K o n g r e s s b e r i c h t » U m w e l t , N a t u r s c h u t z u n d S p o r t i m D i a l o g « B i o l o g i s c h e V i e l f a l t u n d S p o r t – C h a n c e n e i n e r n a c h h a l t i g e n E n t w i c k l u n g 4 . K o n g r e s s a n d e r D e u t s c h e n S p o r t h o c h s c h u l e K ö l n a m 4 . u n d 5 . M ä r z 2 0 0 8 e i n B e i t r a g z u r 9 . V e r t r a g s s t a a t e n k o n f e r e n z d e r K o n v e n t i o n ü b e r b i o l o g i s c h e V i e l f a l t I ns t i t u t f ü r N a t u r s p o r t und Ö k o l o g ie I n s t i t u t e o f O u t d o o r S p o r t s a n d E n v i r o n m e n t a l S c i e n c e Eine Initiative des Beirats für Umwelt und Sport beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit S c h r if t e n r e ih e N a t u r s p o r t u n d Ö k o lo g ie – B a n d 2 4 D e u t s c h e S p o r t h o c h s c h u l e K ö l n I m p r e s s u m Herausgeber Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) Bundesamt für Naturschutz (BfN) Institut für Natursport und Ökologie (INOEK) Deutsche Sporthochschule Köln Projektmanagement BfN Michael Pütsch, FG II 1.2 Redaktion Ralf Roth, Edwin Jakob, INOEK Layout Frank Armbruster Druck Sikora, Offenburg Bildnachweis Deckblatt: INOEK Gefördert durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Die Ausführungen der Autoren müssen nicht mit der Meinung der Herausgeber übereinstimmen. ISSN 1612-2437 © 2008 – Alle Rechte vorbehalten Nachdruck – auch auszugsweise – nur mit Zustimmung der Herausgeber S c h r i f t e n r e i h e N a t u r s p o r t u n d Ö k o l o g i e Herausgegeben vom Institut für Natursport und Ökologie Deutsche Sporthochschule Köln Band 24 K o n g r e s s b e r i c h t » U m w e l t , N a t u r s c h u t z u n d S p o r t i m D i a l o g « B i o l o g i s c h e V i e l f a l t u n d S p o r t – C h a n c e n e i n e r n a c h h a l t i g e n E n t w i c k l u n g 4 . K o n g r e s s a n d e r D e u t s c h e n S p o r t h o c h s c h u l e K ö l n a m 4 . u n d 5 . M ä r z 2 0 0 8 © INOEK / BMU / BfN Kongresseröffnung Bundesumweltminister Sigmar Gabriel Grußwort 7 Walter Schneeloch, Vizepräsident Breitensport/Sportentwicklung des Deutschen Olympischen Sportbundes Willkommen 8 Erwin Lauterwasser, Vorsitzender des Beirats für Umwelt und Sport Einführung 11 Stellungnahme des Beirats für Umwelt und Sport beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Biologische Vielfalt und Sport – Chancen einer nachhaltigen Entwicklung 15 Vorträge Kari Lahti Schutzgebiete als Zielregion mit Erholungs- und Freizeitwert 19 Michael Vogel Lebensraum Großschutzgebiet: Schutz der biologischen Vielfalt, Erholung und Sport 27 Ulrike Pröbstl, Petra Sterl Natura 2000: Integration von Sport und Tourismus in die Managementplanung 33 Neil McCarthy Healthy Parks - Healthy People – Ein neuer Ansatz im Parkmanagement 45 Ralf Roth, Stefan Türk Menschen bewegen – Grünflächen entwickeln 67 Vladivoj Vancura Tourismusdienstleister als Partner für den Schutz der biologischen Vielfalt – die Strategie für nachhaltige Tourismusentwicklung der PAN Parks 73 Hansruedi Müller Der Alpentourismus auf der Suche nach einem nachhaltigen Entwicklungspfad – drei Jahrzehnte nach den „Landschaftsfressern“ von Jost Krippendorf 81 Inhalt Inhalt Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Workshops Ulrike Pröbstl Workshop 1: Management für Naturschutz und Erholung in Schutzgebieten 89 Stefan Türk Workshop 2: Nachhaltige Entwicklung von Sport- und Bewegungsräumen 95 Klaus Hübner, Tina Jacoby Workshop 3: Bildung für eine nachhaltige Entwicklung und biologische Vielfalt im Sport 101 Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Bundesumweltminister Sigmar Gabriel Grußwort Die intakte Natur ist für Natursportler ebenso wichtig wie für Naturschützer. Ich be- grüße es deshalb, dass sich der 4. Kongress „Umwelt, Naturschutz und Sport im Dialog“ mit dem Schwerpunkt „Biologische Vielfalt und Sport“ auseinander gesetzt hat. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben die Möglichkeiten und die Grenzen einer Verbin- dung von Schutz und nachhaltiger Nutzung diskutiert und ausgearbeitet. Dies war gerade im Vorfeld der im Mai in Bonn stattfindenden 9. Vertragsstaatenkonferenz des Überein- kommens über die biologische Vielfalt und vor dem Hintergrund der von der Bundesre- gierung verabschiedeten Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt ein Anliegen, das die Zusammenarbeit zwischen Sport und Natur- schutz stärken sollte. Der Erhalt der biologischen Vielfalt stellt eine ebenso große globale Herausforderung dar, wie die Bewältigung des Klimawandels. Er ist existenziell für die Menschheit. Täglich gehen Arten, Lebensräume und genetische Ressourcen verloren. Wenn wir so weiter ma- chen wie bisher, gefährden wir unsere eige- ne Existenzgrundlage und löschen damit die Festplatte des Betriebssys- tems Erde. Unser Umgang mit der Ressource Natur muss deshalb rücksichtsvol- ler werden. Hierfür möchten wir Sportlerinnen und Sport- ler sensibilisieren. Ich sehe den Kongress als Teil unserer Kampagne über die Bedeutung der biolo- gischen Vielfalt für unser Le- ben. Sie findet ihren Höhe- punkt mit der Naturschutzkonferenz im Mai 2008. Ich danke dem Beirat für Umwelt und Sport beim Bundesumweltministerium für die Initiative zu der diesjährigen Konferenz und der Deutschen Sporthochschule in Köln für die erfolgreiche Durchführung. Sigmar Gabriel Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, Bundesumwelt- minister © INOEK / BMU / BfN Walter Schneeloch, Vizepräsident Breitensport/Sportentwicklung des Deutschen Olympischen Sportbundes Willkommen Sehr geehrter Herr Lauterwasser, sehr geehrter Herr Professor Roth, sehr geehrte Kongressteilnehmer, sehr geehrte Damen und Herren, zunächst darf ich das Bundesumweltminis- terium, das Bundesamt für Naturschutz und die Deutsche Sporthochschule zur Kontinuität der Kongressreihe „Umwelt, Naturschutz und Sport im Dialog“ beglückwünschen. Ich darf zugleich den Veranstaltern für die Einladung danken und Ihnen allen die besten Grüße des Präsidiums des Deutschen Olympischen Sportbundes und seines Präsidenten, Dr. Tho- mas Bach, überbringen. Ich darf darüber hinaus den Veranstaltern gratulieren, dass Sie mit dem Thema „Biolo- gische Vielfalt und Sport“ einen ebenso aktu- ellen wie wichtigen Aspekt aufgreifen, denn die Sportpraxis bedarf der theoretischen Be- gleitung und politischen Weichenstellung auch in diesem Themenkomplex. Deshalb ist die Beteiligung des DOSB an diesem Kongress mehr als eine Pflichtübung. Experten aus Wissenschaft, Politik und Sport werden Sie an beiden Kongresstagen umfassend über die Chancen einer nachhal- tigen sportbezogenen Entwicklung, über Na- tura 2000 und Sport oder über Grünflächen- entwicklung informieren. Ich werde nicht der Versuchung erliegen, den Rednern und Referenten vorzugreifen. Gestatten Sie mir je- doch, zu Beginn drei Aspekte hervorzuheben, die dem Deutschen Olympischen Sportbund besonders wichtig sind: Erstens: Ich darf zunächst einen uns be- kannten und doppelten Perspektivenwechsel in Erinnerung rufen: Zum einen hat sich das Verhältnis von Sport und Umwelt und seiner Akteure deutlich verbessert. Während bei der Konferenz hier in Köln im Jahr 2002 noch auf ein „schwieriges und konfliktbeladenes Wechselspiel“ verwiesen wurde, gehen wir seit vielen Jahren schon gemeinsame und immer gemeinsamere Wege. Die Sportorga- nisationen unter dem Dach des DOSB, die staatlichen Umweltakteure mit dem Umwelt- ministerium an der Spitze und die Umwelt- und Naturschutzverbände sind regelmäßig im Dialog, stimmen sich ab und gestalten zunehmend gemeinsam die nicht geringer werdenden umwelt- und klimapolitischen Herausforderungen. Ich darf an dieser Stelle dem Beirat „Umwelt und Sport“ beim BMU und seinem Vorsitzenden Herrn Erwin Lauter- wasser für die vielfältigen Impulse für diese Entwicklung danken. Der andere Perspektivenwechsel betrifft die Betonung ganzheitlicher Nachhaltigkeits- ansätze im Sport, die zunehmend an die Stel- le des reinen Umweltschutzes treten. Die IOC Umweltkonferenz vor wenigen Monaten an der auch Prof. Dr. Franz Brümmer teilgenom- men hat, hat deutlich gemacht, dass dieser Perspektivenwechsel acht Jahre nach der Ver- Willkommen Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN öffentlichung von IOC und UNEP zu „Agenda 21 for Sport and Environment“ im interna- tionalen Sport eingeleitet und unumkehrbar geworden ist. Diese beiden Grundpositionen bilden, zweitens, die Folie für unser gemeinsames Handeln. Ich habe den Eindruck, dass mit der Gründung des Deutschen Olympischen Sport- bundes im Hinblick auf die Kooperation zwi- schen Umwelt und Sport nicht nur nahtlos an die Aktivitäten der Vorgängerorganisationen des DOSB angeknüpft wurde, sondern dass vielfältige neue Impulse von beiden Seiten er- kennbar sind. Entsprechend der eingangs er- läuterten Perspektivenwechsel sollten Sport- verbände, staatlicher Umwelt- und Natur- schutz sowie die entsprechenden Verbände nicht nur den Interessenausgleich verbessern, sondern noch stärker kooperieren, wenn es darum geht, durch geeignete Projekte und Maßnahmen mit dem Medium Sport die umweltpolitischen Herausforderungen kon- kret zu gestalten und die flächendeckenden Netzwerke unserer 91.000 Vereine ebenso aktiv für das Thema Nachhaltigkeit zu gewin- nen wie unsere über 27 Millionen Mitglieder in unseren Sportvereinen. Ich bekräftige die Bereitschaft und den Willen des Deutschen Olympischen Sportbundes, hieran tatkräftig mitzuwirken. Die Sportvereine sollten noch stärker die Prinzipien der Nachhaltigkeit und des Umweltschutzes in ihre Programmatik aufnehmen. Und gleichzeitig gibt es kaum ein besseres Medium für eine zeitgemäße und bürgerorientierte Umweltpolitik als den Sport. Dies gilt für die wichtige Arbeit im Vereins- und Breitensport ebenso wie für herausra- gende Vorhaben mit gesamtgesellschaftlicher Bedeutung wie z. B. die Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2018 in München. Ich darf an dieser Stelle auf die vielen konkreten Ak- tivitäten des DOSB und sei- ner Mitgliedsorganisationen verweisen, von denen wir einige Projekte mitgebracht haben und die wir in der Posterausstellung im Foyer darstellen. In etwas mehr als zwei Monaten findet in Bonn die UN-Konferenz zur biolo- gischen Vielfalt statt – hier leisten wir mit unserer Sport- jugend und in Kooperation mit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt einen Beitrag – ich darf Sie auf den Wettbewerb „Entdecke die Vielfalt“ hinweisen. Erlauben Sie mir, drittens, noch einige abschließende Anmerkungen aus aktuellem Anlass: Das Bundesnaturschutzgesetz 2002 ist ein gutes Beispiel für einen gelungenen Ausgleich zwischen den Interessen des Sports und des Natur- und Landschaftsschutzes. Wir alle wissen, dass derzeit an einem Umwelt- gesetzbuch gearbeitet wird. Die vorgesehene Novellierung des Naturschutzrechts darf un- ter keinen Umständen hinter diesen Status zurückfallen. Der umweltverträgliche Sport ist ein Mehrwert für Natur, Landschaft und die Bürgerinnen und Bürger gleichermaßen. Er sollte daher als abweichungsfester Grund- satz in der Zielbestimmung des Umweltge- setzbuches verankert werden. Darüber hin- aus könnten wir uns noch eine Reihe weiterer Präzisierungen im UGB wünschen, haben dies bereits im bisherigen Verfahren deutlich ge- macht und werden uns auch weiterhin aktiv an der Gestaltung des UGB beteiligen. Meine Damen und Herren, ich gehe da- von aus, dass der fünfte Kongress im Jahr Walter Schnee- loch, Vizeprä- sident Breiten- sport/Sport- entwicklung des Deutschen Olympischen Sportbundes 10 © INOEK / BMU / BfN 2010 erneut hier in Köln stattfinden wird. Ich würde mich freuen, wenn wir unsere Zu- sammenarbeit auch auf dieses Kongressfor- mat und über das bestehende Maß hinaus ausdehnen könnten. Wir bringen hier gerne das Leistungsspektrum und die Potenziale des Vereins- und Verbandssports unter dem Dach des DOSB aktiv ein. Ich wünsche Ihnen, den Kongressteilneh- merinnen und -teilnehmern viele positive Ein- drücke und Kontakte sowie interessante Dis- kussionen und gute Kongressergebnisse, die zukunftsweisende Weichenstellungen nach sich ziehen mögen. Vielen Dank. Willkommen 11Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Erwin Lauterwasser, Vorsitzender des Beirats für Umwelt und Sport Einführung Sehr geehrte Damen und Herren, nachdem Frau Staatssekretärin Klug leider verhindert ist, fällt es mir als dem Vorsitzen- den des Beirats Umwelt und Sport zu, Sie mit ihren Überlegungen vertraut zu machen und den 4. Kongress „Umwelt, Naturschutz und Sport im Dialog“ zu eröffnen. Zunächst gilt der herzliche Dank Herrn Prof. Roth und seinen Mitarbeitern für die Organisation und Durchführung des Kongresses. Der Beirat für Umwelt und Sport beim Bundesumweltmi- nisterium ergriff erneut die Initiative zur Fort- setzung des Dialogs Umwelt - Naturschutz – Sport in der Reihe von Kongressen, die 2002 erfolgreich begann und allgemein dem Dialog über Umwelt, Naturschutz und Sport gewidmet war. 2004 wurde der Schwerpunkt auf Sport in Schutzgebieten gelegt und dabei die Ver- ankerung des Sports in der Naturschutzge- setzgebung und die Verbesserung des Sport- und Umweltmanagements in Schutzgebieten diskutiert. Der Kongress im Jahr der Fußball- WM (2006) hatte die Verantwortung für die Umwelt bei Sportgroßveranstaltungen zum Fokus. Dabei wurde dargestellt, welche Um- weltbelange bei der Durchführung von Sport- großveranstaltungen berücksichtigt werden können und müssen und wie sich besonders der Sport eignet, mit dem hohen Sympathie- wert seiner Veranstaltungen in allen Bevölke- rungsschichten hervorragend für einen rück- sichtsvollen Umgang mit der Umwelt und ih- rer Ressourcen einzutreten und zu werben. Im Rahmen des heute und morgen stattfindenden 4. Kongresses werden wir uns vor allem mit der Frage befassen: Wie können wir den Erhalt der biologischen Vielfalt mit nachhaltiger Nutzung durch den Sport verbinden? Dieser Themenschwer- punkt ist nicht zufällig gewählt. Der diesjährige Kongress steht vielmehr in einem direkten Zusammenhang zu der im Mai in Bonn statt- findenden 9. Vertragsstaatenkonferenz zum Übereinkommen über die biologische Viel- falt. Der Erhalt der biologischen Vielfalt stellt eine ebenso große globale Herausforderung dar wie die Bewältigung des Klimawandels. Und diese Frage ist genauso existenziell für die Menschheit. Leider ist sie noch nicht in dem Maße angekommen, wie dies beim Kli- mawandel inzwischen erreicht ist. Das liegt sicherlich auch daran, dass der Verlust bio- logischer Vielfalt anders als der Klimawan- del nicht durch Extremereignisse wie Stür- me, Hochwasser und Hitzeperioden, spür- bar wird. Es handelt sich vielmehr um einen schleichenden Prozess, der in einer breiteren Öffentlichkeit bisher kaum wahrgenommen wird. Die Naturschutzkonferenz im kommen- den Mai wird deshalb auch zum Anlass ge- Erwin Lauter- wasser, Vorsit- zender des Bei- rats für Umwelt und Sport 12 © INOEK / BMU / BfN nommen, eine Kampagne über die Bedeu- tung der biologischen Vielfalt für unser Leben zu starten. Und dieser Kongress ist Teil dieser Kampagne. Im vergangenen Jahr machte die Deutsch- landtour „Unterwegs für Vielfalt“ in 16 Städ- ten auf den Wert und den Nutzen der bio- logischen Vielfalt aufmerksam. Biologische Vielfalt ist ein Garant dafür, dass das kom- plexe System Erde funktioniert und auch wei- ter funktionieren kann. Diese Botschaft wur- de direkt in die Fußgängerzonen der Städte transportiert. Im Augenblick fährt der Zug aber leider in eine andere Richtung: Täglich gehen Arten, Lebensräume und genetische Ressourcen verloren. Bundesumweltminister Gabriel be- schreibt diesen Vorgang mit einem Vergleich: Wenn wir so weiter machen wie bisher, ge- fährden wir unsere eigene Existenzgrundlage und löschen damit die Festplatte des Betriebs- systems Erde! Die Leistungen der Ökosysteme für sau- bere Luft, Trinkwasserqualität, ertragreiche Böden und vieles mehr sind in ihrem genauen ökonomischen Wert schwierig zu berechnen. Eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 1997 hat aber immerhin eine Schätzung des jährlichen Nutzens der gesamten Ökosysteme der Welt vorgelegt, die sich zwischen 16 und 64 Billionen US Dollar bewegt. Etwas genauer lässt sich der jährliche Marktwert der aus den genetischen Res- sourcen abgeleiteten Produkte beziffern, der zwischen 500 und 800 Milliarden US Dollar beträgt. Mit dem Aussterben von Arten, der Entwertung der Ökosysteme und der Einen- gung der genetischen Vielfalt sinkt dieser Nutzen dramatisch. Ein Beispiel hierfür ist die Überfischung der Meere. Wenn durch ruinöse Fischerei Fischbestände an den Rand des Aus- sterbens gedrängt werden, dann wird schließ- lich auch die Fischereiindustrie an den Rand ihrer wirtschaftlichen Existenz kommen. Die Staatengemeinschaft hat eine signifi- kante Reduzierung des aktuellen Rückgangs der biologischen Vielfalt bis 2010 beschlos- sen. Auch Deutschland hat sich diesem Ziel verpflichtet und hierzu eine nationale Stra- tegie zur biologischen Vielfalt vorgelegt, die das Bundeskabinett am 7. November 2007 verabschiedet hat. Die Strategie stellt ein konsistentes System von Visionen, konkreten Qualitäts- und Handlungszielen meistens mit genauen Zieljahren und konkreten Maßnah- men zur Erreichung der Ziele dar. Insgesamt enthält die Strategie rund 330 Ziele und rund 430 Maßnahmen zu allen für die Biodiversität relevanten Themen. Dazu gehören auch Sport und Erholung. Menschen erleben dabei den Wert der bio- logischen Vielfalt ganz nah. Sport und Erho- lung sind angewiesen auf intakte Natur und lebenswerte Landschaft. Die nationale Stra- tegie zur biologischen Vielfalt hebt deshalb diese Vision hervor: die Bedeutung der Erho- lung in Natur und Landschaft für das Wohl- befinden und die physische und psychische Gesundheit der Menschen. Sport und Erho- lung sind zudem gute Beispiele dafür, dass sich der Schutz von Natur und Landschaft nicht auf ländliche Räume beschränken darf. Eines der Ziele der Strategie sieht deshalb vor, bis 2020 siedlungsnahe, qualitativ hochwer- tige Erholungsgebiete in ausreichendem Um- fang zu schaffen: barrierefrei, d. h. auch für Menschen mit einem Handikap nutzbar, mit guten ÖPNV Verbindungen und schlüssigen Einführung 13Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Besucherlenkungskonzepten. Ein anderes Ziel lautet, die Anzahl von Regionalparks und Frei- raumverbünden im Umfeld von großen Städ- ten deutlich zu erhöhen. Millionen Menschen treiben in Deutsch- land regelmäßig Sport im Freien oder erholen sich beim Spazierengehen in der Natur. Das darf nicht nur denjenigen vorbehalten sein, die auf dem Lande wohnen. Auch die in un- seren Städten wohnenden Bürger und Bürge- rinnen haben ein Recht auf Sport und Erho- lung in Natur und Landschaft. Trotzdem ma- chen wir immer häufiger die Erfahrung, dass Vorranggebiete für Naturschutz und Erholung in Ballungsräumen wirtschaftlichen Interessen weichen müssen. Dies ist eine kurzsichtige Kommunalpolitik. Eine Online-Umfrage der kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwal- tungsmanagement ergab im Jahr 2004, dass für 98 Prozent aller Stadtbewohner Grün- und Parkanlagen sehr wichtig sind. Städte, die über ausreichende Grünflächen verfügen, haben deshalb im Wettbewerb um Standort- qualität ganz klar Vorteile. Das Bundesumweltministerium fordert von den Kommunen die Schaffung von Na- turerlebnis- und Bewegungsräumen in sied- lungsnahen Bereichen und unterstützt dieses Ziel aktuell durch die Herausgabe eines Leitfa- dens, der von der Deutschen Sporthochschu- le erarbeitet wurde. Dies gibt den Kommunen ein Handlungskonzept für das Management von Bewegungsräumen in der Stadt an die Hand, und es ist zu wünschen, dass dies als Hilfe bei der Schaffung entsprechender Frei- flächen verstanden wird und kommunales Handeln dem entsprechend beeinflusst. Dieses Beispiel steht aber auch für eine moderne Naturschutzpolitik, die den Schutz der Biodiversität mit nachhaltiger Nutzung verbindet. Sportler und Erholungssuchende, die eine intakte Natur und Landschaft zu schätzen wissen, sind Verbündete des Natur- schutzes. Solche Verbündete sind von Nöten, wenn die Visionen und Ziele der Nationalen Strategie für biologische Vielfalt umgesetzt werden sollen. Das wird nur gehen, wenn staatliche und nicht-staatliche Akteure gemeinsam daran ar- beiten. Ein paar Maßnahmen, die nicht-staat- liche Akteure im Bereich des Sports ergreifen können, seien genannt: An erster Stelle ist die Erarbeitung von Konzepten zur naturverträglichen Sportausübung zu nennen, die z.B. in Zu- sammenarbeit von Sportverbänden und Naturschutzverbänden entwickelt werden können. Auch der Sport kann Umweltmanage- mentsysteme wie EMAS oder das Skige- biets-Audit einsetzen. Die Sportartikelbranche sollte auf die Dar- stellung Natur schädigender Nutzungs- formen in ihrer Werbung verzichten. Naturschutzziele können bei der Planung von Sportanlagen, wie z. B. Golfplätze oder Segelfluggelände, frühzeitig berück- sichtigt werden. Solche Anlagen können oft ohne großen Aufwand bei der Schaf- fung von Trittsteinen für einen Biotopver- bund genutzt werden. Bildungsangebote im Sport sollten häu- figer mit Umweltbildungsangeboten kom- biniert werden. Diese Auswahl zeigt schon, wie vielfältig die Möglichkeiten sind. Aber auch die staatli- chen Akteure sind gefragt. Dazu gehört, dass die Bundesregierung ein Mal pro Legislatur- 14 © INOEK / BMU / BfN periode über die Umsetzung der Strategie und den Grad der Zielerreichung berichten wird. Viele Ziele sollen in nicht zu weiter Fer- ne realisiert werden; Verzug und Nachlassen der Anstrengungen darf es nicht geben! Deshalb wurde unmittelbar nach Verab- schiedung der Strategie durch das Bundes- kabinett mit der Umsetzung begonnen und im Dezember 2007 ein Follow up–Prozess sowohl mit nicht-staatlichen wie mit staatli- chen Akteuren eingeleitet. Auftakt war das 1. Nationale Forum zur biologischen Vielfalt am 5./6. Dezember 2007 in Berlin, dem insgesamt sieben Regionalforen in der Zeit von Januar bis Juni 2008 folgen. Die Regionalforen kon- zentrieren sich jeweils auf ein zentrales The- ma der nationalen Strategie und tragen den Strategieprozess in die verschiedenen Teile Deutschlands. Mit diesen Veranstaltungen soll die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt weiten Akteurskreisen und in allen Re- gionen Deutschlands bekannt gemacht und zur Mitwirkung bei der Umsetzung der Stra- tegie eingeladen und motiviert werden. Bei den Regionalforen diskutieren hochrangige Vertreter und Vertreterinnen aus Bund und Ländern, aus Politik, Verwaltung und Verbän- den, kommunale Vertreter aus der Region, re- gionale Akteure aus Politik, Naturschutz und Naturnutzung sowie Expertinnen und Exper- ten zum jeweiligen Thema miteinander. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben Gele- genheit, ihre Wünsche zum Umsetzungspro- zess mitzuteilen. Informationen über geplante Projekte und Maßnahmen der verschiedenen Akteure zur Umsetzung der Nationalen Biodi- versitätsstrategie werden gesammelt. Die Er- gebnisse aller Regionalforen werden in einer Veröffentlichung zusammengefasst und beim 2. Nationalen Forum zur biologischen Vielfalt im Herbst 2008 diskutiert. Mit der Bedeutung der biologischen Viel- falt für Sport und Erholung und den Wir- kungen dieser Nutzungen auf die biologische Vielfalt wird sich dieser Kongress heute und morgen befassen. Im Herbst wird eine ähn- liche Veranstaltung diese Wechselwirkungen im Themenfeld Tourismus beleuchten. Wan- dern, Joggen, Spazieren gehen, Kanu fahren, Segeln, Rudern oder einfach nur das stille Naturerlebnis ist vor allem dort besonders attraktiv, wo es in schöner Umgebung aus- geübt werden kann, und dafür wiederum ist die biologische Vielfalt eine Grundvoraus- setzung. Sowohl für den Tourismus als auch für den Natursport stellt die natürliche und landschaftliche Vielfalt eine Ressource dar, die nicht selbstverständlich ist und die wir vor Übernutzung schützen müssen. In den kommenden zwei Tagen werden Sie zu diesen Fragestellungen sehr interes- sante Beiträge und zahlreiche Ideen hören. Alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind herzlich eingeladen, mit den nationalen und internationalen Experten zu diskutieren und den Umsetzungsprozess zur Erhaltung der bi- ologischen Vielfalt insbesondere im Kontext mit sportlicher Aktivität nach Kräften zu un- terstützen. Meine Damen und Herren, ich wünsche dem Kongress einen guten Verlauf. Einführung 15Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Stellungnahme des Beirats für Umwelt und Sport beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Biologische Vielfalt und Sport – Chancen einer nachhaltigen Entwicklung Der Beirat für Umwelt und Sport erkennt die großen Leistungen an, die seitens des Na- turschutzes und der Sportverbände in den letzten Jahren für ein erfolgreiches Mitein- ander vollbracht wurden. Zahlreiche Verein- barungen und Kooperationen auf regionaler und lokaler Ebene zeigen, dass eine verant- wortliche und nachhaltige Nutzung der na- türlichen Ressourcen für Sport und Erholung auch in einem bevölkerungsreichen Land wie Deutschland möglich ist. Der Beirat begrüßt ausdrücklich die mit der Novellierung des Bundesnaturschutzge- setzes gemachten Fortschritte bei der Ein- bindung des Sports und der Erholung in die Naturschutzgesetzgebung. Der Beirat fordert eine konsequente Übernahme in das Um- weltgesetzbuch und in die entsprechenden Ländergesetze. Fast überall auf unserer Erde ist Leben, und das Geheimnis dieses Erfolges heißt Viel- falt: Je mehr Arten und genetische Vielfalt es gibt, desto größer ist die Chance der Anpas- sung an neue Bedingungen und des Überle- bens. Deshalb muss alles getan werden, um die biologische Vielfalt zu erhalten und zu schützen! Doch diese Vielfalt ist bedroht! Besonders augenfällig leiden die biologische Vielfalt und das Bewegungs- und Erholungsangebot unter dem Verlust oder der Zerschneidung von Le- bensräumen in siedlungsnahen Gebieten, wo Möglichkeiten prägender Naturerfahrungen zunehmend knapper werden. Dieser Verlust ist damit nicht nur eine Gefahr für die biolo- gische Vielfalt, sondern auch eine Bedrohung der Gesundheit, der Lebensqualität und der Ausprägung einer regionalen Identität. Der Beirat sieht in der Wirtschaftsweise und dem Lebensstil unserer Gesellschaft eine weitere wesentliche Ursache für den Rück- gang der biologischen Vielfalt und damit die Bedrohung heimischer Tier- und Pflanzen- arten. Dies ist nicht nur ein ökologisches oder ökonomisches Problem. Es spiegelt eine sozi- ale und kulturelle Entfremdung großer Teile der Gesellschaft von Werten wie Heimat oder natürlicher Lebensgrundlage wider. Biologische Vielfalt ist für viele Menschen ein Begriff geworden, dem zwar ein abstrak- ter Wert zugeordnet wird, der aber gerade in Ballungsräumen nicht mit der Erhaltung von Natur und Landschaft als unverzichtbare Le- bensgrundlage verbunden wird. Ein weiterer Verlust an geeigneten Lebensräumen und der damit verbundene Artenrückgang sind nicht hinzunehmen. Der Beirat unterstützt daher die Kampagne der Naturallianz zur biologischen Vielfalt und fordert die Sport- verbände und Sportvereine auf, noch stärker Prinzipien der Nachhaltigkeit und damit auch Ziele der Erhaltung der biologischen Vielfalt und Schutz in ihre Programmatik aufzuneh- 16 © INOEK / BMU / BfN men und so zur Vorbildfunktion des Sports beizutragen. Der Beirat für Umwelt und Sport fordert im Einklang mit der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt die Sicherung und Aus- weisung siedlungsnaher Flächen für Sport und naturnahe Erholung. Dabei muss es ganz besonders auch um die naturverträgliche Ent- wicklung und Aufwertung solcher Flächen gehen, um räumliche Konflikte bei einer Un- terversorgung mit naturnahen Erholungsräu- men zu entschärfen. Bewegung, Gesundheit und Sport sind als Schlüsselthemen in Parken und Schutzgebie- ten von erheblichem Belang für die Bevölke- rung. Der Beirat stellt fest, dass Natura 2000 (FFH)-Gebiete einen wesentlichen Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt leisten. In zahlreichen Natura 2000 - Gebieten sind Sport und Erholung relevante und traditi- onelle Nutzungen. Der Beirat befürwortet daher die Erarbeitung von Managementkon- zepten für naturverträglichen Sport und Er- holung, welche die Schutzziele der FFH- und Vogelschutzrichtlinie berücksichtigen. Alle Angebote müssen sich an der ökologischen und sozialen Tragfähigkeit ausrichten. Partizi- pation der betroffenen Nutzergruppen ist der Schlüssel für die Akzeptanz von FFH-Manage- mentplänen. Runde Tische stellen dabei ein bewährtes Mittel dar, Sport und Erholungs- nutzungen an den Planungen und deren kon- kreten Umsetzung zu beteiligen. Der Beirat fordert die Naturschutzverbän- de, den behördlichen Naturschutz und die Sportverbände auf, gemeinsam die Chancen zu nutzen, die sich aus der Verbindung von sportlicher Betätigung in der Natur sowie den Inhalten und Methoden der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ergeben. Effektives Management von Sport und Erholung in Schutzgebieten braucht ein klares Bekenntnis zum integrativen Naturschutz, eine solide Da- tengrundlage und geeignete Methoden. Biologische Vielfalt und Sport – Chancen einer nachhaltigen Entwicklung 17Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Beirat für Umwelt und Sport beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Prof. Dr. Franz Brümmer Ministerialrat Harald Jendrike Erwin Lauterwasser Prof. Dr. Ralf Roth Michael Stoldt Pia Kremer Klaus Hübner Regierungsdirektor Torsten Kram Helmut Opitz Prof. Dr. Christian Schrader Silva Voss Prof. Dr. Karl-Heinz Erdmann Regierungsdirektor Dr. Gordo Jain Kuratorium Sport und Natur Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft Internationaler Skiverband (FIS) Umweltbe- auftragter Deutsche Sporthochschule Köln Institut für Natursport und Ökologie Deutscher Seglerverband Bundesministerium des Innern Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V. Ministerium für Umwelt, Forsten und Ver- braucherschutz, Rheinland – Pfalz Vizepräsident Naturschutzbund Deutschland Fachhochschule Fulda, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften Bund Umwelt und Naturschutz Deutschland Bundesamt für Naturschutz Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit 18 © INOEK / BMU / BfN Kurzvita – Kari Lahti Kari Lahti Superintendent, Oulanka National Park METSÄHALLITUS, Natural Heritage Services, Ostrobothnia Torangintaival 2, 93600 Kuusamo http://www.metsa.fi Kurzvita Kari Lahti, Jahrgang 1965 und studierter Botaniker, ist als Parks Superintendent Ostrobothnia/ Nordfinnland Direktor und „Team-Leader“ des Oulanka und des Riisitunturi Nationalparks sowie zweier großer Naturreservate. In seinen Verantwortungsbereich fällt das operative Management aller Einrichtungen der Schutzgebiete (einschließlich dreier Besucherzentren) sowie Budget- und Finanzmanagement. Eines seiner aktuellen Projekte und auch eines der bedeutendsten Pro- jekte der Region, ist die grenzübergreifende Zusammenarbeit der „Zwillingsparks“ Oulanka in Finnland und Paanajärvi in Russland. 2007 war Kari Lahti als „Program Officer“ im IUCN Head Quarter in Gland tätig und wurde für diese Zeit von seinem Arbeitgeber „Metsähallitus Natural Heritage Service (NHS)“ freigestellt. Bei der IUCN war er mitverantwortlich für die Wei- terentwicklung des „CBD Program on Protected Areas“ und der „Protected Area Management Categories“. Zudem bereitete er den „World Conservation Congress 2008“ und das „World Protected Area Leadership Forum“ vor. Seine berufliche Erfahrung auf dem Gebiet des Ma- nagements von Großschutzgebieten sammelte er als Customer Service Manager des Metsähal- litus Natural Heritage Service, Managing Director eines Besucherzentrums in Liminganlahti bay, Projektmanager bei der Entwicklung eines nachhaltigen Naturtourismus im Oulanka-Paanajärvi Gebiet (Interreg III C Projekt) sowie als Tourguide in Finnland, Estland und Norwegen. Darüber hinaus war er zweieinhalb Jahre als Redakteur für Natursendungen beim finnischen Fernsehen beschäftigt. 19Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Kari Lahti Schutzgebiete als Zielregion mit Erholungs- und Freizeitwert Metsähallitus, Natural Heritage Services (NHS), Finnland Überblick Es besteht zunehmender Bedarf an einer umfassenden Erschließung und Nutzung der gesamten Bandbreite an Leistungen, die in Schutzgebieten angeboten werden können. Hieraus ergeben sich Herausforderungen hin- sichtlich der grundlegenden Zielsetzung des Naturschutzes, nämlich der Erhaltung der biologischen Vielfalt. Das Management von Schutzgebieten sollte den hierdurch entste- henden Druck sehr viel öfter als potentielles Hilfsmittel erkennen, um die Unversehrtheit und den Erhaltungswert der Schutzgebiete zu sichern, d. h. dieser Druck sollte nicht nur als Herausforderung, sondern auch als eine Chance betrachtet werden. Die freizeitbezogene Nutzung von Schutz- gebieten lässt sich in zwei grundlegende An- sätze aufteilen: Nutzung durch die Bevölke- rung vor Ort und touristische Nutzung. Die Nutzung durch die Bevölkerung vor Ort ist in stadtnahen Schutzgebieten intensiv, die tou- ristische Nutzung konzentriert sich eher auf Schutzgebiete in ländlichen Gebieten. Insbe- sondere in Regionen, in denen der Tourismus einen Motor für die lokale Wirtschaft darstellt oder darstellen könnte, müssen die Schutz- gebiete in der Lage sein, die mit ihnen ver- bundenen Vorteile und Leistungen für die Re- gionalentwicklung nach außen darzustellen. Das Management von Schutzgebieten sollte einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, dass die „herkömmliche“ Entwicklung einer Tou- rismusdestination in die Entwicklung einer umweltfreundlichen Zielregion umgewandelt wird, bei der die nachhaltige Nutzung von Flä- chen und Ressourcen im Vordergrund steht. Die folgenden Faktoren nehmen maßgeb- lichen Einfluss auf den Erfolg einer derartigen Strategie: die Fähigkeit, die vielfältigen Vor- teile darzustellen, die Schutzgebiete zu bieten haben, die Fähigkeit, partizipative Strategien zu entwickeln sowie schließlich die Fähigkeit und das Engagement, die verfügbaren Ver- fahren und Hilfsmittel zu nutzen, um diese Strategien auf allen Ebenen sowohl vertikal als auch horizontal umzusetzen. 1. Hintergrund: Traditionell bieten Schutzgebiete dem Be- sucher ein besonderes Erlebnis für Körper und Geist. Schutzgebiete werden zunehmend als Orte der körperlichen Regeneration und folg- lich der Förderung der mentalen Gesundheit und Ausgeglichenheit wahrgenommen, da in städtischen Gebieten nur in sehr begrenztem Abb. 1: Eine „umweltfreund- liche Tourismus- destination“: Flusslauf des Oulankajoki im Nationalpark Oulanka in Nordostfinnland. Foto: Metsähal- litus 20 © INOEK / BMU / BfN Schutzgebiete als Zielregion mit Erholungs- und Freizeitwert Umfang Naturräume zur Verfügung stehen. Der Druck, der sich aus dem zunehmenden Bedarf an einer Mehrfachnutzung von Schutzgebieten ergibt, nimmt daher zu, und es zeichnen sich Folgen und Chancen ab. Es gibt verschiedene Gefahren, die spe- ziell mit den steigenden Besucherzahlen in Schutzgebieten zusammenhängen. Daher ist es von größter Bedeutung, diese Gefahren zu erkennen und gründlich zu analysieren, bevor freizeit-/tourismusbezogene Strategien und vergleichbare Ansätze entwickelt werden. Konzepte wie die LAC (Limits of Acceptable Changes – Grenzen akzeptierter Verände- rungen), mit denen die Auswirkungen einer freizeitbezogenen Nutzung gemessen wer- den, sind unabdingbar, da das vorrangige Ziel eines Schutzgebiets nach wie vor darin besteht, die biologische Vielfalt sowie andere Naturschätze des Schutzgebiets zu schützen. Die Vorteile, die Schutzgebiete für das Leben auf der Erde bieten, umfassen ökolo- gische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Elemente. Die freizeitbezogene Nutzung der in Schutzgebieten verfügbaren Leistungen nimmt für viele dieser Elemente eine zentrale Rolle ein. Bei Diskussionen über die Beziehung zwi- schen Freizeit und Erholung einerseits und Schutzgebieten andererseits sind zwei grund- legende Ansätze zu berücksichtigen. Die Her- ausforderungen an das Management von Schutzgebieten und die praktische Umset- zung unterscheiden sich in Abhängigkeit von den folgenden Ausgangssituationen grundle- gend: 1. Befindet sich das Schutzgebiet in der Nähe eines städtischen Gebiets, besteht die größte Herausforderung oft darin, die Ergebnisse der Erhaltungsbestrebungen vor den Auswirkungen der oft immensen Nutzungsintensität zu schützen, die häu- fig mit illegalen Aktivitäten wie Vandalis- mus oder einer nicht erholungsbezogenen Nutzung einhergeht. 2. Liegt das Schutzgebiet in einer ländlichen Region oder in einem entlegenen Gebiet, in der/dem die Bevölkerung und/oder Un- ternehmen vor Ort auf die vom Schutzge- biet erbrachten Ökosystemdienstleistun- gen angewiesen sind, besteht die größte Herausforderung für das Management des Schutzgebiets darin, die Erhaltungs- ziele zu erreichen und gleichzeitig die Be- völkerung vor Ort zu unterstützen sowie negative Einflüsse zu vermeiden. 2. Erholung in Schutzgebieten als Motor wirtschaftlicher Entwicklung für die lokale Bevölkerung Die Tourismusindustrie im Allgemeinen und der naturnahe Tourismus im Besonderen Abb. 2: Eine „umweltfreund- liche Tourismus- destination“: der Braunbär, endemischer Bewohner des Nationalparks Oulanka. Foto: Jari Peltomäki 21Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN gehören heute zu den wichtigsten Antriebs- kräften für die Wirtschaft (in 2004 verzeich- nete der Tourismussektor international ein Wachstum von 10%) und erzeugen erhebliche direkte wirtschaftliche Vorteile für die Volks- wirtschaften der meisten weniger entwickel- ten Länder. Dieses Wachstum ist zu einem großen Teil auf das zunehmende Interesse an Abb. 3: 1. Die Erhaltung wertvoller Biome, Ökotypen, Wälder, Korallenriffe, Arten, Regionen, Landschaften usw. erfordert Schutzmaßnahmen sowie ein Verständnis der ihr zugrunde liegenden ökologischen Nachhaltigkeit. 2. Auf globaler Ebene besteht eines der grundlegenden Elemente der Erhaltung von Natur darin, die mit Schutzge- bieten verbundenen Chancen und Risiken gleichermaßen zu erkennen und zu verstehen. 3. Umweltrisiken wie Klimawandel, invasive Arten, Umweltverschmutzung usw. sind extrem wichtige, leicht er- kennbare Probleme, während die sozioökonomischen Risiken weniger offensichtlich sind. 4. Mit dem Naturschutz verbundene sozioökonomische Risiken wie zunehmende Armut, unzureichender Vorteils- ausgleich oder geringere Zufriedenheit der Bevölkerung vor Ort, die illegale Aktivitäten sowie eine feindselige Stimmung in der Bevölkerung mit sich bringen, sind negative Einflüsse auf Schutzgebiete und ihr nachhaltiges Management, die besonders schwer zu überwinden sind. 5. Das Management von Schutzgebieten muss die verfügbaren Hilfsmittel und bereits gemachten Erfahrungen im Hinblick auf sozioökonomische Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und fairen Vorteilsausgleich in die tägliche Arbeit integrieren und Wege für eine Unterstützung der Bevölkerung vor Ort erschließen, um das Element zu erzeugen, das den Schlüssel zum Erfolg bildet – ein POSITIVES UMFELD. 6. Ein POSITIVES UMFELD erzeugt Chancen und löst Probleme. Ökosystemdienstleistungen wie „Erholungsange- bote“ und „Angebote zur Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden“ können als indirekte Vorteile und Leistungen von Schutzgebieten bezeichnet werden, da sie in den meisten Fällen ein aktives Management und damit ein Eingreifen des Menschen erfordern. Erholungsangebote sind Schutzgebietsleistungen, über die der Besucher Zugang zu Abenteuererlebnissen, Naturerfahrung, neuen Fähigkeiten usw. erhält. Angebote zur För- derung von Gesundheit und Wohlbefinden sind Leistungen, die sich stärker auf einen positiven Einfluss auf die menschliche Gesundheit konzentrieren. 7. Um die für eine nachhaltige Nutzung von Schutzgebieten gesetzten Ziele zu erreichen, ist ein Verfahren erfor- derlich, in das nicht nur das Management des Schutzgebiets, sondern alle betroffenen Parteien, die lokale Bevöl- kerung, der Tourismussektor, Behörden usw. einbezogen werden, hierin eingeschlossen wirksame Maßnahmen sowie eine umfassende Partizipation und Kooperation. 8. Am Ende der in dieser Abbildung dargestellten Maßnahmenkette kann als zentrales Ergebnis eine Tourismusdes- tination stehen, die sämtliche Kriterien einer „umweltfreundlichen Zielregion“ erfüllt. Metsähallitus 2008, K. Lahti Schutzgebiete Schutz der biologischen Vielfalt Ökologische Nachhaltigkeit 1 2 Risiken Umweltrisiken 3 Sozioökonomische Risiken Soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit Gerechtigkeit und fairer Vorteilsausgleich Lokale Wirtschaft 4 POSITIVES UMFELDChancen Ökosystemdienstleistungen Freizeit und Erholung Gesundheit und Wohlbefinden 5 6 Effektives Management Kooperation Partizipation 7 8 Umweltfreundliche Zielregion 6 22 © INOEK / BMU / BfN einem naturnahen Tourismus und somit auf steigende Besucherzahlen in Schutzgebieten zurückzuführen. Beispiele: 1. Die 50.000 Einwohner des Wildschutzge- biets Lupane in Sambia erwirtschaften aus zwei Jagdkonzessionen einen Jahresum- satz von 230.000 USD. 2. Das Maya-Biosphärenreservat in Guate- mala erwirtschaftet einen Jahresumsatz von rund 47 Mio. USD und bietet Arbeits- plätze für 7.000 Menschen. Die größten Gefahren für Schutzgebiete ergeben sich in politisch instabilen Ländern und Regionen, in denen die Finanzierung von Schutzgebieten ausschließlich von Touris- museinnahmen abhängig ist. Politische Krisen können schnell dazu führen, dass die meisten Einrichtungen mangels Besuchern und damit Einnahmen geschlossen werden. Darüber hinaus ist auch die Naturerhaltung an sich ohne eine nachhaltige Finanzierung massiv gefährdet. Die durch Schutzgebiete erzeugten Vor- teile wirken sich weit über die Gebietsgren- zen hinaus aus. Um diese Vorteile zu unter- stützen und argumentativ zu nutzen, müssen Schutzgebiete in umfassendere Strategien für nachhaltige und wirtschaftliche Entwicklung integriert werden. 3. Schutzgebiete – umweltfreundliche Tourismusdestinationen? Das Management eines Schutzgebiets muss zahlreiche Aspekte berücksichtigen, um ein adäquates Management im Hinblick auf die erholungsbezogene Nutzung und die aus einem naturnahen Tourismus erwachsenden Vorteile einzurichten. Naturerhaltung und Freizeitnutzung können mithilfe einer geeig- neten Planung erfolgreich verknüpft werden. Hierzu müssen verschiedene Schlüsselele- mente als Hilfsmittel für das Management von Schutzgebieten in der richtigen Reihen- folge kombiniert werden, um einen stabilen Prozess und solide Ergebnisse zu ermöglichen (Abbildung 3). Schutzgebiete als Zielregion mit Erholungs- und Freizeitwert Abb. 4: Schutz- gebietsnetzwerk mit hohem touristischen Entwicklungs- potential in der Region Nord- Ostrobothnien 1) Basis für eine fokussierte Planung und Ressourcenallokation. 2) Alle Aspekte einer nachhaltigen Entwick- lung müssen in diesen ausgewählten Gebieten in besonderem Maße beachtet werden. 3) Verstärktes Engagement und mehr Res- sourcen für eine Zusammenarbeit mit allen beteiligten Parteien einschließlich lokale Bevölkerung, Städte und Gemein- den, Universitäten und andere Bildungs- einrichtungen, Unternehmen im Bereich des naturnahen Tourismus, Vereine und Verbände usw. Metsähallitus 2008, K. Lahti Schutzgebietsnetzwerk mit hohem touristi- schen Entwicklungspotential in der Region Nord-Ostrobothnien 23Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN 4. Nationale Schutzgebietsnetzwerke mit hohem touristischem Entwick- lungspotential Eine nachhaltige Mittelbeschaffung und Finanzierung stellt für Schutzgebiete welt- weit eine zwingende Notwendigkeit und eine enorme Herausforderung dar. Die für Natur- schutz zuständigen Behörden und Organisati- onen sollten ermutigt werden, die touristische Entwicklung auf allen Ebenen strategisch zu planen. Wird eine derartige Planung partizi- pativ erarbeitet, ergeben sich zahlreiche Vor- teile für alle beteiligten Parteien. Das Amt für Naturschutz (Natural Heritage Services – NHS) der staatlichen Forstbehörde Metsähallitus in der Region Ostrobothnien hat ein Projekt zur Einrichtung eines „Netzwerks von Sonderschutzgebieten mit hohem touris- tischem Entwicklungspotential“ (Abbildung 4) ins Leben gerufen. Das Projekt umfasste die folgenden Maßnahmen: 1) Prüfung der vorhandenen und geplanten Tourismusstrategien der regionalen/lo- kalen Behörden, Städte und Gemeinden usw., um mögliche Überschneidungen und Lücken zwischen den Zielsetzungen des NHS und anderer Behörden zu ermit- teln. 2) Entwicklung und Einrichtung einer gemein- samen Übersicht, aus der die interessen- bezogenen Übereinstimmungen zwischen den Strategien der regionalen Behörden und des NHS im Bereich der Tourismus- entwicklung hervorgehen. 3) Integration des Konzepts „Netzwerk von Sonderschutzgebieten mit hohem touristi- schem Entwicklungspotential“ in die Regi- Abb. 5: Vom NHS entwickel- tes Modell zur Einrichtung einer stabilen Zusam- menarbeit zwi- schen dem Ma- nagement von Schutzgebieten, Behörden und anderen betei- ligten Parteien innerhalb einer Region/Desti- nation Alle beteiligten Parteien müssen das Schutzgebiet als zentrale touristische Attraktion in der Region sehen. Einigkeit darüber, dass jedwede Entwicklung der Zielregion in Übereinstimmung mit den Grundsätzen einer UMWELTFREUNDLICHEN ZIELREGION erfolgt. Naturnahe touristische Entwicklungsstrategie auf Ebene der Zielregion Strategie/Plan für eine nachhaltige Tourismusentwicklung für das Schutzgebiet Qualitätsnetzwerk Grüne Zielregion (Green Destination Quality Net, G DQN) – Zertifizierungsprogramm vorhanden Natural Heritage Services Nationale Tourismusbehörde Städte und Gemeinden Regionaler Marketingverbund Tourismusverbände Unternehmen aus Schlüsselbranchen Reiseveranstalter Regionalverwaltungen Lokale NRO Bildungssektor Voraussetzungen Gemeinsame Vision und Ziele Akteure Zusammenarbeit auf Ebene der Zielregion Zusammenarbeit lokaler Partner Formen der Zusammenarbeit von Metsähallitus NHS auf lokaler Ebene Abschluss einer Kooperationsvereinbarung zwischen lokalen Unternehmen und dem NHS Zertifizierung offizieller Führer für das Schutzgebiet (z. B. Führer Nationalpark Oulanka) Metsähallitus 2008, K. Lahti 24 © INOEK / BMU / BfN onalplanung und in die tägliche Arbeit. 4) Beschluss über eine strategische Mittel- zuweisung als ein wichtiger Schritt hin zu mehr Nachhaltigkeit. 5) Dieses Netzwerk von Sonderschutzgebie- ten bildet die Grundlage für die Erarbei- tung von Richtlinien durch das NHS, um den Herausforderungen zu begegnen, die mit einer nachhaltigen Entwicklung dieser ländlichen und entlegenen Gebiete mit besonderem Schwerpunkt auf einem na- turnahen Tourismus verbunden sind. 5. Kooperation auf Ebene der Touris- musdestination und auf lokaler Ebene Um eine umfassende Kooperation sicher- zustellen, müssen bestimmte zentrale Vor- aussetzungen erfüllt werden. Darüber hinaus sollte die Kooperation auf regionaler Ebene mit der Zusammenarbeit auf lokaler Ebene verknüpft sein. In der Praxis besteht eine Zu- sammenarbeit auf lokaler Ebene oft schon lange bevor eine Kooperation auf regionaler Ebene eingerichtet ist. 6. Wert der freizeitbezogenen Nutzung von Schutzgebieten für alle beteilig- ten Parteien Die mit der Nutzung von Schutzgebieten und ihren Ressourcen befassten Interessen- gruppen lassen sich in vier allgemeine Grup- pen einordnen: 1. Management von Schutzgebieten 2. Bevölkerung und beteiligte Parteien vor Ort 3. Tourismusindustrie 4. Besucher 1) Aus Sicht des Managements von Schutz- gebieten ist eine freizeitbezogene Nut- zung erforderlich um: die Naturerhaltung zu fördern, ein positives Umfeld für eine nachhal- tige Entwicklung zu schaffen, um die biologische Vielfalt der Schutzgebiete zu bewahren, eine nachhaltige Finanzierung des Schutzgebiets zu sichern. 2) Aus Sicht der Bevölkerung vor Ort bietet die freizeitbezogene Nutzung von Schutz- gebieten: einen Weg, um die sich aus dem Na- turschutz ergebenden Nachteile für die traditionelle Lebensweise und Land- nutzung zu kompensieren, Beschäftigungschancen, Bildungschancen in ländlichen/entle- genen Gebieten. 3) Aus Sicht der Tourismusindustrie bietet die freizeitbezogene Nutzung von Schutzge- bieten: neue Geschäftschancen, Image- und Marketingvorteile, ein außergewöhnliches Umfeld für die angebotenen Leistungen und Pro- dukte. 4) Aus Sicht der Besucher sind Schutzgebiete ein Ort: an dem eine Interaktion mit der Natur möglich ist, an dem sie Neues lernen und sich wei- terbilden können, an dem sie körperlich und mental ent- spannen können, an dem in einer einzigartigen Umge- bung Abenteuererlebnisse möglich sind. Schutzgebiete als Zielregion mit Erholungs- und Freizeitwert 25Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN 26 © INOEK / BMU / BfN Kurzvita – Michael Vogel Michael Vogel, Dr. Leiter des Nationalparks Berchtesgaden Nationalpark Berchtesgaden Doktorberg 6 D-83471 Berchtesgaden http://www.nationalpark-berchtesgaden.de Kurzvita Dr. Michael Vogel, Jahrgang 1952, studierte und arbeitete von 1974 bis 1986 an der Philipps Universität Marburg bei Prof. Dr. H. Remmert. An das Studium für das Höhere Lehramt an Gymnasien in den Fächern Biologie und Geographie schloss sich ein erfolgreiches Promotions- studium an. Seine universitären Forschungsarbeiten im Bereich der tierökologischen Ökosystem- forschung führten ihn zu Studien- und Forschungsaufenthalten an die University of Minnesota, als einen der ersten deutschen Wissenschaftler mehrmals auf Stationen des British Antarctic Surveys in die Subantarktis und Antarktis (im Rahmen des Schwerpunktprogramms „Ökologie antarktischer Landinsekten“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft) und später auch an das Instituto de la Patagonia nach Punta Arenas in Chile. Nach seinem Wechsel im Jahre 1986 an die Bayerische Akademie für Naturschutz und Land- schaftspflege (ANL) leitete er das Referat Forschungsplanung und -koordination und später die Ökologische Lehr- und Forschungsstation der ANL in Laufen/Straß. Im Jahre 1996 wechselte er an das Bayerische Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen nach München und übernahm die Geschäftsführung der Länderarbeitsgemeinschaft für Naturschutz, Land- schaftspflege und Erholung (LANA). Ab dem Jahre 2000 war Dr. Vogel Mitarbeiter im Grund- satzreferat Naturschutz der Abteilung Naturschutz und Landschaftspflege und Team-Leiter für den Regierungsbezirk Oberbayern beim Verfahren zur Umsetzung der FFH- und Vogelschutz- richtlinie in Bayern. Seit 01.07.2001 ist Michael Vogel Leiter der Nationalparkverwaltung des Nationalparks Berchtesgaden. 27Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Michael Vogel Lebensraum Großschutzgebiet: Schutz der biologischen Vielfalt, Erholung und Sport Geschichte, Zonierung des Nationalparks Berchtesgaden Der Nationalpark Berchtesgaden ist der einzige alpine Nationalpark Deutschlands und liegt im Südosten Bayerns direkt an der Grenze zu Österreich. Bereits 1910 wurde eine Fläche von 8.600 ha im südöstlichen Teil des heutigen Nationalparkgebietes als „Pflanzenschonbezirk Berchtesgadener Al- pen“ ausgewiesen. Damit sollte vor allem der Handel mit Alpenpflanzen eingedämmt wer- den. Eine Erweiterung des Schutzgebietes auf rund 20.400 ha erfolgte im März 1921 mit der Ausweisung des „Naturschutzgebietes Königssee“. Als Reaktion auf die Idee, den Watzmann mit einer Seilbahn zu erschließen, ergriff 1953 der Deutsche Naturschutzring mit der Forderung nach einem Nationalpark die Initiative. Im Europäischen Naturschutzjahr 1970 wurde diese Idee wieder aufgegriffen und mündete am 13.7.1972 in den Beschluss des Bayerischen Landtags, einen Bayerischen Alpenpark im Naturschutzgebiet Königssee zu planen. Am 1.8.1978 trat die „Verord- nung über den Alpen- und den Nationalpark Berchtesgaden“ mit einer Gesamtgröße von 20.808 ha in Kraft. Der Nationalpark Berchtes- gaden ist ein Nationalpark der IUCN-Katego- rie II. Noch beträgt der prozentuale Anteil der Kernzone (natürliche Entwicklungsdynamik) an der Gesamtfläche 66,6%, der Anteil der permanenten Pflegezone 23,5% (Erhaltung der Kulturlandschaft, aktive Management- maßnahmen) und der Anteil der temporären Pflegezone 9,9%. Seit dem Jahre 1991 bilden der Nationalpark und sein Vorfeld ein von der UNESCO anerkanntes Biosphärenreservat. Funktionen Nationalparke sind wichtige Knoten in einem Schutzgebietssystem, so z.B. national (Deutschland beherbergt 14 Nationalparks) als auch international (im Gebiet der Abgren- zung der Alpenkonvention sind ebenfalls 14 Nationalparks ausgewiesen). Nationalparke besitzen generell gesehen den höchsten ge- setzlichen Schutzstatus und sind als Groß- schutzgebiete ausgewiesen. Grundlagen Die Rechtsgrundlagen und Leitlinien für die Entwicklung des Nationalpark Berchtes- gaden umfassen die Naturschutzgesetze des Bundes und des Landes Bayern, die Natio- nalparkverordnung, europäische Richtlinien wie FFH- und Vogelschutz-Richtlinie, die Ver- pflichtungen aus der Alpenkonvention, die international gültigen IUCN-Richtlinien, oder Abb. 1: Watz- mann (2713 m ü. NN) im National- park Berchtes- gaden 28 © INOEK / BMU / BfN mehr spezielle Vereinbarungen und/oder Verpflichtungen wie der Aktionsplan für die Schutzgebiete in Europa, die Auflagen für das Europadiplom zum Schutz ökologischer Kostbarkeiten (verlängert 2005 – 2010) oder die ARGE-ALP-Resolution zur Errichtung und zum Management alpiner Nationalparke. Zielsystem Das Zielsystem des Nationalpark Berchtes- gaden hat als übergeordnete Aufgabe Schutz der Natur in ihrer natürlichen Dynamik und als Prozessschutz, mit den lokalen Unterzielen und Aufgaben der Forschung, der Erholungs- nutzung, der Denkmalpflege sowie der Um- weltbildung und Kommunikation. Besonderheiten alpiner Lebensräume Mit der Höhe verringern sich Temperatur (pro 200 Höhenmeter 1°C), Feuchtigkeit trotz steigender Niederschläge, Sauerstoffgehalt der Luft sowie der Luftdruck. Mit der Höhe nehmen die Sonneneinstrahlung (UV-Strah- lung) und die Windstärke zu. Die Anpas- sungsstrategien der alpinen Flora richten sich aus an einer kurzen Vegetationszeit (pro 100 m 1 Woche weniger Wachstumsperiode), einer langen Schneebedeckung und vielen Frosttagen. Die Anpassungsstrategien der al- pinen Fauna sind gesteuert von tiefen Tempe- raturen, einer langen Schneebedeckung und einem kargen Nahrungsangebot. Biologische Vielfalt des Nationalparks Berchtesgaden Alle Tier- und Pflanzenarten, die im Park vorkommen, sind nicht bekannt. Bis jetzt sind an Tierarten nachgewiesen: 15 Fischarten, 8 Amphibienarten, 7 Reptilienarten, ca. 100 Brutvogelarten + 40 Gastvogelarten, 55 Säu- getierarten sowie unzählige Insektenarten. Von den bekannten Tierarten (quer durch alle Gruppen) stehen 113 Arten in der Ro- ten Liste Deutschland und/oder Bayern. An Pflanzenarten sind bis jetzt 2.000 Pilzarten, 640 Flechtenarten, 400 Moosarten sowie über 1.000 Gefäßpflanzenarten nachgewie- sen. Von den Gefäßpflanzenarten sind 108 Arten geschützte Arten und 69 Arten sind in der Roten Liste Deutschland und/oder Bayern aufgeführt. Von diesen sind 20 Arten poten- tiell gefährdet. Besucher im Nationalpark Berchtesgaden Der Nationalpark Berchtesgaden wird jährlich von ca. 1.5 Mio Menschen besucht. Naturschutz und Erholung bewegen sich je- doch in einem Spannungsfeld: Touristen und Nah- bzw. Nächsterholer können Beeinträch- tigungen natürlicher Ressourcen verursachen. Die Auseinandersetzung mit dem Themen- komplex Erholung – Naturschutz wird spezi- ell angesichts sich verändernder gesellschaft- licher Rahmenbedingungen unentbehrlicher Lebensraum Großschutzgebiet: Schutz der biologischen Vielfalt, Erholung und Sport Abb. 2: Alpensteinbock (Capra ibex) 29Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Bestandteil des Schutzgebietsmanagements. In diesem Kontext steigt insbesondere die Bedeutung von Naturlandschaften für die Ausübung von Erholungsaktivitäten. Dazu ist die Differenzierung verschiedener Erho- lungsaktivitäten erforderlich, da jede Nut- zungsform den Naturraum unterschiedlich beansprucht und daher mit unterschiedlichen Auswirkungen verbunden ist. Weiterhin sind Informationen über den Raumanspruch der verschiedenen Aktivitäten unabdingbar. Da- her müssen die einzelnen Aktivitäten konkret im Raum lokalisiert werden, um eine Konflikt- analyse vornehmen zu können. Die Motive der Besucher für den Aufent- halt im NP Berchtesgaden sind bei 35% das Erlebnis von Natur und Landschaft, bei 30% der Wunsch nach körperlicher Betätigung, einen Ausflug machen (19%) oder auch sich entspannen und erholen (12%). Die Aufent- haltsdauer von Besuchern im NP Berchtesga- den beträgt bei 60% mehr als vier Stunden, bei 27% bis zu vier Stunden und nur bei 1% weniger als eine Stunde. Die Aktivitäten von Besuchern im NP Berchtesgaden beziehen sich auf Natur- und Landschaftserlebnis (72%), Bergwandern (71%), Fotografieren (59%) oder auch Pflan- zen und Tiere beobachten (51% bzw. 40%). Aktiv Sport machen wurde von 11% als be- vorzugte Aktivität genannt. Hauptmotivation des Besuches ist daher nicht in erster Linie die sportliche Betätigung. Dennoch gibt es auf bestimmten Themenfeldern enge Berüh- rungen zu Sport- bzw. sportlichen Freizeitak- tivitäten. Beispiel: Schwebend Natur erleben; Hän- gegleiter und Steinadler im Nationalpark Berchtesgaden: Kaum ein anderer Luftsport kommt dem Vogelflug so nahe wie das Drachen- und Gleitschirmfliegen. Gerade in der Anfangs- zeit des Drachen- und Gleitschirmfliegens befürchtete der Naturschutz negative Aus- wirkungen auf die Natur. Zum vorbeugenden Schutz des Steinadlers wurde vom National- park Berchtesgaden mit Hilfe der Allianz- Umweltstiftung ein Leitfaden erarbeitet. Neu am Berchtesgadener Weg war, dass man die Kooperation mit den Piloten gesucht hat. Hauptzielsetzung des Projektes war das Mot- to „Kooperation statt Konfrontation“, d. h. die Zusammenarbeit zwischen Naturschutz und Natursport (und anderen Nutzergruppen wie z. B. Hubschrauberverbänden) wurde stark priorisiert, indem Daten von sensiblen Bereichen (= aktuellen Horstbereichen) wei- tergegeben wurden, um Störungen in diesen Bereichen von vornherein zu meiden. Auch automatisierte Informationsmöglichkeiten wurden installiert (Homepage mit aktuellen Hinweisen auf sensible Bereiche sowie Infota- Abb. 3: Besucher in der Wimbach- klamm 30 © INOEK / BMU / BfN feln an Bergbahnstationen und Startplätzen von Hängegleitern). Diese Maßnahmen ha- ben sich schnell etabliert und werden inzwi- schen in ganz Bayern angewandt. Umwelt- bildung und Öffentlichkeitsarbeit waren und sind weitere Schwerpunkte des Projekts. Beispiel: (Winterliche) Erholungsnutzung mit potentiellen Auswirkungen auf Raufuß- hühner (Auerhuhn, Haselhuhn, Birkhuhn und Alpenschneehuhn): Hauptaktivitäten im Nationalpark Berch- tesgaden sind hierzu das Skibergsteigen mit folgenden Charakteristika: Aufstieg und flächenintensive Abfahrt („Aufschrecken“) Hauptmotiv: körperliche Betätigung, Na- turerlebnis Räumliche Verteilung: Talgrund bis Gipfel Zeitliche Verteilung: Nov. - Mai (Feb. - Mit- te April), nach Tagesanbruch Konflikte: morgendliche Aktivitätszeit der Raufußhühner, Balzzeit im Frühjahr Entwicklung: starke Zunahme sowie das Schneeschuhgehen mit den Cha- rakteristika: Leicht zu lernen, flächenintensiv, abseits der Wege/Routen Hauptmotiv: Einsamkeit, Naturerlebnis ohne Infrastruktur Räumliche Verteilung: wenig steiles Ge- lände, unterhalb der Waldgrenze Zeitliche Verteilung: Jan. - März, Morgen – später Nachmittag Konflikte: große Tageszeitspanne mit Le- bensraum-Überschneidung, Balzzeit im Frühjahr Entwicklung: starke Zunahme, Mond- scheintouren, Alternative bzgl. Schnee- mangel, Nicht-Skifahrer In Bayern und speziell im Nationalpark Berchtesgaden sind hierzu zwei große Pro- jekte umgesetzt worden: „Untersuchung Wildtiere und Skilauf im Gebirge“, gefördert durch das Bayerische Umweltministerium so- wie das DAV-Projekt „Skibergsteigen umwelt- freundlich“. Gemeinsame Leitlinien, Themen und Ziele sind dabei die Sicherstellung öko- logischer Verträglichkeit, die Erhaltung sport- licher Nutzungsmöglichkeiten, eine intensive Beteiligung von Behörden und Verbänden sowie das Prinzip der Freiwilligkeit als Prio- rität. Einhergehen eine Erfolgskontrolle und Optimierung der Maßnahmen und Verein- barungen sowie eine intensive Informations- und Öffentlichkeitsarbeit. Grundlagenermittlung und Besucherlenkung Außer der Erfassung der Erholungssuchen- den und Freizeitaktiven, ihrer Aktionen, den räumlichen und zeitlichen Nutzungsmustern und ihrem Verhalten mit Auswirkung für das Schutzgebietsmanagement mit Zielsetzung „Schutz der Natur“ müssen die erhoben Da- ten auch verwaltet, analysiert und entspre- chend aufbereitet zugänglich gemacht und Abb. 4: Kinder- gruppe im Garten der Informations- stelle Hintersee Lebensraum Großschutzgebiet: Schutz der biologischen Vielfalt, Erholung und Sport 31Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN präsentiert werden. Wichtig ist eine Grundlagenermittlung für konkretes Handeln nämlich durch: Informationen verknüpfen Bewusstsein bilden, Zusammenhänge wahrnehmen, langfristige Entwicklungen und Trends er- kennen, Partner kennen / Kooperationen stärken, Konflikt- und Entwicklungspotentiale identifizieren. Daraus ergibt sich eine Besucherlenkung mit Maßnahmen zur Beeinflussung von Besu- chern in Bezug auf ihre räumliche und quan- titative Verteilung sowie auf ihre Verhaltens- weisen. Diese sollen Aktivitäten von sensiblen Räumen fernhalten bzw. versuchen, diese zu kanalisieren oder in weniger sensible Räu- me zu lenken. Die Instrumente dazu können „hart“ durch Lenkung (direkte Maßnahmen) und/oder Zwangsmaßnahmen (gesetzliche Beschränkungen; Ge- und Verbote) oder „weich“ durch ein gutes Kommunikations- angebot sein. Zum Einsatz hierzu können Instrumente wie Führungen, Hinweisschilder, geführte Exkursionen, Lehrpfade, Faltblätter, Karten, Führer, usw. kommen. Fazit Jedes Management sollte wissen: Welche Sommer- und Winteraktivitäts- formen sind zu unterscheiden? Wie viele Personen führen welche Aktivi- tätsform aus? Wo erfolgen die einzelnen Aktivitäts- formen? Welche Infrastruktur ist essentiell zur Aus- führung der einzelnen Aktivitätsformen? Welche Infrastruktur steht dem Manage- ment bzgl. Besucherlenkung / -leitung zur Verfügung? Welche Infrastruktur ist eigentlich für na- tur- / landschaftsabhängige Erholungsnut- zung relevant? Wie viele Besucher nutzen die Infrastruk- tur? Entspricht die infrastrukturelle Ausstat- tung dem Besucheraufkommen? Von wem werden die einzelnen infrastruk- turellen Elemente unterhalten / gewartet? Welche Einrichtungen unterstützen / be- werben die verschiedenen Sommer- Win- teraktivitätsformen? Welche Organisationen verfügen über Be- sucherzahlen? Welche Organisationen / Infrastrukturellen lokalisiert außerhalb des Schutzgebiets sind relevant? Literatur (Auswahl) Hennig, S. (2005): Monitoring-System „Recre- ational Use“ – Das Beispiel Nationalpark Berchtesgaden. In, Schrenk, M. (Hrsg.): Tagungsband CORP 2005, Wien. Hennig, S. & Künzl, M. (2005): „Toward a Gui- ding Principle Recreational Use” The Pro- tected Area Berchtesgaden National Park within the Region. Conference Volume 3rd Symposium of the Hohen Tauern National Park for Research in Protected Areas. 15.- 17. September 2005. Castle of Kaprun. Hennig, S & Baumann, D. (2007): Charakterisie- rung der Besucher im Nationalpark Berch- tesgaden. Unveröffentl. Manuskript StMLU Bayerisches Staatsministerium für Lan- desentwicklung und Umweltfragen (Hrsg.) (2001): Nationalparkplan. http://www.na- tionalpark-berchtesgaden.de 32 © INOEK / BMU / BfN Kurzvita – Ulrike Pröbstl Ulrike Pröbstl, Prof. Dr. Leiterin des Instituts für Landschaftsentwicklung, Erholungs- und Naturschutzplanung Universität für Bodenkultur Wien Peter Jordanstraße 82 A-1190 Wien http://ifl.boku.ac.at Kurzvita Prof. Dr. Ulrike Pröbstl schloss 1984 an der TU München ihr Diplomstudium zum Dipl. Ing. ab. Anschließend promovierte sie an der forstwissenschaftlichen Fakultät der Ludwig Maximilian Universität München zum Dr. rer. silv.. Ihre Habilitation schloss sie im Jahr 2000 an der TU München ab. Bereits seit 1988 betreibt Ulrike Pröbstl das freie Planungsbüro AGL. Zu ihren be- ruflichen Arbeitsschwerpunkten zählten in der Vergangenheit insbesondere die Bereiche Freizeit und Erholung sowie Naturschutz, Ortsentwicklung und Landschaftsplanung. Seit 1990 ist Ulrike Pröbstl Mitglied der Bayerischen Architektenkammer. In ihrem beruflichen Werdegang ist es ihr gelungen die wissenschaftliche und privatwirtschaft- liche Laufbahn miteinander zu verbinden. 2003 erfolgte die Berufung an die Universität für Bodenkultur Wien, wo sie die neu eingerichtete Professur für Landschaftsentwicklung besetzt. Zu den aktuellen Forschungsthemen im Tourismus gehören unter anderem: Konfliktlösung im Naturschutz, Klimawandel und Tourismus, das Konfliktfeld Natura 2000 Sport und Tourismus, GPS-Nutzung für Freizeit und Tourismus sowie die Anforderungen einer älter werdenden Ge- sellschaft. Neben zahlreichen Mitgliedschaften in Berufs- und wissenschaftlichen Vereinigungen (u. a. IUFRO, IASNR) ist Prof. Pröbstl in der Förderung von Frauen in der Wissenschaft und im integrativen Naturschutz engagiert. So ist sie u. a. Mitglied im Obersten Naturschutzbeirat am Bayerischen Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen, im Präsidium der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landespflege und im Umweltbeirat des Deutschen Skiverbandes. 33Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Ulrike Pröbstl und Petra Sterl Natura 2000: Integration von Sport und Tourismus in die Managementplanung 1. Einführung Die Idee zu „Natura 2000“ ist faszinierend: Ohne Rücksicht auf Landesgrenzen entsteht in Europa ein Netz des Lebens. Das reiche Natur- erbe der europäischen Gemeinschaft soll für uns und zukünftige Generationen bewahrt werden. So lassen sich in kurzen Worten die Ziele von Natura 2000, dem europäischen Netzwerk von Schutzgebieten im Rahmen der Fauna-Flora-Habitat- und Vogelschutz- Richtlinie (Europäische Kommission 1992 und 1979), beschreiben. Mit einem Verbund wertvoller Lebensräu- me soll dem stetigen Rückgang vieler Arten entgegengewirkt werden. Seit den 1980er Jah- ren, als sich die Forschung vermehrt den Aus- wirkungen von Tourismus und Erholungsnut- zung zugewandt hat, ist klar, dass auch diese Nutzungsformen wesentlich zum Artenrück- gang in Deutschland beitragen. Korneck und Sukopp (1988) zählen Tourismus und Erho- lung, nach Land-, Forstwirtschaft und Jagd zur drittwichtigsten Ursachengruppe von Ar- tenrückgang. Die für den Tourismus besonders attrak- tiven Berg- und Küstengebiete weisen auch besonders viele wertvolle Gebiete auf, die durch das europäische Schutzgebietskonzept Natura 2000 geschützt sind. Gerade in vielen Berggebieten, wie dem Schwarzwald oder den Alpen wird die Belastung immer deut- licher. So muss der sensible Lebensraum der Alpen rund 120 Millionen Besucher pro Jahr „bewältigen“. Dadurch stellt sich für viele Mitgliedstaa- ten der Europäischen Union die Frage, wie diese wertvollen Bereiche, die Natura 2000- Gebiete, geschützt werden können und wel- che Maßnahmen und gegebenenfalls auch Einschränkungen erforderlich sind um die Qualität zu erhalten oder zu verbessern. Ein geeignetes Mittel dazu stellt der so genannte Bewirtschaftungs- oder Manage- mentplan dar (Europäische Kommission 2005). Er ist, entsprechend der FFH-Richtlinie, nicht verpflichtend aufzustellen, hilft aber im- mer dann, wenn unterschiedliche Nutzungen geregelt und aufeinander abgestimmt wer- den müssen. Dies gilt für die meisten Natura 2000-Gebiete. 2. Der Managementplan für Natura 2000-Gebiete Der Managementplan schlägt neben den erforderlichen Pflege- und Entwicklungsmaß- nahmen auch mögliche Nutzungsbeschrän- kungen vor und setzt sich mit bestehenden Belastungen oder Beeinträchtigungen ausein- ander. Somit könnten auch Einschränkungen für Sport und Tourismus im Managementplan behandelt und dargelegt werden. Zu den wichtigsten Inhalten des Manage- mentplans gehören: Gebietsbeschreibung ggf. einschließlich früherer Landnutzungsformen, Erfassung und Bewertung des Ist-Zustan- des, 34 © INOEK / BMU / BfN Definition von Schutzzielen und von Hemmnissen, die diesen Zielen entgegen- stehen, Zusammenstellung von Maßnahmen zur Erhaltung bzw. Entwicklung, Kostenplanung, Vorschläge für Monitoring und Erfolgs- kontrolle. In diesem Zusammenhang ist hervorzuhe- ben, dass die Europäische Kommission in den Orientierungshilfen zum Natura 2000 - Ge- bietsmanagement ausdrücklich vorsieht, die Managementpläne kooperativ zu entwickeln. Alle örtlichen Akteure und Interessengruppen sollen in den Planungsprozess miteinbezogen werden. Deshalb sollten die Management- pläne auch allgemeinverständlich formuliert werden, die Nutzungsinteressen mitberück- sichtigen und die Kosten geplanter Maß- nahmen beschreiben. Die wesentlichen Auf- gaben des Planungsprozesses, einschließlich der Partizipation, sind in der nachstehenden Abbildung 1 dargestellt. Die nachstehende Erläuterung zur Be- deutung, Rolle und zu guten Praxisbeispielen rund um die Managementplanung bezieht sich auf diese wichtigen drei Aufgabenblö- cke: die Bestandsaufnahme und Bewertung, die Entwicklung geeigneter Maßnahmen und die Beteiligung unter Berücksichtigung sozio- ökonomischer Zusammenhänge. Dabei wird jeweils die mögliche Rolle von Sport und Tou- rismus erläutert und diskutiert. 2.1 Zur Bedeutung von Bestandsaufnah- me und Bewertung Jede Planung baut auf einer Bestandsauf- nahme und Bewertung auf. Dies gilt auch für die Managementplanungen. Fehleinschät- zungen und in der Folge nicht erforderliche Einschränkungen der Erholungsnutzung bzw. der Angebote für Tourismus und Sport kön- nen dann entstehen, wenn keine differen- zierte Analyse des Wirkungszusammenhangs zwischen den Aktivitäten und den Schutzob- jekten (Arten oder Lebensräumen) besteht. Dies lässt sich sehr anschaulich an zwei Beispielen aus hochwertigen Schutzgebieten zeigen. Fallbeispiel Karwendelgrube: Natura 2000- Gebiet und Naturschutzgebiet Karwendelge- birge (Deutscher Alpenraum). Im Teilbereich der Karwendelgrube, die an ein Seilbahngebäude anschließt, soll neben Natura 2000: Integration von Sport und Tourismus in die Managementplanung Planungsprozess des Natura 2000 Managementplans Bestandsaufnahme und Bewertung Maßnahmen Beteiligung Bewertung des günstigen Erhaltungszustands bezogen auf Pflanzen, Tiere und Lebensräume Aufnahme von Störungen / Belastungen Berücksichtigung der ökologischen Dynamik Schutz, Erhaltung, Pflege und Förderung Angebotsplanung Lenkungsmaßnahmen Information Monitoring Berücksichtigung der sozio-ökonomischen Zusammenhänge Maßnahmen zur Akzeptanzförderung Ablauf und Qualität des Beteiligungs- prozesses Abb. 1: Bestand- teile des Pla- nungsprozesses für Natura 2000 Management- pläne 35Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN der Vegetation auch das dort vorkommende Schneehuhn geschützt werden. Aus diesem Grund wurde ein Betretungsverbot für die Grube ausgesprochen, an die sich vor allem Kinder ungern hielten, weil das Gelände zum Hineinrutschen in die Grube verleitet und dort auch im ausgehenden Winter, wenn es in tief- eren Lagen bereits keinen Schnee mehr gibt, dort immer noch große Mengen an Schnee durch Lawinenabgänge zu finden sind. Die Bergbahn bemühte sich, diese schnee- bezogenen Aktivitäten für ihre Besucher zu „legalisieren“. Daraus entstand eine langjäh- rige Auseinandersetzung, die erst beendet werden konnte, als die Ergebnisse einer diffe- renzierten Kartierung der Schneehuhnaufent- haltsräume in Winter und Sommer vorlagen (vgl. dazu Zeitler 2002). Die Winteraktivitäten sind nach dieser Studie aufgrund der Lebensraumnutzung der Schneehühner völlig unproblematisch, es ist nur im Sommer darauf zu achten, dass die Grube nicht aufgesucht wird. In diesem Fall sind nur minimale Besucherlenkungsmaß- nahmen (Informationstafel im Sommer) er- forderlich, da der Bereich zu dieser Jahreszeit kaum aufgesucht wird. Fallbeispiel: Reiten im Natura 2000-Gebiet De Hoge Veluwe (Nationalpark in den Nieder- landen) Der Nationalpark De Hoge Veluwe in den Niederlanden zählt zu den ältesten National- parken des Landes. Der Park ist der Lebens- raum zahlreicher gefährdeter Arten und wur- de als FFH- und Vogelschutzgebiet gemeldet. Das Besondere des Gebietes ist sein Manage- ment im Hinblick auf den Reitsport. Seit Mai 2006 wurde auf der Grundlage einer diffe- renzierten Bestandsaufnahme und Bewer- tung aller ökologischer Wechselwirkungen das Reiten nicht nur auf den bestehenden 45 Kilometern ausgewiesener Reitwege, sondern überall erlaubt. Nur in den stärker besuchten Bereichen werden die Reitwege gepflegt. Die detaillierte ökologische Bestands- aufnahme mit den Wechselwirkungen des dort ausgeübten Reitsports war die Ursache dafür. Die meisten Reiter nutzen die ausge- wiesenen Wege. Einige wenige Reiter, die sich besser auskennen, verlassen dagegen die Reitwege und reiten quer durch die ge- schützten Flächen. Diese extensive Nutzung und geringfügige Störung des Oberbodens hat verschiedene positive Konsequenzen für die Natur. Die kleinflächige Öffnung durch die Hufe legt partiell den sandigen Boden frei. Dieses Mosaik stellt ein ideales Habitat für seltene Grashüpferarten dar. Die Reiter tragen damit dazu bei, den Lebensraum für den gefährdeten Grashüpfer, der auf sandige Bereiche angewiesen ist, zu erhalten. Die Be- standsaufnahme hat weitere positive Effekte ergeben. Gerade in den Randbereichen der Wege kommen Pflanzensamen besser auf. So wurden junge Wacholderpflanzen vor allem am Rande der Pferdewege gefunden. Gemeinsam mit den Reitern wurde die Konsequenz dieser Ergebnisse diskutiert. Bei weiterhin verträglichem Verhalten der Reiter wird dieses Konzept beibehalten (vgl. dazu http://www.hogeveluwe.nl). 2.2 A nforderungen an Bestandsaufnah- me und Bewertung Diese beiden Fallbeispiele unterstreichen die Bedeutung einer schutzgutbezogenen Bestandsaufnahme, die sich in differenzierter Form auch die Wechselwirkungen zwischen Sport und Schutzobjekt ansieht. 36 © INOEK / BMU / BfN Natura 2000: Integration von Sport und Tourismus in die Managementplanung Bevor Verbotstatbestände für Erholung, Sport und Tourismus in Managementplänen diskutiert werden, bedarf es folglich einer entsprechenden Analyse im Einzelfall. Aber nicht nur im Sinne eines adäquaten Schutzes von Lebensräumen und Arten ist eine differenzierte Bestandsaufnahme un- erlässlich sondern auch - wie die folgenden Beispiele zeigen – dann, wenn gezielt eine Angebotsentwicklung und/oder Lenkungs- maßnahmen bezogen auf Erholungssuchen- de und Touristen durchgeführt werden sollen. In Gebieten, in welchen geschützte Arten und/oder Lebensräume vorkommen, und in welchen daher eine angepasste Planung für Erholungssuchende, Sportler oder Touristen erstellt werden soll, sind folgende Informati- onen für die Managementplanung unerläss- lich (siehe Abb. 2). Abbildung 2 zeigt deutlich, dass die In- formationen, die benötigt werden um Maß- nahmen gegen Störungen und Belastungen von Arten und Lebensräumen zu entwickeln, und die Informationen, die unerlässlich sind um eine Planung im Interesse von Erholungs- suchenden und Touristen anzubieten, vielfach identisch sind. Eine abgestimmte und koope- rative Erhebung dieser Daten kommt beiden Zielsetzungen zugute. Leider werden diese Synergieeffekte und Grundlagen für effizi- ente Lenkungsmaßnahmen selten genutzt. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie und mit welchem Aufwand die oben genannten Daten zur Verteilung, zur Anzahl, zu den Aktivitäten und Motiven der Besucher gewonnen werden können. Die nachstehende Abbildung verdeutlicht, dass grundsätzlich viele verschiedene Informati- onsquellen bestehen, die u.U. zu denselben Ergebnissen führen können. In Abbildung 3 sind beispielhaft verschiedene Quellen dar- gestellt. In jedem Einzelfall ist zu überprüfen, welche Kombination von Daten, z.B. Zäh- lungen und Luftbild oder die Nutzung beste- hender touristischer Daten, wie Eintrittskar- ten, kombiniert mit Fragebogen, hilft die, für die jeweilige Fragestellung entscheidenden, Antworten zu finden. Durch eine kreative und gezielte Auswahl können hier – auch Kosten sparend – die entscheidenden Informationen für das Management (z.B. Besucherlenkung zum Schutz der Wildtiere) abgeleitet werden (vgl. Abb. 3). Allerdings zeigt das nachfol- gende Beispiel vom Ötscher/Österreich, dass die Auswahl der Methode einen großen Ein- fluss auf die Bewertung und die Ableitung von Maßnahmen hat. Eine leichtfertige Ent- scheidung aus Kostengründen kann weit rei- chende Folgen haben. Störungen und Belastungen der Arten und Lebensräume Interessen von Erholungs- suchenden und Touristen Zum Beispiel Störungen Schäden an der Vegetation Betroffene Arten Anzahl der Besucher Verteilung während des Tages und während der Saison Verteilung der Besucher Aktivitäten der Besucher Bedeutung des Gebietes für den Tourismus Touristische Angebote, Dienstleistungen und Infrastruktur Anzahl der Besucher Verteilung der Besucher (crowding) Aktivitäten der Besucher (Attraktivität) Zukünftige Entwicklung... Abb. 2: Für die Management- planung in Erholungs- und Tourismusge- bieten sind bezogen auf die Besucher viel- fach dieselben Informationen wie bezogen auf die Schutzgüter erforderlich. 37Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Beispiel Tourengehen im Bereich von Le- bensräumen des Birkhuhns am Ötscher/Ös- terreich In der vorliegenden Untersuchung ging es darum für das Gebiet des Ötschers die touristische Nutzungsintensität im Winter zu erfassen. Nach einer Geländebegehung, Ge- sprächen mit Ortskundigen (Tourismusbüro, Personal des Skigebietes) und der Recherche in Skitourenführern und Tourismusprospekten stellte sich heraus, dass im Rahmen des Ma- nagementplans und der Besucherlenkung das Konfliktpotential bezogen auf das Birkhuhn und die Nutzergruppe der Skitourengeher zu untersuchen und abzuklären ist (vgl. dazu Sterl et al 2007). Das Tourengehen im Lebensraum des Birkhuhns kann zu erheblichen Störungen führen. Für Birkwild sind vor allem mensch- liche Aktivitäten im Winter bedrohlich, da- gegen werden Störungen im Sommer und Herbst als weniger gravierend eingestuft (Me- noni und Magnani 1998). Mehrere Studien zeigen, dass der Wintersport einen großen Anteil am Rückgang lokaler Populationen ha- ben kann (Meile 1982, Miquet 1988, Miquet 1990, Zeitler 2000). Skifahrer, Skitouren- geher und – in den letzten Jahren vermehrt – auch Schneeschuhwanderer nutzen die Winterlebensräume von Birkwild (Menoni und Magnani 1998), wobei attraktive Orte für Wintersportler, wie Kuppen, Rücken oder Verebnungen, mit traditionellen Balzplätzen des Birkwildes, oft räumlich zusammenfallen. Durch die im Winter begrenzte und energie- arme Nahrung können gerade energieauf- wendige Fluchten erhebliche Auswirkungen haben. Neben einer Raumkonkurrenz, spielt auch die Zeitkonkurrenz zwischen Winter- sportlern und Birkwild eine wesentliche Rolle: so haben inzwischen abendliche Aktivitäten z.T. mit Stirnlampen zugenommen, wodurch die Tagesrandzeiten, in welchen das Birkwild ungestört Nahrung aufnehmen kann, immer mehr abnehmen (Zeitler 2006). In diesem Zu- sammenhang weist Zeitler (2006) auch dar- auf hin, dass zwischen vereinzelten Störereig- nissen, die kompensiert werden können, und häufigen Störungen zu unterscheiden ist. Bei der Auswahl der Erhebungsmetho- den standen einige Methoden von vornher- ein nicht zur Diskussion. Feldbeobachtungen kamen aufgrund der räumlichen Lage, der Steilheit des Geländes, fehlender Infrastruk- Luftbild- Interpretation Modellie- rung Fragebogen/ Interviews Zählungen Nutzung bestehender touristischer Daten GPS- tracking Verteilung über den Tag und die Saison Aktivitäten der Besucher Anzahl der Besucher Räumliche Vertei- lung der Besucher Wünsche für die zu- künftige Entwicklung Methodenset Aus dem im Einzelfall die geeignete Methoden für die jeweilige Situation ausgewählt werden muss: Abb. 3: Meist führt die gezielte Kombination von Methoden zu den Informati- onen, die für den Management- plan benötigt werden. 38 © INOEK / BMU / BfN tureinrichtungen und der Wettersituation nicht in Frage. Da es im Untersuchungsgebiet keine Möglichkeit für die Montage einer Vi- deokamera an einem geeigneten Standort gab, waren Videobeobachtungen ebenfalls nicht möglich. Ebenso sind Drehkreuze und Trittmatten nicht für die Erfassung von Ski- tourengehern geeignet. Mit dem Ziel, die zeitlich-räumliche Verteilung der Besucher zu erheben, und daraus Rückschlüsse auf die möglichen Einflüsse auf die Bewertung der sportlichen Aktivitäten bezogen auf die Le- bensräume zu erhalten, wurden folgende vier Methoden am Ötscher angewandt: Besucherzählungen Routenbefragung Befliegungen des Gebietes Routenaufzeichnung mittels GPS-Gerä- ten. Besucherzählungen Ein Vorteil bei den Zählungen war, dass es nur einige wenige Ausgangspunkte für Ski- touren in das Gebiet gibt, weshalb es möglich war mit nur zwei Zählstationen sämtliche Ski- tourengeher zu erfassen. Aufgrund der Zäh- lungen erhält man Informationen zur Besu- chergesamtzahl und zur zeitlichen Verteilung der Besucherdichten im Tagesverlauf, über die räumliche Verteilung der Besucher innerhalb des Untersuchungsgebietes können jedoch keine Aussagen getroffen werden. Befliegungen des Gebietes Mittels Luftbildaufnahmen ist es möglich die räumliche Verteilung von Besuchern zu erfassen. Dabei wird die räumliche Verteilung der Sportler zum Aufnahmezeitpunkt wie- dergegeben. Der Vorteil der nur punktuellen Aufnahme ist, dass man gleichzeitig große Untersuchungsgebiete in kurzer Zeit erfassen kann. Routenbefragungen An die Sportler wurden Fragebögen aus- geteilt, denen eine Karte beigelegt war, in die sie die gewählte Skitour einzeichnen sollten. Zusätzlich wurden weitere Informationen zum regelmäßigen Verhalten und der bevor- zugten Nutzung abgefragt. Die Befragten konnten dabei bereits eingetragene typische Routen markieren oder eigene von ihnen ge- nutzte Routen in der Karte einzeichnen. Die Ergebnisse geben Hinweise auf die räumliche Verteilung sowie die saisonale Nutzung des Gebietes. Die Bereitschaft zur Teilnahme war am Ötscher sehr hoch. Routenaufzeichnung mittels GPS-Geräten Bei Routenaufzeichnungen werden GPS- Geräte am Beginn der Tour an die Sportler ausgeteilt und am Ende wieder eingesam- melt. Mittels der GPS-Geräte können Infor- mationen über die räumliche Verteilung der Besucher gewonnen werden. Die zeitliche Auflösung der Daten ist hoch, da die Positi- on des Besuchers, der das GPS-Gerät mitführt permanent aufgezeichnet wird. Über diese Aufzeichnung sind auch Rückschlüsse auf das Verhalten des Besuchers (z.B. Pausen) mög- lich. Neben der Bereitschaft der Besucher ein Gerät mitzunehmen spielte auch das Wetter eine wesentliche Rolle bei den Erhebungen. Probleme mit der Abschirmung durch Ve- getation oder steile Rinnen bestanden nicht (Heine et al. 2004). Nachstehend sind die Ergebnisse dieser verschiedenen Erhebungsmethoden verglei- chend dargestellt. Der Kernlebensraum des Birkwilds ist in den Kartenausschnitten jeweils hellgrau abgegrenzt. Die dunklen Linien ge- ben die jeweiligen Ergebnisse zur Verteilung der Skitourengeher wieder. Natura 2000: Integration von Sport und Tourismus in die Managementplanung 39Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Abb. 4: Skitourengeher im Vor- kommensgebiet des Birkhuhns (Luftbildauswertung) (Sterl et al. 2007) Abb. 5: Skitourengeher im Vor- kommensgebiet des Birkhuhns (Routenbefragung) (Sterl et al. 2007) Abb. 6: Skitourengeher im Vor- kommensgebiet des Birkhuhns (GPS-Tracks) (Sterl et al. 2007) Vorkommen Birkhuhn Tourengeher Vorkommen Birkhuhn Ergebnisse Routenbefragung Routen (bei Befragung nicht genannt) 10 - 20 Tourengeher 30 - 40 Tourengeher 20 - 30 Tourengeher 50 - 60 Tourengeher 60 - 70 Tourengeher 0 Tourengeher 1 - 5 Tourengeher 5 - 10 Tourengeher Vorkommen Birkhuhn GPS-Track 40 © INOEK / BMU / BfN Die Ergebnisse zeigen, dass es allein auf- grund der unterschiedlichen Methode passie- ren kann, dass die Gefährdung des Birkwild- Lebensraums falsch eingeschätzt und mögli- cherweise von einem günstigen Erhaltungs- zustand ausgegangen wird. Die GPS-Tracks lassen besonders gut die flächige Dimension der Belastung erkennen. Eine angemessene Managementplanung muss daher nicht nur bezogen auf die Wildtiere, sondern auch be- zogen auf die Nutzergruppen die „richtige“ Methode auswählen. Bei der Analyse der Er- holungsnutzung durch Badegäste im Bereich der Seenkette zwischen Ruhpolding und Reit im Winkel erwies sich demgegenüber die Be- fliegung als eine sehr geeignete Methode. 2.3 A ngepasste Maßnahmen und Lenkungskonzepte Neben der Erhebungsmethodik sind für eine angepasste Managementplanung wei- tere Kriterien erforderlich. Hierzu gehören, wie Abbildung 7 zeigt, nicht nur eine ange- messene Berücksichtigung der Empfindlich- keit einer Art (z.B. Birkhühner gegenüber Störungen durch Variantenskifahrer im Win- ter) und die Nutzungsintensität, die sich aus der Anzahl der Besucher und der Effizienz des Managements, wie etwa der Besucherlen- kung, ergibt. Bei einer wirksamen Lenkung der Skisportler sinkt das Risiko für die Wild- tiere. Fallbeispiel: Besucherlenkungskonzepte für den Oulanka Nationalpark, Finnland Anpassungen an die Empfindlichkeiten von Arten müssen – wie das Fallbeispiel aus Finn- land zeigt - nicht automatisch zu negativen Auswirkungen auf den Tourismus führen. Im Natura 2000: Integration von Sport und Tourismus in die Managementplanung Empfindlichkeit A B C 0 0 0 0 1 0 1 2 2 1 2 3 3 2 3 3 Erhaltungs- zustand Relevanz der Aktivität oder Landnutzung im Hinblick auf den Erhal- tungszustand bzw. die Lebensraumqualität Nutzungsintensität 0 1 2 3 1 0 0 1 2 2 0 1 2 3 3 0 2 3 3 Nutzungs- intensität Effizienz des Manage- ments (Anreize, Maß- nahmen) Risiko 0 1 2 3 0 1 1 1 1 1 1 1 2 2 2 1 2 3 3 3 1 2 3 3 Risiko einer Beeinträchtigung Abb. 7: Risi- koanalyse als Grundlage für angepasste Managementpla- nungen 41Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Nationalpark, in der abwechslungsreichen Landschaft nördlich von Kuusamo, befinden sich wertvolle sehr sensible Lebensräume und Arten. Zum Schutz von seltenen Arten kann der Park nur in Begleitung professioneller Guides besucht werden. Die touristischen Aktivitäten im Park werden von zertifizierten Tour-Anbietern durchgeführt. Aus der Sicht der Besucher entsteht durch die hohe Qua- lität der Führungen und die Begrenzung ein besonderes touristisches Produkt, das durch die lokale Führung einen wirtschaftlichen Bei- trag für die Region gewährleistet (vgl. dazu http://www.panparks.org/Network/OurParks/ Oulanka). 3. Zusammenfassung und Vorausset- zungen für eine erfolgreiche Koope- ration Die Managementplanung schafft die Vor- aussetzungen dafür, dass die Zusammenhän- ge angemessen eingeschätzt werden und das mögliche Risiko richtig bewertet wird. Die Managementplanung kann gleichzeitig auch die Voraussetzungen für neue Produkte und Kooperationen schaffen. Neben verträglichen touristischen Angeboten und Aktivitäten ge- hört dazu auch ein zukunftsfähiges Konzept für Sport und Tourismus in Natura 2000-Ge- bieten. Dies setzt Folgendes voraus: Eine Information - vor allem der Touristiker - damit gleiche Gesprächsebenen entste- hen, eine qualitätsvolle Bestandsaufnahme, die nicht nur die Belange des Natur- und Ar- tenschutzes betrifft, eine kooperative Managementplanung am runden Tisch und eine Maßnahmenentwicklung, die win- win-Lösungen fördert. Verschiedene Beispiele aus Europa, veröf- fentlicht in der neu erschienenen Broschüre Natura 2000 Sport und Tourismus (Pröbstl et al. 2008), illustrieren, dass unter diesen Vor- aussetzungen kooperative Lösungen und ein positiver Effekt auf die Regionalwirtschaft möglich ist. Literatur European Commission (1979): Richtlinie 79/409 des Rates 1979 (79/409 EEC). European Commission (1992): Richtlinie 92/43 des Rates 1992 (92/43 EEC). European Commission (2005): Natura-2000-Ge- bietsmanagement. Die Vorgaben des Arti- kels 6 der Habitat-Richtlinie 92/43/EWG. Heine, E., Lampl, R., Schadauer, K. (2004): Sport im alpinen Raum. Potenzial und Beschrän- kungen im Einsatz von GPS in Waldgebie- ten. AHORN-Tagung 2004, Spitzingsee/ Bayern. Korneck, D., H. Sukopp (1988): Rote Liste der in der Bundesrepublik Deutschland ausge- storbenen, verschollenen und gefährdeten Farn- und Blütenpflanzen und ihre Aus- wertung für den Arten- und Biotopschutz. BfN – Schriftenreihe für Vegetationskunde 19. Meile, P. (1982): Skiing facilities in alpine habi- tat of black grouse and capercaillie. Proc. Int. Grouse Symp. 2:87-92. Menoni, E., Magnani, Y. (1998): Human distur- bance of grouse in France. Grouse News 15: 4-8. Miquet, A. (1988): Effects of winter distur- bance on the black grouse (Effets du de- rangement hivernal sur les deplacements et la reproduction du tetras lyre) Gibier 42 © INOEK / BMU / BfN Natura 2000: Integration von Sport und Tourismus in die Managementplanung Faune Sauvage 5:321-330. Miquet, A. (1990): Mortality in black grouse Tetrao tetrix due to elevated cables. Biolo- gical Conservation 54: 349-355. Pröbstl U., Prutsch, A., Ellmauer, T., Bruls, E. (2008): Natura 2000 - Sport und Touris- mus, Fachbroschüre herausgegeben vom Bundesamt für Naturschutz, Bonn, im Druck. Sterl, P., Koch, V., Pröbstl, U. (2007): Erfassung von Tourismus und Erholungsnutzung in alpinen Natura-2000-Gebieten – Bedeu- tung für die Managementplanung. Na- turschutz und Landschaftsplanung, 39, 6, 185-190. Zeitler, A. (2000): Human disturbance, behavi- our and spatial distribution of Black Grou- se in skiing areas in the Bavarian Alps. Ca- hiers d’Ethologie 20 (2-3-4):381-400. Zeitler, A. (2006): Birkwild und Wintertouris- mus. Bericht über die 12. Österreichische Jägertagung 2006 „Erhaltung und Ge- staltung von Wildlebensräumen“, HBLFA Raumberg-Gumpenstein, 14.-15.02.2006: 23-28. Websites http://www.hogeveluwe.nl (März 2008) http://www.panparks.org/Network/OurParks/ Oulanka (März 2008) 43Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN 44 © INOEK / BMU / BfN Kurzvita – Neil McCarthy Neil McCarthy General Manager Parks and Marine Parks Victoria Parks Victoria Level 10, 535 Bourke Street Melbourne Vic 3000 http://www.parkweb.vic.gov.au Kurzvita Neill Mc Carthy erwarb nach seinem Bachelor Abschluss in Forstwissenschaften einen Master Abschluss in Business Administration. Zudem absolvierte er 1999 erfolgreich eines der höchstan- gesehenen Führungskräfteprogramme Australiens, das „Leadership Victoria Program“. Seit 25 Jahren ist er professionell im Bereich des Managements von natürlichen Ressourcen tätig u. a. in der Forstwirtschaft (wo er u. a. Berufserfahrung in Japan erwarb), im Park Management und im Naturschutz. Neil McCarthy spielte eine führende Rolle bei der Gründung von Parks Victoria und Melbourne Parks and Waterways. Er war wesentlich verantwortlich für die Einführung eines strategischen Managementansatzes in der Australischen Park-Industrie. Neil McCarthy ist seit zehn Jahren Kurator beim Centre for Economic Development of Australia. Er war leitend bei der Gründung des Park Forums, des Spitzenverbandes der Australischen und Neuseeländischen Parkverwaltungen und ist gegenwärtig dessen Vorsitzender. Neil McCarthy ist außerdem Mit- glied der IUCN World Commission on Protected Areas (WCPA). 45Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Neil McCarthy Healthy Parks - Healthy People Ein neuer Ansatz im Parkmanagement Einleitung Parken kommt auf nationaler und interna- tionaler Ebene die wichtige Aufgabe zu, die biologische Vielfalt und das kulturelle Erbe zu schützen und den Besuchern Möglichkeiten zu bieten, die Natur- und Kulturlandschaften zu genießen und zu bewundern. Die Parke in Victoria, Australien, schützen große Gebiete spektakulärer Landschaften, bewahren die reiche einheimische Flora und Fauna und er- zeugen frisches Wasser und saubere Luft. Sie geben den indigenen Völkern die Möglichkeit, mit ihrem Land verbunden zu sein, bieten An- knüpfungspunkte für das kulturelle Erbe Vic- torias vor der Ankunft der Siedler und bieten eine spektakuläre Umgebung für Menschen, die die Natur genießen möchten. Außerdem tragen sie zum sozialen und wirtschaftlichen Wohlergehen des Bundesstaats bei. Parke begeistern so gut wie jeden, was bereits an sich ein Maß für den ihnen inne- wohnenden Wert für den Menschen darstellt. Dennoch werden die umfassenden Vorteile, die sich für uns aus Parken ableiten, oft ver- kannt. Neben den offensichtlichen Vorteilen wie beispielsweise Freiflächen für körperliche Aktivität, sind Parke auch Orte der Zuflucht, um der Hektik urbaner Umgebungen zu ent- fliehen, sich mit anderen Menschen zu tref- fen und die Wunder der Natur zu erforschen. Parke helfen uns dabei, ein Gefühl für unse- re Umwelt und unsere kulturelle Identität zu entwickeln, sie sind Orte mentaler Erholung. Wir fühlen uns gesünder und besser, verbun- dener und bedeutungsvoller, wenn wir in die Lebenswelten eintauchen, die uns umgeben. Die Aufgabe von Parks Victoria besteht da- her darin, es dem Menschen zu ermöglichen, die mit unserer wertvollen natürlichen Umge- bung verbundenen Vorteile für die Gesund- heit zu nutzen. Wie viele andere Behörden, die weltweit für das Management natürlicher Ressourcen verantwortlich sind, muss auch Parks Victoria inmitten zahlreicher anderer wichtiger Frage- stellungen für die Bevölkerung und die Regie- rungen vor Ort bedeutsam sein. Probleme in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Sicher- heit, Verkehr, Energie und Wasser können die Frage der Parke überschatten, wenn es für den Gesetzgeber darum geht, in umweltbe- zogener Sicht Prioritäten zu setzen. Es ist je- doch nicht nötig, eine Priorität zulasten einer anderen zu fördern. Die Regierungen fördern in zunehmendem Maße ganzheitliche Strate- gien, die sektorübergreifende Partnerschaften fördern und eine Zusammenarbeit, die ge- meinsame Interessen verknüpft, erforderlich machen. Im Einklang mit einem stärker symbiotisch ausgerichteten Ansatz der Leistungserbrin- gung ist Parks Victoria derzeit damit befasst, sich als Dienstleister neu zu positionieren, der nicht nur für die Erhaltung des Naturerbes ver- antwortlich ist, sondern darüber hinaus weit reichende soziale Vorteile bietet. Wir definie- ren die Rolle der Parke für die Bevölkerung und den Wert von Parken für die Gesellschaft neu. Dieses Dokument bietet einen Überblick über Parks Victoria. Vorgestellt werden die Vorteile 46 © INOEK / BMU / BfN von Parken, die Aufgaben der Organisation und die begonnene Umstrukturierung. Was bietet ein Park? Als die ersten Parke zu Beginn des neun- zehnten Jahrhunderts gegründet wurden, hoffte man, auf diese Weise Krankheiten, Verbrechen und soziale Unruhen senken zu können und gleichzeitig „grüne Lungen“ für die Städte sowie Gebiete für Freizeit und Er- holung zu schaffen. Diese Ziele wurden als Rechtfertigung verwendet, um in Städten Parke und andere natürliche Rückzugsge- biete einzurichten und außerhalb der Städte Wildnisgebiete für die öffentliche Nutzung zu erhalten. Heute sind diese frühen Ziele durch Forschung und praktische Erfahrung belegt, das moderne Parkmanagement passt seine Rolle zunehmend daran an, zu einer Vielzahl dieser Ziele beizutragen. Die vorrangige Rolle des Parknetzwerks ist die Erhaltung und das Management des Naturerbes. Das Naturerbe umfasst die ökolo- gischen und geologischen Schätze innerhalb der Parke und erstreckt sich auf eine vielfäl- tige Flora und Fauna einschließlich vieler be- drohter, endemischer Arten, Lebensgemein- schaften und Ökosysteme. Der Zustand dieses Naturerbes variiert je nachdem, ob es sich um alte, unberührte Wildnisgebiete handelt oder um Parke, deren natürliche Ökosysteme durch vergangene Landnutzung stark verän- dert wurden. Parke bieten neben der grund- legenden Erhaltungsaufgabe jedoch noch viele weitere Vorteile. In den letzten zwanzig Jahren haben die Regierungen erkannt, dass Parke und Freiflächen wesentlich zum wirt- schaftlichen Kapital einer Gesellschaft beitra- gen. In Australien hat der Sektor für natur- nahen Tourismus einen Wert von über einer Milliarde Dollar jährlich. Viele Parke, wie der international bekannte Philip Island Nature Park mit seiner Philip Island Penguin Parade, tragen über einhundert Millionen Dollar jähr- lich zur australischen Wirtschaft bei. Darüber hinaus tragen Parke zum sozialen Kapital bei. Das Konzept des sozialen Kapi- tals ist relativ neu und unscharf, jedoch sehr wichtig. Mit sozialem Kapital werden die Be- ziehungen zwischen Menschen bezeichnet, auf denen Netzwerke, Normen, Vertrauen und Zusammenarbeit aufbauen. Im Lichte dieser Definition spielen Parke eindeutig eine signifikante Rolle bei der Schaffung und Be- wahrung von sozialem Kapital, indem eine attraktive Umgebung bereit gestellt wird, die für eine große Vielzahl sozialer Aktivitäten förderlich ist. PFLANZEN, TIERE UND LANDSCHAFTEN – die biologische Vielfalt schützen Das in Parken geschützte Naturerbe ist auf zweierlei Arten bedeutsam. Es hat eine imma- nente Bedeutung, das heißt eine ihm inne- wohnenden Bedeutung, die unabhängig von der Anwesenheit oder dem Bedarf des Men- schen vorhanden ist, und eine instrumentelle Bedeutung, d. h. es bietet direkte und indi- rekte Vorteile für den Menschen. Parke in jedweder Form schützen unsere natürlichen Ressourcen, Wasser, Böden, Fel- sen, Landschaften, Höhlen, die unersetzliche biologische Vielfalt der einzigartigen einhei- mischen Flora und Fauna (terrestrisch und aquatisch) sowie eingeführte Arten in orna- mentalen und historischen Anpflanzungen. Healthy Parks - Healthy People – Ein neuer Ansatz im Parkmanagement 47Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Die Parke in Australien sind von unschätz- barer immanenter, kultureller und ästhe- tischer Bedeutung. In einer Welt, die von schneller Entwicklung und rapidem Bevölke- rungswachstum sowie einer damit verbunde- nen Nachfrage nach natürlichen Ressourcen gekennzeichnet ist, ist ein integrierter Ansatz erforderlich, um die Auswirkungen auf die Fragmentierung von Landschaft und Umwelt zu minimieren. VERBORGENE GESCHENKE DER NATUR – Ökosystemdienstleistungen Parke spielen eine unterschätzte, jedoch bedeutende Rolle bei der Erbringung von Ökosystemdienstleistungen, d. h. der natür- lichen Prozesse und Produkte, die die Natur kostenlos bereithält. Zu diesen wichtigen Leis- tungen gehören: Reinigung von Luft und Wasser Entgiftung und Zersetzung von Abfällen Klimaregulierung Flussläufe und Grundwasser Vermeidung von Bodenerosion Regenerierung der Fruchtbarkeit der Bö- den Bestäubung von Blüten Schädlingskontrolle Schaffung und Erhaltung der biologischen Vielfalt. Trotz der aktuellen Besorgnis im Hinblick auf den Klimawandel wird die wichtige Rolle, die die (in Parken geschützte) Vegetation bei der Speicherung von Kohlenstoff, der Bereit- stellung von Wärmesenken, der Freisetzung von Sauerstoff, der Regulierung der Nieder- schläge und der Stabilisierung des Grund- wasserpegels spielen, als selbstverständlich hingenommen. MOTOR FÜR WIRTSCHAFTSWACHSTUM – finanzielle Erträge Auch wenn die Parke selbst oft kostenlos zugänglich sind, erzeugen sie auf vielfältige Weise wirtschaftlichen Nutzen. Die nationale, regionale und lokale Wirtschaft profitiert durch die im Tourismussektor erzeugten Um- sätze und Arbeitsplätze. Die Tourismusförde- rung ist bei der Vermarktung einer Region in großem Maße vom Image der Parke als „An- ziehungspunkt“ und Attraktion abhängig. Städtische Parke haben einen hohen wirt- schaftlichen Wert für die jeweils vor Ort le- bende Bevölkerung. Sie werden oft genutzt, um den Tourismus in der Region anzukurbeln und Investitionen in den Bereichen Tourismus und Lifestyle anzukurbeln. In städtischen Ge- bieten haben Wohnimmobilien in der Nähe von Parken stets nachfragebedingt einen hö- heren Wert. Parke haben auch einen hohen therapeu- tischen Wert und sind daher von wirtschaft- licher Bedeutung, da sie Gesundheitsleistun- gen in den Bereichen Prävention und Heilung anbieten. Die zukünftige Belastung der Ge- sundheitssysteme wird gesenkt, da sich die Gesundheit der Bevölkerung verbessert, be- stehende gesundheitliche Probleme werden gemildert, da sich eine schnellere Genesung, weniger verschriebene Medikamente und eine geringere Inanspruchnahme von Pflege- personal ergeben. Ökosystemdienstleistungen sind aufgrund ihres Umfangs und ihrer Komplexität uner- setzbar. Würde diesen Leistungen ein mone- tärer Wert zugeordnet, beliefe sich dieser auf mehrere Milliarden Dollar jährlich. 48 © INOEK / BMU / BfN VERBINDUNGEN MIT DEM LAND – Anerkennung historischer Eigen- tumsverhältnisse Die meisten von uns kennen das Gefühl von Ehrfurcht oder Inspiration, das uns beim Anblick einer fantastischen Aussicht, eines schönen Vogels oder eines majestätischen Bergwalds erfüllt. Manchmal wird diesen „Orten“ sogar ein spiritueller Charakter zu- geschrieben. Viele indigene Völker betrach- ten das Land und die Landschaft als das Herz- stück ihrer Kultur. Der sorgsame Umfang mit dem Land bildet die Grundlage für das sozi- ale, mentale, wirtschaftliche und physische Wohlergehen der Ureinwohner und den Grundstein ihres überlieferten Wissens. Parks Victoria unterstützt die Aufgaben und Rechte der Ureinwohner Victorias. Hierzu gehören die Anerkennung historischer Eigen- tumsverhältnisse, die Bedeutung der Fortfüh- rung kultureller Lebensformen einschließlich Ernten und Jagen sowie ein gerechter Vor- teilsausgleich bei der Nutzung traditioneller Ressourcen. Viele Stätten, die für die indigene Bevölkerung von Bedeutung sind, befinden sich innerhalb von Parken. Dort werden sie nicht nur geschützt, sondern fördern auch bei den Besuchern das Verständnis und den Respekt für die Ureinwohner Victorias. FEEL BLUE, TOUCH GREEN – Förderung des mentalen Wohlbe- findens Unsere Beziehung zur Natur ist eng mit dem bewussten und unterbewussten mensch- lichen Empfinden verbunden. In jüngster Zeit gibt es konzertierte Bemühungen, diese Be- ziehung empirisch zu untersuchen, insbeson- dere auf dem Gebiet der Biologie, Ökologie, Psychologie und Psychiatrie. Viele Forscher haben gefolgert, dass der Mensch aufgrund psychologischer, emotionaler und mentaler Bedürfnisse von der Natur abhängig ist. Der bekannte amerikanische Biologe E. O. Wilson machte den Begriff und das Konzept der Bi- ophilie bekannt und definierte diese als „die Verbindungen, die der Mensch unbewusst zum Lebendigen sucht und braucht“. Die Vor- teile, die sich aus einer Interaktion mit der Na- tur ergeben, werden weiter erforscht. Frühe Ergebnisse haben belegt, dass Parke, indem sie Zugang zur Natur gewähren, eine zentrale Rolle für die Gesundheit und das Wohlbefin- den des Menschen spielen. Bei der Planung der ersten Stadtparke im neunzehnten Jahrhundert war man davon überzeugt, dass sich aus der Nutzung die- ser Freiflächen mögliche Vorteile für die Ge- sundheit ergeben würden. Man ging davon aus, dass die Begegnung mit der Natur das psychische Wohlergehen fördert, den mit dem Leben in der Stadt verbundenen Stress reduziert und die körperliche Gesundheit ver- bessert. Die in den letzten zwei Jahrzehnten durchgeführten Forschungsaktivitäten zu den positiven Auswirkungen einer Interaktion mit der Natur haben diese aus dem neunzehnten Jahrhundert stammenden Überzeugungen bestätigt. Parke können dazu beitragen, das psychische Wohlbefinden zu verbessern, Stress abzubauen, die Abwehrkräfte zu stär- ken und den Heilungsprozess bei psychia- trischen und anderen Patienten zu beschleu- nigen. Die Interaktion mit der Natur gilt als wesentlich für die menschliche Entwicklung sowie eine dauerhafte Gesundheit und ein langfristiges Wohlbefinden. Healthy Parks - Healthy People – Ein neuer Ansatz im Parkmanagement 49Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN SPORT IM GRÜNEN – Erholung im Freien Unsere sitzende Lebensweise bringt eine zunehmende Fettleibigkeit der Bevölkerung mit sich. Für fettleibige Menschen ist die Ge- fahr erhöht, Bluthochdruck, hohe Choleste- rinwerte, kongestive Herzinsuffizienz, Schlag- anfall, Gallensteine, Arthrose, bestimmte Krebsarten (Brust- und Prostatakrebs), Erkran- kungen der weiblichen Fortpflanzungsorgane sowie Inkontinenz zu entwickeln. Darüber hin- aus haben sie ein höheres Risiko, psychische Störungen wie Depressionen, Essstörungen, ein gestörtes Körpergefühl oder ein vermin- dertes Selbstwertgefühl zu entwickeln. Parke stellen die wichtigsten Freiflächen dar, die für Freizeitaktivitäten und körperliche Betätigung genutzt werden. Hierzu gehören formale, organisierte Angebote wie Sporttur- niere sowie informelle Aktivitäten wie Spazie- rengehen oder Radfahren. Schließlich gibt es Parke, in denen Aktivitäten unter Tage oder im Wasser möglich sind, wie z. B. Höhlenklet- tern, Schwimmen, Tauchen und Kanufahren. Parke nehmen darüber hinaus eine wich- tige Rolle in der kindlichen Entwicklung ein. Sie umfassen Spielplätze, bieten die Möglich- keit, Radfahren zu lernen und Drachen stei- gen zu lassen, sowie einfach sehr viel Platz zum Herumtoben. Durch die Einrichtung von Hundeausführstrecken und Hundefreilaufbe- reichen in Parken werden die körperliche Ak- tivität und der Kontakt zu Tieren gefördert, was sich wiederum förderlich auf die mensch- liche Gesundheit auswirkt. EMOTIONALE VERBINDUNG – Inspiration für Seele und Geist Parke stimulieren Emotionen. Versuchen Sie, einen Park zu schließen oder umzuge- stalten, und Sie werden erleben, wie die nor- malerweise schweigende Mehrheit plötzlich lautstark protestiert! Stellen Sie sich eine Welt ohne Parke vor. Jeder von uns hat einen Lieblingsort drau- ßen, den er gerne besucht. Dieses Gefühl der Verbundenheit nimmt tief greifenden Einfluss auf unsere Persönlichkeit. Es kann sich um ei- nen Ort handeln, der aufregend ist, der uns als Rückzugsort dient oder der einfach nur Erinnerungen birgt. Unabhängig davon, ob wir sie alleine oder in der Gruppe besuchen, können Parke Inspiration, Ehrfurcht, Freude und Spaß erzeugen! RAUM FÜR SOZIALE KONTAKTE – für Familien und Gemeinschaften In Parken durchgeführte Aktivitäten stel- len einen Beitrag zum Sozialkapital dar, denn sie bieten Raum für soziale Kontakte, die Bil- dung von familiären und freundschaftlichen Banden und ermöglichen ein gemeinsames Gefühl des Wohlbefindens, und dies unab- hängig davon, ob man an diesen Aktivitäten als Besucher oder als ehrenamtlicher Helfer teilnimmt. Sportclubs und Sportprogramme in Par- ken bieten nicht nur Möglichkeiten der kör- perlichen Betätigung, sondern können auch – vielleicht noch wichtiger – den Aufbau von Teams, sozialen Kontakten, Freundschaften, Verbundenheit mit der Gemeinschaft und Bürgerstolz fördern. 50 © INOEK / BMU / BfN Einige der Einwanderer der jüngeren Zeit betrachten und nutzen Parke auf unter- schiedliche Weise entsprechend ihrem jewei- ligen kulturellen Hintergrund. Viele kommen aus ländlichen Lebensverhältnissen, in denen der Boden und das Land für das Überleben und die Kultur von wesentlicher Bedeutung waren. Erst in jüngster Zeit haben die Parkver- waltungen begonnen, diese Wahrnehmungen aktiv anzuerkennen und zu versuchen, eine bessere Anpassung an die Bedürfnisse der lo- kalen Gemeinschaften zu gewährleisten. NATUREWORKS – ein Klassenzimmer unter freiem Himmel Parke sind Orte, an denen Menschen in Kontakt mit der natürlichen Umgebung, der indigenen Kultur, dem Naturerbe sowie öko- logischen und geologischen Prozessen kom- men. Parke bieten Gelegenheit, experimen- telles Lernen in die Schul- und Universitäts- ausbildung sowie Forschung zu integrieren, um unser Verständnis zu schärfen und die Bedeutung des Schutzgedankens zu unter- streichen – dies ist ein weiterer Wert, den wir der Existenz von Parken verdanken. Parke bieten zudem sowohl direkt als auch indirekt die Möglichkeit, ein Bewusstsein zu erzeugen, zu lernen und zu verstehen. Dies kann über Broschüren oder Schilder oder auch durch zufällige Beobachtung gesche- hen. Schulgruppen nutzen Parke für den Um- weltunterricht, unter anderem bei Spazier- gängen durch die Felslandschaften der Küste bei Ebbe. Studien haben gezeigt, dass der Kontakt zur Natur die kognitiven Fähigkeiten fördert, so dass es kaum einen besseren Ort gibt, um zu lernen! Über Parks Victoria Vision Ein herausragendes System geschützter und gemanagter Parke und Wasserwege, das den Menschen für immer zur Verfügung steht. Zweck Unsere Zielsetzungen sind: Erhaltung, Schutz und Verbesserung von Umwelt- und Kulturerbe Verantwortungsvolle Erfüllung des Bedarfs unserer Kunden an qualitativ hochwer- tigen Informationen, Leistungen und Er- fahrungen Erstklassigkeit und Innovation im Bereich des Parkmanagements Positiver Beitrag zum sozialen und wirt- schaftlichen Leben der Bürger von Victo- ria. Wer wir sind Parks Victoria wurde im Dezember 1996 als staatliche Behörde gegründet, die dem Ministerium für Umwelt und Klimawandel unterstellt ist. Die Aufgabe von Parks Victoria besteht darin, Parke und anderes Naturerbe in staatlichem Auftrag zu verwalten. Parks Victoria verfügt über einen unab- hängigen Vorstand, der für die Lenkung und Kontrolle der Organisation im Auftrag des Mi- nisteriums zuständig ist. Der Vorstand ist für die Leitung von Parks Victoria verantwortlich und bestimmt die strategische und politische Ausrichtung. Der Vorstand beauftragt die Geschäftsführung von Parks Victoria mit der betrieblichen und administrativen Geschäfts- tätigkeit im Tagesgeschäft. Die Geschäftsfüh- rung von Parks Victoria arbeitet eng mit dem Healthy Parks - Healthy People – Ein neuer Ansatz im Parkmanagement 51Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Vorstand zusammen und besteht aus einem Geschäftsführer, einem stellvertretenden Ge- schäftsführer und vier Bereichsleitern. Der Jahresumsatz von Parks Victoria be- läuft sich auf 160 Millionen Australische Dollar. Als dezentral organisierte Behörde beschäftigt Parks Victoria über 1.000 Mitar- beiter an 120 Standorten in fünf Regionen im gesamten Bundesstaat. Etwa 70 Prozent der Beschäftigten verfügen über eine for- male Ausbildung in den Bereichen Park- und Schutzgebietsmanagement, Umwelt- oder Freizeitmanagement. Dieses hochqualifizierte und erfahrene Team umfasst Experten aus den Bereichen Geschäftssysteme, Finanzmanage- ment, Planung und Marketing sowie über 400 Park-Ranger, die vor Ort im Bereich der Parke, Buchten und Wasserwege tätig sind. Was wir managen Parks Victoria wacht über einen sehr viel- fältigen Bestand bedeutender Parke in Victo- ria und ist darüber hinaus verantwortlich für das Management der Freizeitnutzung für Port Philip Bay, Western Port sowie die Flüsse Yarra und Maribyrnong. Der Parkbestand umfasst: 40 Nationalparke 13 Meeresnationalparke 11 Meeresschutzgebiete 3 Wildnisparke 27 Staatsparke 31 Stadtparke 61 andere Parke (einschließlich Regional- parke und Stauseeschutzgebiete) 2.789 geschützte Landschaften und Erhal- tungsgebiete 8.400 von Aboriginal Affairs Victoria re- gistrierte Kulturstätten/-orte der indigenen Bevölkerung 2.500 (nicht indigene) historische Stätten Gesamtfläche an Parken und Schutzgebie- ten von 3,96 Millionen Hektar (17% der Fläche Victorias) SCHUTZ DER NATÜRLICHEN UMGEBUNG Über das Parknetzwerk werden reprä- sentative Beispiele der größten unberührten Ökosysteme in Victoria sowie eine große Bandbreite bedeutsamer Flora, Fauna und typischer Restvegetation innerhalb stärker entwickelter landwirtschaftlich genutzter und urbaner Landschaften geschützt. Die Parke in Victoria umfassen: Exemplare von 93% der verzeichneten einheimischen Pflanzenarten des Bundes- staats Exemplare von 86% der verzeichneten einheimischen Tierarten des Bundesstaats 31 von 35 bedrohten Vegetationsgemein- schaften Über 50% der Fläche der Ramsar-Feucht- gebiete in Victoria 1.464 bedrohte Pflanzenarten (88% aller bedrohten Pflanzenarten in ganz Victoria) 280 bedrohte Tierarten (89% aller be- drohten Tierarten in ganz Victoria) 32 bedrohte Gemeinschaften (89% aller bedrohten Gemeinschaften in ganz Victo- ria) 115 Referenzgebiete (80% aller Referenz- gebiete in ganz Victoria) und erzeugen mehr als ein Drittel des Oberflächenwassers in ganz Victoria. Im Jahr 2002 übernahm Parks Victoria die Verantwortung für das Management der einzigartigen und sehr vielfältigen Meeres- nationalparke und Meeresschutzgebiete des 52 © INOEK / BMU / BfN Bundesstaats Victoria. Das System umfasst 13 Meeresnationalparke und 11 Meeresschutz- gebiete, die mehr als 5% der Küstengewässer Victorias ausmachen. SCHUTZ UNSERES KULTURERBES Parks Victoria ist für die Verwaltung des umfassendsten und vielfältigsten Bestands an Kulturerbe im Bundesstaat zuständig. Über 7.800 Kulturstätten der indigenen Bevölke- rung und 2.800 Kulturstätten der Siedler wur- den bislang in Parken im Bundesstaat Victoria registriert. Diese Kulturstätten sind Zeugnisse unserer Vergangenheit und geben einen Ein- blick in die indigene Kultur, die Anfänge der Besiedelung, die Küstenschifffahrt, die Ver- teidigung der Kolonien, den Bergbau, Na- turschätze und historische Siedlungsformen. Durch den Schutz unseres gemeinsamen Erbes können wir aus der Vergangenheit ler- nen und gemeinsam die Zukunft gestalten. Zu den Stätten, die für die indigene Bevöl- kerung von Bedeutung sind, gehören Zeug- nisse früher Lebensweisen wie Höhlen, Stein- hüttenfundamente, Felszeichnungen, Grab- stätten, Scar Trees sowie Steinbrüche und Steinansammlungen, die mit der Herstellung von Werkzeugen in Verbindung stehen. Die mehr als 7.800 registrierten indigenen Kulturstätten machen etwas mehr als zwei Prozent der Gesamtfläche des Parknetzwerks und 31% der insgesamt in Victoria registrier- ten Kulturstätten der indigenen Bevölkerung aus, hierin eingeschlossen ein Großteil (85%) der bekannten kunsthistorischen Fundstätten des Bundesstaats. Als historische Ureinwohner von Victoria hat die indigene Bevölkerung ein starkes In- teresse daran, ihr traditionelles Land zu be- wahren, und fühlt eine kulturelle und spiri- tuelle Verpflichtung gegenüber diesem Land sowie Verantwortung dafür. Für die indigene Bevölkerung Victorias bildet das kulturelle Erbe die Grundlage ihrer Identität und ihrer Beziehung zum Land, zum Volk und zur spi- rituellen Welt. Die Ältesten geben die Ver- antwortung, die Verpflichtung, den Respekt und das Zugehörigkeitsgefühl gegenüber der Familie, der Gemeinschaft und dem Land an jede neue Generation weiter. Für die indigene Bevölkerung stellt das Kulturerbe die Zukunft dar; eine Entfremdung würde negative Aus- wirkungen auf die Gesundheit, das Wohler- gehen und die kulturellen Pflichten der Bevöl- kerung nach sich ziehen. Zum Kulturerbe Victorias aus der Zeit nach der Ankunft der Siedler gehören Leuchttürme, bedeutende Gebäude, archäologische Fund- stätten, Gärten, Hütten und Schiffswracks. Über 2.800 historische Kulturgüter wurden in 374 Parken in Victoria registriert, die meisten in terrestrischen Nationalparken (58%). VERBESSERUNG DER BESUCHERERFAHRUNG Die Parke in Victoria bieten eine große Vielfalt unterschiedlicher Umgebungen für die Freizeitgestaltung, die von sozialen Ver- anstaltungen in Stadtparken bis hin zu Wan- derungen mit Übernachtung in entlegenen Wildnisgebieten reichen. Parks Victoria ist der größte Anbieter naturnaher Tourismus- dienstleistungen in Victoria. Von 2006-2007 besuchten 76,1 Millionen Menschen die von Parks Victoria gemanagten Gebiete. Der überwiegende Teil der Parke ist für Besucher Healthy Parks - Healthy People – Ein neuer Ansatz im Parkmanagement 53Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN zugänglich, ausgenommen sind lediglich Referenzgebiete sowie einige Wassergewin- nungsbereiche. In den Parken stehen 1.400 Besuchereinrichtungen und ein Wegenetz mit einer Länge von 3.700 Kilometern zur Verfü- gung. Von den 14.000 Straßenkilometern in den Parken sind 8.900 Kilometer für Privat- fahrzeuge und die meisten auch für andere Freizeitaktivitäten zugänglich. Die von Park-Rangern geführten Informa- tionsprogramme zählten von 2006-2007 über 40.000 Teilnehmer. Angeboten werden auch umfassende Lernprogramme für Kinder, mit denen die Jüngsten lernen, ihre Umwelt und Kulturgeschichte zu verstehen. Parks Victo- ria bestärkt die Einwohner des Bundesstaats über spezielle Bürgerbeteiligungs- und Frei- willigenprogramme darin, sich aktiv an der Verwaltung von Parken und Schutzgebieten zu beteiligen. BEITRAG ZUR WIRTSCHAFT VON VICTORIA Die Parke in Victoria erzeugen einen mess- baren, direkten und kontinuierlichen Nutzen für die lokale, regionale und nationale Wirt- schaft. Sie unterstützen die tägliche Funktion und den Wohlstand vieler regionaler Gemein- schaften und generieren direkte und indirekte Vorteile für die Sektoren Tourismus, Bildung, Gesundheit, Verkehr, Sport und Freizeit. Drei der Nationalparke Victorias allein (Grampia- ns, Port Campbell und Wilsons Promontory) leisten einen Beitrag von 487 Millionen Dollar jährlich zur australischen Volkswirtschaft. Das Parkmanagement kostet Geld, doch mit diesem Geld werden erhebliche wirt- schaftliche Vorteile erzeugt. Letztendlich übersteigt der Nutzen die anfänglichen Inves- titionen. So werden mithilfe von Investitionen in Höhe von 2,6 Millionen Dollar in Parkma- nagementleistungen im Nationalpark Gram- pians Erträge von 246 Millionen Dollar jähr- lich erwirtschaftet, vor allem über touristische Aktivitäten. VORTEILE FÜR GESELLSCHAFT UND GESUNDHEIT Die Freude, die die in den Parken von Vic- toria möglichen Aktivitäten den Menschen bereiten, ist nur der Anfang dessen, was Parke tatsächlich zu bieten haben. Weltweit haben Studien belegt, dass die Interaktion mit der Natur sich sehr positiv auf die Ge- sundheit auswirkt und zu einer gesünderen Gesellschaft mit mehr sozialem Zusammen- halt führen kann. Parke nehmen in der Bereitstellung eines derartigen Kontakts zur Natur in Victoria eine bedeutende Rolle ein, da sie in manchen Fällen die einzige Möglichkeit für Menschen darstellen, diese Erfahrung zu machen, insbe- sondere in städtischen Gebieten. Der Besuch eines Parks, in dem man Ruhe und Einsamkeit finden, Zeit mit anderen verbringen, mit der Natur interagieren und sich für diese interes- sieren, körperlich aktiv sein und etwas über die Umwelt sowie die kulturelle Identität ler- nen kann, kann sehr positive Auswirkungen auf die Gesundheit des Einzelnen nehmen und das gesellschaftliche Zusammenleben positiv beeinflussen. Der wirtschaftliche und ökologische Wert von Parken ist quantifizierbar. Gleichzeitig tragen sie jedoch auch zur körperlichen und geistigen Gesundheit bei, indem sie die bio- 54 © INOEK / BMU / BfN logische Vielfalt und Ökosystemdienstleistun- gen wie Wasser und saubere Luft schützen und Möglichkeiten für Freizeitgestaltung, Tourismus und Beschäftigung bieten. Studien, die zunächst von Parks Victoria in Auftrag gegeben und dann von Parks Forum erweitert wurden, unterstreichen die Bedeu- tung der Natur für die Gesundheit und das Wohlbefinden des Menschen. Auch wenn die Erkenntnisse dieser Literatur nicht neu sind, wurden erstmals internationale Forschungser- gebnisse in diesem Bereich zusammengestellt und auf der Grundlage der Gesamtevidenz präsentiert, insbesondere im Hinblick auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychische Gesundheit. Sie zeigt, dass Menschen, die aktiv sind und Beziehungen zu anderen und zur Gemeinschaft, in der sie leben, pflegen, körperlich und geistig gesünder sind. Unter Anerkennung der zentralen Verbin- dung zwischen Parken und sozialem Nutzen, war Parks Victoria an der Gründung der Stif- tung People and Parks Foundation beteili- gt, um eine Beteiligung der Bevölkerung an Parken zu fördern. Zu den von der Stiftung gemanagten Projekten gehören das Überwa- chungsprogramm Sea Search mit Beteiligung der Bevölkerung, die Initiative Feel Blue Touch Green zur Förderung der geistigen Gesund- heit und das Programm Green Connections zur Unterstützung von Rekultivierungspro- jekten. Healthy Parks - Healthy People ein neuer Ansatz im Parkmanagement Über die Philosophie Healthy Parks – Heal- thy People (Gesunde Parke – Gesunde Men- schen) versucht Parks Victoria, die Verbindung zwischen einer gesunden Umwelt und einer gesunden Gesellschaft zu stärken und zu för- dern, insbesondere angesichts der Tatsache, dass immer mehr Menschen in städtischen Gebieten leben und immer seltener regelmä- ßigen Kontakt zur Natur haben. Parks Victoria ist damit befasst zu ermit- teln, wie Parke und die natürliche Umgebung zu umfassenderen gesellschaftlichen Zielset- zungen beitragen können. Hierzu ist eine Zu- sammenarbeit mit neuen Partnern erforder- lich, beispielsweise aus der Gesundheitsbran- che oder dem Gemeinwesen. Gemeinsam hoffen wir, den Parken eine neue Aufgabe als Anbieter grundlegender gesellschaftlicher Vorteile zuordnen zu können, die über die bisherige Rolle des bloßen Hüters von Natur- erbe hinausgeht. Diese Art der Zusammenarbeit stellt sich jedoch nicht automatisch ein. Eine Verände- rung der tief verankerten und sehr fragmen- tierten Sichtweise dessen, was Parke zu bie- ten haben, ist in einer Vielzahl verschiedener Sektoren gefordert. Politische Unterstützung, die Übernahme einer Vorreiterrolle, Führungs- kompetenzen, Forschungsarbeit und Kam- pagnen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit sind vonnöten, um einen Paradigmenwechsel im Bereich des Parkmanagements herbeizu- führen. Healthy Parks – Healthy People war zu- nächst eine Werbekampagne mit dem Ziel, die Verbindung zwischen einer gesunden Umwelt und einer gesunden Gesellschaft hervorzuheben, hat sich inzwischen jedoch zu einem neuen Modell für das Parkmanage- ment entwickelt und wird von vielen führen- den Park- und Gesundheitsorganisationen in Australien unterstützt. Die zentralen Elemente Healthy Parks - Healthy People – Ein neuer Ansatz im Parkmanagement 55Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN dieses neuen Ansatzes werden nachstehend beschrieben. FÖRDERUNG VON ENGAGEMENT UND BETEILIGUNG DER BÜRGER VICTORIAS Auch wenn der Grundsatz, Flächen für Parke zur Verfügung zu stellen, in den west- lichen Gesellschaften gemeinhin unterstützt wird, gestaltet sich die Realität oft anders, sobald geschäftliche Interessen ins Spiel kom- men. Die Bedeutung von Parken steht nur dann ganz oben auf der Agenda, wenn die Integrität eines bekannten Parks gefährdet ist. So besteht eine weitere Herausforderung für Parks Victoria – wie für viele andere Park- verwaltungsgesellschaften auch – darin, das Bewusstsein der Menschen für den Wert von Parken zu schärfen. Durch den Besuch eines Parks ergeben sich für so gut wie alle Men- schen positive Auswirkungen auf das kör- perliche und geistige Wohlbefinden. Parks Victoria hat eine umfassende und integrierte Kommunikationsstrategie entwickelt, um die Einwohner Victorias zu motivieren, Parke zu besuchen, sich an ihrer Pflege zu beteiligen und damit „gesunde“ Orte für Körper, Geist und Seele zu schaffen. Die erste Herausforderung bestand darin, eine einzigartige und wirksame Positionierung in Übereinstimmung mit den zentralen Wer- ten von Parks Victoria zu entwickeln. Mithilfe dieser Positionierung sollte Parks Victoria von der Öffentlichkeit als eine Organisation wahr- genommen werden, die die mit der Wahrung des Naturerbes, dem Umweltschutz und dem Beitrag zur Bürgergesellschaft verbundenen Aufgaben auf beispielhafte Weise erfüllt. Zu diesem Zweck wurde das einfache und kla- re Motto „Healthy Parks – Healthy People“ entwickelt, das impliziert, dass eine gesunde Umwelt in Parken die Gesundheit der Bevöl- kerung fördert und dass durch eine aktive Freizeitgestaltung in einer gut gemanagten Parkumgebung die Gesundheit und Fitness von Einzelpersonen und der Gesellschaft ins- gesamt verbessert werden können. Ein hoher Bekanntheitsgrad wurde durch eine achtwöchige Werbekampagne in Radio und Printmedien erzielt. Darüber hinaus wur- de das Programm in der nationalen Presse in Leitartikeln vorgestellt. Im Rahmen eines Fests wurden Parke und Freizeitangebote im gesamten Bundesstaat sowie Gemeinschafts- und Freizeitgruppen vorgestellt, um die Vor- teile einer Freizeitbetätigung im Freien zu un- terstreichen. Die TV-Werbekampagne „Healthy Parks – Healthy People“ von Parks Victoria wurde zwei Wochen im April 2006 von den Stadt- sendern 7, 9, 10 und SBS sowie den Regio- nalsendern Prime, WIN und Southern Cross ausgestrahlt. Die Kampagne fand bei der Be- völkerung, den Mitarbeitern und beteiligten Parteien guten Anklang. Während der Dau- er der Kampagne erhöhte sich die Zahl der beim Informationszentrum von Parks Victoria eingehenden Anfragen sowie der Zugriffe auf die Internetseite. Den Interessenten wur- de der kostenlose Führer „Guide to Victoria’s Park Reserves & Waterways“ übersendet. Darüber hinaus wurde eine Partnerschaft mit der landesweit ausgestrahlten Fernseh- sendung „Postcards“ eingerichtet, in de- ren Rahmen ein Park-Ranger als Moderator auftritt und Parke sowie Veranstaltungen in Parken vorstellt. Bei jedem Segment wurde das Motto „Healthy Parks – Healthy People“ sowie die Telefonnummer des Informations- 56 © INOEK / BMU / BfN zentrums von Parks Victoria eingeblendet. Die Serie war derart erfolgreich, dass sie in der Hauptsendezeit am Samstag Abend um 19.30 Uhr platziert wurde und an Beliebtheit noch zugelegt hat. Diese Zusammenarbeit mit dem Fernsehen mündete später in eine Partnerschaft mit der ebenfalls sehr popu- lären Reisesendung „Coxy’s Big Break“. Zur Erweiterung des Programms „Healthy Parks – Healthy People“ gehörte auch der Aufbau von Partnerschaften mit mehreren hochrangigen Gesundheitsorganisationen. Durch diese Allianzen erhielt die Kampagne zusätzliche Glaubwürdigkeit, da auf diese Weise die Verbindung zwischen gesunden Parken und einer gesunden Gesellschaft von offizieller Seite legitimiert wurde. Als Koo- perationspartner wurden das Royal Australi- an College of General Practitioners, Asthma Victoria, die National Heart Foundation und Arthritis Victoria gewonnen. FÜHRUNGSKOMPETENZ UND AUFBAU STRATEGISCHER ALLIANZEN Parks Victoria hat einen aktiven Führungs- stil entwickelt, mit dem die Organisation schnell auf Notsituationen wie die jüngsten Waldbrände reagieren konnte, die im Bun- desstaat wüteten, und gleichzeitig in der Lage war, innovative Lösungen für langfristigere Probleme zu erarbeiten. Alle Führungsmitar- beiter nehmen regelmäßig an internen und externen Schulungen zur Entwicklung von Führungskompetenzen teil. Darüber hinaus sind die meisten Geschäftsführer Teilnehmer des innovativen einjährigen Führungskompe- tenzprogramms von Leadership Victoria. Die Investitionen in den Aufbau von Führungs- kompetenzen haben zu einem aktiveren und partnerschaftlicheren Ansatz bei der Bewälti- gung der gemeinsamen Herausforderungen im Bereich des Parkmanagements und zur Entwicklung verschiedener innovativer Initia- tiven geführt. Sportschützen – ungewöhnliche Partner Im Jahr 2003 ging Parks Victoria eine Part- nerschaft mit dem australischen Sportschüt- zenverband Sporting Shooters Association of Australia (Victoria) ein, um ein Pilotprojekt zur Kontrolle des Wildziegenbestands im Murray- Sunset-Nationalpark einzurichten. Im Rah- men der Vereinbarung nahmen die Verbands- mitglieder an einer Akkreditierungsschulung teil, um die Schussgenauigkeit, die Sicherheit und das Umweltbewusstsein der Teilnehmer sicherzustellen. In 2005 wurde eine Koope- rationsvereinbarung zwischen Parks Victo- ria und dem Sportschützenverband über die Fortsetzung der Kontrolle des Wildziegen- bestands und die Erweiterung des Projekts auf wildlebende Schweine und andere Parke vereinbart. Mithilfe dieses Programms konnte der Wildziegenbestand im Murray-Sunset- Nationalpark erfolgreich gesenkt werden. Es dient als Modell für andere Kooperationspro- gramme zur Bestandskontrolle wildlebender Tiere und wird in anderen Regionen Australi- ens inzwischen erfolgreich kopiert. Verbindung von Radwegen Parks Victoria arbeitet kontinuierlich mit Schlüsselpartnern und Interessengruppen, zu denen die lokale Regierung, VicRoads und Bi- cycle Victoria gehören, an der Umsetzung der Initiative „Bike trails for a liveable city“ (Rad- wege für eine lebenswerte Stadt), mit der der Bau neuer Radwege in Neubaugebieten gefördert, die Verbindungen zwischen beste- henden Radwegen verbessert und die Verbin- dung von Stadtvierteln und Arbeitsplätzen, Healthy Parks - Healthy People – Ein neuer Ansatz im Parkmanagement 57Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Freizeitzentren und dem Parknetzwerk von Melbourne durch Radwege vorangetrieben werden. Partnerschaften mit der indigenen Bevölkerung Parks Victoria arbeitet gemeinsam mit anderen Regierungsorganisationen Victorias zusammen daran, die Geschäfts- und Touris- muschancen der indigenen Bevölkerung zu verbessern und an verschiedenen Standorten Bildungs- und Informationsmaterial zu entwi- ckeln. Parks Victoria ist auch an integrierten Mediationsgesprächen über Landrechtsan- sprüche der Ureinwohner beteiligt. Es beste- hen zwei formale Partnerschaften, Yorta Yor- ta Cooperative Management Agreement und Brambuk, weitere sind in Vorbereitung. Beschäftigung der indigenen Bevölkerung Parks Victoria beschäftigt derzeit 60 Mit- arbeiter, die zur indigenen Bevölkerung gehö- ren, was rund 6% der Gesamtbeschäftigten entspricht. Diese Mitarbeiter sind in verschie- denen Positionen vor Ort sowie auf regionaler und Unternehmensebene tätig. Darüber hin- aus wurden Mitarbeiter, die zur indigenen Be- völkerung gehören, als Aushilfs-, Saison- oder befristete Arbeitskräfte eingestellt, wenn sich die Gelegenheit ergab. Parks Victoria verfolgt kurzfristig das Ziel, den Anteil der indigenen Bevölkerung auf 10% der Mitarbeiter zu er- höhen. Interaktion mit einer von Vielfalt geprägten Bevölkerung Parks Victoria führt Programme zur Unter- stützung von Bevölkerungsgruppen mit un- terschiedlichem kulturellen und sprachlichen Hintergrund durch. Besonders hervorzuheben sind die folgenden Initiativen: Erarbeitung eines mehrsprachigen Parkin- formationsblatts in 33 Sprachen Schulungen für Mitarbeiter des Informati- onszentrums von Parks Victoria, um die Fähigkeit zur Bearbeitung von Anrufen nicht englischsprachiger Interessenten zu verbessern, hierin eingeschlossen die Inan- spruchnahme von Dometscherleistungen, Aufnahme von Informationen über Parke in das Willkommenspaket des Bundes- staats Victoria, das jährlich bei der Ein- schulung an alle neu zugezogenen Kinder verteilt wird, Partnerschaft mit der Victorian Multicultu- ral Commission zur Förderung von Veran- staltungen in Parken, neues Programm zur Ausbildung ehren- amtlicher zweisprachiger Parkführer in Zu- sammenarbeit mit dem Northern Mel- bourne Institute of TAFE, dem Merri Creek Management Committee, der Stadt Whitt- lesea, dem Department for Victorian Com- munities (Büro für Frauenpolitik) und Go For Your Life. Die 11 bislang ausgebildeten Führer bieten Führungen in einer zweiten Sprache, unter anderem Türkisch, Ara- bisch, Spanisch, Mazedonisch, Sudane- sisch und Griechisch, für neue Migranten sowie Mitglieder kulturell und sprachlich vielfältiger Gemeinschaften an, um diesen Bevölkerungsgruppen dabei zu helfen, die natürlichen Lebensräume sowie die Flora und Fauna in ihrer Umgebung kennen und schätzen zu lernen. Aktiv im Alter Parks Victoria unterstützte das Victorian Seniors Festival und rief ältere Menschen dazu auf, sich aktiv in Parken zu betätigen und sich an verschiedenen gesundheitsfördernden Ak- tivitäten im gesamten Bundesstaat zu betei- ligen. 58 © INOEK / BMU / BfN People & Parks Foundation Über die Stiftung People & Parks Founda- tion wurden in Zusammenarbeit mit dem Va- riety Club mehr als 100 benachteiligte junge Menschen unterstützt und konnten in Camps die Natur erleben. Darüber hinaus engagier- ten sich ehrenamtliche Helfer über 500 Stun- den aktiv im Sea Search-Programm, mit dem die Meeresnationalparke und Meeresschutz- gebiete in Victoria überwacht werden. Die Daten aus diesem Programm über 15 Mee- resnationalparke und Meeresschutzgebiete helfen Parks Victoria dabei, diese Gebiete zu managen. Parks Forum Parks Victoria beteiligt sich weiterhin aktiv am Parks Forum (australasiatische Spitzen- organisation als Vertretung von im Parkma- nagement tätigen Organisationen, gegründet im April 2004) und ist im Vorstand (Vorsitz) und in den ständigen Ausschüssen der Orga- nisation vertreten. Walk 21 Parks Victoria war Mitglied des Organi- sationskomitees der 7. Internationalen Walk 21-Konferenz, die vom 23.-25. Oktober 2006 in Melbourne stattfand und beteiligte sich durch Vorträge und eine Ausstellung zum Great Ocean Walk an dieser Veranstaltung. ERSTKLASSIGKEIT IM PARKMANAGE- MENT – EINE NEUE MANAGEMENT- STRUKTUR Rechtliche Rahmenbedingungen Die allgemein gültigen Bedingungen für die mit der Erbringung von Leistungen für das Ministerium für Nachhaltigkeit und Umwelt (Department of Sustainability and Environ- ment – DSE) verbundenen Beziehungen und Verantwortlichkeiten sind in einer „Manage- mentvereinbarung“ zwischen Parks Victoria, dem Minister und dem Sekretär des DSE fest- geschrieben. Parks Victoria erbringt sämtliche Managementleistungen in Übereinstimmung mit der Politik des Bundesstaats, den vertrag- lichen Vereinbarungen sowie den besonderen gesetzlich verankerten Verantwortlichkeiten. Erstklassigkeit im Parkmanagement erfor- dert ein genaues Verständnis der vielfältigen Natur-, Kultur- und freizeitbezogenen Werte, die in Parken zu finden sind sowie ihrer Be- deutung und Einflussfaktoren. Dieses Wissen bildet zusammen mit rechtlichen und po- litischen Leitlinien die Basis für eindeutige, langfristig angelegte Strategien mit dem Ziel, die bestmöglichen Ergebnisse für die Parke und Schutzgebiete in Victoria zu erzielen. Parks Victoria verfolgt einen systematischen, integrierten Ansatz im Parkmanagement. Die langfristige Zielsetzung des Parkma- nagements in Victoria besteht darin zu er- reichen, dass die Parke im Bundesstaat Orte sind, an denen: das Naturerbe und die ökologischen Pro- zesse bewahrt und wiederhergestellt wer- den, um ihre langfristige Erhaltung zu si- chern, die Rechte, Wünsche und Bedürfnisse der indigenen Bevölkerung anerkannt werden und die Kultur der Ureinwohner in Zusam- menarbeit mit den historischen Landbesit- zern und den indigenen Gemeinschaften bewahrt und verwaltet wird, Orte und Objekte mit bedeutendem kultu- rellen Wert aus der Zeit nach der europä- ischen Besiedelung für die aktuellen und Healthy Parks - Healthy People – Ein neuer Ansatz im Parkmanagement 59Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN zukünftigen Generationen bewahrt wer- den, damit diese das Erbe der Vorfahren erleben und verstehen können, den Einwohnern Victorias ökologisch nachhaltige und kulturell adäquate Vor- teile zur Verfügung stehen, die Parke in freizeitbezogener, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Hinsicht bieten. Um diese Zielsetzung zu erreichen, hat Parks Victoria ein integriertes Management- modell auf der Grundlage der von der IUCN (International Union for Conservation of Na- ture and Natural Resources) anerkannten Normen entwickelt. Aus den Detailplanungen geht hervor, wie die Ziele erreicht werden sollen und welche Ressourcen erforderlich sind. Nach der Um- setzung der Pläne erfolgt eine Bewertung dessen, was erreicht wurde und ob Verände- rungen vonnöten sind. Dies ist von entschei- dender Bedeutung, um eine kontinuierliche Managementeffektivität sicherzustellen. Das Managementmodell von Parks Victoria basiert auf bewährten Verfahren, die bereits seit vielen Jahren Teil des Parkmanagements von Parks Victoria sind. Wie bei allen Parken sind die verfügbaren Mittel, um die gesetz- ten Ziele zu erreichen, begrenzt. Aus diesem Grund hat Parks Victoria verschiedene sys- tematische Hilfsmittel entwickelt, mit denen das Management auf die aus ökologischer, kultureller oder freizeitbezogener Sicht wert- haltigsten Gebiete sowie die am stärksten gefährdeten Gebiete konzentriert wird. Bei- spiele für diese Hilfsmittel sind das Leistungs- qualitätsmodell und das Schutzgradmodell. Abb. 1: Manage- mentmodell von Parks Victoria Schutzgrade Gesetzgebung & Politik Mittelbeschaffung & Umsetzung Jährliche Maßnahmen durchführen Leistungs- & Schutzergebnisse Merkmale gesunder Parke Jährliche Berichterstattung Unternehmenspla- nung & Prüfung Zustand der Parke Bewertung & Berichterstattung Ziele setzen Prioritäten definieren Planung erstellen 10 Jahre 3 Jahre 1 Jahr 1 Jahr 3 Jahre 5 Jahre 60 © INOEK / BMU / BfN Strategische Zuweisung und Entschei- dungshilfsmittel – eine geeignete Leis- tungsqualität anbieten Parks Victoria hat ein Leistungsqualitäts- modell entwickelt, um einen objektiven und eindeutigen Rahmen für die Entwicklung und Erbringung von Leistungen und Einrich- tungen zur Verfügung zu stellen. Mithilfe dieses Modells ist Parks Victoria in der Lage, vorrangige Besucherdienstleistungen zu er- mitteln und Ressourcen dort zuzuweisen, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Das Modell kombiniert verschiedene Schlüsselfak- toren wie Nutzungsprofile der Besucher, Be- sucherzufriedenheit, Wirtschaftsindikatoren, Kapitalbedarf und Umweltfaktoren. Es wurden verschiedene Leistungskatego- rien eingerichtet, unter anderem: Zugang (Straßen, Wege, Parkplätze) Managementleistungen (Präsenz der Park- Ranger, Reinigung, Abfallbeseitigung) Informationen, Erläuterungen und Bildung (Schilder, Informationsstände) Freizeit- und Besuchereinrichtungen (Toi- letten, Trinkwasser). Parks Victoria führt alle zwei Jahre eine Umfrage zur Besucherzufriedenheit durch, um ein demografisches Besucherprofil zu erhalten und die bevorzugten Aktivitäten zu ermitteln. Erhoben wird die Zufriedenheit der Besucher mit den in den Parken und an den Eingängen angebotenen Einrichtungen und Leistungen. Außerdem wird die Gesamterfahrung der Be- sucher abgefragt. Diese Informationen nutzt Parks Victoria, um das besucherorientierte Angebot in den Parken zu verbessern. Geeigneten Schutzgrad anbieten Das Schutzgradmodell ist ein Hilfsmittel zur Unterstützung der Planung und Zuwei- sung von Ressourcen, bei dem die einzelnen Parke in einen bundesstaatsweiten Kontext gesetzt werden. Die Parke werden anhand von die biologische Vielfalt betreffenden Kri- terien in Gruppen eingeordnet. Anschließend werden jeder Gruppe allgemeine Erhaltungs- ziele zugeordnet. Das Schutzgradmodell wurde unter Be- zugnahme auf verschiedene gemeinsame Elemente, die Bestandteil der bundesstaatli- chen und nationalen Strategien zum Schutz der biologischen Vielfalt sind, entwickelt mit dem Ziel, den Biodiversitätsmerkmalen in den Parken und Schutzgebieten des Netzwerks einen relativen Wert zuzuordnen. Auf dieser Grundlage werden dann die Prioritäten für das Management dieser Merkmale in den Parken und Schutzgebieten festgelegt. Ein Schlüsselprinzip dieses Modells besteht darin, dass die Planung und das Management von Schutzgebieten in bioregionalem Zusam- menhang erfolgen. Der bioregionale Wert – und damit die Managementpriorität – der Biodiversitätsmerkmale in Parken und Schutz- gebieten wird auf der Grundlage folgender Kriterien bewertet: Erhalt der vorhandene Ökosysteme und biotischen Vielfalt; Vorhandensein von Merkmalen, die nur in einem bestimmten Park bewahrt werden können; Erhalt der Struktur und Funktion von Öko- systemen durch Bekämpfung besonderer Gefahren und Bedrohungen; Höhere ökologische Lebensfähigkeit und Integrität der Populationen. Healthy Parks - Healthy People – Ein neuer Ansatz im Parkmanagement 61Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Mit dem Schutzgradmodell werden die managementbezogenen Maßnahmen hier- archisch strukturiert, was den Parkmanagern dabei hilft, diese Maßnahmen in den Parken und Schutzgebieten der einzelnen Gruppen zu begrenzen und Prioritäten für das Ma- nagement und die Ressourcenzuweisung festzulegen. Definiert wurden sechs Gruppen für terrestrische Parke (A1, A2, B, C, D. E) und drei Gruppen für Meeresparke (A, B, C). Jeder Gruppe wurden die folgenden Merkmale zu- gewiesen: Eigenschaften Erhaltungsziele Schutzgrad. An einem Ende des Spektrums findet sich die Gruppe A1, zu der große, intakte Parke gehören, die die meisten Arten und Lebens- räume schützen. Die Erhaltungsziele von Par- ken der Gruppe A1 bestehen darin, den Zu- stand des Naturerbes zu erhalten oder zu ver- bessern. Der zugeordnete Schutzgrad lautet „hohe Priorität für ein aktives Management“. Am anderen Ende der Skala finden sich Parke der Gruppe E, bei denen es sich in der Re- gel um kleine Parke mit wenigen natürlichen Werten handelt. Das Erhaltungsziel besteht hier darin, das Naturerbe zu bewahren und eine vorrangige Behandlung nur bei auftre- tenden Bedrohungen anzuwenden. Zustand der Parke Die Managementstrategie umfasst jedoch auch Komponenten, die eines weiteren Aus- baus und einer Umsetzung bedürfen. Hier- zu gehören insbesondere die Messung und Bewertung der Managementergebnisse in diesem aus rund 3.000 Parken und Schutzge- bieten bestehenden Netzwerk. Berichte zum Zustand der Parke spielen eine zentrale Rolle bei der Bewertung der Managementqualität im Netzwerk, da über sie die Möglichkeit be- steht, Maßnahmen zu ermitteln, die auf brei- terer Ebene umgesetzt werden sollten sowie Bereiche mit Verbesserungsbedarf. Abb. 2: Manage- mentmodell von Parks Victoria und Rolle der Be- richterstattung zum Zustand der Parke Planen Was muss getan werden, um das Ziel zu erreichen? Ressourcen beschaffen Welche Mitarbeiter, Ausrüstung und Geldmittel sind erforderlich? Umsetzen Welche Maßnahmen wurden durchgeführt? Ergebnisse Was wurde mit den Maßnahmen erreicht? Erfolge Welcher Fortschritt wurde im Hinblick auf das Ziel erreicht? Bewerten Muss sich etwas verändern? Ziele setzen Was soll erreicht werden? ZUSTAND DER PARKE 62 © INOEK / BMU / BfN Parks Victoria hat einen integrierten Ansatz für das Parkmanagement entwickelt, bei dem der jährliche Zyklus der Ressourcenallokation (Unternehmensplanung und Geschäftsplan) mit den langfristigen Ergebnissen und Vor- gaben aus den Managementplänen und Re- gierungsprogrammen kombiniert wird. Der integrierte Managementzyklus (Abbildung 2) wurde zum Zwecke der Berichterstattung über den Zustand der Parke weiterentwickelt. Unternehmensstrategie Die Unternehmensplanung von Parks Vic- toria ist ein zukunftsorientiertes Dokument, das sich an den gesetzlichen Pflichten von Parks Victoria, der Vision der Regierung von Victoria und den relevanten Politiken und Strategien der Regierung orientiert. Sie bietet einen Überblick über unsere langfristige Visi- on und die zur Verwirklichung dieser Vision umzusetzende Dreijahresstrategie. Sie defi- niert die externe Beziehung zwischen den von Parks Victoria erbrachten Leistungen und der Vision der Regierung für Victoria. Die Unter- nehmensplanung umfasst den auf ein Jahr an- gelegten Geschäftsplan mit den im laufenden Jahr umzusetzenden Programmen und Prio- ritäten, der das Hilfsmittel darstellt, mit dem wir die jährlich zu erbringenden Leistungen spezifizieren. Die Unternehmensplanung wird jährlich unter Mitwirkung des Vorstands, der Geschäftsführung und der Mitarbeiter von Parks Victoria sowie des DSE unter Stützung auf die Politiken und spezifischen Initiativen der Regierung erstellt. Die Unternehmens- planung und der Geschäftsplan werden vom Vorstand von Parks Victoria genehmigt und dem zuständigen Minister jährlich zur Einwil- ligung vorgelegt. Die Unternehmensplanung und der Ge- schäftsplan werden auch intern eingesetzt, um die Entwicklung unserer internen regio- nalen und abteilungsspezifischen Ergebnis- pläne zu lenken, die dann als Beitrag zur Er- arbeitung unserer Maßnahmenpläne genutzt werden. Die Maßnahmenpläne dienen als Leitfaden für die Erstellung der individuellen Arbeitspläne. Die einzelnen Planungskompo- nenten sind in Abbildung 2 veranschaulicht. Das Parkmanagement wird immer kom- plexer und die Mitarbeiter von Parks Victoria verfügen über die erforderlichen Qualifikati- onen, um die Herausforderungen anzuneh- men, die mit der Schaffung eines gesunden Gleichgewichts zwischen dem Schutz unseres Naturerbes und den Bedürfnissen der Besu- cher verbunden sind. Dank der Effizienz einer einzigen, voll integrierten Organisation ist es möglich, mehr Ressourcen für den Umwelt- schutz und die Entwicklung von Besucher- dienstleistungen vorzusehen. Eine integrierte Umweltpolitik einschließlich Planungs- und Forschungsaufgaben wurde ins Leben geru- fen, um zu gewährleisten, dass die gesetzten Normen in Sachen Erstklassigkeit und Effizi- enz erfüllt werden. Dies wird unter Stützung auf hochmoderne Umweltmanagementsyste- me zu einer stärkeren Konzentration auf die Erhaltungsziele führen. Projekt „Linking People and Spaces“ Im Großraum Melbourne sind insgesamt 31 Stadt- und Gemeinderäte sowie ver- schiedene Einzelorganisationen, zu denen auch Parks Victoria gehört, für die Frei- und Grünflächen der Region verantwortlich. Als einzige Organisation mit Zuständigkeit für den gesamten Großraum (37 Parke mit einer Healthy Parks - Healthy People – Ein neuer Ansatz im Parkmanagement 63Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Gesamtfläche von 6.200 Hektar) beauftragte die Regierung von Victoria Parks Victoria mit der Erarbeitung einer Strategie und Vision für einen kontinuierlichen Ausbau und eine Ver- besserung des Netzwerks von Frei- und Grün- flächen im Großraum Melbourne. Das Projekt „Linking People and Spaces“ wurde parallel zur Metropolitan Strategy (des Ministeriums für Infrastruktur) unter Berücksichtigung des prognostizierten Bevölkerungswachstums (nu- merisch und räumlich) für die nächsten 20 Jahre sowie der Indikatoren für die demogra- fische Bedeutung entwickelt. Zu den Schlüsselgrundsätzen der Strategie gehören Partnerschaften, gleichberechtigter Zugang, Vielfalt, Flexibilität und Nachhaltig- keit. Im Rahmen der Strategie werden die Vorteile von Freiflächen in die Kategorien Er- haltung (einschließlich der Tatsache, dass viele der seltensten Tier- und Pflanzenarten des Bundesstaats im Großraum Melbourne zu fin- den sind), urbaner Lebensstil, Wirtschaft so- wie Gesundheit/Wohlbefinden eingeordnet. Sie definiert einen koordinierten und konsis- tenten Ansatz für die zukünftige Flächenpla- nung und stellt eine logische Verbindung zu den mit Schutzgebieten verbundenen Werten und Fragestellungen her. Parks Victoria hat für die Meeresnationalparke einen vergleich- baren Ansatz verfolgt. Der Bericht wurde im Rahmen einer Bür- gerkonsultation erarbeitet und anschließend als eine von der Regierung bestätigte Richt- linie veröffentlicht. Dieser Prozess sowie die zukünftige Umsetzung bieten kontinuierlich Gelegenheit, immer wieder auf die Bedeu- tung hinzuweisen, die Frei- und Grünflächen in städtischen Gebieten sowie ihrer Verbin- dung zu Parken über Habitatkorridore zu- kommt. Zukunft von Parks Victoria Parks Victoria wird auch in Zukunft den Wert der Parke in Victoria für die Gesellschaft unterstreichen. Wir werden die Rolle der Parke ausweiten und in ganz Australien ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Parke einen wesentlichen Bestandteil einer gesunden und nachhaltigen Zukunft bilden. Parks Victoria hat einen Prozess in Gang gesetzt, der dazu beitragen wird, dieses Ziel zu erreichen. Das Projekt „Future of Parks“ wurde im Oktober 2007 eingeführt mit dem Ziel, die zukünftige Ausrichtung für das Parkmanage- ment und die Erhaltungsaufgaben von Parks Victoria zu definieren und die Rolle der Parks Division neu zu gestalten. Zwei abteilungs- weite Seminare wurden im Oktober und De- zember durchgeführt. Zwischen den beiden Seminaren arbeiteten die Mitarbeiter in sog. Discovery Teams zusammen, um die im Rah- men des ersten Seminars ermittelten Schlüs- selfragen zu bearbeiten. In diesem Zusammenhang wurden die fol- genden Fragestellungen behandelt: Unter Anerkennung der Tatsache, dass die Verbindung zwischen Mensch und Parken sowie Natur eine lange Geschichte auf- weist und einen dauerhaften Wert bildet, den es zu erhalten gilt, müssen wir dafür Sorge tragen, dass wir für die Bedürfnisse der modernen Gesellschaft relevant sind, und für die Zukunft planen. Reaktion auf den Klimawandel – Wir brau- chen einen Plan, Maßnahmen und eine Kommunikationsstrategie bezüglich der Bedeutung des Klimawandels für Parke. Wir müssen das Engagement in der Ge- meinschaft fördern – zuhören, Wissen ver- 64 © INOEK / BMU / BfN mitteln, Unterstützung und Partner- schaften aufbauen und den Bedarf der Menschen erfüllen. Um erstklassige Parkmanager zu sein, be- nötigen wir eine evidenzbasierte Grundla- ge für unsere Entscheidungsprozesse. Wir brauchen Wissen, Fachkenntnisse, Daten und Engagement für eine Leistungsbe- wertung. Wir müssen das Wissen der Menschen über die Vorteile von Parken verbessern und die Verbindungen zwischen Men- schen und Parken stärken, um Vorteile für beide Seiten zu erzeugen (Healthy Parks – Healthy People). Wir müssen eine aus umweltbezogener, gesellschaftlicher und finanzieller Sicht nachhaltige Organisation sein. Wir müs- sen nachhaltig mit unserer Umwelt umge- hen, den sozialen Zusammenhalt unserer Mitarbeiter fördern und die für ein gutes Parkmanagement erforderlichen Finanz- mittel sicherstellen. Parks Victoria wird die von der Parks Divisi- on aufgebaute Geschäftstätigkeit ausweiten, um eine breitere Zielgruppe innerhalb und ggf. auch außerhalb von Parks Victoria anzu- sprechen. In Verbindung mit dem Projekt „Future of Parks“ wurde die Parks Division von Parks Vic- toria umstrukturiert, um eine stärkere Kon- zentration auf das Konzept „Healthy Parks – Healthy People“ zu erreichen. Diese Um- strukturierung bietet die Chance, die Aufga- ben und Zuständigkeiten derart zu organisie- ren, dass die sich aus dem Projekt „Future of Parks“ ergebenden Leitlinien erfüllt werden können. Allgemein wird Parks Victoria auch in Zu- kunft zur Verbesserung unseres Wissens und unserer Fähigkeit beitragen, uns um das viel- fältige Natur- und Kulturerbe des Parknetz- werks zu kümmern und potentielle Gefahren effizienter zu erkennen und zu bekämpfen, die Möglichkeiten, Parke zu erfahren und zu erleben, zu verbessern und die zukünftigen Managementprogramme zielgerichteter und fokussierter zu gestalten. Engagement für eine gesunde Bevölkerung Zukunftsaussichten im Bereich Freizeit, Tourismus und Management von Besucher- dienstleistungen: Erheblich mehr Finanzmittel, um die im- mer älter werdende Parkinfrastruktur zu ersetzen, z. B. Besuchereinrichtungen und Straßen an als vorrangig eingestuften Standorten. Angesichts der zunehmenden Verstädte- rung im Norden, Westen und Südosten von Melbourne werden die neuen Ein- wohner Freiflächen zur Freizeitgestaltung benötigen. Derzeit werden verschiedene neue Parke geplant oder eingerichtet, um diesen zunehmenden Bedarf zu befriedi- gen. Die demografische Struktur und die Vor- lieben der Parkbesucher in Melbourne so- wie in der Region Victoria verändern sich. Parks Victoria wird sich anpassen und ent- sprechend vorausplanen müssen, um die- sen veränderten Bedarf zu erfüllen. Fragen wie die alternde Bevölkerung, zuneh- mende Fettleibigkeit und veränderte Frei- zeitnutzung sind hier zu berücksichtigen. Healthy Parks - Healthy People – Ein neuer Ansatz im Parkmanagement 65Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Zukunftsaussichten im Bereich der Einbin- dung der Bevölkerung: Parks Victoria wird neue Partnerschaften aufbauen, um gemeinschaftsorientierte Programme umzusetzen, z. B. Forschungs- arbeiten zur Quantifizierung des Beitrags, den Parke zur körperlichen und geistigen Gesundheit sowie zum sozialen Wohler- gehen leisten. Die Einbindung der Bevölkerung wird durch Partnerschaften mit einer Vielzahl externer Organisationen gefördert. Angesichts der sinkenden Zahl ehrenamt- licher Helfer in einigen Organisationen wird sich die Zusammenarbeit von Parks Victoria mit ehrenamtlichen Mitarbeitern auf vorrangige Aufgaben konzentrieren sowie auf eine Ausweitung der auf der Mitwirkung der Bevölkerung basierten Überwachungsprogramme, bei denen eh- renamtliche Helfer Daten zusammentra- gen, die beim Management des Erbes in Parken zum Einsatz kommen. Engagement für ein gesundes Parknetzwerk Zukunftsaussichten im Bereich des Ma- nagements von Naturerbe in Parken: Programme zur Unkraut- und Schädlings- kontrolle werden in den Parken gezielt fortgeführt, die das wertvollste Naturerbe und die größte Gefährdung aufweisen. Verschiedene neue Partnerschaften und Projekte werden entwickelt, um eine Sa- nierung von Flächen und Böden in Parken durchzuführen und isolierte Schutzgebiete wieder zu verbinden. Die Sicherung des Schutzes und der Über- lebensfähigkeit bedrohter Arten/Populati- onen wird eine der größten Herausforde- rungen bleiben. Die Auswirkungen des Bevölkerungs- wachstums auf das Naturerbe in Parken, die sich in der Nähe städtischer Ballungs- gebiete und küstennaher Siedlungsräume mit Bevölkerungswachstum befinden, sind unklar und werden im Zentrum zukünf- tiger Forschungsbemühungen stehen. Erhaltungsstrategien auf Landschaftsebe- ne werden weiterhin entwickelt und um- gesetzt werden. Das Parknetzwerk wird gemanagt, um die Kapazität der natürlichen Systeme zu er- höhen, mit den zukünftigen Klimaverän- derungen umzugehen oder sich an diese anzupassen. Durch eine Stärkung der Verbindungen zwischen der Gesundheit unseres Parknetz- werks und der Gesundheit der Bevölkerung trägt Parks Victoria zum Aufbau einer wahr- haft nachhaltigen Gesellschaft bei, die ihre Abhängigkeit von und ihren Platz in der Um- welt anerkennt. 66 © INOEK / BMU / BfN Kurzvita – Ralf Roth Ralf Roth, Prof. Dr. Leiter des Instituts für Natursport und Ökologie Deutsche Sporthochschule Köln Am Sportpark Müngersdorf 6 D-50933 Köln http:// www.dshs-koeln-natursport.de Kurzvita Univ.-Prof. Dr. Ralf Roth, Jahrgang 1963, verheiratet, 3 Kinder. Ralf Roth ist Leiter des Instituts für Natursport und Ökologie an der Deutschen Sporthochschule Köln, Studiengangsleiter des „M.A. Sporttourismus und Erholungsmanagement“ und Vorsit- zender des Innovations- und Technologiezentrums für Nachhaltige Sportentwicklung (CENA). Er ist Gründungsmitglied der Future Mountain Int. und Sprecher der Kommission „Sport und Raum“ im Verband Deutscher Sportwissenschaft. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Angebots- und Produktentwicklungen im Sporttourismus, umweltbezogene Wirkungsanalysen und Risikomanagement, nachhaltige Sportraumentwick- lung und Destinationsmanagement, aktuelle Entwicklungen im Sport- und Freizeitmarkt. 67Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Ralf Roth und Stefan Türk Menschen bewegen – Grünflächen entwickeln Bewegung in Natur und Landschaft ist das zentrale Element der Erholungsnachfrage in Deutschland und das nicht nur im siedlungs- fernen Raum. Aktuelle Studien belegen, dass vermehrt die Freiflächen im Siedlungsbereich als informeller Sportraum genutzt werden. So tragen siedlungsnahe Grün- und Freiflächen zweifelsfrei zur Gesundheitsvorsorge, der Steigerung des psychischen und physischen Wohlbefindens und damit zu einer Erhöhung der Lebensqualität bei. Weitere Aspekte mit sozialem Bezug sind die Schärfung des Umweltbewusstseins durch Vermittlung ökologischer Zusammenhänge, der Kontrast als Naturerlebnisraum zur be- bauten Umwelt oder der positive Ausdruck der kulturellen Entwicklung. Daneben las- sen sich auch ökologische Funktionen, wie Lebensraum für Tiere und Pflanzen, die Ver- besserung des Bioklimas durch Filterung von Luftschadstoffen und Feinstaub, die Erhö- hung der Luftfeuchtigkeit, der Luftaustausch und Temperaturausgleich sowie der Beitrag zur Grundwasserbildung nennen. Zuneh- mend von Bedeutung sind die ökonomischen Aspekte einer kommunalen Standortsaufwer- tung sowie der deutlichen Steigerung des lo- kalen und regionalen Images beispielsweise für den zunehmenden Städte- und Business- tourismus. Gerade der Aspekt der Verantwortung ei- ner Gesundheitsvorsorgeleistung für die Be- völkerung stellt das zentrale gesellschaftliche Handlungsfeld dar. Unterschiedliche Quellen, wie zum Beispiel der Weltgesundheitsbericht oder der Sachverständigenrat im Gesund- heitswesen weisen für Deutschland nach, dass aktuell ca. 2/3 der Schulkinder aufgrund von Bewegungsmangel gesundheitsgefähr- det sind, oder dass 80% der Erwachsenen Rückenprobleme haben. In Konsequenz könnten nach Aussagen der Experten die Deutschen 5-10 Jahre länger gesund bleiben, wenn sie sich mehr bewegen bzw. gesünder ernähren würden. Auch wäre eine Einspa- rung von bis zu 25% der Gesundheitsausga- ben durch gezielte Prävention möglich. Man kann es auch so ausdrücken, dass eine ge- sundheitsbewusste Ernährung in Verbindung mit regelmäßiger und moderater Sportausü- bung in einem attraktiven Landschaftsraum eine Art Allradantrieb für Wohlbefinden und Gesundheit darstellt. Diese zunehmende Bedeutung von Grün- flächen als Bewegungsraum wird begleitet durch grundlegende Veränderungen inner- halb des Sportsystems selbst, aber auch gene- relle gesellschaftliche Werteverschiebungen. Während die Bewegungsaktiven immer sel- tener den Wettkampf mit anderen Sportle- rinnen und Sportlern suchen, treten Motive wie Spaß und Wohlbefinden immer stärker in den Vordergrund. Damit werden insbesonde- re gesundheitsorientierte und Bewegungsan- gebote nachgefragt, wie z.B. Laufen, Radfah- ren oder Nordic Walking. Gleichzeitig werden diese Freizeitaktivitäten vor dem Hintergrund eines knappen Zeitfensters möglichst indivi- duell, kurzfristig und damit flexibel gestaltet werden können. Der organisierte Sport mit seinen oftmals starren Organisationsrahmen und verbindlichen Mitgliedschaften muss sich diesen Herausforderungen stellen. Viel- 68 © INOEK / BMU / BfN Menschen bewegen – Grünflächen entwickeln mehr sind informelle bzw. selbstorganisierte Angebote bei bereits rund zwei Drittel aller Sport- und Bewegungsaktivitäten zu finden. Siedlungsnahe Freiflächen eignen sich hierfür besonders, da sie im Gegensatz zu traditio- nellen Sportanlagen und Sportstätten frei zu- gänglich, kurzfristig „buchbar“ und schnell erreichbar sind. Im Übrigen bestätigen Studi- en zum Sportverhalten der Bevölkerung, dass dieses Verlangen nach Ausdauer, Gesundheit und Fitness in nahezu allen Altersgruppen > 20 Jahre die höchste Bedeutung aufweist. Da die Bedeutung der Grünflächen für Bewegung und Erholung sowie die damit verbundenen Handlungsfelder, Chancen und Risiken zunehmen werden, stellen sich eine Reihe an Fragen zum Umgang mit dem ge- stiegenem Nutzungsdruck. Es muss geklärt werden, welche Bedeutung siedlungsnahe Grünflächen für Bewegung/Sport tatsächlich und im Detail haben. Die Auswirkungen des veränderten Sportverhaltens auf die Eignung und Nutzung siedlungsnaher Erholungsflä- chen müssen untersucht werden. Sind aus- reichend geeignete Methoden zur Erfassung der Realnutzung und des Sportverhaltens vorhanden oder müssen neue Methoden ent- wickelt werden? Welche Ansprüche werden an „grüne“ Bewegungsräume gestellt und wer entscheidet darüber, wie mit geänderten Ansprüchen umzugehen ist? Und schließlich gilt es zu klären, wie Angebote und Produkte für Grünflächen entwickelt werden können und unter welchen planungsrechtlichen Rah- menbedingungen siedlungsnahe Freizeit- und Erholungsaktivitäten möglich sind. Die systematische Erfassung und Bewer- tung von Erholungs- und Sportnutzung sowie der damit verbundenen Motive, Bedürfnisse und Konflikte bedürfen in jedem Fall entspre- chend angepasster Untersuchungsmethoden. Im Rahmen einer Aktionsraumforschung können hier insbesondere durch die Erfas- sung der Realnutzung der siedlungsnahen Sport- und Erholungsräume in Natur und Landschaft wichtige Daten erfasst werden. Hierzu zählen zunächst direkte Beobachtung wie zum Beispiel durch Feldbeobachter und fixe Zählstationen. Indirekt werden entspre- chende Daten über automatische Kameras, Videosysteme, Luftbilder, Satellitenbilder oder Drohnenbefliegung erhoben. Bei letzt- Abb. 1: Un- bemanntes Ultraleichtflug- zeuge (UAV) zum Monitoring von Besuchern, Spuren und landschaftsbe- zogenen Para- metern 69Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN genannter Methode kommen unbemannte Ultraleichtflugzeuges (UAV) zum Monitoring von Besuchern, Spuren und landschaftsbezo- genen Parametern zum Einsatz. Aus der Luft lassen sich koordinatengenau in einer relativ kurzen Zeiteinheit große Räume entspre- chend erfassen, was gleichbedeutend ist mit einer sehr umfassenden Momentaufnahme der Nutzung und Nutzungsangebote eines definierten Erholungsraumes. Auch über die Erfassung von Eintrittskar- ten oder Sondergenehmigungen lassen sich Besucher registrieren. Diesen quantitativen Erfassungen dienen genauso Eingangs-/Tou- renbücher oder die Auswertung von Inter- netforen/GPS-Tracks. Mechanische oder elek- tronische Zählvorrichtungen, wie wir sie in Form von Drehkreuzen oder Sensorsystemen kennen oder auch Induktionsschleifen lie- fern weitere wichtige Nutzungsgrößen. Und schließlich darf man die Bewertung der indi- rekten Nutzungsspuren – Abfallaufkommen, Trittschäden und Erosionserscheinungen nicht vergessen. Mit der visitor employed photography kam im Rahmen der Forschungsstudie au- ßerdem eine insbesondere im anglikanischen Raum sehr probate Untersuchungsmethode der Sozialforschung zur Anwendung. Hier- bei werden bildunterstütze Interviews mit Probanden geführt. Die Probanden werden mit einem Positiv/Negativ Abbildungsauftrag zum Fotografieren in den zu untersuchenden Raum geschickt, die Bilder werden erfasst und müssen anschließend in mindestens halbstün- digen Gesprächen dazu Stellung nehmen. Diese Interviews werden transkribiert und an- schließend über Codingsysteme ausgewertet. Auf diesem Weg lassen sich sehr interessante qualitative Aussagen treffen und absichern. Impressionen zum Landschaftsbild und sub- jektive Empfindungen, die den Wert eines Erholungsraumes letztendlich entscheidend prägen, werden mit dieser Methode greifbar. Das Erlebnis von Natur und auch das, was un- ter dem Begriff Natur alles verstanden wird, lässt sich nun viel leichter fassen und bleibt nicht mehr abstrakt im Raum stehen. Gerade für das geforderte bessere Verständnis zwi- schen Natursport und Naturschutz ist das von einer nicht zu unterschätzenden Bedeutung. So geht es den meisten Natursportlern natür- lich um die Sportausübung, aber eben nicht nur darum. Natur und Naturnähe sind wich- tig, um das Erholungs- und Ausgleichspoten- tial tatsächlich auch voll auszuschöpfen und körperliche Aktivität wirklich zum Genuss werden zu lassen. Darüber hinaus helfen schließlich noch Studien zur Erfassung des Sportverhaltens, Datenlücken bei der Beurteilung von urbanen Erholungs- und Bewegungsräumen zu schlie- ßen. Hier hat sich als Methode zum Beispiel die Fragebogenaktion vor Ort an den be- kannten Spots bewährt. Allerdings muss ge- rade bei der Befragung aktiver Sportler dar- Abb. 2: Besu- cherzahlen und deren zeitliche Verteilung können mit automatischen Zählschranken registriert wer- den 70 © INOEK / BMU / BfN Menschen bewegen – Grünflächen entwickeln auf geachtet werden, dass diese in Bewegung sind und nur für wenige Minuten vor oder nach der tatsächlichen Aktivitätsausübung zur Verfügung stehen. Die Konzentration auf das Wesentliche ist damit zwingend erforder- lich, was eine entsprechend sorgfältige Vor- bereitung erfordert. All die oben genannten Methoden der Besuchererfassung geben im Resultat einen interessanten Überblick über die Nutzungsan- forderungen an siedlungsnahe Bewegungs- räume. So umfassen die Anforderungen der bewegungsaktiven Nutzerinnen und Nutzer den Themenbereich Natur und Landschaft mit den Forderungen nach attraktiven und abwechslungsreichen Landschaftsbildern. Die vorhandene Infrastruktur muss ein aus- reichend großes Wegenetz aufweisen, wobei der Streckenbelag den Sportaktivitäten ent- sprechen muss. Die Wege sollten gepflegt und intakt sein, entlang der Wege darf kein Unrat rumliegen. Nur dann ist der herausragende Wunsch nach Pflege und Instandhaltung zu erfüllen. Und schließlich sind die Wege und Plätze auf den jeweiligen Freiflächen so zu gestalten, dass Nutzungskonflikte, wie sie von Verkehr und andere Nutzergruppen be- kannt sind. Es lassen sich auf jeder Grünflä- che Nutzungsschwerpunkte und bestimmte Profile erkennen. Dabei variieren die ausge- übten Aktivitäten je nach Ausstattung der Flächen. Schließlich lassen sich unterschied- liche Raumtypen charakterisieren. So gibt es Bewegungsräume von gesamtstädtischer Be- deutung, solche, die eher lokale Bedeutung haben und natürlich Achsen, die als Transfer- räume zu werten sind. Ergänzend zu dieser Mixtur aus unter- schiedlichen Methoden findet sich schließlich auch eine deutschlandweite Bereisung von 20 Städten, in deren Behörden leitfaden- gestützte Interviews mit den zuständigen Fachleuten für die Nutzung und Gestaltung kommunaler Freiräume geführt wurden. Da- bei brachten über 50 GesprächspartnerInnen aus Schul-, Jugend- und Sportamt, Grünflä- chen-, Forst- und/oder Umweltamt sowie Bau- und Stadtentwicklungsreferat nach ein- bis zweistündigen Gesprächen transkribierte Informationen auf insgesamt über 700 Seiten ein. Diese Akteure und Entscheidungsträger bemängeln im Ergebnis das vielerorts zu fin- dende sektorale Denkmuster, verbunden mit in der Regel unzureichenden Kommunikati- onsstrukturen untereinander. Häufig herrscht tatsächlich Unkenntnis über verwaltungsin- terne, aber fachfremde Kompetenzen. Die Möglichkeiten der Synergien durch inter- sektorale Arbeit werden stark unterschätzt oder gar nicht wahrgenommen. Stattdessen werden oftmals Entscheidungen mit dem Problem der Rechtfertigung von öffentlichen Ausgaben erst gar nicht getroffen. Schließlich fehlt es den Akteuren häufig an den nachvoll- ziehbaren Grundlagendaten, um tragfähige Entscheidungen für das entsprechend ange- passte Management ihrer Grünflächen tref- fen zu können. Letztendlich wird auch darin deutlich, dass die kommunalen Planungsinstanzen sich bislang den veränderten Ausgangsvor- aussetzungen nur in unzureichendem Maße angenommen haben. Dies gilt sowohl für den Sport als auch für die Landschaftsplanung. Die bislang existierenden oder herangezogenen Konzepte der Sportentwicklungsplanung, wie der „Leitfaden für die Sportentwicklungs- planung“ des Bundesinstituts für Sportwis- senschaft, oder die Kooperative Planung von Wetterich und Eckl greifen das Thema zwar auf, bieten aber keine wirklich praktikablen 71Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Umsetzungsanleitungen für die Planungspra- xis. Die zielgerichtete Planung von sog. Sport- gelegenheiten, d.h. von Räumen, die nicht primär für die Ausübung von Sport- und Frei- zeitaktivitäten gedacht sind, gilt bis dato als unmöglich bzw. kann sich nur auf eine Ange- botsplanung beschränken. Auch die Ansätze der Landschaftsplanung im siedlungsnahen Raum greifen eher ruhige bzw. traditionelle Erholungsformen auf. Der Grund hierfür liegt vor allem in einem begrenzten Wissen über die tatsächlichen Anforderungen der bewe- gungsaktiven Erholungssuchenden, dass über die allgemeinen Veränderungen des Bewe- gungsverhaltens hinausgeht. Erst auf Basis einer umfassenden Analyse des Bewegungs- verhaltens auf siedlungsnahen Freiflächen scheint die Erarbeitung von nachhaltigen Nutzungs-, Planungs- und Schutzkonzepten möglich. Zusätzlich ist es notwendig, die Pla- nungen auf eine breite Basis zu stellen. Es ist daher notwendig, ein intersektorales Konzept zu entwickeln, welches alle relevanten Ent- scheidungsträger für die Planung von aktiver Erholung zusammenführt und die Kompe- tenzen der einzelnen Träger bündelt. Nur ein Zusammenwirken der einzelnen Planungsträ- ger kann den veränderten Anforderungen ge- recht werden. Ein solch intersektorales Konzept wurde im Rahmen des F&E-Vorhabens „Siedlungs- nahe Flächen für Erholung, Natursport und Naturerlebnis“ vom Institut für Natursport und Ökologie der Deutschen Sporthochschu- le Köln - im Auftrag des Bundesamtes für Na- turschutz und gefördert mit Mitteln des Bun- desministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit - erarbeitet. Das Resultat des Forschungsprozesses liegt jetzt in kom- primierter Form mit dem Handlungskonzept für das Management von Bewegungsräumen in der Stadt vor. Menschen bewegen – Grün- flächen entwickeln heißt dieser Leitfaden, der sich als Anleitung für ein Bewegungsraum- Management versteht, das nicht nur den Sport, sondern auch die Stadtentwicklung und die Landschaftsplanung in die Planung von Erholung, Natursport und Naturerleb- nis auf siedlungsnahen Flächen einbezieht. Damit wird eine möglichst umfassende und nachhaltige Entwicklung von siedlungsnahen Freiflächen möglich. Der Leitfaden ist für die Planungspraxis erarbeitet. Das heißt, dass hier anhand von praktischen und bereits prakti- zierten Beispielen, kompakten Checklisten und weiteren Arbeitsmaterialien zahlreiche Möglichkeiten für die praktische Umsetzung eines Bewegungsraummanagements auf- zeigt werden. Die Anleitung zur Umsetzung steht im Vordergrund. Als Hilfestellung für die Entscheidungsträger in den Kommunen kann und soll er helfen, dass siedlungsnahe Grün- flächen auch in Zukunft nicht nur zur Verfü- gung gestellt werden, sondern bedürfnisge- recht und zur Förderung der Gesundheit der Mitmenschen entwickelt werden. Der Leitfa- den kann kostenfrei über das Bundesamt für Naturschutz bezogen werden. Im entsprechenden Forschungsbericht werden die oben genannten Forschungsme- thoden sowie der detaillierte Untersuchungs- ablauf des F&E-Vorhabens ausführlich be- schrieben und die erzielten Einzelergebnisse zusammengefasst. Die daraus entwickelte grundlegende Struktur des Bewegungsraum- Managements wird beschrieben. Der For- schungsbericht ist erschienen in der Reihe Naturschutz und Biologische Vielfalt, Heft 51 (BfN-Schriftenvertrieb im Landwirtschaftsver- lag Münster). Weiterführende Literatur kann bei den Autoren erfragt werden. 72 © INOEK / BMU / BfN Kurzvita – Vladivoj Vancura Vladivoj Vancura Conservation Manager PAN Parks Foundation PAN Parks Foundation Pf 264 9002 Györ, Hungary http://www.panparks.org Kurzvita Vladivoj Vancura machte 1981 sein Diplom als Forstwissenschaftler an der Forstuniversität in Zvolen, Slovakei und nahm im Anschluss am postgraduierten Programm „Management of Na- tural Ressources“ teil, das er 1986 erfolgreich abschloss. Von 1982 bis 1996 arbeitete Vlado Vancura für den Nationalparkservice der Slowakei. Um seine Erfahrung und sein Wissen im Be- reich des Management von Schutzgebieten im internationalen Bereich zu erweitern, entschloss er sich für zwei Jahre im Mutterland der Nationalparkidee als Volunteer für den US National Park Service zu arbeiten. Anschließend arbeitete er noch ein halbes Jahr für Parks Canada. Nach 1996 engagierte sich Vladivoj Vancura stark in der slowakischen NGO „A-Project“ und wurde 2000 zum Regionalkoordinator der PAN Parks Stiftung für Zentral- und Osteuropa ernannt. Seit 2002 ist er als Conservation Manager federführend für den Verifizierungsprozess zuständig, der die Umsetzung und Einhaltung der strengen „PAN Parks Principles and Criteria“ sowie der nach- haltigen Tourismus Strategien der Parks zum Ziel hat. Zudem wirkt er strategisch an der Weiter- entwicklung der PAN Parks- Prinzipien und Kriterien mit und fungiert als wichtige Schnittstelle zwischen Parkverwaltungen, NGOs und der PAN Parks Stiftung. 73Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Vladivoj Vancura Tourismusdienstleister als Partner für den Schutz der biologischen Vielfalt – die Strategie für nachhaltige Tourismusentwicklung der PAN Parks Vorwort Europa ist zweifelsohne der Kontinent, auf dem die Natur am stärksten durch das Eingreifen des Menschen verändert wurde. Die reiche biologische Vielfalt, die sich in ei- nigen Teilen des „alten“ Kontinents“ finden lässt, ist in der Tat in hohem Maße mit einem geeigneten Management durch den Men- schen verbunden und von diesem abhängig. Die Landschaften in Europa wurden über Tausende von Jahren durch die Aktivitäten des Menschen geformt und bilden einen Teil unseres kulturellen, sozialen und wirtschaft- lichen Erbes. Aufgrund dieser engen Beziehung zwi- schen Natur und menschlicher Entwicklung wird manchmal vergessen, dass es noch in Fragmenten, die zusammen nicht mehr als 1% des gesamten Gebiets ausmachen, klei- ne, jedoch wichtige Überreste von Land- schaften gibt, die man noch als „unberührt“, „natürlich“ und „wild“ oder als „Wildnis“ bezeichnen kann. In diesen Gebieten finden sich immer noch natürliche Systeme, die vom Menschen nur minimal beeinflusst sind. PAN Parks ist gerne bereit, die in der Pra- xis gemachten Erfahrungen in den Bereichen Management von Wildnisschutzgebieten, Einrichtung einer nachhaltigen Gebietsnut- zung und Schaffung von Mehrwert für die Bevölkerung vor Ort durch ein adäquates Ma- nagement von Wildnisschutzgebieten weiter- zugeben. (Miko 2007) A. PAN Parks im Überblick Möglichkeiten zu Begegnungen mit der Wildnis in den zertifizierten PAN Parks in Europa Eine kleine, hoffentlich jedoch steigende Zahl von Menschen misst dem Naturerbe Europas ebenso viel Wert bei wie dem kultu- rellen Erbe. Wildnis war jedoch – zumindest bis vor kurzem – etwas, das nicht zum Image von Europa passte. Wildnis ist ein Konzept, mit dem das Herz und die Emotionen der meisten Menschen erreicht werden. Wild- nis wird mit Regionen in der ganzen Welt in Verbindung gebracht, doch die meisten Eu- ropäer wissen nicht, dass sie außergewöhn- liche Überreste von Wildnis auch heute noch auf ihrem eigenen Kontinent finden können. Diese Wildnisregionen sind die PAN Parks (Protected Area Network Parks), in denen die Menschen die Vielfalt der Natur in ihrer reins- ten Form erleben können und die Möglich- keiten zu Entspannung, aktiver Freizeitgestal- tung und Naturgenuss bieten. Erfahrungen in den Wildnisschutzgebieten Europas können das Leben verändern. Abb. 1: Die drei Säulen der PAN Parks-Vision: Menschen – Respekt – Natur 74 © INOEK / BMU / BfN Alles begann mit einem Traum Vor fast 10 Jahren wurden die ersten Schritte unternommen, um Naturschutz und Tourismus in den wichtigsten Wildnisgebie- ten Europas miteinander zu kombinieren. Im Rahmen dieser Initiative, die von der Stiftung PAN Parks Foundation (PPF) durchgeführt wird, erhalten Wildnisgebiete, die höchste Managementanforderungen im Hinblick auf Naturschutz und nachhaltige Nutzung durch den Menschen erfüllen, das PAN Parks-Quali- tätssiegel. Dieses Siegel gilt als Goldstandard für gut gemanagte Schutzgebiete. Bei diesem Programm wird der Tourismus weniger als Bedrohung, sondern vielmehr als Chance für den Naturschutz betrachtet. Er wird genutzt, um Wildnisgebieten einen wirt- schaftlichen Wert beizumessen und Engage- ment für den Naturschutz zu erzeugen. Diese Kombination, mit der einzigartige und hoch- wertige Angebote zur Erholung und Entspan- nung in der Wildnis geschaffen werden, hat sich als sehr erfolgreich erwiesen, da sie Vor- teile für die Natur und für die in den Schutz- gebieten sowie in der Umgebung lebenden Menschen mit einzigartigen Möglichkeiten der Naturerfahrung für Besucher verknüpft. Leitsatz der PAN Parks Der Leitsatz der PAN Parks lautet: „Um Urwälder oder unberührte Berglandschaften zu erleben, in denen Wölfe, Luchse oder Braunbären noch heute in freier Wildbahn leben, muss man – zumindest noch – nicht an ferne Orte reisen. Es genügt, einen der zertifizierten PAN Parks in Europa zu besu- chen“ (www.panparks.org). Wenn Sie einen durchschnittlichen Europäer bitten, einen ihm bekannten Nationalpark zu nennen, wer- den Sie wahrscheinlich Namen wie Yosemite oder Yellowstone (in den USA) oder Krüger (in Südafrika) hören. Wenn Sie dann ge- nauer nach dem Namen eines europäischen Nationalparks fragen, werden Sie höchstens einen Namen genannt bekommen, der in der Nähe des Wohnorts des Befragten liegt. Um Kenntnisse über und ein Bewusstsein für die Wildnisgebiete in Europa zu schaffen, ist es nicht nur erforderlich, mehr Touristen in die weniger besuchten Wildnisparke zu bringen, sondern auch die Besucherströme in den stark frequentierten Nationalparken neu zu strukturieren. PAN Parks fördert eine derartige Tourismusentwicklung in den eu- ropäischen Wildnisschutzgebieten, da diese so einen wirtschaftlichen Wert erhalten, der eine größere politische und gesellschaftliche Unterstützung auf lokaler, nationaler und in- ternationaler Ebene mit sich bringt. PAN Parks arbeitet auch mit lokalen Unternehmen in entlegenen Gebieten zusammen und schafft auf diese Weise Engagement für den Natur- schutz und für eine nachhaltige Tourismusen- twicklung in der Region. Vision von PAN Parks PAN Parks ist für Regierungen, lokale Be- völkerung und Besucher weltweit der Gold- Abb. 2: Den Besuchern ein Naturerlebnis in unberührter Wildnis zu er- möglichen, ist ein Weg, um den Naturschutz und die Bevölkerung vor Ort zu un- terstützen. Foto: Pascal Languillon Tourismusdienstleister als Partner für den Schutz der biologischen Vielfalt – PAN Parks 75Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN standard, wenn es um die Kombination von Erstklassigkeit im Management von Schutz- gebieten mit einer nachhaltigen Tourismusen- twicklung geht. PAN Parks-Konzept Das PAN Parks-Konzept basiert auf einem transparenten Zertifizierungsprozess. Für eine Aufnahme in das PAN Parks-Netzwerk muss ein Schutzgebiet jeden einzelnen der stren- gen Grundsätze und jedes einzelne Krite- rium der PAN Parks erfüllen. Mithilfe dieses Prozesses soll der Qualitätsstandard definiert werden, den sowohl die Schutzgebiete als auch die lokalen Geschäftspartner erfüllen müssen, um eine Zertifizierung zu erhalten und zu behalten. Der Prüfprozess umfasst ein transparentes Audit durch einen unabhän- gigen Anbieter. Eine erfolgreiche Aufnahme bedeutet für die beteiligten Parteien (d. h. Geldgeber und Besucher) eine Garantie, dass die Managementziele und Managementakti- vitäten des Schutzgebiets mit dem Schutz der biologischen Vielfalt und einem nachhaltigen Tourismus kompatibel sind. Zehn Jahre Erfahrung Innerhalb von zehn Jahren hat sich PAN Parks zu einer einzigartigen Initiative entwi- ckelt, und dies aus zwei Gründen: 1. Grundsätze und Kriterien, die auf Na- turschutz, Besuchermanagement und eine aktive Rolle der Bevölkerung und Unter- nehmen vor Ort beim Schutz des Wildnis- gebiets abzielen 2. Netzwerke und Partnerschaften zwi- schen dem Naturschutz- und dem Touris- mussektor, um eine engere Beziehung der Geberorganisationen zur Projektumset- zung in den Schutzgebieten herzustellen Qualitätsstandard der PAN Parks Das PAN Parks-Konzept beruht auf stren- gen Grundsätzen und Kriterien, die von un- abhängigen Prüforganisationen kontrolliert und überwacht werden. Jeder Grundsatz ist gleichermaßen wichtig, so dass eine Zerti- fizierung als Schutzgebiet nur möglich ist, wenn alle den Qualitätsstandard bildenden fünf Grundsätze in vollem Umfang erfüllt werden. Um das PAN Parks-Qualitätssiegel zu behalten, muss die Erfüllung aller fünf Grund- sätze in regelmäßigen Abständen erfolgreich bestätigt werden. Abb. 3: Im Feb- ruar 2008 gab es zehn zertifizierte PAN Parks. In den kommen- den Jahren soll das Netzwerk durch weitere Nationalparke in Europa erweitert werden. Nationalpark Parkfläche Wildnisfläche Bieszczady 29 202 ha 18 425 ha Fulufjället 38 414 ha 22 140 ha Oulanka 27 720 ha 15 027 ha Central Balkan 71 669 ha 21 019 ha Retezat 38 138 ha 14 215 ha Panajarvi 104 000 ha 30 000 ha Rila 81 046 ha 16 350 ha Majella 74 095 ha 16 200 ha Borjomi Kragauli 76 000 ha 50 325 ha Archipelago 50 219 ha 10 600 ha Gesamt 590 503 ha 214 301 ha Tabelle 1: Größe der Wildnis- schutzgebiete in zertifizierten PAN Parks. Die Einrichtung zerti- fizierter Wildnis- gebiete gehört zu den zentralen Leistungen der PAN Parks. Diese Tabelle gibt eine kurze Übersicht. 76 © INOEK / BMU / BfN Grundsatz 1: Reiches Naturerbe PAN Parks sind Großschutzgebiete, die für das Naturerbe Europas repräsentativ sind und international bedeutende Wildnisgebiete und Ökosysteme schützen. Grundsatz 2: Naturmanagement Das Naturmanagement dient der Erhal- tung und – sofern erforderlich – Wiederher- stellung ökologischer Prozesse und der biolo- gischen Vielfalt im Schutzgebiet. Grundsatz 3: Besuchermanagement Über das Besuchermanagement wird den Besuchern die Gelegenheit geboten, die Na- turschönheiten des Gebiets auf qualitativ hochwertige Weise unter Wahrung der Erhal- tungsziele des Nationalparks zu erleben. Grundsatz 4: Strategie für eine nachhal- tige Tourismusentwicklung Die Schutzgebietsbehörde und ihre rele- vanten Partner in der PAN Parks-Region stre- ben eine Synergiewirkung zwischen Natur- erhaltung und nachhaltigem Tourismus an, indem sie eine Strategie für eine nachhaltige Tourismusentwicklung ausarbeiten und die Umsetzungsverantwortung gemeinsam über- nehmen. Grundsatz 5: Partnerschaften Bei den Geschäftspartnern von PAN Parks aus der Tourismusindustrie handelt es sich um Unternehmen, die sich den Zielen der zertifizierten PAN Parks und der PAN Parks Foundation verpflichtet haben und aktiv mit der lokalen PAN Parks-Gruppe zusammenar- beiten, um die Strategie für eine nachhaltige Tourismusentwicklung in der Region wirksam umzusetzen. B. Strategie für eine nachhaltige Tourismusentwicklung und lokale Geschäftspartner Die beiden letzten Grundsätze bezie- hen sich auf die Entwicklung eines nachhal- tigen Tourismus in der Umgebung der Parke. Grundsatz 4 gibt an, unter welchen Umstän- den die Umgebung eines Schutzgebiets und die Kooperationspartner eines zertifizierten PAN Parks das PAN Parks-Qualitätssiegel er- halten können. Grundsatz 5 definiert die Vor- aussetzungen, die die Geschäftspartner in der Tourismusindustrie erfüllen müssen. Bei den Grundsätzen 4 und 5 handelt es sich ebenso wie bei den Grundsätzen 2 (Naturma- nagement) und 3 (Besuchermanagement) um management-/prozessbezogene Prinzipien. Allerdings unterscheiden sich die Grundsätze 4 und 5 darin von den Grundsätzen 1, 2 und 3, dass ihre Erfüllung über die Verantwortung des Nationalparkmanagements hinausgeht und die lokale PAN Parks-Gruppe einbezieht. Die Grundsätze 4 und 5 lassen sich daher als prozessorientierte Prinzipien für die beteilig- ten Partner beschreiben. Tourismusdienstleister als Partner für den Schutz der biologischen Vielfalt – PAN Parks Abb. 4: Naturer- lebnis im Central Balkan-National- park, Bulgarien 77Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Strategie für eine nachhaltige Touris- musentwicklung Die PAN Parks Foundation ist der Überzeu- gung, dass die Strategie für eine nachhaltige Tourismusentwicklung einen Rahmen bildet, mit dessen Hilfe eine Symbiose zwischen den Erhaltungszielen der zertifizierten PAN Parks und der nachhaltigen Tourismusentwicklung in der Umgebung des PAN Parks erreicht werden kann. Eine nachhaltige Tourismusen- twicklung kann nur dann eine wertvolle Opti- on für ein Schutzgebiet sein, wenn erhebliche Vorteile für den Naturschutz und die lokale Bevölkerung gewährleistet sind. Daher soll mithilfe der Strategie für eine nachhaltige Tourismusentwicklung sichergestellt werden, dass der Großteil der Vorteile, die durch den nachhaltigen Tourismus erzeugt werden, der PAN Parks-Region zugute kommt und dort verbleibt. Tourismusstrategie für PAN Parks in fünf Schritten Die Erfüllung des für einen PAN Park ge- forderten Qualitätsstandards nimmt Zeit in Anspruch. In der Regel ist eine Vorbereitungs- phase von drei Jahren erforderlich, bevor ein Antragsteller durch Vorlage einer Strategie für eine nachhaltige Tourismusentwicklung nach- weisen kann, dass die Schutzgebietsbehörde und die relevanten Partner in der PAN Parks- Region sich gemeinsam zur Erhaltung der biologischen Vielfalt und Entwicklung eines nachhaltigen Tourismus verpflichtet haben. Die Strategie gibt einen Überblick über die Schritte, die erforderlich sind, um den Touris- mus zu entwickeln und zu managen. Sie um- fasst jedoch keine Einzelheiten hinsichtlich der Art der zu entwickelnden touristischen Ange- bote, da diese von den speziellen Merkmalen des jeweiligen Parks abhängig sind, d. h. von den physikalischen und geografischen Bedin- gungen, dem soziokulturellen Kontext und der Zugänglichkeit für den Touristikmarkt. Allgemein wird es sich bei den zu planenden und zu fördernden touristischen Aktivitäten jedoch um Angebote wie Wandern, Trekking, Camping, Vogelbeobachtung, Kanu/Kajak fahren, Reiten sowie Langlauf oder Winter- wanderungen handeln. All diese Aktivitäten beruhen auf den natürlichen Ressourcen des Parks und erfordern Einrichtungen, die ledig- lich minimalen Einfluss auf die natürliche Um- gebung nehmen. Jahr 1: Zusammenstellung von Team und Daten Im ersten Jahr sollten Systeme zur Entwick- lung der lokalen PAN Parks-Gruppe (LPPG) eingerichtet werden. Schritt 1. Einrichtung einer Organisations- struktur für die LPPG: Mitglieder, Manage- mentstrukturen, Statuten, Rechte, Abstim- Abb. 5: Ein per- fekter Wintertag im Rila-National- park, Bulgarien 78 © INOEK / BMU / BfN mungsverfahren, Verantwortungsbereiche und Aufgaben. Dies umfasst Pläne zur Prü- fung lokaler Geschäftspartner, Verantwort- lichkeiten für die Erarbeitung und Umset- zung der Strategie, die Verabschiedung von Budgets und die Beschaffung von Finanzmit- teln. Teil dieses ersten Schrittes ist auch die Erstellung einer Liste von Geschäftspartnern für Grundsatz 5 (die über die für Grundsatz 4 erwarteten potentiellen Geschäftspartner hinausgeht). Es handelt sich um einen kon- tinuierlichen Prozess, so dass davon auszu- gehen ist, dass Veränderungen eintreten. Schritt 2. Zusammentragen von Daten über die (wirtschaftlichen, sozialen und um- weltbezogenen) Auswirkungen des Touris- mus, das touristische Potential der Region und die Aufnahmekapazität. Eine Analyse der mit der Tourismusentwicklung verbundenen Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken ist durchzuführen. Schritt 1 und 2 werden zeitgleich durchgeführt. Jahr 2: Planung und Umsetzung Nach Fertigstellung des Plans wird im zweiten Jahr mit der Umsetzung begonnen. Das zweite Jahr ist eine Herausforderung. Im Hinblick auf die Beschaffung von Finanzmit- teln kann sich diese Phase bis ins dritte Jahr hinein ausdehnen. Schritt 3. Der Planentwurf muss spätes- tens ein Jahr vor der PAN Parks-Zertifizie- rungsprüfung fertig gestellt sein, da es nicht nur darum geht, dass ein Plan vorhanden ist, sondern dass dieser auch umgesetzt wird. Schritt 4. Die Umsetzung des Plans muss beginnen, da nachgewiesen werden muss, dass alles nach Plan verläuft. Ein vorhandener Plan allein reicht als Nachweis nicht aus. Jahr 3: Umsetzung und Überwachung Zu diesem Zeitpunkt ist die LPPG bereits seit zwei Jahren tätig, hat ihre Systeme einge- richtet, eine Situationsanalyse zum Tourismus in der Region durchgeführt und sich mit den beteiligten Parteien beraten. Die Ergebnisse wurden als Bestandteil des Plans schriftlich festgehalten, die Umsetzung des Plans sollte bereits erfolgen. Die LPPG sollte ein internes Audit der Wirksamkeit der Strategie durch- führen, bevor die PAN Parks-Zertifizierungs- prüfung beantragt wird. Schritt 4 (Forts.). Genehmigung der Stra- tegie durch die zuständigen Behörden und beteiligten Parteien mit dem Nachweis ihrer Umsetzung. Die Finanzmittel für die erste Phase wurden zugewiesen, für die folgenden Phasen der Strategie werden Finanzmittel be- schafft. Schritt 5. Überwachung. Auf der Grund- lage der Ergebnisse der Prüfung und des von der LPPG durchgeführten internen Audits verbessern die Mitglieder der LPPG den zwi- schen Jahr 3 und Jahr 4 zu prüfenden und umzusetzenden Plan. Von diesem Zeitpunkt an wird erwartet, dass die LPPG in der Lage ist, jährlich Listen der sich aus dem Plan erge- benden Maßnahmen/Aufgaben zu erstellen und über die durchgeführten Maßnahmen und die Auswirkungen des Tourismus auf die Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft vor Ort Bericht zu erstatten. Tourismusdienstleister als Partner für den Schutz der biologischen Vielfalt – PAN Parks 79Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Lokale PAN Parks-Gruppe Die lokale PAN Parks-Gruppe bildet ein wichtiges Element im PAN Parks-Prüfverfah- ren und muss in jedem zertifizierten Park ein- gerichtet werden. Bei dieser Gruppe handelt es sich um eine Kooperationspartnerschaft zwischen lokalen Unternehmen, Parkleitung und Tourismusorganisationen. Diese Partner erarbeiten gemeinsam die Strategie für eine nachhaltige Tourismusentwicklung. Beteiligte lokale Geschäftspartner Die lokalen Geschäftspartner sind ein weiterer wichtiger Baustein des Gesamtkon- zepts. Sie müssen ebenfalls bestimmte Krite- rien erfüllen, z. B. Einhaltung der nationalen Rechtsvorschriften, Unterstützung des PAN Parks und seiner Managementziele, aktive Beteiligung an der Umsetzung der Strategie für eine nachhaltige Tourismusentwicklung, Beitrag zur qualitativen Verbesserung des touristischen Angebots in der Region usw. Über die Strategie für eine nachhaltige Tourismusentwicklung wird sichergestellt, dass die lokalen Geschäftspartner strengs- te Anforderungen an einen ökologischen Tourismus erfüllen und im Einklang mit dem Park tätig sind. Die lokalen Geschäftspartner werden ebenfalls zertifiziert und regelmäßig überwacht, um die Einhaltung dieser Anfor- derungen zu gewährleisten. Die Zertifizierungsstandards für lokale Ge- schäftspartner basieren entweder auf einem nationalen Zertifizierungsprogramm oder auf einem von der PAN Parks Foundation erarbei- teten Rahmenwerk. Vorteile für lokale Geschäftspartner Für zertifizierte lokale Partner ergeben sich die folgenden Vorteile: Nutzung des PAN Parks-Logos, das als Qualitätssiegel für um- weltfreundlichen Tourismus gilt und potenti- ellen internationalen Reiseveranstaltern, die die Leistungen des lokalen Geschäftspartners in Anspruch nehmen möchten, eine Einhal- tung der geforderten Standards garantiert. Außerdem profitieren die lokalen Partner von den internationalen Marketingaktivitäten der PAN Parks. Im Netzwerk gibt es eine große Vielzahl verschiedener Geschäftspartner, die nicht nur Unterkunfts- und Gastronomieleistungen an- bieten, sondern auch Dienstleistungen wie Führungen, Hundeschlittenfahrten, Schnee- schuhwanderungen, Rafting und sogar Taxi- fahrten, um die Besucher zu den Ausgangs- punkten für Wanderungen bringen. 80 © INOEK / BMU / BfN Kurzvita – Hansruedi Müller Hansruedi Müller, Prof. Dr. Leiter des Forschungsinstituts für Freizeit und Tourismus (FIF) Bern FIF Bern Universität Bern Pf 8573 CH-3001 Bern http://www.fif.unibe.ch Kurzvita Hansruedi Müller, 1947, lehrt „Theorie und Politik von Freizeit und Tourismus“ an der Universität Bern und leitet das Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus (FIF) seit 1989. Seine wissen- schaftliche Laufbahn begann er als Assistent bei Prof. Dr. Jost Krippendorf. Die wichtigsten praktischen Erfahrungen sammelte er während seinen vielseitigen Tätigkeiten bei den Schwei- zerischen Bundesbahnen SBB sowie als Präsident von Swiss Athletics. Seine Forschungsschwer- punkte sind Nachhaltigkeit, Wertschöpfung, Erlebnisökonomie, Qualitäts- und Destinationsma- nagement. 81Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Hansruedi Müller Der Alpentourismus auf der Suche nach einem nachhaltigen Entwicklungspfade – drei Jahrzehnte nach den „Landschafts- fressern“ von Jost Krippendorf 1. Der Alpentourismus – Die Situation damals 1975 veröffentlichte Jost Krippendorf das Buch „Die Landschaftsfresser“ mit dem Un- tertitel „Tourismus und Erholungslandschaft – Verderben oder Segen?“. Es war eine ei- gentliche Streitschrift zur aktuellen touristi- schen Entwicklung, in der u.a. die folgenden Themen aufgegriffen wurden: Die Tourismuslawine – Perspektiven des Ferienverkehrs Die anrollende Stadt – Perspektiven des Ausflugsverkehrs Die Multiplizierung der Infrastruktur – der große Landschaftsfraß Der Zweitwohnungsboom Von Wohnwagen, Mobilhomes und Zel- ten Count-Down der Zerstörung In 23 Thesen forderte Krippendorf so- wohl Politiker wie auch Unternehmer, Tou- ristiker und Touristen auf, sich Gedanken zu machen über eine wünschbare Zukunft und darüber, wie diese Zukunft wahrscheinlich werden könnte: Oberste fremdenverkehrspo- litische Ziele neu gewichten (1), Bauverbote als Übergangslösung erlassen (2), in größeren Räumen denken (3), auf Schwerpunkte kon- zentrieren statt Gießkannenprinzip (4), Be- lastungsgrenzen der Landschaft fixieren (5), ansässige Bevölkerung bestimmen lassen (6), Kosten und Nutzen abwägen (7), Boden spa- ren – konzentriert bauen (8), Landwirtschaft erhalten und stärken (9), besonders wertvolle Landschaften freihalten (10), den Wald pfle- gen (11), die Gewässer schützen (12), umpo- len auf öffentlichen Verkehr (13), wohnliche Städte schaffen (14), wirtschaftliche Probleme der Raumplanung lösen (15), Verursacher zur Kasse bitten (16), Reiseperioden entzerren (17), Betten bewirtschaften – weniger expan- dieren (18), nichttechnisierten Tourismus för- dern (19), Architektur für Ferien und Freizeit verbessern (20), Tourismusforschung intensi- vieren (21), Tourismusverantwortliche besser ausbilden (22) und Öffentlichkeit informieren und interessieren (23). Die Tourismusbranche brauchte lange zur Einsicht – der Lanschaftsfresser-Schock saß tief. Krippendorf wurde als Nestbeschmutzer und Schwarzmaler betitelt und in gewissen Al- penregionen der Schweiz mit einem Auftritts- verbot belegt. Dennoch ist die Analyse noch weitgehend aktuell. Viele Aspekte haben sich sogar zugespitzt. Einige Problemstellungen kamen neu hinzu, z.B. der Klimawandel, die Lärm-, Elektro- und Lichtsmog-Problematik oder die Entwicklung der Freizeitaktivitäten mit Beschlagnahmung neuer Räume, ganz- jährig und rund um die Uhr. Der größte Teil der Thesen ist jedoch weiterhin aktuell. Die Tourismuskritik wurde gehört, doch dominie- ren die Sachzwänge. 2. Der Alpentourismus – Die Situation heute Der moderne Alpentourismus steht vor großen Herausforderungen. Zahlreiche Ver- 82 © INOEK / BMU / BfN Der Alpentourismus auf der Suche nach einem nachhaltigen Entwicklungspfad änderungen im näheren und weiteren Um- feld des Alpentourismus vollziehen sich heu- te besonders turbulent. Obwohl wir immer mehr wissen über unsere Welt, sie bereisen, erforschen und ergründen, werden die Zu- sammenhänge immer komplexer und unver- ständlicher. Die Verantwortlichen im Alpen- tourismus stehen vor grossen Herausforde- rungen: Die Globalisierung mit dem verstärk- ten Konkurrenzdruck, die Strukturprobleme mit dem zunehmenden Wandlungsdruck, die Rentabilitätsschwäche mit dem wachsenden Finanzierungsdruck, die technologische Ent- wicklung mit dem größer werdenden Inno- vationsdruck, der Nachfrageboom mit dem wachsenden Druck auf die Ressourcen, die Angebotsentwicklung mit dem verstärkten Druck auf die Landschaft, der Klimawandel mit dem zunehmenden Diversifikationsdruck, der Wertewandel mit dem beschleunigten Anpassungsdruck. Die Turbulenzen im näheren und wei- teren Umfeld des Alpentourismus prägen auch das Ferienverhalten des modernen Frei- zeitmenschen. Vereinfacht lassen sich zehn Trends ableiten, die den Tourismus im Alpen- raum bestimmen: Trend zur Individualisierung: Gesucht wer- den flexiblere Reiseangebote für unabhän- giges Reisen nach eigenen Vorstellungen. Trend zu Sicherheit und hohem Anspruch: Gesucht werden (vermeintlich) sichere Rei- sen, die Kultur und Bildung vermitteln. So- wohl rein passive Erholung wie hyperak- tiver Sport sind out. Trend zum Erlebnis: Gesucht werden An- gebote in einer inspirierenden Atmosphä- re, die intensive und abwechslungsreiche Erlebnisse ermöglichen. „Kalkulierter Wahnsinn“ ist angesagt. Trend zu mehr Wohlbefinden in den Feri- en: Gesucht werden Reiseformen, die den gestressten Menschen ganzheitlich besee- len. Wellnessangebote mit gesunder Er- nährung, körperlicher Bewegung, Schön- heitspflege, vielfältigsten Therapieformen und viel Erholung haben Zukunft. Trend zur behaglichen Umgebung: Ge- sucht werden Destinationen und Ferien- unterkünfte mit Atmosphäre und hohem Komfort, quasi als heimische Rückzugsni- schen. Trend zu Wärme in der Ferne: Gesucht werden Reiseziele mit Sonnengarantie, insbesondere in nasskalten Perioden. Trend zu billigeren Reisen: Gesucht wer- den preisgünstige Angebote, die es erlau- ben mehrfach zu verreisen. Überkapazi- täten und Internet sind die Drahtzieher dieses Trends. Trend zu häufigeren und kürzeren Reisen: Gesucht werden Reiseangebote, die zwi- schendurch Abwechslung schaffen. Trend zu spontanen Reiseentscheiden: Ge- sucht werden Angebote mit Überra- schungseffekt, die in letzter Minute ge- bucht werden können. Trend zu mobilerem Reiseverhalten: Ge- sucht werden Reiseangebote mit Unter- wegssein als Hauptattraktion. Die Reisenden werden in der Tendenz um- weltbewusster und anspruchsvoller, auch be- züglich Umweltanliegen. Sie haben gelernt, in Passivhäusern zu wohnen, in städtischen Fußgängerzonen zu flanieren oder Bio-, Max Havelar- und Öko-Produkte einzukaufen. Sie sind jedoch kaum umweltverantwortlicher geworden und zeigen in den Ferien ein sehr opportunistisches Umweltverständnis: Um- weltbelastungen werden immer dann wahr- genommen, wenn das eigene Ferienglück in Frage gestellt ist. Und Vorsicht: Das neue 83Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Phänomen der Klimaänderung wie auch die abnehmende Biodiversität können ohne wis- senschaftliche Belege vom Einzelnen kaum wahrgenommen werden. Diese Beschreibung der touristischen Zu- kunft verdeutlicht, dass sich einige Konflikte noch zuspitzen werden, insbesondere der wachsende Druck auf die letzten na- türlichen Reservate und damit auf die Bio- diversität, die größer werdenden Reisedistanzen und damit der zunehmende Energieverbrauch mit seinen gravierenden Folgen, die zunehmende Gefahr, dass Feriendesti- nationen zum Fast Food-Artikel der Weg- werfgesellschaft verkommen. Im Zusammenhang mit zunehmenden ökologischen Bedrohungen einerseits und ei- ner steigenden Umweltsensibilität der Touris- ten andererseits wurden in den letzten Jahren viele Vorschläge entwickelt, wie im Manage- ment die Umweltverantwortung verstärkt werden kann. Dabei geht es im Tourismus immer auch um die langfristige Sicherung der mehr und mehr bedrohten Existenz. Denn im Geschäft mit dem traumhaften Sandstrand, dem glasklaren Wasser, der faszinierenden Gletscherwelt, dem jungfräulichen Schnee- hang, der gesunden Luft, der erholsamen Ruhe und der intakten Natur zahlen sich An- strengungen zur Bewahrung dieser touristi- schen Traumbilder auch ökonomisch aus. 5 4 4 Frage: Bei meiner letzten Ferienreise waren Umweltaspekte … 30 31 19 15 24 29 24 19 27 30 22 17 0 5 10 15 20 25 30 35 in Prozent sehr wichtig eher wichtig eher unwichtig unwichtig keine Antwort Frauen Männer Gesamt Abb. 1: Umwelt- bewusstsein der Touristen wäh- rend den Ferien, Quelle: FIF Uni Bern: Tourismus und Umwelt- verhalten, Bern 2001, S. 7 84 © INOEK / BMU / BfN Der Alpentourismus auf der Suche nach einem nachhaltigen Entwicklungspfad 3. Die Klimaänderung als aktuell größte Herausforderung Die Klimaänderung gehört zu den größ- ten Herausforderungen unserer Zeit. Touris- tiker im Alpenraum, die sich mit dieser The- matik befassen, kommen immer zu ähnlichen Schlussfolgerungen: Die Klimaänderung mit einer zunehmenden generellen Erwärmung und gleichzeitig veränderten Niederschlägen ist als reale Veränderung ernst zu nehmen. Man muss sich bewusst sein, dass der rasche Entwicklungsverlauf der aktuellen Klimaän- derung weitestgehend vom Menschen verur- sacht ist. Der Tourismus ist wichtiger Verursacher von CO2-Emissionen als bedeutendstes Treib- hausgas. Gleichzeitig ist der Alpentourismus ein zentraler Betroffener des Klimawandels. Der Tourismus ist also aufgerufen, eine aktive Klimapolitik zu betreiben. Die Klimaänderung betrifft beinahe alle Lebens- und Wirtschafts- bereiche. Der Tourismus als Querschnittsphä- nomen ist somit nicht nur von direkten son- dern auch von indirekten Effekten beispiels- weise bezüglich Veränderungen in der Land-, Forst- oder Wasserwirtschaft tangiert. Der Alpentourismus ist ein zentraler Be- troffener des Klimawandels, insbesondere wegen der abnehmenden Schneesicherheit in unteren Lagen und der seltener werdenden Winteratmosphäre, den zunehmenden Wet- terkapriolen und Wärmeperioden, dem Glet- scherschwund und dem weichenden Perma- frost, möglichen Landschaftsveränderungen und zunehmenden Naturgefahren. Die Klimaänderung eröffnet dem Alpen- tourismus auch Chancen, die er innovativ nutzen kann, ohne gleichzeitig den Klima- schutz zu gefährden. Dabei handelt es sich unter anderem um die sich verändernden Konkurrenzverhältnisse zwischen dem Mit- telmeer und den Alpen, um die zusätzlichen Sonnentage im Sommer und einem milderen Klima in Mitteleuropa, um die neue Populari- Existing ski areas naturally snow-reliable today naturally snow-reliable in future (+1°) naturally snow-reliable in future (+2°) naturally snow-reliable in future (+4°) 97100 83 65 37 97100 87 79 49 69100 28 13 3 83100 67 50 21 93100 82 69 24 Switzerland Germany Austria ItalyFrance Ca rt og ra ph y: M ar tin S te in m an n, G IU Z, 2 00 6 200 km0 Abb. 2: Verände- rung der Schnee- sicherheit bei einer Erwärmung um 1, 2 und 4 Grad Celsius gegenüber heute Quelle: Abegg, B., Agrawala S., Crick, F.: De Montfalcon, A.: Climate Change impacts and ad- aptation in win- ter tourism. In: Climate Change in the European Alps, OECD-Stu- dy, Paris 2007 85Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN tät der Sommerfrische oder um die Konzent- ration des Wintersports auf hochgelegene Destinationen. Der Tourismus muss aber auch bereit sein, einen Beitrag zur Verminderung der Klima- gase zu leisten, sei es durch Energiesparmaß- nahmen, durch die Förderung klimafreund- licher Verkehrträger, durch technische Inno- vationen, durch Lenkungsabgaben auf CO2- Emissionen oder durch Kompensationen von Klimagasen. Der Tourismus hat zudem unzählige Mög- lichkeiten, sich laufend und vorausschauend der Klimaänderung anzupassen, angefangen bei der Entwicklung neuer Angebote über die Weiterentwicklung und Sicherung des Schneesports, die Verstärkung der Gefah- renabwehr durch technische Maßnahmen, die Verminderung von Risiken durch organi- satorische Maßnahmen, einer klaren Positio- nierung mit gezieltem Marketing bis hin zur Sensibilisierung der Branche und der breiten Bevölkerung. Der Tourismus hat weltweit sein Handeln an diesen Überzeugungen zu orien- tieren. 4. Öko-Management als Grundhaltung In dieser Situation ist der Ruf nach einer neuen Management-Ethik immer lauter ge- worden. Die unternehmens-ethischen Denk- muster von Führungskräften sind zwar sehr vielfältig, doch können sie ganz grob in vier Typen eingeteilt werden (vgl. Meffert/Benken- stein/Schubert 1987, S.32): Die Aktiven setzen sich kreativ mit ökolo- gischen Fragen auseinander und richten ihre Unternehmenspolitik aktiv am Um- weltschutz aus. Umweltschutz wird als ethische Grundhaltung praktiziert. Die Selektiven orientieren sich an ökolo- gischen Forderungen, wenn diese ihnen Vorteile bringen, insbesondere zur Sen- kung von Kosten oder für die Erringung von Wettbewerbsvorteilen durch Image- gewinne. „Ethik rentiert“ lautet die Devi- se. Die Reaktiven verändern ihr Verhalten nur aufgrund von neuen gesetzlichen und be- hördlichen Auflagen. Sie sind als „Öko- Hardliner“ zu bezeichnen. Die Unbetroffenen sehen weder Vor- noch Nachteile in der Berücksichtigung von Umweltaspekten. Sie geben sich relativ unbetroffen und apathisch. Für touristische Unternehmer ist wohl nur eine aktive Anpassung an die ökologischen Herausforderungen eine langfristig Erfolg versprechende Verhaltensweise. Öko-Ma- nagement mit einem hohen Anspruch an die unternehmerische Ethik heißt die Devise. Unter Öko-Management ist das umwelt- verantwortliche Gestalten, Lenken und Ent- wickeln von Unternehmungen und Organisa- tionen zu verstehen. Das Öko-Management berücksichtigt in sämtlichen Unternehmens- funktionen die Wechselwirkungen mit der natürlichen Umwelt und bezieht sie bei allen Unternehmensaktivitäten verantwortungsvoll in die Entscheidprozesse ein. Aus den theoretischen Erkenntnissen und den praktischen Erfahrungen lassen sich die wichtigsten Dimensionen eines so verstande- nen Öko-Managements ableiten. Sie sollen Wegleiter sein für verantwortungsbewusste Touristiker, die versuchen, in ihren Entschei- dungen den Selbstzerstörungstendenzen des 86 © INOEK / BMU / BfN Der Alpentourismus auf der Suche nach einem nachhaltigen Entwicklungspfad Tourismus entgegenzuwirken. Dabei kann davon ausgegangen werden, dass in den täg- lichen Entscheidfindungsprozessen zwischen den ökonomischen Prämissen und den öko- logischen Erfordernissen ein ständiger Kon- flikt besteht. Deshalb sind auf der normativen Ebene des Unternehmensleitbildes Entscheid- hilfen notwendig. Es braucht: ein Credo für den Umweltschutz in den obersten geschäftspolitischen Grundsät- zen, Umweltschutzziele in der Unternehmungs- politik, Öko-Strategien für alle Managementbe- reiche. Öko-Strategien sind in den folgenden Ma- nagementbereichen notwendig: Information/Beratung: Zusammenarbeit mit Öko-Beratungs- und Informationsstel- len vertiefen, Öko-Datenbanken einrich- ten, Öko-Bilanzen für alle Geschäftsfelder einführen Organisation: Umweltbeauftragte einset- zen, Umwelt-Management-System festle- gen, Umweltverantwortung in den Pflich- tenheften verankern Personal/Führung: Umweltaspekte in Per- sonalauswahlkriterien einbeziehen, ökolo- gische Zusammenhänge in die Mitarbei- terentwicklung einbauen Beschaffung/Einkauf: Lieferanten auf- grund ökologischer Kriterien neu bewer- ten Leistungsgestaltung/Produktion: Auf um- weltschonende Leistungsgestaltung um- stellen resp. umweltschädliche Prozesse substituieren, Abfallbörsen schaffen und Recycling vervollständigen Marketing: Vgl. folgendes Kapitel Finanzierung/Investitionen: Bei Investiti- onen Umweltverträglichkeit freiwillig überprüfen, bauökologische Kriterien be- rücksichtigen Controlling: Ein Öko-Reporting oder Öko- Controlling einführen. 5. F ür eine touristische Entwicklung mit Zukunft Vor dem Hintergrund der skizzierten Ver- änderungen und mit dem Ziel, eine wünsch- bare Zukunft wahrscheinlich zu machen, ist im Alpentourismus ein Entwicklungspfad zu suchen, der sich an den Prinzipien der Ver- antwortungsethik, der kulturellen Identität und der Nachhaltigkeit orientiert. Dabei wird heute unter Nachhaltigkeit verstanden, was Krippendorf (1986, S. 73) damals mit Qualita- tivem Wachstum umschrieb: „Unter qualita- tivem Wachstum versteht man jede Zunahme der Lebensqualität, d.h. des wirtschaftlichen Wohlstandes und des subjektiven Wohlbefin- dens, die mit geringerem Einsatz an nicht ver- mehrbaren Ressourcen sowie abnehmenden Belastungen der Umwelt und der Menschen erzielt wird.“ Neu ist die Optik des Gestal- tungsrechts zukünftiger Generationen. Der Alpentourismus muss partizipativer werden: Im Tourismus gibt es nicht nur Nutz- nießer, sondern auch Betroffene von nega- tiven externen Effekten. Um möglichen Ab- wehrhaltung präventiv entgegenzuwirken, müssen die Betroffenen zu Beteiligten wer- den. Und dies setzt eine partizipative Planung voraus. Auch zwischen den Leistungsträgern muss der Tourismus partizipativer werden. Kooperation statt Konfrontation heißt die Devise. 87Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Der Alpentourismus muss effizienter wer- den: Obwohl der Tourismus vielerorts ein ho- hes Entwicklungsstadium erreicht hat, sind seine Strukturen oft ineffizient. Es wird mühe- voll versucht, viel zu viele Marken zu profilie- ren, um den wachsenden Konkurrenzkampf zu bestehen. Dabei ignoriert man, dass der Gast kaum interessiert ist an historisch ge- wachsenen Strukturen. Was er sucht sind umfassende, gut koordinierte Leistungsbün- del. Regionale und neigungstouristische Ko- operationen sind somit zu fördern. Einzelne Orte und Tourismusvereine sind in eigentliche Destinationen im Sinne von strategischen Ge- schäftsfeldern zusammenzuführen. Der Alpentourismus muss qualitativ besser werden: Von einer qualitativen Tourismusent- wicklung wird schon lange gesprochen. Eher neu ist die Forderung nach einem Total Qua- lity Management, denn vieles, was heute im Tourismus angeboten wird, entspricht nicht den Gästeerwartungen. Für den anspruchs- voller werdenden Gast ist insbesondere wich- tig, dass die gesamte Dienstleistungskette stimmt. Doch Vorsicht: Total Quality Manage- ment setzt Total Management Quality voraus. Die Qualitätsoffensive beginnt beim Chef. Der Alpentourismus muss umweltver- träglicher werden: Die ökologischen Ge- fahrenherde der touristischen Entwicklung sind längstens bekannt. Es bleibt, sie ernst zu nehmen und präventiv zu versuchen, Umweltprobleme zu vermeiden. Die in den letzten Jahren entwickelten Hilfsmittel wie Umweltverträglichkeitsberichte, Umweltma- nagementsysteme, Umwelt-Audits oder Um- weltbeauftragte sind einzusetzen, die Kon- flikte offenzulegen und nach nachhaltigen Lösungen zu suchen. Der Alpentourismus muss entschleunigt werden: Um einen Grundkonflikt kommt der Tourismus nicht herum: um die Mobilitätsfra- ge. Mobilität ist Voraussetzung des Touris- mus und wurde zum Problem Nummer eins. Dieses Problem kann ursächlich nur über ei- nen Faktor wirksam gelöst werden: über die Geschwindigkeit. Es gilt also, auf eine Ent- schleunigung des Alpentourismus hinzuwir- ken, innerorts Tempo 30 durchzusetzen und vor allem Flanierzonen zu schaffen. Der Alpentourismus muss authentischer werden: Der Tourismus im Alpenraum war während langer Zeit bekannt durch seine Pi- oniertaten. Die natürlichen und kulturellen Einzigartigkeiten wurden geschickt genutzt. Doch mehr und mehr werden diese gewach- senen Werte preisgegeben. Unter dem Druck der Globalisierung werden die Angebote uniformierter, Einzigartigkeiten verflachen. Insbesondere der potentielle Gast des Alpen- raums sucht jedoch das Heimische, das Un- verwechselbare, das Authentische. Der Alpentourismus muss menschlicher werden: Der Rentabilitätsdruck und das Kon- kurrenzdenken hat viele geprägt. Unterstützt durch Methoden wie beispielsweise das Lean- Management wurden Touristiker zu harten, strategisch denkenden und rational handeln- den Unternehmern. Menschliche Qualitäten wie Gefühle, Empathie, Herzlichkeit oder Vi- sionsvermögen wurden mehr und mehr ver- drängt und kaum weiterentwickelt. Und dies in einer Branche, in der emotionale Werte, menschliche Wärme und situatives Einfüh- lungsvermögen höchste Priorität haben. Doch Vorsicht: „Die Tourismusentwicklung wird nur dann die gewünschte Wende neh- men, wenn man nicht auf irgendwelche An- 88 © INOEK / BMU / BfN dere hofft, sondern selbst einen überzeugten und begeisterten Anfang macht. Jeder von uns trägt dabei Verantwortung. So gesehen hat auch der kleinste Schritt in die richtige Richtung in sich einen Wert: Die „kleine per- sönliche Revolution“ als Auftakt und Voraus- setzung der großen Veränderung.“ (Krippen- dorf 1986, S. 85) Quellen Abegg, B., Agrawala S., Crick, F., De Montfalcon, A. (2007): Climate Change impacts and adap-tation in winter tourism. In: Climate Change in the European Alps, OECD-Stu- dy, Agrawala (publ.) Paris, 25-60 FIF Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus der Universität Bern (2001): Tourismus und Umweltverhalten – Befragung zum Reise- verhalten 2000, FIF-Verlag, Bern Krippendorf, J. (1975): Die Landschaftsfres- ser: Tourismus und Erholungslandschaft – Verderben oder Segen?, Hallwag-Verlag, Bern Krippendorf, J. (1986): Alpsegen Alptraum – Für eine Tourismus-Entwicklung im Ein- klang zwischen Mensch und Natur, Verlag Kümmerli+Frey, Bern Meffert H., Benkenstein M., Schubert F. (1987): Umweltschutz und Umweltverhalten, in: Harvard-Manager Nr. 2 Müller HR (2007): Tourismus und Ökologie - Wechselwirkungen und Handlungsfelder, Oldenbourg-Verlag, München Der Alpentourismus auf der Suche nach einem nachhaltigen Entwicklungspfad 89Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Ulrike Pröbstl Workshop 1: Management für Naturschutz und Erholung in Schutzgebieten 1. Methode „Visionäre und Realisten“ Als Motiv für das Zusammenspiel dieser beiden Aspekte diente eine gut funktionie- rende Ehe, in der meist ein Partner die Rolle des Visionärs übernimmt und der Andere eher mahnend und realistisch die gemeinsame Ent- scheidungsfindung beeinflusst. Die Teilnehmer wurden nach dem Zufalls- prinzip der „realistischen“ oder „visionären“ Gruppe zugeordnet. Aus diesen beiden Grup- pen entstanden – nach Interesse und Vorwis- sen - zwei Untergruppen bezogen auf Sport/ Erholung und den Naturschutz. Die insgesamt vier Gruppen: Realisten im Bereich Naturschutz, Realisten im Bereich Sport, Visionäre im Bereich Naturschutz, Vi- sionäre im Bereich Sport, hatten dann rund eine Stunde Zeit, um ihre Vorstellungen zum Management von Schutzgebieten zu disku- tieren und zu formulieren. Jede dieser Grup- pen erhielt farbige Karten, um die Ergebnisse festhalten und mit den anderen Gruppen aus- tauschen zu können. Vorteil dieser Methode ist es, dass es klar definierte Rollen gibt, die es nicht erfordern, dass die Gruppen bereits intern einen Kon- sens zu einem Thema erzielen müssen. Sie bietet vielmehr die Gelegenheit Wünsche und Konzepte einzubringen ohne dass bereits alle Konsequenzen durchgespielt werden müs- sen. Gleichzeitig ermöglich die Rollenauftei- lung auch auf die Grenzen aufmerksam zu machen. Die vorgegebene Rollenverteilung nach dem Zufallsprinzip bringt unterschied- liche Personen an einen Tisch und erlaubt es den Teilnehmern durch die Rolle eine andere Position als die beruflich oder institutionell vorgegebene oder erwartete einzunehmen. Im Bereich des großen Feldes „Manage- ment“ wurden folgende Unterthemen vor- gegeben, die die Auseinandersetzung und Diskussion erleichtern sollten: Bestandsaufnahme, Indikatoren Bewertung, Standards Managementmaßnahmen Beteiligung und Kooperation Information Organisation Monitoring Marketing. 2. Ergebnisse des „Rollenspiels“ Folgende Ergebnisse ergaben sich bei den verschiedenen Gruppen: Das Meinungsbild der „Visionäre im Be- reich Sport“ Die Managementplanung aus der Sicht der Visionäre und Träumer im Bereich des Sportes muss natürlich zunächst das Ziel einer möglichst uneingeschränkten Sportausübung verfolgen und die hierfür notwendige Infra- struktur bereitstellen. Auch eine intakte Natur gehört zu den gewünschten Grundlagen. Beteiligung und Kooperation sind in der Vision der Sportler und Erholungssuchen- 90 © INOEK / BMU / BfN Workshop 1: Management für Naturschutz und Erholung in Schutzgebieten den kein „soll“, sondern ein „muss“, nach dem Motto: „Keine Regelung ohne unsere Zustimmung“. Im Hinblick auf das Kriterium Information im Zusammenhang mit dem Ma- nagement von Schutzgebieten sollte mehr als bisher nicht nur kommuniziert werden, was vom Erholungssuchenden erwartet wird, was erlaubt ist und was nicht. Vielmehr kommt es aus der Sicht der Gruppe darauf an auch die Gründe, die hinter diesen Regelungen stehen zu erfahren. Die Organisationsstruktur bzw. das Entscheidungsorgan zum Schutzgebiet sollte auch Personen aus dem Bereich des Sportes enthalten und dadurch diese Inter- essen auch mit berücksichtigen können. Das Monitoring sollte aus der Sicht der Visionäre natürlich auch auf eine Verbesserung der Sport- und Erholungsangebote ausgerichtet sein. Für die lokalen Erholungssuchenden und Sportler wäre vielfach ein so genanntes „In- sidermarketing“ wünschenswerter als inten- sive Vermarktung. Mund zu Mund Propagan- da verhindere, dass zu viele externe Personen und Urlaubers diese Schutzgebiete aufsuchen und zu möglichen Konflikten beitragen. „Das Meinungsbild der Visionäre im Be- reich Naturschutz“ Aus der Sicht der Visionäre im Natur- schutz gibt es bezogen auf die Bestandsauf- nahme viel zu wenig Daten und spezifische Informationen zur Nutzung. Eine Verbesse- rung der Datenlage gehört zu den primären Wunschvorstellungen. Die Zusammenstellung der Datengrundlage sollte durch einen abge- stimmten Prozess mit anderen Nutzergrup- pen, wie Sport und Erholung, erfolgen. Ein wünschenswertes Ziel wäre es auch, wenn alle Beteiligten diesen Daten und den sich daraus ableitenden Bewertungen zustimmen könnten. Managementmaßnahmen, insbe- sondere zur Besucherlenkung sind aus ihrer Sicht dann besonders erfolgreich, wenn sie durch eine frühzeitige Beteiligung begleitet werden. Idealerweise erfolge dies durch ei- nen Arbeitskreise eine offene Kommunika- tion und Information ohne Feindbilder. Die Gruppe vertritt die Vision eines Kommunikati- onsprozesses bei dem sich die verschiedenen Parteien gegenseitig menschlich akzeptieren. Dafür sei es wichtig zu wissen, was macht der Andere, was ist ihm wichtig, wie funktioniert der Sport. Umgekehrt sollte auch vermittelt werden, warum der Naturschutz verschiedene Aspekte nicht verhandeln kann, wo die Ziele des Schutzes vorgehen. In den Sportverbän- den sollte es daher Personen mit Kenntnissen zur Natur geben, damit die Kommunikation erleichtert wird. Um die Entscheidungspro- zesse und die strukturelle Organisation zu erleichtern, sollten einerseits möglichst viele Betroffene integriert werden, andererseits ist eine klare Mandatsfunktion erforderlich, da- mit auch verlässliche Entscheidungen getrof- fen und umgesetzt werden. Es sei besser zu viele als zu wenige Personen zu beteiligen. Das möglichst umfangreiche Monitoring soll regelmäßig stattfinden und, was Sport und Erholung betrifft, natürlich von denje- nigen mit finanziert werden, die diese Akti- vitäten (d.h. Sport und Erholungssuchende) ausüben. Beim Marketing sollten sich die Schutz- gebiete vom Erfolg der Zoos inspirieren las- sen. So wie „Knut“ als Sympathieträger für den Zoo in Berlin fungiert habe, könnte doch auch der Seeadler als eine solche Leitart für ein erfolgreiches Marketing genutzt werden, die positiv auf die Schutzerfordernisse auf- merksam macht. 91Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Das Meinungsbild der „Realisten im Be- reich Naturschutz“ Zum Thema Bestandsaufnahme kam es der Gruppe darauf an auf die besondere Be- deutung verlässlicher Indikatoren hinzuwei- sen. Hierzu ist es auch erforderlich, dass auch die in amtlichen Dokumenten enthaltenen Daten überprüft werden. Viele dieser Daten seien nicht mehr aktuell. Im Bereich der Bewertung stand für die „Realisten“ die Frage nach akzeptierbaren Standards im Mittelpunkt der Diskussion. An- gestoßen von dem nordamerikanischen Kon- zept der Limits of Acceptable Change (LAC) wurde die gebietsspezifische Festlegung ent- sprechender Standards diskutiert. Problema- tisch sind in diesem Zusammenhang auch die unterschiedlichen Aggregationsebenen. Als Beispiel für die Bewertungsproblematik wurde die Einstufung des Erhaltungszustan- des für Arten oder Lebensraumtypen in Na- tura 2000 Gebieten angeführt. Gerade eine Einstufung in Stufe B erlaubt einen weiten In- terpretationsspielraum bezogen auf mögliche Belastungen durch Erholung und Sport: Handelt es sich um einen bereits sichtbar beeinflussten Lebensraumtyp , der schon an der Schwelle zur schlechteren Stufe C steht, der Handlungsbedarf auslöst oder handelt es sich um nur leicht beeinträchti- gte, „mittel-günstige“ Lebensräume. Im Hinblick auf Datenerhebungen und Be- wertungen wurde das Problem der häufig wenig abgestimmten Ebenen von EU, Bund und Ländern genannt. Im Hinblick auf das Management be- tonten die Realisten, dass es aus ihrer Sicht erforderlich ist, einen möglichst breiten An- satz der Managementplanung anzugehen, wie er in der vorgegebenen Gliederung (siehe Einführung) zum Ausdruck kommt. Beispiele aus anderen Europäischen Ländern, wie etwa Finnland, zeigen, dass in diesem Punkt in Deutschland Defizite bestehen und der Begriff viel zu eng ausgelegt werde. Ein besonderes Augenmerk ist, aus der Sicht der Realisten, in diesem Zusammenhang die Steuerung von Individualisten, d.h. nicht organisierten Sport- lern und Erholungssuchenden, zu widmen. Bezogen auf die Beteiligung und Koope- ration weisen die Realisten auf die Schwierig- keiten der föderalen Strukturen in Deutsch- land hin. Nicht immer passen die Strukturen und Organisationen des Sportes mit denen des Naturschutzes zusammen. Dies gelte ge- rade im Hinblick auf neue Trendsportarten, die oft keine Vertreter auf Landesebene haben. Schwierigkeiten werden auch darin gesehen, dass die - so genannten – „schwarzen Scha- fe“ meist sind nicht organisiert sind. Aus ihrer Sicht ist es notwendig auf eine lokale poli- tische Akzeptanz des Schutzgebietes und des vorgeschlagenen Managements hinzuwirken. Im Hinblick auf das Monitoring wird, wie bei der Bestandsaufnahme, die Auseinanderset- zung mit den anzustrebenden Standards ge- wünscht. Ziel sollte ein modular aufgebautes, nachsteuerndes Monitoring sein, das auch die Wirksamkeit von Maßnahmen überprüft. Das Meinungsbild der „Realisten im Be- reich Sport/Erholung“ Die Gruppe definiert zu Beginn als Grund- regel für das Management von Schutzgebie- ten, dass die Sportler eine Unterstützung leis- ten können und müssen. Sie spezifiziert ihre Auffassung dann bezogen auf die verschie- denen Teilbereiche des Managements: 92 © INOEK / BMU / BfN Workshop 1: Management für Naturschutz und Erholung in Schutzgebieten Bei der Bestandsaufnahme und Bewer- tung sollten die Sportler unbedingt einbezo- gen werden. Es wird als besonderes Defizit empfunden, wenn Kartierungen von Per- sonen durchgeführt werden, die keine oder wenige Vorkenntnisse zu diesem Raum oder Gebiet besitzen. Eine realistische Betrach- tung in diesem Themenfeld muss auch davon ausgehen, dass Managementmaßnahmen Ge- und Verbote nicht beachtet werden und hierauf reagiert werden muss. Management- maßnahmen, insbesondere wenn diese zu Restriktionen und Einschränkungen für die Sportler führen, sollten durch neue, ggf. ex- tra geschaffene Ausweichräume oder neue Angebote für Sportler und Erholungssuchen- de kompensiert werden. Im Hinblick auf die Beteiligung und Kooperation beim Manage- ment wird von den Beteiligten kritisiert, dass es nur selten eine gleichberechtigte Beteili- gung der Sportler gäbe. Zudem gibt es, nach ihrer Auffassung zu wenig Bildungsangebote, vor allem solche, die sich mit Schutzgebieten auseinandersetzen. Im Hinblick auf organisa- torische Strukturen werden Defizite an geeig- netem Personal bemängelt. Aus ihrer Sicht ist auch das Monitoring bezogen auf Sport und Erholung nicht ausreichend vorgesehen. Ein Marketing muss gemeinsam von Naturschutz und Erholung/Sport konzipiert und umgesetzt werden. 3. Zusammenfassung des Diskussionser- gebnisses Die Ergebnisse des „Rollenspiels“ wur- den anschließend im Plenum zwischen den „Visionären“ und den kritischen „Realisten“ diskutiert und zusammengeführt. Die Ergeb- nisse sind im Folgenden zusammenfassend dargestellt: Die Gruppe ist insgesamt der Auffas- sung, dass sich das Managementverständnis in Deutschland ändern sollte im sinne eines umfassenden Managementbegriffs, der auch Aspekte wie Marketing (s.o.) mit einschließt. Bezogen auf das Management wurden fol- gende wichtige Anforderungen formuliert: Die Bestandsaufnahme sollte grundsätz- lich auf der Grundlage eines abgestimm- ten Rahmens erfolgen. Einigkeit besteht weiterhin darin, dass aktuelle Daten unter Mitwirkung des Sportes erforderlich sind, um ein angemessenes, umsetzbares Ma- nagement zu erzielen zu können. Der Um- fang, die Zuständigkeiten, aber auch Art und Umfang der Mitwirkung sollten im Rahmen des Screenings gewährleistet werden. Bezogen auf die Bewertung und die Defi- nition von Standards besteht Einigkeit da- hingehend, dass es wichtig ist, Datenebe- nen und Sachebenen abzustimmen und für den Einzelfall, bezogen auf das jewei- lige Gebiet einvernehmliche Standards festzulegen. Dies wird vor allem auch dann als Vorteil gesehen, wenn Unstimmigkei- ten bis hin zu gerichtlichen Auseinander- setzungen vorkommen sollten. Es wird von den Beteiligten als eine vor- dringliche Aufgabe gesehen auf eine Ak- zeptanz der vorgeschlagenen Maßnah- men hinwirken. Dies ist dann leichter zur erreichen, wenn die Maßnahmen im Vor- feld mit den Betroffenen abgestimmt wer- den, oder wenn es gelingt, einen Aus- gleich für Einschränkungen herbei zu füh- ren. Eine wichtige und schwierige Aufga- be ist es, in diesem Zusammenhang auch Lösungen für das Problem der Individualis- ten zu finden, die nicht organisiert sind. 93Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Die Beteiligung sollte frühzeitig und trans- parent aufgebaut sein. Wichtig ist auch, dass die Kommunikation gleichberechtigt erfolgt. Dabei ist auch klar, dass es gerade im Zusammenhang mit Natura 2000 ver- handelbare und nicht verhandelbare In- halte gibt. Die Art und Gestaltung des Kommunikationsprozesses sollte partner- schaftlich erfolgen. Hierzu bedarf es auch geeigneter tragfähiger Beteiligungsstruk- turen, wie etwa dem Runden Tisch oder regelmäßigen Workshops o.ä.. Diese Vor- gehensweise trägt auch zu mehr Akzep- tanz durch Politik und Gesellschaft bei. Die Teilnehmer betonen die hohe Bedeu- tung einer ausreichenden Information und unterstreichen, dass es hier auch gegen- seitig Lernbedarf besteht. Ziel ist es, auch in diesem Bereich auf einen respektvollen Umgang hinwirken. Die Organisationsstrukturen sollten Ver- treter von Sport und Erholung integrieren. Eine leistungsfähige Struktur setzt weiter- hin verbindliche Mandate voraus. Von großer Bedeutung ist ein modular, ab- gestimmtes Monitoring, das Aktivitäten aus dem Bereich Sport und Erholung ein- schließt. Die Ergebnisse des Monitorings sollten die Grundlage für zukünftige Ma- nagemententscheidungen sein. Ein gemeinsam abgestimmtes Marketing wird als ein wichtiges Themenfeld einge- stuft. Sympathieträger, Leit- und Zielarten des Naturschutzes können dazu beitragen den Schutzgedanken positiv in der Bevöl- kerung und bei den Nutzern zu verankern. Auf den Informationsmedien von Natur- schutz, Sport und Erholung (Internet, Printmedien usw.) sollten realistische Dar- stellungen der Aktivitäten dominieren, die im Schutzgebiet auch in verträglicher Wei- se ausgeübt werden können. 94 © INOEK / BMU / BfN Kurzvita – Stefan Türk Stefan Türk, Dr. Stellvertretender Leiter des Instituts für Natursport und Ökologie Deutsche Sporthochschule Köln Am Sportpark Müngersdorf 6 D-50933 Köln http://www.dshs-koeln-natursport.de Kurzvita Dr. Stefan Türk, Jahrgang 1965, studierte Diplom-Forstwirtschaft an der Albert-Ludwig-Uni- versität Freiburg. Er promovierte 1995 zum Dr. rer. nat. im Rahmen eines EU-Programms zur Ökosystemforschung über die neuartigen Waldschäden. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Nach Forschungstätigkeiten an der Universität Freiburg und im Forschungszentrum Jülich wech- selte er 1999 an das Institut für Natursport und Ökologie an der Deutschen Sporthochschule Köln, wo er als wissenschaftlicher Mitarbeiter angestellt ist und die Funktion des stellvertre- tenden Institutsleiters übernimmt. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Nutzung naturnaher Landschaften durch Natursportaktivitäten sowie die daraus resultierenden Planungen für den Sportraum Landschaft. Im Rahmen seiner Lehrtätigkeit leitet er verschiedene Seminare und Pra- xiskurse für die Zusatzqualifikation „Sport und Umwelt – Management“. Darüber hinaus ist er verantwortlich für die Schießsportausbildung an der DSHS Köln. Herr Dr. Türk ist öbv. Sachverständiger der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen für Bewertungs- und Entschädigungsfragen in Forstbetrieben bei ökologischen Fragestellungen, Boden- und Bestandsbewertung und Jagdwesen. 95Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Stefan Türk Workshop 2: Nachhaltige Entwicklung von Sport- und Bewegungsräumen Zusammenfassung der Ergebnisse auf Basis der im Rahmen einer Aquarium- Diskussion protokollierten Aussagen der Teilnehmer. Wie zukunftsfähig können Planungen zu Sport- und Bewegungsräumen sein, wenn so viele unterschiedliche Akteure und Instrumente für die Planung zustän- dig sind? Die Erfahrung der Planungspraktiker zeigt, dass sich grundsätzlich Planungen nur dann erfolgreich durchzusetzen, wenn sie über klar und deutlich formulierte Zielvorstellun- gen verfügen. Wobei eingeschränkt wurde, dass das Erreichen von Metazielen nur dann gelingt, wenn Zwischenziele und Feedback- Verfahren durchdacht und frühzeitig nicht nur formuliert, sondern auch umgesetzt werden. Theoretisch ist dieser Sachverhalt vielen der an Planungsverfahren beteiligten Personen bekannt, in der praktischen Umset- zung zeigen sich aber verschiedene Defizite. Das markanteste Defizit, das in diesem Zu- sammenhang anzumahnen ist, hängt mit der Tatsache zusammen, dass für die oben ge- nannte zielgerichtete Planungsstrategie viel Know How und Fachwissen benötigt wird. Und nicht jede für die Bearbeitung zustän- dige Stelle verfügt über das entsprechende Fachwissen. Eine Ursache hierfür wird darin gesehen, dass die Zuständigkeit der Planung von Sport- und Bewegungsräumen, insbe- sondere solcher Räume, die siedlungsnah lie- gen, von kommunaler Seite und damit nicht landes- bzw. bundesweit einheitlich geregelt werden. Eine solche verbindliche Zuordnung sucht man derzeit vergebens. Damit fehlt na- türlich eine entscheidende Möglichkeit, den erkennbaren Wissensdefiziten von zentraler Stelle entgegen zu wirken. Stattdessen sind viele Planungseinrichtungen auf den Einkauf externen Fachwissens angewiesen. Insbeson- dere zu dem tatsächlichen Sportverhalten der Bevölkerung bleiben vieler Orts zunächst Fragen ohne direkte Antwort. Dieses Wissen wird aber benötigt, wenn man über die Zu- kunftsfähigkeit beispielsweise bestehender Sportanlagen Entscheidungen treffen muss. Die Erfahrungen der Workshop-Teilneh- mer sowie die Ergebnisse aus aktuellen For- schungsprojekten zur Grünflächenentwick- lung zeigen interessanterweise, dass oftmals das benötigte Wissen auch innerhalb von kommunalen Strukturen zu finden wäre. Hierzu müssten sich aber entsprechende Austauschmöglichkeiten und interne Koope- rationen ergeben. Aktuell existieren deutsch- landweit betrachtet in diesem Zusammen- hang ganz unterschiedliche Strukturen. So funktioniert die interne Zusammenarbeit von Planungsämtern, Landschaftsbehörden mit Grünflächen- und Sportamt in der Kommune X bereits vorbildlich, aber in der 50 km ent- fernten Gemeinde Y hat man von solchen Möglichkeiten zwar gehört, sieht sich aber außerstande bei all den bereits zugewiesenen Tätigkeitsfeldern auch noch einen Runden Tisch mehr einzurichten. Dabei scheint es so zu sein, dass für die positiven Beispiele häufig das persönliche Interesse und Engagement 96 © INOEK / BMU / BfN Workshop 2: Nachhaltige Entwicklung von Sport- und Bewegungsräumen einzelner Personen aus dem oben genannten Umfeld stärker verantwortlich sind, als bei- spielsweise öffentliche Verwaltungsstrukturen auf Kommunal-, Bezirks- oder Länderebene. Organisations- und Vertretungsdefizite werden aber nicht nur im Zusammenspiel von Sport und Grünplanung angemahnt. Es wurde auch sehr deutlich, dass innerhalb des Sports offensichtlich Austauschpotentiale brach liegen. So beklagt der informelle Sport, dass er sich das ein oder andere Mal doch bessere Artikulationsmöglichkeiten wünscht, diese aber weder bei sich noch im organisier- ten Sport findet. Allerdings muss man auch zu bedenken geben, dass man nicht einerseits die Bindung an Vereins- und Verbandsstruk- turen ablehnen kann, um sich dann wieder dessen Organisationsstrukturen bedienen zu wollen. Eine solche Politik können und wollen die Sportverbände verständlicherweise nicht mitmachen. Ein weiteres Diskussionsfeld liegt in der Betrachtung von Lage und Ausstattung der Sport- und Bewegungsräumen: Wo befinden sich die nutzbaren Räume? Sind sie attrak- tiv gestaltet? Bieten sie ausreichend Raum für die vielfältigen Bewegungswünsche oder sind sie bereits chronisch überfüllt? Welche politischen Ziele sind diesbezüglich auszu- machen? Gerade der organisierte Sport und die zuständige Planungsautorität sehen hier wichtige und oftmals nicht leicht zu lösende Aufgaben der zukunftsfähigen Gestaltung und Entwicklung auf sie zu kommen. Umso überraschender muten da Aussagen aus dem informellen Sport an, der sich zumindest in Teilbereichen gegen eine Überplanung und Gestaltung wehrt. Stattdessen kommt seine Forderung auf, doch dem Sportler Räume zur freien Nutzung zu überlassen. Und hier meint freie Nutzung nichts anders, als dass sich ein Raum durch das vorhandene Angebot und die daraus resultierenden Möglichkeiten selbst für die Aktivitätsformen definiert. Für viele Vorreiter ist genau das die eigentliche Herausforderung am informellen Sport. Und ohne diese Möglichkeiten hätten und würden sich viele Entwicklungen in der Bewegungs- landschaft erst gar nicht ergeben. Sehr rasch wurde auch deutlich, dass in diesem Kontext ein entscheidender Unter- schied zwischen siedlungsnahen Grünflächen oder Stadtparks und den ländlichen Wald- und Wiesenstrukturen zu finden ist. So sieht der amtliche Naturschutz zum Beispiel in der forcierten Entwicklung siedlungsnaher Grün- flächen eine wichtige Möglichkeit, siedlungs- fernere Naturräume effektiv zu entlasten. Auf diesem Wege können umweltbelastende Aktivitäten durch die Sport- und Bewegungs- aktivitäten direkt, aber auch durch die Anrei- sedistanzen usw. vermieden werden. Ganz im Gegenteil dazu müssen dann aber die Postulierungen beispielsweise der Forstver- waltungen aus den ländlichen Regionen ge- wertet werden, die auf der Suche bzw. schon bei der Umsetzung von Maßnahmen sind, die die Attraktivität ihrer Regionen steigern kön- nen. Hinsichtlich des großen politischen Ziels der Unterbindung der in vielen deutschen Re- gionen erkennbaren Landflucht in Richtung der großen Industrie- und Ballungsräume soll die attraktive Belebung der ländlichen Regi- onen helfen. Offen für neue Ideen, insbeson- dere im sport- und gesundheitsbezogenen Tourismus zeigen sich hier spannende Ent- wicklungsmöglichkeiten. Klar ist aber auch, dass man vielerorts erst beim Aufzeigen von Potentialen ist. Oftmals müssen der notwen- dige politische Rahmen und die öffentlichen Finanzierungen noch initiiert werden. 97Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Die Öffnung für neue Ideen, ob nun sied- lungsnah oder –fern führt allerdings auch im- mer wieder zu Konfliktsituationen, die man vielerorts bis dato nicht kannte. Eine Intensi- vierung der Nutzung einer Landschaft zur Be- wegungsarena, wie wir sie mit Bikeparks, Nor- dic Aktiv Zentren oder den Wandersteigen in ganz Deutschland finden, führt zu Konflikten mit bestehenden tradierten Nutzungen. Hier zeigt sich in der politischen Diskussion sehr schnell dann auch die Macht des Geldes. Denn bereits heute werden bestimmte Aktivitäten in den betrachteten Räumen mit Abgaben verbunden. Herausragend sind hier natürlich die Jagdpacht und die an den Pachtzins ge- bundene, aber zusätzlich an die Kommune zu entrichtende Jagdsteuer. In vielen Kommu- nen der auch für Sport und Tourismus attrak- tiven waldreichen Mittelgebirgslandschaften in Deutschland sind diese Jagdabgaben fest eingeplante Haushaltsgrößen. Ähnlich sind die von Anglern zu leistenden Pachtpreise für Gewässer zu bewerten. In einigen Bundes- ländern kommen aber auch andere Freizeit- aktivitäten mit Abgabeverordnungen in Kon- takt, so beispielsweise der Reitsport. Ohne die Diskussion zu dieser Thematik an dieser Stelle weitergehend führen zu wollen, wurde bei allen Kontroversen innerhalb des Forums schnell klar, dass aus der Verbindung von Geld und abgeleitetem Nutzungsanspruch heftige Konfliktsituationen vorprogrammiert sind. Exemplarisch seien nur einige Fragen zitiert: „Darf dann nur noch derjenige bei Planungsvorhaben mitreden, der auch Geld für die Nutzung zahlt? Hat nicht zwangsläu- fig derjenige am meisten politisches Gewicht, der die höchsten Pachtpreise für Land- oder Wassernutzung zahlt?“ Auch wenn die Realität in den letzten Jahren häufig eine ganz bestimmte Antwort hierauf zu geben scheint, ist es berechtigt zu fragen, ob es im Hinblick auf zukunftsfä- hige Sport- und Bewegungsräume in Natur- und Landschaft tatsächlich Exklusivrechte für bestimmte Nutzergruppen geben darf? Zwangsläufig erwächst aus dieser These die Forderung nach der monetären Bewertung von Bewegungsräumen. Spätestens jetzt tref- fen aber sehr unterschiedliche Meinungen und auch praktische Handlungsanweisungen aufeinander. Einerseits ist die Diskussion davon geprägt, dass die politische Notwendigkeit einer mo- netären Inwertsetzung der Wohlfahrtsleistun- gen solcher Räume in zunehmendem Maße gefordert wird. So ist es eine Tatsache, dass insbesondere politische Entscheidungsträger entsprechende Zahlen verlangen, um in den Entscheidungen für oder wider Erholungs- und Bewegungslandschaften, hier neue schlagkräftige und belastbare Argumente durchaus auch im Sinne von Erholung und Bewegung anbringen zu können. Denn häu- fig genug muss sich eine Kommune bei sol- chen Entscheidungen dem fiskalischen Diktat unterwerfen. Und wenn dann entsprechende Zahlen nicht vorgelegt werden können, ist es bis zur Ablehnung innovativer Konzepte nicht mehr weit. Derzeit lassen sich solche Zahlen allerdings noch sehr selten finden. Es gibt zwar bereits verschiedene Kalkulationsmo- delle, allerdings ist deren Belastbarkeit noch nicht anerkannt hoch. Und auch wenn viele unserer großen Gesundheitsdienstleister mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln den gesundheitlichen Vorteil, den die körperliche Aktivität in Natur und Landschaft hat, postu- lieren, beziffern sie zum Beispiel anstelle des ökonomischen Benefits von Bewegungs- und Erholungsräumen eher die Kosten, die durch Unfälle und Verletzungen aufgrund von Be- 98 © INOEK / BMU / BfN Workshop 2: Nachhaltige Entwicklung von Sport- und Bewegungsräumen wegung in solchen Räumen entstanden sind. Anderseits muss man sich zu Recht fragen lassen, ob die gesellschaftspolitische Diskussi- on tatsächlich dahin kommen soll, dass nahe- zu alles in unserem Leben primär von seiner monetären Wertigkeit her betrachtet werden muss. Ist die Gesellschaft es dann nicht selber Schuld, wenn Geldwert so zum alles Beherr- schendem hochstilisiert wird? Und sollte es nicht gerade in der heutigen Zeit wichtiger als je zuvor sein, dass man sich diesem vermeint- lichen Zwang entzieht und andere Werte in den Vordergrund rückt. In diesem Zusammenhang soll abschlie- ßend festgestellt werden, dass die gemein- same Diskussion, der Erfahrungsaustausch über festgesteckte Grenzen hinaus und das Überwinden vermeintlicher Barrieren eben einen solchen nicht fassbaren Wert darstel- len. Auch wenn man nicht in der Lage sein wird, hierfür eine realistische monetäre Größe zu erheben, ist allen Beteiligten klar, dass am Ende genau diese Kommunikation über den Erfolg oder Misserfolg der zukunftsfähigen oder tatsächlich nachhaltigen Entwicklung unser Sport- und Bewegungsräume entschei- det. Wenn etwas zu diesem Ziel führen kann, dann ist es allein das Miteinander der unter- schiedlichsten Akteure. Jedoch muss auch al- len Beteiligten klar sein, dass sich nicht jeder Konflikt auf diesem Weg einvernehmlich lö- sen lassen wird. Dafür sind derzeit dann doch bestimmte Interessen einfach noch zu weit voneinander entfernt. 99Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN 100 © INOEK / BMU / BfN Klaus Hübner Landesbund für Vogelschutz Leiter des Referates für nachhaltige Entwicklung und Freizeit Bayerischer Landesbund für Vogelschutz http://www.lbv.de Kurzvita Klaus Hübner, 55 Jahre, verheiratet, 5 Kinder. Der gelernte Gymnasiallehrer für die Fächer Sport und Biologie arbeitet seit 21 Jahren beim Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V. (LBV) und leitet dort das Referat Bildung für nachhaltige Entwicklung und Freizeit. Als begeisterter Berg- sportler ist es ihm ein wichtiges Anliegen, Naturschutz- und Sportverbände näher zusammen zu bringen: durch gemeinsame Entwicklung von Schutzkonzepten wie z.B. bei der Entwicklung und Umsetzung der Kletterkonzeption in der Fränkischen Schweiz, können Schutzmaßnahmen optimiert und Synergien genutzt werden. Diese Haltung prägt auch seine Arbeit als Präsidiums- mitglied des Deutschen Naturschutzrings (DNR) und von CIPRA Deutschland. Die UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung (von 2005 bis 2014) begleitet Klaus Hüb- ner im deutschen Nationalkomitee. Besonderes Anliegen ist ihm dort die Förderung von Bildung für nachhaltige Entwicklung im Elementarbereich. Kurzvita – Klaus Hübner 101Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Klaus Hübner und Tina Jacoby Workshop 3: Bildung für eine nachhaltige Entwicklung und biologische Vielfalt im Sport Zusammenfassung der Inputreferate und Ergebnisse der Diskussion, welche in Form ei- ner „fishbowl“ Gesprächsrunde durchgeführt wurde. Hintergrund Bildung für nachhaltige Entwicklung ist in den vergangenen Jahren, insbesondere in der Folge des zweiten Erdgipfels „Rio plus 10“, der 2002 in Johannesburg stattfand, in den Fokus der Weltgemeinschaft gerückt. Dieses verstärkte Interesse wird auch noch deutlich durch die UN-Weltdekade „Bildung für nach- haltige Entwicklung“, die von den Vereinten Nationen ausgerufen wurde und die von 2005 bis 2014 andauert. Dabei hat Bildung für nachhaltige Ent- wicklung zum Ziel, die Menschen zur aktiven Gestaltung einer ökologisch verträglichen, wirtschaftlich leistungsfähigen und sozial gerechten Umwelt unter Berücksichtung glo- baler Aspekte zu befähigen. Darüber hinaus ist durch den Begriff Bil- dung für nachhaltige Entwicklung ein wei- teres Bildungsprinzip eingeführt: Über 200 Jahre lang hat das Leitbild von Demokratie und Menschenwürde die Bildungsprozesse im Schulunterricht und der außerschulischen Aktivitäten grundlegend beeinflusst. Heute wissen wir aber, dass die Zukunftsfähigkeit der Menschen nur zu sichern ist, wenn wir die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten und die Belastungen unserer Ökosysteme re- duzieren. Diese wichtige Erkenntnis nimmt der Begriff Bildung für nachhaltige Entwick- lung auf, indem er die Erhaltung der natür- lichen Lebensgrundlagen als drittes wichtiges Bildungsprinzip einführt. Aber es ist nicht nur das neue Prinzip, das Bildung für nachhaltige Entwicklung so wichtig für die zukünftige Entwicklung unserer Gesellschaft macht. Es ist vor allem der neue Ansatz dieses Bildungs- konzeptes. Nicht Probleme im Mittelpunkt, sondern Gestaltungskompetenz Das Konzept der Bildung für nachhaltige Entwicklung stellt nicht die Probleme in den Mittelpunkt, sondern die Frage, wie die Welt zukunftsfähig gestaltet werden kann. Es geht also nicht um eine Analyse von nicht ge- wünschten Zuständen, sondern darum, wie der Einzelne befähigt werden kann, die Ge- sellschaft unter Einbezug seines eigenen Le- benszusammenhanges mitzugestalten. Dies unterscheidet Bildung für nachhaltige Entwicklung grundlegend von den Bildungs- bemühungen in den 70er und 80er Jahren, wo Bildungsanstrengungen sich immer auf die Lösung von Naturschutz- oder Umwelt- schutzproblemen richteten. Bildung für nach- haltige Entwicklung hingegen möchte den Einzelnen befähigen, sein individuelles Leben lokal und in globaler Verantwortung erfolg- reich im Sinne nachhaltiger Entwicklung ge- stalten zu können. Bildung für nachhaltige Entwicklung be- trifft alle Bereiche des Bildungssystems: das 102 © INOEK / BMU / BfN Workshop 3: Bildung für eine nachhaltige Entwicklung und biologische Vielfalt im Sport Lernen in Kindertageseinrichtungen, Schulen, Hochschulen, Weiterbildungs- und Kulturein- richtungen oder Forschungsinstituten. Dar- über hinaus findet Bildung für nachhaltige Entwicklung auch außerhalb von Bildungsein- richtungen statt, und außerschulisches und lebenslanges Lernen gewinnen zunehmend an Bedeutung. Nationaler Aktionsplan für Deutschland Das Deutsche Nationalkomitee zur Beglei- tung der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ erstellte 2005 einen Nationalen Aktionsplan für die Bundesrepublik, der fol- gende vier strategische Ziele verfolgt: 1. Weiterentwicklung und Bündelung der Aktivitäten sowie Transfer guter Praxis in die Breite 2. Vernetzung der Akteure der Bildung für nachhaltige Entwicklung 3. Verbesserung der öffentlichen Wahrneh- mung von Bildung für nachhaltige Ent- wicklung 4. Verstärkung internationaler Kooperati- onen Die vier strategischen Ziele werden in einem Maßnahmenkatalog konkretisiert. Die- ser Maßnahmenkatalog benennt die Visionen und spezifiziert die Teilziele, beschreibt die je- weiligen Ausgangssituationen und nennt Ent- wicklungsschritte sowie handelnde Akteure. Die strategischen Ziele sowie der detaillier- te Maßnahmenkatalog wurden unter Mitar- beit von Verantwortlichen in Bund, Ländern und Gemeinden, Wirtschaft, Wissenschaft sowie gesellschaftlichen Gruppen erarbeitet. Aktionsplan und Maßnahmenkatalog werden während der Dekade laufend fortgeschrie- ben. Dekadeprojekte Die Aktivitäten der Bildung für nachhaltige Entwicklung im Rahmen der UN-Dekade sol- len in ganz Deutschland sichtbar werden. Des- halb werden lokale Aktivitäten und Projekte als „offizielle Dekadeprojekte“ ausgezeichnet und in die „Allianz Nachhaltigkeit Lernen“ aufgenommen. Auf diese Weise wird der viel- fältigen Bildungslandschaft in Deutschland Rechnung getragen und das lokale Engage- ment unterstützt. Über 500 Dekadeprojekte konnten bisher ausgezeichnet werden. Good practice Beispiel: ticket to nature Die „ticket to nature“ Natursportcamps verbinden spaßvolles Sporttreiben in der Na- tur mit dessen reflexiver Betrachtung. Im Som- mer werden die Sportarten Nordic Blading / Cross Skating, Nordic Walking und Mountain- biking durchgeführt; im Winter wird sich auf Backcountry Ski oder Schneeschuhen oder mit alpiner Schneesportausrüstung durchs Gelände bewegt. Die reflexive Betrachtung des Sporttreibens in der Natur erfolgt spiele- risch durch Rollen- und Planungsspiele, eine Hausrallye und die Durchführung kleiner, selbst geplanter Expeditionen. Die Jugend- lichen lernen Tiere des Naturraums und deren Reaktionen auf die Störungen durch Sportler, die ökonomische Dimension des Sporttou- rismus und Möglichkeiten der nachhaltigen Sportausübung kennen. Zwei sportartspe- zifisch und erlebnispädagogisch geschulte Teamer/Gruppenleiter betreuen das „ticket to nature“ Campprogramm und leiten die Na- tursportaktivitäten. Zur Realisierung der Projektidee hat die “Stiftung Sicherheit im Skisport” (SIS) För- dergelder der „Deutschen Bundesstiftung 103Biologische Vielfalt und Sport - Chancen einer nachhaltigen Entwicklung © INOEK / BMU / BfN Umwelt“ (DBU) erhalten. Das Projekt wurde bereits als offizielles Dekadeprojekt der UN- Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung 2005-2014“ ausgezeichnet. Die Konzeption und Organisation des Projektes erfolgt am Institut für Natursport und Ökologie (INÖK) der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS) und durch den Umweltbeirat des Deutschen Skiverbandes (DSV). Möglichkeiten, Potenziale und Grenzen der Bildung für nachhaltige Entwicklung im Sport – Ergebnisse der Diskussion In der Diskussion über Sport und Bildung für eine nachhaltige Entwicklung wurde schnell deutlich, dass zwischen Möglichkeiten hinsichtlich angestrebter Ziele und mögliche Umsetzungen unterschieden werden muss. Das übergeordnete Ziel der Bildung für nach- haltige Entwicklung ist nach Ansicht der Dis- kussionsrunde die Bewusstseinsbildung. Kon- krete Schritte zur Bewusstseinsbildung sind das Wecken von Interesse an dem Thema Nachhaltigkeit, Fragen der Nachhaltigkeit zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen, die Entwicklung einer nachhaltigen Infrastruktur im Sport und abschließend ein nachhaltiges Handeln eines jeden Einzelnen. Die Potenziale des Sports in diesem Pro- zess wurden darin gesehen, dass anhand sportlicher Betätigungen, sei es anlagen- oder landschaftsgebundener Sport, die Prinzipien einer nachhaltigen Entwicklung verdeutlicht werden können. Der Sport wird somit als Ve- hikel genutzt. Die häufig bei Sportlern entste- henden positiven Emotionen können das Ler- nen zum Thema Nachhaltigkeit unterstützen und sollten genutzt werden. Die vorhandene Infrastruktur hinsichtlich der Verbandsarbeit und des Ausbildungswesens bieten idea- le Möglichkeiten der Multiplikatorenschu- lungen. Um die angestrebten Ziele durch und im Sport zu verwirklichen bedarf es jedoch nach Allianz aller Verantwortlichen (Naturschutz, Sport, Politik) Angestrebte Ziele: Umsetzung: Bewusstseinsbildung Potenziale des Sports Sport = Vehikel Positive Emotionen Infrastruktur Generieren und zur Verfügung stellen konkreter Lösungsvorschläge Im Detail: Interesse an Nachhaltigkeit wecken Nachhaltigkeit als Selbstverständlichkeit Entwicklung einer nachhaltigen Sportinfrastruktur Nachhaltiges Handeln Im Detail: BfnE in Ausbildungsstruktur aufnehmen Informationen im Internet Nachhaltige Sportraumplanung mit BfnE Elementen Öffentlichkeitsarbeit Abb. 1: Mög- lichkeiten und Potenziale des Sports zur Bil- dung für nach- haltige Entwick- lung 104 © INOEK / BMU / BfN Meinung der Workshopteilnehmerinnen und -teilnehmer der Generierung und der Verfüg- barkeit konkreter Lösungsvorschläge zu be- stimmten Handlungsfeldern. Hierunter fällt die Aufnahme von Elementen der Bildung für nachhaltige Entwicklung in die Trainer- und Übungsleiterausbildung, wobei sie in didak- tischer und methodischer Hinsicht geschult werden sollten, das zur Verfügung stellen von Informationen im Internet (Informationen über Sport und Naturschutz sind zu finden unter www.natursportinfo.de), eine nachhal- tige Sportraumplanung mit integrierten und passenden informellen Bildungselementen sowie eine vermehrte Öffentlichkeitsarbeit. Eine Allianz aller Verantwortlichen aus Na- turschutz, Sport und Politik sollte angestrebt werden (Abb. 1). Grenzen in der Umsetzung sahen die Work- Workshop 3: Bildung für eine nachhaltige Entwicklung und biologische Vielfalt im Sport shopteilnehmerinnen und -teilnehmer darin, dass die Sportler keine Einschränkungen hin- nehmen und keine Schuldgefühle vermittelt bekommen möchten. Auch die Erreichbarkeit, insbesondere im unorganisierten Sport, stellt erhebliche Grenzen dar. Die Kommunikation zwischen Sport- und Umweltverbänden sollte erweitert und intensiviert werden, um mög- liche Probleme rechtzeitig zu erkennen. Das zielgruppenorientierte zur Verfügung stellen von Wissen und passenden Methoden wurde als große Herausforderung betrachtet. Ausblickend wurde jedoch festgestellt, dass mit entsprechenden und passenden Me- thoden eine Bewusstseinsbildung hinsichtlich einer nachhaltigen Entwicklung möglich ist, und der Sport diesen Prozess unterstützen kann und sollte, wobei die Langwierigkeit von Bewusstseinsbildungsprozessen nicht un- terschätzt werden darf. Am Sportpark Müngersdorf 6 D-50933 Köln www.dshs-koeln-natursport.de natursport@dshs-koeln.de Tel.: +49 22 1 49 82 4240 Fax: +49 22 1 49 82 8480 ISSN 1612-2437 D e u t s c h e S p o r t h o c h s c h u l e K ö l n