„Es konkurrieren drei unterschiedliche Vorstellungen von Olympischen Spielen miteinander“

Berlin – die internationale Metropole, KölnRheinRuhr – die polyzentrische Sportregion, München – die kompakte Olympiastadt ... Wer macht das Rennen?

Univ.-Prof. Dr. Jürgen Mittag

Wer macht das nationale Ausscheidungsrennen für die Bewerbung um die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele? Berlin, KölnRheinRuhr oder München? Die Entscheidung fällt am 26. September auf der DOSB-Mitgliederversammlung in Baden-Baden. Im Mittelpunkt stehen internationale Wettbewerbsfähigkeit und nationale Akzeptanz sowie die sportfachliche und operative Eignung. Hinzu kommen Fragen von Vision und Legacy (Vermächtnis) sowie Kosten und Finanzierung.

Im Interview erläutert Sportpolitikexperte Univ.-Prof. Dr. Jürgen Mittag, nach welchen Kriterien der DOSB entscheidet, wie sich die drei Konzepte voneinander unterscheiden und wer die besten Chancen hat.

Fünf wichtige Fakten zum Mitnehmen:

  1. Bürgerentscheide sind ein Vorteil: In der Vergangenheit sind Olympiabewerbungen wiederholt an der fehlenden Zustimmung der Bevölkerung gescheitert. Die positiven Bürgerentscheide von KölnRheinRuhr und München sind also ein maßgeblicher Faktor, sagen aber insgesamt wenig über die Tragfähigkeit der Konzepte aus.
  2. Die eigentliche Entscheidung bleibt eine sportpolitische: Der DOSB setzt darauf, die Entscheidung stärker zu systematisieren. Im Mittelpunkt stehen internationale Wettbewerbsfähigkeit, nationale Akzeptanz, sportfachliche und operative Eignung, Vision, Legacy (Vermächtnis/Erbe), Kosten und Finanzierung. Am Ende sollte erkennbar sein, warum sich der DOSB für einen bestimmten Kandidaten entschieden hat und welche Kriterien dabei ausschlaggebend waren.
  3. Größtes Gewicht liegt bei den Verbänden: Das größte Gewicht auf der Mitgliederversammlung des DOSB haben die 42 olympischen Spitzenverbände mit jeweils drei Stimmen. Damit kommt den Fachverbänden eine ausgesprochen starke Stellung zu. Auch sie haben eigene Interessen, Kontakte und möglicherweise Präferenzen für bestimmte Standorte.
  4. Die Unterschiede der Konzepte liegen im räumlichen Modell und im Narrativ: Alle drei Bewerber setzen auf vorhandene Infrastruktur, Nachhaltigkeit und Legacy. Daneben gibt es unterschiedliche Alleinstellungsmerkmale: München steht für das klassische Modell kompakter Spiele, während KölnRheinRuhr das Gegenmodell entwirft und auf eine Sportregion setzt. Berlin wiederum verfügt über die stärkste internationale Marke.

  5. Das Argument „Deutschland ist mal wieder an der Reihe“ zieht nicht: So funktioniert das IOC nicht. Beim aktuellen Bewerbunsgzyklus werden neben der Qualität der Bewerbung auch geopolitische Konstellationen, die Stärke möglicher Gegenkandidaten, wirtschaftliche Interessen und die strategischen Überlegungen des IOC zu Narrativen und zum „Erbe“ eine Rolle spielen.

Interview

Mit je einer Zwei-Drittel-Mehrheit stimmten die Menschen in München und KölnRheinRuhr für eine Olympiabewerbung. In Berlin liegt ein Beschluss des Abgeordnetenhauses vor – ebenfalls mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit. Der vierte Kandidat Hamburg hatte seine Bewerbung nach dem negativen Ausgang des Referendums zurückgezogen. Welche Rolle spielt es Ihrer Meinung nach für die Entscheidung des DOSB, dass München sowie KölnRheinRuhr ihre Bewerbungen durch Bürgerentscheide abgesichert haben?

Die Bürgerentscheide sind aus meiner Sicht ein maßgeblicher Faktor. Man darf nicht vergessen, dass deutsche (und auch zahlreiche weitere) Olympiabewerbungen in der Vergangenheit wiederholt an der fehlenden Zustimmung der Bevölkerung gescheitert sind. Insofern können München und KölnRheinRuhr darauf verweisen, dass ihre Bewerbung nicht nur von Politik und Sport getragen wird, sondern auch eine direkte demokratische Legitimation besitzt. Diese unmittelbar dokumentierte Zustimmung dürfte auch gegenüber dem IOC von Bedeutung sein.

Allerdings würde ich diesen Faktor auch nicht überbewerten. Ein Bürgerentscheid sagt zunächst lediglich etwas über die Akzeptanz einer Bewerbung zum jetzigen Zeitpunkt aus. Er sagt noch wenig darüber, ob ein Konzept sportfachlich überzeugt, finanziell tragfähig ist und international konkurrenzfähig. Und bis zu möglichen Spielen liegt noch ein sehr langer Zeitraum vor uns.

Für Berlin ist das Fehlen eines Bürgerentscheids ein Nachteil, aber kein Ausschlusskriterium. Der breite Beschluss des Abgeordnetenhauses dokumentiert ebenfalls politischen Rückhalt, besitzt aber eine andere Qualität als ein unmittelbares Votum der Bevölkerung.

Seit Anfang Juni liegen dem DOSB die finalen Konzepte vor. Über den Sommer haben der DOSB und die olympischen Spitzenverbände diese im Detail geprüft. Dazu legen sie eine Bewertungssystematik zugrunde. Können Sie uns einmal erläutern, auf Basis welcher Kriterien sich der DOSB für einen Bewerber entscheidet?

Der DOSB setzt darauf, die Entscheidung stärker zu systematisieren als dies bei früheren Auswahlverfahren der Fall war. Im Mittelpunkt stehen internationale Wettbewerbsfähigkeit und nationale Akzeptanz sowie die sportfachliche und operative Eignung. Hinzu kommen Fragen von Vision und Legacy sowie Kosten und Finanzierung.

Diese Kriterien spiegeln die sportpolitischen Entwicklungen und Debatten um Sportgroßereignisse wider und sind nachvollziehbar. Schwieriger wird es bei der Gewichtung. Einige Kriterien lassen sich relativ gut erfassen – etwa vorhandene Sportstätten, Entfernungen oder Unterbringungskapazitäten. Bei anderen wird es sehr viel schwieriger. Wie misst man internationale Strahlkraft? Wie bewertet man eine Legacy, die möglicherweise erst 15 oder 20 Jahre später sichtbar wird? Und wie stark soll gesellschaftliche Zustimmung gegenüber größerer Kompaktheit oder geringeren Kosten gewichtet werden?

Deshalb sollte die Verantwortlichen nicht den Eindruck erwecken, am Ende lasse sich aus dem Kriterienkatalog gleichsam mathematisch der beste Bewerber ermitteln. Die Bewertung schafft eine wichtige Grundlage. Die eigentliche Entscheidung bleibt aber letztlich eine sportpolitische Entscheidung.

Wie beurteilen Sie die Transparenz und Offenheit des Entscheidungsprozesses?

Gegenüber früheren Verfahren sehe ich durchaus Fortschritte. Die Kriterien sind bekannt, die Bewerber wissen, woran sie gemessen werden, und es gibt eine Evaluierungskommission. Das macht die Entscheidung zunächst nachvollziehbarer als etwa im Fall von Leipzig 2003. Die damalige Entscheidung war stark politisch geprägt: Leipzig stand für den Aufbau Ost, für Transformation und ein gesamtdeutsches Signal, war aber keineswegs in allen Bereichen der international stärkste Kandidat. Das zeigte sich wenig später, als Leipzig nicht einmal den Status einer Candidate City erreichte. Die Lehre daraus ist bis heute relevant: Der Kandidat, der national die größte Zustimmung findet, muss nicht zwangsläufig international die besten Chancen besitzen.

Die entscheidende Frage beginnt für mich dort, wo die Evaluation endet. Wir wissen noch nicht, wie stark deren Ergebnisse tatsächlich das Abstimmungsverhalten der Mitgliederversammlung bestimmen werden. Wenn beispielsweise ein Bewerber bei der fachlichen Bewertung vorne liegt und die Mitgliederversammlung anschließend einen anderen auswählt, müsste schon erklärt werden, welche weitergehenden Gesichtspunkte hier zum Tragen gekommen sind.

An dieser Stelle kann man sicherlich noch weitere Transparenz anmahnen. Nicht jede Beratung muss öffentlich stattfinden und auch nicht jedes einzelne Votum muss begründet werden. Am Ende sollte aber erkennbar sein, warum sich der DOSB für einen bestimmten Kandidaten entschieden hat und welche Kriterien dabei ausschlaggebend waren. Sonst besteht die Gefahr, dass ein sehr aufwendig entwickeltes Bewertungsverfahren am Ende nur begrenzte Bedeutung besitzt.

Welcher Bewerber hat Ihrer Einschätzung nach die besten Chancen für das Votum des DOSB und warum?

Eine eindeutige Prognose ist derzeit kaum belastbar abzugeben. Ich sehe München und KölnRheinRuhr etwas vor Berlin, zwischen diesen beiden Bewerbungen dürfte es aber relativ eng werden. München hat den Vorteil, dass das Konzept leicht zu vermitteln ist. Der Olympiapark, die Erinnerung an 1972, kurze Wege und ein relativ kompaktes Konzept ergeben ein Bild, das auch international schnell verständlich ist. Das ist in einem IOC-Verfahren nicht unwichtig. 

KölnRheinRuhr hat andere Stärken. Hier gibt es eine außergewöhnlich dichte Sportstättenlandschaft, große Stadien und Arenen, sehr viel Erfahrung mit internationalen Sportveranstaltungen und ein erhebliches Zuschauerpotenzial. Hinzu kommt, dass kaum neue Sportstätten gebaut werden müssten. Das passt eigentlich sehr gut zu dem, was das IOC seit einigen Jahren von Bewerbern erwartet. Die Schwäche ist zugleich offensichtlich: Eine Region von Aachen über Köln und Düsseldorf bis ins Ruhrgebiet ist etwas anderes als eine kompakte Host City. KölnRheinRuhr muss deshalb überzeugend zeigen, dass ein polyzentrisches Konzept nicht nur auf der Karte funktioniert, sondern auch für Athleten, Zuschauer und Medien.

Wenn ich den aktuellen sportpolitischen Meinungsbildern folge, würde ich München knapp vorne sehen. Ich halte es aber keineswegs für ausgemacht, dass der DOSB am Ende genauso entscheidet.

Inwiefern unterscheiden sich die Konzepte voneinander bzw. was sind ihrer Meinung nach die jeweiligen Alleinstellungsmerkmale?

Zunächst sind die Gemeinsamkeiten größer, als es die öffentlichen Präsentationen vermuten lassen. Alle setzen auf vorhandene Infrastruktur, Nachhaltigkeit und Legacy und alle haben aus Paris 2024 gelernt, dass Stadt und Spiele stärker miteinander verzahnt werden müssen. Die Spiele sollen in der Stadt beziehungsweise Region sichtbar werden und öffentliche Räume einbeziehen. Gerade diese Verbindung von Sportereignis, Stadtraum und gesellschaftlicher Teilhabe ist ein wichtiger Bezugspunkt des neuen DOSB-Konzepts. Die eigentlichen Unterschiede liegen im räumlichen Modell und im Narrativ: München steht am stärksten für das klassische Modell relativ kompakter Spiele. Man verfügt mit dem Olympiapark zudem über einen Ort, der weltweit mit Olympischen Spielen verbunden wird. Das wird mit der Idee verbunden, die Spiele von 1972 gewissermaßen unter veränderten gesellschaftlichen und ökologischen Bedingungen weiterzudenken.

KölnRheinRuhr verfolgt ein Gegenmodell: nicht die eine Olympiastadt, sondern eine ganze Sportregion. Die Stärke liegt in der Vielzahl bestehender Stadien und Arenen, der großen Sportbegeisterung und der Möglichkeit, Olympische Spiele sehr stark in bereits vorhandene Strukturen einzubetten. Gerade daraus könnte ein interessantes Zukunftsmodell entstehen: sehr große und publikumsnahe Spiele, die nicht mit einem entsprechenden Neubauprogramm verbunden sind, sondern weitgehend auf der vorhandenen Infrastruktur einer ganzen Sportregion aufbauen. Es birgt aber auch organisatorische Risiken.

Berlin wiederum verfügt über die stärkste internationale Marke. Kaum ein deutscher Standort dürfte weltweit so unmittelbar erkennbar sein. Berlin kann zudem mit vorhandener Infrastruktur und einer besonderen politischen und historischen Erzählung arbeiten. Das Berlin+-Konzept verliert allerdings einen Teil des Vorteils einer Metropolenbewerbung, wenn zahlreiche Austragungsorte weit über die Stadt hinaus verteilt werden.

Das Interessante ist deshalb, dass hier tatsächlich drei unterschiedliche Vorstellungen von Olympischen Spielen miteinander konkurrieren – die kompakte Olympiastadt, die polyzentrische Sportregion und die internationale Metropole.

Wie fällt der DOSB genau die Entscheidung? Ist die Stimmabgabe transparent?

Maßgeblich ist, dass am Ende eben nicht die Evaluierungskommission entscheidet. Am 26. September stimmt die außerordentliche Mitgliederversammlung des DOSB in Baden-Baden ab. Das größte Gewicht haben dabei die 42 olympischen Spitzenverbände mit jeweils drei Stimmen. Hinzu kommen die persönlichen Mitglieder und das DOSB-Präsidium.

Damit kommt den Fachverbänden eine ausgesprochen starke Stellung zu. Das kann man durchaus begründen, schließlich müssen gerade sie beurteilen können, ob die Bedingungen für ihre Sportarten funktionieren. Gleichwohl sind die Verbände keine neutralen Gutachter. Sie haben eigene Interessen, Kontakte und möglicherweise auch Präferenzen für bestimmte Standorte.

Deshalb halte ich die Frage nach dem konkreten Abstimmungsverfahren für wichtig. Entscheidend ist nicht nur, dass am Ende ein Ergebnis veröffentlicht wird. Interessant ist auch, ob nachvollziehbar wird, wie dieses Ergebnis zustande gekommen ist und welchen Stellenwert die vorherige Evaluation dabei tatsächlich hatte.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass der ausgewählte Kandidat dann im März 2027 den Sprung in den Strategic Dialogue des IOC schafft?

Ich würde hier deutlich zwischen den Bewerbungen für die kommenden Olympischen Spiele unterscheiden. Für 2036 betrachte ich die deutschen Chancen sehr zurückhaltend. Mit Paris 2024, Los Angeles 2028 und Brisbane 2032 fanden bzw. finden drei Sommerspiele in Folge in westlichen OECD-Staaten statt. Es erscheint mir deshalb wenig wahrscheinlich, dass das IOC unmittelbar danach erneut Spiele nach Westeuropa vergibt. Hinzu kommt, dass es gerade aus Asien, dem Nahen Osten und möglicherweise auch Afrika Bewerber geben dürfte, die dem IOC die Möglichkeit eröffnen, neue Märkte und Regionen stärker einzubeziehen. Deutschland könnte für 2036 also selbst mit einer sehr guten Bewerbung an einer geopolitischen Konstellation scheitern, die es kaum beeinflussen kann.

Anders verhält es sich mit den Bewerbungschancen für 2040. Hier könnte sich das Argument sogar umkehren. Wenn 2036 tatsächlich an einen Standort außerhalb des westlichen Europas vergeben würde, wäre Europa 2040 wieder deutlich besser positioniert. Deutschland hätte zudem ausreichend Zeit, eine Bewerbung gesellschaftlich abzusichern und gemeinsam mit dem IOC weiterzuentwickeln. Vor diesem Hintergrund halte ich es für sinnvoll, 2036 nicht zum alleinigen Maßstab für Erfolg oder Misserfolg der jetzigen Bewerbung zu machen. Die strategisch interessantere Perspektive dürfte 2040 sein.

Zu berücksichtigen ist aber auch die Frage, welches Konzept das IOC zu diesem Zeitpunkt für strategisch besonders relevant hält. Das hat man bei Brisbane 2032 sehr deutlich gesehen. Dort war die Entscheidung durch die frühe Konzentration auf einen zuverlässigen „Preferred Host“ im Zeichen der Pandemie-Krise weitgehend vorstrukturiert, bevor andere Interessenten überhaupt eine vergleichbare Chance erhielten. Für Deutschland bedeutet das: Ein gutes Konzept ist notwendig, reicht allein aber nicht aus.

Gibt es Ihrer Meinung nach Anzeichen dafür, dass Deutschland bessere Aussichten hat als bei den sieben Olympiabewerbung zuvor?

Nach meinem Dafürhalten sind zumindest die Ausgangsbedingungen vor allem für 2040 besser, das heißt aber nicht zwangsläufig, dass auch die Erfolgsaussichten besser sind. Deutschland hat aus früheren Fehlschlägen zumindest teilweise gelernt. Die gesellschaftliche Akzeptanz wurde früher geprüft, die Bewerbungen setzen sehr viel stärker auf bestehende Sportstätten, Nachhaltigkeit und Nachnutzung werden nicht erst am Ende hinzugefügt. Und auch die Unterstützung von DOSB und Politik können – anders als bei der Bewerbung für 2032 – eindeutig vorausgesetzt werden. Deutschland müsste eine Olympiabewerbung heute nicht mehr in erster Linie mit neuen Sportstätten und großen Infrastrukturprojekten begründen. Eigentlich ließe sich das Argument umkehren: Ein hoch entwickeltes Sportland könnte zeigen, wie Olympische Spiele weitgehend mit vorhandener Infrastruktur funktionieren können.

Hinzu kommt die Frage nach Narrativen und ‘Legacies’. Die deutsche Bewerbung bedarf nicht nur eines technisch überzeugenden Konzeptes, sondern auch einer ‘Geschichte’, die sich international vermitteln lässt. Hier könnte KölnRheinRuhr durchaus einen besonderen Ansatz bieten: nicht die Rückkehr zu klassischen, auf eine einzelne Metropole konzentrierten Spielen, sondern Olympische Spiele in einer dicht besiedelten europäischen Region mit weitgehend vorhandener Infrastruktur. 

Paris 2024 hat zudem gezeigt, welche Wirkung entstehen kann, wenn Stadt und Spiele eng miteinander verzahnt werden und bekannte Stadträume selbst zur olympischen Bühne werden. Genau darin könnte auch für NRW eine Chance liegen: vorhandene Stadien und Arenen, aber auch öffentliche Räume so einzubeziehen, dass die Spiele tatsächlich in der Region sichtbar und erlebbar werden. Die Idee der ‘größten Spiele aller Zeiten’ – verstanden vor allem als Spiele mit außergewöhnlich vielen Zuschauern und einer breiten regionalen Verankerung – könnte ein starkes Narrativ sein. Entscheidend wäre allerdings, dies nicht als Gigantismus zu verkaufen. Die eigentliche Legacy müsste darin liegen zu zeigen, dass sehr große und publikumsnahe Olympische Spiele gerade ohne einen entsprechenden Neubau- und Infrastrukturboom möglich sind. Darin könnte NRW auch gegenüber dem IOC ein durchaus eigenständiges Zukunftsmodell anbieten.

Trotzdem wäre ich mit der Vorstellung vorsichtig, Deutschland sei nun ‘an der Reihe’. So funktioniert das IOC nicht. Die vergangenen deutschen Bewerbungen sind aus sehr unterschiedlichen Gründen gescheitert. Beim aktuellen Bewerbungszyklus werden neben der eigentlichen Qualität der Bewerbung auch geopolitische Konstellationen, die Stärke möglicher Gegenkandidaten, wirtschaftliche Interessen und die strategischen Überlegungen des IOC zu Narrativen und zum ‘Erbe’ eine Rolle spielen.

Zur Person

Univ.-Prof. Dr. Jürgen Mittag ist seit 2011 Universitätsprofessor für Sport und Politik an der Deutschen Sporthochschule Köln und Leiter des Instituts für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung. Außerdem ist er Inhaber eines Jean-Monnet-Lehrstuhls am Institut. Zu seinen Hauptforschungsfeldern zählt die lokale, regionale, nationale, europäische und internationale Sportpolitik, außerdem soziale Bewegungen, Verbände, politische Parteien sowie Gewerkschaften. Er ist Mitglied verschiedener Stiftungen und Forschungseinrichtungen, u.a. der Friedrich-Ebert-Stiftung, der Johannes Rau-Gesellschaft und des wissenschaftlichen Beirats der UEFA.