Gender und Sport

Wer darf in welcher Klasse antreten?

Männlich oder weiblich? Im Sport scheint diese Frage auf den ersten Blick einfach beantwortet. Schließlich sind die meisten Wettbewerbe seit jeher nach Geschlechtern getrennt. Doch die Realität ist komplexer – und die Diskussion darüber längst im internationalen Spitzensport angekommen. Wer darf in der Frauenklasse antreten? Und wie lassen sich faire Wettbewerbsbedingungen schaffen, ohne Menschen aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität oder körperlichen Voraussetzungen auszuschließen? Auf diese Fragen gibt es keine einfachen Antworten.

Im Juni 2026 veröffentlichte das Rektorat der Deutschen Sporthochschule Köln eine Stellungnahme zur Inklusion geschlechtlicher Vielfalt. Anlass war die neue „Policy on the Protection of the Female (Women’s) Category“ des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Die neuen Regelungen sehen vor, dass Athletinnen künftig nur dann in der Frauenklasse antreten dürfen, wenn ein Geschlechtertest, so genannter SRY-Gentest (siehe Infobox), bestätigt, dass sie nach den vom IOC festgelegten Kriterien als „biologische Frauen“ gelten.

Genau darin sieht das Rektorat der Spoho ein grundlegendes Problem. In seinem Statement spricht es sich ausdrücklich für die Förderung der „Inklusion von geschlechtlicher Vielfalt“ aus und verweist auf die „Komplexität von Geschlechtlichkeit“. Diese lasse sich nicht ohne Weiteres auf ein einzelnes biologisches Kriterium reduzieren. Das IOC begründet die Einführung der Tests mit dem Ziel, Chancengleichheit in der Frauenklasse zu sichern. Aus Sicht des Rektorats besteht jedoch die Gefahr, dass andere Athletinnen dadurch ausgeschlossen werden – darunter trans* und inter* Frauen. Die Regelungen könnten zudem eine Signalwirkung entfalten, die weit über die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles hinausreicht: bis in den wettkampforientierten Breiten-, Kinder- und Jugendsport. Die Herausforderung lautet: Wie lassen sich Chancengleichheit und Inklusion vereinbaren?

Was weiß die Wissenschaft?

Entscheidend ist nicht nur, dass wissenschaftliche Erkenntnisse herangezogen werden, sondern auch, welche Erkenntnisse das sind und wie belastbar sie sind. Das IOC beruft sich in seiner Policy darauf, dass „wissenschaftliche Evidenz (…) die Einführung des SRY-Gentests für Frauen nahelegen“ würde. Wissenschaftliche Studien oder Expert*innen, die diese Evidenz fachlich begründen, werden in der Policy nicht angeführt. „Dies widerspricht den wissenschaftlichen Standards im Hinblick auf Transparenz und Nachvollziehbarkeit“, resümieren die Verfasser*innen der Stellungnahme. Nach aktuellem Forschungsstand sei die Wissenschaft zu diesem Themenfeld „erstens noch relativ gering entwickelt und zweitens eher als ambivalent zu bewerten“ – sowohl bei der Frage nach möglichen Leistungsvorteilen von inter* und trans* Personen als auch bei der Validität und Zuverlässigkeit des SRY-Gentests. Andrew Sinclair, einer der Entdecker des SRY-Gens, warnt z.B. selbst davor, die biologischen Zusammenhänge zu stark zu vereinfachen. Denn das Gen kann in unterschiedlichen Varianten vorkommen. Allein sein Nachweis erlaubt deshalb keine einfache Aussage darüber, wie sich körperliche Merkmale, die Testosteronproduktion oder die sportliche Leistungsfähigkeit eines Menschen entwickeln. Die Wissenschaft kann wichtige Erkenntnisse liefern. Sie kann komplexe gesellschaftliche und sportpolitische Fragen aber nicht immer mit einem eindeutigen Ja oder Nein beantworten. Haben trans* Frauen im Leistungssport körperliche Vorteile gegenüber cis Frauen? Genau diese Frage steht im Zentrum vieler Debatten – und ist wissenschaftlich bislang nicht eindeutig beantwortet. Die vorhandenen Studien untersuchen unterschiedliche Personengruppen, Leistungsparameter und Zeiträume. Besonders Daten zu trans* Personen im Hochleistungssport sind weiterhin rar.

Keine einfachen Antworten

Eine im „British Journal of Sports Medicine“ veröffentlichte Studie kam bei einzelnen untersuchten Parametern zu vergleichbaren Ergebnissen bei trans* Frauen und cis Frauen. So wurde beispielsweise die maximale Sauerstoffaufnahme (VO₂max) als Maß für die Herz-Kreislauf-Leistungsfähigkeit untersucht. Signifikante Unterschiede wurden dabei nicht festgestellt. Bei anderen körperlichen Merkmalen ergaben sich hingegen Unterschiede. Trans* Frauen verfügten auch nach einer geschlechtsangleichenden Hormontherapie im Durchschnitt über mehr Muskelmasse als cis Frauen. Die Autor*innen der Studie weisen jedoch darauf hin, dass sich aus Muskelmasse allein nicht unmittelbar auf mehr Kraft oder eine höhere sportliche Leistungsfähigkeit schließen lässt. Hinzu kommen Grenzen der bisherigen Forschung: Viele Untersuchungen liefen über weniger als drei Jahre. Außerdem fehlen bislang umfangreiche Daten zu trans* Athlet*innen im Hochleistungssport. Genau deshalb braucht es weitere Forschung. Nur auf der Grundlage belastbarer wissenschaftlicher Erkenntnisse lassen sich Regelungen entwickeln, die sportliche Fairness berücksichtigen und gleichzeitig möglichst inklusiv sind. Auch die Spoho leistet dazu mit dem Projekt „Gender Diversity im organisierten Sport in Deutschland “ einen Beitrag.

Binäres System versus Lebensrealität

Der organisierte Sport ist traditionell binär strukturiert: männlich oder weiblich. Für viele Menschen funktioniert dieses System. Für andere bildet es ihre Lebensrealität jedoch nicht ab. Geschlechtliche Vielfalt stellt den Sport deshalb vor neue Fragen. Und diese Fragen sind nicht alle gleich. Trans* Personen, inter* Personen und nicht-binäre Menschen stehen jeweils vor unterschiedlichen medizinischen, rechtlichen und sportpolitischen Herausforderungen. Prominente Beispiele hierfür sind die südafrikanische inter* Athletin Caster Semenya, die als Mädchen aufgewachsen ist und sozialisiert wurde und sich auch als Frau identifiziert, oder Quinn, eine non-binäre Person, die zum kanadischen Fußballnationalteam gehört. Ihre Geschichten und sportpolitischen Situationen sind unterschiedlich. Gemeinsam machen sie jedoch sichtbar, dass die traditionellen Kategorien des Sports zunehmend auf eine Realität treffen, die komplexer ist als ein einfaches Entweder-Oder. Wie lässt sich Chancengleichheit im Sport herstellen, ohne Menschen auszuschließen? Diese Frage gehört zu den schwierigsten Herausforderungen des modernen Leistungssports. Die Wissenschaft kann helfen, körperliche Voraussetzungen besser zu verstehen und mögliche Unterschiede zu untersuchen. Doch die Forschungslage ist in vielen Bereichen noch begrenzt – insbesondere dort, wo es um trans* und inter* Personen im Hochleistungssport geht. Umso wichtiger sind transparente Regeln, belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse und eine Debatte, die unterschiedliche Interessen wie auch die Wahrnehmung von komplexen wissenschaftlichen Ergebnissen ernst nimmt. Zwischen dem Anspruch nach Fairness und Inklusion gibt es also scheinbar einen Widerspruch. Die Herausforderung besteht darin, Wege zu finden, die beides möglichst miteinander verbinden. Denn am Ende geht es um eine grundlegende Frage: Wie kann Sport so gestaltet werden, dass möglichst viele Menschen die Chance haben, gleichberechtigt daran teilzuhaben?

Begrifflichkeiten


Das biologische Geschlecht (engl. „sex“) beschreibt körperliche Geschlechtsmerkmale: Chromosomen, Keimdrüsen, Genitalien, Hormone. Bei der Geburt erfolgt die Zuweisung in eine Geschlechtskategorie meist durch Dritte (Mediziner*innen / Hebammen) und ist fremdbestimmt. Die moderne Biologie hat mittlerweile anerkannt, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. 
Der Begriff „gender“ (dt. „Geschlecht“) kommt aus dem Englischen und meint das soziale Geschlecht (gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse und -vorstellungen).


SRY ist die Abkürzung für Sex-determining region Y. Der SRY-Test stellt fest, ob bei einer Person ein SRY-Gen auf dem kurzen Arm des Y-Chromosoms vorhanden ist. Wenn dem so ist, dann können körperliche Vorteile gegenüber anderen Frauen bestehen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass eine männliche Geschlechtsentwicklung vorliegt und der Körper u.U. auch mehr Testosteron produziert.


Die Begriffe „cisgeschlechtlich“, „cisgender“ oder „cis“ (lat. „cis“: diesseits) beschreiben Menschen, die sich dem Geschlecht zugehörig fühlen, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Sie erleben häufig eine Übereinstimmung zwischen ihrem Körper und ihrer Geschlechtsidentität.


Trans* (lat. „trans“: jenseits) Menschen identifizieren sich nicht oder nicht nur mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Manche trans* Menschen haben seit ihrer Kindheit das Gefühl, in einem Körper zu stecken, der nicht ihrer Identität entspricht, anderen wird irgendwann bewusst, dass sie sich zum Beispiel weder als Mann noch als Frau fühlen. Manche nutzen geschlechtsangleichende Maßnahmen wie Hormone und/oder Operationen.


Intergeschlechtliche (lat. „inter“: zwischen) Menschen haben angeborene körperliche Merkmale, die sich nach medizinischen Normen nicht eindeutig als (nur) männlich oder (nur) weiblich einordnen lassen. Das betrifft z.B. Geschlechtsorgane, Chromosomensatz oder Hormonproduktion. Intergeschlechtlichkeit kann bei der Geburt oder später sichtbar werden und zeigt sich auf ganz unterschiedliche Weise.


Nicht-binäre Personen identifizieren sich weder ausschließlich als männlich noch als weiblich, sondern außerhalb oder zwischen den binären Polen des geschlechtlichen Spektrums.


Im Rahmen von Hormontherapien erhalten Trans* oder nicht-binäre Personen unter ärztlicher Begleitung Hormongaben, die ihre Körperlichkeit in die von ihnen gewünschte Richtung verändern können.


(Quelle: Glossar zur sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt des BMBFSFJ)