Schwarzes Wasser, soweit das Auge reicht. Paul Weihermannsteht an der Reling, die Nacht ist stockdunkel, das Schiff schnell – zu schnell, um hier über Bord zu gehen und je wieder gefunden zu werden. Er sucht nach Lichtpunkten im Dunkel. Winkende Arme. Ein Schlauchboot. „Ich sehe da was!“, ruft er und rennt zur Brücke. Doch wieder ist es nur eine Boje.
Drei Tage und drei Nächte verbringt der damalige Spoho-Student 2015 mit seinem Kameramann Julian auf einem Rettungsschiff zwischen der Türkei und Griechenland – dort, wo die Strecke am kürzesten ist und die meisten Schlauchboote ablegen. In Deutschland spricht man zu dieser Zeit von der „Flüchtlingskrise“. Ein Wort, das Paul bis heute stört: „Krise bedeutet immer, dass wir ein Problem hätten. Die Menschen da hatten ein Problem, nicht wir.“
Was er in diesen Nächten sieht, wird ihn nicht mehr loslassen. Überreste von Booten, an die sich Menschen klammern. Ein kleines, orangefarbenes Objekt, das aussieht wie ein U-Boot – aus der Luke schreien Stimmen um Hilfe. „Da passen keine acht Leute rein“, denkt Paul. Am Ende ziehen er und die Rettungscrew 28 Menschen heraus. Darunter ein Rollstuhlfahrer.
Noch heute, elf Jahre später, bekommt Paul beim Gedanken an diese Bilder Gänsehaut und erzählt zugleich: „Für diesen Film bin ich damals, aufgrund der vielen Fehlstunden, durch den Schwimmkurs gefallen“.
Denn zu diesem Zeitpunkt ist Paul frisch an der Deutschen Sporthochschule Köln eingeschrieben, im Studiengang SEB (Sport, Erlebnis und Bewegung) – heute SBV. Nach einem abgebrochenen BWL-Studium in Köln macht er jetzt das, was er wirklich liebt: Sport. Dass es ihn eigentlich in den Filmjournalismus zieht, weiß er da schon. Trotzdem will er einen Abschluss, mit dem er auf eigenen Beinen steht und eine Absicherung hat. Rückblickend war das Studium die richtige Entscheidung: „Auch für meinen jetzigen Beruf konnte ich an der Spoho viel mitnehmen“, sagt Paul heute.
Wie sehr ihm die Spoho-Zeit bis heute im Gedächtnis geblieben ist, zeigt sich, wenn er von den Turnkursen erzählt. Gemeinsam mit seinem besten Freund lernt er dort innerhalb weniger Wochen Dinge, von denen er als Kind nur geträumt hat – etwa die Radwende oder den Rückwärtssalto. Verantwortlich dafür: Dozent Jonas Rohleder, den Paul bis heute als „absolute Legende“ bezeichnet. Einmal geben er und sein bester Freund beim Sprungtraining derart Vollgas, dass Rohleder in der folgenden Stunde vorsichtshalber ankündigt: „Wir wollen ja keine Toten.“ Es ist diese Mischung aus Nähe und Respekt, die Paul an der Spoho bis heute in Erinnerung geblieben ist: Dozentinnen und Dozenten, die einen wirklich kannten – „auf Augenhöhe, aber trotzdem hat man zu ihnen aufgeschaut.“
Dass Paul überhaupt so genau weiß, wohin er will, hat mit seinem Vater zu tun. Ralph Weihermann ist seit den frühen Neunzigern Journalist, 1994 gründet er seine eigene Firma: Kigali Films, benannt nach der Hauptstadt Ruandas – dort, wo im selben Jahr der Völkermord stattfindet und wo Ralph Weihermann sein erstes Auslandsprojekt gegen den Rat des WDR auf eigenes Risiko realisiert. Für Paul ist die Arbeit seines Vaters von klein auf faszinierend. 2009 begleitet er ihn zum ersten Mal, vor der Fußball-WM in Südafrika, trägt ein bisschen Equipment, schaut zu. Es ist der Beginn einer Faszination, die bis heute anhält: Menschen zu treffen, die er sonst nie treffen würde, und ihre Geschichten zu erzählen. 2014, noch während des Studiums, dreht er seinen ersten eigenen Film für die Welthungerhilfe, in Äthiopien und Uganda. Von da an lässt ihn das Filmemachen nicht mehr los.
Bis heute ist Paul Produzent und Autor – auch wenn „Produzent“ nach Hollywood klingt, sind seine Teams meist klein: neben ihm nur zwei weitere Personen, verantwortlich für Kamera und Ton. Bevor er drehen darf, muss Paul seine Geschichten erst verkaufen. Zu seinen Abnehmern zählen neben den Öffentlich-Rechtlichen auch Hilfsorganisationen wie die Welthungerhilfe, UNICEF, die Caritas oder Bildungsformate wie Planet-Schule. Die Themen dafür muss er selbst finden und den Sendern vorschlagen – die „werden in der Regel erstmal abgelehnt“. Bis die Reise für einen Film feststeht, ist es oft ein langer, zäher Prozess. Doch wenn es klappt, entstehen Geschichten, die bleiben.
2024 reist Paul mit seinem Vater nach Ruanda, zum 30-jährigen Bestehen von Kigali Films und dorthin, wo für seinen Vater 1994 alles begann. Über lokale NGOs stoßen sie auf ein sogenanntes Peace Village, eines jener Dörfer, in denen Nachkommen von Tätern und Opfern des Völkermords heute Seite an Seite leben. Dort treffen sie Vedaste und Solange, ein junges Paar mit drei Kindern, das zwei Stunden außerhalb von Kigali lebt. Vedaste ist Hutu, sein Vater gehörte zu den Tätern. Solange ist Tutsi, ihre Tante wurde von genau diesem Mann ermordet. Nun sitzen die beiden gemeinsam mit Vedastes Vater und Solanges Mutter zusammen und reden.
Im Interview spricht Vedastes Vater über seine Tat fast beiläufig – „da gab es halt damals Befehle, die haben wir ausgeführt“ – und spielt sie damit herunter, findet Paul. Bei Solanges Mutter dagegen ist der Schmerz noch da, auch nach drei Jahrzehnten. „Auch nach 30 Jahren hast du bei ihr immer noch diesen Schmerz wahrgenommen“, sagt Paul.
Wie präsent das Grauen von damals bis heute ist, zeigt sich auch an einer anderen Stelle der Reise: In einer Kirche in der Region, in deren Decke noch die Einschusslöcher zu sehen sind, hatten einst über 5.000 Menschen Schutz gesucht. Ermordet wurden sie alle. „Das kann man sich nicht vorstellen, ehrlich gesagt“, sagt Paul dazu – einer, der in seinem Beruf schon einiges gesehen hat.
Es sind Begegnungen wie diese, die sich durch Pauls Arbeit ziehen. In Nigeria dreht sein Team nur unter bewaffnetem Schutz, weil die Sicherheitslage es verlangt. In Brasilien steht er inmitten der Schlammmassen eines Dammbruchs, bei dem knapp 300 Menschen sterben – und bis heute niemand rechtlich dafür geradestehen muss.
Und trotzdem lebt Paul Weihermann seinen absoluten Traumberuf. Auch wenn er viel Leid sehen muss, auch wenn ihn in diesen Nächten auf dem Schiff im Mittelmeer riesige Angst packt, weiß er: Genau das sind die Momente, in denen er etwas verändern kann. „Das ist vielleicht ein ganz minimaler Beitrag – aber ich möchte zeigen, was auf dieser Welt passiert. Damit sich gewisse Bewusstseinsstrukturen ändern. Damit Leute sehen, wie es auch sein kann, und einfach respektvoller und solidarischer mit ihren Mitmenschen umgehen“.
All das erzählt Paul bei einem Kaffee in Köln. An diesem lauwarmen Sommertag wirken seine Geschichten fast unwirklich - wie die andere Seite der Welt. Und doch ist es dieselbe, auf der irgendwo gerade wieder jemand an der Reling steht und nach Lichtpunkten im Dunkel sucht.