Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2021, 4(1) 29 DOI: 10.25847/zsls.2020.026 Kompetenzorientierte Sportlehrkräftebildung am Beispiel Gesundheit · Röger-Offergeld, Kirsch, Sygusch Ulrike Röger-Offergeld, Silke Kirsch, Ralf Sygusch ORIGINALIA › PEER REVIEW Kompetenzorientierte Sportlehrkräftebildung am Beispiel Gesundheit ZUSAMMENFASSUNG Für den Bereich der universitären Sportlehrkräftebildung an deutschen Hochschulen liegt bislang kein bildungswissenschaftlich anschlussfähiges Kompetenzmodell vor, das eine systematische Basis für die methodisch-didaktische Gestaltung und empiri- sche Analyse von Kompetenzentwicklung ermöglicht. Im vorliegenden Beitrag wird dieser Aspekt aufgegriffen. Am Beispiel von zwei universitären sportpraktischen Lehr- veranstaltungen zum Thema Gesundheit im Sportunterricht wird gezeigt, wie Lehr- Lernprozesse von Studierenden kompetenzorientiert strukturiert und ausgestaltet werden können. Dies erfolgt theoriegeleitet auf der Basis eines Entwurfs zur Kompe- tenzorientierung im Sport (EKSpo). Dabei wird an vorliegende Modelle professioneller Handlungskompetenz angeknüpft. Die beiden Fallbeispiele wählen auf der Inhaltse- bene von EKSpo einzelne objektive und subjektive Gesundheitsthemen der Sportlehr- kräftebildung aus und verbinden diese mit den Bewegungsfeldern Bewegen im Wasser und Bewegung gestalten. Entlang der Aktivitätsdimension des Modellentwurfs werden jeweils Lernziele und –aufgaben formuliert. Schlussfolgernd ermöglicht EKSpo u.a. die Verortung von für die Sportlehrkräftebildung relevanten sportwissenschaftlichen und sportdidaktischen Wissensbereichen sowie deren weitere Spezifizierung bezüglich verschiedener Bewegungsfelder und Teildisziplinen unseres Faches. Competence-oriented sports teacher training using the example of health Abstract For the topic of physical education teacher education (PETE) in Germany, there is no commonly known theoretical model that is based on educational science and pro- vides a systematic basis for the methodological-didactic design and empirical analysis of the development of physical education (PE) teachers` professional competence. In this paper this aspect is addressed. Based on the example of two practical university courses on the topic of health in PE, it is shown how teaching-learning processes of PE students can be structured and designed in a competence-oriented way. This is done theory-based on a draft for competence orientation in sports (EKSpo), referring to existing models of teachers’ professional knowledge. The two case studies select objective and subjective health topics of PETE on the content level of EKSpo and connect them to swimming and gymnastics. Learning objectives and tasks are formulated based on the activity dimen- sion of the model. In conclusion, EKSpo e.g. enables to locate sports science and sports didactic knowledge areas relevant for PETE as well as their further specification with regard to different PE areas and sub-disciplines. 1 EINLEITUNG Mit der Bologna-Erklärung im Jahre 1999 (vgl. HRK, 2006) wurde eine deutliche Um- strukturierung der deutschen und europäischen Hochschullandschaft angestoßen. korrespondierende Autorin PD Dr. Ulrike Röger-Offergeld Universität Augsburg Institut für Sportwissenschaft und Sport zentrum Universitätsstr. 3 86135 Augsburg E-Mail: ulrike.roeger-offergeld@sport.uni- augsburg.de Autor*innen Dr. Silke Kirsch Universität Augsburg Institut für Sportwissenschaft und Sport zentrum Prof. Dr. Ralf Sygusch Universität Erlangen-Nürnberg Department für Sportwissenschaft und Sport Schlüsselwörter Kompetenz, Gesundheit, Sportlehrkräftebil- dung Keywords Physical Literacy, Health, Physical Education Teacher Education (PETE) Zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt: Röger-Offergeld, U., Kirsch, S. & Sygusch, R. (2021): Kompetenzorientierte Sportlehrkräf- tebildung am Beispiel Gesundheit. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft, 4, (1), 29-37. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2021, 4(1) 30 CC BY 3.0 DE Kompetenzorientierte Sportlehrkräftebildung am Beispiel Gesundheit · Röger-Offergeld, Kirsch, Sygusch Kernziel der Reform ist die Vereinheitlichung des europäischen Hochschulsystems, bei der es letztlich auch darum geht, Studi- engänge innerhalb der europäischen Hochschullandschaft durch Bachelor- und Masterabschlüsse anzugleichen. Wesentliche Basis dafür bildet die Formulierung von fach- bzw. disziplinspezifischen Bildungsstandards, d.h. Erwartungen, was Studierende in einem be- stimmten Fach zu einem bestimmten Zeitpunkt wissen und können. Diese werden auf der Basis wissenschaftlicher Kompetenzmodelle formuliert (vgl. Baumert & Kunter, 2011). Dabei besteht insgesamt weitgehende Übereinstimmung darüber, „dass Wissen und Können (...) zentrale Komponenten der professionellen Handlungskompe- tenz von Lehrkräften darstellen“ (Baumert & Kunter, 2006, S. 481). Neben diesen internationalen bildungspolitischen Ausgangs- punkten erscheint aus bildungswissenschaftlicher und hochschuldi- daktischer Sicht ein weiterer Aspekt dieses Umstrukturierungspro- zesses noch wesentlich relevanter: Mit Kompetenzorientierung ist auch ein Wandel der Lehr-Lernkultur an Hochschulen verbunden, welcher international als Shift from Teaching to Learning umschrie- ben wird (vgl. Wildt, 2004). Gemeint ist ein Paradigmenwechsel von einer Lehr- hin zu einer Lernkultur, bei dem der Anspruch besteht, dass die Gestaltung von Lehr-Lernsituationen verstärkt vom Lern- prozess der Lernenden ausgeht und deren Kompetenzentwicklung im Vordergrund steht (vgl. u.a. Terhart, 2001). Im vorliegenden Beitrag wird diese Diskussion aufgegriffen. Am Beispiel von zwei universitären sportpraktischen Lehrveran- staltungen zum Thema Gesundheit im Sportunterricht wird gezeigt, wie Lehr-Lernprozesse von Studierenden auf Basis eines konkreten Modellentwurfs zur Kompetenzentwicklung in der Sportlehrkräf- tebildung strukturiert und ausgestaltet werden können. Um diese Zielsetzung verfolgen und das eigene Vorgehen einordnen und kritisch bewerten zu können, wird im Folgenden zunächst ein kurzer Überblick über Ansätze der Professionalisie- rung und Kompetenzorientierung in der (Sport-)Lehrkräftebildung gegeben (Kap. 2). Daran anschließend wird ein Modellentwurf zur Kompetenzentwicklung in der Sportlehrkräftebildung knapp skizziert, der – wie gezeigt wird – auf bestehende Ansätze zur Pro- fessionalisierung aufbaut (Kap. 3). Daraufhin wird dargelegt, wie dieser Entwurf in Bezug auf die Strukturierung und Ausgestaltung von zwei universitären Lehrveranstaltungen zum Thema Gesund- heit im Sportunterricht zur Anwendung kommt (Kap. 4). 2 PROFESSIONALISIERUNGSANSÄTZE IN DER (SPORT-)LEHRKRÄFTEBILDUNG Im Kontext der Professionalisierung in der Lehrkräftebildung exis- tieren eine Reihe von Kompetenz- und Standardmodellen, die einen sehr unterschiedlichen Grad an wissenschaftlicher Fundierung aufweisen (Terhart, 2001; Reichhart, 2018). Bei der Gegenüberstel- lung und Diskussion verschiedener Modelle der Professionalisie- rung in der Lehrkräftebildung (u.a. Pädagogisch-Psychologisches Kompetenzmodell nach Oser, Mehrdimensionales Modell der Lehr- kräftebildungsstandards nach Terhart) kommt Reichart (2018) zum Schluss, dass das „Modell professioneller Handlungskompetenz“ nach Baumert und Kunter (2006) – das im Zuge des Forschungspro- gramms COACTIV1 zunächst exemplarisch für den Mathematikun- terricht entwickelt wurde – die meisten Vorzüge aufweisen kann. Begründet wird dies beispielsweise damit, dass dem Modell ein 1 COACTIV: Professionswissen von Lehrkräften, kognitiv aktivierender Mathematikunterricht und die Entwicklung mathematischer Kompetenz. expliziter und fundierter theoretischer Handlungsrahmen zugrun- de liegt, Lehrkräftekompetenzen in breiter Form berücksichtigt werden und dennoch konkrete Kompetenzfacetten beinhaltet sind. Hervorgehoben wird insbesondere, dass Anschlussmöglichkeiten für die Übertragung auf verschiedene Fachbereiche bestehen. Die Möglichkeit der Übertragbarkeit von COACTIV wurde im Rah- men des groß angelegten Forschungsprojekts FALKO (Krauss, Lindl, Schilcher, Fricke, Göhring, Hofmann, Kirchhoff & Mulder, 2017) überprüft, in dem das Modell im Hinblick auf seine Generalisierbar- keit für weitere Fachbereiche untersucht wurde. Die Forschergruppe kam zum Schluss, dass es insgesamt gelungen ist, interdisziplinäre Vergleichbarkeit bei gleichzeitiger domainspezifischer Operationa- lisierung herzustellen (ebda, S. 413). Speziell für das Fach Musik – einem ähnlich ästhetisch-expressiv ausgelegten Fach wie dem Sport – ergab sich beispielsweise, dass domainspezifisch relevante Teilaspekte professionellen Wissens von Musiklehrkräften abge- bildet und messbar gemacht werden konnten. Ein Anspruch auf Vollständigkeit wurde in FALKO nicht erhoben, da dies aufgrund der Breite der angelegten Studie kaum möglich war (Puffer & Hofmann, 2016). Auch die Konstruktion eines fachbezogenen Professions- wissenstests für Religionslehrkräfte wurde insgesamt als gelungen eingestuft (Krauss et al., S. 327). Im Modell professioneller Handlungskompetenz wird für die Phase des Studiums (I. Phase der Lehrkräftebildung) die Entwicklung von professionellen Wissens (Professionswissen) als zentraler Bestand- teil professioneller Kompetenz hervorgehoben. Professionswissen wird – angelehnt an Shulman (1986) – unterschieden in allgemeines pädagogisches Wissen, Fachwissen und fachdidaktisches Wissen. Daneben werden mit Werten und Überzeugungen, Motivation sowie Selbstregulation weitere Aspekte professioneller Kompetenz inte- griert (Baumert et al. 2011, S. 32). Domänenübergreifend zeigen empirische Belege, dass „ein stark ausgeprägtes Professionswissen (…) als erklärungsmächtigster Faktor identifiziert wurde“ (Heem- soth, 2016, S. 44). Dabei bilden nach Shulman (1986) Fachwissen (Hintergrundwissen zu schulcurricularen Fachinhalten) und fach- didaktisches Wissen (Wissensbestandteile, die für das Unterrichten schulcurricularer Fachinhalten benötigt werden) die zentralen Kategorien eines Faches (Krauss et al., 2017). In der COACTIV-Studie werden vier Wissensformen unterschie- den, die für die Kompetenzentwicklung angehender Lehrkräften eine unterschiedliche Relevanz einnehmen: Ausgangspunkt ist (1) das Alltagswissen von Erwachsenen, als grundlegender Minimal- standard wird (2) die Beherrschung des Schulstoffes auf einem zum Ende der Schulzeit erreichten Niveau angelegt, darauf baut (3) ein profundes Verständnis der zu unterrichtenden Sachver- halte sowie schließlich (4) akademisches Forschungswissen auf. Als Referenz für das Wissen von Fachlehrkräften wird Niveaustufe (3) betrachtet, ein solides Fachwissen, das sein Fundament in der akademischen Referenzdisziplin hat und Niveaustufen (1) und (2) einschließt (Baumert et al., 2006, S. 495). Die vorgeschlagene Einteilung in fachwissenschaftliche und fachdidaktische Wissensbereiche bietet auch für die Sportwis- senschaft einen hilfreichen Zugang. So wurden bereits im Bereich der Sportlehrkräftebildung das COACTIV-Modell (2011) sowie die Kategorien von Shulman (1986) zur Kompetenzmodellierung der Lehrkräftebildung verwendet (u.a. Ahns, 2019; Heemsoth, 2016; Kehne, Seifert & Schaper, 2013; Messmer & Brea, 2015). Jedoch konzentrieren sich einige dieser Arbeiten bislang auf das fachdi- daktische Wissen und Können von Sportlehrpersonen (Messmer et al. 2015), lassen einige Fragen bzgl. der theoretischen Ableitung Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2021, 4(1) 31 DOI: 10.25847/zsls.2020.026 Kompetenzorientierte Sportlehrkräftebildung am Beispiel Gesundheit · Röger-Offergeld, Kirsch, Sygusch sowie der Ausdifferenzierung der formulierten Kategorien zum Fachwissen bzw. fachdidaktischen Wissen offen (Kehne et al., 2013) oder nehmen fachübergreifende Kompetenzinhalte in den Fokus (Meier, 2015)2 . Mit dem Entwurf zur Kompetenzorientierung im Sport (EKSpo) (vgl. Sygusch, Hapke, Liebl & Töpfer, in Vorbereitung) wird versucht, diese Lücke zu schließen und einen umfassenden, bildungswissen- schaftlich anschlussfähigen Kompetenzentwurf für die Sportlehr- kräftebildung darzulegen, der bestehende Professionalisierungs- ansätze aufbaut. Dieser Entwurf, der im Rahmen der vorliegenden Arbeit als Basis für die kompetenzorientierte Strukturierung und methodisch-didaktische Ausgestaltung von zwei universitären Lehrveranstaltungen zum Thema Gesundheit im Sportunterricht verwendet wird, wird im Folgenden in seinen wesentlichen Grund- zügen skizziert. 3 ENTWURF ZUR KOMPETENZORIENTIE- RUNG IM SPORT (EKSPO) Der Kompetenzentwurf EKSpo greift den bildungs- und sportwis- senschaftlichen Kompetenzdiskurs auf und zielt – zunächst als Gesamtentwurf Sport – auf die Kompetenzentwicklung in verschie- denen sportbezogenen Bildungssettings. Der Entwurf wurde in zahlreichen kooperativen Planungsprozessen mit Expert*innen für Sportlehrkräftebildung, Sportunterricht und Trainerbildung weiter- entwickelt und angepasst.3 Für die Kompetenzmodellierung in der 2 Für eine ausführlichere Zusammenfassung der bislang existierenden Arbeiten auf diesem Gebiet vgl. Ahns (2019). 3 Veröffentlichungen liegen zur Sportlehrerbildung (Ahns, 2019; Brandl-Bredenbeck & Sygusch, 2017; Liebl & Sygusch, 2020), zum Sportunterricht (Sygusch, R., Hapke, J., Liebl, S. & Töpfer, C. (2021); Sygusch & Hapke, 2018; Liebl, Ptack & Sygusch, 2018) sowie zur Trainerbildung (Sygusch, Muche, Liebl, Fabinski & Schwind-Gick, 2020) vor. 4 Kompetenzmodelle werden unterschieden in Struktur- und Niveaustufenmodelle. Die meisten ‚Sport-Modelle‘ sind Strukturmodelle, die Kompetenzkategori- en (Wissensbereiche, Einstellungen etc.) unterscheiden. Niveaumodelle weisen Anforderungsniveaus aus. In diesem Sinne werden auch Prozesse der Informa- tionsaufnahme, -verarbeitung und -nutzung eingeordnet, die zunehmend komplex aufeinander aufbauen (u.a. Anderson & Krathwohl, 2001). Hybridmodelle verknüpfen Struktur- und Niveaumodelle zu dreidimensionalen Lernzieltaxonomien mit Anforderungs-, Inhalts- und Aktivitätsdimension (bspw. Gogoll, 2014). EKSpo ist als Hybridmodell konzipiert. Sportlehrkräftebildung greift EKSpo den bildungswissenschaftli- chen Anspruch einer domänenspezifischen Kompetenzmodellierung (u.a. Klieme & Hartig, 2007) auf, indem zunächst an den Kompetenz- diskurs der (Sport)Lehrkräftebildung angeknüpft wird (u.a. Baumert et al. 2011; Heemsoth, 2016; Krauss et al., 2017) und konkret – im Rahmen des BMBF-Projektes Health.edu – Expert*innen der 1. und 2. Phase der Sportlehrkräftebildung an dessen gesundheitsthema- tischer Weiterentwicklung beteiligt wurden. Der Gesamtentwurf EKSpo besteht aus einer Lernzieltaxonomie sowie darauf abgestimm- ter Prinzipien und Merkmale einer Aufgaben- und Prüfungskultur, wobei sich dieser Beitrag auf die Darstellung von Lerntaxonomie und Aufgabenkultur konzentriert. 3.1 EKSpo-Lernzieltaxonomie Die Lernzieltaxonomie4 orientiert sich am sportdidaktischen Gogoll-Modell (2013) sowie der Taxonomie von Bloom, Engelhart, Furst, Hill & Krathwohl (1956), die bis heute in Unterrichtsfor- schung und Hochschulbildung adaptiert wird (vgl. Anderson & Krathwohl, 2001). Angelehnt daran unterteilt sich die EKSpo- Lernzieltaxonomie in drei Dimensionen: Inhalte, Aktivitäten und Anforderungsniveaus (Abb. 1). Auf der Inhaltsdimension (z-Achse) bildet sich der Diskurs zu Kategorien zur Kompetenzmodellierung der Lehrkräftebildung ab (Kap. 2). Dabei erschließt sich das domänenspezifische Pro- fessionswissen im Sport über sportdidaktische und sportwissen- schaftliche Wissensbereiche (Abb. 1). Im Hinblick auf Gesundheit im Sportunterricht als Thema der Lehrkräftebildung geht es folglich Abb.1: EKSpo-Lernzieltaxonomie zur Kompetenzorientierung in der Sportlehrkräftebildung. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2021, 4(1) 32 CC BY 3.0 DE Kompetenzorientierte Sportlehrkräftebildung am Beispiel Gesundheit · Röger-Offergeld, Kirsch, Sygusch um den sportdidaktischen und sportwissenschaftlichen Kenntnis- stand zum Thema Gesundheit. Sportdidaktische Wissensbereiche: Hier geht es zunächst darum, welche Ziele, Inhalte und Methoden aus dem sportdidaktischen Kennt- nisstand zum Thema Gesundheit im Sportunterricht hervorgehen. Ausgangspunkt der EKSpo-Überlegungen ist dabei das Konzept des Erziehenden Sportunterrichts, in dem sich konkrete Unterrichts- themen aus der Verbindung von pädagogischen Perspektiven und Bewegungsfeldern ergeben. Gesundheit wird hier als pädagogische Perspektive ausgelegt (u.a. Balz, 2016). In einem Übersichtsbeitrag haben Ptack und Tittlbach (2021) den sportdidaktischen Kenntnisstand zur pädagogischen Perspektive Gesundheit analysiert. Deutlich wird, dass hier ein ganzheitliches und salutogenetisches Gesundheitsverständnis zugrunde gelegt wird. Zentrales Ziel von Sportunterricht unter der Perspektive Gesundheit ist eine gesundheitsbezogene Handlungsfähigkeit bzw. Gesundheits- kompetenz (in Abgrenzung zu reinen Gesundheitswirkungen). Gesundheitsbezogene Inhalte werden unterschieden in übergrei- fende (bspw. Wirkungszusammenhänge von Sport und Gesundheit), objektive (bspw. physische Gesundheitsressourcen wie Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit), subjektive (bspw. Wohlbefinden, psychosoziale Ressourcen wie Selbstkonzept, sozialer Rückhalt) und erweiternde Gesundheitsthemen (bspw. Ernährung) (ebd.). Zur methodischen Gestaltung von Sportunterricht unter der Per- spektive Gesundheit identifizieren die Autorinnen weniger gesund- heitsspezifische als vielmehr allgemeine methodische Prinzipien, die eine deutlich Nähe zur kompetenzorientierten Aufgabenkultur aufweisen, u.a. Offenheit, Schülerorientierung, Reflexion und kognitive Aktivierung. Für die Lehrkräftebildung begründet der sportdidaktische Kennt- nisstand zunächst eine Auswahl von Themenbereichen, für Gesundheit bspw. zu übergreifenden, objektiven, subjektiven und erweiternden Gesundheitsthemen. Der sportwissenschaftliche Kenntnisstand bildet dann die fachwissenschaftliche Hintergrundfolie zu den ausgewähl- ten Gesundheitsthemen. Sportwissenschaftliche Wissensbereiche: Hier geht es – angelehnt an Baumert und Kunter (2011) – um das sportwissenschaftliche Schulstoff-, Hintergrund- und Forschungswissen, insbesondere zu den übergreifenden, objektiven, subjektiven und erweiternden Ge- sundheitsthemen, die aus dem sportdidaktischen Kenntnisstand hervorgehen. Dazu bieten die interdisziplinär vernetzten sportwissen- schaftlichen Teildisziplinen einen jeweils spezifischen Zugang: Wissen zu objektiven Inhalten wird typischerweise in der Sportmedizin (Herz- Kreislauf-System, Bewegungsapparat) und Trainingswissenschaft (Training physischer Ressourcen) behandelt, subjektive Inhalte typi- scherweise in der Sportpsychologie (psychosoziale Ressourcen, Wohl- befinden). Übergreifende Themen (bspw. komplexe Gesundheitsmo- delle, Konzepte zur Gesundheitsförderung) sowie erweiternde Themen (bspw. Ernährung, Hygiene) sind Gegenstand eines interdisziplinären Zugangs. Dementsprechend ist Gesundheit als Querschnittsthema zu betrachten. Die in diesem Beitrag fokussierten Fallbeispiele (Kap. 4) wählen – im Sinne des Erziehenden Sportunterrichts – einzelne objektive bzw. subjektive Gesundheitsthemen aus und verbinden diese mit den Bewegungsfeldern Bewegen im Wasser – Schwimmen und Bewegung gestalten – Gymnastik und Tanz. Die Aktivitätsdimension (x-Achse) beschreibt sechs kognitive Ak- tivitäten des Wissenserwerbs, der Wissensnutzung und der Wissenser- schaffung, die ein Individuum begeht, um Kompetenzen zu entwickeln (Abb. 1 sowie abgeleitete Lernziele zu u.s. Fallbeispielen [Tab. 1 + 2]). (1) Wissen erwerben: aufnehmen umfasst die Wahrnehmung und Aufnahme sowie die Verfügbarkeit non neuem, bislang nicht reprä- sentiertem Fachwissen. (2) Wissen erwerben: vernetzen umfasst die Einordnung neuen Fach- wissens in vorhandene Wissensstrukturen sowie deren umfassende- res und tieferes Verständnis. (3) Wissen nutzen: planen bezieht sich auf den Transfer neu erwor- benen Fachwissens auf konkrete Handlungssituationen, die Auswahl relevanter Fakten und deren Bezug auf die spezifischen Vorausset- zungen. (4) Wissen nutzen: umsetzen zielt auf das Überführen und die situ- ative Anpassung der vorausgegangenen Planungen in konkretes Handeln in variablen Anforderungssituationen. (5) Wissen nutzen: auswerten fokussiert die Auseinandersetzung mit dem umgesetzten Handeln und bezieht sich auf die Sache (Planung und Umsetzung, Anpassungen, Wirkungen) sowie die eigene Person (u.a. Beitrag zum Ge- oder Misslingen). (6) Wissen schaffen: innovieren umfasst den Entwurf von ‚Neuem‘ auf Basis der vorangegangenen Aktivitäten und bezieht sich ebenfalls auf die Sache (Überführen in begründete Innovationen, bspw. Konzepte) und die Person (‚neue‘ Haltung zur eigenen Rolle als Lehrkraft). Durch die abgestimmten Aktivitäten (1) bis (6) ist das Zusammen- spiel von handlungsrelevantem Wissen und wissensbasiertem Handeln - und damit die Vermeidung von trägem Wissen und blindem Können - auf der Aktivitätsdimension systematisch angelegt. Die Dimension des Anforderungsniveaus (y-Achse) beschreibt Stufen, auf denen sich kompetenzorientierte Lernziele zu Wissens- erwerb (1-2), Wissensnutzung (3-5) und Wissenserschaffung (6) ab- bilden. Ein Niveauanstieg folgt der quantitativen Prämisse, dass mit einer zunehmenden Komplexität der Anforderungssituationen auch eine Zunahme der sportdidaktischen bzw. sportwissenschaftlichen Wissensbestandteile einhergeht. In diesem Sinne unterscheiden wir zunächst grob zwischen einer hohen (komplexe Zusammenhänge) und einer niedrigen Niveaustufe (einzelne Fakten) (Abb. 1). Dazwischen entfaltet sich eine ausdifferenzierte Skalierung der Niveaustufen. Ein zunehmendes Niveau der relevanten Wissensbestandteile bildet sich auch in den COACTIV-Wissensformen ab (Baumert & Kunter, 2006). Insofern ist das so genannte „Schulstoffniveau“ auf einer niedrigen Niveaustufe (Fakten) zu verorten. Das akademische Forschungswis- sen bildet das höchste Level des für die Lehrkräftebildung relevanten Wissens (Übergeordnete Konzepte). 3.2 EKSpo-Aufgabenkultur Strukturgebend für die EKSpo-Aufgabenkultur (ausführlich Sygusch et al., 2021) ist zunächst die Unterscheidung zwischen Aufgaben und aufgabenbezogenem Handeln der Lehrenden (u.a. Kleinknecht, 2010). Während Aufgaben als Lernangebote verstanden werden, um neues Wissen zu erkunden, einzuordnen und anzuwenden (u.a. Go- goll, 2014; Leuders, 2009; Messmer, 2013; Pfitzner & Aschebrock, 2013), bezieht sich aufgabenbezogenem Handeln auf die gesamte Lehr-Lern-Situation und beschreibt, wie Lehrende die Lernenden ak- tivieren, begleiten und unterstützen (Kleinknecht, 2010; Neumann, 2014). Übereinstimmend wird auf die (veränderte) Rolle der Lehren- den und den “Shift from teaching to learning“ (Schaper, 2012, S. 57) hingewiesen. Ein zentrales Merkmal kompetenzorientierter Aufgabenkultur ist kognitive Aktivierung (u.a. Kleinknecht, 2010; Pfitzner & Aschebrock, 2013). Kognitive aktivierende Aufgaben konfrontieren Lernende mit konkreten Anforderungen, zu denen fehlende lösungsrelevante Infor- mationen in eigenständiger Auseinandersetzung erarbeitet werden (u.a. Messmer, 2013). Ein zentrales Prinzip der EKSpo-Aufgabenkul- tur ist die systematische Ausrichtung der Aufgaben an den Aktivitäten (1 - 6) der Lernzieltaxonomie und den entsprechenden Lernzielen. Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2021, 4(1) 33 DOI: 10.25847/zsls.2020.026 Kompetenzorientierte Sportlehrkräftebildung am Beispiel Gesundheit · Röger-Offergeld, Kirsch, Sygusch 4 FALLBEISPIELE In den folgenden beiden Fallbeispielen zu universitären sportprakti- schen Lehrveranstaltungen zum Thema Gesundheit im Sportunterricht greifen wir die EKSpo-Lernzieltaxonomie und die EKSpo-Aufgaben- kultur auf und zeigen, wie diese in Bezug auf die Strukturierung und Ausgestaltung dieser beiden Lehrveranstaltungen zur Anwendung kommen. Beide Beispiele entstammen dem Projekt Health.edu, das vorab kurz beschrieben wird. Das Projekt Health.edu, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (zwei Förderphasen 2015-2021), konzentriert sich auf die Settings Sportunterricht und Sportlehrkräftebildung. Übergreifendes Ziel ist die nachhaltige Entwicklung von sportbezo- gener Gesundheitskompetenz bei Schüler*innen (vgl. Töpfer, 2019) sowie die Implementation und Evaluation von Maßnahmen zum Thema Gesundheit im Sportunterricht und in der I. und II. Phase der Sportlehrkräftebildung. Dazu wurden in der ersten Förderphase eine 15-monatige Intervention sowie deren Evaluation in den genannten Settings durchgeführt. In einem kooperativen Planungsprozess (vgl. Rütten, 1997), der dem Grundsatz der Beteiligung von Stakeholdern folgt, wurden Vertreter*innen der Sportwissenschaft, der Lehrkräfte- bildung (z.B. Fachkoordinator*innen, Dozent*innen, Studierende), der schulischen Praxis (z.B. Lehrer, Schüler*innen, Schulleitungen) und der Schulverwaltung (u.a. Kultusministerium) zusammenge- führt. Für die Sportlehrkräftebildung wurden – im Verbund mit den Stakeholdern – auf der Basis des EKSpo-Ansatzes und den gesund- heitsthematischen Inhalten der Sportlehrkräftebildung (Kap. 2), rele- vante sportwissenschaftliche und -didaktische Wissensbereichen he- rausgearbeitet, die angehende Sportlehrkräfte bei der kompetenten Bewältigung von späteren Anforderungssituationen in Bezug auf das Thema kompetenzorientierte Gesundheitsförderung im Sportunterricht unterstützen können. Um der in Kap. 3.1 dargestellten Komplexität Tab. 1: Übersicht zu den Lernzielen und –aufgaben des Unterrichtsbeispiels zur Förderung physischer Gesundheitsressourcen (Abkürzun- gen: gAF=gesundheitsorientierte Ausdauerförderung, SuS=Schüler*innen, UE=Unterrichtseinheit). Aktivitäten Lernziele Die Studierenden ... Lernaufgaben UE 1, Veranstaltung Schwimmen 1 (1) Wissen erwerben: aufnehmen ... verbalisieren ihre Erfahrungen mit gAF im Wasser ... beschreiben geeignete Übungsbeispiele für spie- lerische gAF im Wasser - Gruppengespräch: (1) berichten Sie von ihren bisherigen Erfahrungen mit gAF; (2) skizzieren Sie, wie ihrer Erfahrung nach Ausdauerförderung im Wasser umgesetzt werden sollte, um zur Gesundheit von SuS beizutragen - Praktische Umsetzung/Dozenteninput: Erkun- den Sie die vom Dozenten vorgegebenen Beispiele für ein gAF im Wasser in der Praxis (2) Wissen erwerben: vernetzen ... erläutern bereits vorhandenes und neu erworbe- nes Wissen zu geeigneten Spiel- und Übungsformen zur gAF mit SuS - Diskutieren Sie die Eignung der vorgestellten Beispiele und deuten und ordnen Sie diese unter den Aspekten „Motivierung“ und „Ausdauerförde- rung“ (Flip-Chart-Bild) - Diskutieren Sie die Eignung des methodischen Vorgehens für die Anwendung mit SuS UE 2, Veranstaltung Schwimmen 2 (3) Wissen nutzen: planen ... entscheiden sich für diverse Spiel- und Übungs- formen für gAF im Wasser und konzipieren daraus eine UE - Wählen Sie trainingswissenschaftlich geeignete und motivierende Spiele und Übungen sowie kon- krete Ziele für eine freudvolle gAF im Schwimmun- terricht für eine SuS-Gruppe aus und bringen sie diese in einen Stundenkontext (4) Wissen nutzen: umsetzen ... führen ihre geplante UE in der Praxis durch - Praktische Umsetzung: Erproben Sie diesen Stundenentwurf mit ihren Kommiliton*innen (5) Wissen nutzen: auswerten ... bewerten ihre UE - Gruppengespräch: Reflektieren Sie ihre UE hin- sichtlich (1) Motivierung der TN, (2) gAF, (3) Abwei- chung von Unterrichtsplanung und -umsetzung - Formulieren Sie Stärken Ihrer UE und Optimie- rungspotenzial (6) Wissen schaffen: innovieren ... transferieren motivationale und trainingswissen- schaftliche Aspekte auf Kraftübungen im Wasser und konzipieren eine neue UE zu diesem Thema - Entwickeln Sie aus ihren Reflexionen eine UE für die Zukunft für eine andere Thematik im Bereich der kompetenzorientierten Förderung physischer Ge- sundheit im Wasser (z.B. Kraft) Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2021, 4(1) 34 CC BY 3.0 DE Kompetenzorientierte Sportlehrkräftebildung am Beispiel Gesundheit · Röger-Offergeld, Kirsch, Sygusch Tab. 2: Übersicht zu den Lernzielen und -aufgaben des Unterrichtsbeispiels zur Förderung psycho-sozialer Gesundheitsressourcen (Ab- kürzungen: SuS=Schüler*innen). Aktivitäten Lernziele Die Studierenden ... Lernaufgaben UE 1, Veranstaltung Tanz 1 (1) Wissen erwerben: aufnehmen … beschreiben psychosoziale Aspekte der körper- lichen Erscheinung im Tanz, aus der Perspektive Gesundheit … benennen einige Formen und Genres der ex- pressiven Körperdarstellung aus der Perspektive Ausdruck … berichten von konkreten Handlungs- und Kör- pererfahrungen zu Aspekten körperlicher Attrakti- vität durch Perspektivenübernahme … erkennen individuelle expressive Ausdruckfor- men der Selbstpräsentation - Dozenteninput zum Körperkonzept - Gruppenge- spräch: Betrachten Sie vorliegende Fotos (Model Casting, roter Teppich) und (1) schildern Sie ihre diesbezüglichen Eindrücke zum Körperkonzept. (2) Schätzen sie ein, wie Selbstpräsentation im Tanz erarbeitet werden sollte, um SuS in ihrem Körper- konzept zu stärken. Praktische Umsetzung: (1) Erkunden Sie verschiedene Möglichkeiten der in- dividuellen Präsentation auf dem imaginären „roten Teppich / Laufsteg“. (2) Imitieren Sie inszenierte Gesten/ Posen/ Fortbe- wegungsarten des Partners / der Gruppe und (3) Finden Sie individuell stimmige Bewegungs-und Ausdrucksformen mit Partner/Gruppe. (4) Experimentieren Sie mit natürlichen und authen- tischen Ausdrucksformen zur Selbstpräsentation. (2) Wissen erwerben: vernetzen … erläutern vorhandenes und neu erworbenes Wissen über die attraktive Inszenierung des Körpers in Bezug auf eine selbstbewusste, realitätsnahe Selbstdarstellung und zur Relativierung eines oft- mals verzerrten Schönheitsideals Wägen Sie positive und negative Folgen auf das Körperkonzept ab und deuten Sie diese im Gespräch untereinander. UE 2, Veranstaltung Tanz 1 (aufbauend) (3) Wissen nutzen: planen … wählen bevorzugte körperdarstellende Bewegun- gen aus und selektieren hierzu Unterrichtsbeispiele Bereiten Sie für SuS, aus den vorliegenden Bewe- gungsmöglichkeiten geeignete Darstellungsformen und Aufgaben zur Selbstpräsentation im Tanz vor und übertragen diese in ihre Unterrichtsphase. (4) Wissen nutzen: umsetzen … setzen ihre Bewegungsaufgaben um Praktische Umsetzung: (1) Erproben Sie die Bewe- gungsaufgaben und -beispiele mit ihren Kommilito- nen und (2) präsentieren sie ihre Bewegungsverbin- dungen mit Partner/in vor der Gruppe zur Musik. (3) Geben Sie zu den Darbietungen persönliche Be- wertungen ab. (5) Wissen nutzen: auswerten … bewerten ihre Unterrichtsbeispiele Gruppengespräch: Analysieren Sie ihre Bewegungs- aufgaben hinsichtlich der Eignung (1) zur Stärkung des Körperkonzepts, einer Abweichung (2) von der Planung und Umsetzung Wissen schaffen: inno- vieren Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2021, 4(1) 35 DOI: 10.25847/zsls.2020.026 Kompetenzorientierte Sportlehrkräftebildung am Beispiel Gesundheit · Röger-Offergeld, Kirsch, Sygusch des Themas Gesundheit gerecht zu werden, wurde dieses dabei – auf der Grundlage eines salutogenetischen Gesundheitsverständnisses – als Querschnittsthema aufgefasst. Es wurden konkrete Themen für einzelne fachwissenschaftliche (Vorlesungen/Seminare) und fach- praktische Lehrveranstaltungen in verschiedenen Bewegungsfeldern (z.B. Gymnastik/Tanz, Leichtathletik, Schwimmen) generiert, zu denen mithilfe der EKSpo-Lernzieltaxonomie kompetenzorientierte Lernziele und -aufgaben abgeleitet wurden. Die betreffenden Veran- staltungen wurden erprobt und evaluiert und bereits teilweise curri- cular (bspw. im Modulhandbuch) verankert. Die folgenden Beispiele sind Ergebnisse dieses Prozesses. Um in Bezug auf das notwendige gesundheitsthematische Professi- onswissen künftiger Sportlehrkräfte ein möglichst breites Spektrum abdecken zu können, wurden für die folgende Darstellung zwei Fallbeispiele ausgewählt, die sowohl objektive als auch subjektive Bereiche sportwissenschaftlichen Wissens bezüglich des Themas Gesundheit im Sportunterricht ansprechen: (1) die Förderung physischer und (2) psychosozialer Gesundheitsressourcen. Diese beziehen sich auf zwei verschiedene Bewegungsfelder – Bewegen im Wasser sowie Bewegung gestalten. Dabei werden jeweils Themen so- wie kompetenzorientierte Lernziele und -aufgaben in Bezug auf die an der Lehrveranstaltung teilnehmenden Studierenden formuliert (vgl. Tab. 1 und 2). Weitere Unterrichtsentwürfe ebenso zum Thema Gesundheit im Sportunterricht werden an anderer Stelle vorgestellt (Röger-Offergeld, i-Dr.). Beispiel 1: Auf dem Gebiet der Stärkung physischer Gesundheits- ressourcen beziehen wir uns auf zwei aufeinander aufbauenden Lehr- veranstaltungen im Bewegungsfeld Bewegen im Wasser. Als Thema der Unterrichtssequenz wurde die kompetenzorientierte Gesund- heitsförderung von Schüler*innen über Ausdauertraining im Wasser gewählt. Das übergreifende Lernziel für die teilnehmenden Studie- renden lautet: Die Studierenden wenden erworbenes sportwissen- schaftliches und -didaktisches Wissen über trainingswissenschaftlich geeignete und motivierende Spielformen zur kompetenzorientier- ten gesundheitsorientierten Ausdauerförderung im Wasser an und konzipieren eine Unterrichtseinheit für eine selbst ausgewählte Schüler*innengruppe. Somit ist die Unterrichtssequenz in Anleh- nung an das COACTIV-Modells nach Baumert et al. (2006) (vgl. Kap. 1) einem (3) profunden Verständnis der in der Schule zu unterrichten- den Sachverhalte zuzuordnen. Wie in Tab. 1 ausgeführt, geht es in einer ersten UE (Veranstal- tung Schwimmen 1) auf der Aktivitätsdimension zunächst darum, neues Wissen zur kompetenzorientierten gesundheitsorientierten Ausdauerförderung im Wasser (hier zu trainingsmethodisch geeig- neten und motivierenden Spielformen) aufzunehmen (Aktivität 1). Dies erfolgt auf der Grundlage eines Dozenteninputs. D.h. der/die Dozent*in stellt verschiedene – aus trainingswissenschaftlicher und motivationaler Sicht geeignete und weniger geeignete – Beispiele zur gesundheitsorientierten Ausdauerförderung im Wasser vor (z.B. H2O-Marathon, Wasserbiathlon). Diese werden von den Studieren- den im Wasser praktisch umgesetzt. Im Anschluss werden die Bei- spiele auf ihre Eignung in Bezug auf die Aspekte Ausdauerförderung und Motivierung hin diskutiert und geordnet und – auch auf der Basis des bereits vorhandenen Wissens zu diesem Thema – reflektiert (Ak- tivität 2). Darüber hinaus wird die Eignung des von der Dozent*in gewählten methodischen Vorgehens für die Umsetzung der Unter- richtseinheit mit einer Schüler*innengruppe diskutiert und reflek- tiert. Dieses Wissen wird (in einer weiteren UE in der Veranstaltung Schwimmen 2) schließlich genutzt, um einen eigenen Unterrichts- entwurf zur kompetenzorientierten gesundheitsorientierten Aus- dauerförderung im Wasser bei Schüler*innen zu entwickeln und diesen – zunächst mit den eigenen Kommiliton*innen – umzusetzen und auszuwerten (Aktivitäten 3-5). Darauf aufbauend gilt es, das Vorgehen für einen anderen gesundheitsbezogenen Inhalt (z.B. Kraft) weiterzuentwickeln (Aktivität 6). Beispiel 2: Auf der Grundlage tänzerischer und darstellender Bewegungen werden im Rahmen einer Lehrveranstaltung im Bewe- gungsfeld Bewegung gestalten, Kompetenzen von Sportlehrkräften entwickelt. Hierbei beziehen wir uns auf eine Unterrichtssequenz zur Stärkung der psychosozialen Gesundheitsressourcen, insbeson- dere dem Körperkonzept, unter dem Fokus körperlicher Attraktivität (vgl. Shavelson, Huber & Stanton, 1976). Das Thema der Lehrveranstaltungen ist die kompetenzorientier- te Gesundheitsförderung von Schüler*innen zum Körperkonzept durch modellierte tänzerische Bewegungsformen. Folgendes über- greifendes Lernziel formuliert sich für die Studierenden daraus: Die Studierenden wenden sportwissenschaftliches und -didaktisches Wissen über tänzerisch-darstellerische Bewegungen zur kompeten- zorientierten gesundheitsfördernden Körperkonzeptbildung an und konzipieren daraus kreative Lernaufgaben zur gestalterischen Prä- sentation körperlicher Attraktivität für eine Schüler*innengruppe. In Anknüpfung an Baumert und Kunter (2006) verorten wir auch diese Lehreinheit im Sinne eines (3) profunden Verständnisses der zu unterrichtenden Sachverhalte. In einem ersten Schritt (Aktivität 1) reichern die Studierenden ihr bereits vorhandenes Wissen an (hier zur kompetenzorientier- ten Gesundheitsförderung des Körperkonzepts durch modellierte tänzerische Bewegungsformen). Vorab stellt der/die Dozent*in ein sportpsychologisches Modell zum Körperkonzept vor und schafft durch visuelle Vorlagen (Fotos) zum Thema körperliche Attraktivität konkrete Eindrücke, die folgend im Plenum beschrieben und disku- tiert werden. Anschließend setzen die Studierenden Imitations- und Experimentieraufgaben in die Praxis um. Im Anschluss deuten die Studierenden schließlich expressive Ausdrucksformen im Hinblick auf eine realitätsnahe Selbstdarstellung eigener körperlicher At- traktivität. Auf der Grundlage des sowohl sportwissenschaftlichen als auch -didaktischen Wissens bewerten und reflektieren sie die hierzu gewählten methodischen Aufgaben (Aktivität 2). In einer auf- bauenden Unterrichtseinheit, die ebenso in der Veranstaltung Tanz 1 stattfindet, werden in kleineren in sich geschlossenen Teilsituati- onen eigene kreative Unterrichtsbeispiele zur kompetenzorientier- ten Gesundheitsförderung von Schüler*innen zum Körperkonzept abgebildet und entwickelt. In den Aktivitäten 3 bis 5 folgt die Er- probung mit den Kommiliton*innen sowie eine Überprüfung der Er- gebnisse. Der Aktivität 6, Wissen schaffen: Innovieren, wird in dieser Lehrveranstaltung nicht abgebildet, da weiteres fachspezifisches Wissen und Handeln zur Konzipierung von Unterrichteinheiten in aufbauenden Lehrveranstaltungen der Gymnastik/Tanz Ausbildung generiert wird. 5 FAZIT Ziel des vorliegenden Beitrags war es, am Beispiel von zwei universi- tären sportpraktischen Lehrveranstaltungen zum Thema Gesundheit im Sportunterricht zu zeigen, wie Lehr-Lernprozesse von Studieren- den kompetenzorientiert strukturiert und ausgestaltet werden kön- nen. Dies erfolgte auf der Basis des Kompetenzentwurfs EKSpo (vgl. Liebl & Sygusch, 2020) der sich u.a. am COACTIV-Modell (Baumert et al., 2011) orientiert, das bereits in verschiedenen Fachdidaktiken zur Kompetenzmodellierung herangezogen wurde. Die EKSpo-Lernzieltaxonomie und -aufgabenkultur ermöglicht es, einzelne bzw. mehrere universitäre Lehrveranstaltungen der Sportlehrerkräftebildung systematisch und theoriegeleitet kom- Zeitschrift für Studium und Lehre in der Sportwissenschaft ∙ 2021, 4(1) 36 CC BY 3.0 DE Kompetenzorientierte Sportlehrkräftebildung am Beispiel Gesundheit · Röger-Offergeld, Kirsch, Sygusch petenzorientiert zu strukturieren und auszuarbeiten. Durch die Verortung relevanter sportdidaktischer Wissensbereiche sowie des zugehörigen sportwissenschaftlichen Kenntnisstands auf der In- haltsebene der Lernzieltaxonomie, können dort nicht nur einzelne Lehrveranstaltungen inhaltlich eingeordnet, sondern darüber hin- aus relevante Inhalte für verschiedene Lehrveranstaltungen der uni- versitären Sportlehrkräfteausbildung zu einem Thema systematisch generiert und untereinander abgestimmt werden. Im vorliegenden Beitrag wurde dies für das Thema Gesundheit im Sportunterricht am Beispiel von zwei Lehrveranstaltungen vorgestellt. Dehnt man diese Vorgehensweise auf verschiedene weitere fachwissenschaftliche und fachpraktische Lehrveranstaltungen aus, wie im Projekt Health. edu – aus dem die beiden dargestellten Fallbeispiele entstanden sind – ebenso erfolgt, kann systematisch darauf hingearbeitet bzw. gewährleistet werden, dass das gesamte Spektrum (gesundheits-) relevanter Inhalte für den Sportunterricht in der universitären Aus- bildung verankert wird und Überschneidungen vermieden werden. Unter gleichzeitiger Zuhilfenahme der Aktivitätsdimension und der Anforderungsniveaus der Lernzieltaxonomie, lassen sich kom- petenzorientierte Lernziele für verschiedene Themen der Sportlehr- kräftebildung formulieren und begründen sowie in eine konsekutive Kompetenzentwicklung im Rahmen des universitären Ausbildungs- konzepts überführen. Wie nicht zuletzt die praktische Erfahrung im Rahmen des Projekts Health.edu u.a. mit den im Beitrag darge- stellten Fallbeispielen gezeigt hat, bildet dies eine geeignete Basis für die methodisch-didaktische Gestaltung von Lehrveranstaltungen der Sportlehrkräftebildung und für eine systematische Abstimmung von kompetenzorientierten Lernzielen und kompetenzorientierter Aufgabenkultur im Rahmen des universitären Ausbildungskonzepts. Mit dem Thema Gesundheit im Sportunterricht ist letztlich auch besonders die Zielsetzung verbunden, zur Förderung einer möglichst lebenslangen, gesundheitsförderlichen körperlich- sportlichen Aktivität aller Schüler*innen beizutragen. In diesem Kontext wird seit geraumer Zeit dem Konzept der physical literacy ein großer Stellenwert beigemessen (vgl. Whitehead, 2019). Folgt man damit verbunden Überlegungen, so sind neben der Förderung von kognitiven Komponenten (wie z.B. Wissen zu relevanten Ge- sundheitsthemen) auch affektive (z.B. Motivation) und physische Komponenten (z.B. Motorische Kompetenzen) bzgl. der Förderung körperlich-sportlicher Aktivität von Bedeutung (Edwards, Bryant, Keegan, Morgan & Jones (2017). Wenn dabei auch von verschie- denen Autoren der kognitiven Komponente ein besonders hoher Stellenwert zugeschrieben wird (vgl. z.B. Cale & Harris, 2018), so sind die beiden anderen Aspekte selbstverständlich nicht zu ver- nachlässigen. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund wurde bei den dargestellten Fallbeispielen der Sportlehrkräftebildung auch ganz besonders darauf geachtet, dass der sportpraktische Anteil nicht zu kurz kommt und zusätzlich der Aspekt der Motivierung in den Vordergrund gestellt. Jedoch könnte man sich künftig überlegen, beispielsweise den Aspekt der Motivierung zum Sporttreiben noch expliziter auf der Inhaltsebene von EKSpo zu verorten beispiels- weise unter dem Aspekt erweiternde Gesundheitsthemen. Schlussfolgernd konnte gezeigt werden, dass Lehr-Lernprozesse von Studierenden mit Hilfe von EKSpo kompetenzorientiert struk- turiert und ausgestaltet werden können. Der dargelegte Kompeten- zentwurf für die Sportlehrkräftebildung ermöglicht die Verortung sowohl sportwissenschaftlicher als auch sportdidaktischer Wissens- bereiche sowie deren weitere Spezifizierung bezüglich verschiede- ner Bewegungsfelder und Teildisziplinen unseres Faches. Mögliche nächste Arbeitsschritte zur Weiterentwicklung des Modells wären, 1) die Anforderungsdimension des Entwurfs, die bislang grob zwi- schen einer hohen und einer niedrigen Niveaustufe unterscheidet, weiter zu spezifizieren, 2) kompetenzorientierte Prüfungsaufgaben entlang der sechs Aktivitäten des Modells zu entwickeln sowie 3) ein aus dem Modell abgeleitetes Instrument zur Messung gesundheits- bezogener Lehrerkompetenz zu entwickeln und einzusetzen. Darauf aufbauend können Standards entwickelt werden, die Lehrkräfte da- bei unterstützen, Anforderungssituationen im Sportunterricht kom- petent bewältigen zu können. Gleichzeitig wäre es denkbar, diesen Entwurf auf weitere Bereiche – v.a. auch auf weitere Gegenstands- und Bewegungsfelder der universitären Sportlehrkräftebildung – zu übertragen. 6 LITERATUR Ahns, M. (2019). Fachbezogene Inhaltsbestimmung und Kompetenzmo- dellierung. Ein partizipativer Ansatz zur Qualitätsentwicklung der Sportlehrerinnen- und Sportlehrerbildung. Hamburg: Kovac. Anderson, L.W. & Krathwohl, D.R. (2001). A Taxonomy for Learning, Teaching and Assessing: A revesion of loom`s Taxonomy of Educational Objectives: Complete Edition. New York: Longman. Balz, E. (2016). Gesundheitspädagogische Perspektivierung. In E. Balz, R. Erlemeyer., V. Kastrup & T. Mergelkuhl (Hrsg.), Gesund- heitsförderung im Schulsport. Grundlagen, er und Praxisbei- spiele (S. 105-114). Aachen: Meyer & Meyer. Baumert, J. & Kunter, M. 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