bei Studierenden zum expliziten und/oder impliziten Verständnis über das Lernen motorischer Bewegungsabläufe führt. Allenfalls kann eine gezielte Reflexion der mo- torischen Eigenrealisation einen wertvollen Bei- trag dazu leisten, dass Studierende beispielsweise verstehen, inwiefern es eine motorische Heraus- forderung sein kann, komplexe Bewegungsabläufe neu zu erlernen, dass motorische Lernprozesse nicht geradlinig verlaufen, und dass die Motiva- tion in motorischen Lernprozessen schwankt. Dies eröffnet auch eine Perspektive auf die nicht immer gradlinig verlaufenden Prozesse des moto- rischen Lernens von Kindern beziehungsweise von Schüler*innen. Um diese und ähnliche Erkennt- nisse in kompetenzorientierten Prüfungen zu generieren, könnte das problem-basierte Lernen (Weber, 2007) oder das reflexive Schreiben (Paus & Jucks, 2013) genutzt werden. Weiter könnten Reflexionen digital, etwa mit dem E-Portfolio (Chaudhuri & Cabau, 2017) oder anhand des So- cial Video Learnings (Tarantini, 2020) unterstützt werden. Videobasierte Lernsettings scheinen für das Unterrichtshandeln im Fach Bewegung und Sport vielversprechende Assessment-Methoden zu bieten, da sie die Komplexität von Bewegungen als auch von Unterrichtssituationen sichtbar ma- chen. Gleich, welche Methode für das Assessment (exemplarischer) motorischer Eigenrealisation im Studienfach Bewegung und Sport angewandt wird: Zentral ist, dass Studierende durch kom- petenzbezogen formulierte Aufgabenstellungen angeleitet werden. Sie sollten (1) Zusammen- hänge zu den fachwissenschaftlichen Grund- lagen herstellen, (2) ihre Erkenntnisse in ihrer Reflexion auf ihre künftige Profession – auf das Unterrichten von Schüler*innen – beziehen, (3) „Motorische Eigenrealisation“ kompetenzorientiert prüfen · Klostermann, Gramespacher, Hauser, Klostermann Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) 27 Ideen für das eigene sportdidaktische Handeln entwickeln und diese schließlich (4) mit Aspek- ten der motorischen Lernprozesse begründen. Auf diese Weise verknüpfen Studierende fach- wissenschaftliches Wissen mit fachdidaktischen Aspekten. Die genannten hochschuldidaktischen Methoden sind mit Blick auf die im Bologna Prozess eingeführte professionelle Fertigkeit und kritische Kompetenz zielführend. Zugleich lassen sie offen, wie die exemplarische moto- rische Eigenrealisation in entsprechenden As- sessments im Detail zum Tragen kommt. Diesem Desiderat forschend nachzugehen, wäre für das Studienfach Bewegung und Sport ein Gewinn. PD Dr. André Klostermann ist seit 2020 Dozent in der Hochschuldidaktik & Lehrentwicklung sowie am Institut für Sportwis- senschaft an der Universität Bern. Er befasst sich in Lehre, Forschung und Weiterbildung u.a. mit Nutzungsmöglichkeiten und Potentialen digitali- sierter Lehr- und Lernmethoden. Prof. Dr. Elke Gramespacher leitet seit 2011 die Professur Bewegungsförde- rung und Sportdidaktik im Kindesalter am Institut Kindergarten-/Unterstufe der Pädagogischen Hochschule FHNW (Schweiz). Sie befasst sich ne- ben Fragen zur Hochschuldidaktik mit der bewe- gungs- und sportbezogenen Kindheitsforschung, auch unter besonderer Berücksichtigung von Gender und Diversität. Barbara Hauser ist seit 2015 Dozentin für Bewegungsförderung und Sportdidaktik an der Pädagogischen Fach- hochschule Nordwestschweiz und seit 2021 Dozentin für Sportdidaktik an der Scuola Univer- sitaria Professionale della Svizzera Italiana. Als Koordinatorin für Qualität der Lehre am Institut Kindergarten-/Unterstufe (PH FHNW) befasst sie sich u.a. mit der Lehrkonzeption. Dr. Claudia Klostermann ist seit 2018 Dozentin für Bewegung und Sport an der Professur Bewegungsförderung und Sportdi- daktik im Kindesalter am Institut Kindergarten-/ Unterstufe der Pädagogischen Hochschule FHNW (Schweiz). Sie ist schwerpunktmäßig in der Lehre von Lehrpersonen auf Kindergarten- und Primar- stufe tätig.Institut Kindergarten-/Unterstufe Literatur Bachmann, S., Bertschy, F., Künzli David, C., Leonhard, T., & Peyer, R. (Hrsg.). (2021). Die Bildung der Generalistinnen und Generalisten. Perspektiven auf Fachlichkeit im Studium zur Lehrperson für Kindergarten und Primarschule (Reihe: Studien zur Professionsfor- schung und Lehrerbildung). Bad Heilbrunn: Klinkhardt. Biggs, J. (1996). Enhancing teaching through constructive alignment. Higher Education, 32(3), 347-364. Bund, A. (2005). Lerntagebücher als Förderung und Evaluierung selbstständigen Lernens im Sport. In A. Gogoll & A. Menze-Sonneck (Hrsg.), Qualität im Schulsport (dvs-Schriften- reihe, Bd. 148, S. 201-207). Hamburg: Feldhaus, Ed. Czwalina. Chaudhuri, T., & Cabau, B. (2017). E-portfolios in higher education: A multidisciplinary approach. Singapur: Springer. Dave, R. H. (1968). Eine Taxonomie pädagogischer Ziele und ihre Beziehung zur Leis- tungsmessung. In K. Ingenkamp & T. Marsolek (Hrsg.), Möglichkeiten und Grenzen der Testanwendung in der Schule (S. 225-239). Weinheim: Beltz. Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz [D-EDK] (2016). Lehrplan 21. Bewe- gung und Sport. 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  • ZSLS-_2023_Heft_1_-_01-23_S.15-23.pdf
    Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium · Poweleit, Ohlert Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) 15 DOI: 10.25847/zsls.2021.054 Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium: Zufriedenheit und gewünschte Zusatzangebote André Poweleit, Jeannine Ohlert ORIGINALIA › PEER REVIEW Zusammenfassung Wissenschaftliche Denk- und Arbeitsweisen sind ein zentraler Bestandteil jeglichen Studiengangs einer Hochschule und gehen auch im Kontext der Lehrer*innenbildung mit Professionalisierungsansprüchen einher. So gilt es in Form eines anzubahnen- den wissenschaftlich-reflexiven Habitus die Pädagogen (aus) zu bilden, eigenes unterrichtliches Denken und Handeln professionell deuten und weiterentwickeln zu können. Mit Blick auf wissenschaftliche Erkenntnisse ist das Interesse an sowie die bekundete Relevanz von wissenschaftsorientierten Studieninhalten ambivalent, da nicht alle Lehramts- und Sportstudierenden einen Mehrwert damit verbinden und vielmehr praxisorientierte Studieninhalte als bedeutsam(er) kennzeichnen. Des Weiteren sind Sportstudierende mit den vorhandenen Studienangeboten zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten eher unzufrieden. Vor diesem Hintergrund wurde mittels einer Fragebogenerhebung der Frage nachgegangen, wie zufrieden Sport-Lehramtsstudierende mit den gegebenen curricularen Angeboten ihrer Hochschule zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten sind. Daneben waren spezifische Bedürfnisse an extracurricularen Unterstützungsangeboten (wie indivi- duelle Beratung und/oder Workshops zu bestimmten Aspekten) zu erkunden. Die Zufriedenheit der befragten Sport-Lehramtsstudierenden war insgesamt eher unter- durchschnittlich (häufig unter dem Skalenmittelwert). In Bezug auf die spezifischen Bedürfnisse zeichnete sich ein erhöhtes Interesse an zusätzlichen Unterstützungsan- geboten ab, wie z. B. eine persönliche Beratung zu Bachelor- und Masterarbeiten so- wie eine Internetseite mit Informationen zum wissenschaftlichen Arbeiten. Hierbei war auffällig, dass bestimmte Bedürfnisse je nach Studienphase variieren. Auf Basis der im Beitrag generierten Ergebnisse, die insgesamt einen Optimierungsbedarf an Angeboten zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten zu erkennen geben, sind weiterführend mögliche Maßnahmen und Folgerungen sowohl für das standortspe- zifische Lehramtsstudium als auch übergreifend für die Lehrer*innenbildung zu diskutieren. Abstract: Scientific ways of thinking and working are central components of any course of study at university and thus also go along with demands for professio- nalization in teacher education. Therefore, teachers developing a reflective habi- tus have to be enabled to professionally interpret and develop their own ways of thinking and acting. With regard to scientific knowledge, the interest in and the declared relevance of science-oriented study content seems ambivalent, since not all teacher education students and sports students realize its relevance, but rather korrespondierender Autor Dr. André Poweleit Zentrum für Sportlehrer*innenbildung (ZfSb) Institut für Sportdidaktik und Schulsport Deutsche Sporthochschule Köln Dr.Jeannine Ohlert Psychologisches Institut, Zentrum für Sportlehrer*innenbildung (ZfSb) Deutsche Sporthochschule Köln Schlüsselwörter Sportstudium, Lehramt, wissenschaftliches Arbeiten, Professionalisierung, Studierende Zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt: Poweleit, A., Ohlert, J. (2023). Wissenschaft- liches Denken und Arbeiten im Sport-Lehr- amtsstudium: Zufriedenheit und gewünschte Zusatzangebote. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft, 6(1), 15-23. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium · Poweleit, Ohlert16 CC BY 4.0 DE identify practice-oriented study content to be (more) significant. Furthermore, sports students rather tend to be dissatisfied with the existing courses focussing on scientific thinking and working. Against this background, a questionnaire survey was conducted to analyse PE students’ curricular needs. In addition, specific needs for extracurricular support (such as individual counselling and/or workshops on specific aspects) were to be explored. The results show that overall satisfaction of the surveyed PE students was rather below average (often below the scale mean). In terms of specific needs, an increased interest in additional support servi- ces emerged, such as personal advice on bachelor's and master's theses as well as a website with information on scientific work. It was noticeable that specific needs vary according to the phase of study. Based on our results indicating an overall need for op- timizing our curricular offers for scientific thinking and working, possible measures and consequences are to be discussed, both for the site-specific teacher training program and for teacher training across the board. 1. EINFÜHRUNG UND PROBLEMSTEL- LUNG Das Studium als erste (hochschulische) Lehramtsausbildungsphase hat den Anspruch, den Studierenden sowohl fachspezifische als auch bildungswissenschaftliche Kompetenzen zu vermitteln, um diese auf ihr späteres Berufsfeld als Lehrkraft ausreichend vorzu- bereiten (vgl. DSLV, dvs, DOSB & FSW, 2019, Memorandum Schul- sport). Mit dem Ziel eines akademischen Abschlusses ist nicht nur eine methodisch-didaktische, sondern auch eine wissenschaftliche (Aus-)Bildung von Bedeutung. Demnach sind auch übergreifende (insbesondere forschungsmethodologische und -methodische) Kompetenzen zu fördern. Gerade über diese wissenschaftlich geprägte Auseinandersetzung im Setting (Schul-)Sport lässt sich eine Differenz zu nicht akademisch qualifizierten Sportlehrkräften und Trainer*innen herstellen (vgl. dvs, asp, FSW & DSLV, 2017, sportwissenschaftliches Kerncurriculum; Hottenrott et al., 2017, Memorandum Sportwissenschaft). Von den Studierenden werden somit im Laufe des Studiums unterschiedliche wissenschaftliche Arbeiten (u. a. die obligatorischen Abschlussarbeiten des Bachelor- und Masterstudiengangs oder auch das in den Praxisphasen veran- kerte Forschende Lernen, vgl. hierzu z. B. Ukley & Gröben, 2018) erwartet, was auch impliziert, wissenschaftlich denken zu können. Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung gilt es – unter Berück- sichtigung ausgewählter Befunde – der Frage nachzugehen, ob die Studierenden während ihres Studiums mit den curricularen Angeboten zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten zufrie- den sind. Über die Rückmeldung der Studierenden sollen weiter- führend Maßnahmen zur Beratung und Unterstützung abgeleitet werden, um diesen Bereich weiter zu stärken. Theoretische Hinführung In Anlehnung an Kleinert und Pels (2020) stehen die beiden Be- griffe wissenschaftliches „Denken“ und „Arbeiten“ für all jene Prozesse, die während einer wissenschaftlichen Tätigkeit ablaufen: „Die wissenschaftlichen Denkprozesse umfassen dabei Be- reiche wie Beurteilen (z. B. Beurteilen von Literatur), Planen (z. B. Untersuchungsplanung) oder gedankliche Konstrukti- onen (z. B. Theoriebildung zum Beschreiben von Zusammen- hängen).Die wissenschaftlichen Arbeitsprozesse umfassen hingegen eher unmittelbar handlungsbezogene Bereiche wie Recherchieren (z. B. Literaturrecherche), Datenerhe- bung (z. B. Durchführung einer Befragung), Datenauswer- tung (z. B. statistische Analysen) und Schreiben (z. B. Ver- fassen eines wissenschaftlichen Artikels). Die ablaufenden Denk- und Arbeitsprozesse sind dabei ständig wechselseitig miteinander verknüpft“ (ebd., S. 32). In allen Wissenschaftsbereichen (sowohl Lebens- als auch Gesell- schaftswissenschaften) erfolgt das wissenschaftliche Denken und Arbeiten nicht willkürlich, sondern ist durch spezifische Merkmale und Standards gekennzeichnet: » Aufarbeitung bestehender Erkenntnisse, Klärung zentraler Begriffe sowie eigenständige und kreative Gedankenarbeit » systematisches, regelgeleitetes und methodisch kontrol- liertes Vorgehen » Fundierung der Aussagen und Objektivierung » überprüfbares und reflektiertes sowie präzises, eindeu- tiges und logisches Argumentieren » sorgfältige und einheitliche Darstellung (formale und technische Aspekte) » Redlichkeit (Kennzeichnung sämtlicher Bezugsquellen) (vgl. detailliert Bohl, 2018; Roos & Leutwyler, 2017) Damit unterscheidet sich das wissenschaftliche Denken und Arbei- ten aufgrund seiner kontrollierten, planvollen und genauen Vor- gehensweise bzw. seines Anspruchs um intersubjektive Klarheit und Nachvollziehbarkeit von alltäglichen (intuitiven oder naiven) Denk-, Argumentations- und Handlungsweisen (Fromm & Paschel- ke, 2017; Kleinert & Pels, 2020). Danach ist festzuhalten, dass wis- senschaftliches Denken und Arbeiten im Studium mehr ist als eine (reine) Wiedergabe vorliegender Texte oder eine (blinde, unreflek- tierte) Anhäufung von Wissen. Es stellt vielmehr eine intensive Auseinandersetzung mit Themen, Perspektiven, Erfahrungen und Theorien dar, sodass auch die eigene Innenwelt nicht einfach un- hinterfragt bestehen bleibt, sondern überprüft und zur Diskussion gestellt wird (Bohl, 2018, S. 10; Roos & Leutwyler, 2017, S. 15-16). Hierüber können schließlich individuelle Sichtweisen bestätigt, revidiert, differenziert und/oder erweitert werden. Eine solch reflektierte und realitätsprüfende Grundhaltung aus der „Wissen- schaft“ sollte auch von Studierenden jeglichen akademischen Stu- diengangs kultiviert werden, um eigenes (präferiertes) Denken und Handeln sowohl im Beruf als auch im Alltag professionell deuten und weiterentwickeln zu können (ebd.). Dies wird auch in der (Sport-)Lehrer*innenbildung als lohnenswert gekennzeichnet. So ist auch dort wissenschaftliches Denken und Arbeiten u. a. in Form eines Forschenden Lernens in den Praxis- phasen des Lehramtsstudiums (z. B. Basten, Mertens, Schöning & Wolf, 2020) sowie in weiteren, einzelnen (schulform)spezifischen Lehrveranstaltungen der Studienfächer (inkl. Bildungswissen- schaften) verankert, was wiederum standortspezifisch – mit un- terschiedlicher inhaltlicher Fokussierung und Anzahl der Angebote – konkretisiert wird (für das Fach Sport in NRW vgl. z. B. Fischer, Gissel & Pfitzner, 2018). Im Kontext der Professionalisierung von (angehenden) Lehrkräften wird gemeinhin ein wissenschaftlich- reflexiver Habitus als essentiell angesehen, mit dem es gelingt, sozialisiertes (Erfahrungs-)Wissen und damit einhergehende (eindimensionale) praktische Routinen auf Basis wissenschaftlich fundierter Wissensbestände kritisch zu hinterfragen (Combe & Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium · Poweleit, Ohlert Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) 17 DOI: 10.25847/zsls.2021.054 Kolbe, 2008; Helsper, 2001). Ohne eine solche Reflexivität besteht die Gefahr bzw. Tendenz, dass ein gewünschter Perspektivwechsel (von dem*der Sportler*in zum*zur Pädagog*in) ausbleibt und nur biografisch geprägte bzw. präferierte fachkulturelle Wahrneh- mungs-, Denk- und Handlungsmuster in der Berufspraxis imitiert werden, wodurch bestehende Erziehungs- und Bildungsansprüche keine ausreichende Berücksichtigung erhalten (Poweleit, 2019; 2021). Unter Rekurs auf Helsper (2001) wird schließlich im Rah- men der Lehrer*innenbildung eine Notwendigkeit einer doppelten Professionalisierung gesehen, die einerseits ein pädagogisch- praktisches Können und andererseits eine wissenschaftliche Reflexivität impliziert, um die (zukünftigen) antinomischen Be- rufsaufgaben professionell bewältigen und gestalten zu können. Zusammenfassend ist sowohl für Novizen als auch für erfahrene Lehrkräfte notwendig, eigenes unterrichtliches Handeln und be- währte Routinen, die (primär) auf Alltagswissen bzw. biografisch geprägten Wissensbeständen beruhen, einer kritisch-prüfenden und wissenschaftlich-gesicherten Reflexion zu unterziehen und dieses letztendlich gut begründet bestehen zu lassen oder eben zu erneuern (Kastrup, Gröben & Ukley, 2020). Hier ist zu ergänzen, dass eine Lehrer*innenbildung erst dann reflexiv werden kann, wenn die eigenen normativen Orientierungen bzw. inhaltlichen Reflexionsfolien verdeutlicht und festgelegt sind. Eine reflexive Professionalität benötigt also akademisches (Fach-)Wissen, worauf Bezug genommen werden kann (Häcker, 2019, S. 88-89). Damit also dieses anspruchsvolle Anliegen der Anbahnung eines reflexiven Habitus überhaupt gelingt, bedarf es bestimmter Vor- aussetzungen. So benötigen die Studierenden für die Professio- nalisierung fachwissenschaftliche, methodisch-didaktische und forschungsmethodische Kompetenzen (Kastrup et al., 2020). Letz- teres, also übergreifend die Vermittlung von wissenschaftlichen Denk- und Arbeitsprozessen, ist äußerst bedeutsam, „weil nur eine Lehrkraft, die forschungsmethodisch kom- petent ist, am wissenschaftlichen Diskurs kritisch teilha- ben kann. Nur so kann die Lehrkraft die richtigen Fragen stellen, sie methodisch bearbeiten und den Problemen entsprechend auf den Grund gehen […]. Die Kenntnisse im forschungsmethodischen Bereich dienen somit zur von Hel- sper geforderten wissenschaftlich fundierten Reflexion des eigenen Lehrkräftehandelns“ (ebd., S. 146-147). Somit ist eine wesentliche Gelingensbedingung für das Forschen- de Lernen an Hochschulen und damit einhergehende Professio- nalisierungsansprüche, dass den Studierenden das notwendige Handwerkzeug wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens zur Ver- fügung steht und sie dieses auch entsprechend anwenden können (Hellmer, 2009). Im Anschluss daran stellt sich die Frage, ob sich die Studierenden hinsichtlich forschungsmethodischer Kompetenzen, die schließlich Voraussetzung für weiterführende Professionalisie- rungsprozesse sind, tatsächlich ausreichend vorbereitet fühlen. Ziel der vorliegenden Studie unter Berücksichti- gung ausgewählter Befunde zum wissenschaftli- chen Denken und Arbeiten Allgemein scheinen Sportstudierende kaum einen Zusammenhang zwischen wissenschaftlichen Denk- und Arbeitsweisen und spä- terer Arbeitswelt zu sehen und schätzen praxisorientierte Studi- eninhalte wichtiger ein; vor allem Studienanfänger*innen scheint der Nutzen nicht bewusst zu sein und bekunden ein geringeres Interesse (Kleinert & Pels, 2020). Ähnlich wie in den sportwissenschaftlichen Studiengängen scheint auch für Lehramtsstudierende allgemein wissenschaftliches Den- ken und Arbeiten im Vergleich zu praktischen Bestandteilen im Studium für die Ausübung des Berufs eine geringere Relevanz zu haben, denn sie sehen sich nicht oder nur in geringem Maße als Wissenschaftlicher*innen, sondern vielmehr als praktizierende Lehrkräfte, die primär Lehrerfahrungen benötigen (u. a. Schindler, Rosell & Gleis, 2018). Auch Sport-Lehramtsstudierende scheinen nicht darin bestärkt zu werden, dass wissenschaftliche Reflexivität für die eigene Pro- fession bedeutsam ist (u. a. Wegener & Faßbeck, 2018). So geht unter dem praktischen Handlungsdruck im Schulalltag oftmals die Tendenz einher, dass weniger eine kritische, forschend-reflexive Auseinandersetzung des unterrichtlichen Handelns vorgenom- men, sondern verstärkt unreflektiert auf subjektive Erfahrungen aus der eigenen außerschulischen und schulischen Praxis oder anderer Lehrkräfte bzw. Kolleg*innen zurückgegriffen wird (Ukley & Bergmann, 2020, S. 150). Auf der anderen Seite ergeben andere Studien, dass forschungsorientierte Denk- und Handlungsweisen in Bezug auf ein stetiges Weiterbilden im Beruf bzw. im Sinne der Professionalisierung unterrichtlichen Handelns von angehenden Lehrkräften als nützlich eingestuft werden (Homt, Bloh & Grosser, 2020; vgl. auch Feiel, Gramm, Mahn & Mühl, 2019). Dementspre- chend liegen mehrdeutige Betrachtungen vor. Hinsichtlich der Zufriedenheit mit Studienangeboten wissenschaft- lichen Denkens und Arbeitens zeichnet sich tendenziell eine unbe- friedigende Bewertung ab. An der gleichen Hochschule (Deutsche Sporthochschule Köln), an der die vorliegende empirische Unter- suchung stattfand, sind Studierende aus (nicht lehramtsspezifi- schen) sportwissenschaftlichen Studiengängen mit den vorhande- nen Studienangeboten (z. B. wissenschaftliche(s) Arbeitstechniken und Schreiben) eher unzufrieden (Kleinert & Pels, 2020). Für das Sport-Lehramtsstudium, welches im Vergleich weniger solcher Lehrveranstaltungen oder in anderer Form curricular verankert hat, liegt aktuell noch keine ausreichende Datengrundlage vor. Mit Blick auf die lehramtsspezifischen Bachelor-Studienpläne für das Fach Sport am Untersuchungsstandort wird in lediglich einer Lehr- veranstaltung explizit das wissenschaftliche Denken und Arbeiten aufgegriffen; in bestimmten Schulformen (Grund- und Förderschu- le) ist es sogar in expliziter Form überhaupt nicht Teil des Curricu- lums [Stand 18.03.2022]. Ergänzend hierzu ist noch das Konzept des Forschenden Lernens in den Praxisphasen (Eignungs- und Orientierungspraktikum sowie Berufsfeldpraktikum) des bildungs- wissenschaftlichen Studiums integriert. Im Masterstudium werden neben dem Forschenden Lernen im Praxissemester explizit zwei Lehrveranstaltungen mit wissenschaftlich-methodischer Ausrich- tung angeboten. Gewiss können auch in anderen Lehrveranstal- tungen eine reflektierte Grundhaltung und/oder entsprechende Denk- und Arbeitsweisen aus der Wissenschaft vermittelt werden, allerdings hängt dies wohl häufig von der jeweiligen Lehrkraft ab. In diesem Zusammenhang wird vermutet, dass der wissenschaft- liche Studienanteil insgesamt zu kurz kommt und sich damit die Sport-Lehramtsstudierenden auch nicht ausreichend vorbereitet fühlen und somit mehr Unterstützungsangebote benötigen. Dies gilt es im vorliegenden Beitrag empirisch zu prüfen. Vor dem Hintergrund der vorangegangen Ausführungen war Ziel der vorliegenden Studie, die Zufriedenheit der Sport-Lehramtsstu- dierenden mit den curricularen Angeboten zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten während des Studiums zu erheben und zu- Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) 18 CC BY 4.0 DE Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium · Poweleit, Ohlert dem das Bedürfnis nach extracurricularen Angeboten zu eruieren. Ergänzend hierzu wurden Unterschiede zwischen den Studieren- den in den verschiedenen Phasen des Studiums (Einstiegsphase, Bachelor, Master) untersucht. Hier sind z. B. aufgrund der steigen- den Anforderungen wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens in den einzelnen Studienphasen unterschiedliche Bedürfnisse zu erwarten. Mit Rücksicht auf das eingangs beschriebene Bildungs- anliegen der Entwicklung eines wissenschaftlich-reflexiven Habitus soll aus den gewonnenen Erkenntnissen auch erste Folgerungen für die Lehrer*innenbildung abgeleitet werden. 2. METHODE Teilnehmende Insgesamt 187 Sport-Lehramtsstudierende nahmen an der Befragung teil, hiervon waren 59% weiblich und 41% identifizier- ten sich als männlich. Das Durchschnittsalter lag bei 22.84 Jahren (SD = 3.06 Jahre). Die überwiegende Mehrheit (64%) studierte für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen, 17% für das Lehramt an Förderschulen, 11% an Haupt-, Real-, Sekundar- und Gesamtschulen, 7% an Grundschulen und 1% an Berufskollegs. Für die Studie wurden die Studierenden in drei Gruppen eingeteilt: 30 Studierende befanden sich in der Anfangsphase des Studiums (ers- tes Semester), 98 im weiteren Bachelorstudium (Semesterzahl M = 4.41; SD = 1.98) und 59 im Masterstudium (M = 8.78; SD = 3.42). Diese Einteilung wurde gewählt, da die Befragung zu Beginn des Semesters durchgeführt wurde und bei den Erstsemestern noch keinerlei Erfahrung mit Aspekten des wissenschaftlichen Arbeitens erwartet wurden, während davon ausgegangen wurde, dass Stu- dierende der höheren Fachsemester bereits Kenntnisse erworben haben – Masterstudierende aufgrund der absolvierten Bachelorar- beit in höherem Maße als Bachelorstudierende. Messinstrumente Die Generierung der Items für die verschiedenen Aspekte erfolgte durch vier Personen, die sowohl im Modul „wissenschaftliches Den- ken und Arbeiten“ im Lehramtsstudium unterrichten als auch am an der Hochschule ansässigen Zentrum für Lehrer*innenbildung für die Beratung der Studierenden zum wissenschaftlichen Arbei- ten zuständig sind. Die Items beziehen sich demnach zum einen auf im Modulhandbuch festgelegte curriculare Aspekte und zum anderen auf in der Beratung häufig durch die Studierenden the- matisierte Aspekte. Zufriedenheit mit Angeboten wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens Die Zufriedenheit wurde mit insgesamt neun selbst generierten Items erhoben, die sich auf verschiedene Angebote und Informa- tionen zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten im Rahmen des Sport-Lehramtsstudiums bezogen (die genaue Formulierung der Items kann Tabelle 1 entnommen werden). Die Items wurden auf einer siebenstufigen Likert-Skala von 1 = „überhaupt nicht zufrieden“ bis 7 = „sehr zufrieden“ beantwortet. Diese Fragen wur- den nur denjenigen Studierenden gestellt, die sich mindestens im zweiten Bachelorsemester befanden (n = 157), da die Befragung zu Beginn des Semesters stattfand und daher die Studienanfänger noch keine Erfahrungen in dem Bereich aufweisen konnten; das Cronbachs Alpha lag bei .89 für die vorliegende Stichprobe. Bedürfnis nach extracurricularen Angeboten und Beratungsan- geboten Die Fragen zum Bedürfnis nach extracurricularen Angeboten und Beratungsangeboten wurden allen Teilnehmenden gestellt und vorab selbst generiert. Zehn Items fragten mögliche Workshopthe- men sowie ein Internetangebot ab (zum genauen Wortlaut siehe Tabelle 2), und mit fünf Items wurden verschiedene Beratungsan- gebote und -themen erfasst (siehe Tabelle 2). Die Studierenden bewerteten jeweils auf einer Likert-Skala von 1 = „würde ich auf keinen Fall nutzen“ bis 7 = „würde ich auf jeden Fall nutzen“, wie wahrscheinlich es wäre, dass sie ein entsprechendes Angebot nut- zen würden. Das Cronbachs Alpha für die extracurricularen Ange- bote lag bei .90, für die Beratungsangebote bei .88. Durchführung Die Befragung war Teil einer größeren Studie zu Angeboten des Zentrums für Lehrer*innenbildung an der Deutschen Sporthoch- schule Köln. Alle Sport-Lehramtsstudierenden dieser Hochschule (N ~ 2.000) wurden über den internen E-Mail-Verteiler ange- schrieben und darum gebeten, an der Befragung teilzunehmen. Die Befragung erfolgte nach den Vorgaben der American Psy- chological Association und war für die Befragten freiwillig und ohne Risiken. Es gab keine Kompensation für die Teilnahme an der Befragung. Insgesamt 409 Befragte besuchten die Startseite der Befragung, 202 Teilnehmende füllten den Fragebogen bis zum Ende aus. Die für die aktuelle Auswertung notwendigen Fragen wurden von 187 Personen beantwortet (die übrigen brachen die Befragung vorher ab). Analysen Die Items wurden einzeln ausgewertet und Mittelwerte sowie Standardabweichungen deskriptiv dargestellt. Zur Berechnung der Unterschiede zwischen den Gruppen von Studierenden wurden multivariate Varianzanalysen (MANOVA) getrennt für die ver- schiedenen Bereiche (Zufriedenheit, Bedürfnisse extracurriculare Angebote, Bedürfnisse Beratung) gerechnet. Zeigte die MANOVA signifikante Ergebnisse auf multivariater Ebene, so wurde als Post- Hoc-Test die Roy-Bargmann Stepdown Prozedur nach der Empfeh- lung von Finch (2007) durchgeführt. Hierfür wurde zunächst aus theoretischer und anwendungsbezogener Sicht eine Rangfolge der jeweiligen Items erstellt und anschließend für das erste Item eine ANOVA durchgeführt. Dieses Item diente anschließend als Kova- riate in der ANCOVA für das nächste Item, welches anschließend ebenfalls hinzugefügt wurde. Die Reihenfolge der Items in der Stepdown Prozedur kann der Tabelle 2 entnommen werden (für die Items in Tabelle 1 war die Prozedur aufgrund des nicht signi- fikanten Ergebnisses der MANOVA nicht notwendig). Die angege- benen Signifikanzen beziehen sich jeweils auf diese Reihenfolge in der Prozedur. Hierbei wurde das α-Niveau aufgrund der multiplen Testung mittels Bonferroni-Korrektur auf .005 für die extracurricu- laren Angebote sowie auf .01 für die Beratungsangebote korrigiert. Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium · Poweleit, Ohlert Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) 19 DOI: 10.25847/zsls.2021.054 Tab. 1: Mittelwerte und Standardabweichungen der Zufriedenheit mit aktuellen Angeboten für alle Teilnehmenden sowie die verschie- denen Studienabschnitte.1 Wie zufrieden sind Sie mit... Gesamt (n = 157) M (SD) Bachelor (n = 98) M (SD) Master (n = 59) M (SD) …der wissenschaftlichen Begleitung während der Bachelorarbeit.2 4.26 (1.87) -2 4.26 (1.87) ...der Betreuung während (wissenschaftlicher) Seminar- /Hausarbeiten 4.06 (1.68) 4.28 (168) 3.76 (1.64) …den Informationen dazu, wie wissenschaftliches Arbeiten (z.B. Theorien, korrektes Zitieren, wissenschaftliches Schreiben) erfolgen kann. 3.93 (1.70) 3.97 (1.72) 3.86 (1.70) …den Möglichkeiten, sich Unterstützung bei Problemen zum wissenschaftlichen Arbeiten zu holen. 3.72 (1.53) 3.81 (1.57) 3.59 (1.48) …den Informationen zu qualitativen Forschungsmethoden (z.B. Interviews, Dokumentenanalyse). 3.62 (1.45) 3.88 (1.44) 3.25 (1.38) …den Informationen zu quantitativen Forschungsmethoden (z.B. Fragebögen, objektive Testver- fahren). 3.52 (1.53) 3.75 (1.58) 3.19 (1.41) …der Vorbereitung auf die Bachelorarbeit im Rahmen des Studienangebots. 3.23 (1.54) 3.13 (1.40) 3.35 (1.71) ...den Informationen zur quantitativen Datenanalyse (z.B. Statistik, SPSS). 2.98 (1.46) 3.01 (1.40) 2.95 (1.54) 1 Die Fragen zur Zufriedenheit wurden nur Studierenden gestellt, die sich mindestens im zweiten Fachsemester befanden. 2 Diese Frage wurde lediglich den Masterstudierenden (n = 59) gestellt. 3. ERGEBNISSE Zufriedenheit mit Angeboten wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens Bei der Zufriedenheit mit den Angeboten zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten zeigten sich – auf deskriptiver Ebene insge- samt gesehen – überwiegend Bewertungen, die durchschnittlich schlechter waren als das Skalenmittel von 4 (siehe Tabelle 1). Le- diglich die wissenschaftliche Begleitung während der Bachelorar- beit und die Betreuung während Seminar- und Hausarbeiten wur- de besser als der Skalenmittelwert beurteilt (Letztere auch nur von den Bachelorstudierenden). Die Informationen zu quantitativen und qualitativen Verfahren wurden insgesamt am schlechtesten bewertet. Signifikante Unterschiede zwischen Bachelor und Masterstudie- renden fanden sich auf der multivariaten Ebene nicht (F(8, 107) = 1.76, p = .093, η²(part) = .12), dementsprechend wurden keine univa- riaten Vergleiche mehr durchgeführt. Bedürfnis nach extracurricularen Angeboten Das Bedürfnis nach extracurricularen Angeboten lag insgesamt für alle Bereiche über dem Skalenmittel von 4 (siehe Tabelle 2). Ins- besondere eine Internetseite mit Informationen zu wissenschaft- lichem Arbeiten wurde gewünscht. Nach Workshops zur qualitati- ven und quantitativen Datenanalyse hatte die Gesamtgruppe das geringste Bedürfnis. Es zeigten sich jedoch signifikante Unterschiede im Bedürfnis für die drei Gruppen von Studierenden auf der multivariaten Ebene (F(20, 334) = 3.11, p < .001, η²(part) = .16). Die Roy-Bargmann Step- down Prozedur ergab, dass die Effekte auf der Univariaten Ebene lediglich für die Items „Workshops zu quantitativen Forschungs- methoden“ (F(2, 176) = 14.67, p < .001, η²(part) = .14) sowie “Work- shops zur quantitativen Datenanalyse“ (F(2, 172) = 5.80, p = .004, η²(part) = .06) gefunden werden konnten. Bedürfnis nach zusätzlichen Beratungsangeboten Bei den persönlichen Beratungsangeboten wurde insgesamt eine recht hohe Nutzungswahrscheinlichkeit angegeben, für alle Be- reiche im Durchschnitt über dem Skalenmittelwert von 4 (siehe Tabelle 2). Insgesamt am höchsten wurde die Nutzungswahr- Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium · Poweleit, Ohlert20 CC BY 4.0 DE Tab. 2: Mittelwerte und Standardabweichungen der Nutzungswahrscheinlichkeit für extracurriculare sowie Beratungsangebote bei allen Teilnehmenden sowie aufgeteilt nach den verschiedenen Studienabschnitten (Sortierung der Aspekte nach Rangfolge in der Roy- Bargmann Stepdown Prozedur). Gesamt (n = 187) M (SD) Studienbeginn (n = 30) M (SD) Bachelor (n = 98) M (SD) Master (n = 59) M (SD) Extracurriculare Angebote Internetseite mit Informationen zu wissenschaftli- chem Arbeiten (Vorgehensweise, Methodik etc.) 5.83 (1.39) 5.63 (1.38) 5.85 (1.42) 5.92 (1.36) Workshop zur allgemeinen Vorbereitung auf Bache- lorarbeiten / Masterarbeiten 5.41 (1.50) 5.50 (1.55) 5.54 (1.37) 5.14 (1.67) Workshop zum Finden einer geeigneten Fragestel- lung / These für eine Abschluss- oder Hausarbeit 4.91 (1.74) 4.80 (1.81) 4.89 (1.76) 5.00 (1.68) Workshop zum Umgang mit wissenschaftlichen Texten 4.45 (1.62) 4.50 (1.64) 4.53 (1.50) 4.31 (1.82) Workshop zum wissenschaftlichen Schreiben 4.73 (1.70) 4.73 (1.74) 4.86 (1.64) 4.52 (1.78) Workshop zu quantitativen Forschungsmethoden (z.B. Fragebögen, objektive Testverfahren) 4.53 (1.53) 3.93M (1.60) 4.37M (1.39) 5.08SB (1.57) Workshop zu qualitativen Forschungsmethoden (z.B. Interviews, Dokumentenanalyse) 4.47 (1.48) 3.90 (1.56) 4.35 (1.34) 4.95 (1.54) Workshop zur quantitativen Datenanalyse (z.B. Statistik, SPSS) 4.34 (1.58) 3.40M (1.33) 4.18 (1.49) 5.10S (1.54) Workshop zur qualitativen Datenanalyse (z.B. Inhaltsanalyse, MAXQDA) 4.33 (1.63) 3.67 (1.47) 4.23 (1.53) 4.83 (1.72) Workshop zur Verknüpfung von Theorie und For- schungsmethode 4.50 (1.55) 3.77 (1.57) 4.53 (1.47) 4.81 (1.59) Beratungsangebote Persönliche Beratung zu Bachelor- und Masterar- beiten 5.92 (1.24) 5.60 (1.48) 5.92 (1.30) 6.08 (0.99) Persönliche Beratung zum Finden einer geeigneten Fragestellung / These für eine Abschluss- oder Hausarbeit 5.51 (1.50) 4.93 (1.80) 5.56 (1.48) 5.71 (1.31) Persönliche Beratung zu quantitativen Forschungs- methoden und Statistik 4.66 (1.59) 4.20 (1.81) 4.48 (1.52) 5.17 (1.49) Persönliche Beratung zur Verknüpfung von Theorie und Forschungsmethode 4.96 (1.52) 4.40 (1.63) 4.97 (1.49) 5.22 (1.45) Persönliche Beratung zu qualitativen Forschungsme- thoden und Datenauswertung 4.78 (1.55) 3.80 (1.58) 4.74 (1.52) 5.36 (1.29) S Signifikante Unterschiede zu Studienanfängern. B Signifikante Unterschiede zu Bachelorstudierenden. M Signifikante Unterschiede zu Masterstudierenden. Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium · Poweleit, Ohlert Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) 21 DOI: 10.25847/zsls.2021.054 scheinlichkeit einer Beratung zu Bachelor- und Masterarbeiten im Allgemeinen bewertet, während Beratungen zu qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden und Datenauswertungen am niedrigsten bewertet wurden. Im Vergleich der drei Gruppen von Studierenden zeigten sich ebenfalls insgesamt signifikante Unterschiede auf multivariater Ebene (F(10, 346) = 2.81, p = .002, η²(part) = .08). Nach Durchfüh- rung der Roy-Bargmann Stepdown Prozedur inklusive Anpassung des α-Fehler-Niveaus waren die Gruppenunterschiede für die ein- zelnen Variablen jedoch nicht mehr signifikant. 4. DISKUSSION UND AUSBLICK Ziel der vorliegenden Studie war zu untersuchen, inwieweit die Sport-Lehramtsstudierenden mit den vorhandenen Angeboten der Hochschule zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten zufrie- den sind. Daneben sollten die Bedürfnisse nach extracurricularen Unterstützungsangeboten ermittelt werden. Die Zufriedenheit ist im Mittel eher gering ausgeprägt, da nur einzelne Items (wie die wissenschaftliche Begleitung während der Bachelorarbeit) etwas höher eingestuft werden als das Skalenmit- tel von vier. Im Vergleich der beiden Studienphasen (Bachelor und Master) bekunden zumeist die Masterstudierenden – auf deskrip- tiver Ebene – eine etwas größere Unzufriedenheit. Mit Blick auf die erfragten Bedürfnisse der Studierenden wird vor allem das Bedürfnis nach persönlicher Beratung recht hoch ein- gestuft. Insbesondere eine allgemeine Beratung zu Bachelor- und Masterarbeiten erzielt eine hohe Nutzungswahrscheinlichkeit. Zudem besteht der Wunsch nach einer Internetseite mit Informa- tionen zum wissenschaftlichen Arbeiten. Allerdings wird über den Vergleich der einzelnen Studienphasen (Studienbeginn, Bachelor und Master) ersichtlich, dass sich die Bedarfe im Laufe des Stu- diums verändern. Vor allem für Masterstudierende nehmen be- stimmte Angebote an Bedeutsamkeit zu (wie z. B. Workshops zu quantitativen Forschungsmethoden), was wohl durch die erhöhten Anforderungen an forschungsbasierten Ausarbeitungen – wie das Studienprojekt im Praxissemester (vgl. u. a. Fischer et al., 2018) und die abschließende Masterarbeit – zu erklären ist; eine weitere Erklärungsmöglichkeit wäre das gewachsene Bewusstsein für die Relevanz solcher Angebote. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie zeigen, dass Optimie- rungsbedarf für Angebote und die Thematisierung wissenschaftli- chen Denkens und Arbeitens während des Sport-Lehramtsstudiums an der Deutschen Sporthochschule Köln besteht und schließlich vorhandene Lehrveranstaltungen im Curriculum weiterzuentwi- ckeln oder durch weitere Unterstützungsangebote zu ergänzen sind. So ist die Zufriedenheit der befragten Studierenden insge- samt als gering einzustufen; diese unbefriedigende Bewertung deckt sich mit den Ergebnissen einer empirischen Untersuchung in den nicht lehramtsspezifischen sportwissenschaftlichen Studi- engängen des selben universitären Standortes (Kleinert & Pels, 2020). Hier ist jedoch zu berücksichtigen, dass ein Lehramtsstudi- um in seiner Struktur und seinen Lernzielen von den sportwissen- schaftlichen Studiengängen zu unterscheiden ist und im Vergleich weniger explizite Lehrveranstaltungen zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten oder in anderer Form (z. B. das Forschende Lernen in den Praxisphasen) curricular verankert hat. Demzufolge werden nachfolgend hauptsächlich spezifische Folgerungen für das Lehramtsstudium an der Deutschen Sporthochschule Köln abgeleitet. Wie bereits angerissen, sind strukturelle Maßnahmen zu er- greifen, die Studierende beim wissenschaftlichen Denken und Arbeiten fördern. Unter Berücksichtigung der Ergebnisse in der vorliegenden Untersuchung scheinen die curricularen Angebote nicht auszureichen, womit schließlich zu prüfen ist, inwiefern die vorhandenen Lehrveranstaltungen, die das wissenschaft- liche Denken und Arbeiten im Studium aufgreifen, optimiert und erweitert werden können – ohne jedoch an dieser Stelle ausführliche Optimierungsmaßnahmen darlegen zu können. Einen möglichen Ansatz zur systematischen Verankerung im Curriculum (nicht lehramtsspezifischer) sportwissenschaftlicher Studiengänge bieten die Überlegungen von Kleinert und Pels (2020): Auf Lehrveranstaltungen, die wissenschaftliche Grund- verständnisse und Techniken vermittelt, folgen Übungs- und Projektphasen zur Anwendung der erworbenen Kompetenzen. Innerhalb dieses „longitudinalen Strangs“ soll die Vermittlung von Wissenschaftlichkeit – wo möglich – in das fachliche Lernen integriert sein (ebd.). Gewiss kann dieser Ansatz nicht eins zu eins für das Lehramtsstudium übernommen werden und wäre auf Basis der vorhandenen, spezifischen Strukturen zu modifi- zieren. Das in den Praxisphasen verankerte Forschende Lernen bietet aber bereits Anknüpfungspunkte, um wissenschaftliche Grundverständnisse und Techniken nicht nur zu erwerben, son- dern auch im beruf- und fachspezifischen Kontext anzuwenden. Neben der Weiterentwicklung curricularer Unterrichtsinhal- te können auch weitere extracurriculare Unterstützungsange- bote ausgebaut werden. Nachfolgend wird der Versuch unter- nommen, mögliche ergänzende Angebote zur Förderung des wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens im Lehramtsstudium am Untersuchungsstandort herzuleiten: Auf Basis der am stärksten herauskristallisierten Bedürfnisse der Befragten könnte zum einen eine digitale Materialsammlung mit Informationen zum wissenschaftlichen Arbeiten eingerichtet wer- den (z. B. in Form von Handreichungen, digitalen Präsentationen, interaktiven Selbstlerneinheiten, Erklärvideos uvm.), die für alle an der Hochschule eingeschriebenen Sport-Lehramtsstudierenden zugänglich ist. Hierüber kann Material zu unterschiedlichen Aspek- ten und Phasen des wissenschaftlichen Arbeitens zur Verfügung gestellt werden, welches sich nach bestimmten Themen geordnet selbstständig erarbeiten lässt. Vor dem Hintergrund der vorliegen- den Ergebnisse wurde dieser Aspekt bereits durch das Zentrum für Sportlehrer*innenbildung an der Deutschen Sporthochschule Köln umgesetzt und erhält auch nach und nach Anwendung seitens der Sport-Lehramtsstudierenden. Ergänzt wird dies durch eine persön- liche Beratung, wenn zur digitalen Materialsammlung individuelle Fragen und Anliegen auftreten. Mit Blick in die Zukunft wären bestimmt auch Peer-Feedbacks lohnend, indem als Berater*innen ausgebildete Studierende andere Studierende in den Prozessen wissenschaftlichen Arbeitens im Kontext des Faches Sport beglei- ten und unterstützen oder auch darüber hinaus Workshops (von Studierenden für Studierende) anbieten, wie es bereits (fachüber- greifend) einige Schreibzentren an Hochschulen umsetzen (vgl. z. B. Dreyfürst, Liebetanz & Voigt, 2018). Allerdings sollten vorab erst einmal vorhandene, curricular verankerte Lehrveranstaltungen überprüft und ggf. überarbeitet werden, die das wissenschaftliche Denken und Arbeiten im Studium aufgreifen. Mögliche wiederho- lende, kollektive „Probleme“, die sowohl in Lehrveranstaltungen als auch in Beratungsangeboten (s.o.) ersichtlich werden, könnten für eine systematische und kriterienorientierte Weiterentwicklung hilfreich sein. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium · Poweleit, Ohlert22 CC BY 4.0 DE An dieser Stelle müssen die im Beitrag generierten Ergebnis- se insofern relativiert werden, dass aufgrund der explorativen Studienanlage und einer Rücklaufquote von ca. 10 Prozent nur ein erstes, tendenzielles Meinungsbild der Sport-Lehramts- studierenden des Untersuchungsstandortes nachgezeichnet werden kann; zudem ist das Messinstrument nicht validiert. Hinsichtlich der eruierten Zufriedenheit lassen sich aber – wie vorab dargestellt – Überschneidungen zu bereits vorhandenen, aktuellen Befragungen von Sportstudierenden feststellen. Es kann durchaus aus diesem ersten gewonnenen Meinungsbild der befragten Sport-Lehramtsstudierenden geschlossen wer- den, dass Unterstützungsmaßnahmen zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten – als Basis für weiterführende Professi- onalisierungsprozesse – notwendig sind. Es sollten die Zufrie- denheit und Bedürfnisse der Studierenden-Kohorten in regel- mäßigen Zeitabschnitten erfragt werden, um – in Form eines längsschnittlich erhobenen Meinungsbildes – die Angebote zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten sukzessiv weiterent- wickeln zu können. Zusätzlich wäre auch die Perspektive der Lehrenden im Fach Sport interessant, um zu erheben, ob und welche Maßnahmen zur Anbahnung eines reflexiven Habitus bei den Studierenden vorgenommen werden. Einen Einblick in die von den Sport-Lehramtsstudierenden empfundene Wichtigkeit des wissenschaftlich-reflexiven Den- kens und Handelns für den beruflichen Werdegang weist die vorliegende Studie nicht auf. Dies sollte in kommenden Unter- suchungen – neben der Zufriedenheit und den Bedürfnissen an Angeboten in diesem Bereich (s.o.) – ebenfalls berücksichtigt werden. Mit Blick auf empirische Befunde scheint vielfach den praxis- orientierten Studieninhalten seitens der Lehramtsstudierenden eine größere Relevanz zugesprochen zu werden. Dies ist wohl darauf zurückzuführen, dass diese zumeist anschlussfähiger an das (einseitig) vorhandene Berufsbild eines „Praktikers“ sind. Demgegenüber bilden aber auch andere Studien positive Mei- nungen ab, indem wissenschaftsorientierte Denk- und Arbeits- weisen von angehenden Lehrkräften als wertvoll angesehen werden, um sich stetig weiterzubilden (vgl. Kapitel „Ziel der vor- liegenden Studie unter Berücksichtigung ausgewählter Befunde zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten“). In Bezug auf diese unterschiedliche Gewichtung seitens der Studierenden zum Stellenwert von wissenschaftlichen Denk- und Arbeitswei- sen im Lehramtsstudium lassen sich aber dennoch erste Folge- rungen für die Lehrer*innenbildung in diesem Bereich ziehen. Im Hinblick auf Studierende, aber auch Lehrende, die sich primär als Praktiker sehen und sich von andersartigen Studieninhalten distanzieren, ist eine stärkere Sensibilisierung notwendig, um den Mehrwert des wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens sowohl für die individuelle (Aus-)Bildung als auch die eigene un- terrichtliche Praxis aufzuzeigen. In Form einer realitätsprüfenden, forschungsorientierten Grundhaltung sollte es zu einem Selbstverständnis werden, die Welt durch verschiedene Perspektiven zu betrachten, sodass sowohl die Innen- als auch Außenwelt und deren Verhältnisse (vgl. u. a. Koller, 2018) über wechselnde und andere Sichtweisen auf bestimmte Sachverhalte immer wieder aufs Neue kritisch- reflexiv gedeutet und konstruktiv für die (berufliche) Weiterent- wicklung genutzt werden. Damit geht es in Bezug auf Helsper (2001) in der Lehrer*innenbildung nicht nur darum, pädago- gisch-praktische (Fach-)Kompetenzen zu befördern, sondern eben auch eine wissenschaftliche Reflexivität, mit der – über den forschend-universitären Kontext hinaus – eine prinzipielle und professionelle Denk- und Handlungsweise einhergeht (Klei- nert & Pels, 2020). Ein Beispiel, um im Rahmen des fachlichen Lernens ebenfalls wissenschaftliche Denk- und Arbeitsprozesse zu vermitteln und zu kultivieren, wäre der Ansatz der schrei- bintensiven Lehre (Lahm, 2016). So ließen sich in Bezug auf die Themen und Lernziele einer Lehrveranstaltung forschende Schreibaufgaben integrieren, die bereits einen praktischen Einblick in einzelne Bereiche und Phasen wissenschaftlicher Denk- und Arbeitsprozesse bieten. Bei der Aufbereitung von sportwissenschaftlichen Theorien, Konzepten sowie Methoden durch Studierendengruppen, die im Seminar präsentiert, re- flektiert und diskutiert werden, besteht z. B. die Möglichkeit, einführend Kurzexposés erstellen zu lassen. In Anlehnung an die Planung von Forschungsprojekten bereiten schließlich die Stu- dierenden ihre zu vermittelnden Inhalte systematisch vor und erhalten Rückmeldungen sowohl durch den Dozierenden als auch die Kommiliton*innen. Exemplarisch könnten hierbei fol- gende Aspekte berücksichtigt werden: Darstellung des Themas und der Problemstellung, Skizzierung der theoretischen Grund- lagen/des Forschungsstandes, Konkretisierung der Lernziele und inhaltlichen Schwerpunkte, Auswahl und Begründung der Vermittlungsmethode (Vortrag, digitale Selbstlerneinheit, o.ä.), Festlegung eines Arbeitsplans. Abschließend ist mit den vorherigen Überlegungen festzuhal- ten, dass in der universitären Lehre grundsätzlich bei der Aus- einandersetzung mit (sport-)wissenschaftlichen Perspektiven immer auch deren Mehrdeutigkeiten und z. T. auch Gegensätz- lichkeiten aufzugreifen sind. Hierüber kann eine selbst- und wis- senschaftsbezogene Reflexivität befördert werden, die – auch im Setting Schule und der unterrichtlichen Praxis – behilflich ist, eigene Deutungs- und Handlungsmuster stetig weiterzuentwi- ckeln. Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium · Poweleit, Ohlert Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) 23 DOI: 10.25847/zsls.2021.054 Literatur Basten, M., Mertens, C., Schöning, A., & Wolf, E. (Hrsg.). (2020). For- schendes Lernen in der Lehrer/innenbildung. Implikationen für Wissenschaft und Praxis. Waxmann. Bohl, T. (2018). Wissenschaftliches Arbeiten im Studium der Erzie- hungs- und Bildungswissenschaften. Arbeitsprozesse, Refe- rate, Hausarbeiten, mündliche Prüfungen und mehr. Beltz. Combe, A., & Kolbe, F.-U. (2008). Lehrerprofessionalität: Wissen, Kön- nen, Handeln. In W. Helsper & J. Böhme (Hrsg.), Handbuch der Schulforschung (S. 857-875). VS Verlag für Sozialwissen- schaften. 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  • ZSLS-_2023_Heft_1_-_01-23_S.05-14.pdf
    Die Beziehungen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöpfung · Fischer, Brückner Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) 5 DOI: 10.25847/zsls.2022.056 Die Beziehungen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöp- fung von Sportstudierenden im Praxissemester Britta Fischer, Jan-Peter Brückner ORIGINALIA › PEER REVIEW Korrespondierende Autorin Prof. Dr. Britta Fischer Institut für Sportwissenschaft Philosophische Fakultät Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Dr. Jan-Peter Brückner Institut für Sportwissenschaft Philosophische Fakultät Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Schlüsselwörter Langzeitpraktikum, Lehrerprofessionalisie- rung, Furcht vor Misserfolg, Hoffnung auf Erfolg, Hilfe als Bedrohung Keywords long-term intership, teacher professionaliza- tion, fear of failure, hope for success, help as a threat Zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt: Fischer, B., Brückner, J. (2023). Die Beziehun- gen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöpfung von Sportstudierenden im Praxissemester. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sport- wissenschaft, 6(1), 5-14. Zusammenfassung Langzeitpraktika wie das Praxissemester in Nordrhein-Westfalen stellen eine an- spruchsvolle Phase des Professionalisierungsprozesses für angehende Lehrkräfte dar. Mit der Studie wurden das Ausmaß an emotionaler Erschöpfung und ihre Be- ziehungen zum Leistungsmotiv und zur Einstellung zur Hilfe bei 136 Praxissemester- studierenden mit dem Fach Sport untersucht. Die Ergebnisse weisen auf eine eher geringe emotionale Erschöpfung hin, die dennoch wie erwartet mit den Variablen Furcht vor Misserfolg (r = .31), Hoffnung auf Erfolg (r = -.27) und Wahrnehmung von Hilfe als Bedrohung (r = .26) korreliert. Entgegen der Erwartung vermittelt Hilfe als Bedrohung nicht den Zusammenhang zwischen Furcht vor Misserfolg und emotionaler Erschöpfung. Die Ergebnisse liefern damit Hinweise, dass Hoffnung auf Erfolg als personaler Schützfaktor und Furcht vor Misserfolg und Hilfe als Bedro- hung als weitgehend unabhängige personale Risikofaktoren für die Entstehung von emotionaler Erschöpfung anzusehen sind. Kausalschlüsse lässt das Studiendesign jedoch nicht zu. Zukünftig sollten Längsschnitt- und Interventionsstudien prüfen, ob emotionaler Erschöpfung im Praxissemester durch frühzeitige Interventionen zur Reduktion von Furcht vor Misserfolg und der Einstellung von Hilfe als Bedrohung vorgebeugt werden kann. Abstract: Long-term internships such as the practical semester in North Rhine-West- phalia represent a challenging phase of the professionalization process for future teachers. The study investigated the extent of emotional exhaustion and its relations to achievement motive and attitude to help of 136 practical semester students with the subject sport. The results indicate a rather low level of emotional exhaustion, which is nevertheless related to fear of failure (r = .31), hope for success (r = -.27) and perception of help as a threat (r = .26) as expected. Contrary to expectations, help as a threat does not mediate the association of fear of failure and emotional exhaustion. The results thus provide evidence that hope for success as a personal protective factor and fear of failure and help as a threat are largely independent personal risk factors for the development of emotional exhaustion. However, the study design does not allow causal conclusions. Future longitudinal and intervention studies should examine whether emotional exhaustion in the practical semester can be prevented by early interventions to reduce fear of failure and the attitude to help as a threat. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Die Beziehungen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöpfung · Fischer, Brückner6 CC BY 4.0 DE 1. EINFÜHRUNG Die beruflichen Anforderungen im Sinne objektiver Belastungsfak- toren gehen im Setting Schule mit dem Erleben von mitunter hoher Beanspruchung einher (Schäfer et al., 2019; von Haaren-Mack et al., 2020). Dies zeigt sich bei im Beruf stehenden Lehrkräften (E. M. Skaalvik & Skaalvik, 2015, 2017; Baeriswyl et al., 2014; Hakanen et al., 2006), bei Referendar*innen bzw. bei Berufseinsteiger*innen (Dicke et al., 2015, 2016; Klusmann et al., 2012; Košinár, 2010; Keller-Schneider & Hericks, 2011) und auch bei Studierenden im Rahmen von Praxisphasen am Lernort Schule (Fives et al., 2007; Römer et al., 2018; Klassen & Durksen, 2014; Klassen & Chiu, 2011). In der Folge kann es zu Beeinträchtigungen der psychischen und physischen Gesundheit, aber beispielsweise auch der Berufs- zufriedenheit kommen (von Haaren-Mack et al., 2020). Zu den schulischen Praxisphasen im Lehramtsstudium gehört in Nordrhein-Westfalen das sogenannte Praxissemester. Als Langzeit- praktikum stellt es ein Ausbildungselement dar, mit dem spezifi- sche Anforderungen und Erwartungen einhergehen: Studierende sind gefordert, an sie als Lernende und als Lehrkraft herangetra- gene Erwartungen wahrzunehmen, mit der Rollenambiguität pro- duktiv umzugehen und eine eigene berufliche Identität aufzubau- en (Jantowski & Ebert, 2014). Gegebenenfalls müssen sie auch die persönliche Eignung für den Beruf hinterfragen. Erwartet wird von ihnen, dass sie ihr an der Universität erworbenes Wissen in einem praktischen Kontext anwenden, einen kritisch-reflexiven Habitus auf- bzw. ausbauen und zudem die Simultanität und Komplexität des Unterrichts auch im Sinne des Lernens der Schüler*innen handhaben. Krawiec et al. (2020), die Probleme von Studierenden während einer Praxisphase untersuchen, weisen entsprechend darauf hin, dass eine unklare bzw. uneinheitliche Rollendefinition tatsächlich problematisch sein kann. Hinzu kommen Anforderun- gen, die aus unterschiedlichen Vorstellungen von Studierenden und Lehrkräften über professionelles Handeln, Fehlplanungen des Unterrichts oder dem Verhalten von Schüler*innen resultieren. In Bezug auf das Unterrichten im Fach Sport ergeben sich darüber hinaus spezifische Anforderungen durch die besondere räumliche Situation, fachliche wie fachübergreifende curriculare Erwartun- gen und Fragen der Sicherheit im Sportunterricht. Für Berufsein- steigende erweisen sich Klassenführung, Unterrichtsmethodik und die Verfügbarkeit von Unterrichtsmaterial als besonders herausfor- dernde Probleme (Sáenz-López et al., 2011). In deutschen Studien werden Lärm, Schüler*innenheterogenität, die curricularen Anfor- derungen (von Haaren-Mack et al., 2020; Pels et al., 2022) und die Beziehung zu Kolleg*innen als bedeutsame Beanspruchungsquel- len genannt (Buttkus & Miethling, 2005; Miethling, 2007). Die hier skizzierten vielfältigen und komplexen Anforderungen und Probleme können zum Erleben von hoher Beanspruchung führen (Jantowski & Ebert, 2014; Schüle et al., 2017), das wiederum in einer emotionalen Erschöpfung resultieren kann (Cramer et al., 2018; Kücholl et al., 2019). Für eine ansteigende Beanspruchung von angehenden Lehrkräften im Verlauf des Praxissemester spre- chen Befunde von Jantowski und Ebert (2014) und, zumindest für einen Teil der befragten Studierenden, die Ergebnisse von Schüle et al. (2017). Allerdings ist zu berücksichtigen, dass nach Krawiec et al. (2020) das Beanspruchungserleben zum Ende des Praxisse- mesters sinkt. Letztgenanntes findet sich für Praxisphasen auch bei Fives et al. (2007) sowie Römer et al. (2018). Ursächlich für solche widersprüchlichen Befunde dürfte sein, dass je nach Konzeption der schulischen Praxisphase unterschiedliche objektive berufs- bezogene Anforderungen, Probleme und Entwicklungsaufgaben bestehen und zudem die Ressourcen des Arbeitsplatzes und der angehenden Lehrkräfte selbst eine puffernde Wirkung auf die Entstehung von Beanspruchungen und die daraus resultierende emotionale Erschöpfung haben. Rothland und Boecker (2015) weisen konsequenterweise darauf hin, dass in Verbindung mit der Wirkung des Praxissemesters personale Voraussetzungen von Stu- dierenden stärker in den Blick zu nehmen sind. Dieser Forderung soll mit der vorliegenden Studie nachgegangen werden: Zum einen soll das Ausmaß der emotionalen Erschöp- fung als Folge eines erhöhten Beanspruchungserlebens (Cramer et al., 2018; Kücholl et al., 2019) von Sportstudierenden im Pra- xissemester erhoben werden. Zum anderen wird der Frage nach dem Zusammenhang zwischen emotionaler Erschöpfung auf der einen Seite und der Einstellung zu Hilfe (Kastens & Schlag, 2021) bzw. ihrer Beziehung zum Leistungsmotiv (González-Hernández et al., 2021) als personale Voraussetzungen auf der anderen Seite nachgegangen. Gleichwohl es Studien gibt, die sich mit einzelnen dieser Variablen im Kontext der Lehrer*innenausbildung und des beruflichen Handelns auseinandersetzen (Dicke et al., 2014, 2015; Dickhäuser et al., 2007; König & Rothland, 2013), besteht ein Erkenntnisbedarf hinsichtlich ihres Zusammenhangs und ihrer Bedeutung in Langzeitpraktika, wie dem Praxissemester. 2. JOB-DEMAND-RESOURCES-MODELL Einen theoretischen Rahmen für die Auseinandersetzung mit Faktoren, die das Beanspruchungserleben beeinflussen liefert das Job-Demand-Resources-Modell (JDR-Modell; Bakker & Demerouti, 2007). Es wurde bereits für die Zielgruppe von im Beruf stehenden Lehrkräften herangezogen (Baeriswyl et al., 2014; Hakanen et al., 2006; E. M. Skaalvik & Skaalvik, 2017) und in jüngeren Arbeiten auf die Belastung und Beanspruchung von Studierenden (im Pra- xissemester) übertragen (Römer et al., 2018; Krawiec et al., 2020). Auf der Grundlage des JDR-Modells kann angenommen werden, dass Arbeitsanforderungen, d. h. Aspekte der Arbeit, die anhal- tende physische und/oder psychische Anstrengung erfordern, zum Erleben von Beanspruchung bzw. zu emotionaler Erschöpfung führen können (Bakker & de Vries, 2021), was insbesondere im letztgenannten Fall schließlich negative Folgen auf individueller wie organisationaler Ebene erwarten lässt. Hierzu kann eine Be- einträchtigung der physischen Gesundheit, des Arbeitsvermögens und – relevant für die professionelle Entwicklung der Studierenden – der Lernleistung gehören, wobei Arbeitsplatzressourcen gemäß des JDR-Modell diesen Prozess abpuffern und hierüber beein- flussen sollen. Mittlerweile werden zudem auch Merkmale der Person im Sinne von personalen Ressourcen, die dem Einzelnen dazu dienen, berufsbezogenen Anforderungen besser gewachsen zu sein, berücksichtigt. Fehlende Ressourcen bei zugleich hohen beruflichen Anforderungen begünstigen die Entstehung des Bean- spruchungserlebens (Bakker & Demerouti, 2007). Nicht berücksichtig wird, dass personale Faktoren nicht immer nur Ressourcen darstellen, sondern das Beanspruchungserleben auch erhöhen können. Positive wie negative Wirkungen von personalen Merkmalen auf das Beanspruchungserleben und resultierend auf die emotionale Erschöpfung sind für das Leistungsmotiv (Gonzá- lez-Hernández et al., 2021) und die verschiedenen Dimensionen der Einstellung zur Hilfe erwartbar (Kastens & Schlag, 2021). Die Beziehungen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöpfung · Fischer, Brückner Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) 7 DOI: 10.25847/zsls.2022.056 3. PERSONALE EINFLUSSFAKTOREN IM PRAXISSEMESTER Leistungsmotiv Das Leistungsmotiv ist in zwei Komponenten, Hoffnung auf Er- folg und Furcht vor Misserfolg differenzierbar. Erfolgsmotivierte Menschen haben den Wunsch, positive Ergebnisse in Leistungs- situationen zu erreichen und Stolz beim Erreichen der Ziele zu empfinden (Dickhäuser et al., 2016). Ihre Motivation speist sich daraus, eigene Maßstäbe übertreffen zu wollen oder ggf. auch aus der Möglichkeit, sich mit anderen vergleichen zu können (Lämmle, 2011), und sie suchen zudem nach Informationen über die eigenen Fähigkeiten. Durch Hoffnung auf Erfolg (HE) ge- kennzeichnete Sportstudierende dürften die Anforderungen im Praxissemester als Herausforderung im positiven Sinne ansehen, die Erfolgserlebnisse ermöglicht, und weniger als Bedrohung aufgrund von erwarteten Misserfolgen wahrnehmen. Bei Praxis- semesterstudierenden sollte HE demnach eher mit positiven als mit negativen Emotionen einhergehen. Da hohe Beanspruchun- gen durch das Erleben von negativen Emotionen bei angehenden Lehrkräften und Praxissemesterstudierenden zu emotionaler Erschöpfung (EE) führt (Cramer et al., 2018; Kücholl et al., 2019), sollte HE entsprechend einen Schutzfaktor vor EE darstellen. Empirische Studien zu (Sport-)Studierenden im Praxissemester liegen hierzu bisher nicht vor, so dass es dieses Defizit in der vor- liegenden Arbeit zu schließen gilt. Eine niedrig ausgeprägte HE sollte zwar mit weniger positiven Emotionen einhergehen, dies ist jedoch nicht mit negativen Emotionen gleichzusetzen. Eine geringe Erfolgserwartung ist damit langfristig nicht unbedingt mit EE in Verbindung zu bringen. Erwartet wird damit, dass HE als personaler Schutzfaktor einen moderaten Zusammenhang mit EE im Praxissemester aufweist. Durch Furcht vor Misserfolg (FM) motivierte Personen sind im Gegensatz zu Erfolgsmotivierten bestrebt, Misserfolge zu ver- hindern. Das kann dazu führen, dass sie leistungsthematische Situationen meiden (Dickhäuser et al., 2007), da sie Angst haben, dass ein Versagen auf mangelnde Fähigkeiten zurückgeführt wird (Elbe et al., 2005). Auch das Praxissemester kann als leistungs- thematische Situation interpretiert werden. Die Vermeidung die- ser Situation ist langfristig ohne Aufgabe des Studiums allerdings nicht möglich. Misserfolgsmotivierte Praxissemesterstudierende sind damit einer Anforderung ausgesetzt, die aus ihrer Sicht mit dem Risiko eines Misserfolgs verbunden ist, den es zu vermeiden gilt, dem sie aber nicht aus dem Wege gehen können, ohne auf andere Weise Misserfolg zu erleben. Das Praxissemester sollte für Misserfolgsmotivierte also eine stetige potenzielle Bedrohung darstellen und mit einem erhöhten Beanspruchungserleben ein- hergehen, das über die Zeit zu einer höheren EE führen könnte. Bei Leistungssportler*innen und Trainer*innen (Dale & Weinberg, 1990; González-Hernández et al., 2021; Gustafsson et al., 2017), Lehrkräften (Cramer et al., 2018) und Lehramtsstudierenden im Praxissemester (Kücholl et al., 2019) wurden entsprechende Zu- sammenhänge zwischen FM und EE bereits nachgewiesen. Bisher gibt es noch keine Studien, die den Zusammenhang zwischen FM und EE bei Sportstudierenden im Praxissemester untersuchen. Entsprechend gilt es die Erwartung zu prüfen, dass FM mit EE von Praxissemesterstudierenden mit dem Fach Sport verbunden ist. Einstellung zur Hilfe Hilfe in Anforderungssituationen, wie beispielsweise durch Mentor*innen hinsichtlich des Unterrichtens im Praxissemester, stellt eine soziale Ressource des Arbeitsplatzes dar. Für Studierende im Praxissemester ist die Suche nach Hilfe besonders bedeutsam, denn es ist davon auszugehen, dass sie noch nicht über alle not- wendigen Kompetenzen für das Unterrichten verfügen. Die Nut- zung von Unterstützung bei der Unterrichtsplanung, der Lösung von Problemen und der Bewältigung von Rollenkonflikten dürfte die Entstehung des unterrichtsbezogenen Beanspruchungserle- bens mindern. Richter et al. (2011) zeigten, dass die Unterstützung von Mentor*innen im Ausbildungssetting mit einer geringeren EE assoziiert ist. In diese Richtung weisen auch Befunde von Kessels (2010), wonach sich eine Begleitung durch Mentor*innen positiv auf das Wohlbefinden auswirkt. Notwendig für die Inanspruchnahme von Hilfe ist jedoch nicht nur, dass diese tatsächlich zur Verfügung steht, sondern auch, dass Studierende eine positive Einstellung gegenüber Hilfe haben. Fasching et al. (2010) konnten einen negativen Zusammenhang zwischen der Einstellung zur Hilfe und dem Belastungserleben nachweisen, ohne allerdings zwischen verschiedenen Formen der Einstellung zu differenzieren. Dies erscheint jedoch notwendig: Um aufgesucht und in Anspruch genommen zu werden darf Hilfe nicht als Aufwand verstanden werden, sondern muss als nützlich angesehen werden. Wird Hilfe als eine Möglichkeit gesehen, Prob- leme zukünftig eigenständig lösen zu können, dann ist sie aus einer langfristigen Perspektive als nützlich interpretierbar (Dickhäuser et al., 2007) und kann zur Professionalisierung beitragen. Ein Nutzen von Hilfe muss sich entsprechend nicht sofort, sondern kann sich auch erst später bemerkbar machen. Problematisch kann es sein, wenn Hilfe als Bedrohung (HB) angese- hen wird (Butler, 1998). So kann das Erbitten oder die Inanspruch- nahme von Hilfe im Einzelfall als Hinweis auf fehlende Fähigkeiten interpretiert werden (Karabenick & Knapp, 1991), was die Hilfe suchende Person aus ihrer Perspektive als inkompetent darstellt (Butler, 1998; S. Skaalvik & Skaalvik, 2005) und mit einer Selbst- wertbedrohung einhergehen kann. Das Praxissemester, in dem Hilfe z. B. in Form von Mentor*innenunterstützung vorgesehen ist, geht folglich mit wiederkehrenden selbstwertbedrohenden Situa- tionen einher. Dies sollte mit einem erhöhten Beanspruchungser- leben verbunden sein. Bei der Vermeidung von Hilfe ist außerdem zu erwarten, dass Studierende zusätzlich aufgrund der fehlenden sozialen Unterstützung und Hilfeleistung eine höhere Beanspru- chung im Praxissemester empfinden, was zusammengenommen zu einer höheren EE führen kann. Wird die Einstellung zur Hilfe vor dem Hintergrund der Leistungs- motivation gesehen, dann ist eine enge Verbindung von FM und der Bewertung von HB zu sehen. Sowohl für FM als auch für HB wird erwartet, dass sie aufgrund einer hohen Beanspruchung im Praxissemester zu EE führen. Misserfolgsmotivierte vermeiden Situationen, die Rückschlüsse auf ihre Fähigkeiten ermöglichen (Elbe et al., 2005). Entsprechend sehen auch Lehrkräfte mit hoher FM Hilfe als Bedrohung an und vermeiden die Inanspruchnahme von Hilfe, da diese als geringe Leistungsfähigkeit interpretiert wer- den kann (Butler, 2000, 2007; Inbar-Furst & Gumpel, 2015). Für Praxissemesterstudierende mit dem Fach Sport liegen noch keine solchen Studien vor. Zu erwarten ist dennoch, dass bei diesen genauso wie bei ausgebildeten Lehrkräften ein Zusammenhang zwischen FM und HB besteht. Wird Hilfe bei hoher FM als Bedro- hung angesehen, ist weiterhin zu erwarten, dass diese Bedrohung direkt oder durch die Vermeidung der Inanspruchnahme von Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Die Beziehungen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöpfung · Fischer, Brückner8 CC BY 4.0 DE Hilfe indirekt zu einer erhöhten Beanspruchung und letztlich zur EE führt (Cramer et al., 2018; Kücholl et al., 2019). Damit ist zu erwarten, dass HB den Zusammenhang von FM und EE zum Teil vermittelt. Erwartet wird ein unvollständiger Mediationseffekt, da FM auch unabhängig von HB verbundenen Effekten mit erhöhter Beanspruchung in Form von Versagensängsten im Praxissemester und letztlich mit EE einhergehen sollte. Ziel der vorliegenden Studie ist es einerseits, die EE von Sportstu- dierenden zu erheben. Andererseits gilt es, die oben formulierten Erwartungen (s. Abb. 1) zur Rolle der Leistungsmotivation (Modell 1) und Einstellung zur Hilfe (Modell 2) sowie die Mediationshypo- these zu FM und HB (Modell 3) zu prüfen. Konkret wird insbeson- dere erwartet, dass FM und HB positiv mit EE zusammenhängen und dass HB teilweise die Beziehung von FM und EE vermittelt. 4. METHODE Stichprobe und Vorgehen Befragt wurden 136 Praxissemesterstudierende an drei Universi- täten in Nordrhein-Westfalen mit dem Fach Sport. Die Teilnahme war freiwillig und erfolgte aufgrund der Erreichbarkeit der Studie- renden im Rahmen von Lehrveranstaltungen zum Praxissemester. Die Studierenden wurden über ihre jeweiligen Dozent*innen gebeten, an der Erhebung teilzunehmen. Im Durchschnitt waren die Studierenden 25.27 Jahre (SD = 2.49) alt, zu 48 % weiblich und 52 % männlich. Mit 65 % studierte der größte Teil für ein Lehramt an Gymnasien bzw. Gesamtschulen (weitere Verteilung: 16.8 % Haupt-, Real- und Gesamtschule, 9.5 % Grundschule, 4.4 % Berufskolleg und 4.4 % Sonderpädagogik). Aufgrund der unter- schiedlichen universitären Lehrveranstaltungskonzeptionen der beteiligten Universitäten zum Praxissemester fand die Befragung in der Regel in einem Zeitraum von acht Wochen am Ende des 5-monatigen Praxissemesters im Paper-Pencil-Verfahren statt. Furcht vor Misserfolg Hoffnung auf Erfolg Emotionale Erschöpfung Hilfe als Aufwand Hilfe als Bedrohung Hilfe als Nutzen Leistungsmotiv (Modell 1) Einstellung zur Hilfe (Modell 2) Furcht vor Misserfolg Emotionale ErschöpfungHilfe als Bedrohung Mediationsmodell (Modell 3) + + + + + - Abbildung 1. Hypothetische Modelle zum Einfluss des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe auf die emotionale Erschöpfung im Praxissemester. Stärkere Effekte werden durch entsprechende Pfeilstärke dargestellt. Instrumente Emotionale Erschöpfung Die EE wurde mit der Skala Erschöpfung der deutschen Version des Maslach Burnout Inventory-Student Survey (MBI-SS-GV; Gumz et al., 2013) in einer auf den Anwendungskontext angepassten Ver- sion mit vier Items erfasst: In der Eingangsinstruktion wurden die Studierenden aufgefordert, sich auf unterrichtsbezogene Anforde- rungen des Praxissemesters im Fach Sport zu beziehen. Bei den Items wurde der Begriff Studium durch den Terminus Praxissemes- ter ersetzt (Beispielitem: „Ich fühle mich von meinem Praxissemes- ter ausgelaugt.“). Verwendet wurde eine vierstufige Likert-Skala (1 = „trifft gar nicht zu“ bis 4 = „trifft voll zu“). In Bezug auf die vorliegende Stichprobe ergibt sich eine hohe interne Konsistenz (Cronbachs α = .90). Leistungsmotiv Um zu erfahren, wie die Studierenden mit herausfordernden Situ- ationen im Allgemeinen umgehen, wurde die Leistungsmotivation erfasst (Göttert & Kuhl, 1980). Die Messung der Motivkomponente HE erfolgte über vier Items (Beispielitem: „Ich möchte gern vor eine etwas schwierige Arbeit gestellt werden.“; interne Konsistenz in der vorliegenden Stichprobe: α = .73) und die der Motivkompo- nente FM über neun Items (Beispielitem: „Schon wenn ich daran denke, vor neue und unbekannte Probleme gestellt zu werden, werde ich ängstlich.“; interne Konsistenz in der vorliegenden Stich- probe: α = .87). Verwendet wurde eine vierstufige Likert-Skala (1 = „trifft gar nicht zu“ bis 4 = „trifft voll zu“). Einstellung zur Hilfe Um die Einstellung zur Hilfe zu erfassen, wurde die Skala von Butler (2007) in der deutschen Übersetzung von Dickhäuser et al. (2007) eingesetzt. Unterschieden werden drei Dimensionen: Wahrgenommene Bedrohung (vier Items; Beispielitem: „Wenn ich als Lehrkraft Hilfe suche, zeigt dies nur, dass ich Schwächen habe.“), wahrgenommener Nutzen (vier Items; Beispielitem: „Der Austausch von Problemen mit anderen ist ein guter Weg, um als Lehrer dazu zu lernen und professioneller zu werden.“) sowie wahrgenommener Arbeitsaufwand (drei Items; Beispielitem: „Es ist nur dann sinnvoll, um Hilfe zu bitten, wenn es dazu beiträgt, Die Beziehungen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöpfung · Fischer, Brückner Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) 9 DOI: 10.25847/zsls.2022.056 meine Arbeitsbelastung zu reduzieren.“). Die Befragten konnten ihre Antworten anhand einer fünfstufigen Skala (1 = „stimmt gar nicht“ bis 5 = „stimmt genau“) abgeben. Cronbachs Alpha beträgt in der vorliegenden Stichprobe α = .74 für die Skala HB und α = .75 für die Skala HN. In Bezug auf die Skala Wahrnehmung von Hilfe als Aufwand (HA) ergibt sich wie schon in der Studie von Dickhäuser et al. (2007) eine geringe interne Konsistenz von α = .60. Statistische Analysen Im Rahmen der deskriptiven Analyse wurden Mittelwerte, Stan- dardabweichungen, Schiefe und Kurtosis bestimmt. Die infe- renzstatistische Auswertung umfasste Korrelationsanalysen und Regressionsanalysen. Der Zusammenhang beider Leistungsmotive mit der EE wurde mittels multipler Regressionsanalyse mit FM und HE als Prädiktoren unter Verwendung des Einschlussverfahrens geprüft (Modell 1). Ebenso wurde die Relevanz von HB im Kontrast zu den beiden anderen Einstellungen zur Hilfe mittels multipler Regression getestet (Modell 2). Die Mediationsanalyse erfolgte in Anlehnung an Baron und Kenny (1986). Hierfür wurde neben den Korrelationsanalysen eine weitere multiple Regressionsanalyse nach dem Einschlussverfahren mit den Prädiktoren FM und HB und dem Kriterium EE durchgeführt (Modell 3). Für alle Berechnungen wurde SPSS 27 benutzt. 5. ERGEBNISSE Die Mittelwerte der erhobenen Variablen (siehe Tabelle 1) zeigen, dass die befragten Praxissemesterstudierenden eher eine geringe EE hinsichtlich unterrichtsbezogener Anforderungen im Praxisse- mester angaben. So liegt der Skalenmittelwert dem sprachlichen Anker „trifft eher nicht zu“ entsprechend bei M = 2.00 (SD = 0.78). Die drei Subdimensionen zur Einstellung zur Hilfe weisen für HN einen hohen Mittelwert (M = 4.60, SD = 0.42) und für die beiden anderen Dimensionen, HA und HB, dagegen niedrige mittlere Ausprägungen auf (M = 1.70 bzw. 1.60; SD = 0.61 bzw. 0.60). Für HB liegt im Unterschied zu den anderen Variablen eine deutlich linkssteile (Schiefe = 1.99) und breitgipflige Verteilung (Kurtosis = 6.43) vor. D.h. im Durchschnitt wird Hilfe als geringe Bedrohung an- gesehen, für einen kleinen Anteil der Studierenden ist Hilfe jedoch mit einer deutlich höheren Bedrohung verbunden. In Bezug auf das Leistungsmotiv ist eine hohe Erfolgsmotivation (M = 2.82) und eine geringe Misserfolgsängstlichkeit (M = 1.89) der Studierenden festzustellen. Zwischen der EE und dem Leistungsmotiv bestehen signifikante Zusammenhänge: negativ im Fall von HE (r = -.27) und positiv im Fall von FM (r = .31). Ebenfalls signifikant ist der Zusammenhang zwischen EE und HB (r = .26), nicht jedoch für die beiden anderen Einstellungsarten. FM steht in einem positiven Zusammenhang von r = .37 mit HB und korreliert negativ mit HA (r = -.28). Regressionsanalysen ergeben, dass in einem Erklärungsmodell mit beiden Leistungsmotivkomponenten (s. Tabelle 2, Modell 1) nur FM signifikant zur Erklärung der EE beiträgt (ß = .23, p = .011), HE dagegen nicht (ß = -.17, p = .055). Werden die Einstellungen zur Hilfe als Prädiktoren genutzt (s. Tabelle 2, Modell 2), so leistet nur HB einen Beitrag zur Varianzaufklärung (ß = .24, p = .008). HN (ß = -.07) und HA (ß = .02) sind keine signifikanten Prädiktoren. Die Analysen zur Prüfung des erwarteten Mediationseffekts von HB für den Zusammenhang von FM und EE ergeben folgendes Bild: Zwischen dem Prädiktor FM und dem potenziellen Mediator HB besteht ein signifikanter Zusammenhang (r = .37; s. Tabelle 1). Die Regression von EE auf FM und HB (s. Tabelle 2, Modell 3) ergibt eine Modellanpassung von R = .34 (p < .001). FM ist hier der Prädiktor mit höherer Varianzaufklärung (ß = .24, p = .006) gegenüber HB (ß = .17, p = .060). In beiden Fällen fallen die Regressionsgewichte damit etwas niedriger aus als die bivariaten Korrelationen mit EE (FM: r = .31; HB: r = .26; s. Tabelle 1). Der im Regressionsmodell 3 gegenüber der Korrelation reduzierte Zusammenhang von FM spricht zwar für eine teilweise Mediation durch HB, der ebenfalls reduzierte Zusammenhang bezüglich HB, der im Regressionsmo- dell 3 zudem nicht signifikant ausfällt, allerdings gegen einen ent- sprechenden Mediationseffekt. 6. DISKUSSION Ziel der vorliegenden Studie war es, die EE von Studierenden im Pra- xissemester zu erfassen, einer Phase im Lehramtstudium, die mit vielfältigen Anforderungen verbunden und als psychisch beanspru- chend anzusehen ist (Klassen & Durksen, 2014). Eine Kernanfor- derung in Langzeitpraktika ist die Übernahme von Fachunterricht. Obwohl Lehramtsstudierende mit dem Fach Sport mehrheitlich über Erfahrungen in sportbezogenen Lehr-Lernsettings verfügen, dürfte das Unterrichten im Fach Sport aufgrund seiner Zielsetzun- gen, der verpflichtenden Teilnahme der Schüler*innen am Unter- richt und der damit einhergehenden Heterogenität der Lernenden eine spezifische, zu bewältigende Herausforderung darstellen. Obschon Hinweise zum Beanspruchungsempfinden im Kontext erster unterrichtsbezogener Tätigkeiten existieren (Dicke et al., 2015; Klusmann et al., 2012; Tönjes et al., 2008), zeigen die vorlie- genden Ergebnisse, dass die befragten Sportstudierenden sich am Ende des Praxissemesters im Durchschnitt (M = 2.00) „eher nicht“ emotional erschöpft fühlen, eine Referenzgruppe zur vergleichen- den Einordnung der Werte fehlt allerdings. In Bezug auf die Ein- stellung zu Hilfe weisen die Befunde von Dickhäuser et al. (2007) bei Lehramtsanwärter*innen auch auf hohe Zustimmungen bezüg- lich der Wahrnehmung von HN und geringere Zustimmungen zur Wahrnehmung von HB oder HA. Hinweise auf fachspezifische oder mit der Ausbildungsphase bzw. dem Professionalisierungsgrad zu- sammenhängende Besonderheiten liegen somit nicht vor. Die Ergebnisse der Studie zeigen erwartungskonform, dass FM und die Wahrnehmung von HB positiv mit der EE korrelieren. Auch HE ist mit EE verbunden, wie erwartet aber in geringerem Ausmaß als FM. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass die Leistungsmotivation als persönliche Disposition das individuelle Beanspruchungserle- ben im Praxissemester beeinflussen könnte: HE wäre demnach als Schutzfaktor und FM als Risikofaktor für hohe psychische Bean- spruchung und EE im Praxissemester anzusehen, wie es sich auch bei ausgebildeten Lehrkräften gezeigt hat (Cramer et al., 2018; Kücholl et al., 2019). Die vielfältigen Anforderungen des Praxisse- mesters (Jantowski & Ebert, 2014) bedeuten für Misserfolgsmoti- vierte während des Praxissemesters ebenso vielfältige Risiken für das Erleiden von Misserfolgen, die jeweils eine potenzielle Bedro- hung des Selbstwerts darstellen. Wie erwartet sind FM und die HB positiv assoziiert. Nur zu einem geringen Teil ist die Verbindung zwischen FM und EE in der vorliegenden Studie jedoch auf die Einstellung zur Hilfe zurückzuführen: Im Vergleich zum bivariaten Zusammenhang fällt der Zusammenhang zwischen FM und EE im multiplen Regressionsmodell (Modell 3) nur geringfügig niedriger aus und zwischen dem vermuteten Mediator HB und EE ist nur ein tendenzieller Zusammenhang festzustellen, der zudem auch niedriger ausfällt als die bivariate Korrelation von HB und EE. Die Ergebnisse sprechen damit dafür, dass FM weitgehend unabhängig von HB mit EE verbunden ist. Von einem bedeutsamen Mediati- Die Beziehungen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöpfung · Fischer, Brückner10 Tab. 2: Regressionen der emotionalen Erschöpfung auf die Komponenten des Leistungsmotivs und die Einstellung zur Hilfe Modell R R²adj. p Prädiktor β p Modell 1 .34 .10 < .001 Furcht vor Misserfolg .23 .011 Hoffnung auf Erfolg -.17 .055 Modell 2 .27 .05 .020 Hilfe als Bedrohung .24 .008 Hilfe als Nutzen -.07 .447 Hilfe als Aufwand .02 .835 Modell 3 .34 .10 < .001 Furcht vor Misserfolg .24 .006 Hilfe als Bedrohung .17 .060 Anmerkungen: Die Modelle beziehen sich auf die in Abbildung 1 dargestellten hypothetischen Zusammenhänge des Leistungsmotivs (Modell 1) und der Einstellung zur Hilfe (Modell 2) mit der emotionalen Erschöpfung bzw. die Mediationshypothese (Modell 3). Tab. 1: Deskriptive Statistiken und bivariate Pearson-Korrelationen der Skalen Skala M SD Min Max Schiefe Kurtosis EE HE FM HB HN emotionale Erschöpfung (EE) 2.00 0.78 1.00 3.75 0.49 -0.66 Hoffnung auf Erfolg (HE) 2.82 0.52 1.25 4.00 -0.01 -0.08 -.27** Furcht vor Misserfolg (FM) 1.89 0.51 1.00 3.44 0.59 0.12 .31** -.42** Hilfe als Bedrohung (HB) 1.60 0.60 1.00 4.50 1.99 6.43 .26** -.01 .37** Hilfe als Nutzen (HN) 4.60 0.42 3.00 5.00 -0.98 0.56 -.11 .18* -.01 -.13 Hilfe als Aufwand (HA) 1.70 0.61 1.00 3.67 0.74 0.17 .13 -.17* -.28** .36** -.36** Anmerkungen: Die Wertebereiche liegen bei EE, HE und FM zwischen 1 und 4 und bei HB, HN und HA zwischen 1 und 5; **: p < .01, *: p < .05 (2-seitig). Die Beziehungen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöpfung · Fischer, Brückner Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) 11 DOI: 10.25847/zsls.2022.056 onseffekt von HB ist demnach entgegen der ursprünglichen Erwar- tung nicht auszugehen. Dennoch bleibt festzuhalten: Hilfe, die nach dem JDR-Modell (Bak- ker & Demerouti, 2007) im Praxissemester eigentlich zur Reduktion von Beanspruchung beitragen könnte, wird vermutlich von einem Teil der Misserfolgsmotivierten nicht als Entlastung, sondern eher als zusätzliche Bedrohung angesehen und ist in der vorliegenden Studie mit EE verbunden, wenn auch die Effekte als klein anzuse- hen sind. Für die beiden anderen Einstellungskomponenten zum Aufwand und Nutzen von Hilfe zeigt sich diese Verbindung dage- gen nicht. Diese Ergebnisse unterstreichen, dass die Einstellung zur Hilfe differenziert zu betrachten ist (Dickhäuser et al., 2007). So ist die Einstellung, dass Hilfe nützlich ist, aus dem Blickwinkel der Professionalisierung günstig. Nach den vorliegenden Daten ist sie unabhängig von der Einstellung, Hilfe als Bedrohung anzusehen. Die Einstellung, Hilfe als Bedrohung anzusehen, ist wiederum in Bezug auf das Beanspruchungserleben problematisch und könnte möglicherweise einer erfolgreichen Professionalisierung langfristig im Wege stehen, was aber in entsprechenden Studien zu prüfen bleibt. Die geringe quantitative Ausprägung der EE in der vorliegenden Studie widerspricht Befunden, bei denen die Beanspruchung wäh- rend des Praxissemesters insgesamt hoch ausfällt und im Verlauf ansteigt (Jantowski et al., 2008; Jantowski & Ebert, 2014). Aller- dings ist zu berücksichtigen, dass nach Krawiec et al. (2020) das Beanspruchungserleben zum Ende des Praxissemesters sinkt. Für eine leichte Abnahme sprechen auch Befunde von Römer et al. (2018). Auch in der vorliegenden Studie kann es nach einem an- fänglichen Anstieg zu einer Abnahme der Erschöpfung im Verlauf des Praxissemesters gekommen sein, was aufgrund des vorliegen- den Studiendesigns mit nur einem Erhebungszeitpunkt am Ende des Praxissemesters nicht erfasst werden konnte. Für die geringe emotionale Erschöpfung der Sportstudierenden könnte hier auch die positive Bewertung des Lernorts Schule verantwortlich sein. So sehen die in einer Studie von Göbel et al. (2016) befragten Praxis- semesterstudierenden die Arbeit am Lernort Schule als einen sinn- vollen und relevanten Baustein im Rahmen des Lehramtsstudiums an. Bei Sportstudierenden kann zudem auch körperliche Aktivität eine moderierende Wirkung auf die EE haben (Wunsch & Gerber, 2018). Diesbezüglich erscheinen vergleichende Studien mit Lehr- amtsstudierenden anderer Fächer sinnvoll. Die vorliegende Studie weist einige Limitationen auf. Aufgrund des Untersuchungsdesigns mit nur einem Messzeitpunkt konnte we- der die Dynamik der EE erfasst werden, noch sind Kausalschlüsse möglich. Letztlich handelt es sich bei allen hier ermittelten Bezie- hungen um korrelative Beziehungen, die auch auf Drittvariablen oder Antworttendenzen in Verbindung mit positiv oder negativ konnotierten Variablen zurückzuführen sein könnten. Zukünftig bedarf es Längsschnitt- und Interventionsstudien, um Verände- rungen zu ermitteln, Kausalbeziehungen nachzuweisen und die gefundenen Ergebnisse abzusichern. In der vorliegenden Arbeit wurde mit der Einstellung zur Hilfe die Bedeutung eines personalen Einflussfaktors untersucht. Unbe- rücksichtigt blieb, in welchem Ausmaß Hilfe als arbeitsplatzseitige Ressource im Sinne des JDR-Modells zur Verfügung stand und von den Studierenden genutzt bzw. die Inanspruchnahme vermieden wurde. Nicht beurteilt werden kann damit, in welchem Ausmaß real in Anspruch genommene Hilfe in der vorliegenden Studie die EE beeinflusst hat. In zukünftigen Arbeiten sollten deshalb neben der Einstellung zur Hilfe auch das Vorhandensein und die Nutzung bzw. Vermeidung von Hilfe untersucht werden. Auf der Basis sol- cher Untersuchungen können letztlich Schlüsse bezüglich günsti- ger oder wenig günstiger personaler Voraussetzungen von Studie- renden in Bezug auf die EE im Praxissemester gezogen werden. Aus messmethodischer Sicht sind die folgenden zwei Punkte an- zumerken: Zum einen wurde die Einstellung, Hilfe als Aufwand anzusehen, anhand einer Skala mit einer nur geringen internen Konsistenz gemessen, so dass ein möglicherweise bestehender Zu- sammenhang mit EE gegebenenfalls nur deshalb nicht identifiziert werden konnte. Zum anderen wurden zur Erfassung der EE und der Einstellungen zur Hilfe bereichsspezifische Skalen verwendet, die auf den Kontext Praxissemester ausgerichtet waren, während die Motivkomponenten HE und FM nicht bereichspezifisch erfasst wurden. Die gefundenen Beziehungen könnten demnach auch durch die unterschiedliche Spezifität der Messinstrumente beein- flusst worden sein, was in zukünftigen Untersuchungen zu prüfen wäre. Weiterhin ist zu betonen, dass in der vorliegenden Arbeit Lehr- amtsstudierende mit dem Fach Sport mit dem Fokus auf dem Sportunterricht untersucht wurden. Auf Besonderheiten, die mit dem Fach Sport verbunden sind, wurde bereits hingewiesen, so dass mit einer eingeschränkten Übertragbarkeit der Befun- de auf Lehramtsstudierende anderer Schulfächern zu rechnen ist. Unberücksichtigt geblieben ist darüber hinaus, dass alle Studienteilnehmer*innen ein weiteres Unterrichtsfach studieren. Das Erleben im Praxissemester könnte mit dem Zweitfach verbun- den sein, was in der vorliegenden Studie nicht kontrolliert werden konnte. Um den spezifischen Effekt des Unterrichtsfaches Sport im Praxissemester beurteilen zu können, wären zukünftig Kont- rollgruppen mit Praxissemesterstudierenden mit anderen Fächern sinnvoll. Dies würde weitergehende Interpretationen zur Ausprä- gung der gemessenen Konstrukte ermöglichen, beispielsweise zur Höhe der EE, was die vorliegende Studie ohne entsprechende Vergleichsgruppe nicht zulässt. Zusammenfassend zeigt die vorliegende Studie, dass es lohnens- wert erscheint, sich in weiteren Untersuchungen mit der Bezie- hung zwischen der EE, dem Leistungsmotiv und der Einstellung zur Hilfe auseinanderzusetzen. Dabei ist es sinnvoll, das Angebot und die tatsächliche Inanspruchnahme von Hilfe und deren Auswirkung auf den Professionalisierungsprozess einzubeziehen. In einem kontrollierten Längsschnittdesign mit mehreren Erhebungszeit- punkten im Verlauf des gesamten Praxissemesters sollte auch das Beanspruchungserleben und die Kompetenzentwicklung der ange- henden Lehrkräfte erfasst werden, um die Auswirkungen auf den Professionalisierungsprozess untersuchen zu können. Mit Blick auf die Praxis erscheint die Prävention bzw. die Reduktion von Misser- folgsangst (z. B. durch ein auf Zielsetzungen und die Veränderung von Attributionen und Selbstbewertungsemotionen abzielendes Motivtraining; Rheinberg & Engeser, 2010) gleichermaßen wichtig wie die gezielte Förderung einer die Beanspruchung reduzieren- den Einstellung zur Hilfe (z. B. durch Schaffung positiver Erfahrun- gen bei der Inanspruchnahme von Hilfe bezüglich des anvisierten Lernziels und der Förderung einer Lernzielorientierung als ein Prä- diktor der Einstellung zur Hilfe durch die Gestaltung des Lern- und Leistungskontextes; Benning et al., 2019). Mit entsprechenden Interventionsstudien sollte geprüft werden, ob durch frühzeitige Interventionen im Rahmen der Ausbildung von (Sport-)Lehrkräften der Entstehung von emotionaler Erschöpfung im Praxissemester wirksam vorgebeugt werden kann. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Die Beziehungen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöpfung · Fischer, Brückner12 CC BY 4.0 DE DANKSAGUNG Die im Beitrag dargestellten Ergebnisse wurden im Rahmen eines Projekts erhoben, dass in Kooperation mit Michael Fahlenbock von der Bergischen Universität Wuppertal durchgeführt worden ist. LITERATUR Baeriswyl, S., Krause, A., & Kunz-Heim, D. (2014). Arbeitsbelastungen, Selbstgefährdung und Gesundheit bei Lehrpersonen. Eine Erweiterung des Job Demands-Resources Modells. Empiri- sche Pädagogik, 28, 128-46. Bakker, A. B., & de Vries, J. D. (2021). Job Demands–Resources theory and self-regulation: new explanations and remedies for job burnout. 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  • ZSLS-_2023_Heft_1_-_01-23-GESAMT.pdf
    0 1 | 20 23 | IS SN 2 62 5- 50 57 1/23 ZEITSCHRIFT FÜR STUDIUM UND LEHRE IN DER SPORTWISSENSCHAFT JOURNAL FOR STUDY AND TEACHING IN SPORT SCIENCE HERAUSGEBER/INNEN JENS KLEINERT · KATRIEN FRANSEN · NILS NEUBER · NADJA SCHOTT · PAMELA WICKER 6. Jahrgang·Heft 1/2023 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) 3 CC BY 4.0 DE EDITORIAL 4 ORIGINALIA > PEER REVIEW Britta Fischer, Jan-Peter Brückner Die Beziehungen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöpfung von Sportstudierenden im Praxissemester 5 André Poweleit, Jeannine Ohlert Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium: Zufriedenheit und gewünschte Zusatzangebote 15 WERKSTATTBERICHTE > PRACTICE REPORTS André Klostermann, Elke Gramespacher, Barbara Hauser, & Claudia Klostermann „Motorische Eigenrealisation“ kompetenzorientiert prüfen 24 Tobias Morat, Lena Deller, Tim Fleiner Linking learning by research and scientific communication in the master programme Sport and Movement Gerontology: A new teaching-learning approach 28 Inhalt Geschäftsführender Herausgeber Prof. Dr. Jens Kleinert, Deutsche Sporthochschule Köln, Psychologisches Institut, Abt. Gesundheit & Sozialpsychologie Am Sportpark Müngersdorf 6, 50933 Köln Mitherausgeberinnen und Prof. Dr. Katrien Fransen, University of Leuven/Belgien, Mitherausgeber Departement of Movement Sciences (Sektion Internationales) Prof. Dr. Nils Neuber, Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Institut für Sportwissenschaft (Sektion Bildungswissenschaft) Prof. Dr. Nadja Schott, Universität Stuttgart, Institut für Sport- und Bewegungswissenschaft (Sektion Lebenswissenschaften) Prof. Dr. Pamela Wicker, Universität Bielefeld, Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft (Sport und Gesellschaft) Herausgebende Körperschaft Deutsche Sporthochschule Köln, vertreten durch den Rektor Prof. Dr. Heiko Strüder Redaktionsmitarbeiterin Alina Graw Deutsche Sporthochschule Köln Stabstelle für Akademische Planung und Steuerung Am Sportpark Müngersdorf 6, 50933 Köln Hinweise für Autorinnen Die Richtlinien zur Manuskriptgestaltung und Hinweise für Autorinnen und und Autoren Autoren können unter www.dshs-koeln.de/zsls heruntergeladen werden. Verlag Das e-journal wird von der Deutschen Sporthochschule Köln herausgegeben. Der Internetauftritt der Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sport- wissenschaft (ZSLS) ist Teil der Webseiten der Deutschen Sporthochschule Köln. Es gilt das Impressum der Deutschen Sporthochschule Köln. Layout/Gesamtherstellung Sandra Bräutigam, Deutsche Sporthochschule Köln, Stabsstelle Akademische Planung und Steuerung, Abteilung Presse und Kommunikation, Am Sportpark Müngersdorf 6, 50933 Köln ISSN ISSN 2625-5057 Erscheinungsweise halbjährlich Bezugsbedingungen Das kostenfreie Abonnement der ZSLS erfolgt nach Anmeldung und der Aufnahme in den Zeitschriftenverteiler. Die Zeitschrift und alle in ihr enthaltenen einzelnen Beiträge und Abbildungen sind über die Creative-Commons- Lizenzen CC BY 4.0 DE urheberrechtlich geschützt. Diese Lizenz erlaubt das Teilen und das Bearbeiten der Inhalte für beliebige Zwecke, unter der Bedingung, dass angemessene Urheber- und Rechteangaben gemacht werden, ein Link zur Lizenz beigefügt wird und angegeben wird, ob Änderungen vorgenommen wurden. Zudem dürfen keine weiteren Einschränkungen, in Form von zusätzlichen Klauseln oder technischen Verfahren, eingesetzt werden, die anderen rechtlich untersagt, was die Lizenz erlaubt. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/de/ IMPRESSUM Die Beziehungen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöpfung · Fischer, Brückner Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) 5 Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) 4 CC BY 4.0 DE DOI: 10.25847/zsls.2022.056 EDITORIAL Die Vielfalt sportwissenschaftlicher Hochschullehre Liebe Leser*innen, unsere Zeitschrift bündelt wissenschaftlich geprägte Konzeptio- nen, Analysen und Entwicklungen rund um das Thema Sport und Bewegung als Gegenstand von Studium und Lehre. Hierdurch ist unser Fokus universitäre Bildung mit und an den Themen Sport, Bewegung und körperliche Aktivität. Die Besonderheiten des Faches Sport, sowie auch die thematische Vielfältigkeit der Sport- wissenschaften spiegeln sich in einer ebenso vielfältigen und facet- tenreichen Hochschullehre wider. Wir versuchen, sowohl die be- sonderen Chancen für Bildungsprozesse, als auch die besonderen Herausforderungen für die Gestaltung solcher Bildungsprozesse stetig und beständig in den Blick zu nehmen. In diesem Sinne freuen wir uns sehr, gemeinsam mit Ihnen in den sechsten Jahrgang unserer Zeitschrift zu schreiten und Anfang 2023 das neue Heft zu präsentieren. In diesem befassen sich zwei Originalbeiträge und zwei Werkstattberichte mit unterschiedlichen Herausforderungen der Hochschullehre, sowohl in der der Lehr- amtsausbildung im Fach Sport als auch in konsekutiven sportwis- senschaftlichen Studiengängen. Mit dem Zusammenhang von Motiven, Einstellungen und Bean- spruchungen des Lehramtsstudiums befasst sich der Originalbei- trag von Britta Fischer et al.. Ihre Studie untersucht das Ausmaß an emotionaler Erschöpfung bei Praxissemesterstudierenden im Fach Sport und die Beziehung dieser Problematik zum Leistungs- motiv der Studierenden sowie deren Einstellung zur Inanspruch- nahme von Hilfe. Die Ergebnisse könnten Hinweise darauf geben, wie emotionale Erschöpfung im Praxissemester durch frühzeitige Interventionen wie die Reduktion von Furcht vor Misserfolg einge- dämmt werden kann. Der Originalbeitrag von André Poweleit et al. befasst sich empirie- gestützt mit der ersten Phase der Sportlehrer*innenbildung, um diese in Hinsicht auf die Vermittlung des wissenschaftlichen Den- kens und Arbeitens zu schärfen und zu verändern. Die Autor*innen beteiligten und befragten in diesem Prozess Studierende, um Ver- besserungspotenziale für die Lehre und das Curriculum zu lokali- sieren. Der Beitrag schlägt mögliche Maßnahmen und Folgerungen für das Lehramtsstudium und die Lehrer*innenbildung vor. André Klostermann et al. nehmen in ihrem Werkstattbericht die bislang nur wenig erforschten Möglichkeiten des kompetenzori- entierten Prüfens im Rahmen von motorischer Eigenrealisation in den Blick. Die Analyse eines sportpraktischen Assessments zeigt, wie eine solche Prüfungsgestaltung zur Ausbildung von akademi- schem und professionsbezogenem Wissen beitragen kann. Es wer- den auch Möglichkeiten für eine kompetenzorientierte Prüfung der motorischen Eigenrealisation diskutiert. Der Werkstattbericht von Tobias Morat et al. schließlich befasst sich mit der effektiven Vermittlung von wissenschaftlichen Er- kenntnissen im Rahmen des forschenden Lehrens. Das vorgestellte Lehr-Lern-Konzept verfolgt verschiedene Lernziele, wie die Fähig- keit zur erfolgreichen Kommunikation von Forschungsergebnissen und die Berücksichtigung spezifischer Merkmale der Medienkom- munikation. Wir wünschen allen unseren Leser*innen und unseren Autor*innen viel Freude und inspiriertes Weiterdenken bei der Lektüre unseres Heftes und einen guten Start in das Sommersemester 2023. Jens Kleinert, Katrien Fransen, Nils Neuber, Nadja Schott & Pamela Wicker Die Beziehungen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöp- fung von Sportstudierenden im Praxissemester Britta Fischer, Jan-Peter Brückner ORIGINALIA › PEER REVIEW Korrespondierende Autorin Prof. Dr. Britta Fischer Institut für Sportwissenschaft Philosophische Fakultät Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Dr. Jan-Peter Brückner Institut für Sportwissenschaft Philosophische Fakultät Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Schlüsselwörter Langzeitpraktikum, Lehrerprofessionalisie- rung, Furcht vor Misserfolg, Hoffnung auf Erfolg, Hilfe als Bedrohung Keywords long-term intership, teacher professionaliza- tion, fear of failure, hope for success, help as a threat Zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt: Fischer, B., Brückner, J. (2023). Die Beziehun- gen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöpfung von Sportstudierenden im Praxissemester. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sport- wissenschaft, 6(1), 5-14. Zusammenfassung Langzeitpraktika wie das Praxissemester in Nordrhein-Westfalen stellen eine an- spruchsvolle Phase des Professionalisierungsprozesses für angehende Lehrkräfte dar. Mit der Studie wurden das Ausmaß an emotionaler Erschöpfung und ihre Be- ziehungen zum Leistungsmotiv und zur Einstellung zur Hilfe bei 136 Praxissemester- studierenden mit dem Fach Sport untersucht. Die Ergebnisse weisen auf eine eher geringe emotionale Erschöpfung hin, die dennoch wie erwartet mit den Variablen Furcht vor Misserfolg (r = .31), Hoffnung auf Erfolg (r = -.27) und Wahrnehmung von Hilfe als Bedrohung (r = .26) korreliert. Entgegen der Erwartung vermittelt Hilfe als Bedrohung nicht den Zusammenhang zwischen Furcht vor Misserfolg und emotionaler Erschöpfung. Die Ergebnisse liefern damit Hinweise, dass Hoffnung auf Erfolg als personaler Schützfaktor und Furcht vor Misserfolg und Hilfe als Bedro- hung als weitgehend unabhängige personale Risikofaktoren für die Entstehung von emotionaler Erschöpfung anzusehen sind. Kausalschlüsse lässt das Studiendesign jedoch nicht zu. Zukünftig sollten Längsschnitt- und Interventionsstudien prüfen, ob emotionaler Erschöpfung im Praxissemester durch frühzeitige Interventionen zur Reduktion von Furcht vor Misserfolg und der Einstellung von Hilfe als Bedrohung vorgebeugt werden kann. Abstract: Long-term internships such as the practical semester in North Rhine-West- phalia represent a challenging phase of the professionalization process for future teachers. The study investigated the extent of emotional exhaustion and its relations to achievement motive and attitude to help of 136 practical semester students with the subject sport. The results indicate a rather low level of emotional exhaustion, which is nevertheless related to fear of failure (r = .31), hope for success (r = -.27) and perception of help as a threat (r = .26) as expected. Contrary to expectations, help as a threat does not mediate the association of fear of failure and emotional exhaustion. The results thus provide evidence that hope for success as a personal protective factor and fear of failure and help as a threat are largely independent personal risk factors for the development of emotional exhaustion. However, the study design does not allow causal conclusions. Future longitudinal and intervention studies should examine whether emotional exhaustion in the practical semester can be prevented by early interventions to reduce fear of failure and the attitude to help as a threat. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Die Beziehungen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöpfung · Fischer, Brückner Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Die Beziehungen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöpfung · Fischer, Brückner6 7 CC BY 4.0 DE DOI: 10.25847/zsls.2022.056 1. EINFÜHRUNG Die beruflichen Anforderungen im Sinne objektiver Belastungsfak- toren gehen im Setting Schule mit dem Erleben von mitunter hoher Beanspruchung einher (Schäfer et al., 2019; von Haaren-Mack et al., 2020). Dies zeigt sich bei im Beruf stehenden Lehrkräften (E. M. Skaalvik & Skaalvik, 2015, 2017; Baeriswyl et al., 2014; Hakanen et al., 2006), bei Referendar*innen bzw. bei Berufseinsteiger*innen (Dicke et al., 2015, 2016; Klusmann et al., 2012; Košinár, 2010; Keller-Schneider & Hericks, 2011) und auch bei Studierenden im Rahmen von Praxisphasen am Lernort Schule (Fives et al., 2007; Römer et al., 2018; Klassen & Durksen, 2014; Klassen & Chiu, 2011). In der Folge kann es zu Beeinträchtigungen der psychischen und physischen Gesundheit, aber beispielsweise auch der Berufs- zufriedenheit kommen (von Haaren-Mack et al., 2020). Zu den schulischen Praxisphasen im Lehramtsstudium gehört in Nordrhein-Westfalen das sogenannte Praxissemester. Als Langzeit- praktikum stellt es ein Ausbildungselement dar, mit dem spezifi- sche Anforderungen und Erwartungen einhergehen: Studierende sind gefordert, an sie als Lernende und als Lehrkraft herangetra- gene Erwartungen wahrzunehmen, mit der Rollenambiguität pro- duktiv umzugehen und eine eigene berufliche Identität aufzubau- en (Jantowski & Ebert, 2014). Gegebenenfalls müssen sie auch die persönliche Eignung für den Beruf hinterfragen. Erwartet wird von ihnen, dass sie ihr an der Universität erworbenes Wissen in einem praktischen Kontext anwenden, einen kritisch-reflexiven Habitus auf- bzw. ausbauen und zudem die Simultanität und Komplexität des Unterrichts auch im Sinne des Lernens der Schüler*innen handhaben. Krawiec et al. (2020), die Probleme von Studierenden während einer Praxisphase untersuchen, weisen entsprechend darauf hin, dass eine unklare bzw. uneinheitliche Rollendefinition tatsächlich problematisch sein kann. Hinzu kommen Anforderun- gen, die aus unterschiedlichen Vorstellungen von Studierenden und Lehrkräften über professionelles Handeln, Fehlplanungen des Unterrichts oder dem Verhalten von Schüler*innen resultieren. In Bezug auf das Unterrichten im Fach Sport ergeben sich darüber hinaus spezifische Anforderungen durch die besondere räumliche Situation, fachliche wie fachübergreifende curriculare Erwartun- gen und Fragen der Sicherheit im Sportunterricht. Für Berufsein- steigende erweisen sich Klassenführung, Unterrichtsmethodik und die Verfügbarkeit von Unterrichtsmaterial als besonders herausfor- dernde Probleme (Sáenz-López et al., 2011). In deutschen Studien werden Lärm, Schüler*innenheterogenität, die curricularen Anfor- derungen (von Haaren-Mack et al., 2020; Pels et al., 2022) und die Beziehung zu Kolleg*innen als bedeutsame Beanspruchungsquel- len genannt (Buttkus & Miethling, 2005; Miethling, 2007). Die hier skizzierten vielfältigen und komplexen Anforderungen und Probleme können zum Erleben von hoher Beanspruchung führen (Jantowski & Ebert, 2014; Schüle et al., 2017), das wiederum in einer emotionalen Erschöpfung resultieren kann (Cramer et al., 2018; Kücholl et al., 2019). Für eine ansteigende Beanspruchung von angehenden Lehrkräften im Verlauf des Praxissemester spre- chen Befunde von Jantowski und Ebert (2014) und, zumindest für einen Teil der befragten Studierenden, die Ergebnisse von Schüle et al. (2017). Allerdings ist zu berücksichtigen, dass nach Krawiec et al. (2020) das Beanspruchungserleben zum Ende des Praxisse- mesters sinkt. Letztgenanntes findet sich für Praxisphasen auch bei Fives et al. (2007) sowie Römer et al. (2018). Ursächlich für solche widersprüchlichen Befunde dürfte sein, dass je nach Konzeption der schulischen Praxisphase unterschiedliche objektive berufs- bezogene Anforderungen, Probleme und Entwicklungsaufgaben bestehen und zudem die Ressourcen des Arbeitsplatzes und der angehenden Lehrkräfte selbst eine puffernde Wirkung auf die Entstehung von Beanspruchungen und die daraus resultierende emotionale Erschöpfung haben. Rothland und Boecker (2015) weisen konsequenterweise darauf hin, dass in Verbindung mit der Wirkung des Praxissemesters personale Voraussetzungen von Stu- dierenden stärker in den Blick zu nehmen sind. Dieser Forderung soll mit der vorliegenden Studie nachgegangen werden: Zum einen soll das Ausmaß der emotionalen Erschöp- fung als Folge eines erhöhten Beanspruchungserlebens (Cramer et al., 2018; Kücholl et al., 2019) von Sportstudierenden im Pra- xissemester erhoben werden. Zum anderen wird der Frage nach dem Zusammenhang zwischen emotionaler Erschöpfung auf der einen Seite und der Einstellung zu Hilfe (Kastens & Schlag, 2021) bzw. ihrer Beziehung zum Leistungsmotiv (González-Hernández et al., 2021) als personale Voraussetzungen auf der anderen Seite nachgegangen. Gleichwohl es Studien gibt, die sich mit einzelnen dieser Variablen im Kontext der Lehrer*innenausbildung und des beruflichen Handelns auseinandersetzen (Dicke et al., 2014, 2015; Dickhäuser et al., 2007; König & Rothland, 2013), besteht ein Erkenntnisbedarf hinsichtlich ihres Zusammenhangs und ihrer Bedeutung in Langzeitpraktika, wie dem Praxissemester. 2. JOB-DEMAND-RESOURCES-MODELL Einen theoretischen Rahmen für die Auseinandersetzung mit Faktoren, die das Beanspruchungserleben beeinflussen liefert das Job-Demand-Resources-Modell (JDR-Modell; Bakker & Demerouti, 2007). Es wurde bereits für die Zielgruppe von im Beruf stehenden Lehrkräften herangezogen (Baeriswyl et al., 2014; Hakanen et al., 2006; E. M. Skaalvik & Skaalvik, 2017) und in jüngeren Arbeiten auf die Belastung und Beanspruchung von Studierenden (im Pra- xissemester) übertragen (Römer et al., 2018; Krawiec et al., 2020). Auf der Grundlage des JDR-Modells kann angenommen werden, dass Arbeitsanforderungen, d. h. Aspekte der Arbeit, die anhal- tende physische und/oder psychische Anstrengung erfordern, zum Erleben von Beanspruchung bzw. zu emotionaler Erschöpfung führen können (Bakker & de Vries, 2021), was insbesondere im letztgenannten Fall schließlich negative Folgen auf individueller wie organisationaler Ebene erwarten lässt. Hierzu kann eine Be- einträchtigung der physischen Gesundheit, des Arbeitsvermögens und – relevant für die professionelle Entwicklung der Studierenden – der Lernleistung gehören, wobei Arbeitsplatzressourcen gemäß des JDR-Modell diesen Prozess abpuffern und hierüber beein- flussen sollen. Mittlerweile werden zudem auch Merkmale der Person im Sinne von personalen Ressourcen, die dem Einzelnen dazu dienen, berufsbezogenen Anforderungen besser gewachsen zu sein, berücksichtigt. Fehlende Ressourcen bei zugleich hohen beruflichen Anforderungen begünstigen die Entstehung des Bean- spruchungserlebens (Bakker & Demerouti, 2007). Nicht berücksichtig wird, dass personale Faktoren nicht immer nur Ressourcen darstellen, sondern das Beanspruchungserleben auch erhöhen können. Positive wie negative Wirkungen von personalen Merkmalen auf das Beanspruchungserleben und resultierend auf die emotionale Erschöpfung sind für das Leistungsmotiv (Gonzá- lez-Hernández et al., 2021) und die verschiedenen Dimensionen der Einstellung zur Hilfe erwartbar (Kastens & Schlag, 2021). 3. PERSONALE EINFLUSSFAKTOREN IM PRAXISSEMESTER Leistungsmotiv Das Leistungsmotiv ist in zwei Komponenten, Hoffnung auf Er- folg und Furcht vor Misserfolg differenzierbar. Erfolgsmotivierte Menschen haben den Wunsch, positive Ergebnisse in Leistungs- situationen zu erreichen und Stolz beim Erreichen der Ziele zu empfinden (Dickhäuser et al., 2016). Ihre Motivation speist sich daraus, eigene Maßstäbe übertreffen zu wollen oder ggf. auch aus der Möglichkeit, sich mit anderen vergleichen zu können (Lämmle, 2011), und sie suchen zudem nach Informationen über die eigenen Fähigkeiten. Durch Hoffnung auf Erfolg (HE) ge- kennzeichnete Sportstudierende dürften die Anforderungen im Praxissemester als Herausforderung im positiven Sinne ansehen, die Erfolgserlebnisse ermöglicht, und weniger als Bedrohung aufgrund von erwarteten Misserfolgen wahrnehmen. Bei Praxis- semesterstudierenden sollte HE demnach eher mit positiven als mit negativen Emotionen einhergehen. Da hohe Beanspruchun- gen durch das Erleben von negativen Emotionen bei angehenden Lehrkräften und Praxissemesterstudierenden zu emotionaler Erschöpfung (EE) führt (Cramer et al., 2018; Kücholl et al., 2019), sollte HE entsprechend einen Schutzfaktor vor EE darstellen. Empirische Studien zu (Sport-)Studierenden im Praxissemester liegen hierzu bisher nicht vor, so dass es dieses Defizit in der vor- liegenden Arbeit zu schließen gilt. Eine niedrig ausgeprägte HE sollte zwar mit weniger positiven Emotionen einhergehen, dies ist jedoch nicht mit negativen Emotionen gleichzusetzen. Eine geringe Erfolgserwartung ist damit langfristig nicht unbedingt mit EE in Verbindung zu bringen. Erwartet wird damit, dass HE als personaler Schutzfaktor einen moderaten Zusammenhang mit EE im Praxissemester aufweist. Durch Furcht vor Misserfolg (FM) motivierte Personen sind im Gegensatz zu Erfolgsmotivierten bestrebt, Misserfolge zu ver- hindern. Das kann dazu führen, dass sie leistungsthematische Situationen meiden (Dickhäuser et al., 2007), da sie Angst haben, dass ein Versagen auf mangelnde Fähigkeiten zurückgeführt wird (Elbe et al., 2005). Auch das Praxissemester kann als leistungs- thematische Situation interpretiert werden. Die Vermeidung die- ser Situation ist langfristig ohne Aufgabe des Studiums allerdings nicht möglich. Misserfolgsmotivierte Praxissemesterstudierende sind damit einer Anforderung ausgesetzt, die aus ihrer Sicht mit dem Risiko eines Misserfolgs verbunden ist, den es zu vermeiden gilt, dem sie aber nicht aus dem Wege gehen können, ohne auf andere Weise Misserfolg zu erleben. Das Praxissemester sollte für Misserfolgsmotivierte also eine stetige potenzielle Bedrohung darstellen und mit einem erhöhten Beanspruchungserleben ein- hergehen, das über die Zeit zu einer höheren EE führen könnte. Bei Leistungssportler*innen und Trainer*innen (Dale & Weinberg, 1990; González-Hernández et al., 2021; Gustafsson et al., 2017), Lehrkräften (Cramer et al., 2018) und Lehramtsstudierenden im Praxissemester (Kücholl et al., 2019) wurden entsprechende Zu- sammenhänge zwischen FM und EE bereits nachgewiesen. Bisher gibt es noch keine Studien, die den Zusammenhang zwischen FM und EE bei Sportstudierenden im Praxissemester untersuchen. Entsprechend gilt es die Erwartung zu prüfen, dass FM mit EE von Praxissemesterstudierenden mit dem Fach Sport verbunden ist. Einstellung zur Hilfe Hilfe in Anforderungssituationen, wie beispielsweise durch Mentor*innen hinsichtlich des Unterrichtens im Praxissemester, stellt eine soziale Ressource des Arbeitsplatzes dar. Für Studierende im Praxissemester ist die Suche nach Hilfe besonders bedeutsam, denn es ist davon auszugehen, dass sie noch nicht über alle not- wendigen Kompetenzen für das Unterrichten verfügen. Die Nut- zung von Unterstützung bei der Unterrichtsplanung, der Lösung von Problemen und der Bewältigung von Rollenkonflikten dürfte die Entstehung des unterrichtsbezogenen Beanspruchungserle- bens mindern. Richter et al. (2011) zeigten, dass die Unterstützung von Mentor*innen im Ausbildungssetting mit einer geringeren EE assoziiert ist. In diese Richtung weisen auch Befunde von Kessels (2010), wonach sich eine Begleitung durch Mentor*innen positiv auf das Wohlbefinden auswirkt. Notwendig für die Inanspruchnahme von Hilfe ist jedoch nicht nur, dass diese tatsächlich zur Verfügung steht, sondern auch, dass Studierende eine positive Einstellung gegenüber Hilfe haben. Fasching et al. (2010) konnten einen negativen Zusammenhang zwischen der Einstellung zur Hilfe und dem Belastungserleben nachweisen, ohne allerdings zwischen verschiedenen Formen der Einstellung zu differenzieren. Dies erscheint jedoch notwendig: Um aufgesucht und in Anspruch genommen zu werden darf Hilfe nicht als Aufwand verstanden werden, sondern muss als nützlich angesehen werden. Wird Hilfe als eine Möglichkeit gesehen, Prob- leme zukünftig eigenständig lösen zu können, dann ist sie aus einer langfristigen Perspektive als nützlich interpretierbar (Dickhäuser et al., 2007) und kann zur Professionalisierung beitragen. Ein Nutzen von Hilfe muss sich entsprechend nicht sofort, sondern kann sich auch erst später bemerkbar machen. Problematisch kann es sein, wenn Hilfe als Bedrohung (HB) angese- hen wird (Butler, 1998). So kann das Erbitten oder die Inanspruch- nahme von Hilfe im Einzelfall als Hinweis auf fehlende Fähigkeiten interpretiert werden (Karabenick & Knapp, 1991), was die Hilfe suchende Person aus ihrer Perspektive als inkompetent darstellt (Butler, 1998; S. Skaalvik & Skaalvik, 2005) und mit einer Selbst- wertbedrohung einhergehen kann. Das Praxissemester, in dem Hilfe z. B. in Form von Mentor*innenunterstützung vorgesehen ist, geht folglich mit wiederkehrenden selbstwertbedrohenden Situa- tionen einher. Dies sollte mit einem erhöhten Beanspruchungser- leben verbunden sein. Bei der Vermeidung von Hilfe ist außerdem zu erwarten, dass Studierende zusätzlich aufgrund der fehlenden sozialen Unterstützung und Hilfeleistung eine höhere Beanspru- chung im Praxissemester empfinden, was zusammengenommen zu einer höheren EE führen kann. Wird die Einstellung zur Hilfe vor dem Hintergrund der Leistungs- motivation gesehen, dann ist eine enge Verbindung von FM und der Bewertung von HB zu sehen. Sowohl für FM als auch für HB wird erwartet, dass sie aufgrund einer hohen Beanspruchung im Praxissemester zu EE führen. Misserfolgsmotivierte vermeiden Situationen, die Rückschlüsse auf ihre Fähigkeiten ermöglichen (Elbe et al., 2005). Entsprechend sehen auch Lehrkräfte mit hoher FM Hilfe als Bedrohung an und vermeiden die Inanspruchnahme von Hilfe, da diese als geringe Leistungsfähigkeit interpretiert wer- den kann (Butler, 2000, 2007; Inbar-Furst & Gumpel, 2015). Für Praxissemesterstudierende mit dem Fach Sport liegen noch keine solchen Studien vor. Zu erwarten ist dennoch, dass bei diesen genauso wie bei ausgebildeten Lehrkräften ein Zusammenhang zwischen FM und HB besteht. Wird Hilfe bei hoher FM als Bedro- hung angesehen, ist weiterhin zu erwarten, dass diese Bedrohung direkt oder durch die Vermeidung der Inanspruchnahme von Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Die Beziehungen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöpfung · Fischer, Brückner Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Die Beziehungen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöpfung · Fischer, Brückner8 9 CC BY 4.0 DE DOI: 10.25847/zsls.2022.056 Hilfe indirekt zu einer erhöhten Beanspruchung und letztlich zur EE führt (Cramer et al., 2018; Kücholl et al., 2019). Damit ist zu erwarten, dass HB den Zusammenhang von FM und EE zum Teil vermittelt. Erwartet wird ein unvollständiger Mediationseffekt, da FM auch unabhängig von HB verbundenen Effekten mit erhöhter Beanspruchung in Form von Versagensängsten im Praxissemester und letztlich mit EE einhergehen sollte. Ziel der vorliegenden Studie ist es einerseits, die EE von Sportstu- dierenden zu erheben. Andererseits gilt es, die oben formulierten Erwartungen (s. Abb. 1) zur Rolle der Leistungsmotivation (Modell 1) und Einstellung zur Hilfe (Modell 2) sowie die Mediationshypo- these zu FM und HB (Modell 3) zu prüfen. Konkret wird insbeson- dere erwartet, dass FM und HB positiv mit EE zusammenhängen und dass HB teilweise die Beziehung von FM und EE vermittelt. 4. METHODE Stichprobe und Vorgehen Befragt wurden 136 Praxissemesterstudierende an drei Universi- täten in Nordrhein-Westfalen mit dem Fach Sport. Die Teilnahme war freiwillig und erfolgte aufgrund der Erreichbarkeit der Studie- renden im Rahmen von Lehrveranstaltungen zum Praxissemester. Die Studierenden wurden über ihre jeweiligen Dozent*innen gebeten, an der Erhebung teilzunehmen. Im Durchschnitt waren die Studierenden 25.27 Jahre (SD = 2.49) alt, zu 48 % weiblich und 52 % männlich. Mit 65 % studierte der größte Teil für ein Lehramt an Gymnasien bzw. Gesamtschulen (weitere Verteilung: 16.8 % Haupt-, Real- und Gesamtschule, 9.5 % Grundschule, 4.4 % Berufskolleg und 4.4 % Sonderpädagogik). Aufgrund der unter- schiedlichen universitären Lehrveranstaltungskonzeptionen der beteiligten Universitäten zum Praxissemester fand die Befragung in der Regel in einem Zeitraum von acht Wochen am Ende des 5-monatigen Praxissemesters im Paper-Pencil-Verfahren statt. meine Arbeitsbelastung zu reduzieren.“). Die Befragten konnten ihre Antworten anhand einer fünfstufigen Skala (1 = „stimmt gar nicht“ bis 5 = „stimmt genau“) abgeben. Cronbachs Alpha beträgt in der vorliegenden Stichprobe α = .74 für die Skala HB und α = .75 für die Skala HN. In Bezug auf die Skala Wahrnehmung von Hilfe als Aufwand (HA) ergibt sich wie schon in der Studie von Dickhäuser et al. (2007) eine geringe interne Konsistenz von α = .60. Statistische Analysen Im Rahmen der deskriptiven Analyse wurden Mittelwerte, Stan- dardabweichungen, Schiefe und Kurtosis bestimmt. Die infe- renzstatistische Auswertung umfasste Korrelationsanalysen und Regressionsanalysen. Der Zusammenhang beider Leistungsmotive mit der EE wurde mittels multipler Regressionsanalyse mit FM und HE als Prädiktoren unter Verwendung des Einschlussverfahrens geprüft (Modell 1). Ebenso wurde die Relevanz von HB im Kontrast zu den beiden anderen Einstellungen zur Hilfe mittels multipler Regression getestet (Modell 2). Die Mediationsanalyse erfolgte in Anlehnung an Baron und Kenny (1986). Hierfür wurde neben den Korrelationsanalysen eine weitere multiple Regressionsanalyse nach dem Einschlussverfahren mit den Prädiktoren FM und HB und dem Kriterium EE durchgeführt (Modell 3). Für alle Berechnungen wurde SPSS 27 benutzt. 5. ERGEBNISSE Die Mittelwerte der erhobenen Variablen (siehe Tabelle 1) zeigen, dass die befragten Praxissemesterstudierenden eher eine geringe EE hinsichtlich unterrichtsbezogener Anforderungen im Praxisse- mester angaben. So liegt der Skalenmittelwert dem sprachlichen Anker „trifft eher nicht zu“ entsprechend bei M = 2.00 (SD = 0.78). Die drei Subdimensionen zur Einstellung zur Hilfe weisen für HN einen hohen Mittelwert (M = 4.60, SD = 0.42) und für die beiden anderen Dimensionen, HA und HB, dagegen niedrige mittlere Ausprägungen auf (M = 1.70 bzw. 1.60; SD = 0.61 bzw. 0.60). Für HB liegt im Unterschied zu den anderen Variablen eine deutlich linkssteile (Schiefe = 1.99) und breitgipflige Verteilung (Kurtosis = 6.43) vor. D.h. im Durchschnitt wird Hilfe als geringe Bedrohung an- gesehen, für einen kleinen Anteil der Studierenden ist Hilfe jedoch mit einer deutlich höheren Bedrohung verbunden. In Bezug auf das Leistungsmotiv ist eine hohe Erfolgsmotivation (M = 2.82) und eine geringe Misserfolgsängstlichkeit (M = 1.89) der Studierenden festzustellen. Zwischen der EE und dem Leistungsmotiv bestehen signifikante Zusammenhänge: negativ im Fall von HE (r = -.27) und positiv im Fall von FM (r = .31). Ebenfalls signifikant ist der Zusammenhang zwischen EE und HB (r = .26), nicht jedoch für die beiden anderen Einstellungsarten. FM steht in einem positiven Zusammenhang von r = .37 mit HB und korreliert negativ mit HA (r = -.28). Regressionsanalysen ergeben, dass in einem Erklärungsmodell mit beiden Leistungsmotivkomponenten (s. Tabelle 2, Modell 1) nur FM signifikant zur Erklärung der EE beiträgt (ß = .23, p = .011), HE dagegen nicht (ß = -.17, p = .055). Werden die Einstellungen zur Hilfe als Prädiktoren genutzt (s. Tabelle 2, Modell 2), so leistet nur HB einen Beitrag zur Varianzaufklärung (ß = .24, p = .008). HN (ß = -.07) und HA (ß = .02) sind keine signifikanten Prädiktoren. Die Analysen zur Prüfung des erwarteten Mediationseffekts von HB für den Zusammenhang von FM und EE ergeben folgendes Bild: Zwischen dem Prädiktor FM und dem potenziellen Mediator HB besteht ein signifikanter Zusammenhang (r = .37; s. Tabelle 1). Die Regression von EE auf FM und HB (s. Tabelle 2, Modell 3) ergibt eine Modellanpassung von R = .34 (p < .001). FM ist hier der Prädiktor mit höherer Varianzaufklärung (ß = .24, p = .006) gegenüber HB (ß = .17, p = .060). In beiden Fällen fallen die Regressionsgewichte damit etwas niedriger aus als die bivariaten Korrelationen mit EE (FM: r = .31; HB: r = .26; s. Tabelle 1). Der im Regressionsmodell 3 gegenüber der Korrelation reduzierte Zusammenhang von FM spricht zwar für eine teilweise Mediation durch HB, der ebenfalls reduzierte Zusammenhang bezüglich HB, der im Regressionsmo- dell 3 zudem nicht signifikant ausfällt, allerdings gegen einen ent- sprechenden Mediationseffekt. 6. DISKUSSION Ziel der vorliegenden Studie war es, die EE von Studierenden im Pra- xissemester zu erfassen, einer Phase im Lehramtstudium, die mit vielfältigen Anforderungen verbunden und als psychisch beanspru- chend anzusehen ist (Klassen & Durksen, 2014). Eine Kernanfor- derung in Langzeitpraktika ist die Übernahme von Fachunterricht. Obwohl Lehramtsstudierende mit dem Fach Sport mehrheitlich über Erfahrungen in sportbezogenen Lehr-Lernsettings verfügen, dürfte das Unterrichten im Fach Sport aufgrund seiner Zielsetzun- gen, der verpflichtenden Teilnahme der Schüler*innen am Unter- richt und der damit einhergehenden Heterogenität der Lernenden eine spezifische, zu bewältigende Herausforderung darstellen. Obschon Hinweise zum Beanspruchungsempfinden im Kontext erster unterrichtsbezogener Tätigkeiten existieren (Dicke et al., 2015; Klusmann et al., 2012; Tönjes et al., 2008), zeigen die vorlie- genden Ergebnisse, dass die befragten Sportstudierenden sich am Ende des Praxissemesters im Durchschnitt (M = 2.00) „eher nicht“ emotional erschöpft fühlen, eine Referenzgruppe zur vergleichen- den Einordnung der Werte fehlt allerdings. In Bezug auf die Ein- stellung zu Hilfe weisen die Befunde von Dickhäuser et al. (2007) bei Lehramtsanwärter*innen auch auf hohe Zustimmungen bezüg- lich der Wahrnehmung von HN und geringere Zustimmungen zur Wahrnehmung von HB oder HA. Hinweise auf fachspezifische oder mit der Ausbildungsphase bzw. dem Professionalisierungsgrad zu- sammenhängende Besonderheiten liegen somit nicht vor. Die Ergebnisse der Studie zeigen erwartungskonform, dass FM und die Wahrnehmung von HB positiv mit der EE korrelieren. Auch HE ist mit EE verbunden, wie erwartet aber in geringerem Ausmaß als FM. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass die Leistungsmotivation als persönliche Disposition das individuelle Beanspruchungserle- ben im Praxissemester beeinflussen könnte: HE wäre demnach als Schutzfaktor und FM als Risikofaktor für hohe psychische Bean- spruchung und EE im Praxissemester anzusehen, wie es sich auch bei ausgebildeten Lehrkräften gezeigt hat (Cramer et al., 2018; Kücholl et al., 2019). Die vielfältigen Anforderungen des Praxisse- mesters (Jantowski & Ebert, 2014) bedeuten für Misserfolgsmoti- vierte während des Praxissemesters ebenso vielfältige Risiken für das Erleiden von Misserfolgen, die jeweils eine potenzielle Bedro- hung des Selbstwerts darstellen. Wie erwartet sind FM und die HB positiv assoziiert. Nur zu einem geringen Teil ist die Verbindung zwischen FM und EE in der vorliegenden Studie jedoch auf die Einstellung zur Hilfe zurückzuführen: Im Vergleich zum bivariaten Zusammenhang fällt der Zusammenhang zwischen FM und EE im multiplen Regressionsmodell (Modell 3) nur geringfügig niedriger aus und zwischen dem vermuteten Mediator HB und EE ist nur ein tendenzieller Zusammenhang festzustellen, der zudem auch niedriger ausfällt als die bivariate Korrelation von HB und EE. Die Ergebnisse sprechen damit dafür, dass FM weitgehend unabhängig von HB mit EE verbunden ist. Von einem bedeutsamen Mediati- Furcht vor Misserfolg Hoffnung auf Erfolg Emotionale Erschöpfung Hilfe als Aufwand Hilfe als Bedrohung Hilfe als Nutzen Leistungsmotiv (Modell 1) Einstellung zur Hilfe (Modell 2) Furcht vor Misserfolg Emotionale ErschöpfungHilfe als Bedrohung Mediationsmodell (Modell 3) + + + + + - Abbildung 1. Hypothetische Modelle zum Einfluss des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe auf die emotionale Erschöpfung im Praxissemester. Stärkere Effekte werden durch entsprechende Pfeilstärke dargestellt. Instrumente Emotionale Erschöpfung Die EE wurde mit der Skala Erschöpfung der deutschen Version des Maslach Burnout Inventory-Student Survey (MBI-SS-GV; Gumz et al., 2013) in einer auf den Anwendungskontext angepassten Ver- sion mit vier Items erfasst: In der Eingangsinstruktion wurden die Studierenden aufgefordert, sich auf unterrichtsbezogene Anforde- rungen des Praxissemesters im Fach Sport zu beziehen. Bei den Items wurde der Begriff Studium durch den Terminus Praxissemes- ter ersetzt (Beispielitem: „Ich fühle mich von meinem Praxissemes- ter ausgelaugt.“). Verwendet wurde eine vierstufige Likert-Skala (1 = „trifft gar nicht zu“ bis 4 = „trifft voll zu“). In Bezug auf die vorliegende Stichprobe ergibt sich eine hohe interne Konsistenz (Cronbachs α = .90). Leistungsmotiv Um zu erfahren, wie die Studierenden mit herausfordernden Situ- ationen im Allgemeinen umgehen, wurde die Leistungsmotivation erfasst (Göttert & Kuhl, 1980). Die Messung der Motivkomponente HE erfolgte über vier Items (Beispielitem: „Ich möchte gern vor eine etwas schwierige Arbeit gestellt werden.“; interne Konsistenz in der vorliegenden Stichprobe: α = .73) und die der Motivkompo- nente FM über neun Items (Beispielitem: „Schon wenn ich daran denke, vor neue und unbekannte Probleme gestellt zu werden, werde ich ängstlich.“; interne Konsistenz in der vorliegenden Stich- probe: α = .87). Verwendet wurde eine vierstufige Likert-Skala (1 = „trifft gar nicht zu“ bis 4 = „trifft voll zu“). Einstellung zur Hilfe Um die Einstellung zur Hilfe zu erfassen, wurde die Skala von Butler (2007) in der deutschen Übersetzung von Dickhäuser et al. (2007) eingesetzt. Unterschieden werden drei Dimensionen: Wahrgenommene Bedrohung (vier Items; Beispielitem: „Wenn ich als Lehrkraft Hilfe suche, zeigt dies nur, dass ich Schwächen habe.“), wahrgenommener Nutzen (vier Items; Beispielitem: „Der Austausch von Problemen mit anderen ist ein guter Weg, um als Lehrer dazu zu lernen und professioneller zu werden.“) sowie wahrgenommener Arbeitsaufwand (drei Items; Beispielitem: „Es ist nur dann sinnvoll, um Hilfe zu bitten, wenn es dazu beiträgt, Die Beziehungen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöpfung · Fischer, Brückner Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Die Beziehungen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöpfung · Fischer, Brückner10 11 DOI: 10.25847/zsls.2022.056 onseffekt von HB ist demnach entgegen der ursprünglichen Erwar- tung nicht auszugehen. Dennoch bleibt festzuhalten: Hilfe, die nach dem JDR-Modell (Bak- ker & Demerouti, 2007) im Praxissemester eigentlich zur Reduktion von Beanspruchung beitragen könnte, wird vermutlich von einem Teil der Misserfolgsmotivierten nicht als Entlastung, sondern eher als zusätzliche Bedrohung angesehen und ist in der vorliegenden Studie mit EE verbunden, wenn auch die Effekte als klein anzuse- hen sind. Für die beiden anderen Einstellungskomponenten zum Aufwand und Nutzen von Hilfe zeigt sich diese Verbindung dage- gen nicht. Diese Ergebnisse unterstreichen, dass die Einstellung zur Hilfe differenziert zu betrachten ist (Dickhäuser et al., 2007). So ist die Einstellung, dass Hilfe nützlich ist, aus dem Blickwinkel der Professionalisierung günstig. Nach den vorliegenden Daten ist sie unabhängig von der Einstellung, Hilfe als Bedrohung anzusehen. Die Einstellung, Hilfe als Bedrohung anzusehen, ist wiederum in Bezug auf das Beanspruchungserleben problematisch und könnte möglicherweise einer erfolgreichen Professionalisierung langfristig im Wege stehen, was aber in entsprechenden Studien zu prüfen bleibt. Die geringe quantitative Ausprägung der EE in der vorliegenden Studie widerspricht Befunden, bei denen die Beanspruchung wäh- rend des Praxissemesters insgesamt hoch ausfällt und im Verlauf ansteigt (Jantowski et al., 2008; Jantowski & Ebert, 2014). Aller- dings ist zu berücksichtigen, dass nach Krawiec et al. (2020) das Beanspruchungserleben zum Ende des Praxissemesters sinkt. Für eine leichte Abnahme sprechen auch Befunde von Römer et al. (2018). Auch in der vorliegenden Studie kann es nach einem an- fänglichen Anstieg zu einer Abnahme der Erschöpfung im Verlauf des Praxissemesters gekommen sein, was aufgrund des vorliegen- den Studiendesigns mit nur einem Erhebungszeitpunkt am Ende des Praxissemesters nicht erfasst werden konnte. Für die geringe emotionale Erschöpfung der Sportstudierenden könnte hier auch die positive Bewertung des Lernorts Schule verantwortlich sein. So sehen die in einer Studie von Göbel et al. (2016) befragten Praxis- semesterstudierenden die Arbeit am Lernort Schule als einen sinn- vollen und relevanten Baustein im Rahmen des Lehramtsstudiums an. Bei Sportstudierenden kann zudem auch körperliche Aktivität eine moderierende Wirkung auf die EE haben (Wunsch & Gerber, 2018). Diesbezüglich erscheinen vergleichende Studien mit Lehr- amtsstudierenden anderer Fächer sinnvoll. Die vorliegende Studie weist einige Limitationen auf. Aufgrund des Untersuchungsdesigns mit nur einem Messzeitpunkt konnte we- der die Dynamik der EE erfasst werden, noch sind Kausalschlüsse möglich. Letztlich handelt es sich bei allen hier ermittelten Bezie- hungen um korrelative Beziehungen, die auch auf Drittvariablen oder Antworttendenzen in Verbindung mit positiv oder negativ konnotierten Variablen zurückzuführen sein könnten. Zukünftig bedarf es Längsschnitt- und Interventionsstudien, um Verände- rungen zu ermitteln, Kausalbeziehungen nachzuweisen und die gefundenen Ergebnisse abzusichern. In der vorliegenden Arbeit wurde mit der Einstellung zur Hilfe die Bedeutung eines personalen Einflussfaktors untersucht. Unbe- rücksichtigt blieb, in welchem Ausmaß Hilfe als arbeitsplatzseitige Ressource im Sinne des JDR-Modells zur Verfügung stand und von den Studierenden genutzt bzw. die Inanspruchnahme vermieden wurde. Nicht beurteilt werden kann damit, in welchem Ausmaß real in Anspruch genommene Hilfe in der vorliegenden Studie die EE beeinflusst hat. In zukünftigen Arbeiten sollten deshalb neben der Einstellung zur Hilfe auch das Vorhandensein und die Nutzung bzw. Vermeidung von Hilfe untersucht werden. Auf der Basis sol- cher Untersuchungen können letztlich Schlüsse bezüglich günsti- ger oder wenig günstiger personaler Voraussetzungen von Studie- renden in Bezug auf die EE im Praxissemester gezogen werden. Aus messmethodischer Sicht sind die folgenden zwei Punkte an- zumerken: Zum einen wurde die Einstellung, Hilfe als Aufwand anzusehen, anhand einer Skala mit einer nur geringen internen Konsistenz gemessen, so dass ein möglicherweise bestehender Zu- sammenhang mit EE gegebenenfalls nur deshalb nicht identifiziert werden konnte. Zum anderen wurden zur Erfassung der EE und der Einstellungen zur Hilfe bereichsspezifische Skalen verwendet, die auf den Kontext Praxissemester ausgerichtet waren, während die Motivkomponenten HE und FM nicht bereichspezifisch erfasst wurden. Die gefundenen Beziehungen könnten demnach auch durch die unterschiedliche Spezifität der Messinstrumente beein- flusst worden sein, was in zukünftigen Untersuchungen zu prüfen wäre. Weiterhin ist zu betonen, dass in der vorliegenden Arbeit Lehr- amtsstudierende mit dem Fach Sport mit dem Fokus auf dem Sportunterricht untersucht wurden. Auf Besonderheiten, die mit dem Fach Sport verbunden sind, wurde bereits hingewiesen, so dass mit einer eingeschränkten Übertragbarkeit der Befun- de auf Lehramtsstudierende anderer Schulfächern zu rechnen ist. Unberücksichtigt geblieben ist darüber hinaus, dass alle Studienteilnehmer*innen ein weiteres Unterrichtsfach studieren. Das Erleben im Praxissemester könnte mit dem Zweitfach verbun- den sein, was in der vorliegenden Studie nicht kontrolliert werden konnte. Um den spezifischen Effekt des Unterrichtsfaches Sport im Praxissemester beurteilen zu können, wären zukünftig Kont- rollgruppen mit Praxissemesterstudierenden mit anderen Fächern sinnvoll. Dies würde weitergehende Interpretationen zur Ausprä- gung der gemessenen Konstrukte ermöglichen, beispielsweise zur Höhe der EE, was die vorliegende Studie ohne entsprechende Vergleichsgruppe nicht zulässt. Zusammenfassend zeigt die vorliegende Studie, dass es lohnens- wert erscheint, sich in weiteren Untersuchungen mit der Bezie- hung zwischen der EE, dem Leistungsmotiv und der Einstellung zur Hilfe auseinanderzusetzen. Dabei ist es sinnvoll, das Angebot und die tatsächliche Inanspruchnahme von Hilfe und deren Auswirkung auf den Professionalisierungsprozess einzubeziehen. In einem kontrollierten Längsschnittdesign mit mehreren Erhebungszeit- punkten im Verlauf des gesamten Praxissemesters sollte auch das Beanspruchungserleben und die Kompetenzentwicklung der ange- henden Lehrkräfte erfasst werden, um die Auswirkungen auf den Professionalisierungsprozess untersuchen zu können. Mit Blick auf die Praxis erscheint die Prävention bzw. die Reduktion von Misser- folgsangst (z. B. durch ein auf Zielsetzungen und die Veränderung von Attributionen und Selbstbewertungsemotionen abzielendes Motivtraining; Rheinberg & Engeser, 2010) gleichermaßen wichtig wie die gezielte Förderung einer die Beanspruchung reduzieren- den Einstellung zur Hilfe (z. B. durch Schaffung positiver Erfahrun- gen bei der Inanspruchnahme von Hilfe bezüglich des anvisierten Lernziels und der Förderung einer Lernzielorientierung als ein Prä- diktor der Einstellung zur Hilfe durch die Gestaltung des Lern- und Leistungskontextes; Benning et al., 2019). Mit entsprechenden Interventionsstudien sollte geprüft werden, ob durch frühzeitige Interventionen im Rahmen der Ausbildung von (Sport-)Lehrkräften der Entstehung von emotionaler Erschöpfung im Praxissemester wirksam vorgebeugt werden kann. Tab. 2: Regressionen der emotionalen Erschöpfung auf die Komponenten des Leistungsmotivs und die Einstellung zur Hilfe Modell R R²adj. p Prädiktor β p Modell 1 .34 .10 < .001 Furcht vor Misserfolg .23 .011 Hoffnung auf Erfolg -.17 .055 Modell 2 .27 .05 .020 Hilfe als Bedrohung .24 .008 Hilfe als Nutzen -.07 .447 Hilfe als Aufwand .02 .835 Modell 3 .34 .10 < .001 Furcht vor Misserfolg .24 .006 Hilfe als Bedrohung .17 .060 Anmerkungen: Die Modelle beziehen sich auf die in Abbildung 1 dargestellten hypothetischen Zusammenhänge des Leistungsmotivs (Modell 1) und der Einstellung zur Hilfe (Modell 2) mit der emotionalen Erschöpfung bzw. die Mediationshypothese (Modell 3). Tab. 1: Deskriptive Statistiken und bivariate Pearson-Korrelationen der Skalen Skala M SD Min Max Schiefe Kurtosis EE HE FM HB HN emotionale Erschöpfung (EE) 2.00 0.78 1.00 3.75 0.49 -0.66 Hoffnung auf Erfolg (HE) 2.82 0.52 1.25 4.00 -0.01 -0.08 -.27** Furcht vor Misserfolg (FM) 1.89 0.51 1.00 3.44 0.59 0.12 .31** -.42** Hilfe als Bedrohung (HB) 1.60 0.60 1.00 4.50 1.99 6.43 .26** -.01 .37** Hilfe als Nutzen (HN) 4.60 0.42 3.00 5.00 -0.98 0.56 -.11 .18* -.01 -.13 Hilfe als Aufwand (HA) 1.70 0.61 1.00 3.67 0.74 0.17 .13 -.17* -.28** .36** -.36** Anmerkungen: Die Wertebereiche liegen bei EE, HE und FM zwischen 1 und 4 und bei HB, HN und HA zwischen 1 und 5; **: p < .01, *: p < .05 (2-seitig). Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Die Beziehungen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöpfung · Fischer, Brückner Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Die Beziehungen des Leistungsmotivs und der Einstellung zur Hilfe zur emotionalen Erschöpfung · Fischer, Brückner12 13 CC BY 4.0 DE DOI: 10.25847/zsls.2022.056 DANKSAGUNG Die im Beitrag dargestellten Ergebnisse wurden im Rahmen eines Projekts erhoben, dass in Kooperation mit Michael Fahlenbock von der Bergischen Universität Wuppertal durchgeführt worden ist. LITERATUR Baeriswyl, S., Krause, A., & Kunz-Heim, D. (2014). Arbeitsbelastungen, Selbstgefährdung und Gesundheit bei Lehrpersonen. Eine Erweiterung des Job Demands-Resources Modells. Empiri- sche Pädagogik, 28, 128-46. Bakker, A. B., & de Vries, J. D. (2021). Job Demands–Resources theory and self-regulation: new explanations and remedies for job burnout. 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So gilt es in Form eines anzubahnen- den wissenschaftlich-reflexiven Habitus die Pädagogen (aus) zu bilden, eigenes unterrichtliches Denken und Handeln professionell deuten und weiterentwickeln zu können. Mit Blick auf wissenschaftliche Erkenntnisse ist das Interesse an sowie die bekundete Relevanz von wissenschaftsorientierten Studieninhalten ambivalent, da nicht alle Lehramts- und Sportstudierenden einen Mehrwert damit verbinden und vielmehr praxisorientierte Studieninhalte als bedeutsam(er) kennzeichnen. Des Weiteren sind Sportstudierende mit den vorhandenen Studienangeboten zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten eher unzufrieden. Vor diesem Hintergrund wurde mittels einer Fragebogenerhebung der Frage nachgegangen, wie zufrieden Sport-Lehramtsstudierende mit den gegebenen curricularen Angeboten ihrer Hochschule zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten sind. Daneben waren spezifische Bedürfnisse an extracurricularen Unterstützungsangeboten (wie indivi- duelle Beratung und/oder Workshops zu bestimmten Aspekten) zu erkunden. Die Zufriedenheit der befragten Sport-Lehramtsstudierenden war insgesamt eher unter- durchschnittlich (häufig unter dem Skalenmittelwert). In Bezug auf die spezifischen Bedürfnisse zeichnete sich ein erhöhtes Interesse an zusätzlichen Unterstützungsan- geboten ab, wie z. B. eine persönliche Beratung zu Bachelor- und Masterarbeiten so- wie eine Internetseite mit Informationen zum wissenschaftlichen Arbeiten. Hierbei war auffällig, dass bestimmte Bedürfnisse je nach Studienphase variieren. Auf Basis der im Beitrag generierten Ergebnisse, die insgesamt einen Optimierungsbedarf an Angeboten zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten zu erkennen geben, sind weiterführend mögliche Maßnahmen und Folgerungen sowohl für das standortspe- zifische Lehramtsstudium als auch übergreifend für die Lehrer*innenbildung zu diskutieren. Abstract: Scientific ways of thinking and working are central components of any course of study at university and thus also go along with demands for professio- nalization in teacher education. Therefore, teachers developing a reflective habi- tus have to be enabled to professionally interpret and develop their own ways of thinking and acting. With regard to scientific knowledge, the interest in and the declared relevance of science-oriented study content seems ambivalent, since not all teacher education students and sports students realize its relevance, but rather korrespondierender Autor Dr. André Poweleit Zentrum für Sportlehrer*innenbildung (ZfSb) Institut für Sportdidaktik und Schulsport Deutsche Sporthochschule Köln Dr.Jeannine Ohlert Psychologisches Institut, Zentrum für Sportlehrer*innenbildung (ZfSb) Deutsche Sporthochschule Köln Schlüsselwörter Sportstudium, Lehramt, wissenschaftliches Arbeiten, Professionalisierung, Studierende Zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt: Poweleit, A., Ohlert, J. (2023). Wissenschaft- liches Denken und Arbeiten im Sport-Lehr- amtsstudium: Zufriedenheit und gewünschte Zusatzangebote. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft, 6(1), 15-23. Tönjes, B., Dickhäuser, O., & Kröner, S. (2008). Berufliche Zielorien- tierungen und wahrgenommener Leistungsmangel bei Lehrkräften. Zeitschrift für pädagogische Psychologie, 22(2), 151-60. https://doi.org/10.1024/1010-0652.22.2.151 von Haaren-Mack, B., Schaefer, A., Pels, F., & Kleinert, J. (2020). Stress in Physical Education Teachers: A Systematic Review of Sources, Consequences, and Moderators of Stress. Research Quarterly for Exercise and Sport, 91(2), 279-297. https:// doi.org/10.1080/02701367.2019.1662878 Wunsch, K., & Gerber, M. (2018). Sportaktivität, Stress und Burnout. In R. Fuchs & M. Gerber (Hrsg.), Handbuch Stressregulation und Sport (S. 343-74). Springer. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium · Poweleit, Ohlert Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium · Poweleit, Ohlert16 17 CC BY 4.0 DE DOI: 10.25847/zsls.2021.054 identify practice-oriented study content to be (more) significant. Furthermore, sports students rather tend to be dissatisfied with the existing courses focussing on scientific thinking and working. Against this background, a questionnaire survey was conducted to analyse PE students’ curricular needs. In addition, specific needs for extracurricular support (such as individual counselling and/or workshops on specific aspects) were to be explored. The results show that overall satisfaction of the surveyed PE students was rather below average (often below the scale mean). In terms of specific needs, an increased interest in additional support servi- ces emerged, such as personal advice on bachelor's and master's theses as well as a website with information on scientific work. It was noticeable that specific needs vary according to the phase of study. Based on our results indicating an overall need for op- timizing our curricular offers for scientific thinking and working, possible measures and consequences are to be discussed, both for the site-specific teacher training program and for teacher training across the board. 1. EINFÜHRUNG UND PROBLEMSTEL- LUNG Das Studium als erste (hochschulische) Lehramtsausbildungsphase hat den Anspruch, den Studierenden sowohl fachspezifische als auch bildungswissenschaftliche Kompetenzen zu vermitteln, um diese auf ihr späteres Berufsfeld als Lehrkraft ausreichend vorzu- bereiten (vgl. DSLV, dvs, DOSB & FSW, 2019, Memorandum Schul- sport). Mit dem Ziel eines akademischen Abschlusses ist nicht nur eine methodisch-didaktische, sondern auch eine wissenschaftliche (Aus-)Bildung von Bedeutung. Demnach sind auch übergreifende (insbesondere forschungsmethodologische und -methodische) Kompetenzen zu fördern. Gerade über diese wissenschaftlich geprägte Auseinandersetzung im Setting (Schul-)Sport lässt sich eine Differenz zu nicht akademisch qualifizierten Sportlehrkräften und Trainer*innen herstellen (vgl. dvs, asp, FSW & DSLV, 2017, sportwissenschaftliches Kerncurriculum; Hottenrott et al., 2017, Memorandum Sportwissenschaft). Von den Studierenden werden somit im Laufe des Studiums unterschiedliche wissenschaftliche Arbeiten (u. a. die obligatorischen Abschlussarbeiten des Bachelor- und Masterstudiengangs oder auch das in den Praxisphasen veran- kerte Forschende Lernen, vgl. hierzu z. B. Ukley & Gröben, 2018) erwartet, was auch impliziert, wissenschaftlich denken zu können. Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung gilt es – unter Berück- sichtigung ausgewählter Befunde – der Frage nachzugehen, ob die Studierenden während ihres Studiums mit den curricularen Angeboten zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten zufrie- den sind. Über die Rückmeldung der Studierenden sollen weiter- führend Maßnahmen zur Beratung und Unterstützung abgeleitet werden, um diesen Bereich weiter zu stärken. Theoretische Hinführung In Anlehnung an Kleinert und Pels (2020) stehen die beiden Be- griffe wissenschaftliches „Denken“ und „Arbeiten“ für all jene Prozesse, die während einer wissenschaftlichen Tätigkeit ablaufen: „Die wissenschaftlichen Denkprozesse umfassen dabei Be- reiche wie Beurteilen (z. B. Beurteilen von Literatur), Planen (z. B. Untersuchungsplanung) oder gedankliche Konstrukti- onen (z. B. Theoriebildung zum Beschreiben von Zusammen- hängen).Die wissenschaftlichen Arbeitsprozesse umfassen hingegen eher unmittelbar handlungsbezogene Bereiche wie Recherchieren (z. B. Literaturrecherche), Datenerhe- bung (z. B. Durchführung einer Befragung), Datenauswer- tung (z. B. statistische Analysen) und Schreiben (z. B. Ver- fassen eines wissenschaftlichen Artikels). Die ablaufenden Denk- und Arbeitsprozesse sind dabei ständig wechselseitig miteinander verknüpft“ (ebd., S. 32). In allen Wissenschaftsbereichen (sowohl Lebens- als auch Gesell- schaftswissenschaften) erfolgt das wissenschaftliche Denken und Arbeiten nicht willkürlich, sondern ist durch spezifische Merkmale und Standards gekennzeichnet: » Aufarbeitung bestehender Erkenntnisse, Klärung zentraler Begriffe sowie eigenständige und kreative Gedankenarbeit » systematisches, regelgeleitetes und methodisch kontrol- liertes Vorgehen » Fundierung der Aussagen und Objektivierung » überprüfbares und reflektiertes sowie präzises, eindeu- tiges und logisches Argumentieren » sorgfältige und einheitliche Darstellung (formale und technische Aspekte) » Redlichkeit (Kennzeichnung sämtlicher Bezugsquellen) (vgl. detailliert Bohl, 2018; Roos & Leutwyler, 2017) Damit unterscheidet sich das wissenschaftliche Denken und Arbei- ten aufgrund seiner kontrollierten, planvollen und genauen Vor- gehensweise bzw. seines Anspruchs um intersubjektive Klarheit und Nachvollziehbarkeit von alltäglichen (intuitiven oder naiven) Denk-, Argumentations- und Handlungsweisen (Fromm & Paschel- ke, 2017; Kleinert & Pels, 2020). Danach ist festzuhalten, dass wis- senschaftliches Denken und Arbeiten im Studium mehr ist als eine (reine) Wiedergabe vorliegender Texte oder eine (blinde, unreflek- tierte) Anhäufung von Wissen. Es stellt vielmehr eine intensive Auseinandersetzung mit Themen, Perspektiven, Erfahrungen und Theorien dar, sodass auch die eigene Innenwelt nicht einfach un- hinterfragt bestehen bleibt, sondern überprüft und zur Diskussion gestellt wird (Bohl, 2018, S. 10; Roos & Leutwyler, 2017, S. 15-16). Hierüber können schließlich individuelle Sichtweisen bestätigt, revidiert, differenziert und/oder erweitert werden. Eine solch reflektierte und realitätsprüfende Grundhaltung aus der „Wissen- schaft“ sollte auch von Studierenden jeglichen akademischen Stu- diengangs kultiviert werden, um eigenes (präferiertes) Denken und Handeln sowohl im Beruf als auch im Alltag professionell deuten und weiterentwickeln zu können (ebd.). Dies wird auch in der (Sport-)Lehrer*innenbildung als lohnenswert gekennzeichnet. So ist auch dort wissenschaftliches Denken und Arbeiten u. a. in Form eines Forschenden Lernens in den Praxis- phasen des Lehramtsstudiums (z. B. Basten, Mertens, Schöning & Wolf, 2020) sowie in weiteren, einzelnen (schulform)spezifischen Lehrveranstaltungen der Studienfächer (inkl. Bildungswissen- schaften) verankert, was wiederum standortspezifisch – mit un- terschiedlicher inhaltlicher Fokussierung und Anzahl der Angebote – konkretisiert wird (für das Fach Sport in NRW vgl. z. B. Fischer, Gissel & Pfitzner, 2018). Im Kontext der Professionalisierung von (angehenden) Lehrkräften wird gemeinhin ein wissenschaftlich- reflexiver Habitus als essentiell angesehen, mit dem es gelingt, sozialisiertes (Erfahrungs-)Wissen und damit einhergehende (eindimensionale) praktische Routinen auf Basis wissenschaftlich fundierter Wissensbestände kritisch zu hinterfragen (Combe & Kolbe, 2008; Helsper, 2001). Ohne eine solche Reflexivität besteht die Gefahr bzw. Tendenz, dass ein gewünschter Perspektivwechsel (von dem*der Sportler*in zum*zur Pädagog*in) ausbleibt und nur biografisch geprägte bzw. präferierte fachkulturelle Wahrneh- mungs-, Denk- und Handlungsmuster in der Berufspraxis imitiert werden, wodurch bestehende Erziehungs- und Bildungsansprüche keine ausreichende Berücksichtigung erhalten (Poweleit, 2019; 2021). Unter Rekurs auf Helsper (2001) wird schließlich im Rah- men der Lehrer*innenbildung eine Notwendigkeit einer doppelten Professionalisierung gesehen, die einerseits ein pädagogisch- praktisches Können und andererseits eine wissenschaftliche Reflexivität impliziert, um die (zukünftigen) antinomischen Be- rufsaufgaben professionell bewältigen und gestalten zu können. Zusammenfassend ist sowohl für Novizen als auch für erfahrene Lehrkräfte notwendig, eigenes unterrichtliches Handeln und be- währte Routinen, die (primär) auf Alltagswissen bzw. biografisch geprägten Wissensbeständen beruhen, einer kritisch-prüfenden und wissenschaftlich-gesicherten Reflexion zu unterziehen und dieses letztendlich gut begründet bestehen zu lassen oder eben zu erneuern (Kastrup, Gröben & Ukley, 2020). Hier ist zu ergänzen, dass eine Lehrer*innenbildung erst dann reflexiv werden kann, wenn die eigenen normativen Orientierungen bzw. inhaltlichen Reflexionsfolien verdeutlicht und festgelegt sind. Eine reflexive Professionalität benötigt also akademisches (Fach-)Wissen, worauf Bezug genommen werden kann (Häcker, 2019, S. 88-89). Damit also dieses anspruchsvolle Anliegen der Anbahnung eines reflexiven Habitus überhaupt gelingt, bedarf es bestimmter Vor- aussetzungen. So benötigen die Studierenden für die Professio- nalisierung fachwissenschaftliche, methodisch-didaktische und forschungsmethodische Kompetenzen (Kastrup et al., 2020). Letz- teres, also übergreifend die Vermittlung von wissenschaftlichen Denk- und Arbeitsprozessen, ist äußerst bedeutsam, „weil nur eine Lehrkraft, die forschungsmethodisch kom- petent ist, am wissenschaftlichen Diskurs kritisch teilha- ben kann. Nur so kann die Lehrkraft die richtigen Fragen stellen, sie methodisch bearbeiten und den Problemen entsprechend auf den Grund gehen […]. Die Kenntnisse im forschungsmethodischen Bereich dienen somit zur von Hel- sper geforderten wissenschaftlich fundierten Reflexion des eigenen Lehrkräftehandelns“ (ebd., S. 146-147). Somit ist eine wesentliche Gelingensbedingung für das Forschen- de Lernen an Hochschulen und damit einhergehende Professio- nalisierungsansprüche, dass den Studierenden das notwendige Handwerkzeug wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens zur Ver- fügung steht und sie dieses auch entsprechend anwenden können (Hellmer, 2009). Im Anschluss daran stellt sich die Frage, ob sich die Studierenden hinsichtlich forschungsmethodischer Kompetenzen, die schließlich Voraussetzung für weiterführende Professionalisie- rungsprozesse sind, tatsächlich ausreichend vorbereitet fühlen. Ziel der vorliegenden Studie unter Berücksichti- gung ausgewählter Befunde zum wissenschaftli- chen Denken und Arbeiten Allgemein scheinen Sportstudierende kaum einen Zusammenhang zwischen wissenschaftlichen Denk- und Arbeitsweisen und spä- terer Arbeitswelt zu sehen und schätzen praxisorientierte Studi- eninhalte wichtiger ein; vor allem Studienanfänger*innen scheint der Nutzen nicht bewusst zu sein und bekunden ein geringeres Interesse (Kleinert & Pels, 2020). Ähnlich wie in den sportwissenschaftlichen Studiengängen scheint auch für Lehramtsstudierende allgemein wissenschaftliches Den- ken und Arbeiten im Vergleich zu praktischen Bestandteilen im Studium für die Ausübung des Berufs eine geringere Relevanz zu haben, denn sie sehen sich nicht oder nur in geringem Maße als Wissenschaftlicher*innen, sondern vielmehr als praktizierende Lehrkräfte, die primär Lehrerfahrungen benötigen (u. a. Schindler, Rosell & Gleis, 2018). Auch Sport-Lehramtsstudierende scheinen nicht darin bestärkt zu werden, dass wissenschaftliche Reflexivität für die eigene Pro- fession bedeutsam ist (u. a. Wegener & Faßbeck, 2018). So geht unter dem praktischen Handlungsdruck im Schulalltag oftmals die Tendenz einher, dass weniger eine kritische, forschend-reflexive Auseinandersetzung des unterrichtlichen Handelns vorgenom- men, sondern verstärkt unreflektiert auf subjektive Erfahrungen aus der eigenen außerschulischen und schulischen Praxis oder anderer Lehrkräfte bzw. Kolleg*innen zurückgegriffen wird (Ukley & Bergmann, 2020, S. 150). Auf der anderen Seite ergeben andere Studien, dass forschungsorientierte Denk- und Handlungsweisen in Bezug auf ein stetiges Weiterbilden im Beruf bzw. im Sinne der Professionalisierung unterrichtlichen Handelns von angehenden Lehrkräften als nützlich eingestuft werden (Homt, Bloh & Grosser, 2020; vgl. auch Feiel, Gramm, Mahn & Mühl, 2019). Dementspre- chend liegen mehrdeutige Betrachtungen vor. Hinsichtlich der Zufriedenheit mit Studienangeboten wissenschaft- lichen Denkens und Arbeitens zeichnet sich tendenziell eine unbe- friedigende Bewertung ab. An der gleichen Hochschule (Deutsche Sporthochschule Köln), an der die vorliegende empirische Unter- suchung stattfand, sind Studierende aus (nicht lehramtsspezifi- schen) sportwissenschaftlichen Studiengängen mit den vorhande- nen Studienangeboten (z. B. wissenschaftliche(s) Arbeitstechniken und Schreiben) eher unzufrieden (Kleinert & Pels, 2020). Für das Sport-Lehramtsstudium, welches im Vergleich weniger solcher Lehrveranstaltungen oder in anderer Form curricular verankert hat, liegt aktuell noch keine ausreichende Datengrundlage vor. Mit Blick auf die lehramtsspezifischen Bachelor-Studienpläne für das Fach Sport am Untersuchungsstandort wird in lediglich einer Lehr- veranstaltung explizit das wissenschaftliche Denken und Arbeiten aufgegriffen; in bestimmten Schulformen (Grund- und Förderschu- le) ist es sogar in expliziter Form überhaupt nicht Teil des Curricu- lums [Stand 18.03.2022]. Ergänzend hierzu ist noch das Konzept des Forschenden Lernens in den Praxisphasen (Eignungs- und Orientierungspraktikum sowie Berufsfeldpraktikum) des bildungs- wissenschaftlichen Studiums integriert. Im Masterstudium werden neben dem Forschenden Lernen im Praxissemester explizit zwei Lehrveranstaltungen mit wissenschaftlich-methodischer Ausrich- tung angeboten. Gewiss können auch in anderen Lehrveranstal- tungen eine reflektierte Grundhaltung und/oder entsprechende Denk- und Arbeitsweisen aus der Wissenschaft vermittelt werden, allerdings hängt dies wohl häufig von der jeweiligen Lehrkraft ab. In diesem Zusammenhang wird vermutet, dass der wissenschaft- liche Studienanteil insgesamt zu kurz kommt und sich damit die Sport-Lehramtsstudierenden auch nicht ausreichend vorbereitet fühlen und somit mehr Unterstützungsangebote benötigen. Dies gilt es im vorliegenden Beitrag empirisch zu prüfen. Vor dem Hintergrund der vorangegangen Ausführungen war Ziel der vorliegenden Studie, die Zufriedenheit der Sport-Lehramtsstu- dierenden mit den curricularen Angeboten zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten während des Studiums zu erheben und zu- Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium · Poweleit, Ohlert Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) 18 19 CC BY 4.0 DE DOI: 10.25847/zsls.2021.054 Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium · Poweleit, Ohlert dem das Bedürfnis nach extracurricularen Angeboten zu eruieren. Ergänzend hierzu wurden Unterschiede zwischen den Studieren- den in den verschiedenen Phasen des Studiums (Einstiegsphase, Bachelor, Master) untersucht. Hier sind z. B. aufgrund der steigen- den Anforderungen wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens in den einzelnen Studienphasen unterschiedliche Bedürfnisse zu erwarten. Mit Rücksicht auf das eingangs beschriebene Bildungs- anliegen der Entwicklung eines wissenschaftlich-reflexiven Habitus soll aus den gewonnenen Erkenntnissen auch erste Folgerungen für die Lehrer*innenbildung abgeleitet werden. 2. METHODE Teilnehmende Insgesamt 187 Sport-Lehramtsstudierende nahmen an der Befragung teil, hiervon waren 59% weiblich und 41% identifizier- ten sich als männlich. Das Durchschnittsalter lag bei 22.84 Jahren (SD = 3.06 Jahre). Die überwiegende Mehrheit (64%) studierte für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen, 17% für das Lehramt an Förderschulen, 11% an Haupt-, Real-, Sekundar- und Gesamtschulen, 7% an Grundschulen und 1% an Berufskollegs. Für die Studie wurden die Studierenden in drei Gruppen eingeteilt: 30 Studierende befanden sich in der Anfangsphase des Studiums (ers- tes Semester), 98 im weiteren Bachelorstudium (Semesterzahl M = 4.41; SD = 1.98) und 59 im Masterstudium (M = 8.78; SD = 3.42). Diese Einteilung wurde gewählt, da die Befragung zu Beginn des Semesters durchgeführt wurde und bei den Erstsemestern noch keinerlei Erfahrung mit Aspekten des wissenschaftlichen Arbeitens erwartet wurden, während davon ausgegangen wurde, dass Stu- dierende der höheren Fachsemester bereits Kenntnisse erworben haben – Masterstudierende aufgrund der absolvierten Bachelorar- beit in höherem Maße als Bachelorstudierende. Messinstrumente Die Generierung der Items für die verschiedenen Aspekte erfolgte durch vier Personen, die sowohl im Modul „wissenschaftliches Den- ken und Arbeiten“ im Lehramtsstudium unterrichten als auch am an der Hochschule ansässigen Zentrum für Lehrer*innenbildung für die Beratung der Studierenden zum wissenschaftlichen Arbei- ten zuständig sind. Die Items beziehen sich demnach zum einen auf im Modulhandbuch festgelegte curriculare Aspekte und zum anderen auf in der Beratung häufig durch die Studierenden the- matisierte Aspekte. Zufriedenheit mit Angeboten wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens Die Zufriedenheit wurde mit insgesamt neun selbst generierten Items erhoben, die sich auf verschiedene Angebote und Informa- tionen zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten im Rahmen des Sport-Lehramtsstudiums bezogen (die genaue Formulierung der Items kann Tabelle 1 entnommen werden). Die Items wurden auf einer siebenstufigen Likert-Skala von 1 = „überhaupt nicht zufrieden“ bis 7 = „sehr zufrieden“ beantwortet. Diese Fragen wur- den nur denjenigen Studierenden gestellt, die sich mindestens im zweiten Bachelorsemester befanden (n = 157), da die Befragung zu Beginn des Semesters stattfand und daher die Studienanfänger noch keine Erfahrungen in dem Bereich aufweisen konnten; das Cronbachs Alpha lag bei .89 für die vorliegende Stichprobe. Bedürfnis nach extracurricularen Angeboten und Beratungsan- geboten Die Fragen zum Bedürfnis nach extracurricularen Angeboten und Beratungsangeboten wurden allen Teilnehmenden gestellt und vorab selbst generiert. Zehn Items fragten mögliche Workshopthe- men sowie ein Internetangebot ab (zum genauen Wortlaut siehe Tabelle 2), und mit fünf Items wurden verschiedene Beratungsan- gebote und -themen erfasst (siehe Tabelle 2). Die Studierenden bewerteten jeweils auf einer Likert-Skala von 1 = „würde ich auf keinen Fall nutzen“ bis 7 = „würde ich auf jeden Fall nutzen“, wie wahrscheinlich es wäre, dass sie ein entsprechendes Angebot nut- zen würden. Das Cronbachs Alpha für die extracurricularen Ange- bote lag bei .90, für die Beratungsangebote bei .88. Durchführung Die Befragung war Teil einer größeren Studie zu Angeboten des Zentrums für Lehrer*innenbildung an der Deutschen Sporthoch- schule Köln. Alle Sport-Lehramtsstudierenden dieser Hochschule (N ~ 2.000) wurden über den internen E-Mail-Verteiler ange- schrieben und darum gebeten, an der Befragung teilzunehmen. Die Befragung erfolgte nach den Vorgaben der American Psy- chological Association und war für die Befragten freiwillig und ohne Risiken. Es gab keine Kompensation für die Teilnahme an der Befragung. Insgesamt 409 Befragte besuchten die Startseite der Befragung, 202 Teilnehmende füllten den Fragebogen bis zum Ende aus. Die für die aktuelle Auswertung notwendigen Fragen wurden von 187 Personen beantwortet (die übrigen brachen die Befragung vorher ab). Analysen Die Items wurden einzeln ausgewertet und Mittelwerte sowie Standardabweichungen deskriptiv dargestellt. Zur Berechnung der Unterschiede zwischen den Gruppen von Studierenden wurden multivariate Varianzanalysen (MANOVA) getrennt für die ver- schiedenen Bereiche (Zufriedenheit, Bedürfnisse extracurriculare Angebote, Bedürfnisse Beratung) gerechnet. Zeigte die MANOVA signifikante Ergebnisse auf multivariater Ebene, so wurde als Post- Hoc-Test die Roy-Bargmann Stepdown Prozedur nach der Empfeh- lung von Finch (2007) durchgeführt. Hierfür wurde zunächst aus theoretischer und anwendungsbezogener Sicht eine Rangfolge der jeweiligen Items erstellt und anschließend für das erste Item eine ANOVA durchgeführt. Dieses Item diente anschließend als Kova- riate in der ANCOVA für das nächste Item, welches anschließend ebenfalls hinzugefügt wurde. Die Reihenfolge der Items in der Stepdown Prozedur kann der Tabelle 2 entnommen werden (für die Items in Tabelle 1 war die Prozedur aufgrund des nicht signi- fikanten Ergebnisses der MANOVA nicht notwendig). Die angege- benen Signifikanzen beziehen sich jeweils auf diese Reihenfolge in der Prozedur. Hierbei wurde das α-Niveau aufgrund der multiplen Testung mittels Bonferroni-Korrektur auf .005 für die extracurricu- laren Angebote sowie auf .01 für die Beratungsangebote korrigiert. Tab. 1: Mittelwerte und Standardabweichungen der Zufriedenheit mit aktuellen Angeboten für alle Teilnehmenden sowie die verschie- denen Studienabschnitte.1 Wie zufrieden sind Sie mit... Gesamt (n = 157) M (SD) Bachelor (n = 98) M (SD) Master (n = 59) M (SD) …der wissenschaftlichen Begleitung während der Bachelorarbeit.2 4.26 (1.87) -2 4.26 (1.87) ...der Betreuung während (wissenschaftlicher) Seminar- /Hausarbeiten 4.06 (1.68) 4.28 (168) 3.76 (1.64) …den Informationen dazu, wie wissenschaftliches Arbeiten (z.B. Theorien, korrektes Zitieren, wissenschaftliches Schreiben) erfolgen kann. 3.93 (1.70) 3.97 (1.72) 3.86 (1.70) …den Möglichkeiten, sich Unterstützung bei Problemen zum wissenschaftlichen Arbeiten zu holen. 3.72 (1.53) 3.81 (1.57) 3.59 (1.48) …den Informationen zu qualitativen Forschungsmethoden (z.B. Interviews, Dokumentenanalyse). 3.62 (1.45) 3.88 (1.44) 3.25 (1.38) …den Informationen zu quantitativen Forschungsmethoden (z.B. Fragebögen, objektive Testver- fahren). 3.52 (1.53) 3.75 (1.58) 3.19 (1.41) …der Vorbereitung auf die Bachelorarbeit im Rahmen des Studienangebots. 3.23 (1.54) 3.13 (1.40) 3.35 (1.71) ...den Informationen zur quantitativen Datenanalyse (z.B. Statistik, SPSS). 2.98 (1.46) 3.01 (1.40) 2.95 (1.54) 1 Die Fragen zur Zufriedenheit wurden nur Studierenden gestellt, die sich mindestens im zweiten Fachsemester befanden. 2 Diese Frage wurde lediglich den Masterstudierenden (n = 59) gestellt. 3. ERGEBNISSE Zufriedenheit mit Angeboten wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens Bei der Zufriedenheit mit den Angeboten zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten zeigten sich – auf deskriptiver Ebene insge- samt gesehen – überwiegend Bewertungen, die durchschnittlich schlechter waren als das Skalenmittel von 4 (siehe Tabelle 1). Le- diglich die wissenschaftliche Begleitung während der Bachelorar- beit und die Betreuung während Seminar- und Hausarbeiten wur- de besser als der Skalenmittelwert beurteilt (Letztere auch nur von den Bachelorstudierenden). Die Informationen zu quantitativen und qualitativen Verfahren wurden insgesamt am schlechtesten bewertet. Signifikante Unterschiede zwischen Bachelor und Masterstudie- renden fanden sich auf der multivariaten Ebene nicht (F(8, 107) = 1.76, p = .093, η²(part) = .12), dementsprechend wurden keine univa- riaten Vergleiche mehr durchgeführt. Bedürfnis nach extracurricularen Angeboten Das Bedürfnis nach extracurricularen Angeboten lag insgesamt für alle Bereiche über dem Skalenmittel von 4 (siehe Tabelle 2). Ins- besondere eine Internetseite mit Informationen zu wissenschaft- lichem Arbeiten wurde gewünscht. Nach Workshops zur qualitati- ven und quantitativen Datenanalyse hatte die Gesamtgruppe das geringste Bedürfnis. Es zeigten sich jedoch signifikante Unterschiede im Bedürfnis für die drei Gruppen von Studierenden auf der multivariaten Ebene (F(20, 334) = 3.11, p < .001, η²(part) = .16). Die Roy-Bargmann Step- down Prozedur ergab, dass die Effekte auf der Univariaten Ebene lediglich für die Items „Workshops zu quantitativen Forschungs- methoden“ (F(2, 176) = 14.67, p < .001, η²(part) = .14) sowie “Work- shops zur quantitativen Datenanalyse“ (F(2, 172) = 5.80, p = .004, η²(part) = .06) gefunden werden konnten. Bedürfnis nach zusätzlichen Beratungsangeboten Bei den persönlichen Beratungsangeboten wurde insgesamt eine recht hohe Nutzungswahrscheinlichkeit angegeben, für alle Be- reiche im Durchschnitt über dem Skalenmittelwert von 4 (siehe Tabelle 2). Insgesamt am höchsten wurde die Nutzungswahr- Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium · Poweleit, Ohlert Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium · Poweleit, Ohlert20 21 CC BY 4.0 DE DOI: 10.25847/zsls.2021.054 Tab. 2: Mittelwerte und Standardabweichungen der Nutzungswahrscheinlichkeit für extracurriculare sowie Beratungsangebote bei allen Teilnehmenden sowie aufgeteilt nach den verschiedenen Studienabschnitten (Sortierung der Aspekte nach Rangfolge in der Roy- Bargmann Stepdown Prozedur). Gesamt (n = 187) M (SD) Studienbeginn (n = 30) M (SD) Bachelor (n = 98) M (SD) Master (n = 59) M (SD) Extracurriculare Angebote Internetseite mit Informationen zu wissenschaftli- chem Arbeiten (Vorgehensweise, Methodik etc.) 5.83 (1.39) 5.63 (1.38) 5.85 (1.42) 5.92 (1.36) Workshop zur allgemeinen Vorbereitung auf Bache- lorarbeiten / Masterarbeiten 5.41 (1.50) 5.50 (1.55) 5.54 (1.37) 5.14 (1.67) Workshop zum Finden einer geeigneten Fragestel- lung / These für eine Abschluss- oder Hausarbeit 4.91 (1.74) 4.80 (1.81) 4.89 (1.76) 5.00 (1.68) Workshop zum Umgang mit wissenschaftlichen Texten 4.45 (1.62) 4.50 (1.64) 4.53 (1.50) 4.31 (1.82) Workshop zum wissenschaftlichen Schreiben 4.73 (1.70) 4.73 (1.74) 4.86 (1.64) 4.52 (1.78) Workshop zu quantitativen Forschungsmethoden (z.B. Fragebögen, objektive Testverfahren) 4.53 (1.53) 3.93M (1.60) 4.37M (1.39) 5.08SB (1.57) Workshop zu qualitativen Forschungsmethoden (z.B. Interviews, Dokumentenanalyse) 4.47 (1.48) 3.90 (1.56) 4.35 (1.34) 4.95 (1.54) Workshop zur quantitativen Datenanalyse (z.B. Statistik, SPSS) 4.34 (1.58) 3.40M (1.33) 4.18 (1.49) 5.10S (1.54) Workshop zur qualitativen Datenanalyse (z.B. Inhaltsanalyse, MAXQDA) 4.33 (1.63) 3.67 (1.47) 4.23 (1.53) 4.83 (1.72) Workshop zur Verknüpfung von Theorie und For- schungsmethode 4.50 (1.55) 3.77 (1.57) 4.53 (1.47) 4.81 (1.59) Beratungsangebote Persönliche Beratung zu Bachelor- und Masterar- beiten 5.92 (1.24) 5.60 (1.48) 5.92 (1.30) 6.08 (0.99) Persönliche Beratung zum Finden einer geeigneten Fragestellung / These für eine Abschluss- oder Hausarbeit 5.51 (1.50) 4.93 (1.80) 5.56 (1.48) 5.71 (1.31) Persönliche Beratung zu quantitativen Forschungs- methoden und Statistik 4.66 (1.59) 4.20 (1.81) 4.48 (1.52) 5.17 (1.49) Persönliche Beratung zur Verknüpfung von Theorie und Forschungsmethode 4.96 (1.52) 4.40 (1.63) 4.97 (1.49) 5.22 (1.45) Persönliche Beratung zu qualitativen Forschungsme- thoden und Datenauswertung 4.78 (1.55) 3.80 (1.58) 4.74 (1.52) 5.36 (1.29) S Signifikante Unterschiede zu Studienanfängern. B Signifikante Unterschiede zu Bachelorstudierenden. M Signifikante Unterschiede zu Masterstudierenden. scheinlichkeit einer Beratung zu Bachelor- und Masterarbeiten im Allgemeinen bewertet, während Beratungen zu qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden und Datenauswertungen am niedrigsten bewertet wurden. Im Vergleich der drei Gruppen von Studierenden zeigten sich ebenfalls insgesamt signifikante Unterschiede auf multivariater Ebene (F(10, 346) = 2.81, p = .002, η²(part) = .08). Nach Durchfüh- rung der Roy-Bargmann Stepdown Prozedur inklusive Anpassung des α-Fehler-Niveaus waren die Gruppenunterschiede für die ein- zelnen Variablen jedoch nicht mehr signifikant. 4. DISKUSSION UND AUSBLICK Ziel der vorliegenden Studie war zu untersuchen, inwieweit die Sport-Lehramtsstudierenden mit den vorhandenen Angeboten der Hochschule zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten zufrie- den sind. Daneben sollten die Bedürfnisse nach extracurricularen Unterstützungsangeboten ermittelt werden. Die Zufriedenheit ist im Mittel eher gering ausgeprägt, da nur einzelne Items (wie die wissenschaftliche Begleitung während der Bachelorarbeit) etwas höher eingestuft werden als das Skalenmit- tel von vier. Im Vergleich der beiden Studienphasen (Bachelor und Master) bekunden zumeist die Masterstudierenden – auf deskrip- tiver Ebene – eine etwas größere Unzufriedenheit. Mit Blick auf die erfragten Bedürfnisse der Studierenden wird vor allem das Bedürfnis nach persönlicher Beratung recht hoch ein- gestuft. Insbesondere eine allgemeine Beratung zu Bachelor- und Masterarbeiten erzielt eine hohe Nutzungswahrscheinlichkeit. Zudem besteht der Wunsch nach einer Internetseite mit Informa- tionen zum wissenschaftlichen Arbeiten. Allerdings wird über den Vergleich der einzelnen Studienphasen (Studienbeginn, Bachelor und Master) ersichtlich, dass sich die Bedarfe im Laufe des Stu- diums verändern. Vor allem für Masterstudierende nehmen be- stimmte Angebote an Bedeutsamkeit zu (wie z. B. Workshops zu quantitativen Forschungsmethoden), was wohl durch die erhöhten Anforderungen an forschungsbasierten Ausarbeitungen – wie das Studienprojekt im Praxissemester (vgl. u. a. Fischer et al., 2018) und die abschließende Masterarbeit – zu erklären ist; eine weitere Erklärungsmöglichkeit wäre das gewachsene Bewusstsein für die Relevanz solcher Angebote. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie zeigen, dass Optimie- rungsbedarf für Angebote und die Thematisierung wissenschaftli- chen Denkens und Arbeitens während des Sport-Lehramtsstudiums an der Deutschen Sporthochschule Köln besteht und schließlich vorhandene Lehrveranstaltungen im Curriculum weiterzuentwi- ckeln oder durch weitere Unterstützungsangebote zu ergänzen sind. So ist die Zufriedenheit der befragten Studierenden insge- samt als gering einzustufen; diese unbefriedigende Bewertung deckt sich mit den Ergebnissen einer empirischen Untersuchung in den nicht lehramtsspezifischen sportwissenschaftlichen Studi- engängen des selben universitären Standortes (Kleinert & Pels, 2020). Hier ist jedoch zu berücksichtigen, dass ein Lehramtsstudi- um in seiner Struktur und seinen Lernzielen von den sportwissen- schaftlichen Studiengängen zu unterscheiden ist und im Vergleich weniger explizite Lehrveranstaltungen zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten oder in anderer Form (z. B. das Forschende Lernen in den Praxisphasen) curricular verankert hat. Demzufolge werden nachfolgend hauptsächlich spezifische Folgerungen für das Lehramtsstudium an der Deutschen Sporthochschule Köln abgeleitet. Wie bereits angerissen, sind strukturelle Maßnahmen zu er- greifen, die Studierende beim wissenschaftlichen Denken und Arbeiten fördern. Unter Berücksichtigung der Ergebnisse in der vorliegenden Untersuchung scheinen die curricularen Angebote nicht auszureichen, womit schließlich zu prüfen ist, inwiefern die vorhandenen Lehrveranstaltungen, die das wissenschaft- liche Denken und Arbeiten im Studium aufgreifen, optimiert und erweitert werden können – ohne jedoch an dieser Stelle ausführliche Optimierungsmaßnahmen darlegen zu können. Einen möglichen Ansatz zur systematischen Verankerung im Curriculum (nicht lehramtsspezifischer) sportwissenschaftlicher Studiengänge bieten die Überlegungen von Kleinert und Pels (2020): Auf Lehrveranstaltungen, die wissenschaftliche Grund- verständnisse und Techniken vermittelt, folgen Übungs- und Projektphasen zur Anwendung der erworbenen Kompetenzen. Innerhalb dieses „longitudinalen Strangs“ soll die Vermittlung von Wissenschaftlichkeit – wo möglich – in das fachliche Lernen integriert sein (ebd.). Gewiss kann dieser Ansatz nicht eins zu eins für das Lehramtsstudium übernommen werden und wäre auf Basis der vorhandenen, spezifischen Strukturen zu modifi- zieren. Das in den Praxisphasen verankerte Forschende Lernen bietet aber bereits Anknüpfungspunkte, um wissenschaftliche Grundverständnisse und Techniken nicht nur zu erwerben, son- dern auch im beruf- und fachspezifischen Kontext anzuwenden. Neben der Weiterentwicklung curricularer Unterrichtsinhal- te können auch weitere extracurriculare Unterstützungsange- bote ausgebaut werden. Nachfolgend wird der Versuch unter- nommen, mögliche ergänzende Angebote zur Förderung des wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens im Lehramtsstudium am Untersuchungsstandort herzuleiten: Auf Basis der am stärksten herauskristallisierten Bedürfnisse der Befragten könnte zum einen eine digitale Materialsammlung mit Informationen zum wissenschaftlichen Arbeiten eingerichtet wer- den (z. B. in Form von Handreichungen, digitalen Präsentationen, interaktiven Selbstlerneinheiten, Erklärvideos uvm.), die für alle an der Hochschule eingeschriebenen Sport-Lehramtsstudierenden zugänglich ist. Hierüber kann Material zu unterschiedlichen Aspek- ten und Phasen des wissenschaftlichen Arbeitens zur Verfügung gestellt werden, welches sich nach bestimmten Themen geordnet selbstständig erarbeiten lässt. Vor dem Hintergrund der vorliegen- den Ergebnisse wurde dieser Aspekt bereits durch das Zentrum für Sportlehrer*innenbildung an der Deutschen Sporthochschule Köln umgesetzt und erhält auch nach und nach Anwendung seitens der Sport-Lehramtsstudierenden. Ergänzt wird dies durch eine persön- liche Beratung, wenn zur digitalen Materialsammlung individuelle Fragen und Anliegen auftreten. Mit Blick in die Zukunft wären bestimmt auch Peer-Feedbacks lohnend, indem als Berater*innen ausgebildete Studierende andere Studierende in den Prozessen wissenschaftlichen Arbeitens im Kontext des Faches Sport beglei- ten und unterstützen oder auch darüber hinaus Workshops (von Studierenden für Studierende) anbieten, wie es bereits (fachüber- greifend) einige Schreibzentren an Hochschulen umsetzen (vgl. z. B. Dreyfürst, Liebetanz & Voigt, 2018). Allerdings sollten vorab erst einmal vorhandene, curricular verankerte Lehrveranstaltungen überprüft und ggf. überarbeitet werden, die das wissenschaftliche Denken und Arbeiten im Studium aufgreifen. Mögliche wiederho- lende, kollektive „Probleme“, die sowohl in Lehrveranstaltungen als auch in Beratungsangeboten (s.o.) ersichtlich werden, könnten für eine systematische und kriterienorientierte Weiterentwicklung hilfreich sein. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium · Poweleit, Ohlert Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Wissenschaftliches Denken und Arbeiten im Sport-Lehramtsstudium · Poweleit, Ohlert22 23 CC BY 4.0 DE DOI: 10.25847/zsls.2021.054 An dieser Stelle müssen die im Beitrag generierten Ergebnis- se insofern relativiert werden, dass aufgrund der explorativen Studienanlage und einer Rücklaufquote von ca. 10 Prozent nur ein erstes, tendenzielles Meinungsbild der Sport-Lehramts- studierenden des Untersuchungsstandortes nachgezeichnet werden kann; zudem ist das Messinstrument nicht validiert. Hinsichtlich der eruierten Zufriedenheit lassen sich aber – wie vorab dargestellt – Überschneidungen zu bereits vorhandenen, aktuellen Befragungen von Sportstudierenden feststellen. Es kann durchaus aus diesem ersten gewonnenen Meinungsbild der befragten Sport-Lehramtsstudierenden geschlossen wer- den, dass Unterstützungsmaßnahmen zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten – als Basis für weiterführende Professi- onalisierungsprozesse – notwendig sind. Es sollten die Zufrie- denheit und Bedürfnisse der Studierenden-Kohorten in regel- mäßigen Zeitabschnitten erfragt werden, um – in Form eines längsschnittlich erhobenen Meinungsbildes – die Angebote zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten sukzessiv weiterent- wickeln zu können. Zusätzlich wäre auch die Perspektive der Lehrenden im Fach Sport interessant, um zu erheben, ob und welche Maßnahmen zur Anbahnung eines reflexiven Habitus bei den Studierenden vorgenommen werden. Einen Einblick in die von den Sport-Lehramtsstudierenden empfundene Wichtigkeit des wissenschaftlich-reflexiven Den- kens und Handelns für den beruflichen Werdegang weist die vorliegende Studie nicht auf. Dies sollte in kommenden Unter- suchungen – neben der Zufriedenheit und den Bedürfnissen an Angeboten in diesem Bereich (s.o.) – ebenfalls berücksichtigt werden. Mit Blick auf empirische Befunde scheint vielfach den praxis- orientierten Studieninhalten seitens der Lehramtsstudierenden eine größere Relevanz zugesprochen zu werden. Dies ist wohl darauf zurückzuführen, dass diese zumeist anschlussfähiger an das (einseitig) vorhandene Berufsbild eines „Praktikers“ sind. Demgegenüber bilden aber auch andere Studien positive Mei- nungen ab, indem wissenschaftsorientierte Denk- und Arbeits- weisen von angehenden Lehrkräften als wertvoll angesehen werden, um sich stetig weiterzubilden (vgl. Kapitel „Ziel der vor- liegenden Studie unter Berücksichtigung ausgewählter Befunde zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten“). In Bezug auf diese unterschiedliche Gewichtung seitens der Studierenden zum Stellenwert von wissenschaftlichen Denk- und Arbeitswei- sen im Lehramtsstudium lassen sich aber dennoch erste Folge- rungen für die Lehrer*innenbildung in diesem Bereich ziehen. Im Hinblick auf Studierende, aber auch Lehrende, die sich primär als Praktiker sehen und sich von andersartigen Studieninhalten distanzieren, ist eine stärkere Sensibilisierung notwendig, um den Mehrwert des wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens sowohl für die individuelle (Aus-)Bildung als auch die eigene un- terrichtliche Praxis aufzuzeigen. In Form einer realitätsprüfenden, forschungsorientierten Grundhaltung sollte es zu einem Selbstverständnis werden, die Welt durch verschiedene Perspektiven zu betrachten, sodass sowohl die Innen- als auch Außenwelt und deren Verhältnisse (vgl. u. a. Koller, 2018) über wechselnde und andere Sichtweisen auf bestimmte Sachverhalte immer wieder aufs Neue kritisch- reflexiv gedeutet und konstruktiv für die (berufliche) Weiterent- wicklung genutzt werden. Damit geht es in Bezug auf Helsper (2001) in der Lehrer*innenbildung nicht nur darum, pädago- gisch-praktische (Fach-)Kompetenzen zu befördern, sondern eben auch eine wissenschaftliche Reflexivität, mit der – über den forschend-universitären Kontext hinaus – eine prinzipielle Literatur Basten, M., Mertens, C., Schöning, A., & Wolf, E. (Hrsg.). (2020). For- schendes Lernen in der Lehrer/innenbildung. Implikationen für Wissenschaft und Praxis. Waxmann. Bohl, T. (2018). Wissenschaftliches Arbeiten im Studium der Erzie- hungs- und Bildungswissenschaften. Arbeitsprozesse, Refe- rate, Hausarbeiten, mündliche Prüfungen und mehr. Beltz. Combe, A., & Kolbe, F.-U. (2008). Lehrerprofessionalität: Wissen, Kön- nen, Handeln. In W. Helsper & J. 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In Anlehnung an die Planung von Forschungsprojekten bereiten schließlich die Stu- dierenden ihre zu vermittelnden Inhalte systematisch vor und erhalten Rückmeldungen sowohl durch den Dozierenden als auch die Kommiliton*innen. Exemplarisch könnten hierbei fol- gende Aspekte berücksichtigt werden: Darstellung des Themas und der Problemstellung, Skizzierung der theoretischen Grund- lagen/des Forschungsstandes, Konkretisierung der Lernziele und inhaltlichen Schwerpunkte, Auswahl und Begründung der Vermittlungsmethode (Vortrag, digitale Selbstlerneinheit, o.ä.), Festlegung eines Arbeitsplans. Abschließend ist mit den vorherigen Überlegungen festzuhal- ten, dass in der universitären Lehre grundsätzlich bei der Aus- einandersetzung mit (sport-)wissenschaftlichen Perspektiven immer auch deren Mehrdeutigkeiten und z. T. auch Gegensätz- lichkeiten aufzugreifen sind. Hierüber kann eine selbst- und wis- senschaftsbezogene Reflexivität befördert werden, die – auch im Setting Schule und der unterrichtlichen Praxis – behilflich ist, eigene Deutungs- und Handlungsmuster stetig weiterzuentwi- ckeln. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) „Motorische Eigenrealisation“ kompetenzorientiert prüfen · Klostermann, Gramespacher, Hauser, Klostermann Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) „Motorische Eigenrealisation“ kompetenzorientiert prüfen · Klostermann, Gramespacher, Hauser, Klostermann24 25 CC BY 4.0 DE Das Prüfen von Studienleistungen ist ein inte- graler Bestandteil der Hochschullehre: Prüfungen gewährleisten Vergleichbarkeit, Selektion und Qualitätssicherung, können Studierenden Feed- back über ihre Lernprozesse und Lernleistungen geben und sie motivieren, im Lernprozess fortzu- fahren (Walzik, 2012). Tatsächlich aber nehmen Studierende Beurteilungssituationen eher selten als Lerngelegenheit war, sondern assoziieren Prüfungen oft nur mit der Selektionsfunktion: Die Ergebnisse der nächsten Prüfungen entscheiden über den Abschluss des Moduls/der Modulgrup- pe. Daher richtet die Mehrheit der Lernenden die Semesterplanung – und damit einen wesentlichen Teil ihrer Lernstrategien – auf die Prüfungen aus (Halbherr et al., 2016). Um die Funktion der Lernförderung, die sich mit Prüfungen verbindet, in einen für Studierende sicht- und verstehbaren Kontext zu stellen, soll- ten die Lernziele und dazugehörige Assessments kohärent geplant werden. Dies setzt ein Ineinan- dergreifen von Lernzielen und Assessmentformen voraus. Halbherr et al. (2016) weisen darauf hin, dass dies besonders anspruchsvoll sei, wenn die zu prüfenden Kompetenzen außerhalb kognitiver Wissenskategorien beziehungsweise Lernzieltaxo- nomien liegen, was primär Studienfächer tangiere, in denen Lernziele mit praktischen Lernanteilen curricular verankert sind. Damit ist die Einschätzung von Halbherr et al. (2016) für das Studienfach Bewegung und Sport relevant. Zugleich mag diese Einschätzung verwun- dern, denn nahezu zeitgleich zu den kognitiven Lernzieltaxonomien wurden für die Lernbereiche Affekt und Motorik adäquate Modelle entwickelt und im (internationalen) Diskurs verhandelt (siehe z. B. Göldi, 2011). So kann für die Setzung moto- rischer Lernziele etwa auf das Modell von Dave (1968) zurückgegriffen werden, das einschlägige Sammlungen als Psychomotorische Lernzielta- xonomie bezeichnen (Göldi, 2011). Analog zu klassischen Modellen des motorischen Lernens (u. a. Meinel & Schnabel, 2018) definierte Dave fünf Stufen, anhand derer der Beherrschungsgrad motorischer Fähigkeiten und Fertigkeiten auf Basis äußerer Kriterien eingeordnet werden kann. Dies ermöglicht den Lehrenden – den kognitiven Lern- zieltaxonomien entsprechend – a-priori (1) das intendierte Kompetenzniveau festzulegen, dieses (2) anhand passender Learning Outcomes zu for- mulieren und (3) die Lehrsequenzen (Aktivitäten und Assessment) kohärent dazu zu gestalten. Allerdings verbindet sich mit dem Studienfach Bewegung und Sport in der Lehrer*innenbildung nicht (ausschließlich) der Auftrag, die Studieren- den bewegungs- und sportpraktisch auszubilden; daher nutzt das Modell von Dave (1968) hier nur bedingt. Wesentlich ist vielmehr die Vermittlung sportpädagogischer Kompetenzen: Die Studieren- den sollen anhand der motorischen Eigenrealisa- tion und der damit verbundenen exemplarischen Erweiterung ihrer motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten lernen, ihre eigene motorische Betätigung wie auch die motorische Eigen- realisation Anderer sportwissenschaftlich fundiert und differenziert wahrzunehmen und darüber zu reflektieren. Mit diesem zweifachen Anliegen – Bewegungen lesen und darüber reflektieren können – verbindet sich eine enge Praxis-Theorie-Verknüp- fung, für die eine passgenaue Formulierung von Learning Outcomes erforderlich ist. Die hochschuldidaktische Frage, wie Prüfungen zur exemplarischen motorischen Eigenrealisation kompetenzorientiert zu gestalten sind, wurde aber in Veröffentli- chungen bislang selten diskutiert (z. B. Stiller & Kahler, 2021). Um dieses Desiderat zu beschreiben, werden in Teil 2 aktuelle Entwicklungen kompetenzorientierter Stu- diengänge und des Studienfachs Bewegung und Sport skizziert und deren Praktika- bilität anhand eines praktizierten sportpraktischen Leistungsnachweises reflektiert. Abschließend (Teil 3) werden Lösungen benannt, deren Erprobung projektiert sind. 2. Praxis-Theorie-Verknüpfungen identifizieren und prüfen In der Lehrer*innenbildung und in der Ausbildung von Kindheitspädagog*innen sind motorische Anteile notwendig (u. a. Stiller & Kahlert, 2021). In der angestrebten Pro- fession sind motorische Bildungs- und Lernprozesse (junger) Kinder zu gestalten. Die Praxis von Lehrpersonen gilt als unsicher – sogar als „krisenhaft“ (Helsper, 2001) –, da Handlungen im Unterrichtsalltag nicht „rezeptartig“ anzuwenden, sondern den Lern- und Entwicklungsprozessen der Kinder situativ anzupassen sind. Zugleich ist professionelles Handeln von Lehrpersonen und Kindheitspädagog*innen aufgrund der Verantwortung für die Bildungs- und Entwicklungsprozesse ihrer Schüler*innen beziehungsweise Kinder stets begründungspflichtig. Krus und Jasmund (2019) weisen darauf hin, dass Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte angesichts dieser Kom- plexität einen Zugang zu sich selbst benötigen, um Unterrichtssituationen mehrper- spektivisch und professionell begegnen zu können. Ein entsprechender Zugang zur Domäne der motorischen Förderung der Kinder könne durch die differenzierte Wahr- nehmung und Reflexion der erforderlichen exemplarischen motorischen Eigenreali- sation erreicht werden. Dies führt zu der Anschlussfrage, wie dieser Anspruch bei der kompetenzorientierten Prüfung motorischer Eigenleistungen eingelöst werden kann. Um dieser Frage nachzugehen, wird hier die Herleitung von Lernzielformulierun- gen und deren Überprüfung beispielhaft an einer Prüfungsleistung im Studienfach Bewegung und Sport im Studiengang Kindergarten-/Unterstufe (Klassen 1-3) an der Pädagogischen Hochschule FHNW (Schweiz) dargestellt – und im Sinne des Construc- tive Alignements (Biggs, 1996) kritisch hinterfragt. Die Prüfungsleistung im Kontext der Modulgruppe „Fachwissenschaft Bewegung und Sport“ besteht aus einer schriftlichen und einer motorischen Leistung. Die Grob- ziele der Modulgruppe werden folgendermaßen beschrieben: Die Studierenden können… » grundlegende fachspezifische Konzepte des motorischen Lernens und ihre Grundlagen (z. B. bewegungswissenschaftliche Ordnungsstrukturen) darlegen. » bewegungs- und sportbezogene Lern- und Entwicklungsprozesse gestalten, umsetzen und evaluieren. » durch die Eigenrealisation motorischer Lernprozesse Zusammenhänge zu den fachwissenschaftlichen Grundlagen herstellen. » die motorische Entwicklung und das motorische Lernen von Kindern (insb. mit Blick auf die Zielstufe: vier- bis neunjährige Kinder) erklären, analysie- ren und evaluieren. Somit liegt der Schwerpunkt dieser Modulgruppe auf dem Kompetenzbereich Wissen (im Sinne Akademischen Wissens). Das sich als Handlungsbereich abbildende Kön- nen wird primär durch die professionelle Fertigkeit, bewegungs- und sportbezogene Lernprozesse für Schüler*innen gestalten zu können, thematisiert. Die Handlungsdi- mension des kritischen Bewusstseins über motorische Lernprozesse scheint in den formulierten Kompetenzzielen dieser Modulgruppe eher punktuell auf, welche mit einer im Grundstudium von allen Studierenden geforderten (und obligatorisch zu be- notenden) Studienleistung in der fachwissenschaftlichen Modulgruppe Bewegung und Sport fundiert wird. Diese Studienleistung wird im Folgenden exemplarisch analysiert; „Motorische Eigenrealisation“ kompetenzorientiert prüfen André Klostermann, Elke Gramespacher, Barbara Hauser, Claudia Klostermann Schlüsselwörter: Kompetenzorientiertes Prüfen, Hochschuldidaktische Kohärenz, Motorische Eigenrealisation, Lehrer*innenbildung WERKSTATTBERICHT > PRACTICE REPORT Zusammenfassung Der Mehrwert kompetenzorientierten Lehrens und Prüfens wie daraus resultie- rende Herausforderungen sind unbestritten. Letzteres zeigt sich vor allem, wenn Lernziele ausserhalb der „klassischen“ kognitiven Wissenskategorien liegen. So etwa in der Lehrer*innenbildung im Studienfach Bewegung und Sport, bei welcher der praktisch-methodische Studienanteil „motorische Eigenrealisation“ zwar einen hohen Stellenwert einnimmt, eine kompetenzorientierte Prüfung allerdings offen ist. Anhand der Analyse eines sportpraktischen Assessments wird aufgezeigt, inwiefern die ange- wandte Prüfung zur Ausbildung akademischen und professionsbezogenen Wissens bei- tragen kann. Abschliessend werden Möglichkeiten für eine kompetenzorientierte Prü- fung der motorischen Eigenrealisation diskutiert. 1. Kompetenzorientiertes Lernen und Prüfen Die (Neu-)Ausrichtung der Hochschullehre wurde in Europa mit der Umsetzung des Bologna-Prozesses forciert. Aus hochschuldidaktischer Perspektive bildet die Fokus- sierung auf die Kompetenzorientierung das Kernstück der Revision; sie markiert einen (auch kritisch diskutierten) Paradigmenwechsel (z. B. Wildt, 2006). Im Grundsatz sollen Studierende dazu befähigt werden, Wissen wiederzugeben (Akademisches Wissen), im spezifischen Kontext anzuwenden (Professionelle Fertigkeiten) und diesen Prozess diffe- renziert zu reflektieren (Kritisches Bewusstsein). Eine weitergehende Spezifikation der angestrebten Qualifikation kann etwa durch eine Differenzierung in Kompetenzbereiche und Handlungsdimensionen erfolgen (Euler & Hahn, 2004). Dies heißt mit Blick auf das Studienfach Bewegung und Sport – hier: im generalistisch ausgerichteten Lehramtsstudium für Primarstufe1 an Pädagogischen Hochschulen der Schweiz (z. B. Bachmann et al., 2021) – und auf den Aspekt motori- sche Eigenrealisation fokussiert: Studierende sollen durch das Lehramtsstudium eine adressaten- wie auch sachgerechte Anwendungskompetenz erlangen, die auf einem Grundschatz an sportmotorischem und professionsrelevantem Wissen und Können so- wie einer kritischen Auseinandersetzung mit denselben aufbaut (z. B. Stiller & Kahlert, 2021). Hierbei richtet sich der Fokus häufig vor allem auf die Ausbildung der Sachkom- petenzen.2 In Erweiterung dieser Schwerpunktsetzung richten Stiller und Kahlert (2021) in ihrem aktuellen Studiengangkonzept zur Lehramtsausbildung den Fokus auch auf die 1 Die Primarstufe im schweizerischen Schulsystem umfasst zwei obligatorische Kindergarten- jahre sowie sechs Primarschuljahre. 2 Diese grundlegende Rahmung entspricht dem Erwartungshorizont generalistisch konzipier- ten Studiengängen für das Lehramt Primarstufe in der Schweiz und ist im Einklang mit Basis- qualifikationen für fachfremd unterrichtende Grundschullehrerinnen und -lehrer (siehe dazu Gramespacher, Störch Mehring, Bucher & Klostermann, 2021, S. 76ff.) Entwicklung der Selbstkompetenzen der Studie- renden. Eine fachspezifische Konkretisierung der für die spätere Berufspraxis als Lehrperson ebenso bedeutenden Sozialkompetenzen steht hingegen noch aus. Dabei gilt grundsätzlich, dass sich mit der Kom- petenzorientierung die Hochschullehre vermehrt an evidenzbasierten (u. a.) lernpsychologischen Aspekten ausrichtet. Zentral ist, dass fortan die Lernenden im Zentrum der Hochschullehre ste- hen; ihre Perspektive markiert den Ausgangspunkt aller Lehrkonzepte. Durch den shift from teaching to learning (z. B. Wildt, 2006) sind Lernziele (sog. Learning Outcomes) statt – wie zuvor – Lehrziele zu formulieren. Lernziele gestatten eine greifbare und (unmittelbar) messbare Überprüfung des Gelern- ten und rahmen den Lernprozess. Kompetenzen (Learning Outcomes), Lernprozess (Lehr-/Lernakti- vitäten) und Assessment (Prüfungsmethoden) bil- den die tragenden Säulen des Con-structive Align- ments (Biggs, 1996). Dieses Konzept entspricht dem aktuellen Verständnis von guter (Hochschul-)Lehre und seine Lernwirksamkeit ist empirisch fundiert (u. a. Hattie, 2009). Bei der Formulierung von Learning Outcomes gilt es (1) die zu erwerbenden Kompetenzen im Sinne von Lernzielen transparent und verständlich zu kommunizieren, (2) geeignete Lehr- und Lernak- tivitäten zu konzipieren und (3) zu den Lernzielen passende Formen des Assessments zu selektieren. Für eine fundierte Formulierung von Learning Outcomes dient etwa das überarbeitete Modell von Bloom (Krathwohl, 2002). Demnach werden Learning Outcomes in Abhängigkeit von Komplexi- tät und Abstraktheit differenziert und mittels Akti- onsworten formuliert. Dieses Vorgehen gestattet sowohl die a-priori Festlegung des zu erwartenden Kompetenzniveaus als auch die Herstellung direk- ter Bezüge zu passenden Lehr-/Lernaktivitäten und auch zu inhaltlich passenden Prüfungsformen. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) „Motorische Eigenrealisation“ kompetenzorientiert prüfen · Klostermann, Gramespacher, Hauser, Klostermann Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) „Motorische Eigenrealisation“ kompetenzorientiert prüfen · Klostermann, Gramespacher, Hauser, Klostermann26 27 CC BY 4.0 DE Ideen für das eigene sportdidaktische Handeln entwickeln und diese schließlich (4) mit Aspek- ten der motorischen Lernprozesse begründen. Auf diese Weise verknüpfen Studierende fach- wissenschaftliches Wissen mit fachdidaktischen Aspekten. Die genannten hochschuldidaktischen Methoden sind mit Blick auf die im Bologna Prozess eingeführte professionelle Fertigkeit und kritische Kompetenz zielführend. Zugleich lassen sie offen, wie die exemplarische moto- rische Eigenrealisation in entsprechenden As- sessments im Detail zum Tragen kommt. Diesem Desiderat forschend nachzugehen, wäre für das Studienfach Bewegung und Sport ein Gewinn. PD Dr. André Klostermann ist seit 2020 Dozent in der Hochschuldidaktik & Lehrentwicklung sowie am Institut für Sportwis- senschaft an der Universität Bern. Er befasst sich in Lehre, Forschung und Weiterbildung u.a. mit Nutzungsmöglichkeiten und Potentialen digitali- sierter Lehr- und Lernmethoden. Prof. Dr. Elke Gramespacher leitet seit 2011 die Professur Bewegungsförde- rung und Sportdidaktik im Kindesalter am Institut Kindergarten-/Unterstufe der Pädagogischen Hochschule FHNW (Schweiz). Sie befasst sich ne- ben Fragen zur Hochschuldidaktik mit der bewe- gungs- und sportbezogenen Kindheitsforschung, auch unter besonderer Berücksichtigung von Gender und Diversität. Barbara Hauser ist seit 2015 Dozentin für Bewegungsförderung und Sportdidaktik an der Pädagogischen Fach- hochschule Nordwestschweiz und seit 2021 Dozentin für Sportdidaktik an der Scuola Univer- sitaria Professionale della Svizzera Italiana. Als Koordinatorin für Qualität der Lehre am Institut Kindergarten-/Unterstufe (PH FHNW) befasst sie sich u.a. mit der Lehrkonzeption. Dr. Claudia Klostermann ist seit 2018 Dozentin für Bewegung und Sport an der Professur Bewegungsförderung und Sportdi- daktik im Kindesalter am Institut Kindergarten-/ Unterstufe der Pädagogischen Hochschule FHNW (Schweiz). Sie ist schwerpunktmäßig in der Lehre von Lehrpersonen auf Kindergarten- und Primar- stufe tätig.Institut Kindergarten-/Unterstufe Literatur Bachmann, S., Bertschy, F., Künzli David, C., Leonhard, T., & Peyer, R. (Hrsg.). (2021). Die Bildung der Generalistinnen und Generalisten. Perspektiven auf Fachlichkeit im Studium zur Lehrperson für Kindergarten und Primarschule (Reihe: Studien zur Professionsfor- schung und Lehrerbildung). Bad Heilbrunn: Klinkhardt. Biggs, J. (1996). Enhancing teaching through constructive alignment. Higher Education, 32(3), 347-364. Bund, A. (2005). Lerntagebücher als Förderung und Evaluierung selbstständigen Lernens im Sport. In A. Gogoll & A. Menze-Sonneck (Hrsg.), Qualität im Schulsport (dvs-Schriften- reihe, Bd. 148, S. 201-207). Hamburg: Feldhaus, Ed. Czwalina. Chaudhuri, T., & Cabau, B. (2017). E-portfolios in higher education: A multidisciplinary approach. Singapur: Springer. Dave, R. H. (1968). Eine Taxonomie pädagogischer Ziele und ihre Beziehung zur Leis- tungsmessung. In K. Ingenkamp & T. Marsolek (Hrsg.), Möglichkeiten und Grenzen der Testanwendung in der Schule (S. 225-239). Weinheim: Beltz. Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz [D-EDK] (2016). Lehrplan 21. Bewe- gung und Sport. Abgerufen von https://www.lehrplan21.ch/fachbereiche [06.07.2022] Euler, D., & Hahn, A. (2004). Wirtschaftsdidaktik. Bern: Haupt. Göldi, S. (2011). Von der bloomschen Taxonomy zu aktuellen Bildungsstandards: Zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte eines pädagogischen Bestsellers. Bern: hep. Gramespacher, E., Störch Mehring, S., Bucher, Z., & Klostermann, C. (2021). Bewegungs- bildung für Kinder: Für „Generalistinnen“ und „Genera-listen“ nicht nur eine sportdidak- tische Herausforderung! In S. Bachmann, F. Bertschy, C. Künzli David, T Leonhard & R. Peyer (Hrsg.), Die Bildung der Generalistinnen und Generalisten. Perspektiven auf Fach- lichkeit im Studium zur Lehrperson für Kindergarten und Primar-schule (Reihe: Studien zur Professionsforschung und Lehrerbildung, S. 63–84). Bad Heilbrunn: Klinkhardt. DOI: 10.35468/5860-05 Halbherr, T., Dittmann-Domenichini, N., Piendl T., & Schlienger, C. (2016). Authentische, kompetenzorientierte Online-Prüfungen an der ETH Zürich. 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Die Prüfung muss sich an den obengenannten Lernzielen der Modulgruppe „Fachwissenschaft Be- wegung und Sport“ messen lassen können, wobei nicht alle Lernziele gleichermaßen gewichtet werden müssen. Umgesetzt wird im grundlegenden Modul dieser Modulgruppe eine schriftliche Prüfung zum motorischen Lernen. Diese wird mit Blick auf die Notenfindung für das Modul kombiniert mit einer sportpraktischen Präsentation, also einer Aufgabe zur „mo- torischen Eigenrealisation“, sodass die Studierenden einen eigenen motorischen Lern- prozess erfahren und diesen – auch mit Blick auf die angestrebte Profession, mithin auf Vermittlungsprozesse im Bewegungs- und Sportunterricht – reflektieren. Dazu sollen die Studierenden drei von vier turnerischen Fertigkeiten in einer vorgegebenen Reihenfolge (Standwaage, Handstand, Rad einseitig, Sprungrolle) sowie Kernwürfe und das Fangen eines Handballs präsentieren. Insbesondere mit Blick auf die turnerischen Fertigkeiten übersteigt der Schwierigkeitsgrad der zu lernenden motorischen Aufgaben das Niveau der im späteren beruflichen Kontext zu vermittelnden motorischen Aufgaben deutlich (siehe D-EDK, 2016, S. 15-17; Fachbereich Bewegung und Sport; Kompetenzbereich „Bewegen an Geräten“; zum Beispiel „Rolle vorwärts“, „den Körper stützen“ oder „Aus- führung von Roll- und Drehbewegungen“), sodass sich die Studierenden auch keine sportartspezifische Leitbildorientierung aneignen können. Dies ist allerdings auch nicht die Zielstellung des skizzierten Moduls. Vielmehr wurden bewusst komplexe motorische Aufgaben selektiert, damit aus sportmotorischer Sicht durchschnittliche Studierende das (Neu-)Lernen einer motorischen Aufgabe tatsächlich erleben können, was für adäquate Aufgaben in der Zielgruppe (4 bis 9 Jahre) nicht realistisch erscheint. Nichtsdestotrotz wäre eine Passung anzustreben, sodass, gemäß dem Prinzip des didaktischen „Doppel- deckers“, die Leitbildorientierung mitgelernt werden könnte. Die Präsentationen der motorischen Aufgaben erfolgen in Form von individuellen Videobeiträgen, welche zur Bewertung abzugeben sind. Der Einsatz digitaler Medien erlaubt den Studierenden eine zeitliche Effizienz und gestattet zudem die Wahrung der individuellen Persönlichkeits- ansprüche berücksichtigende Form des Assessments (körperliche Exponiertheit in der Prüfungssituation). Die Kriterien für die summative Bewertung der Präsentation sind an den klassischen Modellen des motorischen Lernens (Meinel & Schnabel, 2018) und der Taxonomie nach Dave (1968) orientiert und beinhalten quantitative (z. B. Anzahl gelungener Würfe) und qualitative (z. B. korrekte Ausführung aller Knotenpunkte bei der Standwaage3) Merkma- le der Bewegungsausführung. Offen bleibt die Prüfung des zweiten Teils des Lernziels: Zusammenhänge zu den fachwissenschaftlichen Grundlagen herstellen. Der Teil, der das Verständnis über motorische Lernprozesse betrifft, wird im Assessment nicht explizit geprüft und benotet. Damit wird die geforderte hochschuldidaktische Kohärenz – dies sei hier selbstkritisch angemerkt – nicht hinreichend erreicht. In der Folge entsteht die Frage, wie im Kontext dieser motorischen Prüfungsleistung das letzte Ziel, welches der Logik der klassischen Lernziel-Taxonomien folgt, erreicht werden kann: die Analysekompetenz. Dieses Ziel ließe sich mit Blick auf das gegebene Beispiel wie folgt formulieren: Studierende können auf Basis der Eigenrealisation moto- rischer Lernprozesse Zusammenhänge zu den fachwissenschaftlichen Grundlagen her- stellen. Diese Zielsetzung stellt die exemplarische motorische Eigenrealisation schließlich in den Dienst des kognitiven Verstehens und weiterführenden Reflektierens. Damit dies gelingen kann, ist nicht nur die Qualität (eigener) motorischer Lernprozesse (sensu Dave, 1968) relevant. Vielmehr trägt diese gemeinsam mit der durch die geforderte Videoprä- sentation, welche den Studierenden eine Außensicht auf die eigene motorische Realisa- tion – also auf die eigene Bewegungskompetenz – gestattet, zu einem kognitiven Verste- hensprozess bei und ermöglicht schließlich eine sinnvolle Praxis-Theorie-Verknüpfung. Wie aber kann die Praxis-Theorie-Verknüpfung, die einen kohärenten Zusammenhang zwischen „motorischer Eigenrealisation“ und „Anbindung an fachwissenschaftliche Perspektiven“ verspricht, hochschuldidaktisch instruiert und von den Studierenden er- arbeitet werden? 3 Technische Knotenpunkte der Standwaage: Schritt nach vorne auf Standbein (Arabesque), gleichzeitiges, flüssiges Hochführen des Beines und Senken des leicht überstreckten Ober- körpers, Fuß mindestens auf Schulterhöhe, Hüfte parallel zum Boden, gestrecktes Standbein, ruhige Körperhaltung in Endposition (mind. 2 Sekunden), Auflösen der Standwaage zum sicheren Stand. 3. Ausblick Die Suche nach kompetenzorientierten Assess- ment-Optionen zum Lernziel „Verständnis über motorische Lernprozesse“ setzt an einem aus dem reflexiven Schulsport bekannten Format an: Lerntagebücher mit Reflexionen zum mo- torischen Lernprozess (z. B. Bund, 2005). Wie können Lerntagebücher so gestaltet werden, dass die Lernprozesse, die sich in der exemplari- schen motorischen Eigenrealisation Studierender niederschlagen, lernförderlich, das heißt für die Studierenden selbst sichtbar, werden? Und wie kann der Prozess der motorischen Eigenrealisa- tion am eigenen exemplarischen motorischen Lernen differenziert verstanden, Zusammenhänge zum fachwissenschaftlichen Grundlagenwissen hergestellt und auf die angestrebte Profession transformiert werden? Dies sind mit Blick auf die exemplarische motorische Eigenrealisation in der Lehrer*innenbildung und in der Ausbildung von Kindheitspädagog*innen unseres Erachtens die zentralen Fragen, denn aktuell kann nur vermutet werden, dass die erfolgreiche Bearbeitung moto- rischer Aufgaben bei Studierenden zum expliziten und/oder impliziten Verständnis über das Lernen motorischer Bewegungsabläufe führt. Allenfalls kann eine gezielte Reflexion der mo- torischen Eigenrealisation einen wertvollen Bei- trag dazu leisten, dass Studierende beispielsweise verstehen, inwiefern es eine motorische Heraus- forderung sein kann, komplexe Bewegungsabläufe neu zu erlernen, dass motorische Lernprozesse nicht geradlinig verlaufen, und dass die Motiva- tion in motorischen Lernprozessen schwankt. Dies eröffnet auch eine Perspektive auf die nicht immer gradlinig verlaufenden Prozesse des moto- rischen Lernens von Kindern beziehungsweise von Schüler*innen. Um diese und ähnliche Erkennt- nisse in kompetenzorientierten Prüfungen zu generieren, könnte das problem-basierte Lernen (Weber, 2007) oder das reflexive Schreiben (Paus & Jucks, 2013) genutzt werden. Weiter könnten Reflexionen digital, etwa mit dem E-Portfolio (Chaudhuri & Cabau, 2017) oder anhand des So- cial Video Learnings (Tarantini, 2020) unterstützt werden. Videobasierte Lernsettings scheinen für das Unterrichtshandeln im Fach Bewegung und Sport vielversprechende Assessment-Methoden zu bieten, da sie die Komplexität von Bewegungen als auch von Unterrichtssituationen sichtbar ma- chen. Gleich, welche Methode für das Assessment (exemplarischer) motorischer Eigenrealisation im Studienfach Bewegung und Sport angewandt wird: Zentral ist, dass Studierende durch kom- petenzbezogen formulierte Aufgabenstellungen angeleitet werden. Sie sollten (1) Zusammen- hänge zu den fachwissenschaftlichen Grund- lagen herstellen, (2) ihre Erkenntnisse in ihrer Reflexion auf ihre künftige Profession – auf das Unterrichten von Schüler*innen – beziehen, (3) https://www.lehrplan21.ch/fachbereiche Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Linking learning by research and scientific communication in the Master‘s degree programme SMG · Morat, Deller, Fleiner Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Linking learning by research and scientific communication in the Master‘s degree programme SMG · Morat, Deller, Fleiner28 29 CC BY 4.0 DE al., 2009). Learning by research can increase stu- dents’ interest in research and enhance students’ self-efficacy (Deicke et al., 2014). Not all students should be trained as researchers, however, with the approach of learning by research, the de- velopment of important competences for every student can be achieved (Huber et al., 2009). The Master‘s degree programme ‘Sport and Movement Gerontology’ (Master of Science; M.Sc. SMG) at the German Sport University Co- logne (GSU) involves different priorities within research led learning. The teaching-learning concepts in the M.Sc. SMG cover both, parts of the research cycle and the complete cycle (Hae- ussermann & Fleiner, 2020; Morat, 2020; Morat & Fleiner, 2021). The knowledge gained through learning by research not only benefits the students, but also feeds into the ‘scientific community’ and inter- ested third parties. Thus, learning by research is the beginning participation in scientific working and science communication (Riewerts et al., 2018). According to science didactics, communi- cation is a key factor in addition to an enquiring mindset, critical reflection and creativity. A sci- entific activity should always be accompanied by the communication and acquisition of scientific knowledge and a corresponding attitude. It be- comes clear that science is not possible without communicative giving and taking (Salden, 2020). In the course of linking learning by research and science communication, the creation of sci- entific knowledge, the communication between scientists and reflecting the progress of the pro- ject and one’s own learning are important (Bihrer et al., 2010; Hofhues et al., 2014). An essential aspect that has received insuffi- cient attention in teaching-learning concepts of learning by research in our opinion is science com- munication (#scicomm). According to the Federal Ministry of Education and Research Germany this involves communicating and transferring research and scientific content to target groups outside of science in a generally understandable, dialogue-oriented manner (Federal Ministry for Education and Research [Bundesministerium fuer Bildung und Forschung - BMBF], 2019). Within the field of science communication, we see the following five aspects as key components and definitions: The topic, which is sharply defined and appropriately presented to the event and the audience; the target group, which is defined as precisely as possible and whose interests and expectations are taken into account; a clear com- munication objective for oneself and one’s insti- tution as well as for the target group; the medium or format that fits the objectives and the target group; the style with which content is presented in accordance with the other four dimensions of communication (Brandt-Bohne, 2021; National Institute for Science Communication, 2021). Science communication is already and should become an important part of funding calls to further emphasise its importance (Federal Ministry for Education and Research [Bundesministerium fuer Bildung und Forschung - BMBF], 2019; Science Council [Wissenschaftsrat], 2021; Social Demo- cratic Party of Germany [SPD] et al., 2021). In the ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’ (German Newspaper), Weisskopf & Ziegler (2021) state that it is not a question of whether researchers communicate, but how (Weisskopf & Ziegler, 2021). Based on our literature search, previous publications deal with science commu- nication and its importance for researchers (e.g., Barton & Merolli, 2019; Chan & Leung, 2018; Collins et al., 2016; Cook et al., 2018) and particularly physiothera- pists (e.g., Merolli et al., 2019; Wahlin, 2018) and the use of various social media networks in this context. In addition, there are individual guidelines in the field of physiotherapy for the use of social media networks in the sense of science commu- nication or for further education (Merolli, 2015; Physiotherapy Alberta College + Association, 2019). Up to date, we did not find a teaching-learning concept that combines ‘learn- ing by research’ with ‘science communication’. However, Weisskopf and Ziegler (2021) state that science communication should become part of scientific education (Weisskopf & Ziegler, 2021). Within our new teaching-learning concept, we follow the approach to effectively combine learning by research with science communication within the existing Mas- ter’s degree programme of M.Sc. SMG at the GSU. 2. Concept The new teaching-learning concept is currently implemented from the first to the third semester of the M.Sc. SMG in the following modules: SMG 5 – Sport, Move- ment and Coaching Science (1st semester); SMG 7 – Intervention (2nd semester); SMG 11 – Review (3rd semester); SMG 12.2 – Clinical exercise science in geriatric health care (3rd semester). The content, skills and career orientation present in these mod- ules continue to exist (see module handbook: https://www.dshs-koeln.de/fileadmin/ redaktion/Studium/Organisation/Studienunterlagen/Modulhandbuecher_neu/Master-Sport/ SBG_PO20212.pdf, (German Sport University Cologne, 2021). They are accompanied by aspects of science communication, to add new learning objectives and expand the skills of the students. Figure 1. Instagram and twitter account of the project @MScSBG. Linking learning by research and scientific communi- cation in the Master‘s degree programme Sport and Movement Gerontology: A new teaching-learning approach Tobias Morat, Lena Deller, Tim Fleiner Keywords: Learning by research; science communication; teaching-learning concept; sport and movement gerontology; sport science WERKSTATTBERICHT > PRACTICE REPORT Abstract W ithin the new teaching-learning concept, ‘learning by research’ and ‘sci- ence communication’ via social media are combined. In our concept, we link science communication with an active transfer between research, teaching and practice in the Master‘s degree programme in Sport and Movement Gerontology (M.Sc. SMG) at the German Sport University Cologne (GSU). In teaching modules over three semesters, students are enabled to learn about, implement and evaluate innovative digital applications and social media networks for an effective communication with different target groups. Complementary to the subject-specific content of the modules, lecturers will focus on different aspects of science communi- cation (e.g., in module SMG7 - Intervention with posts on project progress on twitter and instagram or in module SMG12.2 - Clinical exercise science in geriatric health care with twitter threads on journal club studies including a graphical abstract). The aim of the teaching-learning concept is, to achieve the following science com- munication specific learning objectives: Students should be able to communicate findings from their experiences, research and their learning progress to others. Fur- thermore, students should be capable of considering specific characteristics of media communication and to use different communication tools effectively. They should be able to compare different social media networks in terms of their suitability for specific objectives and target groups. Enhancing these important core competencies prepares students for an entry into careers in health science research and the health professions. Zusammenfassung In dem neuen Lehr-Lern-Konzept werden das „Forschende Lernen“ (FoL) und die „Wissenschaftskommunikation“ (über soziale Medien) miteinander verbunden. Dafür erfolgt ein aktiver Transfer zwischen Forschung, Lehre und Praxis im Master- studiengang “Sport- und Bewegungsgerontologie” (M.Sc. SBG) an der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS). In Lehrmodulen über drei Fachsemester hinweg werden die Studierenden dazu befähigt, innovative digitale Anwendungen und sozi- ale Netzwerke für eine effektive Kommunikation mit unterschiedlichen Zielgruppen kennenzulernen, umzusetzen und zu evaluieren. Ergänzend zu den fachspezifischen Inhalten der Module setzen die Dozierenden unterschiedliche Schwerpunkte in der Wissenschaftskommunikation (z.B. im Modul SBG7 – Intervention: Posts zum Pro- jektfortschritt auf Twitter und Instagram als Teamwettkampf oder im Modul SBG12.2 - Forschung in der klinischen Gesundheitsversorgung Älterer: Twitter-Threads zu Journal-Club-Studien inklusive grafischem Abstract). Das Lehr-Lern-Konzept zielt darauf ab, die folgenden Lernziele bezogen auf die Wissenschaftskommunikation zu erreichen: Die Studierenden sollen in der Lage sein, Erkenntnisse aus ihren Erfahrungen, ihrer Forschung und ihre Lernfortschritte an andere zu kommunizieren. Darüber hinaus sollen die Studierenden befähigt werden, spezifische Merkmale der Medienkom- munikation zu berücksichtigen und verschiedene Kommunikationsmittel effektiv einzusetzen. Sie werden dafür sensibilisiert, verschiedene soziale Netzwerke im Hinblick auf ihre Eignung für be- stimmte Ziele und Zielgruppen zu vergleichen. Die Förderung dieser wichtigen Kernkompeten- zen bereitet die Studierenden auf einen Berufs- einstieg in der gesundheitswissenschaftlichen Forschung und in den Gesundheitsberufen vor. Schlüsselwörter: Forschendes Lernen; Wis- senschaftskommunikation; Lehr-Lern-Konzept; Sport- und Bewegungsgerontologie; Sportwis- senschaft 1. Introduction Good university teaching should aspire a uni- ty of research and teaching (Healy & Jenkins, 2008; Huber, 2009) so that students are well and broadly qualified for potential professional fields (Rectorate of the German Sport University Cologne, 2021). This opens several opportunities for innovative teaching and learning approaches, particularly for ‘learning by research’ (in Ger- man: ‘Forschendes Lernen, FoL’). By following the ‘learning by research’ approach, students should understand and experience the process of a research project, which aims to gain knowl- edge insights that are of interest to third parties. Therefore, the students (co)design, experience and reflect the essential phases as a learning cy- cle in the format of the research cycle (Huber et https://www.dshs-koeln.de/fileadmin/redaktion/Studium/Organisation/Studienunterlagen/Modulhandbuecher_neu/Master-Sport/SBG_PO20212.pdf https://www.dshs-koeln.de/fileadmin/redaktion/Studium/Organisation/Studienunterlagen/Modulhandbuecher_neu/Master-Sport/SBG_PO20212.pdf https://www.dshs-koeln.de/fileadmin/redaktion/Studium/Organisation/Studienunterlagen/Modulhandbuecher_neu/Master-Sport/SBG_PO20212.pdf Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Linking learning by research and scientific communication in the Master‘s degree programme SMG · Morat, Deller, FleinerLinking learning by research and scientific communication in the Master‘s degree programme SMG · Morat, Deller, Fleiner30 31 CC BY 4.0 DE progress » social media team competition: twitter versus instagram » uniform design, collaboration with others Semester Course: At the beginning of the lecture period, the students are divided into team twitter and team instagram, with two students (experts) as managers or captains. Each team first develops its own communication or transfer strategy. This also defines how and when aspects for critical reflection on individual learning pro- gress or project progress are communicated. Based on this, the teams create a uni- form design for their posts and agree on the further organisation within the team. At least one artefact must be posted per week and per team. Three colleagues from the SBG 7 lecturer act as an independent jury for the social media team competition throughout the semester and follow the activities of both teams. At the end of the semester, each jury member gives a statement and names their winning team. After the joint semester review, the winning team is announced and awarded a price. SMG 11 – Review (third semester) Module description: Different types of reviews (scoping review, integrative review, systematic review, meta-analysis) are compared by authors of reviews presenting their publications to the students and answer questions (‘Meet the expert’ special). All students work on different review topics in teams of two under the supervision of an expert (lecturers) to answer their specific research question. Students go through all the steps required for a review. In predefined sessions during the semester term, the steps and findings worked on up to that point are presented and critically dis- cussed (for further details of the teaching-learning concept, see (Morat & Fleiner, 2021)). Science communication aspects: » deepening the content » specialisation on: » presentation of different types of reviews » transfer of scientific findings to the public » generally comprehensible reproduction of the contents of the ‘meet the expert’ special Semester Course: To get to know the different review types and to compare similari- ties and differences, the lecturer provides the students with videos of the recorded presentations of the publications by the authors via moodle (‘Meet the expert’ spe- cial). In this context, the students are given the task of creating a twitter thread and an instagram post about the respective publication in small groups. For orientation, the students are provided with published examples. The artefacts are presented to the others in the course and the contents of the publications are discussed in depth. The artefacts are then posted on the two platforms via the SMG course accounts (@ Figure 5. Twitter thread on the SBG 12.2 Journal Club: introduction [1/5]; graphical abstract [2/5] not illustrated: study quality [3/5]; key aspects of the discussion [4/5]; questions to the authors [5/5]. The content that students create within the project are shared on instagram and twitter through the SMG-account (@MScSBG). 2.1 Learning objectives The following new learning objectives related to science communication are added to the curriculum: Students are able to » … communicate research findings. » … critically reflect on and communicate about their learning progress. » … communicate the findings from their experiences and their learning progress to others. » ... consider specific characteristics of social media communication and use different communication tools effectively. » … compare different social media networks in terms of their suitability for specific objectives and target groups. 2.2 Implementation strategy The research-led teaching remains the focus of the modules, but is meaningfully expanded in the sense of learning by research to include the new area of ‘science communication’ as an important innovative aspect in the following modules: SMG 5 – Sport, Movement and Coaching Science (first semester) Module description: Students gain knowledge of training and exercise science for the specific target group of older adults. In theory and in practice, relevant test batteries and exercises for older adults are discussed and implemented in practice. In theory, scientific studies are also critically examined. Building on this, a study protocol is designed in the second part of the semester, in preparation for the module SMG 7 - Intervention in the second semester. Science communication aspects: » getting in touch with and getting to know science communication » self-experiment » gaining experience » making first steps Semester Course: At the beginning of the se- mester, the students are provided with initial information and content for the area of science communication in an understandable way. Based on this, some example accounts of the social me- dia platforms twitter and instagram are critically analysed and evaluated. In a first task, students should search for and analyse relevant accounts with thematically suitable content. In addition, various online applications for graphic processing are presented by the lecturer and tested by the students. In the further course of the semester, students select suitable scientific studies for the main areas of ‘endurance training, strength training, coordination training and fall prevention training for older adults’ based on a literature search. They present these to the others in small groups and critically discuss relevant aspects. In parallel, the audience collects key words (hashtags), for- mulates 1-3 short key sentences for a message of the quintessence from the study. Students think about potential persons to link to (authors and/ or organisations), as well as suitable emojis. This content is collected by the lecturer and the who- le course agrees on a final version, which is then uploaded via moodle (learning management sys- tem of the German Sport University) and posted on twitter via the SMG course account (@MScS- BG) in the respective semester week. Until the next module session, students use this information together with their own notes to draft potential instagram posts or stories. Here, special attention should be paid to the obser- vance of image and licensing rights, so that the students ‘only’ use their own images or licence- free images. All ideas for instagram content are looked at together in the following course session (at the same time used as a review of the lesson material from the previous session) and a TOP 3 is selected for each topic. The TOP 3 compilation is published on instagram via the SMG course account (@MScSBG). SMG 7 – Intervention (second semester) Module description: Students go through the complete research cycle together with the lecturer according to the learning by research approach. The development, implementation and evaluation of a scientific study in a project team is done in terms of project management. Each student can effectively contribute his or her strengths to one of the different expert groups (for further details of the teaching-learning con- cept, see (Morat, 2020)). Science communication aspects: » deepening the content » specialisation on: » communication about the pro- gress of the project » communication about critical reflection on one’s own learning Figure 2. SMG-Students thinking about first steps in science communication in the module „SMG 5 – Sport, Movement and Coaching Science“. Figure 3. Instagram post regarding the project progress in the module „SMG 7 – Intervention“. Figure 4. Tweet on twitter to present the different ty- pes of reviews (here: systematic review) in the module „SMG 11 – Review“. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Linking learning by research and scientific communication in the Master‘s degree programme SMG · Morat, Deller, Fleiner Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2023, 6(1) Linking learning by research and scientific communication in the Master‘s degree programme SMG · Morat, Deller, Fleiner32 33 CC BY 4.0 DE MScSBG) on twitter and instagram, respectively. Students finish the module with a written assignment in the form of the final review on the specific topic they worked on in a team of two throughout the semester term. A compulsory part of the assign- ment is the creation of a twitter thread or instagram post or story. SMG 12.2 – Clinical exercise science in geriatric health care (third semester) Module description: A direct insight into clinical geriatric health care as well as en- abling students to think and to act as clinical scientists are the main goals. Core elements are evidence-based practice, conceptual work, modern communication strategies, and a focus on multiprofessional practice. The graded credit for this module requires students to create clinical physical activity concepts for previously assigned different clinical target groups. Science communication aspects: » student-led journal club: » presentation and moderation of a discussion on current evidence » communication via graphical abstract in social media (twitter) » initiation of a discussion with publicity, peers and authors of the study Semester Course: Each student is assigned to a published study on current aspects of sport and movement gerontology in the health care of older adults. One study is discussed together on a weekly basis, all students read the study in advance, pre- pare queries and discussion points. On each course day a student presents his /her study in 10 minutes and leads a group discussion focussing on the transfer of the study results into everyday care and corresponding research gaps. After the discus- sion, the expert prepares a report on the study via graphical abstract and the group discussion: level of evidence, research and care gap, discussion, queries as well as five key words, which are important from this study for a concept development. Subsequently this documentation is published via twitter thread to the publicity, peers and authors of the study are tagged in the thread in order to answer open questions or initiate a further public discussion. 2.3 Evaluation Within the teaching-learning concept, the students are motivated at several points in time to assess their competences in relation to the learning objectives menti- oned. The time of the surveys are, for example, at the beginning of the lecture peri- od, at the end of the lecture period, after a final exam or after the submission of an assignment and are individually aligned to the semester course of the modules. To this purpose, the students are motivated to make their subjective assessment with regard to the learning objectives in an online survey. Using a 5-point ordinal scale that ranges from ‘completely disagree’ to ‘completely agree’, students have to give their rating regarding the five learning objectives. Various criteria will be used to evaluate the concept. First of all, the evaluation of the change in the students’ assessment of the learning objectives is of interest. But also, qualitative feedback from the lecturers, students and other persons involved in the project can reveal helpful optimisation possibilities. In addition, the regularly accompanying teaching evaluation within the SMG Master‘s degree programme can provide further information about the quality of teaching in the modules. A comparison with the previous implementation and evaluation of the modules without the supplementary specific focus on science communication is to be planned. Based on this experience, the teaching-learning concept can be further developed and implemented. 3. Future implications Pilot implementations for some parts of the teaching-learning concept have alrea- dy been tested and optimised. The experiences from this, as well as the implemen- tations of the new concept in the first semester in the SMG 5 module, are very promising. If this is also reflected in a positive change with regard to the learning objectives and good evaluations of the modules, a further successful project pro- gress is expected. After completion of the initial pilot phase and testing of the concept, the materials used are to be made available to all interested persons in a revised and optimised form as OER mate- rial (Open Educational Resources). In addition, guides and video tutorials for the various parts of the teaching-learning concept are planned. In addition to the scientific investigation of the concept, this should also promote its further dis- semination. The concept could be transferred in an adapted form to many training and teaching contexts and could be used there to consider the important aspect of science communication in order to optimally prepare students for the professional world. 3.1 Career orientation The learned competencies should prepare students for their entry into careers in health science research and the health professions. Barton and Merolli (2019) describe that health professionals of all ages use social media for their professional development, with the high- est proportion among 18-34 years old persons (Barton & Merolli, 2019). In addition to personal development and interactive exchange with other experts, social media networks (e.g., twit- ter, instagram) are also used to communicate scientific findings in an understandable and (graphically) appealing way to multipliers, deci- sion-makers, but especially to the general and interested public. Many employers expect the professional use of ICT (information and com- munication technology), but this content has not yet been sufficiently integrated into studies (Rott, 2014). Within our new teaching-learning concept students are enabled to expand their skills in this area. 4. Acknowledgements This project was supported by an university- internal research grant in the funding program ‘Combining research and teaching innovatively’ of the German Sport University Cologne. We thank all students for taking part in the project. We thank Marilena Werth, Sabine Maas and Sandra Braeutigam from the Press and Commu- nication Department, and Ines Bodemer from the Office of Academic Planning and Control, Head of Department 4.2 Study Development & Quality Assurance at the German Sport Univer- sity for their feedback and support within the project. References Barton, C. J., & Merolli, M. A. (2019). It is time to replace publish or perish with get visible or vanish: opportunities where digital and social media can reshape knowledge translation. Br J Sports Med, 53(10), 594–598. Bihrer, A., Tremp, P., & Schiefner, M. (2010). Lear- ning by research and media - an example from his- tory studies [Forschendes Lernen und Medien – Ein Beispiel aus den Geschichtswissenschaften]. 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Since 2014 he works as a postdoc researcher and in 2015, he has taken over the coordination of the Master‘s degree programme „Sport and Movement Gerontology. His teaching focuses on methodology and didactics in theory and practice in physical activity and sport with older adults, learning by research, e-teaching, science communication. In research, he is particularly dedicated to fall prevention, sarcopenia and diagnostics and interventions of motor perfor- mance in older adults. Lena Deller completed her bachelor’s degree in health science at the Technical University of Munich in 2019. Since then, she has been studying in the Master‘s degree programme in ‘Sport and Movement Gerontology’ at the German Sport University Cologne and is researching gait ad- aptability in older adults as part of her master’s thesis. As a research assistant she works in science communication at the Institute of Move- ment and Sport Gerontology and manages the @MScSBG social media channels. Dr. Tim Fleiner is a physiotherapist, sports scientist and leads the working group ‘geriatric psychiatry in mo- tion’ at the German Sport University Cologne and the LVR-Hospital Cologne. His research and teaching focuses on physical activity in older adults, movement sensors, circadian rhythms and clinical research in geriatrics. _Hlk112841105 _Hlk95982708

  • ZSLS-Themenheft_01-21-Werkstattbericht_Kaiser-Jovy.pdf
    Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2021, 4(1) 58 CC BY 3.0 DE Besondere Herausforderungen des sportwissenschaftlichen Curriculumprozesses · Kaiser-Jovy Besondere Herausforderungen des sportwissenschaftli- chen Curriculumprozesses Sebastian Kaiser-Jovy ZUSAMMENFASSUNG Der Blick auf das Hochschulwesen offenbart, zieht man die bildungswissenschaftli- che bzw. organisationstheoretische Fachliteratur in Betracht, einige struktur- und kulturprägende Charakteristika, die die Gestaltung und Revision von Curricula als besonders voraussetzungsvoll erscheinen lassen. Deren Kenntnis und Berücksichti- gung können daher als kritische Erfolgsfaktoren gelten. Sie lassen sich vor allem in drei Bereichen ausmachen: a) Besonderheiten der Zielsysteme, b) Besonderheiten der Professionen, die Wissenschaftler*innen und Hochschullehrer*innen besetzen und c) Besonderheiten der Einbindung von Hochschulen in ein dynamisches soziokulturelles bzw. politisches Umfeld. Im vorliegenden Essay stellt der Autor diese Besonderheiten vor und diskutiert deren Konsequenzen für die Gestaltung und Revision von Curricula, allgemein und mit Blick auf sportwissenschaftliche Studiengänge im Speziellen. EINFÜHRUNG Wie für Betriebe und Unternehmen generell so gilt auch für Bildungsorganisationen, dass sie, „aus einer gewissen Distanz betrachtet […] eine ganze Reihe von Gemein- samkeiten“ (Behrends 2003, 241) aufweisen. »Sie verfügen über hierarchische Strukturen sowie ein mehr oder weniger aus- differenziertes Gefüge von Abteilungen bzw. Aufgaben; sie verfolgen bestimmte Zielsetzungen (Fortbestand, Umsatz, Gewinn etc.), sehen sich dabei vergleich- baren Problemen gegenüber und greifen bei ihren Bemühungen, diese Probleme zu bewältigen, in der Regel auf ähnliche Lösungsalternativen, Instrumente und Maßnahmen zurück« (ebd.). Bildungsorganisationen unterscheiden sich aber auch auf vielfältige Weise von Orga- nisationen außerhalb des Bildungssystems. Sie sind dabei ihrerseits Teil einer kom- plexen und sich dynamisch wandelnden Bildungslandschaft. Ihre zahlreichen und he- terogenen Anspruchsgruppen und Akteurskonstellationen folgen jeweils spezifischen Logiken (vgl. Laske et al. 2016, 139), so dass sie „unterschiedlichen und größtenteils einander widersprechenden Rationalitätsansprüchen genügen müssen“ (ebd., 138). Schließlich sei gerade das Hochschulsystem, so eine weithin geteilte Diagnose, einem fundamentalen Wandel unterworfen. In Deutschland wird vor allem eine vertikale Entdifferenzierung, bzw. das „Verschwimmen“ der Grenzen („blurring of bounda- ries“, Kleimann/Hückstädt 2018, 21) zwischen den charakteristischen und systemprägenden Hochschultypen Universität und Fachhochschule, regelmäßig hervorgehoben (siehe z.B. die Diskus- sionen um die Einführung des Promotionsrechts an Fachhochschulen). In diesem besonderen Spannungsfeld benö- tigen insbesondere Hochschulen „adäquate und auf ihre Besonderheiten zugeschnittene Steue- rungsinstrumente […], um ihren gesellschaftli- chen Bildungs- und Forschungsauftrag erfüllen zu können“ (Symanski 2012, 52). Theoretische Einblicke in die Besonderheiten ihrer Funktions- und Entwicklungsbedingungen sind dabei eine zentrale Voraussetzung für kritische Reflexionen. Sie erlauben es Hochschulen, Wandlungs- und Entwicklungsprozesse, etwa im Bereich der Kon- struktion und/oder Revision von Curricula, bei der Einführung neuer Lehr-/ Lernarrangements usw., zielgerichtet auf den Weg zu bringen. Deren erfolgreiche Umsetzung hängt dabei nicht zuletzt von der „Feldkompetenz“ (Meisel/Feld 2016, 160) der beteiligten Personen ab, denn „gerade die hybride Organisationsform von Hochschulen mit unterschiedlichen Kulturen und Strukturen be- grenzt die Reichweite gängiger Management- und Führungsansätze“ (Hanft/Maschwitz 2017, 52). Mit Blick auf die bildungswissenschaftliche bzw. organisationstheoretische Fachliteratur lassen sich allerdings einige gemeinsame struktur- und kulturprägende Charakteristika ausmachen, die die Gestaltung und Revision von Curricula (anders als Prozesse der Produkt- oder Angebotsentwick- lung in anderen Wirtschaftsbereichen) als beson- ders voraussetzungsvoll erscheinen lassen. Deren Schlüsselwörter Curriculumprozess, Herausforderungen, sportwissenschaftliche Studiengänge, Bildungsinstitutionen WERKSTATTBERICHT > PRACTICE REPORT Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2021, 4(1) 59 Besondere Herausforderungen des sportwissenschaftlichen Curriculumprozesses · Kaiser-Jovy Kenntnis und Berücksichtigung können daher als kritische Erfolgsfaktoren gelten. Zur Identifika- tion dieser Besonderheiten gilt es, einen weiten theoretischen Bezugsrahmen aufzuspannen, wodurch Erklärungsbeiträge unterschiedlicher Theoriefelder und Hintergrundwissensbestände einbezogen werden können. Im Einzelnen er- scheinen Besonderheiten drei Bereiche betreffend besonders relevant: a. Besonderheiten der Zielsysteme, b. Besonderheiten des Tätigkeits- und Berufsfelds bzw. der Professionen, die Wissenschaftler*innen und Hochschullehrer*innen besetzen, c. Besonderheiten der Einbindung von Hochschulen in ein dynamisches sozio- kulturelles und politisches Umfeld, sowie die jeweils typischen Wechsel- und Aus- tauschbeziehungen betreffend. BESONDERHEITEN DER ZIEL- SYSTEME In Bezug auf die besonderen Zielsysteme sind Zielunsicherheit, -heterogenität und -divergenz besonders hervorzuheben. In Bildungsinstitutio- nen ist die Formulierung von Zielen schwierig und problembehaftet. Neben inhaltlichen Zielen, etwa Forschung und Lehre betreffend, welche sich zu- meist nur vage formulieren und operationalisieren lassen (vgl. Knust/Hanft 2009, 53), treten Formal- ziele (z. B. Umsatz, Forschungsgelder/Drittmittel usw.), was zu Zielkonflikten führen kann. Zudem arbeiten „Lehrende und Wissenschaftler […] über- aus selbstständig, und verfolgen eigene Ziele, die von den Zielen der Gesamtorganisation durchaus abweichen können“ (ebd.). Akademische Freiheit gehört zu den ‚core values‘ von Hochschulen (Tremp/Tresch 2016, 7).1 Bildungsinstitutionen wurden in diesem Zusammenhang als „mikropolitische Gebilde“ (Knust/Hanft 2009, 57) beschrieben, im Sinne von „permanent stattfindenden Auseinandersetzun- 1 Sie ist darüber hinaus für die deutsche Hochschul- landschaft konstitutiv, insofern als sie im Sinne des Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG gesetzlich normiert ist. Der Wissenschaftsrat (WR) bezeichnet in seinem „Leitfaden der Institutionellen Akkreditierung nichtstaatlicher Hochschulen“ die akademische Freiheit als eine zentrale Voraussetzung für die Hochschulförmigkeit: „Lehre, Forschung und Kunstausübung finden unter den Bedin- gungen der grundgesetzlich garantierten Freiheit der Wissenschaft und der Kunst statt“ (2015, 10). Sie ist dabei nicht zuletzt voraussetzungsvoll, muss sie doch, gerade in einem zunehmenden Klima der Ökonomisie- rung von Bildung regelmäßig verteidigt und eingefordert werden. gen und Spielen der autonomen Akteure, die die ihnen hierfür zur Verfügung stehen- den Machtquellen und Einflussmöglichkeiten strategisch nutzen“ (ebd.), bzw. auch als „organisierte Anarchie mit schwach ausgeprägten Steuerungsmöglichkeiten“ (ebd., 55, vgl. u. a. Cohen/March 1974, zit. n. ebd.). Auf Ebene der Gesamtorganisation ist wiederum das Nebeneinander ganz unterschiedlicher Teilsysteme besonders typisch, die, wenngleich sie miteinander in Beziehung stehen, doch in einem nicht unerheb- lichen Ausmaß getrennt voneinander operieren. „Hochschulen gelten als hybride Organisationen, da in ihnen funktionale, divisionale und netzwerkförmige Organisa- tionsstrukturen nebeneinander bestehen“ (Hanft et al. 2016, 30). Zur Beschreibung dieses typischen Nebeneinanders kaum steuerbarer Ziele, Prozesse und Ergebnisse von Bildungsinstitutionen hat Weick (1976) den Begriff der „losen Kopplung“ eingeführt.2 BESONDERHEITEN DES TÄTIGKEITS- UND BERUFS- FELDS Ordnet man die Tätigkeit von Wissenschaftlerinnen und Lehrkräften, im Sinne einer funktionalistisch orientierten Perspektive der angloamerikanischen Soziologie, pro- fessionalisierungstheoretisch ein (Parsons 1939, 1971, vgl. Hesse 1968), dann zeigt sich die besondere Bedeutung, welche ihr für die gesellschaftliche Entwicklung zuge- schrieben wird. So gehe der soziale Wandel hauptsächlich vom Hochschulsystem aus, in erster Linie getragen von den Professionen. Hochschulen und Professionen seien gleichsam ‚Leiteinrichtungen‘ bzw. ‚Leitrollen‘ in der Gegenwart (Parsons 1971, zit. n. Stock 2005, 72). Zentrale Merkmale einer Profession sind dabei u. a. eine besondere Qualität der Ausbildung, welche theoretisch fundiert sein und sich über einen länge- ren Zeitraum erstrecken muss, sowie ein ihr immanentes Selbstverständnis als beson- derer Dienst an der Allgemeinheit. Die Profession ist demnach am öffentlichen Wohl orientiert und leistet einen Beitrag zur Stabilität der Gesellschaft. Damit einher geht ein hoher gesellschaftlicher Status. Unter Bezugnahme auf Mintzberg (1979) weisen Knust und Hanft (2009, 54) darauf hin, dass, neben dem zuvor bereits beschriebenen hohen Grad an Autonomie der Aufgabenerfüllung, das Tätigkeitsfeld von sog. ‚Profes- sionellen‘ ferner durch gespaltene Loyalitäten gekennzeichnet ist: die Verpflichtung gegenüber der eigenen Profession überwiegt typischerweise diejenige gegenüber der betreffenden Organisation/Hochschule. BESONDERHEITEN DES SOZIOKULTURELLEN UND POLITISCHEN UMFELDS Bildungsinstitutionen verfügen über ihnen immanente, für sie charakteristische und dabei historisch beständige Werte- und Normensysteme (u. a. Knust/Hanft 2009, 58). Dabei eint sie die Zugehörigkeit zum Bildungssystem, welches seinerseits über starke und charakteristische Werte verfügt (siehe etwa den Bildungsauftrag, bzw. Dienst an der Gesellschaft). Anschlussfähig sind vor diesem Hintergrund die Annahmen des soziologischen Neo-Institutionalismus, der die Handlungen und Ent- scheidungen in Organisationen als Ergebnis ihres jeweiligen soziokulturellen Rah- mens erklärt (Methodologischer Kollektivismus).3 Nach DiMaggio und Powell (1983) 2 Nach Meyer und Rowan (1977) neigen (auch) zielpluralistische Institutionen als widersprüch- lich verfasste Systeme dazu, auf Mehrwertigkeiten und Paradoxa mit der Herausbildung einer Art ‚Zweiebenen-Organisation‘, mit einer Entkoppelung von formalen Strukturen und Handeln also, zu reagieren („decoupling“, zit. n. Laske et al. 2016, 151). Zu den Vor- und Nachteilen loser Kopplungen innerhalb einer Bildungsinstitution, vgl. u. a. Knust/Hanft 2009, 60. 3 Zur Kritik bzw. zum Erklärungsbeitrag des soziologischen Neo-Institutionalismus siehe Knust/ Hanft 2009. Die Unterscheidung der Bedingungen organisationalen Handelns in den verschiede- nen volkswirtschaftlichen Sektoren ist ein zentrales Thema der Organisationstheorie. Hiernach sind erwerbswirtschaftliche Betriebe vor allem durch eine „Mentalität des Erwerbs“ (Hansen 1995) gekennzeichnet, Non-Profit Organisationen wie Vereine und Verbände durch ihre zentrale Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2021, 4(1) 60 CC BY 3.0 DE Besondere Herausforderungen des sportwissenschaftlichen Curriculumprozesses · Kaiser-Jovy bringen Organisationen ihre formalen Strukturen mit Rationalitätsmythen ihres Umfelds in Einklang (vgl. Meyer/Rowan 1977). Ihr Handeln spiegelt (auch) generelle Regeln, Annahmen und Konventionen der Organisationsumwelt wider, oder kann als Antwort auf diese verstanden werden (ebd.). Den zentralen Bezugspunkt bildet dabei das „Organisationale Feld“ (DiMaggio/Powell 1983).4 Organisationale Felder konsti- tuieren sich aus einer Gemeinschaft disparater Organisationen, die gemeinsame Ak- tivitäten unternehmen bzw. Ziele verfolgen und einem gemeinsamen regulatorischen Druck ausgesetzt sind. Sie sind darüber hinaus typischerweise durch ein gemeinsames Bedeutungs- und Wertesystem verbunden und grenzen sich dadurch von anderen gesellschaftlichen Teilsystemen ab. Im Rahmen von Organisationalen Feldern, so die Grundannahme, finden nun Prozesse der Annäherung zwischen den betreffenden Or- ganisationen statt (“institutional isomorphism”, DiMaggio/Powell 1983). Diesem Konzept folgend ließe sich darauf verweisen, dass gerade der Sport über ein ihm immanentes und charakteristisches Werte- und Normensystem verfügt. Die betreffenden Bildungsinstitutionen eint darüber hinaus die Zugehörigkeit zum Bil- dungssystem, welches seinerseits über starke und charakteristische Werte verfügt, etwa den Bildungsauftrag bzw. Dienst an der Gesellschaft. Unabhängig von ihrer sektoralen Verortung unterliegen viele sportbezogene Bildungsorganisationen ferner dem gemeinsamen regulatorischen Rahmen der Bildungsgesetzgebung (‚coercive isomorpism‘) und es werden über das Ausbildungssystem, wiederum sektorenüber- greifend, einheitliche Vorstellungen und Werte Normen in die Organisationen hin- eingetragen („normative isomorphism“). Schließlich gilt für Bildungsorganisationen grundsätzlich, dass sie sich vermehrt mit den Gesetzen eines (Bildungs-)Marktes auseinandersetzen und nach diesen Handeln müssen (Laske et al. 2016, 153). An- näherungsprozesse, welche dadurch ausgelöst werden, das Bildungsorganisationen (im Sinne des Benchmarking) Herangehensweisen und Prinzipien erfolgreicher Kon- kurrenten adaptieren bzw. übernehmen, lassen sich in Anlehnung an DiMaggio und Powell als „mimetic isomorphism“ bezeichnen. HERAUSFORDERUNGEN AN DEN CURRICULUM PROZESS: ABSCHLIESSENDE THESEN a. Geringe Steuerbarkeit von Zielen, Prozessen und Ergebnissen („lose Kopp- lung“, Weick 1976), sowie die Notwendigkeit des Abgleichs konfliktionärer Ziele, stellen tertiäre Bildungsinstitutionen vor besondere Herausforderun- gen. Dazu kommen vielfältige Ansprüche, die von Seiten unterschiedlicher gesellschaftlicher Institutionen an sie herangetragen werden, da sie, un- abhängig von ihrer sektoralen Verankerung, gleichzeitig an verschiedenen gesellschaftlichen Teilsystemen teilhaben. b. Dies gilt für sportbezogene Bildungsanbieter umso mehr, mit Blick auf die gesellschaftliche Bedeutungsausweitung des Sports sowie seine zunehmen- de Instrumentalisierung für sportfremde, politische Zwecke. Gerade im Falle relativ junger sportwissenschaftlicher Disziplinen (etwa Sportrecht, Sportpu- blizistik, Sportökonomik), kommt erschwerend die hohe Innovationsdynamik ihres jew. Umfelds bzw. ihres Gegenstands hinzu. Die Verfolgung langfristiger (qualitativ-inhaltlicher) Ziele, etwa den Curriculumprozess betreffend, droht dabei regelmäßig hinter der kurzfristiger (ökonomisch-formaler) Ziele zu- rückzubleiben. c. Allerdings wird gerade für Hochschulen, die sportwissenschaftliche Studien- gänge anbieten, bzw. die betreffenden Fachbereiche und Studiengänge, eine Profilierung über ihre inhaltlich-didaktische Programmatik immer wichtiger: Ausrichtung an den Interessen ihrer Mitglieder (u. a. Wex 2004). Staatliche Organisationen wiederum sind vor allem durch eine bürokratische Rationalisierung charakterisiert, deren Vorteile Weber (zuerst 1921) u. a. in Regelgebundenheit, klaren Hierarchien und kompetenzorientierter Aufgabenerfüllung sieht. Dem „stählernen Gehäuse der Bürokratie“, welches individuelle Freihei- ten begrenze und zu einer vergleichsweise unpersönlichen Kultur führe, sei dabei allerdings nur schwer zu entrinnen (DiMaggio/Powell 1983). 4 vgl. hierzu auch das Feldkonzept bei Bourdieu (u. a. Bourdieu/Wacquant 1992). Sportbezogene Bildungsangebote haben sich, in unterschiedlicher Trägerschaft, in allen Sektoren der Volkswirtschaft (Staat, Markt, Dritter Sektor/NPO) und auf allen Qualifizierungsebenen etabliert („blurring of boundaries“, Kleimann/ Hückstädt 2018, 21). Damit finden sich allzu oft ähnliche, von Seiten potenzieller Studierender wie auch von Seiten des Ar- beitsmarkts bzw. von Unternehmensseite schwer unterscheidbare, Kompetenz- und Karriereversprechen ganz unterschied- licher Bildungsanbieter (u.a. Dunkel/ Wohlfahrt/Wendeborn 2018; Kaiser/ Schütte 2012). d. Mitarbeit in der akademischen Selbst- verwaltung ist zwar grundsätzlich eine Pflichtaufgabe, birgt aber nur wenig Anreize (Programmentwicklung ist ge- genüber repräsentativen Aufgaben nicht reputationsfördernd, fehlende Mitwir- kung kann kaum sanktioniert werden). Dazu kommen gespaltene Loyalitäten (die Verpflichtung gegenüber der eigenen Pro- fession überwiegt typischerweise diejeni- ge gegenüber der betreffenden Organisa- tion/Hochschule; Knust/Hanft 2009, 54). Die für eine angemessene Profilierung notwendigen programmatischen Diffe- renzierungsprozesse müssen vor diesem Hintergrund, und mit Blick auf den zuvor beschriebenen hohen ‚Annäherungs- druck‘ in der sportbezogenen Bildungs- landschaft (= ‚institutional isomorphism‘, DiMaggio/Powell 1983), regelmäßig aktiv vorangetrieben werden. Prof. Dr. Sebastian Kaiser-Jovy ist seit 2015 Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insb. Sportmanage- ment an der Hochschule Heilbronn. Er studier- te Sportwissenschaften, Wirtschaftswissen- schaften/Sportökonomie und Bildungs- und Wissenschaftsmanagement in Köln, Hagen und Oldenburg. In Forschung und Lehre widmet er sich schwerpunktmäßig sozioöko- nomischen und bildungstheoretischen Fragen des Sports. sebastian.kaiser-jovy@hs-heilbronn.de Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2021, 4(1) 61 Besondere Herausforderungen des sportwissenschaftlichen Curriculumprozesses · Kaiser-Jovy Literatur Behrends, T. (2003). 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Zuletzt aktualisiert: 23.07.2026
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